Kardiale Arrhythmie

OneshotDrama, Schmerz/Trost / P16 Slash
03.03.2019
03.03.2019
1
7051
2
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Kardiale Arrhythmie


1

Über der Stadt lag ein dunstiger Nebel. Sein Blick wanderte über die dicken Schwaden, die gespenstisch weiß das obere Drittel der Skyline verschluckten. Ein kalter Luftzug fegte über sein regungsloses Gesicht.
Eines der Fenster stand offen und es drang das gleichbleibende Klappern der Straßenbahn hindurch, das er mittlerweile gar nicht mehr bewusst wahrnahm. Viel zu sehr hatte er sich an die Abläufe seines Alltags gewöhnt.
Die Straßenbahn hielt an und es stiegen Menschen aus, manche stiegen hinzu und setzten sich auf zerschlissene Lederpolster. Wieder andere blieben stehen und starrten auf ihre Smartphones. Er sah aus dem Fenster.
Immer.
Konzentriert zog er sich die Kapuze seiner schwarzen Baumwolljacke tiefer ins Gesicht. Seine Lider waren schwer und seine Finger kalt. Müdigkeit ergriff Besitz von ihm und er blinzelte sie so gut es ging einfach weg.
Gleichmäßig atmete er die kalte Luft, gemischt mit dem Geruch von herbstlichem Regen in einer versmogten Stadt, ein und aus, dachte an nichts und verfolgte den dichten Nebel mit den gereizten Augen.
Das rhythmische Klopfen der Gleise beruhigte ihn und ließ ihn für wenigstens einen Augenblick naiven Frieden spüren. Niemand beachtete ihn, es gab keine anstrengenden Unterhaltungen oder unverständliche Emotionen.
Dave war allein mit sich selbst.
Und diesem Nichts, das in seinem Kopf vorherrschte, um ihn vor dem Durchdrehen zu bewahren. So oft wie möglich dachte Dave an absolut gar nichts, damit er nicht den Verstand verlor. Da ihm niemand sagen konnte, wie er mit seinen Gedanken umgehen sollte, hatte er die Lösung eigenständig entwickeln müssen.
Für Menschen wie ihn gab es keine selbstverständliche Hilfe.
Menschen wie er standen am Rand der Gesellschaft, weil sich die meisten keine Gedanken darüber machten, was sie mit Menschen wie ihm anfingen, sobald sie zurückkamen und urplötzlich in die Gesellschaft wiedereingegliedert werden mussten.
Dave war körperlich zurückgekommen.
Den Rest von sich hatte er in einem imaginierten Grab in der tristen Wüste beigesetzt, es hatte keine Trauerfeier gegeben und er war der einzige Besucher gewesen. So oder wenigstens so ähnlich hatten es die anderen auch gemacht.
Im Grunde genommen war es alternativlos.
Nun beschleunigte sich sein Herzschlag doch und er sprang von seinem Sitzplatz auf, um an der nächsten Station die Hochbahn zu verlassen. Es war die letzte Haltestelle, die auf der Brücke lag, bevor die Bahn zur Tram wurde.
Dave stellte sich an das Geländer, von dem aus er einen guten Blick auf die verhangene Stadt hatte. Der Nebel wurde dichter, je weiter die Uhrzeit voranschritt, und er lehnte sich mit den Unterarmen auf das feuchte Geländer.
Es war, als würde er ein romantisches Gemälde betrachten, nur eben mit der Skyline einer vollgestopften Stadt, anstatt einer Klippe vor dem Ozean oder einem gespenstischen Wald. Doch herrschte ein wirklich so großer Unterschied dazwischen?
Bewusst sog er die Luft durch die Nase ein und schloss für einige Sekunden die Augen, in der Hoffnung, der Moment würde niemals vorübergehen. Dave fühlte sich lebendig und horchte aufmerksam in die verhaltene Ruhe der anbrechenden Nacht.
Städte schliefen eigentlich nie, die Laternen brannten ununterbrochen bis in die Morgenstunden und es gab auch immer jemanden, der nach Hause fahren wollte, sei es mit dem eigenen Auto, einem Taxi oder eben der Bahn.
Andere wiederum wollten nicht nach Hause, so wie er.
Dave hatte zwar eine Wohnung, aber sie war nicht sein zu Hause. Er hatte schon lange keinen Ort mehr, den er freiwillig so nennen wollte.
Er kannte auch zu viele, die dasselbe Schicksal teilten – oder gar nicht mehr die Chance dazu bekommen hatten, weil ihre Zeit zu gehen früher gekommen war als seine. Dave lebte und atmete, und es war ihm bewusst, er zehrte davon.
Klammerte sich daran fest, als würde es ihm jemand wegnehmen wollen.
Endlich löste er seinen Blick von den Nebelschwaden und nahm die Arme vom Geländer, um sich langsam in Bewegung zu setzen. Seine Schritte krachten auf dem Stahlkonstrukt, das etwa zwanzig Meter über den Boden hinausragte.
Die Hochbahn bei Nacht war momentan der schönste Ort für ihn, denn hier waren selten andere Menschen, um ihn aus seiner Konzentration zu reißen, die er sich mühsam Tag für Tag zu bewahren versuchte.
Hier schien die Welt für ein paar Sekunden Sinn zu ergeben, Chaos zu Ordnung zu werden, Unwissenheit durch Erkenntnis ausgetauscht zu werden.
Auch an diese Illusion klammerte sich Dave.
Sehr viel verzweifelter als ihm bewusst war.

2

Sein Gegner war deutlich größer als er und außerdem bewaffnet. Mit erhobenen Händen versuchte er sich weniger bedrohlich aussehen zu lassen, doch brüllte ihn der Mann mit der schlecht sitzenden Gesichtsmaske weiterhin an, dass er die Hände hochnehmen sollte.
Ricks Herz pochte schnell, seine Pupillen waren geweitet und er atmete unkontrolliert ein und aus. Das Adrenalin flutete seinen Körper und machte seine Knie weich. Außerdem begann er zu schwitzen und zu zittern.
Er hatte Angst.
Panische Angst, um genau zu sein.
Eigentlich war er auf dem Weg nach Hause, wo er sich nur hatte duschen und ins Bett legen wollen, um seinen verdienten Feierabend einzuleiten. Gerade aber zuckten dunkle Visionen durch seinen Kopf, die ihn immerzu als Leiche zeigten.
„Gib mir deine Uhr, na los“, rief der Bewaffnete und kam noch ein weiteres Stück auf Rick zu, der sich mit dem Rücken fester gegen die beschmierte Wand hinter sich presste. Die Gasse war weit ab von der Hauptstraße und hierher würde sich niemand verirren, um ihn zu retten.
Behutsam hob Rick den Kopf, um Blickkontakt mit dem Maskierten herzustellen, dessen wild rollende Augen darauf schließen ließen, dass er unter Drogen stand oder wenigstens betrunken war. Das machte es nicht besser.
„Ich habe keine Uhr“, raunte Rick mit zitternder Stimme und drehte den Kopf vorsorglich weg, weil er damit rechnete, auf der Stelle erschossen zu werden. Seine Arme versagten ein wenig und sanken hinab, da fuchtelte der Angreifer rücksichtsloser mit der Waffe.
„Dann dein Portemonnaie, na mach schon!“ schrie der Mann nun ungehaltener und begann damit, Rick eigenhändig mit der freien Hand abzutasten, wobei er äußerst schmerzhaft und rücksichtslos vorging.
Rick ließ diese Prozedur über sich ergehen und kniff die Augen zusammen. Das machte es nicht besser, aber er hatte auf diese Art das Gefühl, dass es jemand anderem passierte, während er einfach nur zuhören musste.
Endlich hatte sein Angreifer das verdammte Portemonnaie in Ricks Hosentasche gefunden und es an sich genommen. Er öffnete die Augen und beobachtete den Mann dabei, wie er es auffaltete und darin zu wühlen begann.
Hektisch riss er ein paar kleine Scheine heraus und wurde dabei noch ungehaltener, beinahe verzweifelt. Die Hand mit der Waffe wanderte an seine Stirn und er schüttelte mehrfach ungläubig den Kopf.
„Scheiße, Mann…“, röchelte der Maskierte und richtete erneut die Waffe auf Rick, doch dieses Mal deutlich verärgert, als hätte Rick einen Fehler gemacht.
„Das kann doch nicht alles sein, leer deine Taschen aus“, befahl der Fremde mit zitternden Händen und kratziger Stimme. Rick schüttelte den Kopf und versuchte ihm klar zu machen, dass er nichts mehr bei sich trug.
„Ich schwör’s, mehr hab ich nicht dabei“, flehte Rick und der Maskierte begann vor ihm auf und ab zu laufen, die Waffe immer wieder auf Rick gerichtet, der zwischen der Hauswand und dem Müllcontainer in der Falle saß.
„Das ist deine Schuld!“ brüllte der Angreifer ungehalten und verpasste Rick mit der Waffe einen Schlag ins Gesicht, sodass dieser auf die Knie fiel und sich an die Stirn fasste. An seinen Fingern klebte Blut, doch wagte er keine schnellen Bewegungen.
Bevor der Maskierte allerdings zu einem neuen Schlag oder einem tatsächlichen Angriff auf Ricks Leben ansetzen konnte, näherte sich ihm jemand aus dem Schatten und stieß ihn gewaltsam vom Müllcontainer weg.
„Lauf weg!“ rief jemand.
Rick war außerhalb der Schussbahn und machte sich für eine Sekunde klein in der Ecke zwischen Container und Wand, dann stellte er sich ruckartig auf die Füße und begann zu rennen, so schnell er konnte.
Hinter der nächsten Hauswand presste er sich mit dem Rücken gegen den kalten Stein und drückte sich beide Handflächen auf das Gesicht, um seine Angst in den Griff zu bekommen. Aus der Gasse, aus der er vorhin geflohen war, hörte er die Geräusche eines erbitterten Kampfes zwischen zwei Menschen.
In dieser Sekunde kam sein Bewusstsein in der Wirklichkeit an und Rick löste sich aus seiner Starre, um sich selbst abzutasten. Wo zum Teufel war sein Smartphone? Trotz der warnenden inneren Stimmen lief er zurück zum Container.
Die beiden Männer schienen sich immer noch zu bekämpfen, Rick konnte nicht ausmachen, wer gerade die Oberhand hatte. Sein Smartphone lag unter dem Container, es musste bei der Durchsuchung aus seiner Jackentasche gefallen sein.
Mit schmierigen Fingern wählte er den Notruf und schilderte seine Situation so detailliert wie möglich. Kurz darauf wurde ihm versichert, dass Rettungskräfte und auch Polizeikräfte auf dem Weg zu seiner ungefähren Position wären.
Rick wollte erneut die Flucht ergreifen, da fiel ein Schuss. Er presste sich die Hände auf die Ohren und atmete noch schneller, dann zerrissen zwei weitere Schüsse die nächtliche Luft. Wie versteinert hockte er neben dem Müllcontainer und wartete.
Ewig.
Schlurfende Schritte kamen um die Ecke und er hörte jemanden erschöpft atmen, dann ein schmerzverzerrtes Stöhnen. Vorsichtig wagte er einen ersten Blick in die Gasse, in die nur ein schummriges Restlicht der Straßenlaternen fiel.
Es war der Mann ohne Maske, der sich mit der einen Hand an der Wand voller Graffiti entlangtastete, die andere Hand hatte er sich auf den unteren Bauchbereich gepresst. Sie war blutüberströmt.
Aus einem ersten Impuls heraus löste Rick sich aus seinem Versteck und ging auf den Fremden zu, der ihn erst defensiv, dann verärgert ansah, während er schon dabei war, zusammenzubrechen. Er versuchte Rick mit einer Handbewegung zu verscheuchen, doch versuchte der ihn am Stürzen zu hindern.
Schwach klappte der Mann zusammen und fiel Rick genau in die Arme, der behutsam mit ihm in die Knie ging, um ihn abzulegen und ihn hilflos anzusehen.
„Du solltest weglaufen“, röchelte sein Retter und wurde noch blasser im schmerzverzerrten Gesicht. Schwarzes Haar umrahmte ein markantes Gesicht, seine braunen Augen sahen trüb, aber aufmerksam aus.
„Ich habe die Polizei gerufen, gleich kommt Hilfe“, stammelte Rick, weil er nicht wusste, was er sonst sagen sollte. Noch nie hatte er sich derartig nutzlos gefühlt.
„Nimm meinen Gürtel und binde die Wunde ab“, presste der Fremde hervor und Rick tat ein wenig ungeschickt, wie ihm geheißen. Nach wenigen Minuten hatte der Mann eine Kompresse um den Bauch, die Rick mit seiner gefalteten Jacke improvisierte, welche vom genannten Gürtel auf die blutende Wunde gedrückt wurde.
Ricks eigene Hände waren voller Blut eines Fremden.
Eines Fremden, der sein Leben gerettet hatte.

3

Es dauerte ziemlich lange, bis er endlich in der Lage war, seine schweren Augenlider zu öffnen. Dave war schon länger wach, doch hörte er seine Umgebung wie durch Watte und versank immer wieder in den Tiefen seines Bewusstseins.
Er hatte keine Schmerzen, vermutlich pumpten sie ihn gerade mit Beruhigungs- und Schmerzmitteln voll, die kein Normalsterblicher jemals in der Apotheke zu Gesicht bekäme. Gut so, denn das Zeug war unheimlich stark.
Höchstwahrscheinlich stark genug, um einen ausgewachsenen Elefanten damit in die Knie zu zwingen. Dave mochte das berauschende Gefühl der schmerzlosen Schwebe nicht, denn er fühlte sich dadurch machtlos.
Noch machtloser als er sich ohnehin fühlte.
Der gleichmäßige Rhythmus seines elektronisch hörbar gemachten Herzschlags raubte ihm den letzten Nerv. Dave fühlte sich zwar relativ gerne lebendig, aber er konnte es nicht ertragen, wenn eine seiner Körperfunktionen auf ein Piepsen reduziert wurde.
Er war keine Maschine, die man nach Belieben zusammenschrauben und korrigieren konnte – nicht mehr. Befehle zu befolgen oder einem anderen Menschen willfährig zu sein, den er nicht einmal kannte, war ihm mittlerweile zuwider.
Der unangenehme Geruch von Desinfektionsmitteln und frisch gewalkter Bettwäsche kitzelte ihn in der Nase und er verzog angeekelt das Gesicht. An manche Gerüche würde er sich wohl niemals gewöhnen können.
Angestrengt sperrte er die Augen auf und versuchte sich einen Überblick zu verschaffen. Er lag in einem Bett, um ihn herum standen mehrere Gerätschaften, die seine Vitalwerte aufzeichneten und mit Hilfe von Schläuchen mit seinem Körper in Verbindung standen.
Eine Maschine…
Die Decke bestand aus weißen Rigipsplatten, die Leuchtstoffröhren waren netterweise ausgeschaltet. Ein lächerliches Bild hing an der gegenüberliegenden Wand und zeigte ein schlechtes Stillleben von einem Blumenstrauß.
Zwei Fenster, deren Rollläden geschlossen waren, befanden sich zu seiner linken und ein kleines Lämpchen unter einem Holzpaneel über dem zweiten Krankenbett spendete ein seltsames Licht, was dem Raum etwas Gespenstisches verlieh.
In dem Bett neben Dave lag niemand.
Es war auch sonst niemand hier, der sich um ihn kümmerte. Offenbar war seine Verletzung nicht schlimm genug, um für die Intensivstation würdig zu sein. Glück gehabt.
Erschöpft versank Dave erneut in seinem Inneren und wachte erst wieder auf, als natürliches Tageslicht auf sein Gesicht fiel und jemand an den Zugängen herumfummelte, die sich schmerzhaft in seinen Armbeugen bemerkbar machten.
Mit gerunzelter Stirn sah er einer Krankenschwester bei der Arbeit zu, die nicht zu bemerken schien, dass er wach war. Behutsam drehte er den Kopf in ihre Richtung und sie sah ihn endlich direkt an, wobei sie ihm sogar einen guten Morgen wünschte.
„Der Arzt kommt gleich zu einer Visite vorbei, jetzt, da Sie wach sind. Außerdem müssen Sie in den nächsten Stunden, wenn Sie wacher sind, vielleicht noch eine Aussage machen. Ansonsten geht es Ihnen den Umständen entsprechend medizinisch gesehen gut. Haben Sie Schmerzen?“ fragte sie und er schüttelte sachte den Kopf.
„Gut. Wenn Sie mehr Schmerzmittel brauchen oder andere Nebenwirkungen auftauchen, klingeln Sie nach uns. In zwei Stunden gibt es Mittagessen, das Frühstück haben Sie verpasst. Halten Sie das durch?“ wollte sie danach wissen und er nickte ebenso leicht.
„In Ordnung. Ruhen Sie sich aus, Sie brauchen das“, riet sie ihm mit einem professionell mitleidigen Lächeln und ließ ihn dann endlich allein. Dave starrte eine Zeit lang so regungslos an die Decke, dass seine Augen zu tränen begannen.
Die zwei Stunden bis zum Mittagessen verflogen unglücklicherweise recht schnell und er sah sich dann einem Teller voll dampfendem Etwas ausgesetzt, das ihm den Magen umdrehte und den Schweiß auf die Stirn trieb.
Als er wenigstens drei Gabelspitzen seines aufgewärmten Kartoffelbreis heruntergewürgt hatte, wurden ihm zwei Männer vorgestellt, die sich als Detectives vorstellten und seine Aussage aufnehmen wollten.
Dave erzählte ihnen nur das Nötigste und ratterte die Fakten des Zwischenfalls herunter, als würde er eine Einkaufsliste vorlesen. Erst war er von der Hochbahn Richtung Stadt gelaufen und hatte sich für eine kleine Schleife entschieden, um zu seiner Wohnung zu gelangen.
Nein, normalerweise lief er diese Strecke nicht.
Nein, ihm war auch das Opfer des Überfalls nicht bekannt gewesen.
Nein, der Täter war ihm auch nicht bekannt, er hatte eine Maske getragen. Er wusste nicht, ob dieser Mann unter dem Einfluss von illegalen Substanzen gestanden hatte, schließlich war er kein Arzt oder Streetworker, der die Symptome kannte.
Nein, die Waffe hatte dem Täter gehört, er war unbewaffnet zum Ort des Geschehens gekommen und hatte sein Wissen zur Deeskalation einer solchen Situation angewandt, doch war der ursprüngliche Angreifer uneinsichtig geblieben.
Ja, Dave hatte schon einmal eine Waffe in der Hand gehalten und auch benutzt. Nähere Details dazu waren seinem Dienstzeugnis zu entnehmen, das ihm die Army wegen seiner ehrenhaften Entlassung nach seinem dritten Auslandseinsatz ausgestellt und während einer recht unpersönlichen Zeremonie mit großem Bedauern über seine Kündigung ausgehändigt hatte.
Die Detectives wurden bei der Erwähnung seines militärischen Hintergrunds hellhörig und wollten seinen letzten Dienstgrad inklusive eines kurzen Lebenslaufs wissen. Sie würden weitere Nachforschungen dazu anstellen.
Dave nickte schweigend, ihn interessierte nicht, was sie über ihn herauszufinden hofften. Er hatte nichts Unrechtes getan, denn er war nicht derjenige gewesen, der einem unbewaffneten Mann mit einer entsicherten Magnum vor dem Gesicht herumgefuchtelt hatte.
Nach etwa eineinhalb Stunden verließen ihn die Detectives wieder.
Endlich allein.

4

Rick hatte das Angebot des Krankenhauses zur psychologischen Betreuung nach dem Überfall erst widerwillig, dann mit wachsendem Interesse wahrgenommen, denn ihn plagten seitdem Alpträume, die ihn immer wieder die schrecklichste Situation seines bisherigen Lebens durchleben ließen, wobei er gleichbleibend hilflos in der Ecke hockte und sogar verletzt wurde.
Außerdem tauchte auch immer wieder dieser Fremde auf, der eingeschritten und im echten Leben verletzt worden war. Er hatte den Mann seit dem Transport vom Tatort ins Krankenhaus nicht mehr gesehen und wusste nicht einmal, wie er hieß.
Er wusste eigentlich gar nichts über den weiteren Verlauf des Geschehens, obwohl schon knapp eine Woche vergangen war, in der Rick jeden Tag das Gespräch mit seinem Seelsorger suchte und sich mit seiner emotionalen Verfassung arrangierte.
So gut es eben ging.
Heute allerdings dachte er nicht an sein eigenes Erlebnis, sondern an das seines Retters, der mit einer üblen Schusswunde im Bauchbereich davongekommen war und irgendwo in diesem Krankenhaus liegen musste.
Sein Angreifer hatte nicht so viel Glück gehabt.
Rick selbst war nur kurz untersucht worden und hätte eigentlich sogar direkt nach Hause fahren können, doch hatten sie ihn über Nacht beobachten wollen und es waren noch Polizisten aufgetaucht, die mit ihm über den Vorfall hatten sprechen wollen.
Besonders die Fragen über den Fremden waren ihm im Gedächtnis geblieben, denn es war Rick vorgekommen, als hätten sie ihn insgeheim zum Verbrecher erklären wollen. Er wusste nicht, wieso dem so war.
Er wusste eigentlich gar nichts.
Nach seinem Gespräch mit dem Seelsorger, der ihm einige Visitenkarten für weiterführende Therapien in ausgewählten Praxen mitgab, wollte Rick ursprünglich das Gebäude verlassen, doch ein unbändiger Impuls drängte ihn zur Rezeption im Eingangsbereich.
Bedächtig fragte er die Dame hinter einem Bildschirm nach dem Fremden, dessen Namen er nicht einmal kannte. Erst wollte sie ihn nicht zu ihm lassen, doch erzählte er ihr wahrheitsgemäß, dass ihn dieser Mann gerettet hatte.
Sie suchte für ihn die Zimmernummer heraus und Rick machte sich mit dem Fahrstuhl auf den Weg ins dritte Obergeschoss, wo der Fremde mittlerweile ein kleines Namensschild auf dem Flur erhalten haben musste, weil er länger hier bleiben würde.
Nervös fragte sich Rick bis vor die Tür eines unscheinbaren Krankenzimmers durch, an dem allerdings kein Namensschild hing. Trotzdem klopfte er behutsam und trat schließlich ein, ohne auf eine definitive Antwort zu warten.
Vor den Fenstern war das Bett belegt, das andere schien leer zu sein und auch zu bleiben. Rick ging leisen Schrittes auf das Bett zu, in dem der Fremde lag, offenbar schlafend. Nahezu geräuschlos stellte er sich den Besucherstuhl direkt neben das Bett und ließ sich behutsam darauf nieder, den Blick starr auf den Schlafenden gerichtet.
Der Mann war blass, doch atmete er ruhig und äußerst gleichmäßig, zwei Zugänge waren in seinen Armen und Rick fand, dass der Fremde für seine Verwundung eigentlich recht lebendig aussah. Allerdings wusste er nicht, wie sonst mit Schusswunden verfahren wurde.
Es konnte genau so gut eine totale Katastrophe sein.
Verunsichert fixierte er das Gesicht des Mannes, der nur wenige Worte mit ihm gewechselt und ihn sogar verärgert angeblafft hatte, dass Rick eigentlich hätte weglaufen sollen. Er hatte es nicht ohne Weiteres gekonnt.
Nicht, während ein völlig Unbekannter sein Leben für ihn aufs Spiel setzte.
Einfach so.
Aus einem Impuls heraus streckte er die Hand nach den kalkweißen Fingern des Mannes aus und ließ sie wenige Millimeter über der fremden Haut innehalten, unschlüssig darüber, ob es eine gute Idee war, sich diesen Moment zu stehlen.
Eine plötzliche Bewegung des Schlafenden ließ ihn zusammenzucken und die eigene Hand zurückziehen, dann flackerten die Augenlider des Fremden und ruhten irgendwann auf Ricks Gesicht, der dem Blick tapfer standhielt.
Mit dem Licht hinter dem Bett sahen die braunen Augen des Mannes beinahe schwarz aus und das verlieh ihm eine unheimliche Aura, doch versuchte sich Rick davon nicht einschüchtern zu lassen. Dieser Mann war sein Lebensretter.
Vor ihm brauchte er keine Angst zu haben.
Sie schwiegen.
Die Stille war kreischend und drohte Ricks Gehörgänge zu zerfetzen, doch wollte er diese Ruhe nicht mit unbedachten Worten zerstören. Hatte er also doch Angst vor seinem Gegenüber? Er wusste es nicht mehr ganz genau.
Der Fremde atmete tief ein, den Blick immer noch auf Rick gerichtet. Er schien ihn genau zu studieren und ihn einzuschätzen.
„Das nächste Mal läufst du weg, wenn es dir jemand sagt“, raunte der Mann mit dieser Stimme, die Rick nun auch in seinen Träumen einholte. Immer wieder strömte das Blut dieses Fremden über Ricks Hände und versickerte in seiner Haut.
„Es tut mir leid“, sagte Rick und wusste nicht, was genau er damit meinte. Statt aber darauf zu reagieren, starrte ihn der Fremde weiterhin an und blinzelte nicht einmal.
„Was willst du hier?“ wollte der Mann dann wissen und Rick lehnte sich zurück, sah zur Decke, während er überlegte, und legte dann die Hände in den Schoß. Dann sah er ihm wieder ins Gesicht und legte den Kopf schief.
„Herausfinden, wer du bist.“
„Frag doch die Cops“, schnappte der Mann und drehte den Kopf von Rick weg, vermutlich um eine Alternative zu dem Moment zu kreieren, in dem er sich einfach von Rick abwandte, um danach wortlos das Weite zu suchen.
„Nein, die gefallen mir nicht. Sie taten so, als wärst du der Verbrecher“, erklärte Rick unbeeindruckt und versuchte den Stich zu ignorieren, der ihm wegen dieses Verhaltens durch die Brust fuhr. Als würde ihn der Fremde verletzen.
„Vielleicht haben sie Recht“, spuckte er aus und es entstand ein eiskaltes Lächeln auf dem Gesicht des Fremden.
„Ich kenne nicht einmal deinen Namen“, stellte Rick fest und überhörte bewusst die letzte Aussage des Mannes, der den Kopf wieder zu ihm drehte und ihm in die Augen sah. Dieses Mal fühlte sich Rick tatsächlich gehetzt.
Im nächsten Moment traf ihn mit Sicherheit der tödliche Pfeil in die Brust und durchstach sein viel zu schnell pochendes Herz. Es verlor allmählich den Rhythmus und trieb ihm die Tränen in die Augen, die heiß seine imaginierten Wangen hinunterliefen.
Rick war der Hirsch, der von seinem Jäger geschossen wurde.
„Sag mir wenigstens, wie du heißt“, sagte Rick und seine Stimme klang jämmerlich schwach. Er wollte ihn nicht anflehen, aber ohne einen Namen wollte er auch nicht gehen.
„Warum?“
„Ich will einen Namen zu dem Mann haben, der mein Leben gerettet hat. Ist das Grund genug?“ hielt Rick etwas standhafter dagegen und der Fremde kniff beinahe unmerklich die Augen zusammen, dann sah er an die Decke und knurrte ein widerwilliges „Dave“ daher.
„…Danke, Dave.“
Danach erhob sich Rick, um den Fremden zu verlassen. Offenbar wollte der ohnehin nicht mit ihm reden. Da konnte er genau so gut einfach gehen.
Er bemerkte nicht, dass Dave ihm lange nachsah und die abgelegten Finger auf der Matratze spreizte, als wolle er nach Rick greifen und ihn aufhalten. Dave hatte nämlich gespürt, dass Ricks Hand kurz davor gewesen war, seine Haut zu berühren.
Insgeheim wünschte er sich vielleicht sogar, er hätte sich dem Augenblick hingegeben, damit sich Dave wieder lebendig fühlen konnte.
Rick allerdings wusste das nicht und ging nach Hause.

5

Es kam Dave vor, als wäre es eine Dekade her, dass er angeschossen worden war, dabei waren gerade einmal fünf Wochen vergangen. Drei davon hatte er im Krankenhaus verbringen müssen, um die Wundheilung und Mobilisierung voranzutreiben.
Mittlerweile war er wieder in seiner Wohnung und musste dort eigene Übungen betreiben, weil er sich den Besuch einer Physiotherapie nicht leisten konnte. Außerdem war es nicht die erste Schusswunde, die Dave davontrug.
Er hatte einen traurigen Erfahrungsschatz mit dieser Art von Nachsorge, die er auch in seinen Army-Zeiten häufig selbständig hatte durchführen müssen.
Dave schlief traumlos, doch tagsüber quälten ihn seine aufgewühlten Gedanken. Es war, als hätte jemand in einen Berg Mehl geschlagen und Staub aufgewirbelt, der sich einfach nicht mehr legen wollte. Eigentlich hatte er alles im Griff gehabt.
Bis er in diese Situation geraten war und diesen Mann gerettet hatte.
Er kannte den Namen des Opfers nicht. Gefragt hatte er ihn in Gedanken, doch als er persönlich vor ihm gesessen hatte, war ihm diese Frage nicht über die Lippen gekommen. Hätte er ihn fragen sollen, so wie er ihn gefragt hatte?
Darauf fand er keine Antwort.
Was wusste dieser Mann eigentlich über ihn und über das, was nach seiner anfänglichen Flucht wirklich passiert war? Der Angreifer war nämlich tot und Dave hatte höchstselbst dafür gesorgt. Der Polizei hatte er einen Fall von Notwehr geschildert.
Das war nur zu etwa fünfzig Prozent eine Lüge.
Schlecht fühlte Dave sich deshalb in keinster Weise. Wie gesagt, er schlief traumlos und aß jeden Tag dieselbe Menge wie sonst, musste nur Übungen machen, um die Bauchmuskulatur nach und nach schonend zu stärken, damit sie sein Gewicht im Stand aushalten konnte.
So wie vor dem Zwischenfall drehte Dave seine Runden durch die nächtliche Stadt. Seinen Aushilfsjobs konnte er aufgrund der Verwundung aktuell nicht nachgehen. Dafür hatte er ohnehin keine Nerven übrig.
Wieder stieg er an der nächstbesten Station der Hochbahn aus und stellte sich für einen Moment an das Geländer, um die Stadt anzusehen, die pausenlos im Regen zu versinken schien. Seit zwei Tagen regnete es ohne nennenswerte Pause.
Dave fühlte sich endlich wieder so etwas wie lebendig und verzichtete bewusst auf eine Kapuze, damit das kalte Wasser seinen Rücken hinunterlief und ihn daran erinnerte, dass er frieren konnte. So wie jeder andere Mensch.
Man war so lange ein Teil der Masse, wie man es sich einredete.
Gedankenlos ging er langsamer als gewöhnlich durch die Stadt und kam schließlich an den Ort zurück, an dem er Rick das erste Mal begegnet war. Es war friedlich in der Gasse, niemand ging vorbei, nicht einmal eine Ratte kroch im Dunkel zwischen den Containern umher, um sich den Bauch vollzuschlagen.
Völlig durchnässt schlich er weiter durch die schmutzigen Gassen, wobei sich ein immer stärker werdendes Ziehen in seinem Bauchbereich bemerkbar machte. Dave hatte es heute trotz seiner fortgeschrittenen Genesung übertrieben.
Ächzend musste er sich an den Häuserwänden abstützen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Seine derzeitige Verwundbarkeit störte ihn und er versuchte sich zu beeilen, bis er schließlich gezwungen war, eine atemlose Pause zu machen, während der ihm dicke Tropfen auf die Kopfhaut trommelten.
Mit geweiteten Augen krallte er sich am kalten Beton fest und drückte sich eine flache Hand auf den schmerzenden Bauch, während sein peripheres Sichtfeld an den Rändern immer schwärzer wurde. Dave wusste nicht, wie lange er schon so stand, als ihn jemand am Arm packte und diesen auf einem Schultergürtel platzierte.
Anstandslos ließ sich Dave mitschleifen, er konnte kaum noch selbständig laufen, sondern stolperte neben dem Fremden her, der etwas zu ihm sagte, das Dave wegen eines vorbeifahrenden Autos nicht hören konnte.
Nach mehreren Minuten betraten der Fremde und er ein Treppenhaus, und er wurde in den Fahrstuhl geschleift, der in das vierte Obergeschoss fuhr und sie schließlich in einen vollgestopften Flur ausspuckte.
Dave wurde in eine Wohnung gebracht und dort auf einem weichen Sofa platziert, auf dem er sofort zur Seite sackte und reglos liegen blieb. Kraftlos sah er dem Fremden, der für Dave nicht mehr als ein Schatten war, bei seinen Bewegungen durch die Wohnung zu.
Irgendwann wurde Dave auf den Rücken gedreht und sein nasser Pullover angehoben, dann wanderten kalte Finger über seine vernarbte Schusswunde und tasteten ihn vorsichtig ab. Ein kühler Gegenstand aus Stoff wurde auf seiner Wunde abgelegt.
Der Fremde kam in sein Blickfeld und tastete nun mit der flachen Hand Daves Stirn ab und erstmals konnte er in das Gesicht des Mannes schauen, den er vor fünf Wochen in der Gasse vor einem Junkie mit Waffe gerettet hatte.
Vor dem Junkie, den er getötet hatte.
„Ich will dir nichts tun. Wir kennen uns, erinnerst du dich, Dave?“ fragte der Fremde mit seiner weichen Stimme und runzelte die Stirn, während seine Finger von Daves Gesicht hinab zu seinem Hals wanderten.
Offenbar überprüfte er nicht nur seine Temperatur, sondern auch seinen Puls. Daves Herzschlag allerdings beschleunigte sich, weil ihn dieser Fremde anfasste. Er war ihm schutzlos ausgeliefert und das machte ihm Angst.
Gleichzeitig fühlte er sich deshalb so lebendig wie noch nie zuvor.
Dave hatte lange keine echte Angst mehr verspürt und verzehrte sich nach diesem Gefühl, das das Adrenalin durch den Körper pumpte und die Pupillen weitete. Das Gefühl, das unzählbare Hormone ausschüttete und das Herz schneller schlagen ließ.
Ruckartig griff Dave nach der Hand des Mannes und umklammerte ihr Gelenk. Anscheinend so fest, dass er seinen Gastgeber erschreckte, sodass der die Augen misstrauisch weitete und ihn verunsichert ansah.
„Ich erinnere mich“, hauchte Dave und lockerte seinen Griff um das Handgelenk des anderen, der sich ein Nicken abrang.
„Du hast ein leichtes Fieber und die Haut um deine Wunde ist gerötet. Vielleicht solltest du dich so lange ausruhen, bis du wieder auf den Beinen bist. Oder willst du lieber ins Krankenhaus? Ich kann den Notruf wählen, wenn du-“
Schnell schüttelte Dave den Kopf. Er wollte nicht wieder ins Krankenhaus, dort stellte man ihm zu viele Fragen. Außerdem bekam er dort Schmerzmittel verabreicht, auf die er liebend gerne verzichtete. Er mochte den Rausch nicht.
„In Ordnung…“, flüsterte sein Gastgeber und lächelte ein halbes Lächeln, „ich bin übrigens Rick. Und es kann kein Zufall sein, dass wir uns schon wieder über den Weg laufen, hm?“
„Wie es scheint, sind wir quitt“, spuckte Dave mühsam aus und legte sich die eigene Handfläche auf die Stirn, den Ellbogen gegen die Rückenlehne des Sofas gestützt und die Augen geschlossen zur Decke gerichtet.
„Es kann ja nicht immer derselbe den Helden spielen“, sagte Rick offenbar scherzhaft gemeint, doch veranlasste diese Aussage Dave dazu, den Blick nun doch auf den Mann zu richten, der ihn direkt entschuldigend ansah.
„Ich bin kein Held“, insistierte Dave danach auch sofort unüberlegt und wollte am liebsten die Flucht ergreifen, doch der heiße Schmerz in seinem unteren Bauch hielt ihn sogar davon ab, tiefer einzuatmen als gewöhnlich.
„Meinetwegen, dann bist du kein Held. Aber du hast trotzdem etwas Heldenhaftes getan, meinst du nicht? Die meisten anderen wären einfach weitergegangen, statt mir zu helfen. Du nicht. Wieso nicht?“ fragte Rick zurückhaltend.
„Ich bin kein so guter Mensch, wie du vielleicht denkst“, widersprach Dave mit schwacher Stimme und dachte an den Junkie zurück, der eigentlich bloß aus Versehen abgedrückt hatte. Danach hatte Dave ihm die Magnum gewaltsam abgenommen, mit aufputschendem Adrenalin vollgepumpt, und zweimal mit voller Absicht abgedrückt.
Haargenau wissend, welche Schusswunden der mickrige Mistkerl innerhalb kürzester Zeit nicht überleben konnte.
„Gibt es überhaupt so jemanden?“ hielt Rick unbeeindruckt dagegen und näherte sich Daves Gesicht, mit den Fingern noch einmal überprüfend, ob Daves Körpertemperatur noch im Bereich des Normalen lag.
Rick war ihm sehr nah. So nah, dass Dave dessen schwachen Eigengeruch wahrnehmen konnte, welcher ihm eine Gänsehaut über den Körper schickte. Was stimmte nur mit ihm nicht, dass er derartig auf einen Fremden reagierte?
War es der Hunger nach Leben?
„Nein, gibt es nicht“, sagte Dave überzeugt pessimistisch. Er war ein Misanthrop und seine Zeit als Soldat im Auslandseinsatz in Kriegsgebieten hatte diese Einstellung nicht verbessert. Vielmehr war der Hass auf die gesamte Menschheit hinzugekommen, statt sich auf einen ausgewählten Kreis von Arschlöchern zu beschränken.
Schade… Ich hole dir ein Handtuch für deine Haare. Wenn du willst, gebe ich dir was Trockenes zum Anziehen, sonst holst du dir den Tod“, verkündete Rick, unterbrach den Körperkontakt und erhob sich, um in ein Nebenzimmer zu verschwinden.
Verunsichert blieb Dave auf dem Sofa zurück und starrte wieder an die Decke. So lange, bis seine Augen tränten.

6

Dave hatte in der Nacht mehrmals daran gedacht, einfach die Flucht zu ergreifen. Es wäre zwar nicht besonders fair gegenüber seinem aufopferungsvollen Gastgeber gewesen, doch war ihm die Situation zu Kopf gestiegen.
Seine Gedanken gaben keine Ruhe und engten ihn ein – dabei wollte Dave eigentlich nichts anderes, als an nichts denken. Denken bereitete ihm früher oder später Kopfschmerzen, die sich nicht mit einer einfachen Tablette behandeln ließen.
Trotzdem war er auf dem Sofa geblieben und hatte sich ein neues Kühlkissen geben lassen, das Rick in ein Küchenhandtuch eingewickelt auf seiner Wunde abgelegt hatte. Dabei war sein Blick etwas zu auffällig über eine andere Narbe gewandert, die Dave von seiner ersten Schusswunde im Irak davongetragen hatte.
Nur knapp hatte er damals überlebt. Sein Kamerad war draufgegangen und hatte eine Frau mit einem Kleinkind hinterlassen. Dave nicht.
Als Rick bemerkt hatte, dass Dave ihn beobachtete, wie er seine Narbe ansah, war er blass geworden und hatte sich bei ihm entschuldigt. Danach war er erneut gegangen und hatte sich in seinem Schlafzimmer verschanzt.
Dave konnte sich immer noch nicht richtig bewegen und hatte es gerade so geschafft, sich auf die Seite zu drehen. Er trug mittlerweile nur noch seine eigene Unterwäsche, weil er es nicht allein schaffte, sich die geliehenen Sachen anzuziehen.
Mit der Decke, die Rick ihm gegeben hatte, lag Dave nun zugedeckt, aber hellwach auf dem Sofa und presste das Kühlkissen auf seine pulsierende Wunde. Er konnte nicht einmal die Augen schließen, denn sonst bemächtigten sich die Gedanken seines Verstandes.
Vor den Fenstern entstand allmählich Tageslicht, das durch einen winzigen Spalt der blickdichten Gardinen in die Wohnung drang und Dave unruhig werden ließ. Nun könnte er sich auf den Weg machen, ohne allzu undankbar zu wirken.
Oder?
Mühsam richtete er sich auf und schob die nackten Füße über die Sofakante, um sie vorsichtig auf dem Boden abzustellen. Die Decke war nun um seine Körpermitte gewickelt und er seufzte, weil er nicht genügend Kraft aufbringen konnte, um sich aus ihr zu befreien.
Weiter kam er nicht, da hörte er schon Schritte aus dem Nebenzimmer, die sich ihm schnell näherten. Rick tauchte neben ihm auf und versuchte Dave krampfhaft ins Gesicht zu sehen, doch waren nun alle Accessoires aus dem Irak und Afghanistan auf seinem beinahe vollständig entblößten Körper zu sehen.
„Warte, ich ziehe mir was über“, japste Dave außer Atem, weil ihm schwindelig wurde. Er hatte sich wohl zu schnell aufgesetzt. Nun auch noch mit kaltem Schweiß bedeckt, wühlte er in dem Haufen Kleidung neben sich.
Rick hockte sich einfach vor das Sofa und hielt Daves Hände zurück, um sie eine Sekunde zu lang in seinen eigenen Fingern zu behalten. Dave fühlte sich von dieser Nähe erneut in die Enge getrieben und dürstete nach einer Wiederholung.
Er war lebendig.
Das konnte ihm niemand nehmen.
„Du musst dich nicht schämen oder verstecken“, sagte Rick leise und ließ seine Augen nun weniger heimlich über Daves Haut wandern, die unerbittlich fror. Dave hatte eine Gänsehaut, die in Wellen über seine Gliedmaßen und seinen Torso wanderte.
„Ich schäme mich nicht.“
„Was ist dann dein Problem? Du hast eins, streite es nicht ab“, fuhr Rick fort, dieses Mal klang seine Stimme fester. Offenbar wollte er sich nicht von Dave überbieten lassen.
„Der Mistkerl aus der Gasse ist tot“, platzte es aus Dave heraus und Rick legte den Kopf schief. Das schien keine Neuigkeit für ihn zu sein. Natürlich nicht, der Fall hatte ihn betroffen und die Polizisten redeten mit den Betroffenen.
„Ich weiß.“
„Ich hab ihn erschossen.“
„Ich weiß, es war sonst niemand da, der es hätte tun können. Aber es war Notwehr, haben mir die Polizisten gesagt. Du hattest keine andere Wahl, sonst wärst du tot“, behauptete Rick überzeugt und hielt Daves Hände wieder fest.
Er wusste nicht, ob es ihm bewusst war. Jedenfalls sagte er nichts.
„Woher willst du das wissen?“
„Haben die Polizisten gelogen?“ beantwortete Rick Daves Frage mit einer Gegenfrage, wobei sein Tonfall ein wenig ungläubig klang. So als wolle Dave sich über ihn lustig machen und er den schlechten Versuch abwehren.
„Nein…“
„Hast du gelogen?“ hakte Rick nach und Dave fühlte etwas in sich zerbrechen. Da waren die Gedanken, die er bisher so erfolgreich hatte abwehren können. Die Gedanken, die ihm seit seiner ersten bestätigten Tötung den Verstand Stück für Stück verstümmelten.
Es gab nämlich nur einen ideellen Unterschied zwischen einer Tötung im Namen des eigenen Vaterlandes und einer Tötung ‚aus Notwehr‘, wie es in seinem Fall offiziell genannt wurde. Aber rechtfertigte das seine Entscheidung?
„…Nein. Nicht unbedingt.“
„Was soll das heißen?“
Dave dachte lange nach. Sehr lange. So lange, bis Rick auf die Knie ging, um sich bequemer vor ihm platzieren zu können. Er hielt immer noch Daves Hände in seinen.
„…Ich- …Bin ich ein Monster?“
Irritation.
„Was? Wieso solltest du ein Monster sein?“
„Ich habe den Mann erschossen. Ich war mir der Tatsache bewusst, dass er verbluten würde, wenn niemand schnell genug herkäme. Und ich fühle deshalb keine Schuld. Es war mir bewusst, dass ich ihn töten könnte, und es war mir egal. … Einfach – egal“, raunte Dave mit vielen Unterbrechungen und seine Stimme brach mit jedem Wort, das er hervorwürgte, ein wenig mehr.
„Es kann dir nicht egal sein, sonst würde es dich nicht derartig mitnehmen“, sagte Rick und räusperte sich, dann löste er seine Finger aus Daves Hand und setzte sich auf, um ihm in den Nacken greifen zu können.
Behutsam zog er Daves herabhängenden Kopf zu sich heran und legte seine Stirn auf Daves ab. Dave behielt seine Augen geschlossen, zu sehr befürchtete er, dass er sich emotional gehen lassen könnte.
Schutzlosigkeit machte ihn zwar lebendig, aber das hier war wie eine Hetzjagd, bei der er nackt auf offenem Feld vor unsichtbaren Feinden davonlaufen musste. Unwissend über deren Position, Fähigkeiten und Bewaffnung.
Dave mochte Unwissenheit nicht besonders.
Rick ließ von ihm ab und wollte sich weiter von ihm entfernen, da gab Dave einem Reflex nach und hielt wieder das Handgelenk des anderen zwischen seinen Fingern fest.
„Geh nicht.“
„Rede mit mir, dann bleibe ich.“
Und Dave redete. Redete über alles, um die Gedanken zu entmachten. So lange, bis sie wieder ihm gehörten. Ihm allein.





Anmerkung: Wieder einmal ein Gedankengang, der ziemlich spontan und eigentlich unausgereift in meinem Kopf aufgetaucht ist und in ein Word-Dokument verwandelt werden wollte. Vielleicht lag es auch am äußerst atmosphärischen Album ‘Tales of the night forest‘ von Black Hill & Silent Island, das meine Schwester mir vor wenigen Tagen empfohlen hat.
Aber erneut wollte ich mich irgendwie mit einem Thema auseinandersetzen, das vor allem in den USA häufig unter den Tisch fällt – die Versorgung von traumatisierten und/oder versehrten Veteranen, die leider ziemlich oft auf der Straße landen, weil sie entweder kein Geld für eine Nachsorge haben oder große Probleme mit der Wiedereingliederung in die Gesellschaft haben, bei denen ihnen ebenfalls niemand hilft.
Viele der Obdachlosen auf der Straße sind Kriegsveteranen und haben ihre Probleme niemals verwunden. Dave könnte auch so jemand sein, obwohl er ja den Weg der Verdrängung gewählt hat, die es allerdings auch nicht besser macht. Der Rhythmus seines Lebens wird aus der Bahn gebracht, deshalb auch der Titel; es handelt sich für den medizinischen Fachbegriff für ‚Herzrhythmusstörung‘. Damit reiht sich dieser OS als zweiter Text in eine offenbar gerade entstehende Reihe ein (ob das stimmt, weiß ich noch nicht ^^), die mit Hämorrhagie begonnen hat.
Auch dort möchte ich über ein oft totgeschwiegenes Thema sprechen, zu dem ich euch herzlich einlade, mal vorbeizuschauen. Wenn nicht, dann nicht.
LG, Erzaehlerstimme
Review schreiben
 
 
'