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Call me Blue

von Jamie17
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Bram Greenfeld Simon Spier
05.03.2019
01.04.2019
4
5.602
8
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Dieses Kapitel
1 Review
 
17.03.2019 1.611
 
Call me Blue


Kapitel 3




Ich ziehe mir mein blaues Shirt über den Kopf und schlüpfe in meine Jacke, während Nick und Garrett darüber diskutieren, gegen welche Gegner wir als nächstes spielen. Ganz genau versuchen sie unsere Spielzüge zu analysieren. Ich kann darüber nur den Kopf schütteln. Die beiden sind vollkommen in ihrer Analyse versunken, die allerdings nur aus Annahmen und fadenscheinigen Beweisen besteht. Sie verfangen sich immer schnell in solche Themen. Ich lächle müde. Unser nächster Gegner ist wirklich nicht Priorität Nummer Eins. Zumindest nicht für mich.

„Hey, Jungs!“, Garrett und Nick unterbrechen ihr Gespräch und sehen mich an, „Beeilt euch doch mal oder wollt ihr das Mittagessen noch verpassen?“ Eigentlich ist es mir egal, ob wir pünktlich zum Essen kommen, aber ich möchte nicht noch mehr Zeit in der Gemeinschaftsumkleide verbringen, als notwendig. Ich komme mir merkwürdig dabei vor. Überall sind halbnackte Jungs, die mit verstrubbelten, nassen Haaren aus der Dusche kommen. Nur ein Handtuch um ihre Hüfte geschwungen. Einige duschen vollständig entkleidet, ich lasse meine Shorts prinzipiell an und ziehe danach meinen Ersatz an. Ich frage mich, wie diese Jungs, die sich unwissend vor einem Schwulen ausziehen, reagieren würden, wenn sie wüssten, dass ich mir alle Mühe geben muss, sie nicht anzustarren. Ich komme mir richtig pervers vor, wenn ich mit ihnen in der Dusche stehe und meinen Kopf in Richtung Wand gedreht habe, um nicht in Versuchung zu kommen, doch zu gucken.

Meine Freunde packen ihre Klamotten in die Taschen und wir verlassen nach einigen Handschlägen mit den anderen die Umkleide. An unseren Spinten laden wir unsere Taschen ab und packen die Bücher für die nächsten Unterrichtsstunden ein. Wenigstens ist es Englisch. Mit dem Fach kann ich gut leben, denn Texte analysieren und verfassen liegt mir. Spätestens seit ich mit Simon schreibe, habe ich unglaublich viel Übung darin. Dennoch ist es etwas vollkommen anderes, denn wenn ich an ihn schreibe, kann ich mich vollkommen fallen lassen. Wie es wohl wäre, wenn er wüsste, dass ich Blue bin? Könnten wir dann noch offener miteinander sprechen, weil wir nicht versuchen würden unsere Identitäten voreinander zu verheimlichen. Oder würde die gestohlene Anonymität dazu führen, dass wir uns für uns und vor allem für unsere offen dargelegten Gefühle schämen?

Mittlerweile sind wir in der Cafeteria angekommen, haben uns Essen auf das Tablett geladen und begeben uns in Richtung unseres Stammtisches. Ich kann Abby, Leah, Morgan, Anna und natürlich Simon schon von hier aus erkennen. Simon trommelt unruhig auf seinem Handy herum. Er hat mir gestern nicht mehr geantwortet. Oder vielleicht hat er meine Mail auch noch gar nicht gelesen. Aber wieso hat er überhaupt sein Handy draußen. Die Schule blockt das WLAN komplett. Wir haben keinen Empfang, wenn wir eben nicht gerade in der Bibliothek sitzen.

Ich stelle meinen Rucksack unter und das Tablett auf den Tisch: „Hey!“ Obwohl ich damit keinen speziell anspreche, kann ich nicht anders, als Simon anzusehen. Allerdings antwortet er nicht. Und er sieht mich auch nicht an. Er blickt nur wie paralysiert auf sein Handy vor ihm, das nicht einmal eingeschaltet ist. Er scheint mich nicht gehört zu haben. Dafür begrüßt mich Abby mit einem strahlenden Lächeln. Abby Suso. Wäre ich nicht schwul, würde ich sicher auch für sie schwärmen, wie die anderen Jungs. Insbesondere Nick. Er ist vollkommen in sie verknallt. Und sie in ihn. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die beiden zusammenkommen. Bei Leah bin ich mir nicht so sicher. Ich denke, dass sie etwas für Simon oder Nick fühlt. Es ist nur schwer herauszufinden, für wen sie Gefühle hegt, weil die drei fast immer zusammen sind und Leah es wirklich gut drauf hat, sich keine Gefühle, die sie verletzen könnten, anmerken zu lassen. Es ist ein Vorteil so unauffällig und ruhig zu sein, wie ich. Ich beobachte die Leute und sehe Dinge, die anderen nicht auffallen, weil sie einfach zu unaufmerksam sind. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, dass die Möglichkeit besteht, dass Leah in Simon verliebt ist. Vermutlich ist Eifersucht das beste Wort, um mein Gefühl dafür zu beschreiben. Andererseits tut Leah mir auch leid. Egal in welchen der beiden sie sich verliebt hat, sie wird in jedem Fall enttäuscht werden. Simon ist schwul und Nick ganz offensichtlich vollkommen in Abby vernarrt. Keiner der beiden interessiert sich auf romantischer Ebene für sie und sie hat es sicher nicht verdient, verletzt zu werden.

Still sitze ich neben den anderen und esse meine Pommes, das einzige Essen, dass man hier zu sich nehmen kann, ohne das Gefühl zu haben, an Sodbrennen zu leiden. Egal, um welches Gericht es sich handelt, die Küche mischt so viel Mayonnaise oder Remoulade in das Essen, dass einem nur schlecht werden kann. Alleine bei dem Gedanken daran wird mir schon übel. Lustlos tauche ich meine letzten Pommes in den Ketchup und spüre genau, dass ich nach wie vor Hunger habe. Kurz sehe ich zur Theke. Soll ich mir noch was holen? Dann blicke ich auf die anderen. Ein paar haben sich auch an das Schnitzel und den Salat gewagt und essen noch, aber die Pommes sind bei allen als erstes weg gewesen. Nur Simon hat seinen Teller wohl noch nicht einmal angerührt. Ob er wohl gerade an Blue denkt? Ich sitze relativ nahe an ihm dran, seit Nick mit mir den Platz getauscht hat. Natürlich kommt das mir zugute, aber es war keinesfalls der Grund für den Tausch. Die Plätze haben wir schon vor Monaten getauscht, als Abby an die Schule kam und ich mir noch alle Mühe gegeben habe, mich in keinen der Heteros an der Schule zu verlieben. Aber jetzt da ich weiß, dass Jaques´ Worte die von Simon sind, hält mich kaum noch etwas davon ab, in Tagträume mit Simon abzuschweifen, die von banalen Schwärmereien zu Nicht-Jugendfreien Material gehen. Ich räuspere mich leise und nehme allen Mut zusammen: „Simon? Kann ich deine Pommes haben?“

Wieder keine Reaktion. Vielleicht sollte ich ihn für heute einfach in Ruhe lassen. Er scheint wirklich nicht ganz anwesend. Ich möchte gerade aufstehen, um mir doch noch eine Portion zu holen, als Simon zusammenschreckt und nach seinem Handy greift. Er blickt verwirrt zu mir. Unterbewusst hat er vielleicht auch doch mitbekommen, dass ich ihn angesprochen habe.

„Ja?“, fragt er und kneift die Augen zusammen. Innerlich muss ich über seine Reaktion schmunzeln. Irgendwie ist seine aktuelle Verwirrung ziemlich süß.

„Darf ich vielleicht deine Pommes haben?“, wiederhole ich mich. Mein Herz pocht ununterbrochen in meinem Brustkorb und ich habe das Gefühl, ich leide unter Schweißausbrüchen. Immer wenn ich mit Simon in den letzten Tagen zu tun hatte, wurde ich zappelig, nervös und ich grinse wie ein Bekloppter, wenn er mir zulächelt. Allerdings hat er das in den letzten Tagen immer weniger gemacht. Er ist völlig neben der Spur.

„Ähm, klar“, meint er und reicht mir den Teller. Ich lächle ihn an und er schafft es, zumindest ein wenig seine Mundwinkel anzuheben. Dann wendet er den Blick wieder auf den Bildschirm und gibt seinen Code ein. Ich weiß nicht, worauf er wartet. Wir können hier keine Nachrichten empfangen. Vielleicht hat er meine Mail aber auch doch schon bekommen und liest sie gerade? Ich achte auf seinen Gesichtsausdruck, aber natürlich kann ich nicht einmal eine Regung erkennen, die darauf schließen lässt, dass er gerade meine Worte vor Augen hat.

„Was haben wir denn da?“, Mr Worth taucht plötzlich hinter Simon auf und schnappt ihm das Handy aus der Hand, der panisch aufsieht und kurz scheint es so, als würde er es schnappen wollen. Von meinem Platz aus kann ich tatsächlich erkennen, dass Gmail geöffnet ist. Nun versteife auch ich mich. Keiner darf das sehen.

„Simon, mein Guter. Du weißt doch genau, dass du während der Schulzeit nicht an dein Spielzeug darfst. Es ist doch nicht so schwer, ein paar Stunden, ohne zu leben. Du solltest das mal ausprobieren. Das würde dir sicher sehr gut tun. Es beruhigt und macht einen locker.“ Alle am Tisch haben ihre Gespräche eingestellt und schauen zu Simon. Der schluckt und nickt wild: „Ja, Mr Worth. Das passiert nicht nochmal. Ich schalte es sofort aus.“ Er greift hoffnungsvoll nach dem Gerät, doch unser Stellvertretender Direktor denkt nicht einmal daran, es ihm zurückzugeben. Stattdessen hält er es noch etwas höher und damit aus Simon´s Reichweite. Ich erkenne, dass sich der Bildschirm leicht verdunkelt. Gleich geht es ganz aus.

„Du kannst es dir nach der Schule abholen, Simon“, meint Mr Worth tadelnd und möchte das halb eingeschaltete Handy in seine Hosentasche fallen lassen.

„Natürlich, Sir. Darf ich es aber bitte noch ausschalten? Es verbraucht sonst ja nur unnötig Akku“, ein gefälschtes Lächeln schlüpft über seine Lippen. Ich erkenne ein leichtes, fast unmerkliches Zittern in seiner Hand.

„Weil ich gut gelaunt bin“, Simon zerrt sein Handy fest an sich und schließt sofort alle Anwendungen, bevor er das Gerät vollkommen ausschaltet. Sicher ist sicher. Dann gibt er es widerwillig an unseren Lehrer zurück und der verlässt unseren Tisch.

„Verdammt“, knurrt Simon verärgert. Die anderen lächeln ihn nur mitleidig an. Irgendwie habe ich das Gefühl, etwas beitragen zu müssen, also sage ich vollkommen gedankenlos und flüsternd zu ihm, als würde ich ihm etwas Geheimes mitteilen: „Mach dir nichts draus, du bekommst dein Handy ja wieder und dann kannst du deine Nachrichten immer noch lesen.“ Um das Ganze noch zu toppen, wackle ich anzüglich mit meinen Augenbrauen. Mein Gegenüber läuft rot an und entschuldigt sich, bevor er den Raum verlässt. Ich lasse erschöpft meinen Kopf in meine Hände sinken. Wieso nur habe ich das gesagt? Und getan? Ich glaube nicht, dass mir jemals etwas so unangenehm war.







Ich freue mich gerne über Rückmeldungen und ein großer Dank gilt meiner neuen Beta Namiak, die so lieb war, dieses Kapitel zu kontrollieren.
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