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GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P12 / Gen
01.03.2019
28.02.2021
74
63.572
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Dieses Kapitel
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21.07.2019 1.792
 
Tagebucheintrag, 20. Dezember 2018, 13.20 Uhr, Zug

„Bin ich froh, dass ich den Zug noch bekommen habe. Und meine Sitzplatzreservierung hat auch geklappt. Ach ja. Glück im Unglück gehabt. Was mache ich jetzt? Ich richte mich erst mal ein. So kann man sich ja gar nicht entspannen. Frankfurt, ich komme. So. Erstmal muss die Tasche noch nach oben... Moment, ich lasse mein Tablet und meine Zeitung lieber gleich draußen. Und mein Buch... ach nee. Erstmal nur Tablet und Zeitung.

Es ist schon praktisch, dass es immer diese Haken in der Bahn gibt. Da kommt meine Jacke hin. Ich bin deutsch, sagt meine Zeitung. Oh, sitzt mein Jackett noch? Das ist ja bei all dem Stress das wichtigste.

Verrückt, nicht wahr? Ich arbeite seit mittlerweile einem dreiviertel Jahr in Brüssel und trotzdem komme ich mit dem Verkehrsnetz nicht klar. Das müsste auch mal Europa-weit geklärt werden. Wie das mit dem öffentlichen Nahverkehr geregelt werden könnte. Wie wäre es zum Beispiel mit überall gültigen Schülerausweisen? Ach nee, Schüler reisen ja nicht. Höchstens mit den Eltern. Aber... eigentlich haben wir mit dem Zoll schon ganz sinnvolle Bestimmungen. Ich bin ja froh, dass ich nicht durch die Schweiz fahren muss. Diese blöden Sturköpfe. Wobei jetzt ja noch der Brexit ansteht, durch England sollte ich wohl auch nicht mehr fahren. Sind die ja selber Schuld. Ich bin deutsch und arbeite ganz fancy in Brüssel, das muss man sich mal vorstellen. Ich kann mit meinem Ausweis munter hin und herfahren und alle anderen Länder auslachen.

Meine Beine sind viel zu lang. Immerhin bin ich aus dem Alter raus, wo ich mir nur den Bus leisten konnte. Jetzt fahre ich Bahn. Mit Platzreservierung. Ich bin genau da, wo ich immer hinwollte. Also so gesellschaftlich betrachtet, ich wollte nicht schon immer mal in einem Zug sitzen, das wäre ein sehr unspektakuläres Lebensziel.

Sommersprossen. Das Mädchen mir gegenüber hat Sommersprossen, aber ich will sie ja nicht so aufdringlich anstarren, wie sie mich anstarrt - die Jugend von heutzutage, obwohl, zählt sie noch zur Jugend? Wo sind da die konkreten Altersgrenzen? - jedenfalls Zeitung. Oder? Ist mein Koffer auch verstaut? Kommt hier eigentlich wer mit Kaffee vorbei? So ein umweltsündiger Coffe-To-Go (oder Coffee-To-Sit, wir sind ja im Zug) würde mir jetzt entgegen kommen. So, was passiert denn so alles in der Welt? Hm. Hm. Vielleicht lieber gleich der Sportteil? Oh, eigentlich kann ich mich gar nicht konzentrieren. Sind wir schon losgefahren? Natürlich, ich habe ja eine ganze Weile gebraucht, um mich hier häuslich (züglich?) einzurichten. Ja. Felder, Felder, Felder. Oh, sogar ein paar Windräder - da war auch wieder jemand ganz kreativ in der Namensfindung, Windräder, was ist das denn für eine Bezeichnung?

Nun ja, es ist Weihnachtszeit, eigentlich schade, dass die Züge keine Weihnachtsdeko haben, das würde uns doch hier alles viel mehr in die Weihnachtsstimmung bringen. Überhaupt, wo steht mir denn der Kopf? Ich fahre nach Hause, zu der Familie, da sollte ich nicht über Sommersprossen oder Windräder nachdenken. Ich sollte mich besinnen, angesichts des christlichen Festes.

Jesus wurde geboren. Eigentlich kurios, wie viel man über Jesus weiß und wie sehr das Christentum all das entgegen jeglicher historischer Ansätze verklärt. Und was ist denn so besonders daran geboren zu sein? Ostern ist Jesus auferstanden, müsste das nicht das spektakulärere Fest sein? Vielleicht kriegen meine Kinder zu Ostern ab jetzt mehr Geschenke. Oh, da waren meine Beine zu lang, jetzt habe ich das Mädchen aus Versehen am Fuß berührt. Soll ich mich entschuldigen? Ach, sie entschuldigt sich ja auch nicht, ich tue einfach so, als würde ich wieder Zeitung lesen.

Was hat sie eigentlich für einen komischen Hut auf?
Nein, ich tue so, als würde ich Zeitung lesen. Nicht hochschauen. Nicht unhöflich sein. Nicht auffallen. Zeitung lesen. So funktioniert mein Leben."

*ich, mal wieder high, weil ich das mit dem Nachhause fahren wohl nicht in vollem Bewusstsein machen wollte, beschreibe das Innenleben meines Gegenübers (Anm. des Hg.: Letzteres wurde eindeutig nachträglich dazugeschrieben)

***

Tagebucheintrag, 20. Dezember 2018, 17.57 Uhr, Zug

Das neue AnnenMayKantereit Album ist draußen und ich gebe einen Scheiß auf AnnenMayKantereit und das Album ist auch irgendwie schon seit zwei Wochen draußen, wie Henni mir damals mitteilte, aber ich höre gerade lieber englischen Indiepop oder Musik mit ein bisschen Energie (dann aber auch auf deutsch). Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich das letzte Mal wie AnnenMayKantereit hören gefühlt habe (ich kann mich nicht erinnern, weil der Moment bis dato noch nicht existiert hat). Aber gerade schon. Und Schlagschatten hat wieder mal einen unfassbar albernen Text, aber er trifft's halt auch. Diese beschissene Zugfahrtmelancholie, alles an sich vorbeiziehen zu sehen, unkontrolliert und völlig skurril zu denken und zu beobachten.

Immer das gleiche. Bahnhöfe variieren höchstens in der Größe, alle Leute haben ein Ziel, man fährt irgendwas entgegen. Oder vor irgendetwas weg oder (in meinem Fall) beides. Man ist nicht mal nur traurig, das ist einfach diese Rastlosigkeit, die man im Auto, auf Roadtrips etc. vermeiden kann, aber nicht auf ellenlangen Zugfahrten, auf denen man mit einem Mal zum ersten Mal in seinem Leben AnnenMayKantereit gut findet. Und ich hab auch Pech mit meinen Nachbarn, die sind richtig langweilig, nichts zum tratschen, nicht mal, um so'n nettes Lächeln zu wechseln.

„Coburg? Oh, mit der schönen Altstadt?“
„Ja, ich komme daher. Ich fahre über Weihnachten meine Familie besuchen.“
„Oh, das ist aber schön, ich fahre dieses Jahr zu meinen Kindern, das waren Zeiten, als die noch zu mir gefahren sind. Aber das ist in Ordnung, nicht wahr Herzchen, die haben ja jetzt auch Kinder, da ist das schon einfacher, wenn ich zu ihr fahre, zu Annegret, meiner ältesten, die wohnt in Ulm, wunderschönes Haus.“

Ich gebe zu, ich habe eine ziemlich klare Vorstellung von der Art Mensch, die jetzt gerade neben mir sitzen sollte.

Alles zieht an mir vorbei. Zugfahrten im Zeitraffer müssen spektakulär sein. Das Treiben im Wagon, das Treiben an den Bahnhöfen. Das Treiben in meinem Kopf.

***

20. Dezember 2018, 23.12 Uhr, Zug

„Alles in Ordnung?" Der Junge vor mir sah mich an. Er war jünger als ich. 16 vielleicht. Aber natürlich cool die Zigarette hinterm Ohr. Ich hatte besser ausgesehen, aber vor fünf Jahren hatte ich genauso im Zug gesessen. In den Achtzigern hätten wir beide wohl auch einen Ghettoblaster auf der Schulter gehabt. Ich blinzelte die Tränen weg und versuchte, meinen Atem zu beruhigen. Noch drei Stationen. Ich kannte die Strecke, die viel zu schnell an den Fenstern vorbeizog viel zu gut. Und umso näher wir dem Ziel kam, umso sprunghafter und nervös gereizter wurde ich.
„Alles in Ordnung", antwortete ich tonlos und kramte fahrig den Tabak hervor.

Coburg. Wir waren fast da. Und ich fühlte mich mit jeder Sekunde unwohler und musste jetzt anfangen, gute Miene zu bösen Spiel zu machen. Mama sollte vielleicht nicht mitkriegen, dass die Heimkehr mir mehr Kopfschmerzen bereitete als alle meine Trennungen zusammen.
Ich habe viele schöne Erinnerungen, eigentlich nur schöne Erinnerungen, aber ich habe Coburg trotzdem gehasst. Ich habe ein paar Leute wiedergesehen. Basti und Sophie, Biene, Luisa und der Rest der Partyclique. Aber schon da habe ich festgestellt, dass ich mit dieser Dorfmentalität (Kleinstadtmentalität) nichts mehr anfangen konnte. Ich konnte eigentlich nie was damit anfangen. Aber es war ja unfair, mich einfach so aus Coburg zu löschen. Das ging auch gar nicht. Mama wohnte da, mit Stefan. Und Oma und Opa. Und Anette und alle. Ich hab den größten Teil meines Lebens in Coburg verbracht. Es tut gar nichts zur Sache, dass ich seit 2016 nicht mehr dagewesen bin. Aber es fühlte sich an, wie eine Niederlage über zwei Jahre später zurückzukommen. So zu tun, als hätte ich mich nie aus dem Staub gemacht, als hätte ich nicht versucht, Coburg hinter mir zu lassen.

Aber das habe ich alles schon gedacht, das habe ich alles schon geschrieben. Wenn es um Coburg geht, fühle ich mich wie eine Platte, die einen Sprung hat. Und ehrlich gesagt, kein Plan, wo diese innere Unruhe herkam.

Wer würde mich erkennen? Wer würde fragen, wo ich die letzten Jahre gewesen bin? Würde es überhaupt auffallen, dass ich die letzten Weihnachten nicht da gewesen bin? Oder war ich nur eine von vielen Abiturienten, die einfach zum Studieren verschwanden - ob man jetzt alle drei Monate oder alle drei Jahre zu Besuch kam, wen interessierte das schon?

Ich sah den Jungen an. Er war von dem Vierer neben mir gekommen. Das war eigentlich wirklich süß. Seine Freunde machten Witze. Er sah mich nach wie vor an. Ich hob meinen Blick von dem Tabak. Erwartungsvoll grinste er mich an.

„Wir kennen uns, richtig?", fragte ich mit einem Seufzen. Wer würde mich erkennen? Scheiß-Kleinstadt. Ich war noch nicht mal angekommen und schon kannte mich jemand. Ich war drauf und dran, an der nächsten Station auszusteigen. Das wäre Hammer. So anonym und mysteriös in einem Hotel absteigen, abends in Bademantel mit Kippe auf dem Balkon stehen und sich dann mit einem mysteriösen Typen à la Steppenwolf einlassen. Bisschen mit Harry Haller trippen und sich selber verlieren. Gott, ich übertreibe. Ich fahre nach Hause, nicht in ein Kriegsgebiet und mit Harry Haller trippen und sich selbst verlieren, wäre vermutlich auch eher mau.

„Naja", sagte er und druckste herum. Sein Lächeln war wieder verschwunden. Er wollte jetzt wirklich auch wiedererkannt werden, sonst brauchte er gar nicht zurück zu seinen Freunden. Meine Panik verflog. Fürs Erste zumindest. Ich kannte das Herumgedruckse.
„Der Stofferl", sagte ich und spürte quasi, wie die Glühbirne über meinem Kopf zu leuchten anfing. Und: „Kneif, mich mal bitte." Er kniff mich nicht. Christoph, Stofferl, wie ich in liebevoll nannte, war mein Nachbar gewesen. Ich hatte ihm Nachhilfe gegeben, ihn gebabysittet und mich sehr großzügig bezahlen lassen. Vor zwei Jahren, die mir wie Jahrhunderte vorkamen (und ihm vermutlich noch länger). Stofferl kam einem kleinen Bruder näher als alle anderen (und viel näher, als meinen Stiefgeschwistern). Aber als ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, war er noch 13 und mitten in der Pubertät gewesen. Was hatte ich ihn immer provoziert.

„Ich hab dich nicht erkannt", sagte ich und spürte mich auftauen. Die anderen Jungs waren ganz ruhig geworden. Tja, der Stofferl, der kannte mich wohl tatsächlich und offenbar sah ich aus wie jemand, den man kennen wollte. Vermutlich hatte ich die anderen Jungs auch schon mal gesehen. Nur halt kleiner und mit braveren Frisuren. Und ohne Kippen.
Stofferl fuhr sich sichtlich geschmeichelt durch die inzwischen lächerlich hochgestylten Haare. Zugegeben, meine Wiedererkennungsschwierigkeiten hatten ihre Ursache vielleicht eher in Pickeln, Größe und Stimmtiefe, als in den Haaren, aber wenn es ihm so besser ging.
„Du bist jetzt größer als ich", redete ich weiter und versuchte das Gefühl abzuschütteln, dass das hier irgendwie ganz schrecklich werden würde. Der Hut lag neben mir.
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