Ein Traum von Drachen

GeschichteFantasy, Freundschaft / P16
Drachen Zwerge
02.03.2019
30.06.2020
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30.06.2020 3.602
 
In Gedanken versunken betrachtete Corax die Schmuckauslagen vor sich. Eigentlich sollte er frische Äpfel und Nüsse kaufen, aber da er heute seinen freien Tag hatte, hatte er viel Zeit und wollte sich noch in Ruhe die hier ausgelegten Waren ansehen, bevor er sich darum kümmerte. Vor einiger Zeit hatte die Tochter eines älteren Kollegen ihren Vater auf dem Bau besucht und Corax konnte nicht leugnen, dass er sie ausgesprochen attraktiv fand. Er fragte sich, welche von den ausgelegten Kostbarkeiten ihr wohl besonders gut gefallen würden. Natürlich war er sich darüber im Klaren, dass er sich nichts von dem, was hier lag, jemals würde leisten können. Aber ein wenig träumen würde doch wohl erlaubt sein. Und vieles von dem, was hier lag, passte zu den wunderbaren blauen Augen dieses Mädchens, die einem tief in die Seele zu blicken schienen.
Er schreckte erst auf, als der Händler ihn etwas unwirsch anfuhr, ob er sich denn nun entschieden habe. Etwas verlegen schüttelte Corax den Kopf und verabschiedete sich schnell. Er wollte den Mann nicht wütend machen, denn er hatte das Gefühl, dass der Mann sehr unangenehm werden konnte.

Schnell hatte er einen Händler gefunden, der einige Obstsorten anbot. Corax nahm ein paar Äpfel in die Hand und musterte sie prüfend. Sie sahen sehr gut aus und der Junge reichte dem Händler einige dicke Früchte, damit er sie abwiegen konnte. Der nahm sie entgegen, stutzte dann aber. Er musterte Corax kritisch und fragte dann: „Du bist wohl auf der Durchreise?“ Corax, der derartige Fragen häufiger gestellt bekam, entgegnete etwas steif: „Auch wenn meine Haarfarbe etwas anderes zu sagen scheint, lebt meine Familie schon seit einigen Generationen hier in Carvo.“ Der Händler blickte ihn weiter aufmerksam an. „Aber hast du vielleicht einen Verwandten, der nicht hier wohnt? Einen Bruder oder Vetter vielleicht?“ Corax sah ihn überrascht an. Mit dieser Frage hatte er nicht gerechnet.
„So ein großer Kerl“, erklärte der Händler. „Schulterlange Haare, Vollbart, um die Zwanzig. Ein wenig größer als du. Sieht dir ziemlich ähnlich.“ „Warum willst du das wissen?“, fragte Corax. Er hatte die Hände zu Fäusten geballt, damit sie nicht zitterten. „Ich habe ihn unten in Grendra getroffen. Ist noch gar nicht lange her. Arbeitet seit neuestem in dem Badehaus, in das ich immer gehe, wenn ich Zuhause bin. Ich schwöre dir, bis auf den Bart sieht er genauso aus wie du.“ Corax starrte für ein paar Sekunden, dann schüttelte er den Kopf. „Ich kenne niemanden in Grendra. Und meine Verwandten wohnen alle hier.“ Schnell bezahlte er die Äpfel und machte sich auf den Rückweg, ohne sich noch einmal umzudrehen. Er war so durcheinander, dass er ganz vergaß, dass er auch noch Nüsse kaufen sollte.

Zuhause angekommen legte er die Äpfel auf den Küchentisch, setzte sich dann auf sein Bett und starrte auf die gegenüberliegende Wand, ohne wirklich etwas zu sehen. Wenn Leif wirklich bis nach Grendra gekommen war, war er wahrscheinlich vor den Männern des Glaubens in Sicherheit. Schließlich beschränkte sich ihre Macht hauptsächlich auf das eigene Königreich. Soweit er wusste, glaubte man in Grendra an andere Götter.
Und es bedeutete, dass Leif zumindest vor einiger Zeit noch am Leben gewesen war. Doch was sollte er dort unten anfangen? Er kannte dort niemanden und über den südlichen Nachbarn erzählte man sich hier nicht nur gutes. Dort unten hielten sie Sklaven und hatten ein ganz merkwürdiges politisches System. Und was war, wenn der Mann sich täuschte? Wenn es doch jemand anderes gewesen war, der Corax einfach nur durch Zufall ähnlichsah? Der Junge vergrub das Gesicht in den Händen. Natürlich wünschte er sich, dass Leif am Leben war und das es ihm gut ging. Aber diese Ungewissheit war nur schwer zu ertragen.

Am nächsten Morgen schlief Leif aus. Eleva erwartete ihn erst am Nachmittag im Badehaus und daher wollte er sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen.
Nachdem er aufgestanden war, genehmigte er sich ein spätes Frühstück und machte sich dann über ein Buch her, die Samm ihm zum Lesen gegeben hatte. Die Annalen irgendeines grendrischen Gelehrten, auf den sein Freund große Stücke hielt. Das Werk hatte er aus seiner Heimat mitgebracht und Leif unter Androhung des Todes eingeschärft, es ja nicht zu beschädigen. Leif musste sich eingestehen, dass der Autor eine sehr anregende Art zu schreiben hatte. Zwar blieb er ab und zu an einigen Begrifflichkeiten hängen, mit denen er nichts anfangen konnte, aber im Großen und Ganzen kam mit der Sprache überraschend gut zurecht. Auch musste er zugeben, dass einige Dinge, die im Buch standen, doch recht interessant waren, auch wenn er es anfangs nie geglaubt hätte. Am faszinierendsten fand er die Geschichte einer Kaufmannsfamilie, die durch geschicktes Handeln innerhalb weniger Jahre zu einer der einflussreichsten Unternehmen geworden war, bis einer von ihnen in einer weinseligen Nacht das gesamte Familienvermögen auf einmal verzockt hatte und die eigene Freiheit noch dazu. Hätte es nicht in einem Geschichtsbuch gestanden, wäre Leif fest überzeugt gewesen, dass dies eine irre Legende sei. Zumal er vorher nicht gewusst hatte, dass man in Grendra offenbar die eigene Freiheit im Kartenspiel verlieren konnte.
Diese Geschichte ging ihm immer noch durch den Kopf, als er später Eleva dabei half, einige beschädigte Wärmesteine auszutauschen und die Zuber zu reinigen.

Nach seiner Schicht beschloss er, sich bei Geran sein Abendessen zu holen und sich nach Neuigkeiten zu erkundigen. Doch er kam nicht weit, denn ein Mann schien draußen auf der Straße auf ihn gewartet zu haben und baute sich vor ihm auf, kaum das er aus der Tür getreten war. Leif hatte den Mann noch nie zuvor gesehen, doch der Fremde schien es auf ihn abgesehen zu haben und baute sich in seiner ganzen Breite vor ihm auf. „So, du bist also derjenige, der meinen Bruder bestohlen hat!“
Leif blinzelte irritiert. „Ich habe niemanden bestohlen.“, erwiderte er so ruhig er konnte und überlegte fieberhaft, was der Mann wohl meinen konnte. „Warum sollte ich das tun?“ Sein Gegenüber schnaubte verächtlich. „Natürlich hast du das. Mein Bruder hat dich genau beschrieben. Und er hat gesagt, dass du hier wohnst und arbeitest. Wenn er sagt, du hast ihn bestohlen, dann hast du das auch getan, klar?“ Leif atmete tief durch und hoffe, dass der Mann ihm seine Nervosität nicht ansehen würde. „Ich habe deinen Bruder nicht bestohlen“, wiederholte er. „Ihn nicht und auch sonst niemanden.“ Der Mann packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn kräftig. „Erzähl hier keine Märchen! Wir beide kennen die Wahrheit! Und dafür wirst du jetzt bezahlen, das schwöre ich dir!“
Leif begann zu zittern. Er hatte keine Ahnung, wovon dieser Mann redete, aber er war sich ganz sicher, dass er in dieser Situation keine Witze machte und wirklich ungemütlich werden konnte, vor allem, da er so breit gebaut war. Kurz fragte er sich, ob der Mann es dabei belassen würde oder ob er wirklich handgreiflich wurde.

Die Antwort darauf erhielt er nur wenige Sekunden später, denn der Mann rammte ihm ansatzlos die Faust ins Gesicht. Leif zuckte zusammen, als der Schmerz in seiner Nase und seinem rechten Auge ausbrach. Sein Kopf flog nach hinten und nur mit Mühe konnte er einen Schrei unterdrücken. Doch der Mann zeigte sich davon wenig beeindruckt. Er zog ein Messer hervor und drückte es Leif so dicht gegen die Kehle, dass der junge Mann kaum zu atmen wagte. „Gib meinem Bruder zurück, was du ihm gestohlen hast, du kleiner Mistkerl! Ich gebe dir einen Tag. Und wenn mein Bruder seinen Besitz dann noch nicht wiederbekommen hat, besuche ich dich noch einmal. Und dann wirst du nicht so einfach davonkommen.“ Er schien Leif zum Abschied noch einen Schlag verpassen zu wollen, überlegte es sich dann aber anders, schubste in weg und ging.
Leif blieb zurück, zu geschockt, um einen klaren Gedanken zu fassen. Er verstand überhaupt nichts. Natürlich war es auch in Leifs Anwesenheit immer mal wieder zu Raufereien gekommen, aber noch nie war er selbst darin verwickelt gewesen. Er verstand auch überhaupt nicht, wie der Mann darauf kam, Leif habe seinen Bruder bestohlen. Er konnte sich nicht daran erinnern, ihn jemals zuvor gesehen zu haben und auf sein Gedächtnis war normalerweise Verlass.
Vorsichtig betastete er die Stelle, an der der Fremde ihn geschlagen hatte. Es tat weh, aber er hate nicht das Gefühl, dass es zu schlimmen Verletzungen gekommen war.
Langsam ging er zurück in Saphiras Haus. Der Hunger war ihm nach dieser Begegnung gründlich vergangen. Drinnen lehnte er sich erst einmal gegen die Wand. Sein Gesicht brannte vor Schmerz und sein Magen fühlte sich an, als müsse er sich gleich übergeben. Er musste einige Male durchatmen, um sich einigermaßen zu beruhigen.

Saphira war entsetzt, als sie ein paar Minuten später den Raum betrat und Leif mit geschwollener Nase und einem leichten Schnitt am Hals an der Wand lehnen sah. Sie eilte auf ihn zu, führte ihn zu einem Stuhl und drückte ihn hinein. Dann lief sie los und kam kurz darauf mit einem Mann wieder, der Leif vom Sehen her als Heilkundiger bekannt war. Er wirkte wie ein verhungerter Geier und sah Leif an, als überlege er, wie schnell man ihn ins Grab bringen könne, aber Leif wusste auch, dass sehr viele Menschen in Greifenhorst auf ihn schworen.
Vorsichtig untersuchte der Mann Leifs Gesicht, konnte aber keine schweren Verletzungen feststellen. Er fragte nach weiteren Schlägen oder Schnitten, doch Leif verneinte schnell. Diese Situation war ihm sehr unangenehm und er war froh, dass sich die Schläge tatsächlich nur auf seinen Kopf beschränkten und ihn offenbar nicht groß beschädigt hatten.

Der Heiler holte eine Salbe aus seiner Tasche und cremte Leifs Gesicht damit ein. „Du hast Glück gehabt. Deine Nase ist nicht gebrochen und dein Schädel nicht verletzt. Diese Salbe sollte dir gegen die Schmerzen und gegen die Schwellung helfen.“ Er griff in seine Tasche, zog eine weitere Dose mit der Salbe heraus und drückte sie Leif in die Hand. „Schmiere sie jeden Tag einmal auf dein Gesicht, bis sie alle ist. Und sei ruhig großzügig dabei.“
„Wie viel kostet mich das?“, fragte Leif schwach. Der Heiler zuckte mit den Achseln. „Das kommt darauf an, wie gut du dich an meine Anweisungen hälst. Und ob du dir noch einmal Schläge einholst, bevor alles abgeheilt ist. Erst einmal kostet es dich eine gute Flasche Branntwein.“
Saphira holte das Gewünschte und überreichte es dem Mann mit einem kurzen Nicken. Leif wollte sie davon abhalten, da er den Preis gern selbst bezahlt hätte, aber Saphira blieb stur. „Ich kümmere mich um meine Mitarbeiter. Und das bedeutet, dass ich auch ihre Arztrechnungen zahle.“

Als Leif kurz danach auf seinem Bett lag, kreisten seine Gedanken um das, was der Angreifer gesagt hatte. Wie kam er bloß darauf, dass Leif seinen Bruder bestohlen hatte? Sein erster Gedanke war gewesen, dass der Mann vielleicht einen Wettverlust nicht hatte verkraften können. Das hatte Leif hin und wieder erlebt, vor allem bei den Boxwettkämpfen. Aber in den letzten Tagen hatte er überhaupt nicht gewettet. Zudem wäre es dann wahrscheinlicher, dass der Mann selbst gekommen wäre und nicht seinen Bruder vorgeschickt hätte.

Ein Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken. Als er den Besucher hereinbat, traten Samm und Freca ein. „Wir haben gehört, was passiert ist und wollten mal nach dir sehen“, sagte Samm. „Wie fühlst du dich?“
Leif richtete sich auf. „Es geht. Den einen Schlag kann ich schon verkraften.“ „Warum hast du überhaupt Prügel bezogen?“ Leif sah Freca, der die Frage gestellt hatte, unschlüssig an. Dann entschied er, ehrlich zu sein. „Der Kerl meinte, ich hätte seinen Bruder bestohlen. Allerdings habe ich keine Ahnung, was er damit gemeint hat. Erst schien er mich sofort zu Brei schlagen zu wollen, aber dann hat er mir bis morgen Zeit gegeben, um seinem Bruder das zurückzugeben, was ich ihm angeblich gestohlen habe.“ Freca runzelte die Stirn. „Vielleicht bloß ein Vorwand. Manche Leute hier wollen sich bloß abreagieren und du warst einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Oder du siehst dem, der seinen Bruder wirklich bestohlen hat, einfach sehr ähnlich.“ Doch Leif schüttelte den Kopf. „Der schien auf mich gewartet zu haben. Ich glaube nicht, dass es nur darum ging, einfach irgendwo draufzuhauen. Ich habe auch noch niemanden hier gesehen, der mir derart ähnlichsieht, dass es zu einer solchen Verwechslung kommen könnte.“
Freca zuckte die Achseln. „Tut mir leid, mein Freund, aber das sind die einzigen Erklärungen, die mir einfallen. Ich kenne dich inzwischen gut genug, um zu wissen, dass du nicht stiehlst. Aber du solltest auf jeden Fall zu Fafnir gehen und ihm davon berichten. Er muss das wissen.“ Samm nickte bestätigend. „Da hat er Recht. Und je eher du das tust, desto besser ist es. Ich weiß zwar nicht, ob er dir helfen wird, aber sagen musst du es ihm.“ Leif antwortete nicht.
Samm zögerte kurz. Dann fuhr er fort: „Du wirst morgen nirgendwo allein hingehen. Wir werden dich überall hinbegleiten. Nimm es mir nicht übel, aber allein hast du nicht wirklich eine Chance, vor allem dann nicht, wenn sie zu mehreren kommen.“ Freca nickte heftig. „Das stimmt. Wir bleiben in deiner Nähe. Dann bist du besser dran.“

„Hast du irgendeine Waffe?“, fragte Freca nach ein paar Sekunden der Stille. Leif hob eine Augenbraue. „Damit ich euch beiden unter die Arme greifen kann, wenn ihr euch für mich die Schädel einschlagen lasst?“ Ihm war nicht wohl bei dem Gedanken, seine Freunde als Leibwächter einzusetzen, aber er wusste, dass Samm recht hatte, wenn er sagte, dass er allein sich kaum wehren konnte.
Freca nickte. „Wenn du wirklich nicht weißt, worum es geht, kannst du auch niemandem irgendetwas zurückgeben. Vielleicht wird es morgen der Bestohlene selbst sein, vielleicht schickt er wieder seinen Bruder vor. Irgendjemand wird auf jeden Fall kommen. Fafnir würde denjenigen zwar spätestens dann zur Rechenschaft ziehen, wenn es wirklich übel geworden ist, aber wenn man dich abgestochen oder zu Tode geprügelt hat, wird dir das auch nicht mehr viel nützen. Und da ich nicht davon ausgehe, dass du ausgebildeter Boxer bist, solltest du zumindest eine Waffe haben.“
Leif zögerte. Dann holte er das Messer hervor, dass er von Sebulons Gruppe mitgenommen hatte. „Mehr als das habe ich nicht.“ Freca musterte es kritisch. „Woher hast du denn dieses Ding?“ Leif zuckte mit den Schultern. Samm lachte. „Er hat es von den Gefolgsleuten der Söhne der Sonne gestohlen. Hat es einfach mitgenommen.“ Leif funkelte ihn an. „Du weißt genau, dass das so nicht ganz richtig ist.“ Doch Samm grinste weiterhin. „Aber es ist auch nicht ganz falsch. Du hast die Herrschaften nicht um Erlaubnis gebeten, es mitzunehmen. Und du hast selbst gesagt, dass es eigentlich nur geliehen war, solange du bei ihnen bist.“
Freca sah zwischen Samm und Leif hin und her und fragte sich ganz offensichtlich, wovon die beiden eigentlich redeten. Als Leif es ihm erklärt hatte, grinste auch der ehemalige Wüstenbewohner. „Das ist genau das, was mir an dir so gefällt. Du machst einfach. Auch wenn ich meine Aussage von gerade wohl korrigieren muss. In Anbetracht deiner Lage würde ich allerdings mal zu einem der Zwergenschmiede gehen und sie fragen, ob sie da noch einen Zauber oder sowas drauflegen können, nur für den Fall. Viele Leute hier haben magisch verstärkte Waffen und wenn du an so jemanden gerätst und selbst nicht geschützt bist, hast du keine Chance. Vor allem nicht mit so einem Ding.“
Leif wandte sich an Samm. „Glaubst du, Fjalar erledigt das für mich?“ Samm nickte. „Das wird er ganz sicher tun. Und ich wette mit dir, dass er den besten Zauber nimmt, den er hat, wenn er erfährt, wofür du ihn brauchst. Er müsste noch in der Schmiede sein und arbeiten. Frag ihn am besten gleich, dann hast du es gleich morgen früh.“

Fjalar musterte das Messer kritisch. „Das Ding hat keine sehr gute Qualität. Die wirklich brauchbaren Zauber kann ich darauf nicht gut anwenden.“ Er sah Leif fragend an. „Was hältst du davon, wenn ich dir ein neues Messer schmiede, mit dem du besser arbeiten kannst?“ Leif zögerte. Das Angebot war verlockend. Er hatte sich längst an den Gedanken gewöhnt, ein Messer zu besitzen, auch wenn er es nach wie vor kaum benutzen konnte.  Schließlich lag das Training mit Sebulon und seinen Männern schon eine ganze Weile zurück. Aber ein magisches Messer? Leif war die Magie nach wie vor nicht ganz geheuer.
„Was würde mich dieses Messer kosten?“, fragte er trotzdem vorsichtig. Er hatte sich nie näher für die Preise des Zwergenschmieds interessiert. Aber er war sich ganz sicher, dass er hier nichts umsonst bekommen würde. Fjalar rieb sich mit einer Hand über die Stirn. „Samm hat mir erzählt, dass du von Drachen fasziniert bist.“ Leif nickte zögerlich. „Ja, schon, aber was hat das mit dem Messer zu tun?“ „Ich möchte, dass du mir eine Sache versprichst“, sagte Fjalar und Leif hatte den Eindruck, dass der Zwerg dabei jedes Wort sorgsam abwog. „Ich werde dir ein Messer schmieden, wenn du mir versprichst, dass du mir, solltest du jemals so etwas bekommen, eine Drachenschuppe bringst. Mindestens eine.“
Leif starrte ihn an. Das war der seltsamste Preis, von dem er jemals gehört hatte. „Du arbeitest für den Teil eines Fabelwesens? Für etwas, dass du wahrscheinlich niemals bekommen wirst?“ Fjalar zog eine Augenbraue. „Oh, ich gehe durchaus davon aus, dass ich meinen Preis erhalten werde. Drachen gibt es wirklich. Ich habe sie gesehen, wenn auch nur von sehr weit weg. Sie mögen uns Zwerge nicht besonders, aber ich bin mir sicher, du als Mensch kannst da einiges machen. Zumal du, und ich hoffe, du verzeihst mir, wenn ich das sage, kaum eine Bedeutung im weltgeschichtlichen Geschehen zu haben scheinst. Du bist ein ganz einfacher Kerl, um den sich die Mächtigen nicht die Bohne scheren. Ich weiß zwar nicht, wer du wirklich bist und was du alles angestellt hast, bevor Samm dich in der Wildnis aufgelesen hat, aber ich erkenne jemanden, der mal oben auf der Leiter stand. Und du tust das nicht, mein Freund.“ Leif zuckte mit den Schultern. Er sah nichts beleidigendes in Fjalars Worten. Schließlich hatte er recht. Er war immer nur ein einfacher Angestellter in einem Badehaus gewesen und daran gab es nichts zu rütteln.
„Allerdings halte ich dich für jemanden, der Durchhaltevermögen zu seinen Eigenschaften zählt“, fuhr Fjalar fort. „Du hältst einiges aus und der Schmied hat mir erzählt, dass du gestern bei ihm warst und eines von diesen magischen Kompassen dabeihattest, die einem den Weg dorthin zeigen, wo man hinmöchte. Damit solltest du die Drachen doch ohne Probleme finden können. Solltest du dein Versprechen nicht einhalten, weiß ich, wie ich an dich herankomme und mir meinen Preis hole, darauf kannst du dich verlassen.“ Das Grinsen, dass Fjalar daraufhin zeigte, behagte Leif überhaupt nicht.
Dennoch beschloss der junge Mann, auf den Handel einzugehen. Er hatte nichts zu verlieren und außerdem hatte Fjalar recht. Einen echten Drachen zu sehen wünschte er sich mehr als alles andere. Und wer weiß? Vielleicht würde es ihm wirklich gelingen, einem davon eine Schuppe abzuknöpfen? Zwar konnte er sich nicht vorstellen, dass ein Drache freiwillig eine seiner Schuppen einfach verschenken würde, aber vielleicht konnte er einen Handel abschließen. Oder eine zu bekommen, die ohnehin schon ausgefallen war? Angeblich passierte so etwas hin und wieder, wenn der Drache wuchs oder sich verletzte. Und bei diesem Gedanken stellte sich endlich die Begeisterung ein. Hier endlich hatte er jemanden, der Drachen wirklich gesehen hatte. Jemand, der ihm helfen konnte, diese Tiere zu finden.

Fjalar versprach ihm, das Messer am morgigen Vormittag fertiggestellt zu haben. Mit einer Mischung aus Erleichterung und Verunsicherung verließ Leif die Schmiede wieder und machte sich auf den Rückweg zum Badehaus. Dort eingetroffen klopfte er gleich bei Freca.
„Kannst du mit einem Messer umgehen?“, fragte er, kaum das dieser die Tür geöffnet hatte. „Ziemlich gut, möchte ich meinen.“, antwortete der Angesprochene mit einem breiten Grinsen. „Du hast also unseren zwergischen Freund davon überzeugen können, dass er dir eine neue Klinge herstellt? Was hat er denn dafür verlangt?“ „Das hat er. Ich soll ihm dafür eine Drachenschuppe besorgen. Und da wir ja davon ausgehen, dass ich dieses Ding auch eventuell benutzen muss, sollte ich damit umgehen können. Da es allerdings schon etwas länger her ist, dass ich damit geübt habe, möchte ich dich fragen, ob du mir vielleicht ein wenig unter die Arme greifst, damit ich morgen nicht vollkommen hilflos bin und euch gut unterstützen kann.“
Freca grinste noch breiter. „Livio, mein Freund, es ist mir eine besondere Ehre, dich im Kampf mit dem Messer zu unterrichten. In der Wüste ist das Messerstechen eine hohe Kunst. Wenn du da lebst und nicht weißt, wie man sich anständig prügelt, überlebt man nicht lange, das kannst du mir glauben.“
Leif zog eine Augenbraue hoch. Freca hatte schon einiges über das Leben in der Wüste erzählt, aber Messer waren darin nie vorgekommen. Freca schien das allerdings nicht zu kümmern. Er verschwand kurz in seiner Kammer und kam kurz darauf mit einem langen Messer zurück, dessen Klinge leicht gebogen war. „Ich weiß, das hier ist nicht das, womit der Durchschnittsbürger dort kämpft, wo du herkommst. Aber etwas anderes habe ich nicht. Und wenn du dafür wirklich an einen echten Drachen herankommen musst, dann bin ich mir sicher, dass du um einen Abstecher in meine alte Heimat nicht herumkommst. Dort sind Drachen um einiges häufiger als anderswo. Die mögen es dort, wo es heiß und felsig ist.“ Leif starrte ihn an. Er hatte doch bereits früher gewusst, dass Drachen heiße und felsige Orte liebten. Warum bei allen Göttern hatte er nicht früher daran gedacht, Freca um Hilfe zu bitten?
Freca lachte laut auf, als er Leifs Gesichtsausdruck sah. „Mein Freund, wenn du möchtest, erzähle ich dir in einer ruhigen Stunde alles, was ich über Drachen jemals gehört habe. Allerdings würde ich dir raten, jetzt schlafen zu gehen und morgen früh zu mir zu kommen, damit wir dich auf den großen Kampf vorbereiten.“
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