Til The Day After

von MonaGirl
GeschichteHumor, Romanze / P12
07.03.2019
01.04.2019
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Die Strahlen der Morgensonne, die durch das Fenster schienen, ließen Izzie aus einem traumlosen Schlaf erwachen. Sie brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass sie sich nicht in ihrem Bett befand. Erschrocken setzte sie sich auf und warf einen Blick neben sich. Der Platz neben ihr war leer. Ihr Herz begann schneller zu klopfen, als sie sich an die Ereignisse erinnerte, die dazu geführt hatten, dass sie die Nacht in diesem Bett und nicht in ihrem eigenen verbracht hatte.

War es richtig gewesen, die Nacht über bei ihm zu bleiben? Sie fuhr vorsichtig mit einem Finger über ihre Lippen. Ein schon lang vergessenes warmes Gefühl durchflutete sie. Unbewusst begann sie, schneller zu atmen, als sie an den Kuss dachte, den sie mit Alex ausgetauscht hatte. Die Gründe dafür waren nebensächlich. In dem Moment, wo sich ihre Lippen berührt hatten, war ein wahres Feuerwerk der Gefühle in ihr entfacht worden. Doch der Eindruck war schnell verflogen, als er sich schluchzend von ihr abgewandt und dann in ihren Armen Trost gesucht hatte. Sie fragte sich, was passiert wäre, wenn er den Kuss nicht unterbrochen hätte. Wie weit wäre sie bereit gewesen, zu gehen?

Vorsichtig streckte sie die Hand aus und legte sie auf den freien Platz neben sich. Das Laken war kalt. Also musste es schon Stunden her sein, dass Alex das Zimmer und möglicherweise das Haus verlassen hatte. Wie sollte es jetzt weitergehen? Wie würde es sein, wenn sie sich das nächste Mal sehen würden? Fast war sie froh darüber, dass er gegangen war. Und doch wusste sie, dass sie ihm nicht auf Dauer ausweichen konnte. Sie mussten darüber reden, was passiert war. Aber was genau war denn passiert? Eigentlich nichts Schlimmes. Sie hatten sich geküsst und waren dann, angezogen, nebeneinander eingeschlafen. Aber es war nicht das, was passiert war, wieso sie jetzt so eine Unruhe in sich spürte, sondern das, was es bei ihr ausgelöst hatte.

Sie hatte es schon eine Weile vorher gespürt, kurz nachdem Ava oder Rebecca, wie Alex sie nannte, wieder in sein Leben getreten war. Doch sie hatte sich damals versucht einzureden, dass es nichts bedeutete; dass sie nur besorgt war um einen Freund. Und doch hatte es ihr damals einen Stich versetzt zu sehen, wie liebevoll und fürsorglich er sich um Ava gekümmert hatte.

Leise stöhnend warf sie die Beine über die Bettkante und stand auf. Gerade hatte sie es geschafft, ihr Leben wieder einigermaßen in den Griff zu bekommen, und nun das! Sie war ein hoffnungsloser Fall, was Beziehungen anging. Sie würde den Fehler, den sie schon einmal begangen hatte, nicht noch einmal wiederholen. Die Erfahrung mit George war ihr eine Lehre gewesen: Verliebe dich nie in einen Mann, der anderweitig gebunden ist! Alex war zwar nicht George, und er war auch nicht verheiratet, doch er war emotional nicht frei. Sie hatte sowieso schon die Grenze überschritten mit diesem Kuss und dieser einen Nacht in seinem Bett…  

Sie hatte nicht lange überlegt, ob es richtig war was sie tat, als Alex sie angefleht hatte, die Nacht bei ihm zu bleiben. Es war so selbstverständlich gewesen, die Hände um seinen Nacken zu legen, so natürlich, die Lippen auf seine zu pressen. Es hatte sich in dem Moment gut und richtig angefühlt. Und als sie ihn fest im Arm gehalten hatte, während er sich die Seele aus dem Leib geweint hatte, da hätte sie sich keinen Ort vorstellen können, wo sie lieber gewesen wäre. Doch nun war die Nacht vorbei und das Bett neben ihr leer. Wie sollte es jetzt weitergehen? Sollte sie so tun, als ob nichts passiert wäre? Vermutlich wäre das die beste Lösung. Es war ja auch nichts passiert - zumindest nichts, wofür sie sich schämen musste. Sie hatte nur einem guten Freund helfen wollen, die Nacht erträglicher zu machen.

Sie schloss die Augen und ging in ihrer Erinnerung noch einmal zu der letzten Nacht zurück. Ein warmes, wohliges Gefühl durchströmte sie, als sie an den Kuss dachte und wie Alex seine Hand um ihren Nacken gelegt hatte. Ruckartig öffnete sie die Augen. Wem wollte sie eigentlich etwas vormachen? Es war nicht nichts passiert. Sie konnte es zwar nicht wirklich in Worte fassen, aber sie konnte es auch nicht einfach ignorieren. Wenn sie bis dahin auch geglaubt hatte, dass sie diese eine Nacht aus ihrem Gedächtnis hätte streichen können, nun wurde ihr bewusst, dass diese eine Nacht alles verändert hatte.

Sie schaute auf die Uhr. Es wurde Zeit, den Tag zu beginnen. Eine lauwarme Dusche und ein gutes Frühstück würden sicher hilfreich sein, die Lebensgeister neu zu wecken. Ein kaum wahrnehmbares Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie das Zimmer verließ und sich auf den Weg ins Badezimmer machte.

~~~~~~~~~~


Sich immer wieder umsehend, ob ihm auch niemand folgte, huschte Alex über den Flur. Der Grund, wieso er sich so unauffällig wie möglich verhalten wollte war, dass er eigentlich heute einen freien Tag hatte. Würde ihn z.B. Dr. Bailey erwischen, müsste er eine ganze Reihe unangenehmer Fragen beantworten, auf die er gerne verzichten konnte und wollte. Doch um nichts in der Welt hätte er nach dieser Nacht zuhause bleiben können! Noch einmal tief durchatmend, öffnete er die Tür zur Cafeteria und ging auf den frisch aufgebrühten Kaffee zu. Ein Segen, dass Tag und Nacht immer Kaffee für alle Angestellten bereit stand. Er war sonst kein großer Kaffeetrinker, aber heute brauchte er das Koffein, um wieder zu sich zu finden. Dabei  bezweifelte er, dass es nur an dem mangelnden Koffein lag, dass er sich so merkwürdig fühlte. Der andere, weit wichtigere Grund, wieso er etwas neben der Spur war, lag vermutlich noch schlafend in seinem Bett - Izzie! Schnell griff er nach der Kaffeekanne und ließ die warme Flüssigkeit in die Tasse laufen. Er wollte jetzt nicht an sie denken - nicht auf nüchternen Magen. Erst jetzt bemerkte er, dass er auch hungrig war. Er griff sich ein Hörnchen, das in einem Brotkorb lag und suchte sich schnell einen Platz in der noch fast leeren Cafeteria. Während er einen Schluck aus seiner Tasse nahm, versuchte er seine Gedanken zu sortieren.

Was war nur in ihn gefahren letzte Nacht? Wie hatte er sich nur so gehen lassen können, sie anzuflehen, die Nacht bei ihm zu bleiben? Wie konnte er Izzie jemals wieder unter die Augen treten? Seufzend schob er die Kaffeetasse von sich und fuhr sich mit beiden Fingern durchs Haar. Er musste sich entschuldigen. Er musste ihr erklären, wie es überhaupt zu diesem Kuss hatte kommen können. Das Problem war nur, dass er es selber nicht wusste. Als sie sich neben ihn gesetzt und mit diesem Blick angesehen hatte, da waren plötzlich alle aufgestauten Gefühle wieder zum Vorschein getreten. Er hatte gedacht, er wäre über sie hinweg. Er hatte wirklich geglaubt, dass er sie nur noch als gute Freundin sehen würde. Er hatte sich die ganze Zeit etwas vorgemacht. Das war ihm klargeworden, als sie nach einem kurzen Zögern, ein weiteres Mal seinen Mund mit ihren weichen, sinnlichen Lippen verschlossen hatte. Und diesmal war nichts mehr von der Zögerlichkeit des ersten Kusses spürbar gewesen. Im Gegenteil - sie hatte ihn mit einer Leidenschaft geküsst, dass er für einen kurzen Moment, für eine Sekunde, geglaubt hatte, dass sie genauso empfand wie er. Doch vermutlich war das mehr ein Wunschdenken seinerseits. Die Verzweiflung und Erschöpfung über das, was passiert war, hatten ihn schließlich übermannt.

Sie war bei ihm geblieben - die ganze Nacht über. Nachdem sie schließlich eingeschlafen war, einen Arm beinahe beschützend um seine Taille geschlungen, hatte er sie betrachtet. Es war nicht das erste Mal, dass er sie im Schlaf beobachtet hatte. Schon damals, als sie noch mehr oder weniger offiziell ein Paar gewesen waren und er die Gelegenheit gehabt hatte, in diesem Haus Gast zu sein, hatte er es geliebt, sie heimlich zu beobachten. Und die vergangene Nacht wieder. Er hatte jede Sekunde davon ausgekostet, den Duft ihres Vanille-Shampoos eingesogen und sich vorgestellt, wie es wäre, wenn sie ein richtiges Paar wären. Doch mit dem Morgengrauen waren dann auch alle Zweifel zurückgekommen. und eine Art Ernüchterung hatte eingesetzt. Izzie hatte ihn nicht geküsst, weil sie ihn leidenschaftlich liebte; sie hatte ihn geküsst, weil er sie quasi darum angebettelt hatte. Sie hatte ihn geküsst, weil sie ihm ihr Mitgefühl zeigen wollte. Die Gründe, wieso sie ihn geküsst hatte waren mannigfaltig. Sie hätte vermutlich auch jeden anderen Mann in dieser Situation geküsst, versuchte er sich einzureden. Der Kuss hatte keine Bedeutung - nicht für Izzie zumindest. Und er wusste auch erst seit dem Kuss, wie viel noch von den alten Gefühlen für sie übrig war. Eine Tatsache, die ihr zukünftiges Leben als Mitbewohner nicht einfacher machen würde.

Als die Tür hinter ihm aufging wusste er, noch bevor er sich umgedreht hatte, wer gerade die Cafeteria betreten hatte. Er hatte es förmlich spüren können. Langsam stand er auf und drehte sich zu ihr um.

„Alex!“

Er schnitt ihr mit einer Handbewegung weitere Worte ab. „Nein! Bitte Iz! Bevor du jetzt etwas sagst, hör mich zuerst an!“

Sie nickte leicht. An ihrem Gesichtsausdruck konnte man erkennen, dass seine harsche Reaktion sie leicht verwirrte.

„Was letzte Nacht passiert ist, hätte nicht passieren dürfen!“ stieß er schnell hervor. Er war froh, dass es heraus war. Er war sich sicher, dass sie diese Aussage etwas besänftigen würde. „Es tut mir leid, und ich schwöre dir, dass so etwas nie mehr passieren wird!“ Mit angehaltenem Atem und Händen in den Kitteltaschen verborgen schaute er sie mit nervösem, abwartendem Blick an.

Izzie fühlte sich, als ob man ihr gerade einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf gegossen hätte. Ungläubig starrte sie Alex an. Er bereute den Kuss? Das war nicht das, was sie erwartet hatte. Aber was hatte sie überhaupt erwartet? Dass er ihr in die Arme sinken und sie zum wiederholten Male leidenschaftlich küssen würde? Sicher nicht! Nicht nachdem, was mit Rebecca passiert war. Sie spürte, wie sie unter seinem prüfenden Blick errötete. Was erwartete er jetzt von ihr? Sie hatte keine Ahnung. Sie war aus einem ganz anderen Grund gekommen, und nun passte ihre Version der Unterhaltung nicht mehr zu seiner. Nervös befeuchtete sie mit ihrer Zunge ihre Lippen, bevor ihr bewusst wurde, dass es sicher nicht die Reaktion war, die er nun erwartete. Sie räusperte sich, um den Kloß in ihrem Hals zu vertreiben.

„Okay…” brachte sie dann mühsam hervor.

„Gut.” Er war erleichtert, dass sie seine Entschuldigung so schnell akzeptiert hatte. Mühsam rang er sich ein Lächeln ab. „Da wir das geklärt haben… Was tust du hier so früh?”, wechselte er schnell das Thema.

Schnell geklärt? Izzie fehlten für einen Moment die Worte. Was war denn geklärt? Nichts war geklärt! Sie fühlte Wut in sich aufsteigen. Es war so typisch für Alex, unangenehme Dinge gleich zur Seite zu schieben. „Ich bin wachgeworden, und du…” Sie stoppte mitten im Satz. Nein, sie würde jetzt nicht sagen “und du warst nicht da …” Wenn sie das sagen würde, dann würde es so aussehen, als ob es ein Normalzustand wäre, dass sie morgens gemeinsam in einem Bett aufwachten. „Bist du okay?”, beendete sie den Satz stattdessen.

Alex zuckte mit den Schultern. „Ja, wieso denn nicht? Und du?”

Izzie runzelte die Stirn. Was sollte das denn jetzt wieder, eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten? Sie nickte, obwohl sie nicht wirklich glücklich mit dem Ausgang der ganzen Sache war.

„Fein.” Er räusperte sich. „Du, sei mir nicht böse, aber ich wollte noch mal bei Rebecca vorbeischauen.” Er deutete Richtung Ausgang. „Sie wird heute in die psychiatrische Klinik gebracht. Und ich hatte ihr versprochen, dass ich vorher noch einmal vorbeischauen würde.”  Es war eine Lüge. Er hatte Rebecca nichts dergleichen versprochen. Ganz im Gegenteil. Sie hatten sich schon am Vortag voneinander verabschiedet. Aber Izzie’s Nähe machte ihn nervös.

Ihr Herz sank eine Etage tiefer. Natürlich! Wie hatte sie so dumm sein können zu glauben, dass er noch Gefühle für sie hatte. Er liebte Rebecca. Deshalb hatte er geweint. Er hatte mit ihr zusammen leben wollen, als er noch dachte, dass sie von ihm ein Kind erwartete. Natürlich liebte er sie. Sie hatte gesehen, wie rührend er sich um sie gekümmert hatte, während ihres Aufenthaltes in Merediths Haus. „Bist du deshalb hier, obwohl heute dein freier Tag ist?” fragte sie leise.

Alex nickte. Ihm war nicht klar, wieso Izzie diese Frage stellte. Aber es wurde Zeit, einige Dinge diesbezüglich zu klären. Er räusperte sich. „Ich bin dir wirklich dankbar dafür, was du letzte Nacht für mich getan hast. Ich…” Er stoppte mitten im Satz, als die Tür zur Cafeteria aufging und jemand eintrat. Er lächelte verkrampft. Es war vielleicht besser, das Gespräch zu vertagen. Hier hatten die Wände Ohren. Und er wollte nicht unbedingt zum neuesten Klatschthema werden. „Wie auch immer…” Er räusperte sich und vergrub die Hände in seinen Hosentaschen. „Wir sehen uns dann später.” Er fühlte den neugierigen Blick der jungen Krankenschwester in seinem Rücken, als er die Cafeteria verließ.

Izzie starrte ihm für einen Moment hinterher, bevor sie sich abwandte und zum Tisch hinüberging, wo Kaffee und Hörnchen standen. Geistesabwesend griff sie nach einer Tasse und schenkte sich ein. Was hatte er sagen wollen, bevor er unterbrochen wurde? Sie hätte es gerne gewusst. Vielleicht hatten sie die Gelegenheit, später noch einmal darüber zu reden. Izzie nahm seufzend ihre Tasse und setzte sich damit an einen freien Tisch.
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