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GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P12 / Gen
01.03.2019
28.02.2021
74
63.572
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Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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24.01.2020 1.125
 
10. Januar 2019, 18.13 Uhr, bei Sem

„Vielleicht muss ich meine Aura ändern“, philosophierte ich und streckte meine Hand nach dem Joint aus. Sem ignorierte diese deutliche Geste.
„Tara, du musst gar nichts ändern. Wenn du Leute nicht mit deiner inneren Stärke erschlägst, wird sich schon jemand finden.“
„Du merkst selber, dass das klingt, als müsste ich meine innere Stärke runterschrauben, oder?“
„Mega lustig, du redest ganz anders.“
„Was?“
„Da kommt so ein bisschen deine Berliner Redeart durch, du hast vorher anders geredet.“ Sem kicherte und ich fing an, mir einen eigenen Joint zu bauen. Wir hatten entschieden, heute mal wieder bekifft feiern zu gehen. Es war auch der erste Tag, an dem ich mich wieder wie ein Mensch fühlte. Und meine Bronchien merkte man beim Rauchen auch kaum noch. Beim Kiffen ein bisschen mehr. Aber ich brauch das jetzt, ich sterbe sonst an der sozialen Isolation und/ oder Jesús Kochkünsten. Außerdem saßen wir heute drin und machten mit dem Gras die ganze WG unbewohnbar. Und ich hatte Mütze und Schal für nachher und habe mir sogar Winterschuhe gekauft und sie imprägniert. Ich will nie wieder krank werden.

„Okay. Jedenfalls will ich mich nicht ändern.“
„Ja, das wäre doof. Bleib mal wie du bist.“
„Ich hab dich komplett verloren, oder?“
„Tara, du könntest Marsianisch reden.“
„Wie unwahrscheinlich ist es eigentlich, dass Aliens sich auch zufällig durch das seltsame Konstrukt namens Stimmlippen verständigen?“
„Naja, wenn sie damit Geräusche machen, haben sie vielleicht einen besseren Namen als Stimmlippen, aber falls sie sich mittels Geräuschen verständigen, ist es nicht unwahrscheinlich, dass sie durch die Verformung von Luft oder anderen Gasen Geräusche erzeugen und das ist dann ja prinzipiell das gleiche Prinzip.“
„Du kluger, kluger Junge.“
„Danke.“

„Semmi, ich muss wieder ein besserer Mensch werden.“ Ich war in meiner Isolation sehr selbstkritisch geworden.
„Ich find dich gut.“
„Aber ich mache nichts, außer feiern und reden.“
„Und das sehr gut. Auch im Joints bauen bist du dem Durchschnittsbürger weit voraus.“
„Ich war mal bei den Grünen engagiert. Eigentlich sogar zweimal, die nehmen mich immer wieder zurück. Und ich hab auch an der Uni immer Sachen gemacht.“
„Jo, das kannst du dann auch wieder machen, wenn du in Berlin bist. Hier ist das wahrscheinlich schwerer, zumal du hier kein so krass gezielt grün-engagiertes Umfeld hast. Und so oft, wie ich dich betrunkene Menschen auf der Straße einsammeln sehe, schlägt das Karma-Konto immer noch in deine Richtung aus.“
„Zu viele Worte am Stück.“

„Sorry“, jetzt gab er mir doch seinen Joint wieder, ich hatte jetzt in jeder Hand einen, „was für eine dumme Idee war es eigentlich, an einem Sonntag feiern zu gehen?“
„Ach, ich hätte mir morgen sowieso eingeredet noch krank zu sein.“
„Du und deine nonexistente Anwesenheit haben schon richtig Bock auf die Prüfungsphase, wa?“
„Ich hab doch einen fabulosen Lernpartner.“
„Vergiss es, ich werde dich da nicht durch schleppen.“
„Das wären Karma-Pluspunkte für dich.“
„Vielleicht gebe ich dir meine Notizen.“
„Das wäre ein Anfang. Aber wirklich erst in der Prüfungsphase, ich habe noch fast zwei Monate ohne Stress geplant.“
„Einen Monat, Tara. Einen Monat.“
„Oh.“ Sem lachte. Ich auch. Ein Monat nur noch und dann war schon das erste meiner zwei London-Semester um.

„Hm, was machst du in den Semesterferien?“
„Ski fahren. Vielleicht wieder ein bisschen Berlin. Meine Mutti wollte mich noch besuchen kommen. Und Sophie heiratet.“
„Wollen wir wegfahren? Emma fährt für eine Weile zu ihren Eltern und ich kann nicht besonders gut mit ihrer Familie.“
„Hä, mega Idee! Wieso bin ich da nicht drauf gekommen? Wir fahren auf jeden Fall zusammen weg, wir könnten eine Fahrradtour machen, ich bin nur einmal Fahrrad gefahren, seit ich hier bin.“
„Eine Fahrradtour?“ Er lachte. Ich gab ihm einen seiner Joints zurück. Mir war bewusst, dass das eine richtig dumme Kiffer-Idee war, aber mir war auch bewusst, dass ich sehr gerne Fahrrad fuhr.

„Ja. Das wird mega. Hat England viele Berge? Gibt es so Themen-Fahrradtouren?“
„Themen Fahrradtouren?“
„Ja. Sehen Sie alle krassen Steine in England. Mit dem Fahrrad.“
Sehen Sie alle steilen Trampelpfade. Mit dem Fahrrad.
Machen Sie diese komische Bartour, wo man zu dreizehn Bars muss. Mit dem Fahrrad.“
„Das klingt eigentlich gar nicht so schlecht“, wandte Sem ein.
„Ja, aber Sem, wir wollen ja keine Bartour innerhalb Londons machen.“
„Weißt du, wie das heißt? Das ist keine einfache Bar- oder Kneipentour, das ist ein Pubcrawl.“
„Oh mein Gott, ich liebe Großbritannien. Kommen wir mit dem Fahrrad bis nach Schottland? Oder Irland, wir könnten zu dem Bauernhof, auf dem ich gearbeitet habe.“
„Ich informier mich mal, bevor wir hier komplett high Hotels buchen, du Reiseenthusiastin.“

„Hotels? Wir fahren mit Fahrrad, wir schlafen dann doch nicht in Hotels, wir campen. Wie die drei ???, wenn sie irgendwohin fahren.“
„Die campen nicht.“
„Zu hoch gepokert, Sem. Ich habe früher tatsächlich die drei ??? gehört. Glaube mir, die campen.“
„Und wer ist das dritte „?“ ?“
„Wenn wir Emma mitnehmen, kann sie Justus sein. Also, weil sie klug und nur ein kleines bisschen nervig ist, dick ist sie wirklich nicht, Emma ist auf nerdige Art eine Schönheit. Und sehr gut organisiert. Aber ich bin ja eindeutig Peter, weil ich sportlich bin und surfen kann und manchmal Angst im Dunkeln habe und du hast eine Brille, deswegen bist du Bob.“
„Du bist manchmal eine schreckliche Freundin. Außerdem ist Emma raus, die ist bei ihrer Familie.“

„Ja, lass uns zu zweit fahren, das ist sowieso besser. Und Emma würde auch nicht mit mir wegfahren wollen. Funfact: Ich habe mit vierzehn entdeckt, dass es fanfictions über die Jungs gibt, in denen immer mindestens zwei schwul sind und es tut mir wirklich leid für Emma und Justus, aber das sind nun mal Peter und Bob, wir können unseren Justus in dem Szenario einfach zu Hause lassen.“
„Es gibt fanfictions über die drei??? ?“
„Jap.“
„Okay, aber lass uns bitte nicht die schwule Version von Peter und Bob spielen.“
„Bisexuell kommt auch vor.“
„Du bist viel zu tief im Thema drin. Wie wäre es, wenn wir kein romantisches Interesse aneinander haben und Justus ganz einfach und offensichtlich bei einem unserer riskanteren Fälle gestorben ist?“
„Düster, aber du kommst langsam in den Vibe. Warum hat es dich nicht mehr überrascht, dass es Fanfictions über die drei ??? gibt? Ich musste drei Tage lang immer lachen, egal worum es ging.“
„Weil ich mit einem Justus zusammen bin. Emma hat früher Star Wars Fanfictions geschrieben. Es gibt für alles und jeden eine fucking Fanfiction.“
„Emma ist soooo cool.“
„Ich weiß beim besten Willen nicht, ob du das ernst meinst.“ Ich grinste nur vielsagend und drückte meinen Joint in der leeren Teetasse aus.

„Lass uns feiern gehen, mein Lieber. Für einen ersten Urlaubsentwurf ist das ein sehr guter Start.“

Tja. So schnell kann es gehen.
Ich liebe mein Leben.
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