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You are the tunnel, you are the light

GeschichteDrama, Sci-Fi / P12 / Gen
01.03.2019
01.03.2019
32
40.628
 
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„Dieses Grinsen macht einen nervös! Wenn er so wie einige hier die ganze Zeit grinsen würde, dann wäre das nicht so schlimm. Da weiß man woran es liegt. Aber er hat so ein diabolisches Grinsen, immer wenn man ihm eine Frage stellt, die ihm nicht gefällt.“
„Schwester Dorothea, er ist ein Junge von Zwölf Jahren, sie wollen mir doch nicht sagen, dass er mit dem Teufel im Bunde steht, wenn sie das Wort "diabolisch" benutzen?“
„Doch Herr Doktor, das will ich. Sie haben ja nicht jeden Tag mit ihm zu tun, sie sind nur der Kinderpsychiater, der einmal die Woche hier vorbeikommt, um sich mit den Jungs zu unterhalten. Aber ich, ich bin rund um die Uhr hier, bin für die Jungs da. Da bleibt es nicht aus, dass man einige Dinge mitbekommt.“
„Einige Dinge mitbekommt? Was wollen sie mir sagen?“
„Herr Doktor, ich bin jetzt schon seit 35 Jahren in diesen ehrbaren Mauern tätig, ich habe Kinder zu Erwachsenen heranreifen sehen, habe miterlebt, wie sie sich benehmen, ihre Hackordnung durchsetzen. Sie kennen das doch. Der Schwache muss sich dem Starken beugen, da kann auch ich nichts dran machen. Ich kann nicht für jeden Jungen rund um die Uhr da sein. Und es ist gut, wenn jemand weiß, wo er im Leben steht. Ich habe Grobiane erlebt, die auf einmal lammfromm wurden, weil sich seine Opfer auf einmal zusammen getan haben und sich zu Zehnt zur Wehr setzten. Ich habe mit angesehen, wie Außenseiter, diese Unauffälligen grauen Mäuse, aus ihrer Isolation geholt wurden, weil sie von einer Gruppe schikaniert wurden und die Gegengruppe sich seiner annahm. Hier gibt es keine Einzelgänger, jeder findet sich irgendwo wieder. Jeder wird dazu gebracht, sich jemanden anzuschließen.“
„Schwester Dorothea, ich weiß, dass sie eine erfahrene und anständige Frau sind, sie haben ihre Aufgabe immer vorbildlich erfüllt, dass sagen mir alle meine Kollegen, die Lehrer und die Oberschwester. Sie sind die gute Seele dieses Heimes. Ihr Rat ist mir wichtig, denn sie haben weiß Gott mehr Erfahrung im Umgang mit diesen kleinen Rackern als ich. Aber, und verzeihen sie mir meine Blasphemie in diesen Räumlichkeiten, in drei Teufels Namen, worauf wollen sie hinaus?“
„Ich denke, sie müssen jemand anderen um Verzeihung bitten, wenn sie solche Worte hier benutzen. Aber Schwamm drüber. Ich will auf Folgendes hinaus: Frederick gliedert sich nicht ein. Er ist jetzt schon ein ganzes Jahr hier und ist immer noch so isoliert, wie am ersten Tag. Die anderen Kinder haben Angst vor ihm, er ist ihnen unheimlich. Die kleinen Kinder fangen an zu weinen, wenn sie alleine mit ihm in einem Raum sind, die Großen ignorieren ihn nicht nur, sie meiden ihn. Und es ist nicht so, dass es ihm missfällt. Er scheint die Einsamkeit zu mögen. Sie kennen doch unsere Schlafräume? Die Jungs liegen zu Acht in einem Raum. Wir mussten regelrecht andere Jungs dazu zwingen, mit ihm in einem Raum zu schlafen. Und er hat sich einen Teil des Raumes abgesperrt. Er hat schwarzen Stoff von der Decke herab hängen, so dass er seinen kleinen Bereich abgegrenzt hat. Er will nichts mit den anderen zu tun haben, er grenzt sich selber ab. Beim Sport läuft er lieber Runden um den Platz, als Fußball zu spielen. Beim Essen setzt er sich in die hinterste Ecke, duscht erst, wenn alle anderen Jungs fertig sind und auch in der Schule sitzt er in der hintersten Reihe. Ja ja, ich sehe es ihrem Blick an, dass sie das für eine Phase halten, aber ich sage ihnen, dem ist nicht so. Jeder hier hat einen Freund oder jemanden, mit dem er die Zeit verbringt. In meiner ganzen Zeit hier im Kinderheim gab es noch niemanden wie Frederick.“
„Wo hat er denn Stoff her?“
„Was? Welchen Stoff?“
„Na den Stoff, mit dem er sein "kleines Reich" abgesteckt hat. Er hat ihn ja wohl kaum von einer der Schwestern bekommen haben, oder hat er eine ihrer Roben benutzt?“
„Mir gefällt ihr Humor gar nicht, dass ist eine ernsthafte Angelegenheit.“
„Ja, sie haben Recht, entschuldigen sie bitte. Ich nehme die Sache ja ernst. Wo hat er den Stoff denn jetzt her?“
„Den hat er von seinem Onkel bekommen. Ich habe ihm ja schon mal von ihm erzählt.“
„Ja? Moment, lassen sie mich kurz überlegen. Dieser große, blonde Mann mit der schlaksigen Figur?“
„Richtig. Der ist mir auch nicht gerade geheuer. Er kommt zu den unmöglichsten Zeiten, um Frederick zu besuchen. Und dann nicht mal regelmäßig, mal kommt er zweimal in der Woche, dann lässt er sich 2 Monate nicht blicken, um dann wie selbstverständlich wieder aus der Versenkung zu erscheinen. Und jedes Mal außerhalb der normalen Besuchszeiten. Entweder sehr früh am Morgen oder spät abends, wenn man nicht schon von der Nacht sprechen kann. Er meint, er hätte so ungünstige Arbeitszeiten. Ich würde solch ein Verhalten nicht tolerieren, aber er ist ein sehr großzügiger Mensch. Er lässt dem Kinderheim wirklich ansehnliche Spenden zukommen. Es geht uns merklich besser, seitdem Frederick hier ist.“
„Nun, wer Geld hat, kann sich einige extravagante Verhaltensweisen erlauben.“
„Geld ist nicht alles, was zählt, mein lieber Doktor. Aber es ist ein Entgegenkommen von unserer Seite aus, ein kleines Dankeschön für seine Unterstützung. Jedenfalls hat er Frederick diesen Stoff mitgebracht. Und Frederick scheint darauf gewartet zu haben, denn schon einen Tag vorher hat er die Halterungen dafür an den Wänden angebracht. Dabei konnte er gar nicht wissen, dass sein Onkel am nächsten Tag käme. Sowieso scheint Cerb immer zu wissen, wann sein Onkel kommt? Dabei ist es wie gesagt nicht vorhersagbar, wann er wieder hier auftaucht.“
„Cerb?“
„Ja, so lautet sein Spitzname. Sowohl bei den Kindern, als auch bei uns Schwestern und den Lehrern. Er mag den Namen Frederick nicht, auch nicht Fred.“
„Aber wie kommen sie zu Cerb?“
„Das ist die Kurzform von Cerberus. Er meinte, den Namen hätte er einst mal von seinem Onkel bekommen und so wolle er heißen. Und er beharrt da regelrecht drauf. Wir unterstützen solch ein Verhalten nicht, aber er reagierte komplett nicht mehr auf den Namen Frederick. Da ist er wirklich ein Dickkopf. Doch wenn man ihn mit Cerberus oder auch Cerb anspricht, dann ist das kein Problem. Und die Kinder sprechen ihn so an, weil sie Angst haben.“
„Aber sollte er dann nicht Zerberus, beziehungsweise Zerb, genannt werden? Nicht so, als wenn es aus dem Englischen stammt?“
„Sein Onkel ist Engländer, daher die englische Bezeichnung. Ich frage mich sowieso, wie man ein kleines Kind den Spitznamen Cerberus geben kann.“
„Da bin ich überfragt, ich weiß nur, dass Zerberus der Pförtner und Wachhund zur griechischen Unterwelt war.“
„Lassen sie das nicht die Kleinen hören, die haben sowieso schon genug Angst oder Respekt vor ihm.“
„Angst oder Respekt?“
„Ja, die Kleinen fürchten ihn, die Großen respektieren ihn.“
„Wie kommt es dazu? Ich habe ihn ja eben gesehen, als wir kurz in der Klasse waren. Er ist eher schmächtig. Wie kann er da den Respekt der Großen haben? Er dürfte denen doch nicht wirklich was entgegensetzen zu haben. Die könnten doch, um es mal salopp zu sagen, kurzen Prozess mit ihm machen. Einmal in eine dunkle Ecke gezerrt, ein paar Boxhiebe und die Sache wäre erledigt. Wieso diese Mystifizierung?“
„Oh, sie treffen den Nagel auf den Kopf. Mystifizierung, dass ist es, was hier vor sich geht. Ja, sie haben Recht, eigentlich dürfte das kein Problem sein. So wie sie es sagten, die Großen lassen bei so was normalerweise keine Fragen offen. Und glauben sie nicht, dass die es nicht schon getan hätten. Denen fällt es auf, wenn sich jemand anders verhält, sich für "was Besseres" hält. Dann wird der Mal zurechtgestutzt und die Sache ist erledigt. Das gleiche passierte auch Cerb.
Eine Mitschülerin berichtete, wie er auf dem Schulhof nach der Pause von den Großen beiseite genommen wurde, wie sie ihm zuerst herum schubsten. Als er dann ganz ruhig blieb und nicht reagierte, wurden die wütend und etwas handgreiflicher, sie schleuderten ihn gegen die Wand. Aber er blieb ruhig. Da haben sie ihn geschlagen, zuerst ein paar Ohrfeigen ins Gesicht, dann ein paar Schläge. Als er aus der Nase blutete, haben sie erst mal aufgehört. Doch er sagte kein Wort, weinte nicht und hatte anscheinend auch keine Schmerzen. Da wurde es dem Anführer der Gruppe zu viel, er packte Cerb, schmetterte ihn regelrecht seine Faust in den Magen, so dass er Blut spuckte. Aber kein Schmerzenslaut kam über seine Lippen. Das Mädchen war wie gebannt und schaute weiter, statt einen Lehrer zu holen. Denn Cerb stand nach diesem Schlag noch immer aufrecht, er hatte sich nur kurz gekrümmt, um auszuspucken. Stefan, der Anführer rastete jetzt regelrecht aus, er schlug auf ihn ein, hämmerte ihn zu Boden, trat auf ihn ein, doch Cerb sagte nicht ein Wort, kein Schmerzenslaut. Das Mädchen sprach nachher wie von einem Märtyrer über ihn, als wir sie befragten. Jedenfalls musste Stefan von den anderen der Gruppe nachher abgehalten werden, weiter auf Cerb einzuschlagen. Er lag bereits bewusstlos am Boden. Als die Gruppe dann von ihm abließ, um zum Unterricht zu gehen und ihn einfach so liegen ließ, da ging das Mädchen zu dem Bewusstlosen. Sie meinte später, dass er ein Grinsen auf dem Gesicht hatte, können sie das glauben? Danach ist sie jedenfalls Hilfe holen gegangen.
Cerb musste ins Krankenhaus eingeliefert werden, mit mehreren Prellungen, Schwellungen und Hautabschürfungen. Er hatte eine schwere Gehirnerschütterung von den Tritten an seinen Kopf, durch die er auch sein Bewusstsein verlor. Sein linker Unterarm ist mehrmals gebrochen gewesen und musste mit einer Metallplatte geschient werden.
Stefan wurde noch am selben Tag von der Schule suspendiert und bekam verschärften Stubenarrest. Die anderen erhielten ebenfalls Stubenarrest.“
„Nun, das klingt natürlich mehr als bedauerlich, wenn man bedenkt, dass sein Vater ihn auch jahrelang misshandelt haben soll. Aber umso erklärlicher ist es, dass er die Schmerzen ausgehalten hat, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben. Was ist denn jetzt so das Mystische daran?“
„Cerb war für eine Woche im Krankenhaus, die gesamte Zeit unter ärztlicher Aufsicht. Die ersten beiden Tage sogar an Geräten angeschlossen, die seinen Herzschlag aufzeichneten.“
„Ein EKG.“
„Genau, also war er die gesamte Zeit im Krankenhaus und hat dieses nicht verlassen.“
„Ich kann mich nur wiederholen. Worauf wollen sie hinaus?“
„Am nächsten Tag wurde Stefan in den Duschräumen aufgefunden. Er war bewusstlos, hatte leichte Schnittwunden an Armen und Beinen, als wenn ihn ein Tier mit Krallen angefallen hätte. Hinzu kam, dass er beide Unterarme gebrochen hatte, ungefähr auf dieselbe Art und Weise, wie sie Cerb von Stefan gebrochen wurden. Und, als wenn man es nicht erraten könnte, hatte er eine schwere Gehirnerschütterung. Die Ärzte meinten jedoch nicht durch ein paar heftige Schläge, sondern durch mehrere weniger starke. Da wir Blutspuren an den Wänden der Dusche gefunden haben, vermuten wir, er wurde mehrmals mit dem Kopf dagegen geschlagen.
Als er im Krankenhaus aufwachte und wir ihn befragten, wer das getan habe, stammelte er, dass er die Person nicht gesehen habe. Aber sie habe ihm leise ins Ohr geflüstert, er solle ab sofort die Finger von Cerb lassen, sonst wäre dies nur ein kleiner Vorgeschmack dessen, was ihm blühen würde.
Am selben Tag ging im Heim das Gerücht um, Cerb hätte einen Geist, der ihn beschützt. Und wenn wir ehrlich sind, wir haben keine Erklärung, wer es sonst getan haben könnte. Die Türen zum Schlaftrakt waren verschlossen, es kann keiner von außen hereingekommen sein. Die Polizei hat auch keine Spuren finden können. Und von den anderen Schülern im Trakt ist keiner so kräftig, dass er Stefan dies hätte antun können. Nun, so etwas zeigt Wirkung, als Cerb wieder aus dem Krankenhaus kam, hat ihn keiner auch nur schräg von der Seite angeguckt.“
„Eine wahrlich gute Geschichte, Schwester. Aber sie wollen mir hier doch einen Bären aufbinden.“
„Wenn sie mir nicht glauben wollen, fragen sie die anderen Schwestern oder Lehrer.“
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