Software Instability

von JoKey
GeschichteDrama, Familie / P16
Hank Anderson RK800-51-59 Connor
05.03.2019
21.10.2019
5
22013
14
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Hallo und Herzlich Willkommen zu einer neuen Geschichte über Hank und Connor :)

Ich kann einfach nicht die Finger von den beiden lassen. Außerdem schwirrt diese Idee schon sehr lange in meinen Gedanken herum, deswegen werde ich jetzt erst einmal zur Probe das erste Kapitel veröffentlichen, um zu schauen, wie die Idee bei euch ankommt. :)

So, aber jetzt wünsche ich euch ganz viel Spaß beim Lesen und LG,
JoKey






SOFTWARE INSTABILITY



Kapitel 1:  Der Sohn, der in den Krieg zieht






Detroit, Police Department
Montag, 10. Juni 2042
8.00 am




Hanks Blick wanderte über die einzelnen Gesichter und Silhouetten der Menschenmenge, die sich auf dem großen Platz vor dem Detroit Police Department versammelt hatte.
Der Himmel über seinem Kopf war in einem der schönsten und klarsten Blautöne getaucht, die er je gesehen hatte und selbst die Sonne strahlte hell auf sie nieder, als wolle sie den heutigen Tag ironischerweise versüßen.

Lieutenant Hank Anderson schnaubte leise und mit einer Spur von Missbilligung und ließ seine Hände in seine Hosentaschen gleiten.
Auch wenn er den Anschein erwecken wollte, dass er wirklich entspannt war und gerade deswegen eine betont lässige Haltung annahm, sah es in seinem Inneren doch wesentlich anders aus.
Er würde sogar so weit gehen, dass er sagen würde, er wäre nervös.

Sein Blick glitt weiter und blieb schließlich an einem jungen Mann hängen, der ebenso nervös und aufgeregt schien, wie er selbst. Kaum blieb Hanks Blick auf besagtem Mann kleben, spürte er sein eigenes Herz plötzlich um das Zehnfache deutlicher in seiner Brust und kurz verkrampften sich seine Hände in den Hosentaschen.

Der junge Mann mit den dunklen, braunen Haaren und den ebenso braunen Augen, dessen Ausdruck jederzeit nahezu kindlich und neugierig wirkte, trug eine dunkelblaue Polizeiuniform, während auf der Rückseite seiner Jacke die Lettern DPD zu lesen waren. In einem pechschwarzen Farbton, so als hätte die Designer dieser Uniform gewollt, dass dieser wunderbare Kontrast entstand.

Als Hank den jungen Mann weiter beobachtete und sah, wie dieser in seinem Gespräch mit einem weiteren Kollegen anfing zu lächeln und schließlich sogar leise auflachte, bescherte es dem älteren Polizisten eine angenehme Gänsehaut und gleichzeitig schien sich eine eiserne Hand um sein Herz zu schließen und unwillkürlich biss er sich auf die Lippe.

Als hätte der junge Mann seine Gedanken gehört, wandte er sich auf einmal zu Hank um und ihre Blicke trafen sich.
Augenblicklich schien der Ausdruck in den haselnussbraunen Augen weicher zu werden und mit einem kurzen Wort an seinen Kollegen ging der junge Mann langsam auf ihn zu.
Hank konnte die blau blinkende LED an dessen Schläfe nur zu deutlich erkennen und irgendwie beruhigt es Hank, dass er das kleine Lämpchen selbst nach vier Jahren einer geglückten Androiden-Revolution nicht abgenommen hatte. Es erleichterte ihm in einigen Situationen den Gefühlsstand seines Freundes deuten zu können.

In diesem Moment kam der Android vor dem Lieutenant zum Stehen, die Hände wie ein braver Schuljunge hinter dem Rücken verschränkt, das Kinn in die Höhe gestreckt und ein unverwechselbares, schmales Lächeln auf den Lippen.

Bevor Connor zu einem Abweichler geworden war, hatte Hank ihn nur selten lächeln gesehen und wenn, dann war es jedes Mal gefälscht und nicht ehrlich. Selbst nachdem er seine Programmierung durchbrochen und zu einem eigenständigen Wesen geworden war, hatte der Ältere beobachten können, dass es Connor dennoch sehr schwer fiel, Gefühle zuzulassen oder sich offen über bestimmte Dinge zu freuen und diese Impulse dann auch zu akzeptieren.
In diesen Wochen war sein Lächeln meist schüchtern und zittrig gewesen, doch mit der Zeit war es immer sicherer und stärker geworden.
Ganz zu Hanks Freude natürlich.

Er musste zugeben, dass er sich sehr an das Lächeln und sogar an das recht zaghafte, aber äußerst angenehme Lachen Connors gewöhnt hatte.
Und auch an dessen Anwesenheit.

Gerade deshalb fiel es ihm in diesem Moment auch so schwer, dem Androiden in die sanften Augen zu sehen, die ihn aufmerksam anblickten und eine professionelle Haltung zu wahren.
Hinter ihnen ertönte das penetrante, laute Lachen einer Gruppe von Männern, vermutlich anderen Polizisten, die sich heute hier versammelt hatten, doch weder Hank, noch Connor schenkten ihnen ihre Aufmerksamkeit.

Hank schluckte und wusste auf einmal nicht, was er sagen sollte. Er räusperte sich, fuhr sich mit einer Hand über den Bart, der mittlerweile und dank Connor von einem wilden Vollbart zu einem gepflegten Drei-Tage-Bart geworden war und ging wieder dazu über, sich unsicher auf die Lippe zu beißen.

Connor sah ihn weiterhin lächelnd an, doch nun begann seine LED von einem beruhigenden Blauton auf ein nervöses, gelbes Flackern zu wechseln und kurz warf der Android einen Blick über seine Schultern auf den großen, dunklen Reisebus, der nur wenige Meter von der großen Menschenmenge entfernt parkte.
Hank folgte seinem Blick und die Eisfaust, die sich um sein Herz geschlossen hatte, drückte erbarmungslos fester zu.

Rasch richtete er seinen Blick wieder auf Connor und räusperte sich erneut. Sofort hefteten sich auch Connors Augen wieder auf seinen Gegenüber.

„Sumo wird dich vermissen.“

Als Hank nun sprach, klang seine Stimme mehr als rau, mehr als hohl und schien das komplette Gegenteil zu seinem sonstigen Ich zu sein. Innerlich schlug er sich vor die Stirn. Gerade in diesem Moment hatte er sich eigentlich vorgenommen, ein Vorbild für Connor zu sein und Stärke und Zuversicht auszustrahlen.

Und nun stand er hier vor ihm und schien kein vernünftiges Wort herauszubringen, ohne wie ein Teenager anzufangen zu stottern. Er fragte sich, wie er es zum Rang des Lieutenants schaffen konnte.
Doch als er das warme Lächeln des Androiden sah, schien die Faust in seinem Inneren langsam zu schmelzen und etwas sicherer legte Hank Connor eine Hand auf die Schulter.

„Ich denke, er vermisst dich jetzt schon, Junge.“, fuhr er fort und seine Stimme klang auch schon um einiges fester.

„Ob er überhaupt merken wird, dass ich weg bin?“, hakte Connor nach und sein Gesichtsausdruck wurde fragender, nahezu überlegend.

Hank lachte leise und drückte die Schulter seines Schützlings.

„Hunde sind treue, feinfühlige Tiere. Er wird sofort merken, wenn du fehlst.“, antwortete er bestimmt.

Connor nickte langsam, auch wenn er noch nicht ganz überzeugt zu sein schien. Wieder ertönte das Lachen der anderen hinter ihnen und Connors LED leuchtete für den Bruchteil einer Sekunde gelb auf. Mit fast schon nervösen Augen sah er Hank an und bei diesem Anblick schien Hanks Herz endgültig zu schmelzen.
Er leckte sich über die trockenen Lippen und verdrängte das brennende Stechen in seinen Augen.

„Du solltest jetzt wohl besser zu den anderen gehen. Wir wollen ja nicht, dass du noch die Abfahrt verpasst, oder?“

Hank hatte es als einen kleinen Scherz geplant, doch sein Grinsen war nicht halb so breit, wie er es sich erhofft hatte und auch seine Stimme klang bloß halbherzig. In seinem Kopf ertönte eine Stimme, die ihm zuflüsterte, dass er doch eigentlich genau auf das hoffte. Sollte dieser blöde Bus doch ohne seinen Connor fahren. Sie hatten genug Polizisten für diese Mission ausgewählt.
Sogar drei andere Androiden waren dabei, wieso also noch einen vierten dazu ziehen?

„Hank?“

Connors leise, unsichere Stimme riss den Älteren aus den Gedanken und sofort richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf den Androiden vor sich. Nur selten erlebte er diesen unsicher, so zögernd wie jetzt. Reflexartig erhöhte er den beschützenden Druck auf dessen Schulter und trat ein Stück näher an ihn heran.

„Ich...ich bin nervös.“, gab Connor schließlich zu.

Hank schwankte zwischen Lachen und Weinen und er brauchte einen kurzen Moment, um sich zu sammeln, bevor er dem Anderen eine Antwort geben konnte.
Diesmal klang seine Stimme wieder viel zu zittrig, geradezu abgehakt.

„Ich weiß, mein Junge.“

Er wollte noch so viel mehr sagen, doch kein Ton wollte seine Lippen mehr verlassen und als er sah, wie Connors LED kurzzeitig in einen gefährlichen Rotton wechselte, konnte er nicht mehr an sich halten und zog den Androiden mit beiden Armen an seine Brust, während er seinen Kopf sanft auf Connor ablegte.

Dieser erwiderte die Umarmung augenblicklich, als hätte er nur darauf gewartet und vergrub sein Gesicht dicht an Hanks Hemd.
Hank brachte seinen Mund dicht an das Ohr des Androiden.

„Vor so einem großen Auftrag ist es normal, aufgeregt zu sein, Connor. Du musst dich dafür nicht schämen oder dich verstecken. Den anderen geht es genauso, glaub mir. Schließlich ist Colorado nicht gerade um die Ecke.“, murmelte er dem Brünetten ins Ohr.

Als er spürte, wie sich Connor darauf nur noch fester an ihn drängte und seine Finger sich in einem verzweifelten Akt um den Stoff seines Hemdes schlossen, seufzte er tief und legte schützend eine Hand an den Hinterkopf des Jüngeren.

„20 Stunden, 23 Minuten und 58 Sekunden.“

Beinahe hätte Hank Connor nicht verstanden, da dessen Worte durch den Stoff seines Shirts gedämpft klang.
Vorsichtig schob er ihn ein Stück von sich, um ihm besser in die Augen sehen zu können. Täuschte er sich oder schimmerten da tatsächlich Tränen in den braunen Augen des sonst so starken Androiden?

„Wie bitte?“, hakte Hank leise nach, etwas abgelenkt von dem seltenen Anblick, der sich ihm gerade bot.

„20 Stunden, 23 Minuten und 58 Sekunden. So lange werden wir unterwegs sein, bis wir die Unterkunft erreichen werden. Ich habe mögliche Unfälle, Wahrscheinlichkeiten einer Staubildung und Pausen bereits miteinkalkuliert.“

Hank lachte leise auf, und doch klang es mehr als ein trockenes Schluchzen. Rasch wischte er sich grob über die Augen.
Fuck, er hatte sich mittlerweile viel zu sehr an die Anwesenheit des Androiden gewöhnt, wie sollte er ihn jetzt auf diese lange und dann auch noch gefährliche Mission gehen lassen, wenn er nicht einmal genau wusste, wann er ihn wiedersehen würde?

„Connor...uhm...hör mal...“

Stammelnd brach Hank ab und spielte nervös mit seinen Fingern. Hinter ihnen wurden bereits die ersten Polizisten Richtung Bus gelotst.
Andere Familienmitglieder verabschiedeten sich entweder weinend oder fest umarmend von ihren Männern, Freunden, Söhnen und Brüdern. Hank schluckte den schweren Kloß in seinem Hals hinunter, kam jedoch nicht ganz dagegen an.

„Wehe ich muss bis nach Colorado fahren, um dich aus irgendeiner misslichen Lage rauszuholen, die du durch deine Sturheit verbockt hast.“

Connor nickte langsam und auch er schien sich zusammenzureißen, um hier und jetzt nicht die Kontrolle zu verlieren. Hank ließ seinen Blick über den Androiden wandern und versuchte sich, jedes noch so winzige Detail einzuprägen, für den Fall, dass diese Spezial-Mission, auf die Connor geschickt wurde, tatsächlich länger andauern sollte.
Als er wieder bei dessen Gesicht ankam, erkannte er das fast schon traurige Lächeln des Anderen und sein Herz wurde schwer bei dem Gedanken, ihn nicht mehr in die Arme schließen zu können, wenn sie abends noch zusammen auf der Couch saßen und sich irgendeine Sportsendung ansahen.

Inzwischen waren schon die meisten für diese Mission ausgewählten Polizisten im Bus und zögernd lief Connor nun ebenfalls los, rückwärts, sodass er Hank weiterhin ansehen konnte.
Hank konnte nicht sagen, was schlimmer war.

Ihm bis zum Ende in die braunen Augen zu sehen, die er so schmerzlich vermissen würde oder sein Gesicht nicht mehr zu sehen, bis er im Bus saß.
Unerreichbar. Weit weg. Getrennt.
Auf dem Weg zu einem Ort, an dem er nicht länger in der Lage war, seinen Jungen zu beschützen. An dem er nicht mehr für ihn da sein konnte, wenn er seine Hilfe brauchte. Wenn es gefährlich werden würde. Selbst wenn der Android eine simple Frage zu dem Sozialsystem der Menschheit hätte, wäre Hank nicht da, um ihm diese Frage zu beantworten.

Er schluckte, die Faust kehrte auf einen Schlag zurück und nahm diesmal nicht nur sein Herz, sondern auch seine Gedanken und seine Lungen ein, es fiel ihm schwer zu atmen und in einem hoffnungslosen Handeln trat er ein paar Schritte vor, in Connors Richtung und nahm die Hände aus den Taschen.

Nichts war mehr übrig von seiner anfänglichen Gelassenheit, gespielt oder nicht.

„Versprich mir, dass du auf dich aufpasst!“, stieß er aus, seine Stimme gepresst und schwankend.

Als Connor ihm jetzt ein letztes schwaches Lächeln schenkte, war sich Hank sogar sehr sicher, dass das Glitzern in dessen Augen nicht die Reflexion der Sonne war.

Hank sah, wie sich Connors Lippen zu einem stummen Satz öffneten und obwohl er die Worte nicht laut aussprach, konnte der Ältere sie doch mit Leichtigkeit an seinen Lippen ablesen.

„Du auch auf dich, Dad.“

Und bevor Hank irgendetwas erwidern oder handeln konnte, drehte sich Connor abrupt um und hastete fast schon fluchtartig auf den großen Bus zu, um sich hinter den letzten Polizisten einzureihen, die nun ebenfalls den Bus betraten und ihre Plätze einnahmen. Hank verfolgte den braunen Haarschopf so lange, bis er ihn zwischen den anderen aus den Augen verlor.

Augenblicklich sackten seine Schultern in sich zusammen und in einem letzten verzweifelten Versuch stellte er sich sogar auf die Zehenspitzen, um vielleicht doch noch einen Blick auf seinen Schützling zu erhaschen, doch er entdeckte nur fremde Gesichter an den Fensterplätzen des Busses.
Nicht weit von ihm entfernt schluchzte eine Frau auf und ließ sich von einer anderen Frau, vermutlich einer Freundin oder Schwester, tröstend in den Arm nehmen, während der Motor des Busses starte.

Hank erstarrte und konnte sich nicht bewegen. Das Weinen der Frau hallte in seinen Ohren wider und selbst als der Bus längst hinter der nächsten Straßenecke verschwunden war und sich die Masse aus Menschen langsam auflöste, stand Hank noch auf dem Platz vor dem Department und starrte auf die Stelle, an der er Connor zuletzt gesehen hatte.

Er erinnerte sich noch gut an das Gespräch mit ihrem Chef vergangene Woche. Es schien ihm sogar, als wäre es erst gestern gewesen, obwohl es jetzt schon einige Tage her war.



Detroit, Police Department
Mittwoch, 5. Juni 2042
11.32 am




„Lieutenant. Es wäre wirklich hilfreich, wenn Sie aufhören würden darüber nachzudenken, ob Sie jetzt den Donut mit der Zucker- oder Schokoladenglasur essen sollen und mir lieber helfen, den Fall zu lösen.“

Hank seufzte bei den Worten seines Partners auf und richtete seine Aufmerksamkeit von der grünlichen Verpackung, die so verlockend auf seinem Arbeitsplatz schlummerte auf den Androiden, der ihm gegenüber saß und ihn mit hochgezogenen Augenbrauen musterte.
Betont interessiert verschränkt Hank die Hände vor sich auf dem Tisch und beugte sich vor.

Manchmal fragte er sich, ob es wirklich so eine gute Idee gewesen war, Connor damals anzubieten, nein, fast schon aufzufordern nach der Abweichler-Geschichte weiterhin beim DPD als sein persönlicher Partner zu arbeiten.

Besagter Partner riss ihn nun abermals aus den Gedanken.

„Wenn ich die anderen zwei Mordfälle mit dem jetzigen vergleiche, kann ich einfach keinen Zusammenhang erkennen. Wir übersehen etwas, ein wichtiges Detail, was vermutlich ausschlaggebend für die endgültige Ermittlung sein kann.“

Hank schmunzelte leicht, als er die Frustration in Connors Stimme wahrnahm. Es kam selten vor, dass sich der sonst so professionelle Android aus der Fassung bringen ließ und auch wenn er als Abweichler viel offener und neugieriger geworden war, ließ er gerade auf Arbeit nie den kleinsten Anschein von Emotionen durchsickern.

Hank wollte sich bereits schwerfällig ächzend aus seinem Bürostuhl erheben, da ertönte die tiefe, grollende Stimme des Captains hinter ihnen und ergeben seufzend schloss er die Augen.

„Hank, Connor, in mein Büro!“

Während der Braunäugige sofort auf den Beinen war und sich Richtung Büro von Fowler begab, ging Hank in Gedanken die letzten Wochen noch einmal im Schnelldurchlauf durch, um sich zu vergewissern, dass er sich diesmal keinen Eintrag in sein Führungszeugnis verdient hatte.
Doch nichts wies daraufhin, weshalb der Captain böse sein sollte oder sonst mit ihnen sprechen wollen würde.

Nun auch etwas neugierig geworden, erhob er sich und folgte Connor in Fowlers Büro. Sofort fiel Hank das eingerahmte Foto hinter dem Schreibtisch des Chefs auf. Es war letztes Jahr an der Weihnachtsfeier des Departments entstanden und Hank konnte das schüchterne und dennoch herzliche Grinsen Connors von der Tür aus erkennen, der in der vordersten Reihe auf dem Bild stand und einen Arm um Hank gelegt hatte, der es dem Androiden gleich getan hatte.

Fowler saß mittlerweile wieder hinter seinem Tisch und blickte Hank und Connor nachdenklich an.
Nach einer kurzen Stille nickte er langsam, als müsse er sich selbst noch einmal ermutigen zu sprechen.
Hank ahnte Böses.

„Sicher habt ihr schon von den Ausnahmezuständen in Colorado gehört?“

Bevor Hank auch nur den Mund aufmachen konnte, antwortete Connor neben ihm wie aus der Pistole geschossen.

„Sie meinen, den Krieg zwischen den Androiden und Mors Daemonia?”

Hank blinzelte verwirrt und blickte zwischen Fowler, der zustimmend nickte und seinem Partner hin und her. Überraschenderweise flackerte Connors LED für einen kurzen Augenblick gelb auf. Misstrauisch verengten sich die Augen des Älteren zu Schlitzen und er verschränkte die Arme vor der Brust.

“Den was?”, hakte er nach.

Die beiden anderen richteten ihre Aufmerksamkeit auf ihn und zögernd begann Connor ihn aufzuklären.

“Mors Daemonia. Eine terroristische Gruppe aus Menschen, die sich noch immer nicht mit der Abweichler-Situation abgefunden haben und jetzt mit speziellen Maßnahmen gegen Androiden vorgehen. Gerade in Colorado haben sich viele der MoDaes zusammengefunden und eigene Stützpunkte errichtet, um von dort immer mehr Anhänger zusammenzutrommeln und gegen die Androiden zu hetzen.”

Hank zog missbilligend eine Augenbraue in die Höhe.

“Und ein MoDae ist demnach zufolge...?”

“Ein Kämpfer der terroristischen Organisation Mors Daemonia.”, antwortete Connor schlicht.

Langsam nickte Hank, während er versuchte, die neuen Informationen in seinem Kopf zu verarbeiten. Noch immer fiel es ihm schwer zu begreifen, dass es wirklich Menschen gab, die die Androiden verachteten und ihnen auf brutalste und grausamste Weise den Tod wünschten und sogar zufügten.
Als er in dieser Sekunde einen Blick auf Connor warf, der neben ihm stand und seine Aufmerksamkeit wieder auf Fowler gerichtet hatte, wurde es dem Lieutenant schwer ums Herz. Er konnte sich nicht vorstellen, was jemand seinem Schützling antun könnte. Er wollte es sich nicht vorstellen.

“Ich will nicht lange um den heißen Brei herumreden. In Colorado herrschen Ausnahmezustände. Die MoDaes rufen immer mehr Leute zusammen und belagern die Städte und Dörfer. Sie nehmen ganze Supermärkte ein, damit die anderen Menschen entweder fliehen müssen oder gezwungen sind, sich ihnen und ihrer Organisation anzuschließen, wenn sie überleben möchten. Sie sind mit den besten und neusten Waffen und Technologien ausgestattet, anscheinend soll unter ihnen auch ein ehemaliger CyberLife-Mitarbeiter sein.”

Hank stieß eine Mischung aus Seufzen und ironischem Lachen aus. Manchmal wurde er doch immer wieder aufs Neue überrascht, wie groß seine Wut auf die Menschheit doch wachsen konnte.

“Und was hat das mit uns zu tun? In Colorado gibt es doch sicherlich genug Einsatzkräfte, die sich um diese Idioten kümmern können.”, meinte Hank langsam.

Fowler seufzte und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, während er den Blick zwischen Hank und dem Androiden schweifen ließ.

“Das ist ja der springende Punkt. Mors Daemonia wächst und wächst und die Zustände in der Stadt und im Umland verschlechtern sich Minute für Minute. Selbst die Vorräte dort werden langsam knapp, es gleicht der Endzeitstimmung. Ganze Felder und Wälder wurden bereits niedergebrannt im Streit zwischen den Menschen und den Androiden.”

“Das erklärt immer noch nicht, weshalb uns das betreffen sollte. Was kümmert es mich, wenn sich die Menschen dort mit ein paar Maschinen bekriegen?  Colorado ist vielleicht das Fünfzigfache von hier zu meinem Haus entfernt.”, entrüstete sich Hank empört.

Er verstand nicht, wieso er sich mit so etwas herumschlagen musste, wenn auf seinem Schreibtisch eh schon genug Arbeit auf ihn wartete.

Fowler seufzte erneut.

„Es wurden mehrere Standorte ausgewählt, von denen Polizisten und Soldaten als ein Sondereinsatzkommando aus nach Colorado fahren, um die Situation wieder unter Kontrolle zu bekommen. Es wird keine einfache Aufgabe werden und diese Mission sollte sehr vertraulich behandelt werden, deswegen-“

Noch bevor der Captain seinen Satz beenden konnte, sickerte die Bedeutung seiner Worte auch schon zu Hank durch und harsch unterbrach er seinen Chef, während seine Arme vor Entsetzen aus der Verschränkung fielen.

„Moment! Jeffrey, Herrgott noch eins, du willst nicht allen ernstes sagen, dass wir auf diese Mission geschickt werden sollen?!“

Fowler blickte Hank eine Minute stumm an, bevor er langsam, nahezu zögernd den Kopf schüttelte. Doch dem Lieutenant genügte dies. Erleichtert seufzte er auf und klopfte Connor auf den Rücken, sodass dieser überrascht schwankte.
Hank lachte leise.

Fowlers nächsten Worte ließen seine Erleichterung in Scherben zerspringen.

„Nur Connor wird gehen.“

Stille.

Hanks Hand lag noch immer auf Connors Rücken, doch nun glitt sie wie in Zeitlupe herunter, bis sein Arm emotionslos neben ihm hing. Wie paralysiert starrte Hank Fowler an und während er noch immer darauf wartete, dass dieser in Gelächter ausbrach und ihnen erklären würde, dass das bloß ein dummer Scherz gewesen war, erkundigte sich Connor schon nach den Einzelheiten der Mission.

„Wann geht es los?“

„Nächste Woche Montag. Treffpunkt wird das Office sein, weitere Details werden mir die nächsten Stunden noch zugeschickt. Es wurden auch mehrere Androiden ausgewählt, die für die Schlichtung des Konflikts zuständig sind. Da du ein besonderes Kommunikationsmodul besitzt und dich also bestens für so einen Fall vorbereiten kannst, haben wir beschlossen, dich aus unserem Team bereit zu stellen. Einige der anderen Kollegen werden dich begleiten und natürlich auch noch die von den anderen Standorten. Ich denke, es müssten-“

Hanks Schrei, tief und grollend wie ein Donner, ließ Fowler sofort verstummen und sogar zusammenzucken. Selbst Connor schien überrascht über den plötzlichen Ausbruch seines Freundes.

„DAS KANN NICHT DEIN VERDAMMTER ERNST SEIN, JEFFREY!“

Der Captain schien bereits mit solch einem Ausbruch gerechnet zu haben, denn er erhob sich von seinem Stuhl, um beschwichtigend die Hände zu heben.

„Hank, die Situation in Colorado ist ein Ausnahmezustand und befindet sich in höchster Alarmbereitschaft. Connor ist ein Prototyp, der bestens für diese-“

Wieder wurde er unterbrochen.
Diesmal schlug Hank zur Unterstützung seiner Worte mit geballten Fäusten auf den Tisch vor sich, was Fowler bloß mit gehobener Augenbrauen zur Kenntnis nahm.

„Und wenn er der einzige Prototyp auf diesem beschissenen Planeten wäre, er wird nicht auf diese Mission gehen!“

„Und das hast du zu entscheiden?“, entgegnete Fowler gereizt.

„Ja, habe ich.“, antwortete Hank ohne zu zögern.

Connor bewegte sich neben ihm, doch Hank ließ ihm gar keine Zeit zu sprechen. Er hob drohend einen Zeigefinger und sein Blick bohrte sich wie messerscharfe Dolche in Fowlers, der diesen entschlossen erwiderte.

„Von mir aus schick Reed in dieses verfluchte Kriegsgebiet, aber Connor bliebt hier.“

Und mit diesen Worten wirbelte er herum und rauschte aus dem Büro, ohne Fowler oder Connor noch eines Blickes zu würdigen.
Wutentbrannt ließ er sich auf seinem Stuhl nieder und eine junge Polizisten, die eigentlich gerade einen neue Fallakte an seinen Platz bringen wollte, quiekte erschrocken auf und drehte sich auf dem Absatz wieder um.

Hank verschränkte trotzig die Arme vor der Brust und starrte Löcher auf seinen unordentlichen Tisch. Normalerweise erbarmte sich Connor mindestens einmal im Monat, ihn für Hank aufzuräumen, doch bis jetzt war selbst der fleißige Android noch nicht dazu gekommen.

Gedankenverloren kaute Hank auf seiner Unterlippe herum.

„Was ist das überhaupt für ein bescheuerter Name? Mors Deamonia.“, murmelte er leise.

„Es ist lateinisch und bedeutet soviel wie Tod den Dämonen. Wer mit Dämonen gemeint ist bedarf wohl keiner Erläuterung.“

Hank seufzte, als er die nur zu wohl bekannte Stimme hinter sich vernahm und nur wenige Augenblicke später erschien Connor in seinem Blickfeld, der sich gelassen auf seinen Stuhl setzte und sich bereits wieder in seine Arbeit vertiefen wollte.
Fassungslos starrte Hank ihn eine Weile an, bevor er sich vorbeugte und den Androiden an der Schulter fasste, um seine Aufmerksamkeit zu gewinnen.

„Wie zur Hölle bist du so ruhig?“

Connor hob eine Augenbraue. Seine LED leuchtete blau.

„Wieso sollte ich nicht ruhig sein? Captain Fowler hat mir einen neuen Fall gegeben und ich werde ihn bearbeiten.“

Hank schnaubte abfällig und verstärkte seinen Griff an der Schulter seines Partners.

„Das ist aber kein Fall, das ist ein verdammtes Himmelsfahrtkommando!“

Connor zuckte bloß mit den Schultern, doch hatte sich nun auch von seinem Monitor abgewandt und blickte Hank an.

„Ich kann auf mich aufpassen, Hank. Ich wurde für solche Aufgaben erschaffen.“

„Aber doch nicht, um in den Krieg zu ziehen, mein Junge!“, entgegnete Hank halb drohend, halb flehend.

Connors LED blinkte kurz gelb auf, bevor er seine Hand hob und sie sanft auf die Hanks legte, die sich noch immer an seinem Oberarm befand.
Der Ausdruck in den haselnussbraunen Augen wurde weicher, wärmer und irgendwie verstehend.

„Ich möchte doch auch nicht, dass wir getrennt sind. Aber ich bin ein Polizist und ich werde meine Pflichten erfüllen.“

Hank öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Darauf fiel ihm keine Antwort ein. Er wusste, tief in seinem Inneren, dass der Andere Recht hatte.
Und doch konnte er sich nicht dazu bringen, Connor einfach so gehen zu lassen, mit dem Wissen, dass er eventuell in eine verdammte Schlacht ziehen würde.

„Ich komme mit dir.“, meinte Hank entschlossen.

Sofort schüttelte Connor den Kopf und kurz meinte Hank so etwas wie Furcht in den Augen des Androiden aufblitzen zu sehen.

„Du wirst hier gebraucht, Hank.“

„Du brauchst mich mehr!“, erwiderte Hank grob.

Ich brauche dich mehr.

Connors Lippen verzogen sich zu einem liebevollen Lächeln und sanft drückte er Hanks Hand.

„Es wird schon alles gut gehen.“

Und mit diesen Worten drehte der Android sich wieder seinen Arbeiten und Aktenordnern zu, sodass Hank keine Wahl hatte, sich auch wieder seinen Papieren zu widmen.

Dabei wollte ihm kein klarer Gedanke mehr gelingen und aus einem unerklärlichen Grund tauchten immer wieder Bilder von Connor in einer sandfarbenen Uniform und mit einem Sturmgewehr auf dem Rücken vor seinem inneren Auge auf.




Detroit, Police Department
Montag, 10. Juni 2042
8.34 am



Das laute Hupen eines vorbeifahrenden Autos riss Hank aus seinen Erinnerungen und kurz blinzelte er, um wieder in die Realität zurück zu finden.

Als er realisierte, dass er noch immer unbewegt an Ort und Stelle stand, doch der Bus schon lange verschwunden und die anderen Menschen sich wieder zerstreut hatten, seufzte er tief und fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht.

Eine seltsame Leere hatte von ihm Besitz ergriffen und er fragte sich, wann er an dem Punkt angelangt war, an dem er Connor schon nach wenigen Minuten vermisste.

Er erinnerte sich an seine Worte, die er Connor mit auf den Weg gegeben hatte.

„Wehe ich muss bis nach Colorado fahren, um dich aus irgendeiner misslichen Lage rauszuholen, die du durch deine Sturheit verbockt hast.“


Er schluckte und konnte nicht länger gegen das verräterische Brennen in seinen Augen ankämpfen.
Denn er wusste, dass er nicht eine Sekunde zögern würde, um seinen Jungen aus der Gefahr, ganz egal wie groß sie sein sollte, zu retten und sicher nach Hause zu bringen.
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