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GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P12 / Gen
01.03.2019
28.02.2021
74
63.572
1
Alle Kapitel
20 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
21.11.2019 1.193
 
Tagebucheintrag, 02. Januar 2019, 12.14 Uhr, Zug

Ich fahr schon wieder Zug, ich fahr auch eigentlich gerne Zug. Ich bin auch nicht viel Zug gefahren, also vor Dezember. Aber viel besser als so ein Zug ist die Ringbahn. Wenn sie denn mal wirklich fährt (wobei das bei Zügen auch öfter mal ein Problem ist). Weil man sich da einfach reinsetzen und ziemlich lange Runde um Runde fahren kann. Die Leute wechseln mit den Bezirken und Uhrzeiten und alles ist vertraut, wenn man nach draußen schaut, kommt keine Zugfahrtsmelancholie (die ja seltsame Gedanken irgendwie zu provozieren scheint), sondern Berlin-Feeling. Und es geht halt auch im Winter. Die Ringbahn wird mir fehlen, London hat keine Ringbahn. Und keine Henni und keinen Elias.

Auch alles andere gibt es nicht, die Clubs sind auch cool, aber ich kenne die Türsteher nicht und hab auch nicht die Kontakte, um mich irgendwo reinzuschummeln, wo ich nicht hingehöre. Das Tempelhofer Feld und meine alte Wohnung gibt es nicht (ich habe Elias und Henni instruiert, langsam Ausschau nach einer netten WG für mich zu halten, in einem halben Jahr bin ich wieder da). Döner fehlen mir auch, ich hab mich die letztem Tage von nichts anderem ernährt. Ich war im Privatclub, um zu schauen, mit wem die mich ersetzt haben und ob sie den wieder feuern, wenn ich zurückkomme (ich glaube Mia würde alles und jeden feuern, wenn ich das wollen würde, sie fehlt mir auch), ich habe Ronjas neue Freundin kennengelernt (weil die eine eifersüchtige Ziege ist, die nicht wollte, dass Ronja und ich uns ohne sie treffen), Dora ist schwanger, ich hoffe, dass das noch nicht der Startschuss für dieses Alter in dem alle schwanger werden und heiraten ist, weil so weit bin ich noch nicht – Sophie und Tobi. Der Crew vom Skiurlaub geht es gut, ich hab die an Silvester gesehen, ich freue mich schon richtig auf den Skiurlaub, das wird so eine kuriose Kombination. Und ich hab mich mit Franck getroffen – richtig komische Idee von mir, jetzt mit Marius zurück in meinen Gedanken hatte ich viel weniger Angst davor, Franck zu sehen. Und er war halt Silvester da und wir haben geredet und uns auf einen Kaffee getroffen, weil man im Winter mit Franck sonst nicht viele unverbindliche Dinge tun kann. Dem geht’s gut, er hat sich jemanden gesucht, der (um ganz ehrlich zu sein), tausendmal besser zu ihm und seinem Erwachsenen-Leben passt, so eine blonde Sekretärin, die auch einfach mal sieben Jahre älter als ich ist.

Eigentlich scheint es allen gut zu gehen und irgendwie gefällt es mir nicht so wirklich, dass Berlin einfach weitermacht, obwohl ich nicht da bin. Außer Henni und Elias, das sind die einzigen, die mir so doll fehlen, dass es weh tut (auch wenn zumindest bei mir und Henni ein bisschen Abstand wichtig zu sein scheint, damit wir uns wirklich wertschätzen können) und ich glaube ihnen auch, dass ich ihnen genauso fehle.

Witzige Sache übrigens: mein Silvestereintrag, weil ich mich nicht erinnern kann, den geschrieben zu haben.

Ich muss auch noch mal über Marius nachdenken. Ich habe Henni versprochen, dass ich ihn mal nach Berlin hole, wenn ich wieder da bin, damit ich ihr beweisen kann, dass wir beide wahre Liebe sind und er nicht bloß dachte, dass Sex mit mir mal wieder nett sein könnte. Drei Jahre hin oder her, die Beziehung von mir und Marius ist stehen geblieben. Aaaaber Henni und Elias haben mich zweifeln lassen (was ja eigentlich nicht für den wahre-Liebe-Quatsch spricht). Denn wäre er wirklich die wahre Liebe, dann hätten wir geschrieben oder würden jetzt schreiben und würden versuchen, uns zu treffen, anstatt bis zu Sophies Hochzeit (die sich ja von selbst versteht) zu warten. Wir würden versuchen, uns richtig zu treffen und zu schauen, ob wir uns auch außerhalb des Vergangenheits-Kontextes verstehen. Wobei wir ja nicht nur über die Vergangenheit geredet haben. Also auch, aber nicht nur. Er weiß von Henni und Elias, von Sem und François, von den lustigsten Partygeschichten und meiner Angst vor Vergangenheitsbegegnungen. Ich weiß, wie Australien war, wie es sich in Hamburg studiert und hab doch tatsächlich noch ein paar sinnlose Ansätze der Kommunikationswissenschaften gelernt (die in meinem Studium im ersten Semester auch mal angeschnitten wurden, aber da habe ich dann doch nicht zugehört). Und trotzdem trauen wir uns nicht, da mehr draus zu machen. Also ich zumindest nicht. Und egal wie verbunden ich mich mit Marius fühle, seine Gedanken kann ich nicht mehr lesen.

***

Tagebucheintrag, 02. Januar 2019, 17.51 Uhr, Brüssel

Ich hab den Hut vergessen! Ich weiß nicht wo, wie und wann. Er ist nicht da, ich hatte ihn im Zug nach Coburg noch und seitdem… keine Ahnung. Komplett blackout. Habe ich ihn da liegen lassen? Hatte ich ihn in Coburg noch? Habe ich ihn mit nach Nürnberg genommen? Nach Berlin hab ich ihn nicht mitgenommen.

Wie konnte ich den Hut vergessen?
Gott, ich könnte heulen.
Ich glaube, ich bekomme eine Panikattacke. So hab ich mich das letzte Mal gefühlt, als ich Elias einen Krankenwagen rufen musste.

Raus aus der Halle, ich würde gerne spazieren gehen, aber mit den blöden Pflanzen ist jeder Meter ein Kampf, gut, dass ich zumindest die Schlittschuhe bei Elias gelassen habe. Ich habe richtig Glück, dass er so einen großen Keller hat, da steht so viel Kram von mir. Okay. Nicht schreiben, rauchen gehen, Gedanken sortieren. Der Zug kommt erst in einer Stunde, da schaffe ich es bis nach draußen und wieder rein. Brüssel Midi hasse ich übrigens. Brüssel ist arg cool, aber mauer Bahnhof.

***

Tagebucheintrag, 02. Januar 2019, 22.08 Uhr, WG

Verrückt, wie vertraut es ist, wieder hier zu sein. Ich habe mit Jesús gegessen, angefangen alle Sachen auszupacken, überlegt, ob ich morgen zur Uni gehe (und wenn nicht, was ich mache, aber eigentlich will ich hingehen, weil Sem mir geschrieben hat, dass er definitiv hingeht, weil er kein Alibi-Student ist und ich mir den Kurs morgen sogar anrechnen lassen könnte).

Jedenfalls habe ich mich beruhigt. Mama hat den Hut, ich hab ihn im Zimmer liegen lassen, es ist alles gut. Und vielleicht hat mir meine kleine Panikattacke die Augen geöffnet. Das könnte ein Zeichen von ganz oben sein. Gott hat schon die letzten paar Monate nonstop die Augen verdreht, weil Elliott gar nicht für mich gedacht ist und hat dann entschieden, nee, die Alte muss einfach den Hut loswerden und mal wieder ficken, dann wird das schon so, wie es sein soll. Ich bin mir gerade nicht sicher, ob das zu Gott passt oder nicht, aber auf jeden Fall bin ich jetzt in der perfekten Situation, um Elliott zu vergessen. Schließlich habe ich ihn die letzten paar Tage vergessen. Also wirklich. Seit Marius habe ich kein einziges Mal an Elliott gedacht.

Ich suche mir einen netten Kerl, ich gehe nicht mehr in die Nähe des Nickle's und höre auf, Karaoke Bar über Karaoke Bar auszuprobieren. Vielleicht schmeiß ich die Fotos weg.

Ich weiß gar nicht, wie man sich nette Kerle sucht. Eigentlich tauchen die ja einfach auf und von meinen bisherigen Londoner Bekanntschaften würde ich mit niemandem in die Kiste springen. Geschweige denn eine tatsächliche Beziehung führen.
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