Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Kein Kind von Traurigkeit

von Fhaiye
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18
Chris "The Lord" Harms Class Grenayde Gared Dirge OC (Own Character)
02.03.2019
25.09.2020
43
310.468
19
Alle Kapitel
167 Reviews
Dieses Kapitel
8 Reviews
 
 
02.03.2019 6.834
 
Gude ihr Lieben,

Fhaiye is back :)
Früher als gedacht, lade ich eine weitere Geschichte hoch. (Ich wurde das Gefühl nicht los, dass das gewünscht war :D)

Wie immer gilt -> alle Handlungen sind frei erfunden. Die Bandmitglieder gehören sich selbst, dienen nur als Vorlage in meiner Geschichte.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen :)
Und bitte hinterlasst mir doch eine Rückmeldung, wenn ihr euch schon hier durchwühlt! Es würde mich sehr freuen.

LG,
Fhaiye (ein Faschingsmuffel – ich schreibe lieber weiter an meiner FF)



*~**~**~**~*




Es war ein ganz normaler Arbeitstag. Ein ziemlich langweiliger sogar.
Ein verregneter, normaler Montag in ihrem Büro.
Bis ihr Chef neben sie trat und das neue Projekt vorstellte, welches sie übernehmen sollte.

Und sie, Lena, traf fast der Schlag.

Das… das konnte doch nicht wahr sein, oder?

Lena war Angestellte in einem Hamburger Softwareunternehmen, und sie, ausgerechnet sie, sollte demnächst an dem neuen, fantastischen Projekt bei einem der neueren Kunden arbeiten.

Und genau das war ihr Problem.

Eben dieser Kunde.

Denn der tolle Kunde war niemand Geringeres als die Band Lord of the Lost.

Super.

Genau diese Band, war Lena mehr als bekannt. Seit Jahren schon war sie ein großer Fan.
Sie war unschlüssig, ob dieses Projekt nun gut oder schlecht war.

Immerhin war sie schon auf dem ein oder anderen Konzert gewesen. Sammelte CDs, Poster, Autogrammkarten, trug Merch.
Alles, was man sich als Fan eben vorstellen konnte.

War sie wirklich die Richtige für diesen Auftrag? Konnte eine Zusammenarbeit auf dieser Basis überhaupt funktionieren?
Nicht, dass sie fangirlmäßig anfangen würde zu quietschen, sollte sie der Band zu nahe kommen, aber…

Sie blickte Manni, ihren Chef, an und es blieb kein Zweifel.
Widerstand war zwecklos. Egal, was sie sagen würde.
So cool ihr Chef auch drauf war, Auftrag war Auftrag.

Auch, wenn es Lena nun unvorstellbare Mühe kostete ihre Klappe zu halten… Sie schluckte ihren sich anbahnenden Unmut hinunter.
Wer weiß, vielleicht würde es doch ganz witzig werden?
Und hey, so konnte sie immerhin hautnah an einer ihrer Lieblingsbands dran sein.
Wer konnte das schon von sich behaupten?

Doch eine Sache ließ sie dennoch wütend werden.

Denn das Allerbeste an der Sache war nämlich, dass der Termin um 14.30 Uhr war.

Heute.

Ziemlich langfristig geplant.

Nicht.

Super.

Applaus an Manni.
Oder die Band.
Wer auch immer so kurzfristig geplant hatte.

Sie war überhaupt nicht begeistert. Aber was soll‘s. Da musste sie nun durch. Ob sie wollte oder nicht.
Es war ihre gottverdammte Arbeit. Da konnte man sich gewisse Dinge eben nicht aussuchen.

Lena seufzte genervt auf und gab sich geschlagen.

Im Endeffekt waren die Bandmitglieder von Lord of the Lost Menschen, wie jeder andere auch. Wie sie, wie ihr Chef, wie ihre Kollegen.
Und Lena hatte schließlich schon so manches Mal mit den Jungs nach einem Konzert gequatscht. Sie wusste also, dass sie eigentlich nett waren. Jedenfalls in der Nähe der Fans.
Warum sollte also die Arbeit mit ihnen anders sein?

Sie überlegte einen Moment.

Unter Umständen war das einfach nicht aussagekräftig. Möglicherweise gehörte das eben zu ihrem Job. Vor den Fans nett und umgänglich sein. So wie es zu ihrem gehörte, jeden noch so dämlichen Wunsch ihrer Kunden umzusetzen und dabei ein nettes Lächeln auf den Lippen zu tragen. Nur, dass sie eben nicht so war.

Lena kam zu dem Schluss, dass sie sich würde überraschen lassen müssen.

Das Einzige, was sie zufrieden stimmte, war die Tatsache, dass sie heute Morgen kein Lord of the Lost-Shirt angezogen hatte.
Was hätte es für einen Eindruck hinterlassen, wenn sie als engagierte Softwareentwicklerin in einem Shirt des Auftraggebers erscheinen würde?
Sie lachte bei dieser Vorstellung auf. Das erschien ihr nicht sehr professionell, sondern eher dämlich, fast schon peinlich und groupiehaft.

Glücklicherweise gab es bei ihr auf der Arbeit keinen Dresscode, sie konnte sich also kleiden wie sie wollte.
Tattoos, Piercings, Kleidung - alles egal, solange man gepflegt aussah. Und das war gut so. Lena hätte sich sonst sehr in ihrer Freiheit beschnitten gefühlt.
Sie liebte ihre Tattoos, Piercings und ihren eher schwarzen Kleidungsstil sehr.

Jetzt war erst einmal Mittagspause angesagt, danach hätte sie noch genug Zeit, um ihre Tasche zu packen.
Wichtig war ihr Laptop, diesen sollte sie bloß nicht vergessen. Er war schließlich ihr Hauptarbeitsinstrument – ohne ihn, würde sie nichts tun können.

Lena schnappte sich ihren Rucksack und ihre Tasche, sagte ihren Kollegen Bescheid und machte sich auf den Weg.
Ihre 10-Loch-Stiefel quietschten auf dem hässlichen blassgrünen Linoleum. Sie schmunzelte erneut.

Ihr Arbeitgeber gab viel für die Angestellten. Viele Urlaubstage, kein Dresscode, 13. Monatsgehalt, Gleitzeit, Teambuilding-Maßnahmen zur Stärkung der Zusammenarbeit.

Aber was das Büro anging. Nun ja, da war er eben knauserig.
Die Büroräume befanden sich in einem schäbigen Gebäude der 70er-Jahre. Seit dieser Zeit war hier wohl auch kaum etwas gemacht worden.
Und dennoch, Lena liebte ihren Job! Für nichts auf der Welt würde sie diesen aufgeben.

Sie trat in das regenreiche Hamburger Spätherbstwetter hinaus und erschauderte.
Bah. Ekelhaft.
Sie zog sich ihre Kapuze tief ins Gesicht und lief los.
Es war November – wo blieb bitte der Schnee? Dieser wäre wenigstens auszuhalten.
Aber der Regen. Furchtbar.

Ihr Ziel war ein kleines Café, in dem sie mittags gerne ihre halbe Stunde Mittagspause verbrachte. Hier erkannte man sie bereits beim Hereinkommen. Murat, der Inhaber des Ladens, kam, als er Lena entdeckte, freudestrahlend mit einer Tasse Tee und einer Portion Baklava auf sie zu, um sie zu begrüßen.

„Lena, wie schön dich zu sehen! Wie läuft es auf der Arbeit?“  
Murat begleitete Lena an einen Tisch und stellte die Lebensmittel vor ihr ab.
„Danke, alles bestens. Noch die Pause, dann geht es schon bald zum neuen Kunden.“
Murat wurde neugierig. Er setzte sich Lena gegenüber und musterte sie aufmerksam. Sie unterhielten sich oft, wenn Lena hier war. Man konnte beinahe schon sagen, dass sie ein freundschaftliches Verhältnis pflegten. „Schon wieder ein neuer Auftrag? Wo geht es diesmal für dich hin? Letztens war es ja ganz lustig, hattest du erzählt.“

Ohja, das war es tatsächlich. Das letzte Projekt hatte sie in eine Autowerkstatt geführt und die Leute vor Ort, nun ja, die waren genau ihr Schlag Menschen gewesen. Derb, ziemlich vorlaut und schwarz gekleidet. Es hatte einfach gepasst. Wie Arsch auf Eimer. Sie war gerne dort hingegangen. Nur schade, dass das halbe Jahr viel zu schnell vorüber gegangen war.

Lena schaute Murat an und nickte.
„Ja, schon wieder ein neuer Job. Mir soll ja schließlich nicht langweilig werden. Manni sorgt eben für Abwechslung.“
Sie fing an zu grinsen.
„Das wirst du nicht glauben. Manni hat, wie auch immer, einen Auftrag bei der Band Lord of the Lost an Land gezogen und ich bin diejenige, die diesen in Angriff nehmen soll. Krass, oder?“
Lena konnte es selbst noch kaum glauben und schüttelte leicht entgeistert ihren Kopf.

Murat grinste.
„Ist das nicht eine von diesen lauten, seltsamen Bands, die du so hörst?“  
Lena lachte.
„Genau. Das ist eine dieser seltsamen Bands. Und da soll ich, ausgerechnet ich, hin. Unfassbar, oder?“
Murat stand auf und legte ihr die Hand auf die Schulter.
„So unglaublich auch nicht. Wir sind hier schließlich in Hamburg und nicht in irgendeinem Dorf.“
Er hielt inne und zeigte auf den Teller.  
„Lass dir die Baklava mal schmecken und dann: hopp hopp.“
Mit diesen Worten war er wieder hinter dem Tresen verschwunden und bediente bereits die nächsten Kunden, die das Café betreten hatten.

Jetzt, wo Lena genauer darüber nachdachte, hatte Murat recht. So ungewöhnlich war es gar nicht, dass sie zu Lord of the Lost gehen sollte, um für sie zu arbeiten.
Sie waren in Hamburg. Einer Weltmetropole.
Und dennoch. Sie konnte es noch nicht wirklich glauben.

Gedankenverloren schnappte sie sich ein Stück des türkischen Gebäcks und kaute auf der süßen Masse herum.

Was sie wohl erwartete?
Genaue Informationen hatte Manni nicht bekommen. Es sollte lediglich vorhandene Software überarbeitet werden. Doch das konnte viel bedeuten.
Sie würde es also auf sich zukommen lassen müssen.

Und sie war verdammt neugierig.

Wie die Kerle wohl drauf waren?
Waren sie wirklich so wie nach den Konzerten?

Lena brauchte Ablenkung.
Das waren Fragen, auf die sie jetzt keine Antwort fand, finden konnte.
Geduld, sie brauchte Geduld.

Sie schnappte sich ihr Smartphone, rief eine Nachrichten-App auf und las. Versuchte es jedenfalls.

Fünfzehn Minuten später hatte sie sowohl den Tee als auch die Baklava restlos verzehrt.
Man, war das gut.

Nun musste sie wieder durch das ekelhafte Wetter Richtung Büro stiefeln.
Allein der Gedanke daran ließ sie das Gesicht verziehen. Sie legte das Geld passend auf den Tresen, winkte Murat zum Abschied und marschierte los.

Der Regen hatte aufgehört, es war einfach nur noch trüb und kühl.

Im Büro angekommen, hatte sie noch dreißig Minuten Zeit, bevor sie los musste.
Lena überlegte. Sie hatte noch genügend Zeit eine wichtige Dokumentation zu Ende zu schreiben. Es fehlten schließlich nur noch einige paar Sätze. Und es wäre gut, das erledigt zu haben, bevor sie sich einem neuen Job widmete.
Gesagt, getan.

Als sie fertig war, schaute sie auf die Uhr.
Perfekt.
Nun passte die Uhrzeit. Sie packte also ihre Unterlagen, ihr Notebook und ihre Peripheriegeräte in ihren Rucksack und ging hinüber zu Mannis Büro.
Rigoros klopfte Lena an seine Tür.
Guter Umgangston hier, nur nicht zu zaghaft sein. Als Frau hatte man es in der IT-Branche sowieso schon schwer genug.

Ein lautes 'Herein' veranlasste Lena dazu, das Büro ihres Chefs zu betreten. Sie lehnte sich einfach an den Türrahmen und linste in den Raum hinein.

Manni, ihr Chef, saß, höchstkonzentriert und mit der Brille bis zur Nasenspitze gezogen, vor seinem Rechner und blickte nicht einmal auf.

Typisch.

Lena grinste.
„Manni, ich wollte dir nur Bescheid geben, dass ich mich so langsam auf den Weg mache. Ich weiß nicht, ob ich in den nächsten Tagen nochmal ins Büro komme. Kommt drauf an, wie es vor Ort läuft.“

Endlich hatte Manni sich von seinem Quellcode gelöst. Verfluchte IT-Nerds.
„Mädchen, mach uns keine Schande.“
Er grinste. Lena wusste, dass er das aus Spaß sagte. Das war sein Standardspruch.
„Du weißt, wenn sie dir auf den Sack gehen, dann geh du ihnen erst recht auf die Eier. Mach ihnen das Leben zur Hölle oder sonst was. Setz dich durch. Aber warum sage ich dir das eigentlich? Ich kenne dich mittlerweile. Das schaffst du schon. Wenn was ist, komm vorbei oder ruf mich einfach an.“
Sein Lachen wurde lauter. Ihr Chef war einfach der Hammer, das musste sie ihm lassen.
Alleine sein Shirt.
Wer konnte von seinem Boss behaupten, dass er ein Oberteil mit der Aufschrift 'Software is like sex, it's better when it's free' trug?

Solche Sprüche musste man als Frau in der IT eben akzeptieren.
Oder sie ebenfalls lustig finden, einen ziemlich verkorksten Humor haben. Dann war es einfacher – um einiges.

Lena klopfte gegen den Türrahmen und verabschiedete sich.
Auch wenn noch immer mehr als genug Zeit war, so wollte sie sich bereits auf den Weg machen.
Sie hasste Unpünktlichkeit. So wie vieles andere auch…

Sie lief den Gang entlang, nach unten Richtung Mitarbeiterparkplatz. Wie jeden Tag war sie mit dem Auto gekommen, obwohl sie in Hamburg wohnte. So war es für sie am bequemsten, auch wenn der Stadtverkehr sie wirklich fertig machte.
Schlimmer allerdings fand sie die gruseligen Menschenmengen in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Das war in ihren Augen beinahe schon ekelerregend.
So dicht und nah, wie man den fremden Menschen zum Teil kam. Besonders widerlich im Sommer, wenn jeder schwitzend und stinkend in der beklemmenden Ende der Bahnen kuschelnd am Nebenmann klebte. Furchtbar.

Und überhaupt: Menschen – sie hatte sich nicht umsonst einen Beruf gesucht, bei welchem sie auf zumeist unnötigen Kontakt mit diesen Wesen verzichten konnte.
Nicht, dass sie misanthropisch veranlagt wäre… Aber zu viele ihr unbekannte Menschen auf einem Haufen gequetscht…
Nun ja. Darauf konnte Lena gut und gerne verzichten.

An ihrem Auto angekommen, schmiss sie ihren Kram auf die Rückbank und fuhr los. Sie würde vermutlich trotz des Hinauszögerns zu früh am Studio ankommen.
Aber im Zweifelsfall würde sie einfach noch eine Weile im Auto warten. Das machte ihr nichts aus.
Besser als dieses Unbehagen durch zu frühes Erscheinen am Treffpunkt.

Sie quälte sich durch den Hamburger Stadtverkehr und kam fünf Minuten vor der vereinbarten Zeit an. In ihren Augen somit mehr als pünktlich, allerdings auch nicht viel zu früh.
Perfekt.

Lena parkte ihr Auto auf dem kleinen Parkplatz, stieg aus und schnappte sich ihren Rucksack von der Rückbank. Den würde sie schließlich benötigen.

Ein bisschen verwundert sah sie sich um. Sie hatte mit einem imposanteren Gebäude gerechnet.
Sie war immerhin auf dem Weg zu Lord of the Lost und nicht zu irgendeiner unbedeutenden Band, die niemand kannte.

Na gut.
Konnte Lena eigentlich egal sein. Sie sollte hier nur ihre Arbeit erledigen.
Und wenn sie dabei in einem dreckigen Erdloch sitzen würde. Hauptsache es gab Strom.

Sie machte sich auf den Weg zum Eingang des Studios. Man erwartete sie wahrscheinlich schon.

Voller Tatendrang schritt sie die wenigen Stufen hinauf und klingelte. Lange ließ man sie schließlich nicht draußen stehen.

Keine zwei Herzschläge später wurde die Türe ruckartig geöffnet und vor ihr stand – Chris Harms.
Der Sänger von Lord of the Lost.

Er blickte sie an, fixierte sie, begutachtete sie von unten bis oben, wie man Tiere im Zoo ansah.

Und doch war sein Blick… frostig.

„Du bist zu spät.“

Chris drehte sich um und lief los.
Er ging einfach.
Ließ sie draußen stehen.

Und die Türe drohte wieder ins Schloss zu fallen.

Hatte Lena sich da gerade verhört? Sie sei... zu spät?
Was anderes hatte er doch nicht gesagt, oder?

Dass er sie geduzt hatte, nahm sie ihm nicht mal übel.
'Du' war ihr lieber als das förmliche und stockdeutsche ‚Sie‘.

Bei aller Liebe für seine Musik – der Kerl konnte nun mal singen und diverse Instrumente spielen - aber die Uhr lesen war scheinbar keine seiner Stärken.
Dabei war Lena davon ausgegangen, dass Chris Harms dumme Menschen nicht ausstehen konnte. Sie meinte sich an Interviews erinnern zu können, in denen er so etwas hatte beiläufig fallen lassen.

Wer weiß, vielleicht steckte in ihm ein kleiner Misanthrop?
Möglicherweise verachtete er Menschen wirklich, ganz im Gegensatz zu ihr?

Bevor die Türe gänzlich zufallen konnte, steckte Lena ihren Fuß in den Türrahmen und trat ein.
Von Chris fehlte mittlerweile jede Spur.
Es war auch niemand anders in Sicht. Keins der anderen Bandmitglieder und auch kein anderer Mitarbeiter der Studiocrew.

Wollte dieser Kerl sie verarschen?  
War das sein verdammter Ernst?
Er bestellte sie hierher, er wollte etwas von ihr und dann ließ er sie hier stehen?
Was für ein guter erster Eindruck.

Aber was Chris Harms konnte, das konnte sie schon lange.
Das war genau das, was ihr Chef gemeint hatte.

Völlig genervt brüllte Lena durch das scheinbar leere Studio.

„Ganz im Ernst - wenn du mir nicht gleich sagst, wo du hin bist, dann hau ich wieder ab und du kannst deinen Scheiß alleine machen. Gern geschehen.“

Lena wartete.

Nichts.

Sie wartete noch einen weiteren Moment.

Noch immer nichts.

Dann reichte es ihr.

„Alles klar. Adiós.“

Sie drehte sich um und hatte schon die Türklinke in der Hand, da vernahm sie laute, schwere Schritte hinter sich.

„Was zum Teufel treibst du da? Erst kommst du zu spät und dann willst du dich direkt wieder verpissen?“

Lena schüttelte ungläubig den Kopf.
Alles nur Show vor den Fans?
So viel zum Thema ‚die waren doch ganz nett‘...

Chris schob seinen Arm an ihrem Kopf vorbei und hielt die Tür zu, versperrte ihr somit den Rückweg.

„Du bleibst hier. Sonst fällt mir bestimmt eine nette Geschichte ein, die ich deinem Chef erzählen kann…“

Er grinste sie herausfordernd an.

Lena rollte mit den Augen.
Man, sie war bereits jetzt schon genervt.

„Erstens: ich war nicht zu spät, sondern pünktlich. Zweitens: mir geht dein Gelaber jetzt schon gewaltig auf den Senkel. Drittens: wenn du mich nicht einfach vor der Tür hättest stehen lassen, dann würden wir nicht genau darüber diskutieren. Und viertens: deine dämliche Drohung kannst du dir gerne in den Allerwertesten schieben, verehrter Herr Harms. Mein Chef wird dir ohnehin kein Wort glauben.“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und starrte den Sänger genervt an.

Chris warf ihr ebenfalls einen genervten Blick zu.
„Bist du fertig mit deinem Geheule? Ich würde gerne anfangen. Es hat ja schließlich nicht jeder so viel Zeit wie du.“

Er schob seine Brille zurecht und ging den langen Korridor entlang, an dessen Ende eine kleine Treppe in einen weiteren Raum hinabführte.
Lena folgte ihm.

An den Wänden waren rundherum Tourposter von Lord of the Lost angebracht.
So, als dürfe man nicht vergessen, wo genau man sich befand.

Lächerlich!
So wie das bisherige Verhalten von Chris.

Dass sie sich bisher nicht einmal hatte vorstellen dürfen…

Er führte sie in einen geräumigen Aufenthaltsraum, der, entgegen Lenas Vermutung, in hellen Farben und hellem Mobiliar gehalten war.
In der Mitte stand ein großer Tisch mit sechs Stühlen und das Zimmer war wunderbar lichtdurchflutet.
Eine wirklich nette Atmosphäre zum Arbeiten.

Wäre da nicht Chris gewesen.

Er bedeutete ihr, dass sie sich setzen solle.
Er drehte sich unterdessen um, holte zwei Gläser und eine Flasche Cola von der kleinen Küchenzeile, die ebenfalls im Raum stand.

„Die anderen sind heute nicht da. Die haben was anderes zu tun, als bei so etwas Irrelevantem dabei zu sein.“

Er starrte sie an und sprach unbeeindruckt von Lenas fassungslosem Gesicht weiter.

„Einen genauen Auftrag haben wir bisher nicht an euch, sprich deine Firma, weitergegeben. Das war einfach nicht nötig. Du sitzt jetzt hier, also kann man alles Weitere vor Ort klären.“

Chris nickte in Lenas Richtung.

„Du fragst dich also, warum du hier bist, richtig?“

Jetzt war es an ihr, Chris herausfordernd anzusehen.
Sie grinste.

„Bestimmt nicht, um mir deinen fürchterlich nervigen Monolog anzuhören, oder liege ich falsch? Außerdem freut es mich so unsagbar dich kennenzulernen. Ich bin übrigens Lena, falls es den Lord interessieren sollte.“ Das Wort ‚unsagbar‘ betonte sie mit einem besonders ironischen Unterton.

Einen kurzen Moment war Chris baff, dann hatte er sich wieder gefangen.

„Wie bitte? Willst du mich auf den Arm nehmen? Ich weiß, wie du heißt und es juckt mich nicht im Geringsten.“

Er schüttelte seinen Kopf, ob ihrer Dreistigkeit.

Jap, das konnte Lena wirklich gut.

Dreist sein, anderen Leuten auf den Sack gehen, ihre Meinung vertreten.
Im Zweifelsfall mit dem Vorschlaghammer.

„Du hast mich schon verstanden. Ich wollte dich nicht unterbrechen – sorry. Aber mich übergeben wollte ich auch nicht. Sag mir einfach, warum ich hier bin und spar dir das Geplänkel drum herum. Vielen Dank, auch wenn du dich womöglich selbst gerne reden hörst.“

Er sah sie einfach an und sein Gesicht verzog sich zu einer nicht deutbaren Grimasse.

„Bist du immer so?“

„Was meinst du mit ‚so‘? Direkt, knallhart und genervt, wenn mir jemand auf den Keks geht? Ja, in der Tat. Eine meiner Kernkompetenzen.“
Lena zuckte mit den Schultern.
„Wenn es dir nicht passt, dann kann ich meinen Chef auch gerne wen anders schicken lassen, der ‚was-auch-immer‘ für die sagenhafte Band Lord of the Lost macht.“

„Du solltest deine Zunge wirklich hüten, Madame.“

Chris schnappte sich einen Stuhl, setzte sich Lena gegenüber und ließ seinen Blick erneut über ihren Körper schweifen. Jedenfalls über das, was er im Sitzen erkennen konnte.
Lena entging das nicht. Und dennoch fühlte sie sich nicht unbehaglich.

Sie fragte sich lediglich, was genau sein Problem war, warum er sie so anstarrte, musterte.

„Unser Onlineshop, sprich unsere Onlinepräsenz, muss neu aufgesetzt werden. Das, was bisher vorhanden ist, ist uns nicht mehr aktuell genug. Wir brauchen was Neues auf Basis des Alten.“

Chris taxierte sie erneut. Zweifel waren nun eindeutig von seinem Gesicht ablesbar.

„Und du meinst, du…“

Lena lachte los.

„Angst, dass ich das nicht hinbekomme, weil ich eine Frau bin? Ganz schön sexistisch von dir.“
Sie schnaubte.
„Vielleicht solltest du deine Zunge ebenfalls hüten, Harms.“

Beide starrten sich, aufgestachelt von den Worten des jeweils anderen, in die Augen.
Es war ein hitziger Augenkontakt.
Dickkopf gegen Dickkopf.
Beide waren stur.
Keiner wollte nachgeben.

Vor allem nicht Lena.
Sie würde sich garantiert nicht von Chris Harms auf der Nase herumtanzen lassen, nur weil er der Sänger einer relativ bekannten Band war.

Einer ihrer Lieblingsbands.
Genau diesen Fakt versuchte sie auszublenden.
Sie war wegen ihres Jobs hier, nicht wegen des Vergnügens.

Und außerdem: Mensch war Mensch, oder etwa nicht?
Sänger hin oder her.

„So war das überhaupt nicht gemeint…“

Chris blickte zu Boden.

„Ach nein, was wolltest du denn sagen, nach dem du Fleischbeschau begangen hast? Wolltest du mir ein Kompliment über meine schönen Augen machen, oder wie sieht‘s aus? Weil das kannst du dir echt sparen, Freundchen.“

Lena blickte Chris herausfordernd an, lehnte sich weit über den Tisch, genau in seine Richtung.
Chris‘ Blick glitt augenblicklich nach oben. Er starrte sie wutentbrannt an.

„Was fällt dir eigentlich ein? Du kommst hierher um für mich zu arbeiten - hörst du - für mich und dann knallst ausgerechnet du mir sowas um den Kopf? Als ob ich es nötig hätte, ausgerechnet so eine wie dich zu poppen.“

Wooow.

Das hatte gesessen.

Auch wenn Lena eigentlich gar nicht auf diese Weise an ihm interessiert war, so ü b e r h a u p t nicht, hatte ihr Ego einen leichten Kratzer abbekommen.

Dieser arrogante Penner!

Sie hatte ihn lediglich provozieren wollen, damit er endlich aus seinem Schneckenhaus hervorkam und ihr ihre gottverdammte Arbeit übertrug, für die sie eigentlich hergekommen war.
Aber er, er musste natürlich unter die Gürtellinie schlagen.
Wobei, war sie wirklich so viel besser als er?
Ihr loses Mundwerk brachte sie des Öfteren in Schwierigkeiten. Und ausgerechnet in seiner Nähe konnte sie sich so gar nicht beherrschen.

Wieder so typisch. Aber Chris reizte sie bis aufs Blut. Seine pure Anwesenheit.
Und das konnte sie sich nicht erklären.

Als Lena weitersprach, versuchte sie sich nichts anmerken zu lassen. Auch wenn sie noch immer auf hundertachtzig war. Doch Aufregen hätte nichts gebracht.
Zusammenarbeiten musste sie ohnehin mit ihm.
Alles andere hätte sie ihrem Chef nicht erklären können. Geschweige denn erklären wollen.

„Zeig mir einfach, wo euer beschissener Server steht, wenn ihr einen hier vor Ort habt. Oder wird eure Webseite fremd gehostet?“

Statt ihr zu antworten, knallte Chris Lena einen fetten Ordner vor die Nase.
„Hier. Da steht alles drin, was du wissen musst. Ich gehe eine rauchen. Ist ja nicht auszuhalten mit dir.“

Ohne weitere Worte verschwand er.

Wow, wow, wow.
Was war er nur für ein goldiges Kerlchen.
Dieses Projekt konnte wirklich spannend werden.

Lena schnappte sich den Ordner und blätterte interessiert durch.
Technische Dokumentationen über den Server.
Blabla.
IP-Adressen, Informationen zur Datenbankanbindung, Serverpasswörter.
Allerlei Zeug, mit dem sie viel anzufangen wusste, welches sie brauchte, um zu arbeiten.
Aber diese fein säuberlich zusammengetragenen Informationen erklärten ihr nicht, was genau sich die Band vorstellte, was die Jungs wollten. Wie die Webseite aussehen sollte.
Lena brauchte immerhin einen groben Überblick, was die Seite für Funktionen aufweisen, wie sie aussehen sollte.

Stichpunkt Lasten- und Pflichtenheft, Herr Harms!
Fuck you!

Lena schüttelte den Kopf und holte ihr Notebook aus dem Rucksack.
In aller Seelenruhe baute sie ihre Arbeitsumgebung auf und wartete auf den Sänger.
Irgendwann würde dieser wieder zu ihr kommen müssen. Ob er wollte oder nicht.

In der Zwischenzeit schenkte sie sich ein Glas Cola ein und beobachtete fasziniert, wie die Blasen der Kohlensäure an die Oberfläche stiegen.
Minute um Minute verging, doch Chris tauchte nicht auf.

Lena fing an Däumchen zu drehen, zählte die Streifen auf den hübschen Gardinen, trommelte geistesabwesend auf dem Tisch umher...

Fantastisch, wirklich hervorragend.
Das hatte sie sich anders vorgestellt.

Zehn Minuten später flog die Tür des Raumes auf und Chris stand hinter ihr.

„Du hast noch gar nicht angefangen!“

Er klang empört, seine Stimme überschlug sich fast.

Lena hingegen prustete los, weil seine Entrüstung einfach so falsch, so vollkommen fehl am Platze war.
Er kapierte es einfach nicht.
Sie konnte nicht anfangen, nicht mit diesen spärlichen Informationen!

„Das liegt vielleicht einfach daran, dass du mir noch immer nicht gesagt hast, was ihr eigentlich wollt, was genau ihr euch vorstellt. Wie der neue Shop aussehen soll."
Sie zuckte mit den Schultern.
Im Endeffekt konnte es ihr egal sein. Sie bekam ihr Gehalt Ende des Monats, egal, ob die Band eine neue Webseite hatte oder nicht.

So what, bitches.

Mit einem mehr als genervten Blick nickte Chris in Richtung des Ordners, der noch immer vor Lena lag.
„Bist du schwer von Begriff oder liegt es wirklich daran, dass du eine Frau bist? Da sollte doch alles drin stehen. Oder bist du zu blöd zum Lesen?“

Er nahm sich wieder einen Stuhl und setzte sich ihr erneut gegenüber.
Die Rückenlehne drehte er nach vorne, legte seine Arme auf dieser ab und starrte sie ausdruckslos an.

Oh ja, wie sehr Lena diesen ausgesprochenen Sexismus genoss.
Witzig, immer wieder witzig. Daran war sie bereits seit Jahren gewöhnt. Und trotzdem nervte es sie gleichermaßen.
Ein zweischneidiges Schwert.

Das Grinsen bekam sie jedenfalls nicht mehr aus dem Gesicht.

„Bist du eventuell schwer von Begriff, weil dir deine Eier das Denken erschweren? Das hier-“
Sie zeigte auf den von ihm angesprochenen Ordner.
„-ist lediglich die technische Dokumentation eurer Serverlandschaft, Mister Oberschlau. Ich weiß noch immer nicht, was ihr eigentlich wollt. Du gehst doch auch nicht zum Bäcker und sagst ‚Kuchen‘ ohne genauer zu spezifizieren, was du eigentlich willst. Oder liege ich falsch, du grobschlächtiger Neandertaler? Erwartest du etwa, dass man dir die Wünsche von den Lippen abliest, wertester Lord? Dieser egozentrischen Bitte werde ich definitiv nicht nachkommen.“

Dieses Spiel beherrschte sie perfekt.
Als Frau in einer beinahe reinen Männerdomäne zu arbeiten, hatte manchmal eben doch so seine Vorteile.

Und Chris, nun ja, dem hatte sie kurzzeitig die Sprache verschlagen.
Er starrte Lena einfach nur aus großen Augen an.

Lena genoss diesen kurzen Moment ihres Ruhmes sichtlich.
Ein breites Grinsen zeichnete sich in ihrem Gesicht ab, als sie anfing die Serveranbindungen auf ihrem Notebook einzurichten.

Es war nur das rhythmische Tippen ihrer Finger auf der Tastatur zu hören, ansonsten herrschte Ruhe.

Bis Chris einige Minuten später die Stille durchbrach.

„Alles klar, ist angekommen. Also, dann fang ich mal von vorne an…“

Das kam jetzt… überraschend.
Lena hatte mit vielem gerechnet, mit Gegenwehr, Beleidigungen jeglicher Art, aber nicht damit.
Nicht damit, dass Chris klein beigab.

Chris gab sich Mühe seine arrogante Haltung zurückzuschrauben.
Ganz funktionierte es nicht, aber das war Lena egal. Sie war schließlich nicht hier, um diesen Kerl zu heiraten.

Nach und nach kam ans Licht, was sich die Band vorstellte. Keine Details, aber es war ein Fortschritt.
Und Chris äußerte keine unrealistischen Vorstellungen. Das was er bisher erklärt hatte, würde sich problemlos umsetzen lassen.
Immerhin etwas.

Später würde Lena nochmal ins Büro fahren und Manni Bescheid geben, um was es sich hier genau handelte und wie lange sie schätzungsweise an diesem Projekt würde sitzen müssen.
Den Aufwand konnte sie erst vernünftig schätzen, wenn sie sich alles genauer angesehen hatte.
Datenbank, die alte Webseite, das Backend…

Ohne weitere Worte an Chris zu verschwenden, machte sich Lena an die Arbeit.

„Brauchst du noch was?“

Lena schüttelte den Kopf, schaute nicht einmal hoch zu ihm.
Sie war vertieft, konzentriert bei ihrer Arbeit. Wühlte sich durch den ganzen technischen Kram.

Chris war aufgestanden, stand mittlerweile hinter ihr und versuchte ihr scheinbar zu folgen.

Und das machte Lena schließlich nervös.
„Ist irgendwas? Das nervt.“

„Was?“
Chris starrte auf sie hinab.

„Das hinter mir Rumgestehe. Hast du nichts anderes zu tun? Arbeiten, wie jeder normale Mensch?“

Chris hatte, während sie sprach, abwehrend seine Arme vor der Brust verschränkt und ihr einen finsteren Blick zugeworfen.

„Ich glaube, dich fasst wirklich kein Kerl freiwillig an.“
Er stapfte von dannen.

Lena grinste und brüllte ihm hinterher.
„Das Kompliment gebe ich gerne zurück! Ich kann nicht verstehen, wie auch nur eine Frau auf diesem Planeten freiwillig die Beine für dich breit machen kann.“

Sie machte sich mit der zu verrichtenden Arbeit vertraut und erarbeitete sich einen Plan, jetzt da sie Ruhe hatte.

Die Zeit verging und verging, sie merkte gar nicht, dass sie bereits drei Stunden hier war.
Sie kam an einen Punkt, an dem sie erneut mit Chris sprechen musste.

Wie genau sollte die neue Benutzeroberfläche aussehen?
Das konnte sie nicht alleine entscheiden.

Dann hörte Lena aus einer anderen Richtung des Studios die sanften Töne eines… Cellos?
Sie folgte den Klängen und fand Chris vollkommen vertieft in seiner Musik vor.

Er sah seltsam entspannt aus, anders als vorhin. Im Einklang mit sich selbst.
Weder arrogant noch angriffslustig. Einfach losgelöst von allem.

Sollte Lena es wagen und ihn stören?
Ja, definitiv. Es blieb ihr gar nichts anderes übrig.
Er wollte schließlich etwas von ihr, hatte ihre Firma beauftragt. Da musste er wohl oder übel damit rechnen, dass sie ihn ab und an störte.

Sie stand in der Tür und räusperte sich.
Nichts.

Ignorierte er sie gerade?
Machte er das mit Absicht?
Oder war er einfach nur zu vertieft, zu konzentriert, so wie sie es vorhin gewesen war?

Egal was es war, es brachte nichts. Sie brauchte ihn, sie musste ihn stören.
Auch wenn es ihm garantiert nicht passen würde.

„Chris? Ich brauche dich mal.“

Er blickte nicht auf, hielt stattdessen nur beim Musizieren inne.

„Ach was, jetzt braucht Miss Neunmalklug mich?“

Lena biss sich auf die Zunge, um ihm nicht erneut einen bitterbösen Spruch um die Ohren zu hauen.
Sie ging nicht weiter darauf ein, sondern fragte die für sie relevanten Dinge.

„Es wäre für mich schon hilfreich zu wissen, wie genau die Benutzeroberfläche aussehen soll. Vielleicht könnten wir gemeinsam eine Skizze anfertigen, im Groben schon mal besprechen, was ihr euch für eine Farbgebung vorstellt…? Dann muss ich dich nicht permanent behelligen.“
Sie zuckte mit den Schultern und seufzte genervt auf.

Und hing ihren Gedanken nach.

Die Jungs aus der Autowerkstatt waren ihr doch um einiges lieber gewesen.
Unkompliziert, so unkompliziert.

Und eins stand für sie fest: In Zukunft würden die Lord of the Lost-Konzerte definitiv nicht mehr so sein wie vorher.
Ihre Sichtweise auf ihn, Chris, hatte sich jetzt schon drastisch geändert.
Autogramme holen? Ab sofort würde sie darauf verzichten.

Und erneut wartete Lena und wartete und wartete… Stand sich die Beine in den Bauch.

Was auch immer Chris‘ Problem war.

Würde sie hier nur für das Warten bezahlt werden, dann wäre das auch gar kein schlechter Deal gewesen.

Und trotzdem machte es sie wahnsinnig.
Sie wollte schließlich bald Feierabend machen, wollte zum Sport, und müsste vorher nochmal im Büro vorbeischauen.
Wobei – ein Blick auf die Uhr genügte. Sie würde Manni wohl eher anrufen.
Persönlich im Büro vorbeischauen sparte sie sich lieber.

Langsam wandte Chris sich um, stand auf und legte das Cello zur Seite.

„Wie du willst. Hauptsache du kannst langsam mal selbstständig arbeiten. Ist echt nicht zu ertragen.“

Lena schüttelte nur den Kopf.
Dieser Mann war einfach so… unbelehrbar.

Gemeinsam gingen sie wieder hinüber in den Aufenthaltsraum, setzten sich an den Tisch und besprachen, wie von Lena gefordert, die Wünsche der Band bezüglich der Benutzeroberfläche.
Gesittet und ruhig.

Lena war überrascht.
Chris zeigte sich gerade von einer anderen Seite. Einer besseren, trotz seines Spruches zuvor.

Hatte das Musizieren ihm dabei geholfen ausgeglichener zu werden, sich gar zu beruhigen?
Unwillkürlich schmunzelte sie.

Nach einer gefühlten Ewigkeit war das nun weitaus angenehmere Gespräch zwischen den beiden beendet.

Lena blickte auf die Uhr.
Eine Stunde war vergangen. Zeit für ihren Feierabend.

Sie packte ihre Sachen zusammen.

„Kann ich den Laptop hierlassen? Ich werde morgen sowieso wieder herkommen. Ich habe keine Lust jeden Tag meinen Kram wieder aufbauen zu müssen.“

Anstatt zu antworten, schaute Chris sie skeptisch an.

„Du willst schon gehen? Wohin - zu deinem Freund?“

Lena lachte los.
„Du bist gut. Ich habe bereits Überstunden gemacht. Meine Arbeitszeit ist für heute rum. Und ich fürchte, alles andere geht dich einen feuchten Kehricht an, mein Guter.“

Ohne eine weitere Antwort auf ihre vorherige Frage abzuwarten, stand Lena auf und ging Richtung Ausgang.
Chris folgte ihr.

An der Tür angekommen, wollte Lena diese öffnen.
Doch zum zweiten Mal an diesem Tag hielt Chris diese zu und untersagte ihr damit das Gehen.

„Wann bist du morgen hier? Wenn du zu früh bist, kann es sein, dass du vor einem verschlossenen und leeren Studio stehst.“

Oh, eine ernstgemeinte Frage aus seinem Mund.

„Passt dir 10 Uhr? Dann stehe ich bis 18.30 Uhr zu euren Diensten, eure Lordschaft.“
Lenas Mundwinkel umspielten ein dreckiges Grinsen und sie deutete einen Kratzfuß an.

Chris‘ Gesichtsausdruck war nicht zu deuten. Wie so häufig.
Er nickte lediglich.

Und seine Hand blockierte noch immer den Ausgang.

„Lässt du mich jetzt bitte gehen?“
Lena deutete auf seinen Arm, der auf der Tür lag.

Er schüttelte den Kopf.

Sie schnaubte genervt auf.
„Wirklich jetzt? Ich habe verdammt nochmal Feierabend und bin morgen früh wieder hier. Ganz heiliges Goth-Ehrenwort und so.“
Sie hob beide Hände in die Luft.

Chris schaute ihr derweilen in die Augen. Sein Blick bohrte sich förmlich in ihren.

„Bekomme ich deine Handynummer?“

Sie lachte erneut los.
Wie lächerlich war das denn nun?

„Du hast meine Nummer. Lass mich gehen. Sofort.“

Er schüttelte den Kopf.

„Ich habe nicht deine Nummer, sondern die deiner Firma. Die deines Firmenhandys. Das meinte jedenfalls dein Chef, als er mir heute Mittag nochmals eine Mail geschrieben und mir mitgeteilt hatte, wer genau hierher geschickt wird.“

Sein Blick streifte wieder über ihren Körper.

„Nicht, dass ich an dir interessiert wäre – wirklich nicht, du bist so überhaupt nicht mein Typ, aber gib‘ mir deine Nummer. Deine private. Das vereinfacht alles. So läuft das hier bei uns einfach.“
Er zuckte mit den Schultern.

Eiskalt bohrte sich diesmal Lenas Blick in seinen.

„Zwei Worte: Vergiss es.“

Chris gab daraufhin zögerlich, aber dennoch anstandslos, den Weg frei und sie stapfte los.
Ohne weitere Worte der Verabschiedung.

Weg von diesem Idioten.
Was fiel diesem arroganten Penner eigentlich ein?
Erst beleidigen, dann ihre Nummer haben wollen – weil das bei denen so läuft?

Haha, das weckte bei Lena lediglich ein müdes und mitleidiges Lachen.

Männer.
Scheinbar waren Kerle wie Chris Harms von Charakterschwächen nicht ausgeschlossen worden.

Auf dem Weg zu ihrem Auto schnappte Lena sich ihr Smartphone und rief ihren Chef an.
„Na Mädchen, wie läuft‘s?“
Ungetrübte Fröhlichkeit am anderen Ende der Leitung. Manni war eben eine Frohnatur.
Kein Wunder, der Typ war geborener Rheinländer. Es lag ihm im Blut.

„Alles bestens, auch wenn der Kunde ein wenig anstrengend sind. Aber nichts, was ich nicht durch mein loses Mundwerk retten könnte. Du kennst mich, ich komme zurecht. Mehr als das. Ich kann mich wehren.“
Beide lachten.
„Oh ja und wie ich das kenne. Den letzten Azubi hast du immerhin vergrault.“
„Hey, es lag nicht an mir. Er war einfach nur eine kleine Heulsuse mit null Humor. Null. Und solche Menschen mag ich einfach nicht.“
Manni brummte zustimmend.
Kurze Zeit war es still, dann kam die Chefseite in Manni wieder hervor.
„Wie sieht es mit dem Auftrag aus?“
Lena brachte ihren Chef auf den neuesten Stand. Dieser lachte los.
„Klingt nicht so, als ob die Jungs wüssten, was sie eigentlich wollen. Im Groben schon, aber wenn es an die Details geht... Vergiss es. Die haben keinen Schimmer.“
„Da gebe ich dir recht. Aber das wird schon. Du packst das. “
Lena schmunzelte. Das waren ebenso ihre Gedanken gewesen.
„Kannst du schon abschätzen, wie lange du insgesamt brauchst? Auch wenn die Anforderungen noch nicht komplett definiert sind…“

Lena hielt einen Moment inne. Darüber hatte sie bereits die ganze Zeit nachgedacht.

„Ich schätze, dass ich mindestens drei Monate brauche. Da herrscht das reinste Chaos. Das ist eine Katastrophe.“

„Ach Mädel, was habe ich dir wieder eingebrockt?“
Sein tiefes, männliches Lachen erfüllte erneut ihr Ohr.
Hach, ihr Chef war einfach ein herzensguter Kerl.

„Passt schon. Immerhin darf ich nun mit einer meiner Lieblingsbands zusammenarbeiten. Könnte schlimmer sein, oder? Wie wäre es, wenn ich mich einmal die Woche bei dir melde zwecks Status? Was meinst du?“

„Wunderbare Idee. Du weißt, dass ich dir da voll und ganz vertraue. Wenn was ist, ruf an. Ansonsten: einen wundervollen Feierabend, Lena!“
Sie hörte quasi das Zwinkern in seiner Stimme.

„Den wünsche ich dir auch. Bis dann!“
Dann legte sie auf.

Lena war nicht bewusst gewesen, dass sie während des Telefonates im Regen gestanden hatte.
Die ganze Zeit.
Vor ihrem Auto.

Na super.
Die Intelligenz hatte sie scheinbar heute Morgen daheim gelassen.

Völlig genervt schloss sie ihr Auto auf, warf ihren klitschnassen Rucksack auf die Rückbank und stieg ein.
Dabei bemerkte sie, dass sie beobachtet wurde.

Chris hatte wohl die ganze Zeit über an einem der Fenster gestanden und sie angesehen.

War der Kerl verrückt?
Was ging nur in seinem Schädel vor?
Wollte sie das überhaupt wissen?

Sie schüttelte den Kopf, stieg endlich ein.
Und brauste los.

Sie wollte schließlich noch zum Sport. Ihre Sportsachen befanden sich im Kofferraum, sodass sie sich den Heimweg sparen konnte. Daran hatte sie vor der Arbeit zum Glück noch gedacht.
Sie fuhr also direkt durch zum Fitnessstudio.
Zum Trainieren brauchte sie nichts und niemanden.
Keine Freunde, lediglich sich und Musik.
Der Sport war ein guter Ausgleich zum eher bewegungsarmen Job. Außerdem wollte sie in Form bleiben.

Die erste Stunde verbrachte sie wie immer auf dem Crosstrainer.
Bewegte sich zum Rhythmus der Musik.

Und in Gedanken verweilte sie bei ihrem neuesten Job.
Was es morgen wohl geben würde, wenn sie erneut auf der Matte stand?
Würde sie endlich die anderen Bandmitglieder kennenlernen oder musste sie sich erneut alleine mit dem Griesgram herumschlagen?

Chris Harms - was für ein arroganter Lackaffe.
Das hätte sie nun wirklich nicht gedacht.
Dass er so ist.
Dass er sich so benimmt.

Aber warum hatte er nach ihrer Nummer gefragt?
Weil es bandintern wirklich so lief?

Und was war das überhaupt für eine Frage nach ihrem potenziellen Freund?
Chris hatte doch wortwörtlich gesagt, dass er so jemanden wie sie nicht poppen würde.
Was interessierte er sich da für das Liebesleben einer solchen Person?
Für ihr Liebesleben.

Lena hatte seit geraumer Zeit keine feste Beziehung mehr gehabt.
One-Night-Stands, ja - sie war schließlich kein Kind von Traurigkeit.
Ihre letzte feste Beziehung war mehr als zwei Jahre her. Und diese war eher unschön in die Brüche gegangen. Und das hatte nicht nur an ihr gelegen.
Sie hatte ihre Eigenheiten und Macken, das wusste sie. Mit ihrer Art kamen viele Menschen nicht klar - insbesondere auf Männer wirkte sie des Öfteren abschreckend.
Aber genauso stellte sie Ansprüche an die möglichen Kandidaten, die ihr Herz erobern wollten.

Worüber dachte sie da bitte nach?
Sie hatte doch auch klar und deutlich zum Ausdruck gebracht, dass sie garantiert niemals mit ihm was haben würde. Gar nicht wollte, es definitiv nicht in Erwägung zog.
Chris Harms? Also bitte... Den könnte man ihr nackt auf den Bauch binden.
Und das, wenn er der letzte Mann auf Erden wäre.
Geschenkt, mit einer Million Euro oben drauf.

Niemals.
Vor allem nicht, nach dem sie nun wusste, wie der Kerl drauf war.

Sie konzentrierte sich lieber auf ihren Sport.
Powerte sich aus, bis ihre Beinmuskulatur gefühlt in Flammen stand.

Im Anschluss an ihr Cardiotraining erfolgte ihr Krafttraining.
Noch wichtiger als beim Training auf dem Crosstrainer war hier die musikalische Untermalung. Sie hatte sich extra eine Playlist für das Training gebastelt.
Blöd nur, dass ein Großteil besagter Playlist aus Songs von Lord of the Lost stammte.

Dieser Mistkerl verfolgte sie.
Bitch please. Wirklich und wahrhaftig.

Sie suchte in ihrer Playlist nach anderen Bands.
Nightwish, Powerwolf, Insomnium, Dark Dark Tranquillity, Dimmu Borgir, Grave Digger…
Irgendetwas anderes. Aber diese Stimme, seine Stimme, ertrug sie nun nicht.

Als Lena ihr Training nach zwei Stunden erschöpft, aber glücklich, beendete, nahm sie noch im Fitnessstudio eine schnelle Dusche. Sie wollte nicht vollkommen verschwitzt in ihr Auto steigen und müffelnd heimfahren müssen.

In der Umkleide angekommen, erschrak sie, als sie ihr Smartphone zur Hand nahm.
Instagram zeigte ihr eine neue Benachrichtigung an: 'christhelordharms' folgt dir jetzt.

Der erste Gedanke, der ihr durch den Kopf schoss war:
Wie hatte er sie gefunden?

Sie benutzte auf der Plattform nicht ihren richtigen Namen.
Paranoia, der in der IT arbeitenden Menschen.

Die zweite Frage, die auf die erste folgte, war:
Hatte der Spinner alle seine Follower durchsucht, nur um ihr Foto ausfindig zu machen, um ihr dann zu folgen?

Ja, Lena folgte ihm. Das war schließlich nicht ungewöhnlich. Er war der Sänger einer bekannten Band. Einer ihrer Lieblingsbands.

Aber hallo?!
Er musste wahrhaftig seine drölfzigtausend Follower durchgegangen sein, um sie zu finden.
Der Kerl hatte eindeutig zu viel Zeit. Musiker musste man sein.
Sie hatte den falschen Beruf gewählt.

Unfassbar, dieser Idiot.

Sie zog sich an und verdrängte seine Lordschaft aus ihrem Kopf.
Mit ihm müsste sie sich am folgenden Tag schließlich wieder auseinandersetzen. Das reichte. Voll und ganz.
Mehr Zeit brauchte er nicht in ihrem Leben einnehmen.

Angezogen und mit ihrer Tasche in der Hand, ging sie zurück zu ihrem Auto und fuhr heim.
Quer durch Hamburg, wieder einmal im Regen.

Daheim angekommen aß sie noch schnell zu Abend und fiel anschließend in einen unruhigen Schlaf.
Zeit um ins Bett zu gehen war es bereits.

Und in ihren Träumen verfolgte sie ein Gesicht. Eine Stimme.

Das Nervigste des heutigen Tages setzte ihr sogar im Schlaf zu.

Wieso nur?
Womit hatte sie das verdient?

Sie hatte solchen Männern bereits vor Jahren abgeschworen.
Aus gutem Grund.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast