Liebe geht durch den Magen

GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
SC Freiburg Werder Bremen
06.03.2019
01.07.2019
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Ganz bequem saß Nils in der Lobby des Hotels. Die Sessel waren urgemütlich, und mit einer Apfelschorle in der Hand war es auszuhalten. Um ihn herum waren einige Jungs seiner Mannschaft, ein wenig aufgeregt, schließlich stand morgen das wichtige Spiel gegen Mainz. Wenn sie das gewannen, hatten sie sechs Punkte Abstand zur Relegation - wenn nicht, steckten sie wieder mitten im Abstiegskampf.

Nils nahm einen Schluck von seiner Apfelschorle, als jemand an seinem Sessel vorbei ging. Der schweigsame Lucas. Erst seit dem Winter war Lucas Höler in ihrer Mannschaft, und irgendwie war er noch immer der Neue. Auch heute setzte er sich nicht zu den anderen, sondern verließ das Hotel.

Nils seufzte innerlich. Er verstand Lucas nicht. Er hatte bisher jeden Versuch ihn einzubeziehen ausgeschlagen - und das auf eine wenig freundliche Art. Und irgendwie fühlte sich Nils, als wäre das sein persönliches Versagen. Er war Kapitän der Mannschaft und es war doch irgendwie seine Aufgabe, sich grade um die neuen im Team zu kümmern. Das hatte bisher auch immer prima geklappt, aber bei Lucas biss er auf Granit.

"Ich hab keine Zeit", "Hab was vor", "Hab keinen Hunger" und vor allem "Lass mich", das hatte er von ihm zu hören bekommen.

Nils hatte schon Georg und Christian gebeten, es mal bei Lucas zu versuchen, aber die beiden hatten die gleichen ausweichenden Antworten bekommen.

Lucas schien gar keinen Anschluss zu wollen - dabei war Fußball ein Mannschaftssport, und man war erfolgreicher, wenn man sich gut verstand. Schon Sepp Herberger hatte das gesagt, "Elf Freunde müsst ihr sein."

Am liebsten hätte Nils ja bei Lucas altem Verein nachgefragt, ob er da auch so gewesen war, allerdings kannte er niemanden bei Sandhausen und... vermutlich wäre das etwas übertrieben. Lucas war schließlich erwachsen und musste selbst entscheiden, wie er sich benahm.

Vielleicht war er einfach ruhig, zurückhaltend, schüchtern. Er war ein guter Fußballer, hatte seit seinem Wechsel die meisten Spiele bestritten und würde morgen wohl auch in der Startelf stehen.

"Du tust es schon wieder", hörte Nils plötzlich eine Stimme und im nächsten Moment bohrte sich ein Finger gegen seine Stirn. "Das bleibt so Nils, wenn du weiter ständig grüblerisch die Stirn runzelst."

Nils grinste etwas gequält und strich sich mit der Hand über die Stirn, dann sah er hoch zu Christian Günter, der vor ihm stand.

"Lass mich raten", sagte Christian und setzte sich in den Sessel neben Nils. "Es geht mal wieder um Lucas."

Wortlos nickte Nils. Auch mit Christian hatte er sich schon über ihn unterhalten.

"Ach Nils, du bist echt viel zu gut für die Menschheit. Du kannst es nicht jedem recht machen. Lucas ist halt... verschlossen. Wir haben es alle bei ihm versucht, aber wir können ihn ja schlecht zwingen sich mehr zu integrieren. Solange er seine Leistung bringt, müssen wir damit leben."

"Er könnte bestimmt besser spielen, wenn er uns kennen würde."

"Ja, vielleicht. Aber wie oft hast du jetzt versucht mit ihm zu reden?"

"Ich kann’s nicht mehr zählen", seufzte Nils. Er sah noch einmal raus, doch Lucas war schon nicht mehr zu sehen.

"Dann hast du alles in deiner Macht stehende getan. Und ganz ehrlich, wenn der Typ mit dir nicht redet, dann redet er mit niemandem."

"Ihr habt’s ja auch schon versucht." Erneut wischte sich Nils über das Gesicht. so einen schweren Fall hatte er wirklich noch nicht.

"Komm Nils, jetzt ist Schluss damit. Wir brauchen dich morgen topfit", sagte Christian. "Also verschieb das Grübeln einfach auf Dienstag."

"Lucas wird nicht topfit sein, wenn er die ganze Nacht durch die Gegend läuft."

Christian schüttelte den Kopf. "Dann los, geh ihm schon hinterher. Aber sei nicht überrascht, wenn er dich anblafft."

"Mal sehen, ob ich ihn finde." Kurzerhand drückte Nils ihm die Apfelschorle in die Hand, griff nach seiner Trainingsjacke, die über der Sessellehne hing, und ging durch die große Glastür nach draußen.

Er wusste, dass Christian Recht hatte. Lucas würde wenig begeistert sein, aber weiter im Hotel sitzen konnte Nils einfach nicht.

Vor dem Hotel sah er nach links, nach rechts - Lucas war nicht zu sehen. Auf gut Glück ging er nach links, vielleicht würde er Lucas finden. Wenn nicht, dann würde er eben einen kleinen Spaziergang machen.

Das war bei dem milden Abend sowieso keine schlechte Idee. Er genoss es, dass es endlich richtig Frühling wurde.

Er atmete erstmal tief durch, dass tat wirklich gut. Ohne Ziel ging er weiter, bis er am Ende einer Seitenstraße tatsächlich Lucas entdeckte.

Sofort beschleunigte er seine Schritte, damit er Lucas nicht wieder aus dem Blick verlor.

Lucas bog nach links ab, offenbar wusste er, wo er hinwollte. Nils folgte ihm weiter.

Nils hätte längst zu ihm aufschließen können, aber inzwischen war er neugierig, wo Lucas überhaupt hin wollte. Er schien sich hier in Mainz jedenfalls gut auszukennen, denn er zögerte nicht einmal, als er weiter durch die Stadt ging, bis sie schließlich zum Rhein gelangten.

Hier blieb er kurz stehen, sah sich um und wandte sich dann nach rechts. War er mit jemandem verabredet?

Vielleicht sollte er sich dann doch lieber bemerkbar machen. Sonst würde Lucas ihm noch unterstellen, ihn zu stalken oder sowas.

"Lucas", rief er nicht allzu laut, aber laut genug, dass er ihn hören würde.

Tatsächlich blieb Lucas stehen und drehte sich um.

Nils traf ein ziemlich wütender Blick, doch immerhin ging Lucas nicht weiter.

"Was soll der Scheiß?" fragte er stattdessen, als Nils zu ihm aufgeschlossen hatte. "Verfolgst du mich jetzt?"

Kurz zögerte Nils, was sollte er sagen? "Ist ne schöne Ecke hier", bemerkte er dann.

"Dann geh doch einfach weiter und labere mich nicht voll", schnaubte Lucas.

"Warum haust du von uns ab?", fragte Nils ganz direkt.

"Ist es verboten, spazieren zu gehen?"

"Nein, natürlich nicht. Aber ich finde es schade, dass du das alleine machst. Wo es doch so schön hier ist."

"Komm Nils, such dir wen anders, den du bemuttern kannst. Ich bin alt genug, ich darf um diese Uhrzeit schon allein draußen sein."

"Du bist auch alt genug, mal mit deinen Mitspieler zu reden. Und nicht nur, 'Lass mich in Ruhe.'"

Lucas verdrehte die Augen und verschränkte die Arme vor der Brust. "Ich hab dir das schon mal gesagt, aber offenbar hast du mich nicht verstanden. Ich bin nicht hier, weil ich neue Freunde suche. Oder Familienanschluss. Ich bin hier, weil ich Fußball spielen will. Nichts weiter."

"Du hättest dir eine Sportart wie... Ringen oder Skilaufen aussuchen sollen, und keinen Mannschaftssport. Da redet man nämlich miteinander!"

"Ich rede mit euch. Auf dem Platz, wo es nötig ist. Und das reicht. Oder gibt es eine Beschwerde über meine Leistung im Training oder auf dem Spielfeld?"

"Nein, keine Sorge, es hat sich niemand beschwert. Ich finde es nur schade, dass du nicht zu uns gehören willst."

"Was willst du von mir, Petersen? Sollen wir Freundschaftsbändchen tragen und uns die Haare flechten?"

"Har-har", machte Nils demonstrativ. "Und uns die Nägel lackieren, klar. Du willst es nicht verstehen, oder?"

"Nein, du willst es nicht verstehen. Ich bin einfach nicht der Typ für diesen Ringelpietz mit Anfassen. Ich bin gern für mich."

"Das ist sehr schade, denn wir hätten dich gern bei uns", erklärte Nils ernst.

"Kann ich dann weiter gehen?" fragte Lucas nur.

"Wenn es sein muss", murmelte Nils resigniert.

Lucas zögerte kurz. "Hör zu, Nils, das ist nichts Persönliches. Du bist zwar echt nervig, aber ich glaube, dass du es nur gut meinst. Aber... lass mich einfach, ok? Kümmre dich um die Jungs, die das wollen."

"Okay", murmelte Nils. "Schade..."

"Ich bin pünktlich zurück im Hotel. Bis dann, Nils", sagte Lucas und drehte sich ziemlich ruckartig weg, um mit schnellen Schritten weiterzugehen.

Nachdenklich sah Nils ihm nach. Wie konnte ein Spieler, ein Mannschaftssportler, sich so abschotten?

Er hatte inzwischen ja schon einiges im Profifußball erlebt, aber sowas war ihm noch nie untergekommen. Selbst bei den Bayern nicht, wo so viele Einzelkünstler spielten, die alle der Megastar des Teams sein wollten.

Er sah Lucas noch einen Moment nach, dann drehte er sich um und ging langsam zurück zum Hotel. Die Sonne, der blaue Himmel - er nahm sie jetzt gar nicht mehr wahr.

Was ihn wirklich beschäftigte, war, dass Lucas ihn eben angelogen hatte. Als er gesagt hatte, er wäre gern allein und wollte keine Freunde, war das eine klare Lüge gewesen.

Manchmal, wenn er sich unbeobachtet fühlte, sah Lucas seine Mitspieler an. Beim Frühstück, wenn er alleine am Tisch am Fenster saß, im Bus, wenn er am Fenster saß und seinen Rucksack neben sich stehen hatte, und auch in der Kabine, wenn es schon keiner mehr wagte, sich neben ihn zu setzen.

Mehr als einmal hatte Nils dann sowas wie Sehnsucht und Neid gesehen. Und das machte Lucas Verhalten noch viel unverständlicher. Schließlich reichten sie ihm doch immer wieder die Hand, um ihn zu integrieren. Luden ihn zu Mannschaftsabenden ein, zum Pokern, Golfen, ins Kino oder zum Essen.

Inzwischen dachte sich Lucas schon gar keine Ausreden mehr aus, sondern sagte einfach kurz und recht unfreundlich ab.

Nils hatte sogar schon überlegt, mit Christian Streich, ihrem Trainer, darüber zu sprechen. Andererseits hatte Lucas Recht. Seine Leistung war tadellos, und solange das so war, würde Christian sich nicht einmischen wollen.

Es war tatsächlich seine eigene Entscheidung, ob er mit den anderen etwas unternahm oder nicht. Nur bei ausgesprochenen Mannschaftsveranstaltungen musst er dabei sein - aber die gab es selten.

Nils seufzte. Langsam gingen ihm die Ideen aus. Offenbar musste er sich wirklich damit abfinden, dass Lucas für sich allein sein wollte. Oder so tat als ob er es wollte.

Vielleicht würde sich noch mal irgendwas ergeben - aber erstmal würde er Lucas in Ruhe lassen - lassen müssen.

Allerdings würde er nochmal mit Tim Kleinschmidt sprechen. Die beiden teilten sich ein Zimmer und vielleicht schaffte es Tim ja da, etwas an Lucas ranzukommen.

Jetzt beschleunigte er die Schritte etwas, bis er schließlich am Hotel ankam.

Er warf einen Blick in den Barbereich, konnte Tim da aber nirgends entdecken.

"Tim schon oben?", fragte er Christian, der in der Nähe saß.

"Nee, an der Tischtennisplatte mit Robin, Janik und Jonas."

"Und die ist... im Keller?", fragte Nils nach.

Christian lachte. "Nein, draußen. Komm ich bring dich hin."

Nils folgte ihm nach draußen in die Sonne. Auf einem Rasenstück stand die Platte, und die vier spielten ein schnelles Match.

"Hast du Lucas gefunden?" fragte Christian.

"Ja, aber wie du vorausgesagt hast, wollte er nicht reden, sondern alleine bleiben."

Christian zuckte mit den Schultern. "War nicht anders zu erwarten gewesen."

"Ich musste es zumindest versuchen."

"Weiß ich. Deshalb mögen wir dich auch alle so", lächelte Christian.

"Ist aber nicht schön, wenn man so weggeschickt wird."

"Was hat er denn gesagt?"

"Er ist erwachsen, und er will kein Ringelpietz mit Anfassen, sondern seine Ruhe."

Christian schnaubte. "Ringelpietz mit Anfassen? Das hat er gesagt? Mensch, Nils, zu was hast du den Jungen denn eingeladen? In einen Stripclub?"

"Klar, nächst Woche. Du kommst doch auch mit?", schnaubte Nils.

Christian grinste. "Da würde Kathrin mir aber die Hölle heiß machen!"

"Gut, also streich ich dich von der Liste... Muss ich wohl doch wieder alleine hin."

"Ja, du armer, bemitleidenswerter Kerl", sagte Christian nur zwinkernd.

"Ich kenn es doch nicht anders", murmelte Nils, dann trat er an die Tischtennisplatte. "Kann ich mir Tim mal ausleihen?"

"Wenn du ihn uns unbeschädigt wieder bringst", grinste Janik.

"Versprochen", grinste Nils ihn an.

Tim sah zu Christian. "Chris, übernimm dann mal für mich."

"Klar", nahm Christian ihm den Schläger ab und stellte sich neben Janik.

Tim trat unterdessen zu Nils und sah ihn an. "Na Käpt’n, womit kann ich dienen?"

"Mit deinem Bettnachbarn."

"Ich hab ihn nicht in meiner Hosentasche versteckt, wenn du das fragen willst", sagte Tim. "Aber im Ernst, keine Ahnung wo der wieder steckt."

"Ich suche ihn nicht. Ich frag mich nur, was mit ihm los ist."

Tim zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung. Redet nicht viel. Und ist extrem ordentlich."

"Redet freiwillig kein Wort und verbringt bloß keine Zeit mit jemandem."

"Vielleicht ist er schüchtern oder so?"

"Aber wenn wir ihn ansprechen, kann er doch antworten. Mehr als nur ‚Lass mich in Ruhe.‘“

Tim nickte. "Wenn wir auf dem Zimmer sind, ist er immer sehr höflich. Ich mein, wir unterhalten uns nicht und so, aber er ist auch nicht unfreundlich oder blafft mich an."

"Immerhin etwas", meinte Nils.

"Ja, deshalb will ich mich auch nicht beschweren. Obwohl ich schon lustigere Zimmernachbarn hatte."

"Ich will ja auch keine Beschwerde von dir hören, aber ich find’s schade, dass er sich so ausschließt."

"Was möchtest du denn, das ich tu?" fragte Tim.

"Gar nichts, Tim. Und ich will dich auch nicht aushorchen oder so. Aber... ich weiß nicht, ich würde ihn gern mehr integrieren."

"Ich kann ja mal versuchen, ein bisschen näher an ihn ranzukommen. Mich zu unterhalten oder so. Vielleicht hat er ja Bock, nachher ein bisschen mit mir Fernsehen zu gucken. Gibt ne neue Folge Lethal Weapon, dabei wird er bestimmt lockerer."

"Das ist ne gute Idee. Auch, wenn er nicht redet - immerhin macht ihr dann etwas zusammen, das ist schon mal ein Anfang."

"Wär doch gelacht, wenn wir das nicht hinkriegen. Wir sind schließlich echt ne nette Mannschaft, dass wir auch Lucas schon noch erkennen."

"Ja, das hoffe ich auch. Er lässt sich nur Zeit damit."

Tim schlug Nils freundschaftlich auf die Schulter. "Ich versuch mein bestes."

"Danke", lächelte Nils ihn erleichtert an.

"Kein Problem", sagte Tim.

"So, dann lass ich dich mal weiterspielen."

"Hast du nicht Lust mitzuspielen?"

"Klar - alle sechs?"

Tim nickte begeistert und auch die anderen Jungs waren sofort einverstanden.

So spielten sie die nächste Stunde, bis es langsam kühler wurde.

"Wollen wir für heute Schluss machen?" fragte Christian.

"Ja, sollten wir. Ab ins Bett, Jungs, morgen ist das Spiel", grinste Nils sie an.

"Ihr habt den Käpt’n gehört", sagte Tim lachend. "Ab mit uns in die Federn."

"Und beeilt euch mit dem Schlafen."

Alle lachten und gingen dann gemeinsam ins Hotel, wo sie sich verabschiedeten und sich auf ihre jeweiligen Zimmer zurückzogen.

Nils' Gedanken wanderten zu Lucas - hoffentlich klappte das Fernsehen mit Tim.
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