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GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P12 / Gen
01.03.2019
28.02.2021
74
63.572
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Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
1 Review
 
11.08.2019 948
 
Tagebucheintrag, 25. Dezember 2018, 01.33 Uhr, Coburg

Gerade ist alles so, wie es sein soll.

***

25. Dezember 2018, 06.24 Uhr, Coburg

Ich betrachtete Marius.
„Hey“, flüsterte ich und hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn. Er sah viel zu perfekt aus. Immer noch, nach all diesen Jahren, fühle ich mich, als wäre Marius zu gut für mich. Ich hatte eine schöne Zeit hier, ich wollte eigentlich aber auch schnellstmöglich wieder weg, bevor die Stimmung und diese Vergangenheitsillusion kippen kann, aber Marius hätte ich gerne mitgenommen. Er war irgendwie mein persönliches Weihnachtswunder. Ein Weihnachtswunder, dass sich jetzt unverschämt rote Augen wach rieb und mich unter chaotisch blonden Haaren dämlich angrinste. Ich glaube, ich brauche wirklich wieder eine Beziehung. Wenn das hier mir schon Herzflattern verursachen kann.

„Ich muss langsam los“, murmelte ich. Er schüttelte den Kopf und versuchte, mich wieder neben sich zu ziehen.
„Noch nicht, Tara, okay?“, brummte er.
„Doch, es ist fast halb sieben, Stefan steht spätestens um acht auf“, wehrte ich mich halbherzig.
„Haben wir überhaupt geschlafen?“
„Zweieinhalb Stunden.“ Wir schnitten beide eine Grimasse und er schaffte es, mich nach unten zu ziehen.
„Du siehst schön aus“, brummte er und schloss die Augen wieder. Kurz waren wir beide ruhig. Ich lauschte auf sein Atmen, versuchte mir das Gefühl von ihm neben mir in mein Gedächtnis einzubrennen, seinen Geruch, seine Wärme, sein alles.

„Hey“, flüsterte er jetzt, ich drehte mich zu ihm, wir sahen uns an und er lächelte. Und da war sie, meine kleine Unendlichkeit. Das Lächeln mit dem alles angefangen hatte. Damals. Frühjahr 2012.
„Tut mir Leid“, murmelte ich, strich mit den Fingern noch mal über den Bart (der war am neuesten, den musste ich mir am allermeisten einprägen) und gab ihn dann einen schnellen Kuss.
„Ich weiß, wir sind schlecht darin, aber lass uns das nicht vergessen“, sagte er und ich lächelte und küsste ihn noch einmal.
„Abgemacht.“
„Wir sehen uns ja jetzt auch keine drei Jahre nicht mehr, sondern spätestens zu Sophies und Bastis Hochzeit.“ Wieder dachte ich, dass das genauso gut unsere Hochzeit hätte sein können. Wenn wir andere Menschen wären. Es konnte eigentlich nicht unsere Hochzeit sein. Weil wir ja wir waren.

Marius stand auf. Ich kannte keinen anderen Menschen, der komplett nackt so gut aussah. Obwohl ich nicht weiß, ob er wirklich nackt gut aussah. Vielleicht war das nur meine Wahrnehmung. Er schlüpfte in eine Boxer. Ich setzte mich hin.
„Gehen wir zusammen hin?“, fragte ich und spielte nervös mit der Decke.
„Ich glaube, du bist die einzige Option.“
„Also ja?“
„Natürlich ja. Ich kann mir nichts schöneres vorstellen und wäre geehrt. Vorausgesetzt, du kommst nicht in ripped Jeans.“
„Kann ich nicht versprechen.“ Marius setzte sich neben mich und strich mir durch die Haare.
„Ich liebe dich“, sagte er und ich vergrub meinen Kopf in seiner Halsbeuge und zog ernsthaft in Erwägung, noch schnell ne Nummer zu schieben.
„Ich dich auch.“ Es war leicht das zu sagen. Also, ich war schnell mit „Ich liebe dich“, ich verstand das Drama darum nicht. Wenn es nun mal so war. Aber auch ich ließ mir zumindest ein paar Wochen Zeit. Im Regelfall.

Ich stand auf und nahm einen Pullover von ihm.
„Kann ich den anziehen?“ Er nickte. Unsere Blicke schweiften zu meinem Pullover vom Vorabend. Einem kleinen, schwarzen Rollkragenpulli, der jetzt wohl bei Marius bleiben würde.

Bei Marius war es wie bei mir. Das gleiche Zimmer wie mit achtzehn. Fotos von Zeiten, die unerreichbar weit weg schienen, als wären die Leute darauf vollkommen fremd. Und mitten in diesem vertrauten Zimmer, das einem ganz anderem gehörte, als diesem Marius, der in Boxer auf dem fremden Bett saß, stand genau wie bei mir ein einzelner Rucksack, um den sich jegliche Unordnung zentrierte. Ich zog mir den Pullover über den Kopf.

Und dann folgten noch ein paar Sekunden Unendlichkeit, bevor ich mich aus dem Haus schlich, wie zum letzten Mal im Sommer 2015. Obwohl das nicht stimmte. Das letzte Mal hatte ich mich gestern so aus dem Haus geschlichen, aber diese Endgültigkeit war die gleiche wie vor dreieinhalb Jahren.

Ich weinte und rauchte auf dem Nachhauseweg und Stefan stand erst um neun auf.

***

Tagebucheintrag, 25. Dezember 2018, 8.43 Uhr, Coburg

Können wir (wir, das sind du und ich, Marius), können wir außerhalb von Coburg existieren?
Ich kann es, ich hab in Irland, in Berlin und London, im Urlaub, auf der ganzen Welt habe ich existiert.
Und du auch.
In Neuseeland, in Hamburg, überall und immer hast du existiert.
Aber wir?
Außerhalb dieser Umgebung, die uns fester aneinander schweißt, als unser eigener Wille?
Außerhalb der Blicke, die nicht auf dich oder mich, sondern auf uns, auf dich und mich, schauen?
Ich weiß es nicht, wir haben es nie versucht.

Und weil ich es mit dir nicht versucht habe, weil ich dieses wir, dieses du und ich, nie versucht habe, habe ich es auch seitdem nicht versucht.

***

Tagebucheintrag, 25. Dezember 2018, 18.26 Uhr, Zug

Ist wahre Liebe bedingungslos?
Ist nur bedingungslose Liebe wahr?

Ich glaube, meine Liebe zu Marius ist bedingungslos.

***

Tagebucheintrag, 25. Dezember 2018, 18.41 Uhr, Zug

Was für einen Blödsinn ich doch manchmal auf dem Herzen haben. Marius, ohne Zweifel cooler Typ. Aber ich weiß auch, wie es mit Marius und mir weitergeht und ich weiß, dass es anders weitergehen würde, wenn wir uns wirklich lieben würden, also kann ich mir diese ganze Vergangenheitsmelancholie einfach sparen. Vielleicht such ich mir mal jemanden, mit dem ich wirklich was haben kann. So, gleiche Stadt. Das ist eigentlich alles, was ich an Ansprüchen habe. Dann explodiert mein Herz auch nicht, sobald ich mit irgendwem rumknutsche. So als These.
Ich red mit Henni und Elias drüber. Beziehungen der anderen kaputt reden können wir.
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