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Jacques a dit!

von Jamie17
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
Bram Greenfeld Simon Spier
01.03.2019
01.03.2019
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1.697
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Jacques a dit!


Schweigend stehe ich neben Garrett an der Essensausgabe, während er mir von neuen Taktiken erzählt, die unser Trainer bei dem nächsten Fußballspiel ausprobieren möchte. Ich habe bei dem letzten Training gefehlt, weshalb er es sich nun zur Aufgabe gemacht hat, mich über alles, was gesagt wurde aufzuklären. Generell ist Garrett viel gesprächiger als ich, also nicke ich bloß abwesend und versuche irgendwie so zu tun, als würde mich das, was er mir erklärt auch nur annähernd interessieren. Natürlich funktioniert es kein bisschen, aber Garrett lässt sich von sowas nicht abhalten.

Meine Gedanken schweifen immer wieder zu Jacques. Ich weiß, dass er momentan viel um die Ohren hat, da er unfreiwillig „vor dem ganzen Universum geoutet“ wurde. Ich kann mir vermutlich nicht einmal im Ansatz vorstellen, was genau das für ihn bedeutet. Und wie es überhaupt dazu gekommen ist, weiß ich auch nicht. Andererseits will ich ihn auch wirklich nicht bedrängen. Ich gebe mir sowieso alle Mühe, ihn nicht auszufragen, wobei das auch gar nicht nötig ist. Jacques erzählt häufig viel detaillierter, als ich. Das führt nicht selten dazu, dass ich auf meiner imaginären Liste den Kreis der Personen, die Jacques sein könnten, einkreise. Allein schon die Zeiten, in denen er mir die Mails schreibt, verraten mir, dass es unmöglich einer der Jungs aus meiner Mannschaft sein kann. Auch hat Jacques zwei Schwestern. Würde ich mehr mit meinen Mitschülern reden, wüsste ich sicherlich, auf wen das zutrifft und auf wen nicht. Ich habe mir, als ich begonnen habe, mit Jacques zu schreiben, geschworen, nicht zu versuchen, seine Identität herauszufinden und nun stehe ich neben Garrett und muss mich mit aller Macht davon abhalten. Jacques hat sich zu dem wichtigsten Part in meinem Leben entwickelt. Mit ihm kann ich über alles sprechen und aus dem anfänglichen unbehaglichen Gefühl ist eine echte Freundschaft entstanden. Ich schreibe im Unterricht nicht mehr, wie gewohnt, fleißig mit, sondern sitze verträumt auf meinem Platz und kann nicht aufhören, an Jacques und seine Geschichten über Oreos, Daniel Radcliffe und Elliott Smith nachzudenken. Ein Musiker, den ich gar nicht kenne und mir nur anhöre, weil ich weiß, dass auch Jacques seine Lieder einschaltet, wenn er glücklich, aufgebracht, verzweifelt oder einfach gelangweilt ist. Er hört es sich immer an und obwohl ich keine Ahnung habe, wer genau Jacques ist, halte ich es für richtig, mir anzuschauen, was er mag.

„Hörst du mir zu?“, unterbricht mich Garrett in meinen Überlegungen. Scheinbar hat er nun doch bemerkt, dass ich nicht eines seiner Worte mitbekommen habe. Ich schüttle still meinen Kopf. Eigentlich bin ich redseliger, wenn nur er in der Nähe ist, aber mir ist heute gar nicht danach mich zu unterhalten. Zu sehr hängen meine Gedanken an Jacques, meinem Vater und dem kleinen Fötus, der wohl bald so etwas, wie mein Bruder sein wird. Ich atme tief durch. Ich möchte Garrett davon erzählen, immerhin ist er sowas, wie mein bester Freund, neben Jacques. Wobei meine Gedanken bezüglich Jacques in eine Richtung gehen, die nicht mehr ganz auf freundschaftlicher Basis sind.

Trotzdem hängt das Thema, wie ein dunkler Schleier über mir und ich habe fast das Gefühl, als würde all das mir langsam die Luft zum Atmen nehmen. Dennoch kann ich aus einem kleinen, ganz bestimmten Grund nicht mit Garrett oder einem der anderen reden. Ich habe bereits mit Jacques darüber gesprochen und sollte er erfahren, dass ich, Bram, einen kleinen Bruder bekommen werde, wäre seine Aufmerksamkeit sofort geweckt. Sollte sich diese Geschichte auf irgendeine Art und Weise verbreiten zumindest. Und das würde sicher passieren. Die Creekwood High ist ein Sumpf voller Klatsch, Tratsch und kleiner schmutziger Geheimnisse. Ich selbst bin der lebende Beweis dafür.

„Entschuldige, ich war abgelenkt“, murmle ich und stelle mir eine Schüssel mit Pommes auf mein Tablett. Die Schlange vor uns bewegt sich nur langsam und ich spüre, wie Garrett ungeduldig wird. Genervt blickt er zu unserem Stammtisch, an dem bereits Leah, Abby und Nick auf uns warten. Morgan und Anna stehen hinter uns in der Warteschlange, nur Simon sehe ich nicht. „Weißt du, wo Simon ist?“, frage ich Garrett. „Ist er krank?“

Ein bisschen Sorge mache ich mir schon, normalerweise sitzt er immer mit seinen Freunden an dem Tisch, wenn wir in die Cafeteria kommen.

„Ich weiß nicht so genau“, abwesend blickt auch er sich um. Dann erhellt sich sein Gesicht. „Da vorne sitzt er!“

Irritiert blicke ich zu dem Tisch auf den Garrett zeigt. In gebückter Haltung sitzt Simon an einem vollkommen leeren Tisch und schiebt seine Pommes von einer Seite auf die andere. Seine Augen starren leer auf seinen Teller und ich sehe sogar von hier, dass er Augenringe hat, als hätte er seit Tagen nicht mehr gut geschlafen. Ich runzle leicht die Stirn. Das sieht gar nicht gut aus. Leah, Nick und Abby beachten ihn nicht. Oder sie versuchen es wenigstens. Ob sich die vier gestritten haben? Das sähe ihnen gar nicht ähnlich. „Komm, gehen wir mal zu ihm“, meine ich zu Garrett. Er aber schüttelt den Kopf: „Das sieht irgendwie nicht nach etwas aus, in das ich gerne reingezogen werden will.“

„Ich gehe kurz zu ihm“, beschließe ich und verprügle mich innerlich für diese Idee. Normalerweise bin ich nicht so mutig, zu einem der süßesten Jungs meiner Stufe zu gehen, ohne Rückendeckung einer der anderen. Ich bin nicht gut darin, mich zu unterhalten. Zumindest nicht mit Leuten, die ich auf irgendeine Art und Weise anziehend finde. Und Simon finde ich mehr als nur anziehend.

Bevor Garrett und ich uns überhaupt weiterbewegen können, ertönt laute, dröhnende Musik im Saal. Alle Schüler fahren auf und ich kann auch Simon zusammenzucken sehen. Hektisch drehen sich die Jugendlichen in Richtung der Geräuschquelle. Als ich Tom und Marcus aus meiner Fußballmannschafft erblicke, kann ich nicht anders, als erstarrt stehen zu bleiben. Allein Marcus´ Kleidung verursacht ein schlechtes Gefühl in meiner Magengegend. Er ist angezogen, wie Ethan, der sich bereits letztes Jahr als schwul geoutet hat. Bestimmt wollen sie ihn nun mit einer ganz anderen Taktik demütigen. Es macht mich jedes Mal aufs Neue fertig zu wissen, dass sie sich mit mir nicht einmal in einer Umkleide umziehen wollen würden, sobald bekannt sein würde, dass ich ebenfalls schwul bin.

„Hey, Creekwood!“, ruft Tom.

Die beiden stellen die kleine Box, aus der die Musik erklingt auf einem der Tische ab und springen grölend auf die Platte, sodass auch jeder sie sehen kann. Allein an ihren Gesichtsausdrücken kann ich erkennen, dass sie sich gerade für die aller geilsten Typen des ganzen Universums halten und mit jeder Sekunde, die ich mir ihr Grinsen ansehen muss, wächst das ungute Gefühl in mir. Ich weiß, dass das, was folgen wird, nicht gut enden kann.

„Das ist nur für dich, Spier!“, verwirrt blicke ich zu Simon, der vollkommen überfordert auf die Szene starrt, die sich vor uns abspielt. Ich verstehe es immer noch nicht. Einige meiner Mitschüler sehen entsetzt und betroffen aus, die anderen kichern. Irgendetwas habe ich wohl verpasst. Scheinbar bin ich mal wieder nicht Up-To-Date. Wie sonst auch.

Als aber Tom anfängt, stöhnend seinen Hintern an Marcus zu reiben, der so tut, als würde er Tom auf den Arsch hauen, beginne ich langsam zu verstehen. Es scheint mir fast, als wäre ich vollkommen in einer Blase gefangen, von der aus ich das Geschehen absolut unbeteiligt beobachte. Obwohl sich alles in mir dagegen wehrt, beginne ich längst die Dinge in meinem Kopf zu kombinieren. Simon, der wütend auf die beiden zugeht und Ms Albright, die die mit Abstand beste Rede hält, die ich von einer Lehrerin jemals gehört habe, bekomme ich nur am Rande mit.

Was hat mir Jacques erzählt? Unfreiwillig vor dem ganzen Universum geoutet? Das kann doch nicht wahr sein. Simon ist Jacques. Es muss so sein. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Jungen an unserer Schule gleichzeitig ihr großes, vermutlich eher ungewolltes Coming-Out haben? Bewegungslos sah ich Simon zu, der nach Marcus´ und Tom´s Verschwinden, peinlich berührt zwischen den Tischen steht. Keiner sagt etwas, alle starren ihn an und Simon? Der setzt sich wieder auf seinen vorherigen Platz und versucht keinen anzusehen. Seine Schultern sind nach unten gesackt und ich kann seine Unsicherheit bis hier her spüren, während sich die Schüler langsam wieder ihren Dingen zuwenden.

Meinen Plan zu Simon zu gehen, ist vollkommen verdrängt. So schnell ich mit meinem vollbeladenen Tablett kann, laufe ich auf Nick zu. Mein Getränk wackelt, als ich die Sachen auf den Tisch knalle.

„Scheiße, Nick!“, ich fühle mich plötzlich vollkommen heiser. Es ist, als würde meine Stimme versagen. „Was war das? Was ist hier los?“

Abby mischt sich leise ein: „Hast du es nicht gesehen? Jemand hat ihn auf creeksecrets geoutet.“

„Er ist schwul?“

Abby nickt vorsichtig: „Ja.“

Ich reiße mein Handy aus meiner Hosentasche und öffne die Seite. Gleich das Erste, das ich sehe, scheint der Eintrag zu sein, von dem Abby gesprochen hatte. „Interessenten können mich direkt kontaktieren, um sich zum analen Arsch-Sex zu verabreden.“. Wer kann so etwas schreckliches bloß schreiben? Wie kann es jemand wagen, einen anderen zu outen? Auf so widerliche Art und Weise. Ich schmecke Säure in meinem Mund und muss mich zusammenreißen, um nicht auszuflippen.

Mein Herz setzt jedoch ein weiteres Mal aus, als ich die angehängten Bilder sehe. Bilder von unseren Mails. Jacques´ und meine Mails. Öffentlich! Jeder kann es sehen. Was ist, wenn mich jemand erkennt? Simon ist also Jacques. Simon. Simon. Simon. Simon says. Simon und Jacques. Jacques a dit. Das Spiel. Wie kann ich bloß nicht darauf gekommen sein? Er hat so viele kleine Hinweise gegeben.

In meinen Gedanken ist ein komplettes Chaos. Es ist fast, als würden alle Dinge, die Jacques… Als würden alle Dinge, die Simon mir jemals geschrieben hat, vor meinem geistigen Auge im Schnelldurchlauf auftauchen. So viele Gelegenheiten, um ihn zu erkennen und ich habe nur in meinem Zimmer gesessen und den Unbekannten durch den Computer hinweg angeschmachtet.

Ich hebe den Blick von dem Bildschirm zu Simon. Nun weiß ich also, wer der ominöse Fremde ist, mit dem ich seit Monaten schreibe. Und jetzt? Was soll ich mit der Information machen? Ihm etwa sagen, wer ich bin? Das kann ich nicht. Noch nicht. Aber bald.







Ich hoffe, euch hat mein OS gefallen. Über Rückmeldung freue ich mich immer!
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