Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Wellengang

von Hakuyu
GeschichteDrama, Angst / P16 / Gen
Kaoru Nagisa Shinji Ikari
07.03.2019
07.03.2019
1
1.559
3
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
 
07.03.2019 1.559
 
Unbarmherzig schlugen die Wellen auf den Strand nieder.
Die Gischt gurgelte und schäumte. Kaltes, schäumendes Wasser umspülte seine Füße, seine Beine, seine Hüfte. Zusammengekauert hockte er dort.
Die Stirn auf den Knien abgelegt. Nichts hören, nichts sehen.
Leckend zog sich das Wasser wieder zurück. Dann die nächste Welle. Das Wasser brach auf ihn hinein. Die Wucht riss ihn nach hinten.
Seine haltsuchenden Griffe gingen ins Leere, zwischen seinen Fingern war nur Wasser.
Er fiel, fiel, fiel. Fiel auf den harten, nassen Sand.
Wieder Wasser. Es rahmte ihn ein, überfiel ihn, nur um von ihm abzulassen, nur um Sekunden später erneut auf ihn einzustürmen. Nicht nur seine Hose, sondern auch sein weißes Shirt klebte nass und kalt an seiner Haut.
Salz und Sand juckten.
Die Wellen hatten ihn aus seiner zusammengekauerten Position gezwungen. Auf dem Rücken lag er, ausgebreitet und offen.
Mit einem Wort: schutzlos.
Wie gerne hätte er sich wieder zusammengerollt.
Doch seine Gliedmaßen wollten ihm nicht gehorchen. Kribbelten nur, als er versuchte, sie zu bewegen.
Alles, was seine Arme und Beine tun konnten, war schmerzhaft zu stechen. Sei es wegen der Kälte oder weil er über Stunden in derselben Position verharrt hatte. Er wusste es nicht, wollte es auch nicht wissen, wusste nur, dass er gezwungen war, liegen zu bleiben. Wie lange war er eigentlich schon hier?
Obwohl ihm klar war, wie bedeutungslos diese Frage war, formte sie sich in seinem Kopf. Als er an den Strand gekommen war, war die Sonne gerade gegangen.
Starrte ihn an, wie ein riesiges, brennendes Auge, das sich langsam schloss, wie bei einem Toten. Himmel, Wolken, der Ozean, alles hatte in roten Flammen gebrannt.
Wenn er nur mitverbrannt wäre. Shinji öffnete die verkrusteten Augen, das Salz brannte, Tränen liefen seine Wange entlang. Es gab keine Asche – nur die Schwärze der Nacht. Himmel, Wolken, der Ozean. Alles war noch hier. Und er selbst, er war auch noch da. Über ihm die Sterne. Milliarden Lichtpunkte. Flecken auf einer schwarzen Leinwand. Die Sterne, aber kein Mond. Vielleicht sollte er nach Hause gehen…spät, wie es war. Misato würde sich Gedanken, Sorgen machen. Sie hatte lange Zeit neben ihm gestanden und versucht, ihn zu überreden, wieder hineinzugehen. Wann  war sie überhaupt gegangen? Vielleicht war sie genervt von ihm gewesen, wusste nichts mehr mit ihm anzufangen. Er hatte sie endgültig vergrault und frustriert. Wie egoistisch er war, sich im eigenen Kummer zu suhlen, während Misato neben ihm mindestens genauso sehr litt. Er war das letzte. Besser, er kehrte nicht zurück. Er fiel ihr doch schon genug zur Last. Aber nein, Misato hatte bereits genug zu Leiden und Shinji ertrug es nicht, sie leiden zu sehen. Kaji war tot. Seitdem weinte Misato viel und Shinji ertrug es nicht. Er hatte es damals nicht ertragen und jetzt würde er es noch weniger ertragen können.
Sie hat Kaji geliebt…und jetzt ist Kaji tot…
Er hat mich geliebt…und jetzt ist er tot…ich habe ihn umgebracht…ich habe ihn umgebracht…
Nagisa Kaworu.
Er hat gesagt, er liebt mich. Er liebt mich.
Das hat er gesagt. Nie zuvor hat jemand das zu mir gesagt. Niemals, egal, wie viel Zeit ich mit ihm gebracht habe.
Je mehr Zeit ich mit Menschen verbringe, desto weniger mögen sie mich. Er hat gleich bei unserer ersten Begegnung gesagt, er liebt mich. Warum ausgerechnet er? Was ist an mir überhaupt liebenswert?
Ich bin abscheulich, unrettbar abscheulich.
Er hat gesagt, er liebt mich und ich habe ihn umgebracht.
Eine weitere Welle umspülte ihn, salziges Wasser spritzte in seine Augen. Er rieb sie sich mit seinen salzigen, nassen Händen, das brennen wurde nur noch schlimmer. Besser, er suchte gar nicht mehr nach Linderung. Diesen Schmerz und alle anderen Schmerzen, alles hatte er verdient. Shinji drehte den Kopf nach rechts.
Neben ihm ragte ein großer Fels in die Höhe. Als sie sich zum ersten Mal begegnet hatten, da hatte Kaworu auf diesem Felsen gehockt und auf das Meer hinausgestarrt. All das schien ewig her. Dabei waren sie sich heute erst begegnet…Heute…oder gestern…oder vorgestern? Wie lange lag er hier schon am Strand? Das Gestein des Felsen glänzte schwarz. Scharfe Kanten und spitze Ecken schimmerten im Mondlicht. Shinji konnte den Blick nicht von dem Felsen lassen. Vielleicht tauchte doch noch eine menschliche Silhouette auf seiner Spitze auf. Kaworu, der seine Beine von der Kante baumeln ließ und vor sich hinsummte.
Wie hieß dieses Lied noch? Er konnte sich nicht erinnern. Die Melodie…wie ging die Melodie gleich noch einmal? Die Melodie…Shinji konnte sich nicht erinnern. Er versuchte zu summen, irgendetwas, etwas, das vielleicht der Melodie nahekommen könnte. Seinem Mund entwich jedoch nur ein trockenes Krächzen. Nicht einmal die Melodie konnte er sich merken. Und ganz gleich, wie lange er wartete, Kaworu würde nicht kommen.
Ein erneuter Wasserschwall. Eiskalt. Zuvor hatten er und Kaworu miteinander gebadet. Es war unangenehm gewesen, einem fremden Menschen so nahe, vollkommen entblößt. Doch Kaworu hatte ihn nicht bewertet, nicht ausgelacht, nicht verletzt. Sie hatten zusammen das Bad genossen, die Wärme, das Zusammensein. Das Wasser war schön warm gewesen. Sie waren einfach beieinander gewesen.
Einfach so. Es fühlte sich so fremdartig vertraut an. Wie etwas, dass lange in seinem Unterbewusstsein geschlummert und sich plötzlich in die Realität eingeschlichen hatte. Das Ego und das Über-Ich einfach übergehend stand sein Wunsch plötzlich direkt vor ihm. Er konnte ihn hören, ihn anfassen, ihn spüren. Er war real. Er hat gesagt, er liebt mich.
„Du hast meinen Respekt“, hatte Kaworu gesagt, dabei hatte ihn zuvor niemand respektiert.
Für seine „Zerbrechlichkeit“, wie Kaworu es genannt hatte. Besonders die Zerbrechlichkeit seines Herzens.
Der strafende, kühle Blick seines Vaters. Schwächling. Versager. Schwächling. Sieh mich an, Vater, bitte sieh doch mich an. Doch von seinem Vater bekam er nie etwas anderes zu sehen als seinen Rücken oder seinen kalten, herablassenden Blick. Schwach. Nutzlos.
„Was bist du? Ein Idiot?“, hallte Asukas schrille Stimme in Shinjis Kopf wieder. Ja, er war ein Idiot. Wenn sie nur endlich aufwachen und ihn wieder anschreien würde…Doch immer sagten alle dasselbe.
Du bist zu empfindlich. Du musst stärker werden. Lass die Dinge nicht so sehr an dich heran. Kopf hoch. Sei doch einmal fröhlicher. Öffne dich doch anderen. Hör auf so eine dünne Haut zu haben. Immer und immer wieder kritisierten ihn alle.
Hielten ihm vor, wie schwach er doch war. Zu empfindlich. Zu zerbrechlich. Kaworu jedoch war anders. Für das alles hatte er ihn respektiert.
Und mit Respekt hatte er Liebe gemeint. Liebe. Er hatte ihn so angenommen, so geliebt, wie er war. Selbst als EVA-Einheit 1 Kaworus schlanken Körper in ihren riesigen Pranken gehalten hatte, selbst dann noch hatte Kaworu ihn angelächelt.
Warm. Verständnisvoll.
Er wusste, dass Shinji ihn umbringen würde und doch hatte er ihn so angelächelt. Dieses eine Lächeln ging ihm zum Verrecken nicht mehr aus dem Kopf.
„Mein Schicksal war es dich zu treffen. Ich bin froh, dass ich dich getroffen habe, Ikari Shinji.“ Diese Worte hallten so laut in ihm, dass selbst das tosende Meer sie nicht ertrinken konnten.
Warum musste so jemand der Feind sein?! Warum musste so jemand ein Engel sein?! Wenn er schon ein Engel sein musste, warum nicht ein weiteres dieser gedankenlosen Monster?! Warum war er so gewesen?! Warum hatte er ihn töten müssen? Warum hatte er ihn überhaupt getötet?! Warum hatte er überhaupt sterben müssen?! Warum verließen ihn immer alle…? Die Antwort war klar…natürlich verließ Kaworu ihn, wenn er ihn tötete…Es war alles seine Schuld und es gab keinerlei Entschuldigung.  
Shinji drückte die Finger in den nassen Sand, füllte seine Handfläche mit kühler, klumpiger Erde. Kaworus Körper war warm gewesen. Durch die Verbindung mit seiner EVA-Einheit hatte Shinji alles gespürt. Die Wärme seines Körpers – wie konnte ein Engel so schön warm sein? Seinen Herzschlag. Seine Knochen. Wie all dies unter den Druck seiner Hände in sich zusammenbrach. Kaworus Blut brannte heiß, so heiß, warum hatte er keine Brandblasen an den Fingern? Er hatte nur die Hände etwas zusammenführen müssen, und Kaworus Knochen zersplitterten. Dieses Geräusch, oh dieses Geräusch…Es sollte still sein! Shinji versuchte zu schreien, dieses schreckliche Geräusch zu übertönen. Kein Ton entkam seiner Kehle. Klebriges Blut rann schachlachrot seine Hände entlang. Glitschiges Matschen von zerquetschten Organen. Knochen brachen knisternd. Luft, er brauchte Luft. Die nächste Welle brach über ihn ein.
Ruckartig fuhr Shinji mit dem Oberkörper hoch.  
Zitternd riss er seine Hände aus dem Sand, schleuderte den Dreck, den er in den Fäusten hielt davon. Hinein in die Fluten!
Weg damit. Weg damit. Weg! Weg! Weg! Seine Arme presste er um seinen bebenden Brustkorb. Feste, feste, vielleicht konnte er sich selbst zerquetschen.
Atmen, er musste atmen. Aber wozu eigentlich noch? Shinji hustete, würgte. Endlich hörte er sich wieder selbst. Sein eigenes Schreien und Wimmern und das Rauschen des Meeres. Die Wellen trugen die Geräusche eines zerbrechenden Körpers langsam ab wie den Sand, unter dem Shinji saß. Wieso konnten ihn die Wellen nicht einfach mit sich nehmen?
Er musste bleiben. So saß er da, zitterte und zitterte. Je mehr er sich selbst festhielt, wollte sich sein bebender Körper sich aus dem eigenen Griff befreien.
Warum hatte Kaworu sich dafür bedankt?!
Wie konnte man für derartiges dankbar sein?
Wie konnte man ihn überhaupt lieben?!
Aber ja, Kaworu hatte gesagt, er liebe ihn.
Und ja, er hatte Kaworu auch geliebt.
Eigentümlich, dass ihm ausgerechnet in diesem Augenblick der Titel des Liedes einfiel.  
Ode an die Freude.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast