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You are the tunnel, you are the light

GeschichteDrama, Sci-Fi / P12 / Gen
01.03.2019
01.03.2019
32
40.628
 
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01.03.2019 1.378
 
„Und? Wie ist es, verwandelt worden zu sein?“
„Ich vermisse die Stille.“
„Die Stille?“
„Ja, einfach mal ein Moment, ohne ein Geräusch zu hören. Wenn ich jetzt die Augen schließe, um mich mal auszuruhen, dann höre ich die Leute auf der Straße, das Ticken meiner Armbanduhr, das Summen des Fernsehers auf Stand-by.“
„Hast du mal versucht, dich an etwas ruhigeren Orten auszuruhen? Einen Keller, eine Höhle, oder vielleicht sogar ein Sarg?“
„Habe ich, aber es bringt nichts. Denn selbst wenn ich von allen Umgebungsgeräuschen abgeschottet bin, dann höre ich das Blut in meinen Ohren rauschen und mein Herz schlagen. Und es hört sich noch schlimmer an,
als die Geräusche der Straße oder in meiner Unterkunft.“
„Wieso denn das?“
„Weil ich tief im Inneren weiß, dass es falsch ist. Mein Blut sollte nicht rauschen und mein Herz sollte nicht mehr schlagen. Ich bin tot. Ich meine, welchen Sinn hat es, dass mein Herz noch schlägt? Oder mein Blut zirkuliert? Ich bräuchte nicht mal zu atmen. Das ist nur noch ein rein körperlicher Reflex. Kennst du das Gefühl, dass wenn du dich stark mit einer Sache beschäftigt bist und dich konzentrierst, du denkst, dass du nicht mehr atmest? Ich habe mich letztens selber dabei erwischt, wie ich wirklich nicht mehr atme. Das war wie ein Schock, wenn dir bewusst wird, dass du schon seit Minuten keinen Atemzug mehr getätigt hast. Du wartest noch eine Zeit, wartest auf dieses leichte Brennen in deiner Brust, das dir anzeigt, dass dein Körper nun doch Sauerstoff verlangt. Aber es tritt nicht ein. Du schaust auf deine Uhr, der Sekundenzeiger läuft weiter, zieht den Minutenzeiger mit sich und ehe du dich versiehst sind 5 Minuten rum. Dann atmest du ein, füllst deine Lungen mit Luft, denkst, dass sich das gut anfühlen müsste, aber nichts passiert. Dein Körper scheint zu registrieren, dass da was in den Lungen ist, aber es kümmert ihn nicht. Und dann dieser Geruch.“
„Du weißt, wo ich mich hauptsächlich aufhalte. Da ist das nicht zu vermeiden.“
„Ich meine doch nicht dich. Ich meine den Geruch im Allgemeinen. Erst jetzt verstehe ich den Ausdruck, jemanden nicht riechen zu können. Jeder Mensch hat wirklich seinen eigenen Geruch anhaften. Ich meine hinter dem Parfum, der Seife, dem Deo und so. Selbst du hast hinter dem Kloakengeruch, dem Schmieröl, der Hydraulikflüssigkeit und diesem starken Parfum einen eigenen Geruch, auch wenn er schwer zu riechen ist. Aber das ist ja nicht einmal das Schlimmste.“
„Sondern?“
„Wenn du dich mit jemanden unterhältst und dir dann die pulsierende Halsschlagader auffällt. Wie du wirklich diese Ader unter der Haut schlagen siehst, dann den Herzschlag der Person schon hören kannst und letztlich wirklich die Blutkörperchen rauschen hörst. Du bist wie hypnotisiert, starrst auf den Hals, das Wasser läuft dir im Mund zusammen, deine Muskeln spannen sich an, du bist bereit zum Sprung. Und im letzten Moment wirst du durch irgendeine Kleinigkeit abgelenkt und du betrachtest dich selber, wie du fast zum Tier geworden bist.“
„Du sagst das so, als wenn das was Schlimmes wäre.“
„War mir klar, dass du eine andere Sichtweise hast.“
„Wer hätte schon vor zwei Jahren gedacht, dass dir eine meiner Sichtweisen klar sein würde. Damals hast du mich gejagt und sogar in die Containment Zone verfolgt. Schau uns jetzt an, wir sitzen zusammen auf einem Dach in den Redmonds und lauern Vampiren auf. Und nur um dich noch einmal zu ärgern: die wurden von deinen ehemaligen Brötchengebern erschaffen.“
„Es ist längst nicht so dunkel, dass ich dein hämisches Grinsen nicht erkennen könnte, Cerb.“
„Du weißt doch, wie ich es meine, Tas. Ich hätte vor nicht all zu langer Zeit selber nicht daran denken können, dass ich einen Vampir töte und dadurch diesen Zwist auslöse, in welchem ich selber Vampire jage.“
„Krieg. Dies ist kein Zwist. Es ist der dritte Blutkrieg. Und endlich erreicht er auch die neue Welt! Die beiden Vorherigen waren alle nur in Europa und Amerika hat sich nachher über die Reste hergemacht, wie die Aasgeier. Doch jetzt findet er hier statt. Und das freut mich sehr.“
„Ich wusste gar nicht, dass du so zornig sein kannst.“
„Ich bin nicht zornig, nur die eine oder andere Rechnung ist noch zu begleichen. Und nun bin ich in der Lage und der Position, dies zu tun. Und damit meine ich nicht nur Vampire, sondern auch den ein oder anderen Verräter, den es damals in unseren Reihen gab. Ein altes Sprichwort der Klingonen sagt schließlich, dass die Rache ein Gericht ist, das am besten kalt genossen wird.“
„Klingonen? Nie was von denen gehört. Was ist das für eine Gang? Hier in Seattle gibt es die nicht. Das wüsste ich.“
„Nein, das stimmt. Ist auch nicht so wichtig. Aber wir haben Kundschaft, siehst du dort drüben an der Ecke diese Gestalt, die da umherschleicht?“
„Ja, wieder typisch. Du sag mal, jetzt mal so von Vampir zu Cyberfreak, habt ihr da irgendwie einen Drang zu, euch so auffällig unauffällig zu bewegen? Ich meine, so erkennt man die jungen Vampire schon auf 2 Kilometer, niemand bewegt sich so. Hat das was mit dem Tier in euch zu tun?“
„Woher soll ich das wissen? Ich habe das Tier in mir unter Kontrolle.“
„Na dann lasse es mal raus, ich würde zu gerne sehen, wie du diesen kleinen Halsbeißer da unten zerfetzt. So komisch das auch klingen mag, ich habe nie einen Vampir richtig kämpfen sehen.“
„Und was ist mit Shyama?“
„Der hatte keine Chance, sich zu wehren. Ich habe ihn erschossen wie einen räudigen Hund.“
„Er hat sich nicht gewehrt, als du die Knarre auf ihn gerichtet hast? Merkwürdig. Es hätte eigentlich ein Leichtes für ihn sein müssen, beiseite zu springen, um dich dann zu überwältigen. Er war ein geborener Vampir, deren Schnelligkeit ist fast schon unheimlich.“
„Willst du hier rumphilosophieren, wieso ich Shyama erschießen konnte oder lieber den kleinen Blutegel auf zwei Beinen dort unten erledigen?“
„Ach schau dir den doch an, der ist unsicher, er weiß nicht was er tun soll. Er schleicht herum, er hat kein Ziel, der verschwindet hier nicht so schnell.“
„Also gut, was willst du hören? Wie ich ihn erschossen habe? Ich denke, das weißt du genau. Und wieso er nicht ausgewichen ist? Ich denke, weil er nicht damit rechnete, dass ich wirklich abdrücken würde. Überlege doch einmal, ich stand in seinen Diensten seit mehreren Monaten und habe ihn in dieser Zeit treue Dienste geleistet und dann stehe ich vor ihm, erzähle ihm, dass ich alles wüsste und schreie wild herum, aber wende mich zum Schluss zum Gehen. Für ihn war die Sache wohl erledigt und er war mit seinen Gedanken schon dabei, wie er mich bestrafen würde. Da habe ich keine Zweifel dran. Ich wette, er hat sich ausgemalt, was passieren würde, wenn die mich in einen Ghul verwandeln und all meine Cyberware von meinem Körper abgestoßen wird. Wie ich dann aussehen würde, wenn ich das überhaupt überlebt hätte.“
„Das hättest du nicht überlebt. Deine Beine wären weg, deine Kiemen, die ganzen Klingen und Hörner. Du hast auch einen internen Lufttank soweit ich weiß? Das wäre nicht schön gewesen, wenn der rausgekommen wäre. Du hättest wahrscheinlich sogar Aufputschmittel bekommen, so dass du während deiner Umwandlung nicht vor Schmerzen ohnmächtig wirst, bis irgendwann dein ganzer Organismus zusammengebrochen wäre. Und das Video davon wäre Striker zugesandt worden.“
„Existiert so ein Video auch von Caroline?“
„Ja. Und bevor du fragst, ich weiß auch wo. Nein, da kommt man nicht leicht rein. Ja, wir können diese Woche da noch hin.“
„Da bleibt mir nur eine Frage, wieso rückst du erst jetzt damit raus?“
„Hätte es irgendetwas geändert? Was willst du auch mit dem Video? Willst du dich selber quälen?“
„Nein, aber es als Beweis für Striker und die anderen Clans aufführen.“
„Macht das einen Unterschied? Der Krieg hat begonnen, und auch die anderen bisher unbeteiligten Clans werden sich bald nicht mehr da raus halten können.“
„Aber sie sollten dann schon auf der richtigen Seite in den Krieg eintreten, findest du nicht? Und da wäre dieses Video vielleicht genau das richtige Argument.“
„Ich mache mich schlau, ob dort noch die gleichen Sicherheitsvorkehrungen herrschen, dann sage ich dir, wann wir da am besten reingehen. Und jetzt sollten wir vielleicht doch mal den Kleinen da unten von seiner irdischen Hülle befreien.“
„Oh, wie poetisch das doch klingt. Nach dir!“
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