Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Call me Blue

von Jamie17
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Bram Greenfeld Simon Spier
05.03.2019
01.04.2019
4
5.602
8
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
01.04.2019 1.456
 
Call me Blue


Kapitel 4




„Hey, Simon“, ich setze mich zu ihm auf die Bank und ignoriere mein wild klopfendes Herz. Ich frage mich ernsthaft, was mir dabei einfällt, mich so etwas zu trauen. Eigentlich bin ich nicht so mutig, aber dieses verdammte Eigentlich habe ich schon ziemlich häufig gedacht in den letzten Tagen. Simon macht mich verrückt ohne überhaupt zu wissen, dass er momentan den meisten Platz in meinen Gedanken einnimmt. Ich lasse meinen Blick über das Fußballfeld schweifen. Das Training ist noch immer in vollem Gange. Trotzdem habe ich mich unauffällig von dem Geschehen entfernt, als ich gesehen habe, dass Simon am Spielfeldrand wohl auf Nick wartet.

„Müsstest du nicht gerade auch da unten hinter dem Ball herrennen?“, fällt auch meinem Gegenüber ein. Ich lächle unschuldig und reibe mir den Nacken. Es scheint wohl wirklich ziemlich auffällig zu sein, dass ich nun hier bei ihm sitze.

„Müsste ich, ja. Aber es macht mir nichts aus, eine kleine Pause zu machen. Was machst du hier? Wartest du auf Nick?“, frage ich und stütze mich mit den Ellbogen auf meinen Knien ab. Ich schaue nur in Richtung der Spieler. Simon macht es mir gleich, wendet seinen Blick von mir ab und schaut auf das Training.

„Genau, ich fahre Nick gleich nachhause. Er hat wohl noch einen Arzttermin oder so und schafft es sonst nicht. Zumindest waren das seine Worte. Wenn ich ehrlich bin, dann glaube ich, dass er einfach nur nicht den Bus nehmen möchte. Und sein Auto ist in der Werkstatt“, redet Simon drauf los. Er zuckt neben mir die Schultern. Ihm scheint es nicht viel auszumachen, seine Freunde herumzukutschieren. Ich habe ebenfalls ein Auto, aber ich nehme nur selten jemanden mit. Ich würde natürlich, aber Garrett wohnt in der entgegengesetzten Richtung, sodass es keinen Sinn machen würde, ihn morgens abzuholen. Mit anderen habe ich nicht genug zu tun, sodass ich sie fragen würde, ob ich sie mitnehmen soll oder sie mich fragen. Dennoch würde ich es sicher machen. Aber ich muss es schließlich nicht und das ist auch ziemlich angenehm. Ich fahre gerne im Auto und höre mir meine Musik an. Oder die Musik, die Simon mir als Jaques empfiehlt. Er kennt Sänger, von denen ich noch nie gehört habe.

„Was ist das eigentlich?“, frage ich nach einigen Sekunden und zeige auf einen dicken Stapel zusammen getackerten Papiers. Ich versuche alles, um keine Stille entstehen zu lassen. Ich möchte, dass Simon mit mir spricht. Ich möchte seine Stimme hören. Vielleicht besonders deshalb, um mir beim Lesen seiner Mails seine Stimme besser vorstellen zu können. Simon hebt den Stapel an und zeigt mir den Titel. Cabaret. Das Stück, das die Theater AG uns in einigen Monaten vorstellen muss. Oder möchte? Ich bin mir da nie sicher, denn ich würde mich mit ziemlicher Sicherheit nicht freiwillig auf die Bühne stellen. Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern, als ein Schauspieler zu uns an die Schule gekommen ist und mit uns Improvisationen machen wollte zu einem Stück, das wir zu der Zeit gelesen hatten. Gut, dass sein Besuch angekündigt war. An dem Tag hatte ich das erste Mal grundlos in der Schule gefehlt. Geschwänzt. Meiner Mutter hatte ich erzählt, dass es mir nicht gut geht. Ich hasse es wirklich, vor anderen zu stehen und etwas vorzutragen und Schauspielern geht für mich gar nicht.

„Macht es Spaß?“, hake ich nach. Simon nickt etwas zögernd: „Eigentlich schon, ja. Allerdings ist es gerade noch ziemlich anstrengend. Kaum jemand kann den Text, niemand weiß, wo er stehen soll und Ms Albright ist dementsprechend genervt. Ich schätze, es braucht alles seine Zeit. Wenn ich doch wenigstens meine Tanzschritte könnte. Ich habe nicht einmal Text.“

Ich lächle leicht: „Ich finde es dennoch ziemlich mutig von dir, dass du dich vor so viele Menschen stellen kannst und das vorführst. Das könnte ich nicht.“„Ist gar nicht schwer“, erwidert er: „Außerdem bin ich es gewohnt. Meine Eltern sind ziemlich speziell, wenn es darum geht, wie man die Geschehnisse des Tages vorträgt. Es reicht ihnen nicht, wenn man davon erzählt. Man muss es zeigen.“

Ich kann nicht anders und beginne zu lachen. Ich stelle mir Simon in seinem Wohnzimmer vor. Er steht vor der Couch, auf der seine Familie sitzt und versucht angestrengt unseren Mathelehrer nachzustellen, der mit seinem russischen Akzent versucht, uns die verschiedensten Rechnungen näherzubringen. Der Gauß, Kurvendiskussionen, Vektoren. Ich mag Mathe und ich finde auch Mr Iwanow sehr kompetent, aber wenn er uns mit seinem strengen Blick ansieht und uns droht, dass wir leise sein sollen, weil er sonst Kreide nach uns wirft, kann ich meistens nicht anders, als mein Grinsen hinter meiner Hand zu verstecken. Er hat einen sehr speziellen Charakter und es fällt vielen aus meiner Klasse schwer, damit umzugehen, aber ich vermute, dass es einfach auch eine sehr ungewöhnliche Art von Humor ist. Oft habe ich das Gefühl, dass er sich zurückhalten muss, um das Zucken seiner Mundwinkel zu verbergen. Aber ich kann es sehen.

„Worüber denkst du nach?“, reißt Simons Stimme mich aus den Gedanken. Diesmal hat er seinen Körper mir zugewendet und blickt mich aus seinen braunen Augen heraus an. Ich schüttle grinsend den Kopf: „Ich musste mir nur vorstellen, wie du Mr Iwanow nachahmst.“ Simon beginnt zu lachen und nickt zustimmend: „Ja, diese Darstellungen sind immer eine große Herausforderung. Ich hasse Mathe, aber er ist wirklich lustig.“

Mein Kopf fliegt zu ihm herum und eine Idee breitet sich in meinem Kopf aus. Ob ich es riskieren kann? Soll ich ihn fragen? Ich beiße mir unentschlossen auf die Lippe. Ich könnte ihm meine Hilfe anbieten. Mathe ist eines meiner besten Fächer und weil Simon neben mir sitzt, weiß ich, dass er damit gerademal gar nichts anfangen kann. Ich öffne gerade den Mund, als unten das Training für beendet erklärt wird und Nick und Garrett in unsere Richtung läuft. Vorwurfsvoll sieht Garrett mich an: „Da hast du dich ja mal schön aus der Affäre gezogen.“ Ich zucke grinsend mit den Schultern. Damit wird er wohl leben müssen.

„Wir gehen kurz noch duschen. Danke, dass du auf mich wartest, Simon“, unterbricht Nick Garrett, der gespielt empört nach Luft schnappt. Simon nickt nur gutmütig und die Jungs gehen vor. Ich stehe auch auf, denn es ist vermutlich besser, wenn ich auch duschen gehe, bevor ich mich ins Auto setze und nachhause fahre. Ich laufe hinter ihnen her, als ich mich doch zusammenraffe und mich wieder zu Simon drehe: „Weißt du, wenn du Hilfe in Mathe brauchst, dann kann ich dir gerne helfen. Ich bin ganz passabel darin.“ Kurz scheint er zu überlegen, dann nickt er: „Das wäre wirklich nett. Das könnte mir sicher helfen.“

Erleichtert verziehen sich meine Lippen zu einem Lächeln: „Dann reden wir morgen nochmal darüber? Ich muss mich jetzt noch umziehen.“

„Klar. Mach nur. Ich warte hier noch auf Nick“, er setzt sich wieder auf die Bank und schlägt das Skript auf. Ich laufe unterdessen die Tribüne entlang zu den Umkleiden. Wie immer schaue ich keinen der Jungs an, als ich mich umziehe und die Gemeinschaftsdusche betrete. Penibel halte ich meinen Blick auf die Wand gerichtet, als das Wasser auf mich herabprasselt. Gedankenverloren fahre ich mir mit meinen Händen durch die Locken und schäume sie ordentlich ein. Ich bemerke gar nicht, dass sich die Dusche langsam leert, so vertieft bin ich damit, an die Kacheln der Wand zu schauen. Unbewusst beginne ich sogar, sie zu zählen.

„Bram?“, Garrett streckt den Kopf zur Dusche rein. Ich drehe mich verwirrt um. Es ist immer ein merkwürdiges Gefühl, wenn man gerade vollkommen versunken war in seine Gedanken und dann wird man unterbrochen und aus seiner eigenen Welt rausgezogen. Ich blinzle kurz, um mich wieder zu fassen.

„Ja?“, möchte ich wissen. Garrett zeigt mit einem Daumen hinter sich: „Ich gehe jetzt. Ich wollte dich nur erinnern, dass die die Kabinen in einer viertel Stunde schließen.“ Dann ist er weg und ich höre die Tür der Jungenkabine zuschlagen. Schnell wasche ich mich ab und stelle das Wasser aus. Ich habe wirklich keine Lust, dem Hausmeister halbnackt zu begegnen.

Der Weg nachhause vergeht wie im Nebel. Ich denke nur an Simon. Ich fühle mich schlecht damit, dass ich ihm nicht sage, dass ich Blue bin. Irgendwie hat er es verdient das zu wissen. Immerhin weiß ich auch, wer er ist. Nur bin ich nicht so weit, es ihm zu sagen. Ich verfluche mich innerlich dafür, dass ich manchmal so ein verdammter Schisser bin. So verdammt schüchtern und ängstlich. Wieso habe ich so schreckliche Angst vor der Reaktion anderer, wenn sie erfahren, dass ich schwul bin? Und wieso habe ich Angst vor Simons Reaktion, wenn er erfährt, wer Blue wirklich ist? Aber all diese Fragen kann ich mir auch selbst beantworten. Ich habe einfach verdammt große Angst, nicht genug zu sein.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast