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You are the tunnel, you are the light

GeschichteDrama, Sci-Fi / P12
01.03.2019
01.03.2019
32
40.628
 
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01.03.2019 3.296
 
Es geschah in einer lauen Sommernacht, der Wetterdienst hatte angenehme 18 Grad hervorgesagt bei einem leichten Wind aus Südost, der die Dunstglocke über der Stadt wohl für kurze Zeit vertreiben würde. Der Vater hatte ihn mit einigen leichten Boxhieben in den Magen, die nicht mal so schlimm waren, denn er musste sich nicht mal nachher übergeben, ins Bett geschickt. Er versuchte sich gerade in seine Phantasiewelt hinein zu träumen, in der er heute wohl einem kleinen Jungen die Schulter auskugeln würde, so dass der im Krankenhaus erzählen müsse, er wäre die Treppe runtergefallen, wie er selber es mehrere Male in verschiedenen Krankenhäusern vorlügen musste, den strafenden Blick des Vaters im Nacken spürend. Doch er wurde von Lärm aus dem Wohnzimmer abgehalten, seine Traumwelt zu betreten. Er wusste, wenn sein Vater wieder so weit ist, dass er die Flaschen und Gläser an der Wand zerschmeisst, würde er heute Nacht vor Schmerzen sowieso nicht mehr schlafen können. Er hörte das Geschrei seines Vaters. Wahrscheinlich hat seine Fußballmannschaft wieder verloren und er dürfte es ausbaden, dass diese Idioten nicht besser spielen könnten. Er klammerte sich an seiner Bettdecke fest, als er seinen Vater seinen Namen krächzen hörte. Er wusste, ihm standen ein paar schlimme Minuten bevor, wenn er schon so viel getrunken hat, dass ihm die Stimme versagt.
Trotz seiner inneren Härte und Kühlheit, nichts an sich herankommen lassen zu wollen, fürchtete er sich, er dachte an seine Mutter, wünschte er wäre bei ihr, läge neben ihr, in ihrem Sarg, tief unten unter der Erde, verborgen und sicher vor seinem Vater. Der Tod müsse was friedliches sein, dachte er sich, keiner, der einen mehr verfolgt und weh tun kann.
Da wurde er wieder aus seinen Gedanken gerissen, er hörte seinen Vater wieder seinen Namen ausstoßen, etwas leiser als vorher. Er war verärgert über sich selbst, er wusste doch, was es bedeutet, wenn er zögert und seinen Vater warten lässt. Wie konnte er in Gedanken versinken? Das würde wohl bedeuten, dass er ihm zum Auftakt mal wieder den Arm bricht. Das hat er lange nicht mehr gemacht. Er stand aus dem Bett auf, ging barfuß den Flur entlang und trat zur Wohnzimmertür, die halb angelehnt war. Er schob sie nur einen Spalt auf, um rechtzeitig erkennen zu können, falls sein Vater eine Flasche nach ihm schmeißt.
Das hat er schon mehrmals erlebt, aber einmal war er nicht schnell genug und wurde mitten im Gesicht getroffen. Die Scherben zerschnitten ihm das Gesicht und er wurde ohnmächtig von der Wucht. Als er damals aufwachte, dachte er, dass es weitaus schlimmer hätte kommen können. Er wurde schon öfters ohnmächtig, aber nie am Anfang. So blieb ihm alles andere erspart. Als er sich nach seinem Aufwachen umschaute, sah er einen Arzt, der ihm freundlich zulächelte und meinte, dass sein schönes junges Gesicht keine einzige Narbe zurückbehalten würde (wenn ihm sein Vater nicht irgendwann mal das Nasenbein ins Gehirn rammen würde, dachte Frederick innerlich) und er solle doch demnächst vorsichtig sein, wenn er wieder mit dem Kopf durch eine Glasscheibe rennen wolle. Er nickte nur, sein Vater hat ihm wohl eine passende Story erzählt, wie Glassplitter in sein Gesicht kämen.
Aber diesmal kam nichts geflogen, er schaute vorsichtig ins Zimmer, wo normalerweise sein Vater zu stehen pflegte und mahnend mit der Hand deutete, er solle näher kommen. Aber diesmal war es nicht so, dass beunruhigte ihn. Was hat er sich diesmal ausgedacht? Die Ungewissheit war schlimmer, als der physische Schmerz, denn da konnte er sich nicht drauf vorbereiten. Er hörte seinen Vater keuchen. Er blickte in die Richtung, aus der das Röcheln zu seinen Ohren drang. Doch das, was er dort sah, hatte nicht viel Ähnlichkeit mit seinem Vater. Er lag in der Ecke des Wohnzimmers, in der normalerweise der Fernseher stand. Der lag zerschmettert an der Wand. Die Splitter der Mattscheibe breiteten sich entlang der einen Wand aus. Sein Vater zuckte mit den Beinen unkontrolliert, als wenn er versuchen wolle, eins mit der Wand zu werden. Die Hose war teilweise von den Scherben zerschnitten. Er muss wohl die Wand entlang gerobbt sein. Einige blutige Striemen zeigten an, dass die Hose kein wirklicher Schutz gewesen ist. Der rechte Arm, normalerweise durch die Knochenarbeit seines Besitzers mit Muskeln bespannt, stark und unerbittlich, wenn es darum ging, auf den Sohn seines Besitzers einzuschlagen, hing unterhalb der Schulter in einem unnatürlichen Winkel herab, ein weißes Stück Knochen drang durch das enge Muskelshirt, normalerweise weiß, doch jetzt rot von dem Blut seines Trägers. Das Gesicht war geschwollen, doch die Augen waren aufgerissen, so dass man meinen könnte, jeden Moment müssten die Augäpfel aus ihren Höhlen treten. Und das Schlimmste war, sie waren auf ihn gerichtet. Sein Vater schaute ihn mit angsterfülltem Blick an. Geschunden und halbtot, erfassten diese Augen den Sohn in der Tür.
Frederick wusste nicht, was er hiervon halten solle, träumt er? Sein Vater erlitt die Qualen, die er so lange ertragen musste und durchlebte dasselbe Martyrium der Ungewissheit, durchschritt das Tal der Schmerzen, welches normalerweise ihm selbst vorbehalten war? Was ist hier denn passiert? Er lehnte sich gegen die Tür, um sich zu vergewissern, dass sie wirklich da ist, als Beweis, dass er wirklich wach ist. Sie leistete seinem Körper Widerstand, sie war existent, also musste er wach sein.
Aber da fiel ihm etwas auf. In der Schule zwar eher ruhig und zurückhaltend, um seinen Mitschülern ja keinen Grund zum Ärgernis zu liefern, war sein Verstand doch geschärft. Er war nicht scharf wie eine Rasierklinge, aber er erkannte Dinge, die andere übersahen. Schließlich wurde er lange darin gefördert, musste er doch bei den kleinsten Bewegungen seines Vaters einen Boxhieb oder Tritt erwarten.
Er lehnte sich gerade mit seinem ganzen Körper gegen die Tür, doch die ist immer noch nur ein Spalt offen. Müsste sie nicht aufgehen? Lag da etwas vor der Tür, was diese blockierte? Und da bemerkte er es, der Blick seines Vaters, er ging gar nicht zur Tür! Er galt gar nicht seinem verängstigten Sohn, der mit seinem halben Gesicht durch den Spalt schielte. Er glitt an ihm vorbei, hinter die Tür, ein paar Zentimeter neben seinen Kopf. Was immer seinen Blick an sich haftetet, nur eine dünne Schicht Holz trennte sie beide voneinander. Holz, gegen das er sich lehnte und das wohl jetzt gegen das Etwas dahinter stieß. Sollte er Angst haben? Wovor eigentlich? Vor etwas, dass seinem Vater dies hier angetan hat? Wieso sollte er sich davor fürchten?
„Lasse mich in Ruhe, bitte! Nimm ihn, mach mit ihm, was du willst, aber lasse mich in Frieden!“
Diese Worte rissen ihn aus seinen Überlegungen. Was stammelte sein Vater da? Seine Gedanken überschlugen sich fast, in dem Versuch, in diese paar Worte einen Sinn zu kriegen, als sich langsam, etwa zwei Köpfe über ihm, und bedächtig ein Schatten vor einen Teil des Spaltes schob. Frederick schaute langsam hinauf, ohne Furcht, eher mit etwas Erwartung, was er denn erblicken würde. Der Schatten gewann an Konturen und er erkannte allmählich ein Augenpaar, welches auf ihn herabblickte. Es war also ein Mensch, Elf, Ork oder so etwas. Langsam kamen Farben hinzu und die Augen erhielten einen beruhigenden blauen Ton. Blau wie der Himmel und genauso unendlich und frei erschienen sie ihm. Darüber lagen weiche, blonde Augenbrauen, beinahe so dünn, als wenn sie nur gezeichnet wären. Der Fremde hat den Kopf schräg gelegt, damit er mit beiden Augen durch den Spalt schauen konnte.
„Hallo“, schlich es leise und vorsichtig aus Fredericks Mund.
„Hallo kleiner Mann! Hast du keine Angst?“
„Nein, wovor denn?“
„Na, vor mir. Ich bin ein böser Mann“
„Mein Vater liegt da hinten in der Ecke, vor wem sollte ich mich dann fürchten? Du machst das mit ihm, was er so lange mit mir gemacht hat. Also kannst du nur gut sein.“
Der Fremde schien verwirrt, denn auf einmal zeigten sich dünne Linien an seinen Augenrändern, er schien über das nachzudenken, was er gerade gehört hat. Seine Augen wurden kleiner und er schien auf einmal Frederick von oben nach unten zu mustern. Der kam sich dumm vor, wie er da mit seinem Schlafanzug steht und den Fremden anguckt. Doch dann ging die Tür langsam auf  und das Gesicht verschwand dahinter.
„Komm herein, ich will, dass du alles mit ansehen kannst.“
Er schritt ins Wohnzimmer, diesen Hort der Qualen, den er so oft schon betreten hatte, doch dieses eine Mal hatte er keine Angst, brauchte er sich nicht zu fürchten, denn sein Peiniger lag wimmernd in der Ecke, den Blick starr in eine Richtung verankert. Frederick spürte, wie sich die Tür hinter sich schloss, doch er hörte es nicht. Er konnte es nur an dem leichten Luftzug erahnen, der ihn in diesem Moment streifte.
„Schau mich an!“
Er drehte sich langsam um, doch ließ seinen Blick so lange wie möglich auf seinem Vater haften. Doch irgendwann ging das nicht mehr und er drehte den Kopf herum. Er sah nun vor sich einen groß gewachsenen Mann, mit langen, blonden Haaren, die er zu einem Zopf geflochten hat, der ihm über der linken Schulter lag. Sein Gesicht wirkte jung und schön. Dünne Wangen flossen in ein leicht abgerundetes Kinn und in einen langen Hals über, der beinahe majestätisch über den Rest des Körpers zu schweben und damit zu herrschen schien. Er war gehüllt in ein schwarzes Hemd, welches in die hellblaue Jeans gesteckt war, so dass sich der schlanke Körperbau des Mannes sehr gut erkennen ließ. Die rechte Hand ruhte auf dem Türknauf der nun verschlossenen Tür, während die Linke lässig in der Hosentasche verschwand.
„Was siehst du, wenn du mich anschaust?“, fragte der Fremde in einem freundlichen und langsamen Tonfall.
Frederick wusste nicht genau, was er sagen sollte oder was der Typ hören wollte. Doch er war der festen Überzeugung, wenn er das Falsche sagen würde, dass der Fremde ihn hier mit seinem Vater zurücklassen würde. Alleine, mit seinem Vater, der würde irgendwann wieder gesund und dass wäre dann sein Ende gewesen.
„Meinen Retter.“, lautete seine Antwort.
Das Gesicht des Fremden veränderte sich nur langsam, bedächtig und vorsichtig bildeten sich Falten entlang der Wangenknochen, dünne Linien zeichneten sich seitlich seiner Augen ab, die Winkel seines dünnen Mundes, mit den leicht bläulichen Lippen streckten sich langsam nach oben, als wenn sie sich dagegen sträubten, ein Lächeln formen zu müssen. Dies schien sich über eine ziemlich lange Zeit auszudehnen, eine Kontinentalverschiebung schien dagegen ein Ferrari auf der Überholspur zu sein. Frederick gewann den Eindruck, dass der Fremde nicht oft lächelte, es wirkte irgendwie aufgesetzt, so als wenn er sich daran erinnern müsse, wie man die Gesichtsmuskeln in der richtigen Zusammenarbeit bewegen müsse. Alleine deswegen war Frederick etwas geschmeichelt und stolz. Denn er lächelte ihn an, er gab ihm etwas, was er nur selten anderen Leuten zeigte und er war einer der Wenigen. Er fühlte sich ein wenig privilegiert.
Es gab ein leichtes Knacken in den Knien des Fremden, als er abhockte, um sein Gesicht auf die Höhe von Frederick zu bewegen. Majestätisch und überlegen war er nun vor ihm, er konnte ihm in die himmelblauen Augen schauen, mit diesen kleinen Pupillen, die schwarzen Löchern glichen, die begierig jeden Lichtstrahl dieser äußeren Welt aufsaugten, um sie in ihrem Inneren zu begraben. Manche Leute hätten diesen Blick stechend genannt und hätten ihm nur kurze Zeit standhalten können. Man hätte meinen können, diese Augen grüben sich in die eigenen Gedanken, auf der Suche nach irgendwelchen Erinnerungen, an denen sie sich festbeißen können, um sie dem Besitzer zu entreißen. Doch Frederick war fasziniert von diesen Augen, sie ähnelten denen seiner Mutter, mit diesem gütigen blau, dem beinahe makellosen Weiß drum herum und den dünnen Augenbrauen und kurzen Wimpern.
Er wusste nicht, wie lange sie so standen, aber Frederick erschien es wie eine Ewigkeit und er wurde dessen nicht überdrüssig, in den Schlund dieses Blickes zu fallen, die Welt um ihn herum zu vergessen und sich gehen zu lassen.
„Wir spielen ein kleines Spiel. Es ist eigentlich ganz einfach.“
„Wie heißt das Spiel? Und was soll ich machen?“, fragte Frederick gespannt.
„Oh, es heißt "Leben oder Tod" und du musst nichts weiter machen, als hier neben der Tür stehen zu bleiben. Ansonsten kannst du machen, was du willst. Das hast du doch verstanden, oder?“
Frederick würde lügen, wenn er dies bejaht hätte. Trotzdem nickte er; er verstand, was der Fremde von ihm wollte, das war nicht schwer. Hier neben der Tür stehen bleiben und wahrscheinlich zugucken. Keine Ahnung, was das bringen sollte, aber er war schon seit langem geübt darin, dass zu tun, was von ihm verlangt wird, ohne größere Fragen zu stellen.
Der Fremde stand bedächtig auf und öffnete die Tür wieder einen Spalt; hiernach schlenderte er in die Richtung des Vaters an der rechten Seite von Frederick vorbei. Sein Vater wurde starr vor Angst, die Augen immer noch weit aufgerissen, die Beine jetzt still liegend, die linke Hand an die Wand gepresst, in der Hoffnung, sie würde ihm Schutz gewähren. Mit kurzen, beiläufigen Schritten kam der Fremde näher und blieb etwa 15 Zentimeter neben den Schienenbeinen von Fredericks Vaters stehen.
„Pass auf und höre mir gut zu. Ich bin kein Monster. Ich will dir eine Chance geben, wie du hier mit heiler Haut wieder raus kommst.“
Frederick stockte bei diesen Worten der Atem. Er will ihn doch nicht wirklich wieder diesem Monster ausliefern? Wie kann er seinen Vater laufen lassen?
„Schau zur Tür, sie steht einen Spalt offen. Wenn du es gleich bis in den Flur schaffst und dort zum Telefon kommst, um die Bullen anzurufen, werde ich verschwinden. Klingt doch ganz einfach, oder?“
Ein zögerliches Nicken offenbarte, dass Fredericks Vater verstand.
„Nun, dann los, ich werde dich nicht aufhalten.“
Eine kurze Pause trat ein, in der Fredericks Vater wohl den Haken an der Sache erkennen wollte.
„Oh, etwas habe ich vergessen. Du sollst es dir doch richtig erarbeiten, oder?“
Der Blick des Vaters glitt von der Tür, die seine Freiheit bedeutete wieder zu dem Fremden hoch. Er schaute ihn verzweifelt an.
Dieser blickte seelenruhig hinab und ging sicher, dass er die volle Aufmerksamkeit seines Opfers genoss.
Dann hob er blitzschnell seinen rechten Fuß und ließ ihn mit voller Wucht auf das rechte Schienenbein herunterpreschen. Ein helles Knacken, so als wenn man einen Ast zerbricht erklang, gefolgt von einem martialischen Schmerzensschrei. Das rechte Bein war jetzt nach unten hin durchgebogen und stellte nur noch eine groteske Karikatur eines gesunden Beines dar. Sein Besitzer wimmerte vor Schmerzen, ließ seinen Blick aber nicht von seinem Peiniger schweifen.
„So, jetzt kannst du losziehen. Du willst doch, dass ich gehe, oder?“
Frederick hat das Ganze ohne eine Regung verfolgt. Selbst als seinem Vater das Schienenbein gebrochen wurde, hat er nicht mal mit der Wimper gezuckt. Und jetzt musste er mit ansehen, wie sich sein Vater die Wand entlang schleifte, das gesamte Gewicht auf den linken Arm gestützt. Langsam, vor Schmerzen beinahe gelähmt, kämpfte er sich seinem Ziel entgegen, über die Splitter, die ihm mit jedem Zug in den Arm schnitten. Doch er schien den Schmerz nicht bewusst wahrzunehmen, sondern schien nur die Tür, das im Flur stehende Telefon zu fixieren und sich darauf zu konzentrieren.
Frederick sah seinen Vater langsam in seine Richtung kriechen. Wie könne das sein? Er solle nur durch diese Tür und soll heil davonkommen? Seine Gedanken rasten, schienen sich um das Problem zu krümmen und es langsam erdrücken zu wollen. Zeit, die hatte er nicht. Er hätte sich jetzt gerne in eine stille Ecke zurückgezogen, um das Ganze zu verstehen, darüber nachzudenken. Warum wollte der Fremde, dass er hier neben der Tür stehen bleibt? Nur um mit ansehen zu müssen, wie sein Vater sich an ihm vorbeiquält? Und was sollte das Gerede, dass er sonst machen dürfe, was er will? Er soll doch hier stehen bleiben. Was kann er schon tun? Er stand nur neben der Tür. Die Tür. Irgendwas mit der Tür, warum sollte er sonst hier stehen? Er hatte das Gefühl, als wenn ihm die Lösung auf der Zunge läge, sie aber nicht aussprechen könne. Nur noch ein halber Meter, dann wäre sein Vater an der Tür, er kam mit jeder Sekunde näher. Der Abstand schrumpfte mit jedem Gedanken, dem Frederick durch den Kopf schoss.
Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen! Na klar, die Tür! Langsam streckte er seinen rechten Arm aus, umfasste mit eiskaltem und erbarmungslosem Griff den Türknauf und drückte bedächtig die Tür zu. Sein Vater hielt in seiner Bewegung inne. Er schaute fassungslos auf die Stelle, wo bis vor kurzem noch sein Portal in die Freiheit existierte und sich jetzt nur eine simple Holztür befand. Eine Tür, die in seinem jetzigen Zustand ein unüberwindbares Hindernis war, aber normalerweise für seinen muskelgestählten Körper keine ernsthafte Barriere dargestellt hätte. Dann glitt sein Blick höher, zu seinem Sohn. Ein Feuer loderte in seinen Augen auf. Genau das Feuer, welches Frederick zu fürchten gelernt hatte. Doch diesmal fühlte er sich sicher, was solle sein Vater in seinem jetzigen Zustand schon anstellen?
„Mach die Tür auf, du Bastard!“ Spie sein Vater voller Abscheu heraus.
Frederick fühlte sich mächtig, das war es, was er in seinen Träumen immer gesucht hatte, die Macht, seinem Vater weh zu tun, nicht unbedingt körperlich. Er hatte gelernt, dass körperlicher Schmerz vergeht und man sich dagegen abschotten kann. Aber diesen inneren Schmerz, der trifft härter und unvorbereiteter. Dagegen kann man sich nicht wehren. Der Moment, in dem man einfach erkennt, dass man verloren hat, dem anderen ausgeliefert ist. Er spürte, wie ihn eine bisher unbekannte Anspannung überfiel, er war erregt, sein Herz schlug schneller, seine Hände wurden kalt und er nahm jede einzelne Faser seines bisher so geschundenen Körpers wahr. Ein Damm brach und er spürte eine Stärke in sich aufsteigen, die er so bisher noch nie gekannt hat. Er war glücklich und zufrieden, schien zu schweben, über den Dingen zu stehen. Er hat soeben über das Schicksal seines Vaters entschieden, hat ihm ein Urteil geliefert, das er nicht beeinflussen konnte.
„Mach sofort diese verdammt Tür auf, du elender Hurensohn! Ich hätte dir schon längst den Hals brechen sollen! Du bist nichts wert, so wie deine Mutter. Verpisst hat sie sich und mich mit dir hier alleine gelassen. Ich musste so hart zu dir sein. Du musst stark werden, wenn du da draußen überleben willst!“
„Kennst du die griechische Mythologie?“, erhob der Fremde seine Stimme. „Nach dem Glauben der alten Griechen wurde das Tor zur Unterwelt, dem Hades, von einem dreiköpfigem Hund bewacht. Dieser hatte die Aufgabe, nur die wirklich Toten passieren zu lassen und jeden Lebenden abzuweisen oder zu töten, so dass dieser dann doch durch konnte. Du bist auch solch ein Wächter. Du bist Cerberus.“
Er schritt langsam zum am Boden liegenden John und ging neben ihm in die Hocke, mehr sogar, er beugte sich so weit nach vorne, dass er sich mit den Händen abstützen musste, um nicht vorzufallen. Langsam bewegte sich sein Kopf herunter, so dass sein Mund auf einer Höhe mit dem Ohr seines Opfers war. Leise flossen die Worte aus seinem Mund, während der Vater starr und verkrampft da lag.
„Du hast ihn stark gemacht, sehr stark sogar. Er ist sogar stärker als du! Du konntest ihn nicht brechen, sondern nur biegen. Und alles, was sich  biegt und nicht bricht, kommt irgendwann mit größerer Gewalt zurück, oder? Du kannst stolz auf ihn sein!“
Frederick konnte nicht mit anhören, was der Fremde weiter seinem Vater ins Ohr flüsterte, denn er senkte noch mal die Lautstärke seiner Stimme. Doch er bekam mit, wie sein Vater plötzlich mit dem Kopf herumfuhr, um den Fremden in die Augen zu schauen. Und kurz darauf fing er zu weinen an. Er schluchzte, bekam kein Wort mehr heraus.
Der Fremde stand mit einem Ruck auf und ging langsam zurück, bückte sich und ergriff beinahe beiläufig ein Bein des Vaters. An dem zog er ihn langsam zurück, während dieser versuchte, sich am Boden festzukrallen.
Und Frederick lächelte nach einer sehr langen Zeit wieder!
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