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Sonne, Strand und andere Probleme

von Pingulina
Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Jimin Jungkook Kim Seokjin RM Suga V
03.03.2019
23.03.2022
72
335.065
41
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
17.06.2021 4.337
 
Wasser und Stürze

15. Montag:


Abwartend blickte Jin aus dem Fenster, sah schon eine ganze Weile der Sonne dabei zu wie sie sich unermüdlich über den Horizont schob und alles in ein warmes goldenes Licht tauchte. Er hatte die Sonnenaufgänge hier am Meer schon immer geliebt. Schon als kleiner Junge war er früh aus dem Bett gesprungen, um sie zu bewundern und war anschließend wieder unter die Decke gekrochen, um noch etwas zu schlafen. Die Entscheidung seiner Eltern für dieses Haus konnte er gut verstehen, hatte man hier doch einen unvergleichbaren Blick auf dieses stille Spektakel und er genoss es nur zu gerne.

Die Tasse in seiner Hand war noch leicht warm, obwohl der Kaffee längst ausgetrunken war. Ein feiner Duft stieg von ihr auf, erinnerte an das harmonische Aroma und ließ Jin leise seufzen. Sein Blick glitt zur Uhr und er erhob sich, verließ sein Zimmer, in das er sich für den ersten Kaffee des Tages zurückgezogen hatte. Auf dem Flur war noch alles Still, alle Anwesende schliefen noch und Hoseok hatte sich bisher noch gar nicht blicken lassen. Wie Jin ihn kannte, würden sie ihn erst gegen Nachmittag wiedersehen und wenn sein Kumpel Glück hatte, erst noch später. Er drückte ihm die Daumen, auch wenn es unwahrscheinlich war.

In der Küche angekommen stellte er die Tasse neben die Spüle und öffnete den Schrank darunter, holte den großen Putzeimer hervor und füllte ihn zu gut zwei Drittel mit kaltem Wasser. Anschließend setzte er ihn auf dem Boden ab und stellte die Tasse in die Spüle, ließ seinen Blick prüfend durch die Küche gleiten und nickte zufrieden. Er wollte auf keinen Fall, dass ihn wieder jemand unterstellte unordentlich zu sein.

Gemütlich ging er zurück in den oberen Stock, den Eimer fest in der Hand und öffnete Taehyungs Zimmertür. Erst vor gut einer Stunde hatte er gehört wie der Jüngere wiederkam und ein Lächeln glitt über Jins Lippen als er ihn tief und fest schlafend im Bett vorfand. Es war Jungkooks Glück, dass er sich in dieser Nacht das Bett wieder mit Namjoon teilte, so blieb er von allem Folgenden verschont.

Sanft lächelnd schloss Jin die Tür hinter sich, schritt auf das Bett zu und sah auf Taehyung herab. Gemütlich hob er den Eimer hoch, eine Hand am Rand, die andere am Boden und kippte das Wasser in einem gleichmäßigen Strahl auf den Kopf des Schlafenden.

Ein erschrockenes Keuchen ertönte, wurde zu einem Gurgeln und endete in einem erstickten Husten, während Taehyungs Arme wild um ihn herum flogen und ihn sein eigener Schwung aus dem Bett beförderte. Er krachte auf den Boden, robbte weiter ins Zimmer, weg vom Bett, ohne zu wissen, wovor er genau flüchtete. Die Haare hingen ihm nass in die Augen, seine Lunge brannte und verkrampfte sich noch immer in dem kläglichen Versuch möglichst schnell alles Wasser wieder loszuwerden.

Dass Jin den Eimer auf dem Tisch beim Fenster abgestellt hatte, sah er nicht, hörte die Schritte des Älteren in seiner Panik nicht, während er versuchte zu begreifen was geschah. Jin störte das wenig, der schnappte sich Decke und Kissen, drapierte beides auf den Sesseln vorm Fenster, damit die Sonne es trocknen würde und kippte dieses schließlich, damit die feuchte Luft den Raum auch verließ.

„Jin! Was zur…“, ein heftiger Husten unterbrach Taehyungs Aufschrei, schüttelte ihn durch und ließ ihn sich gequält die Hand auf die Brust legen. Japsens schnappte er nach Atem, blickte wieder zum Fenster, doch der Ältere stand dort nicht länger. Suchend jagte sein Blick durchs Zimmer und wurde zu seinem Arm gerissen, an dem er rücksichtslos auf die Füße gezogen wurde. Er wollte protestieren, doch ein Stoß vor die Brust erlaubte ihm nur ein erschrockenes Keuchen, ehe er auf dem Bett landete.

Mit einem schnellen Schritt war Jin wieder bei ihm, sagte zu alle dem nichts, genoss nur die Verwirrung und auch die panische Wut des Jüngeren, der müde und überrumpelt, wie er war, sich nicht so recht zu wehren wusste.

„Lass das!“, fauchte Taehyung erneut, als Jin ihm mit schnellen Fingern das klitschnasse Hemd auszog und schon bei seiner Hose war. Vergeblich versuchte Taehyung seine Hände zu verscheuchen, gab schließlich auf und ließ sich nach hinten fallen, hob die Hüfte etwas an als Jin am Bund seiner Hose zog und war schließlich doch froh den kalten nassen Stoff los zu sein.

„Was soll das werden?“, versuchte er es erneut, leistete keinen Widerstand mehr als Jin ihm trockene Kleider überstreifte, half aber auch nicht mit. Er war zu müde, um sich zu wehren, wollte nur schlafen und dass Jin ihn in Ruhe ließ.

„Reichts langsam? Du hast deinen Spaß gehabt“, brummte er, nachdem Jin ihm einige Sekunden in Ruhe gelassen hatte, in denen er sich auf die Seite drehen und etwas zusammen rollen konnte. Der Gefragte schnaubte nur belustigt und war schon wieder bei ihm, zog ihm nun auch noch Schuhe über und Taehyung schwante übles. Der würde ihn nicht so schnell in Ruhe lassen und auch wenn er nur schlafen wollte, seine Neugierde war angefixt und wollte wissen was sich Jin hatte einfallen lassen.

„Sollte deine Strafe für gestern sein, dass du nicht mehr mit mir sprichst, spornst du mich nur an sowas öfters zu machen.“ Es war ein kläglicher Versuch, das verschlagene Lächeln auf Taehyungs Lippen matt, so ganz ohne Kaffee, aber Jins Augenbraue wanderte nachdenklich nach oben.

„Keine Bange, wir werden uns noch lange genug unterhalten heute“, erwiderte er düster, schnappte sich Taehyungs Hände und zog ihn ins Sitzen und von dort aus auf die Füße. Der Jüngere sah es nicht ein mitzuhelfen, wenn Jin sich rächen wollte sollte der sich eben anstrengen und so landete er, wie Yoongi am Vortag, auf Jins breiter Schulter und wurde die Treppe hinab getragen. Allerdings wurde er dann nicht abgesetzt, sondern es ging weiter, die Tür hinaus zu Jins Auto. Erst beim Beifahrersitz angekommen ließ Jin ihn hinunter, schob ihn grob auf dem Sitz zurecht und schnallte ihn an.

Seufzend rutschte Taehyung in eine bequeme Position, fuhr sich mit der Hand durch die tropfenden Haare und fragte sich, ob er eine Spur aus Wasser auf dem Boden hinterlassen hatte. Während Jin um das Auto herum kam, klappte er die Sonnenblende nach unten und ordnete seine Haare mit Hilfe des kleinen Spiegels. Es wurde nicht perfekt, aber er sah auch nicht mehr so verwuschelt aus. Der Motor startete als er die Sonnenblende wieder hochklappte und zu Jin hinüber blickte. Dieser fuhr scheinbar entspann los, hatte seine Augen hinter einer verspiegelten Sonnenbrille versteckt und machte es dem Jüngeren schwer so seine Gedanken zu erraten.

„Wo geht es hin?“

„Wir machen einen kleinen Ausflug.“

„Wohin genau?“

„Wirst du schon sehen.“

„Bekomme ich einen Tipp?“

„Nein.“

„Einen ganz kleinen nur?“

„Nein.“

„Waren wir dort schonmal?“

„Nein.“

„Wirst du mich dort lassen und den Schlüssel wegschmeißen?“

„Nein.“

„Kann ich so lange noch etwas schlafen? Ich hatte 'ne lange Nacht.“ Nicht einmal das lockte eine wirkliche Reaktion aus Jin heraus. Obwohl Taehyungs Stimme mehr als zweideutig gewesen war, zuckte der andere nicht einmal, schaute ihn weder beleidigt noch fragend an. Es war frustrierend und er war obendrauf echt müde.

„Waren zwei Punkte, falls es dich interessiert“, ergänzte er noch angriffslustig, doch auch das kümmerte Jin nicht wirklich. Der Jüngere fragte sich langsam was mit ihm los war, jede Reaktion hätte besser zu Jin gepasst als gar keine und der Gedanke keimte in ihm auf, dass das alles hier einfach nur sein sehr seltsamer und vor allem nasser Traum war.

Die Tropfen aus seinen Haaren versickerten in größer werdenden Abständen im Kragen seines T-Shirts und der klamme Stoff ließ ihn frösteln, machte die Theorie vom Traum unwahrscheinlich. Nachdenklich huschte Taehyungs Blick immer wieder zu seinem Nebenmann. Sie waren auf einer Landstraße unterwegs, rings um sie nur trockene Felder und hin und wieder Bäume. Nichts wirkte so als sei es das Ziel des Älteren.

„Jin, nun sag schon.“

„Trink deinen Kaffee und iss was, du wirst es brauchen“, erwiderte dieser nur monoton, nickte dabei zu Taehyungs Knien. Verwundert musterte dieser sie bis ihm auffiel, dass neben ihm in der Mittelkonsole ein Thermobecher steckte und ein verschlossenes zylinderförmiges Gefäß. Vorsichtig griff er nach dem Becher, öffnete ihn und schnupperte daran, das volle Aroma von Kaffee stieg ihm in die Nase und sein Blick wanderte misstrauisch zu seinem Nebenmann.

„Wenn ich dich vergiften wollte, würde ich das ganz sicher nicht in meinem Auto tun“, kommentierte dieser seine Skepsis und überzeugte Taehyung damit sogar. Selbst irgendetwas Ekliges ins Essen zu schummeln, von dem ihm schlecht werden würde, wäre Jin zu riskant und so öffnete er auch die Dose und musterte den Inhalt. Ein einfaches Müsli mit Joghurt und Obst, in einer kleinen Mulde an der Außenseite des Bechers war ein Löffel eingeklemmt. Schulterzuckend griff er wieder zum Kaffee und nippte daran, überlegte was Jin wohl im Sinn hatte und wie weit er ihn mit der Aktion kommen lassen sollte. Er sah es nicht wirklich ein sich, nur für Jins Ego, piesacken zu lassen. Auf der andern Seite war er auch einfach neugierig. Er kannte Jins Rachen sonst immer als plumpe Angelegenheiten, jemanden abfüllen, in den Pool schubsen, die Eroberung ausspannen und wenn er sich Mühe gab, dumme Gerüchte in die Welt setzen. Kreativ war das alles nicht, eher infantil und pubertär, dass er also nach der eher infantilen Weckmethode anstatt im Pool im Auto gelandet war, stachelte seine Neugierde auf ungesunde Weise an und seine Vorsicht raunte ihm schon die gesamte Zeit über zu, dass wie am Spieß zu schreien, als Jin ihn die Treppe heruntertrug, die gesündere Variante gewesen wäre.

Jin blieb stumm, fuhr sie gemütlich durch die Gegend, während er darauf achtete, das Taehyung auch ja aufaß. Er wollte nicht Gefahr laufen, dass der Jüngere schlapp machte, weil ihm die Energie ausging. Seine Pläne für den Tag würden den Jüngeren hoffentlich genauso brechen, wie dieser es gestern mit ihm getan hatte. Unter Folter würde er es nicht zugeben, aber Taehyung hatte ihn gestern tatsächlich besiegt und dabei hatten sie noch nicht einmal ein konkretes Spiel gespielt. Als der Jüngere ihm den heißen Typen vor der Nase wegschnappte, hatte Jin hart geschluckt aber sich bei der Auswahl an willigem Fleisch schnell wieder gefangen. Wie der kleine Teufel es geschafft hatte Jungkook zu der tränenreichen Aufführung des verschmähten Liebhabers zu bekommen, würde er ihn später noch fragen. Aber ohne Zweifel war der Jüngste gut gewesen, ganze fünf Minuten hatte Jin wirklich ein schlechtes Gewissen gehabt und mit dem Gedanken gehadert Jungkooks Gefühle wirklich verletzt zu haben. Dass bei Jimin Eigeninitiative dabei war, war ihm zwar klar, aber auch die hatte er der Freundschaft zu Taehyung zu verdanken. Er wollte sicher nicht in Yoongis Haut stecken, sollte der dem Kleineren irgendwann mal fremd gehen, so sehr geschämt, wie nach dieser Standpauke hatte er sich die ganzen letzten Jahre nicht mehr. Das Schmerzlichste war aber dieser Besoffenen gewesen, nicht weil er ihn laut grölend unterstellte dieser Kerl zu sein, der seine Liebhaber bat ihm ihre getragenen Unterhosen zu überlassen, nicht weil er ihm vor die Füße gekotzt hatte, nicht weil der Kerl, dessen Namen er bereits vergessen hatte, daraufhin die Flucht ergriff, sondern weil Taehyung es einfädelte und sich das Ergebnis dann nicht einmal mehr ansah. Jin hatte nicht gesehen, dass Taehyung es war. War, als er ging, tatsächlich noch von Pech ausgegangen. Aber heute Morgen, mit seinem Kaffee in der Hand und dem Sonnenaufgang vor der Nase war es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen. Seinen ganzen Abend hatte er Taehyung zu verdanken.

Seine Finger spannten sich leicht um das Lenkrad als er sich zur Ruhe rief, fest biss er die Zähne zusammen, atmete tief durch und schielte zu seinem Nebenmann, um zu sehen, ob dieser es mitbekommen hatte. Doch der merkte von alledem nichts. Taehyungs Kopf war auf seine Brust gesackt, wackelte bei jeder Bewegung des Autos leicht hin und her. Er schlief.

Zwar überrascht, aber auch zufrieden blickte Jin wieder auf die Straße. Das war nicht Teil seines Plans, aber es gefiel ihm. So wurde der Schreck nur größer und ein zufriedenes Lächeln legte sich auf seine Lippen. Er beendete die Spazierfahrt, die lediglich dazu dienen sollte Taehyung zu verwirren und hielt nun geradewegs auf sein Ziel zu.

Im Schatten einer hohen Hecke parkte Jin das Auto auf einem abgelegenen Parkplatz nahe der Straße. Er lag etwas versteckt, war daher wenig besucht. Gerade waren sie die einzigen hier und es war nicht unwahrscheinlich, dass dies auch so blieb. Kaum hatte er den Motor ausgeschaltet legte er seine Hand auf Taehyungs Bein, rüttelte leicht an ihm.

„Aufwachen, wir sind da“, meinte er unterstützend und sah wie der Jüngere sich zu regen begann. Herzhaft gähnend streckte sich Taehyung noch mit geschlossenen Augen, stieß mit der Hand gegen das Dach des Wagens und blinzele verwirrt nach oben. Ihm schien erst langsam zu dämmern, dass er ja im Auto saß und nicht seinem Bettchen lag. Jin ließ ihm die Zeit, stieg währenddessen aus und ging um das Auto herum. Als er die Beifahrertür erreichte war Taehyungs Schonfrist auch schon wieder vorbei. Er öffnete die Tür und zog den Jüngeren heraus, der gerade erst seinen Gurt geöffnet hatte.

„Nun hetz nicht so“, grummelte dieser, kam schwankend auf die Beine und streckte sich erneut. Tief sog er die Luft in die Lungen, lehnte den Kopf in den Nacken und blickte in den blauen Himmel. Auch heute würde wieder ein heißer Tag werden, keine Wolke zeigte sich am Himmel. Noch war die Luft angenehm, nicht mehr kühl aber auch noch nicht richtig warm, wehte sie ihm frisch um die Nase.

Jin stand geduldig neben ihm, begutachtete sein Auto und in Taehyung keimte die Hoffnung auf, dass er sich wieder einen Kratzer eigenfahren hatte. Aber der Ältere blieb zu ruhig dafür und Taehyung entfuhr ein leises Seufzen.

„Gut ich bin so weit. Wo willst du mich um die Ecke bringen?“

Auflachend drehte sich der Ältere zu ihm, erwiderte seinen skeptischen Blick mit einem verschlagenen Grinsen. „Wie kommst du nur darauf, dass ich dir etwas Schlechtes wollen könnte?“ Seine Stimme war fast sanft, raunte ihm die Worte entgegen, der Blick gespielt lieb. Doch Mühe gab Jin sich bei alledem nicht. Er brauchte nicht überzeugend sein. Warum also der Stress? Lieber griff er nach Taehyungs Hand und war doch leicht überrascht als dieser seine ohne Kommentar ergriff und sich zur Straße führen ließ.

„Ich möchte lediglich, dass dieser Urlaub für dich genauso unvergesslich wie für mich wird“, erklärte er heiter, während sie der Straße ein Stück folgten. Ein Schnauben entwich Taehyung, welcher leicht den Kopf schüttelte. „Du drohst mir also. Sehr charmant.“

„Ich würde dir doch nie drohen, Süßer. Das war ein Versprechen.“ Mit einem Zwinkern drehte er sich kurz zu Taehyung, sah dann nach rechts und links und zog ihn auf die andere Straßenseite als alles frei war. Hinter Bäumen tauchte langsam ihr Ziel am Himmel auf und Taehyung runzelte konzentriert die Stirn, um das Gebilde zu erkennen.

Es erinnerte ihn am Ehesten an einen der orangenen Baukräne, die er hin und wieder in der Stadt sah, auch wenn die Proportionen nicht ganz stimmten. Das graugestrichene Metallgitter wuchs in den Himmel empor. Die Stelle, wo sonst das Führerhäuschen war, war jedoch größer, bot mehreren Menschen Platz und schien noch einen Außenbereich zu besitzen. Nicht groß, aber breit genug, um in schwindelerregender Höhe nach draußen treten zu können. Der Ausleger, der sich Waagerecht von der Kabine aus erstreckte, wirkte wiederum so als sei er direkt von einem der Baukräne geklaut worden und Taehyung dämmerte langsam was hier los war. Jin hatte Wind davon bekommen, dass er mit Höhe seine Probleme hatte und wollte es nun gegen ihn verwenden, aber die Rechnung hatte der Ältere ohne seinen Willen gemacht.

Auch wenn sein Magen sich bereits zusammenzog und seine Füße nicht so recht weitergehen wollten, Taehyungs Kopf trieb ihn voran. Er würde es schon schaffen dort oben an die Brüstung zu treten, ohne in Tränen auszubrechen. Vielleicht würde er etwas zittern, vielleicht würde er sich wünsche heute Morgen so lange geschrien zu haben, bis die anderen Jin aufhielten, aber nun kneifen würde er ganz sicher nicht.

Jin indes beobachtete den Jüngeren möglichst unauffällig, verkniff sich jedes Wort, um keine seiner Reaktionen zu verpassen und genoss sie mit jeder Sekunde mehr. Die minimal vorgeschobene Unterlippe des Jüngeren verriet ihn bereits, zeigte sowohl seinen Widerwillen als auch seine Sturheit und der Ältere brannte darauf ihn daran scheitern zu sehen.

Sie gingen geradewegs auf den Kran zu und der Angestellte, am unteren Ende des Turms, lächelte sie einladend an. Es bedurfte nur weniger Worte, die Nennung der Reservierung und der Mann verschwand in dem kleinen Häuschen, vor dem er gesessen hatte. Der Jüngere bekam von alldem nichts mit, musterte nun aus der Nähe den stählernen Turm und trat unruhig von einem Fuß auf den anderen.

„Hier ist das Gurtzeug. Ich helfe ihnen beim Anlegen.“ Der Angestellte war wieder bei ihnen, drückte beiden ein Bündel aus Gurten, Schnallen und Ösen in die Hände und Jin sah zufrieden wie Taehyung schwer schluckte. Nach den Anweisungen des Mannes stiegen sie beiden in die Ausrüstung, ließen sich schließlich von ihm einschnüren und den Sitz prüfen. Zufrieden nickte der Angestellte und winkte sie weiter zwischen die Stahlstreben zu einer kleinen Kabine.

„Nur einer auf einmal bitte, der Aufzug ist recht klein. Oben bekommen sie dann die letzte Einweisung. Hören sie bitte unbedingt auf die Anweisungen des Personals“, teilte er ihnen freundlich, aber bestimmt mit, ehe er die Tür des Aufzugs zur Seite zog. Der Platz in der Kabine war wirklich minimal, sie hätten gerade so zu zweit hineingepasst und Jin war versucht sich mit Taehyung hineinzudrängen, um keine Sekunde zu verpassen, aber er hielt sich zurück. Sein Moment würde noch kommen. Dort oben. Wenn Taehyung begriff, was das hier wirklich war.

Auf seine Atmung konzentriert setzte Taehyung einen Fuß vor den anderen, bis er in der Kabine stand. Eine Gänsehaut bildete sich auf seinen Armen als er hörte wie die Tür sich hinter ihm schloss und ihm wurde flau als der Aufzug sich ruckelnd in Bewegung setzte. An allen Seiten gab es Fenster die einen Blick, zwischen den Stahlstreben hindurch, in die Landschaft ermöglichten. Aber er mied ihn, schaute lieber auf seine Füße und versuchte zu verdrängen, dass die sich bereits etliche Meter über dem Boden befanden.

'Du schaffst das. Du schaffst das. Du schaffst das!' sagte er sich immer wieder und zweifelte an diesen Worten, kaum dass sich die Tür vor ihm wieder öffnete und ihn ein weiterer Mitarbeiter zu sich winkte. Kaum den Aufzug verlassen fuhr dieser wieder hinab und der Mann vor ihm hakte ein Seil an seinem Hüftgurt ein.

„Nur zur Sicherheit, nicht dass der Wind sie noch wegweht“, erklärte dieser locker. Den schien die Höhe kein bisschen zu stören und Taehyung wusste nicht, ob er ihm Pest und Cholera an den Hals wünschen oder ihn einfach nur beneiden sollten. Sein Gegenüber bedeutete ihm einige Schritte weiterzugehen und damit neben ihn zu treten und nun merkte er auch was mit dem Wind gemeint war. Es wehte hier oben recht ordentlich, nicht ansatzweise stark genug, um ihn wirklich davon zu tragen, aber er zweifelte nicht, dass hin und wieder Böen kamen, die dies durchaus konnten. Unweigerlich glitt sein Blick über den Horizont und damit auch über den weit entfernten Boden. Sein Herz sackte ihm in den Magen und ihm wurde schlecht.

'Verdammt!'

Zittrig atmete er ein, seine Finger krampften sich zu Fäusten und das Blut rauschte ihm in den Ohren. Die Eisenplatten unter seinen Füßen begann leicht zu schwanken und alles in ihm schrie, dass er hier runter wollte, doch noch war sein Wille stärker.

'Nicht mehr lange. Nur einmal Jin zeigen, dass ich es kann und dann nichts wie weg.'

Eine Hand legte sich von hinten auf seine Schulter, ließ ihn heftig zusammenzucken und herumwirbeln, grinsend stand Jin hinter ihm, betrachtete ihn genüsslich, ehe er die Lippen leicht öffnete und sie mit der Zunge flüchtig befeuchtete. „Schöne Aussicht, oder?“ Das Lachen in seiner Stimme klang süffisant, während sein eigener Blick über Taehyung hinweg in die Ferne ging. Dann legte er dem Jüngeren eine Hand an die Hüfte, drehte ihn wieder um und drängte ihn einige Schritte weiter auf die Brüstung zu. Diese ging Taehyung zwar bis zur Brust doch seiner Höhenangst war das egal. Hektisch schnappte er nach Luft und bemühte sich möglichst ruhig auf seinen zitternden Beinen zu stehen.

'Nur noch kurz, nur noch ein bisschen. Mach einfach die Augen zu und warte bis du gehen kannst.'

Die Augen zu schließen, erwies sich als noch dümmer als sein Fehler sich umzuschauen. Leise wimmernd riss er sie wieder auf, versicherte sich, dass das Gefühl zu fallen nur eine grässliche Einbildung gewesen war. Sein Herz hämmerte laut in seiner Brust, brachte auch seine Finger zum Beben. Er wollte hier weg und wurde von Jin doch nur noch näher an den Abgrund gedrängt.

„Eine tolle Aussicht, oder? Heute ist es auch noch so klar, dass sie bis zur nächsten Stadt sehen können. Die Springer gestern hatten nicht so ein Glück“, erklärte der Mitarbeiter vergnügt, lächelte Jin dabei zu und dieser nickte zufrieden.

'Springer? Was zur Hölle meint der mit Springer?'

Kurz machte der Schreck Taehyung taub, ehe alles in ihm zu schreien begann. Er wollte einfach nur weg. Egal was Jin sich dann dachte. Egal ob es feige wirkte. Sein einziger Gedanke war Flucht.

„Ich will wieder runter“, krächzte er schwach, schaffte es kaum sich genug zu konzentrieren, um zu sprechen. Die andern hatten ihn wohl nicht richtig verstanden, sahen ihn nur verwirrt an. „Runter. Ich will zurück auf den Boden!“, wiederholte er eilig, die Worte überschlugen sich fast. Adrenalin und Panik kämpften in ihm, überrollten ihn mit immer neuen Wellen. Sein ganzer Körper schien zu zittern und war gleichzeitig erstarrt, seine Wahrnehmung begann verrückt zu spielen. Immer wieder hatte er Mühe richtig zu atmen, nur flach und gepresst kam die Luft in seine Lungen und kalter Schweiß sickerte am Nacken in seinen Kragen.

„Sie hatten doch einen Doppelsprung gebucht?“, fragte der Mann leicht verwirrt nach, mehr an Jin als an ihn gerichtet. Dieser legte Taehyung eine Hand auf die Schulter und lächelte milde.

„Korrekt. Eigentlich hatte Taehyung sich vorgenommen seine Höhenangst zu bekämpfen. Willst du es nicht wenigstens versuchen?“ Die Frage war der reine Hohn. War nur dazu da, um ihn vor dem Angestellten bloßzustellen, aber das war Taehyung sowas von egal. Ihn hatte die Meinung anderer nie interessiert und da er sich mittlerweile sicher war zu sterben, sollte er nicht binnen der nächsten Minuten hier runter kommen, war es eh egal.

„Runter…lasst mich hier runter… SOFORT!“, kreischte er nun hysterisch. Alle Selbstbeherrschung brauchte er, um noch halbwegs regelmäßig zu atmen, vernünftig mit anderen zu sprechen war da egal. Der Mitarbeiter handelte sofort, griff nach seinem Unterarm, hakte ihn bei sich ein und führte ihn zurück zur Aufzugskabine. Taumelnd betrat Taehyung diese, spürte noch ein Ziehen am Hüftgurt und wartete mit geschlossenen Augen darauf, dass das verdammte Teil endlich nach unten fuhr.

Unendliche Sekunden stand er so da, darum bemüht nicht zusammenzubrechen. Sein T-Shirt war schweißnass, sein Atem noch immer so flach, dass ihm die Lunge bereits leicht brannte. Lange würde er es nicht mehr durchhalten. Dann endlich bewegte sich der Aufzug, doch zu seinem zusätzlichen Schrecken nicht so wie gedacht. Ein Stoß von hinten, der ihn taumeln ließ. Ein spitzer Schrei entfuhr ihm und seine Knie gaben nach. Dann flog er förmlich nach hinten, wurde herumgedreht und erst da bemerkte er, dass Jin bei ihm in der Kabine war.

„Tief atmen, wir sind gleich unten“, meinte dieser unerwartet ernst. Taehyung war außer Stande irgendetwas zu tun, japste nur hilflos in dem Griff des Älteren bis dieser begann ihm die Atemzüge zu diktieren. Besser fühlte sich der Jüngere nicht, quietschte erneut erschrocken auf als die Kabine ruckelte und taumelte erleichtert ins Freie als er merkte, dass sie unten angekommen war.

Nur mit Jins Hilfe schafften es der Mitarbeiter Taehyung aus dem Gurtzeug zu bekommen, welcher halb weggetreten immer wieder zusammenzusacken drohte. Dieser hörte das gesprochen wurde, wohl auch über ihn, doch das war ihm egal. Er wollte nur weg. Weit weg von diesem Bungeeturm und sich dann hinlegen, von ihm aus mitten auf die Straße, Hauptsache nicht mehr seinen wackligen Beinen ausgeliefert sein.

Jin hatte seine liebe Mühe das panische Häuflein Mensch namens Taehyung zu bändigen. Zwischen Eile und Ohnmacht schwankte der herum, konnte kaum stehen, versuchte aber alles, um hier wegzukommen. Obwohl er kräftiger als der Jüngere war, hatte er es nicht leicht ihn festzuhalten und zum Auto zurückzuführen, mit einer Hand die Hintertür zu öffnen und den Jüngeren auf die Rückbank zu bugsieren. Dieser begriff erst nicht wo er war und sackte in der Sekunde in sich zusammen, als er es dann doch tat. Wimmernd blieb er auf dem Bauch liegen und Jin seufzte schwer. Umständlich kletterte er ins Auto, drehte den japsenden Taehyung auf den Rücken und setzte sich dann zu seinen Füßen auf den Sitz, zog Taehyungs Beine auf seinen Schoß und hielt sie schließlich mit einer Hand auf Brusthöhe fest, damit sich der Kreislauf des Liegenden wieder stabilisierte.

Das breite Grinsen hatte sich auf sein Gesicht geschlichen, kaum dass sie außer Sichtweite des Personals waren und würde sicher auch nicht so schnell wieder weichen. O wie gut hatte das eben getan die Panik und Verzweiflung des Jüngeren zu sehen. Diese Hilflosigkeit! Einfach herrlich.

Gut, er hatte Taehyung nicht gesagt, dass es sich um einen Bungeesprung handelte, aber wäre der Jüngere nicht so stur gewesen und hätte früher angefangen zu jammern hätte er da gar nicht erst hoch gemusst. Aber nein, er war ja stoisch, wollte ihm beweisen, dass er keine Angst hatte und nun durfte er sich an dem Ergebnis erfreuen. Zwar waren blasse Gesichter mit dunkel unterlaufenen Augen nicht seine Interpretation von Ästhetik aber in diesem Fall machte er doch gerne mal eine Ausnahme. Zufrieden mit sich und der Welt behielt er Taehyung im Blick, sah ihm dabei zu wie das Zittern sich legte, seine Atemzüge wieder ruhiger wurden und seine schweißnasse Stirn zu trocknen begann.
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