Fragmente

von Deschayne
OneshotAllgemein / P18
02.03.2019
08.03.2019
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Gerechtigkeit



Er war tot, bevor sein Körper aufschlug.

Der Schuss hatte ihn seitlich erwischt und mitsamt dem Barhocker, auf dem er saß, umgerissen. Die glasigen Augen geöffnet, der Blick gebrochen, war das einzig Lebendige an ihm nur noch die wachsende Lache unter seinem Kopf. Und so mancher Anwesende, der sein Haar immer als blutrot bezeichnet hatte, musste sich bei dem Anblick nun – wenn auch beschämt aufgrund der Pietätlosigkeit des Gedankens - korrigieren: Renos Blut war viel dunkler als sein Haar. Dafür glänzte es mehr, selbst auf den schmutzigen Holzdielen unter der schwachen, gelblichen Beleuchtung.

Die Stille, die nach den ersten Aufschreien und dem reflexhaften Aufspringen des einen oder anderen eingesetzt hatte wie eine ansteckende Krankheit, hielt an.

Wer auf der richtigen Seite stand, konnte sehen, dass seine Mundwinkel ein Lächeln zu formen schienen. Und manch ein Anwesender, der ihn flüchtig gekannt hatte, dachte sich - wenn auch nicht gänzlich ohne Gewissensbisse - , dass es eigentlich ein schöner Tod für jemanden wie ihn war. Nichtsahnend, etwas trinkend, lachend. Im Gegensatz zum Rest der Bar hatte er seinen Mörder nicht gesehen. Und er muss gewusst haben, dass der Tag kommen würde. Das war das Risiko als Turk. Und hatte er nicht Risiken geliebt? In dem Punkt waren sich alle einig. Selbst die, die ihn nicht flüchtig gekannt hatten. Man konnte ihm das förmlich ansehen.

Eine Hand hatte angefangen, den Weg in die Jackentasche zu der Phoenixfeder zu suchen, um dann doch verstohlen innezuhalten. Denn niemand sonst rührte sich und eigentlich ging es einen nichts an.

Und eigentlich, so fühlten die Anwesenden - wenn auch ein wenig von Schuld begleitet -, war es nur richtig.

Die ersten Blicke - in so manchen stahlen sich Zufriedenheit und Verständnis - wanderten vom Opfer zum Mörder, der noch immer die Pistole mit beiden Händen fest umklammert hielt und völlig reglos verharrte. In seinen Augen fand sich keine Befriedigung. Sie waren fast so ausdruckslos und leer wie die des Turks.

Er hatte getan, was er tun wollte und niemals das Danach geplant. Es war ungewiss, doch immer mit Furcht und Strafe verbunden gewesen. Nie hätte er zu träumen gewagt, dass das Schweigen der Menge sich mit seinem verbünden würde, wie es jetzt geschah. Ein unausgesprochener Pakt wurde geschlossen in den stillen Sekunden nach seiner Rache. Und damit war es nicht mehr nur seine Rache. Es war die Rache aller Anwesenden.

Es würde die Bar niemals verlassen.

Seine Augen wanderten nach einer Ewigkeit zu Tifa, denn allein ihr Urteil war ihm wichtig. Und was er unter dem ersten Schock in ihrem Blick fand, zauberte ein winziges Lächeln auf seine Lippen, nicht unähnlich dem des Turks.

Sie hatte es immer gewusst.

Sie war es auch, die als erstes die Sprache wiederfand. Und als sie tonlos seinen Namen flüsterte, wusste er, dass alles gut werden würde.

Die Gerechtigkeit hatte gesiegt.

Zum allerersten Mal seit dem Tod seiner Eltern spürte Denzel so etwas wie Hoffnung.
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