Die Entherzerin

OneshotRomanze, Schmerz/Trost / P12 Slash
04.03.2019
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Inej

Jedesmal, wenn sie Nina besucht, erinnert sie sich an ihr erstes Treffen. Sie denkt an das naive Mädchen, das sich auf wahrhaftig jeden Vertrag eingelassen hätte, nur, um Arbeit zu bekommen. Gefährlich, besonders für eine Grischa. Sie gelten vielerorts zwar als “Bedienstete”, der Sklavenhandel in Kerch ist schon lange verboten, doch eigentlich sind sie in Haushalten der Reichen nichts anderes als Sklaven, die alles mögliche an Arbeit verrichteten. Und wer wollte nicht eine hübsche, junge Entherzerin auf seiner Seite haben?

Die alten Krämer würden sie sofort unter Vertrag nehmen.

Doch stattdessen arbeitet Nina in der weißen Rose, verdient sich ihr Geld nicht als Waffe sondern als jemand, der Fältchen verschwinden lässt und glücklich macht.

Inej vergewissert sich, dass niemand außer der Grischa im Raum ist, und gleitet durchs Fenster hinein. Nina zuckt nichtmal zusammen, nicht wie die meisten, die nur von dem Phantom aus Erzählungen und Schauermärchen gehört haben.

“Ist es nicht manchmal deprimierend, das hier statt einer Soldatin zu sein?” fragt sie, als sie sich auf dem Fenstersims niederlässt, die Hände an der Hose abstreifend.

“Ist es nicht manchmal merkwürdig, durch Fenster zu klettern, um Leute zu besuchen?” kommt es zurück, aber Nina lächelt; sie meint es nicht böse. Genauso wenig wie Inej. Aber von leichter, einfacher Konversation hat sie noch nie besonders viel gehalten.

“Durchs Fenster klettere ich oft, aber nicht, um Leute zu besuchen.”

“Dann sollte ich mich wohl geschmeichelt fühlen”, antwortet sie, während sie das schmuckvolle Grischagewand auszieht. Es ist nicht echt, und eigentlich nur Show für die Kunden, aber Rot ist definitiv Ninas Farbe. Sie sieht mit der Robe wie eine edle Zauberin aus, die einem jeden Moment das Herz zum Stillstand bringen konnte.

Inejs Herz brachte sie lediglich zum Hüpfen. Ihr Besuch nach dem letzten Kunden ist zu einem kleinen Ritual geworden, wenn sie nicht gerade irgendetwas für Kaz erledigen muss, aber trotzdem zwickt etwas in ihrem Inneren, wenn sie sieht, wie der rote Stoff an Ninas Schultern hinabgleitet, an der sanften Kurve ihres Rückens.

“Nicht zu sehr. Es dient auch meinem eigenen Vergnügen.”

“Wie unanständig!” Nina lacht auf, “Ich hoffe doch, du bittest deine Götter nachher um Vergebung.”

Inej wird ein wenig ernster und schüttelt den Kopf.

“Nicht mehr.” Sie springt ab und landet weich auf dem Boden, immer noch bedacht, kein Geräusch zu machen. Komplette Lautlosigkeit, das ist etwas, das sie niemals ablegen wird. Zu sehr hat sie sich daran gewöhnt, jedes Geräusch zu analysieren und auszumerzen. Die meisten finden ihre vorsichtigen Bewegungen unheimlich. Doch die Grischa scheint sich nicht daran zu stören. Sie wirft lediglich die Robe auf einen Stuhl und hält dem Phantom die Hand hin ohne etwas zu sagen, jetzt lediglich in einem hellen, leichten Unterkleid.

Ein weiteres ihrer neuentdeckten Rituale. Inej legt ihre Hand in Ninas und führt sie zu ihren Lippen. Sie weiß genau, dass Nina ihren Herzschlag spürt, wie es ihr geht, wie warm ihr wird.

“Und weißt du, wieso ich damit aufgehört habe?”

“Sag es mir.”

“Ich glaube nicht, dass wir etwas Falsches machen”, flüstert Inej gegen ihre Haut und beobachtet sie genau. Hier im Barrel kann man niemandem vertrauen. Besonders Inej hütet sich davor. Aber mit ihr ist es anders. Sie kennt ihre Vergangenheit, ihr Leid, wenigstens etwas davon. Und sie braucht jemanden wie Nina, jemand der ihr Halt gibt. Sie ist einfach zu lesen, nicht so wie Kaz, für den sie zwar alles machen würde, dessen Gedanken sie aber niemals erraten könnte. Hier fühlt sie sich sicher.

Sie lässt es zu, dass Nina ihre Hand zu ihrer Schulter führt und dort ablegt, um ihre Arme um sie zu legen.

“Ich will das gleiche sagen können, Inej.” Sie seufzt, und Inej weiß wieso. Es gibt keinen Tag, an dem sie nicht auf Matthias wartet, ihn herausholen will aus dem Höllenschlund. Aber manchmal glaubt sie zu sehen, wie Nina ihn vergisst, für nur einen Moment. Und das ist ihr genug. Sie würde es ihr nicht verübeln, wenn Matthias freikäme und sie sofort zu ihm gehen würde. Jedes mal, wenn sie von ihm spricht, sieht sie so unglaublich sehnsüchtig aus. Und darauf hat Inej sich eingelassen, als das hier anfing. Sie hat gewusst, sie würde niemals die Eine für die Entherzerin sein, aber das hält sie nicht davon ab, das, was sie haben, zu genießen solange es nur hält.

“Ich weiß.” Sie küsst ihren Mundwinkel, ganz leicht nur. “Es ist in Ordnung.” Nina lehnt sich etwas weiter in sie hinein, verlangt einen richtigen Kuss, aber Inej dreht den Kopf etwas weg. Die Grischa runzelt die Stirn und zieht den Mund zu einem Schmollen zusammen.

“Inej...” Sie klingt wieder etwas mehr wie sie selbst, gespielt weinerlich. Oder vielleicht ist sie tatsächlich ungeduldig, was nichts Neues wäre. Inej lächelt etwas.

“Ich will, dass du weißt, dass es wirklich okay ist.”

“Das tue ich!”

“Du hast Schuldgefühle, Nina. Aber du musst keine haben. Jedenfalls nicht mir gegenüber”, murmelt sie, und Nina schüttelt den Kopf.

“Ich habe wegen Allem Schuldgefühle. Ich glaube, die Sache hier”, sie deutet vage auf sie beide, bevor sie die Arme etwas fester um sie schlingt, “ist meine kleinste Sorge. Wirklich. Und Schuld empfinde ich kaum noch. Es ist nur...” Sie ringt nach Worten, was Inej überrascht, denn normalerweise ist die Grischa die schlagfertigste Person die sie kennt. Manchmal hat sie das Gefühl, sie vergisst während dem Sprechen das Atmen. Es ist immer sehr niedlich, wenn sie sich währenddessen an Luft verschluckt.

“Ich weiß nicht mehr, was ich tun würde, wenn ich ihn wieder sehen würde. Und am Anfang war es mir klar, ich dachte, wir... bräuchten beide einfach nur Ablenkung. Aber es fühlt sich nicht mehr nur nach Ablenkung an. Und das... das bringt keine Schuld, nein. Sondern Unsicherheit? Wenn ich darüber nachdenke, nimmt es mir den Boden unter den Füßen, Inej. Und ich weiß nicht, was ich tun soll.”

Jetzt ist Inej an der Reihe, sich nach vorne zu lehnen, und Nina verweigert sich nicht. Es ist kein langer Kuss, aber ein schmerzhafter. Sie löst sich und muss den Kloß in ihrem Hals runterschlucken, als Nina das Gesicht in ihrer Halsbeuge vergräbt. Sie spürt, wie ihre Brust sich gegen sie heftig hebt und senkt, und auf einmal tut ihr die Entherzerin unglaublich leid. Für einen Moment glaubt sie tatsächlich, sie brächte ihr Herz zum zerreißen.

“Nina. Du musst nicht darüber nachdenken. Du musst dich nicht entscheiden, ich zwinge dich nicht dazu. Besonders nicht jetzt.” Jetzt war nur sie mit ihr auf dem Zimmer, nicht Matthias, kein Kunde, nur sie zwei. Es gab keinen Grund für ihr Leid.

“Ja... ja, ich weiß. Es tut mir leid.”

“Das muss es nicht.”

“Ich ruiniere unseren Abend!”

“Nein”, protestiert Inej, “Das tust du nicht. Du bist mir wichtig. Glaubst du wirklich, ich will, dass du soetwas mit dir herumträgst?”

“Naja, ich hätte es zu einem besseren Zeitpunkt sagen können.” Nina sieht hoch zu ihr, die Augen feucht, und Inej muss nochmal schlucken. Sie sieht so verletzlich aus wie nie, und es ist schwer zu glauben, dass dieses Mädchen jemanden mit einem Wink umbringen konnte.

“Egal.” Sie lässt ihre Hand durch Ninas langen Haare gleiten und genießt ihr Aufseufzen.

“Inej?”

“Hm?”

“Danke.”
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