Be my Wardruna

KurzgeschichteRomanze, Fantasy / P18
OC (Own Character)
03.03.2019
03.03.2019
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Er hatte sie schon an so vielen Abenden in der Großen Halle gesehen. So viele, an denen sie ihm Met eingeschenkt und sein Essen gebracht hatte. ZU viele Abende, die er hatte verstreichen lassen, ohne dieses zauberhafte Geschöpf nach seinem Namen zu fragen.

Oh, er hatte schon zu viele Blicke von Dienerinnen geerntet, die von Furcht erfüllt waren. Als Kind hatten sie ihn erst gar nicht beachtet, und je älter, aggressiver, zorniger er wurde, desto ängstlicher wurden sie. Doch jetzt, da er sich zum König von Kattegat emporgehoben hatte, kannte die Angst in ihren Augen kaum noch Grenzen. Sie alle kannten die Geschichten, erzählen sie hinterm seinem Rücken weiter, schmückten sie aus, machten aus ihm ein noch größeres Monster, als er ohnehin schon war. Dass er seinen Bruder Sigurd im Streit getötet hatte, war ein Makel, von dem er sich nicht mehr reinwaschen konnte. Es war einer von vielen, es war nicht so, als ob es ihn kümmerte. Er wusste, was die Leute über ihn dachten. Er hatte schon längst eingesehen, dass es keinen Sinn hatte,   noch zu versuchen sie zu überzeugen, dass er nicht Ivar der Knochenlose, der Grausame, der Kaltherzige war.

Doch dieses Mädchen war anders. Ihr stand nicht die nervöse Furcht in den Augen, die er schon zu oft an Festabenden bei Tisch erlebt hatte. Die Hoffnung, er möge sie einfach ignorieren, nicht das Wort an sie richten, sodass sie seinen Fängen so schnell wie möglich wieder entkommen konnten. Im Gegenteil. Sie warf ihm ein warmherziges, ehrliches Lächeln zu, als sie sich seinem Platz mit einem Krug in den Händen näherte, und seinen Becher nachfüllte. Es stand ihr nicht zu, ihn anzusprechen. Das wusste sie. Und Ivar wusste es ebenso. Sollte sie es doch tun, müsste dies eine Bestrafung nach sich ziehen. Seine Mutter hatte an schlechten Tagen die Hausdienerinnen oft zurechtgewiesen. Entweder, weil sie sich nicht hinreichend um sein Wohl gekümmert hatten, sich Bemerkungen erlaubt hatten, die sie sich nicht erlauben durften, oder zu spät die ihnen aufgetragenen Aufgaben erledigt hatten.

Nein, heute würde er es nicht versäumen. Heute wollte er zumindest erfahren, warum sie ihm nicht mit derselben Angst begegnete, wie es der Rest von Kattagat tat. Wie sie es sollte!

„Du bist nicht von hier. Ich habe dich in der Vergangenheit noch nicht hier gesehen.“, stellte Ivar fest, als sie sich gerade wieder von ihm entfernen wollte. Anstatt sofort zu antworten, stutzte sie kurz, drehte sich langsam zu ihm um und lächelte erneut dieses warme Lächeln, was sie ihm schon so oft zuvor geschenkt hatte. „Das kannst du auch gar nicht. Ich kam erst vor ein paar Monaten nach Kattegat.“ „Woher kommst du?“ „Hedeby.“ Ivars tiefblaue Augen verengten sich zu Schlitzen. „Hat Lagertha dich hergebracht?“ Zu weit gegangen. Ein jedes Mädchen hätte tunlichst jede Beziehung zur ehemaligen Königin sofort verleumdet oder verharmlost. Es war kein Geheimnis, dass Ivar die vertriebene Lagertha immer noch töten wollte. „Nein, ich habe noch zu Zeiten, als sie Jarl Ingstad in Hedeby war, unter ihr gearbeitet. Doch als sie sich von deiner Mutter die Krone gestohlen hatte (Ivar atmete gleichzeitig scharf ein), sollte ich aus ihren Diensten entlassen werden. Ich wurde nicht mehr benötigt, ich hätte verheiratet werden sollen. Allerdings ist mein Versprochener so schnell nach Wessex mit deinen  Halbbrüdern aufgebrochen, dass es nie zu einer Vermählung kam. Es wurde mir also zuteil, deine Dienerin zu werden.“, schloss das fremde Mädchen ihre kurze Erzählung.

„Du weißt, wen du hier vor dir hast?“
Die Frage war rein rhetorisch. Er wusste genau, dass sie von Björn und Hvritserk sprach. „Aber natürlich. Du bist Ivar, der Knochenlose. Jüngster Sohn von Ragnar Lothbrok und König von Kattegat.“ Wenn sie dies aussprach, klang es wirklich fast feierlich. Ivar konnte nicht leugnen, dass es ihm gefiel, wie sie ehrfürchtig von ihm sprach. Doch war es wirklich das, was sie meinte? Normalerweise senkten die Leute den Kopf, wenn sie als Diener zu ihm sprachen. „Und du weißt, mit welchem Respekt du mir eigentlich entgegen treten müsstest?“ „Habe ich mich fehl verhalten?“, fragte das Mädchen ohne Erfurcht, jedoch sichtlich überrascht, von Ivar kritisiert worden zu sein.

Es gefiel ihm. Oh ja, sie war nicht so ein katzbuckliges kleines Geschöpf, welchem vor Angst die Knie schlotterten. „Nein, ganz und gar nicht.“, meinte Ivar sanft. „Wie gesagt, ich war nur verwundert.“ Sein Blick wanderte von ihren dunklen Haaren zu ihrem Gesicht, ihren wachen, rehbraunen Augen und den kleinen, dunklen Sommersprossen, die sich um ihre Nase und Wangen legten. „Wie heißt du?“, fragte er ruhig, und verlor dabei ihre Mimik nicht aus den Augen. „Nemi“, antwortete das Mädchen. Ivar runzelte die Stirn. „Du bist keine Wikingerin. Warum hast du mir gesagt, du wärst aus Hedeby?“ „Weil es die Wahrheit ist. Meine Eltern haben den Geschichten von Sinric, dem Wanderer, wohl etwas zu häufig gelauscht. Ich weiß selbst nicht, woher dieser Name stammt.“

Auch hier musste Ivar zugeben, dass sie sich recht schnell souverän gehalten hatte. Sie sagte die Wahrheit. Er kannte Sinric, wenngleich er nicht viel von ihm hielt. „Warum hast du keine Angst vor mir?“, fragte er frei heraus. „Wie bitte?“, fragte Nemi, diesmal leicht verwirrt. Ivar kam ihr mit seinem Gesicht näher, damit er ungebetene Zuhörer fernhalten konnte. „Seit Wochen bist du jeden Tag unmittelbar in meiner Nähe. Die anderen Gänse würden wohl lieber die Schweine füttern und ihre Stallungen säubern, als mir mein Essen zu bringen. Aber du...“, er ließ eine ihrer Haarsträhnen durch seine Finger gleiten, „...du schenkst mir sogar noch ein Lächeln dabei. Warum?“

„Warum sollte ich nicht?“, fragte Nemi lachend. „Ich bin immerhin Ivar der Knochenlose, wie du selbst gesagt hast! Ich glaube, mein Ruf eilt mir voraus.“ Die Braunhaarige stellte den schweren Metkrug neben ihm ab und strich mit einem ihrer Finger über die Lederriehmen an seinen Händen. „Das ist wahr. Ihr seid der Knochenlose, ein Krüppel, der Sohn von Ragnar. Aber seid Ihr nicht auch irgendwo einfach nur Ivar? Ivar, ein Mensch, der essen, trinken und schlafen muss?“ Die Augen des Wikingers entflammten erneut. Zuerst vor Wut, doch je weiter sie sprach, desto schneller beruhigte sich sein so schnell erhitztes Gemüt. „Wie mir erzählt wurde, gab es in eurem Leben nicht viel Normalität. Und soviel ich weiß, habt ihr noch keine Magd  gepfählt, weil sie euch nicht schnell genug Met nachgeschenkt hat, oder?“, fragte sie nun lachend. „Also denke ich mir, warum sollte ich mich in Eurer Gegenwart anders benehmen? Habt Ihr es nicht auch verdient, genauso normal behandelt zu werden, wie alle anderen neben Euch?“
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