Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Die Suche

Kurzbeschreibung
GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P12 / Gen
01.03.2019
28.02.2021
74
63.572
1
Alle Kapitel
20 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
13.03.2019 2.077
 
14. Oktober 2018, ungefähr 21 Uhr, im Nickle's

"Wie du gehst?" Entrüstet sah ich meine beste Freundin an. Sie errötete (also nicht wirklich, aber vermutlich/ hoffentlich gedanklich) und nickte pseudo-beschämt in die Richtung eines großen Kerls mit einfallslosem Dreitagebart, der an der Tür stand und auf sie zu warten schien. Ich schnaubte. Henni war in London, um mich zu besuchen, nicht um am dritten Abend nach einer Dreiviertelstunde mit einem x-beliebigen Hipster abzuhauen. Genau die gleiche Ausgabe Typ hatte ich dreimal in meinem Studiengang und jeden Morgen fünfmal in der U-Bahn. Also in Berlin. In London war ich noch nicht lang genug, um zu wissen, wer der Leute im Underground da täglich mit mir rumsaß. Und das Studium an sich würde auch erst morgen beginnen.
Ich sollte jetzt nicht feiern sein. Andererseits wurde ich ständig eingeladen und ablehnen wäre ja unhöflich. Und langweilig. Nicht zu vergessen, dass die Hälfte der Leute hier morgen auch zur Uni musste. Eigentlich sogar alle. Außer Henni halt.

"Wäre der nicht was für dich?", fragte Henni und ich machte den Fehler, erst ihrem ausgestrecktem Finger zu folgen und dann zu einer Moralpredigt ansetzen zu wollen. Leider deutete ihr Finger auf ein durchaus ansehnliches Individuum. Ich musterte den Kerl von oben bis unten.
"Überhaupt nicht", konnte ich gerade noch rufen, bevor Henni mit ihrem doofen Engländer verschwand. Ich seufzte und ging zurück zu unserem Tisch. Also zu dem Tisch mit meinen neuen Kommilitonen. Er war entsetzlich international. Ich wollte schönes british english hören und nicht mit anderen Ausländern rumhängen, die natürlich eher akzentreich sprachen.

Nachdem ich mich gerade so viel am Gespräch beteiligt hatte, dass ich nicht eingeschnappt wirkte, malte ich mit einem Finger einen Smiley auf mein Bierglas. Das half immer.
Wie machte Henni das eigentlich, dass sie nach einer drei viertel Stunde mit Typen nach Hause gehen konnte? Was hatte sie denn so Tolles an sich? Oder war sie einfach nur anspruchslos und leicht zu haben?
Ich lächelte, ohne auch nur im Ansatz ein schlechtes Gewissen zu haben (Hennis und meine Freundschaft ist echt seltsam geworden) und drehte mich zur Seite, um noch einmal den Typen anzuschauen, den Henni mir vorgeschlagen hatte. Schließlich hatte er dieses unausstehlich breite, ehrliche Lächeln gehabt, auf das ich nicht ein, sondern schon genau fünfmal hereingefallen war.

Ich wurde abgelenkt. Von einer Aufschrift auf der Tafel über der Bar."Shot-Bachelor - 10 Pounds, 10 Cocktails and a certificate".
"Guys, we can do a shot bachelor here!", rief ich ungläubig und komplett triebgesteuert - wie in allen tragischen Momenten meines Lebens also.
"You're way too drunk, sweetheart", warf die Klischee-Schwuchtel (Benny, netter Typ) der Gruppe lachend ein und sprach damit genau das aus, was alle dachten. Das war einer der Sätze, wie mein Gehirn sie in meinem derzeitigen Zustand am liebsten hörte. Sofort stolperte ich begeistert (und nicht sehr elegant) zur Bar und rempelte dabei (wie sollte es anders sein) das breite, ehrliche Lächeln an.

"Sorry", sagte er.
"Ah, my bad", winkte ich ab, "sorry." Ich realisierte gar nicht, dass es der als schon attraktiv eingestufte Typ war. So funktioniere ich. Deshalb bin ich auch nicht nachtragend. Ein Goldfisch würde meine Aufmerksamkeitsspanne belächeln. Hätte mich in dem Moment jemand gefragt, warum Henni nicht mehr in der Bar war, hätte ich nur sehr irritiert mit den Achseln gezuckt. Ich beugte mich zum Barkeeper.

"I'd love to do the shot-bachelor", grinste ich mit kaum unterdrückter Vorfreude.
"Sure", sagte der Barkeeper und zuckte mit den Schultern. Ihm fehlte mein Enthusiasmus. Ich finde, Barkeeper sollten generell enthusiastischer sein. Meine Stammbar in Berlin war selbst für Berlin sehr teuer und nicht sehr alternativ gewesen, aber der Barkeeper war der witzigste Mensch der Welt.
"Shot-bachelor? That sounds fun?", ertönte es von neben mir. Ertappt drehte ich mich um und starrte in das breite, ehrliche Lächeln, dem ich vor wenigen Sekunden meine Schulter in die Seite gerammt hatte.

"Wanna join me?", platzte es sofort aus mir heraus. Ich fühlte mich immer, als würde ich das lächerlichste, übertriebenste American English sprechen, zu meiner Erleichterung war mir allerdings auf meine sehr unauffälligen und keineswegs penetranten Nachfragen mehrmals versichert worden, dass ich British English mit einem unmöglich zuzuordnenden Akzent sprach. Ich hatte einfach entschieden, diesen Personen zu glauben.
"Sure." Ich machte einen auf Honigkuchenpferd, er drehte seinen Barhocker um neunzig Grad und schaute mich jetzt direkt an. Schöne Augen. Ich schaute weg. Der Blickkontakt hatte einen Augenblick zu lang gedauert.
"Twice, please", verkündete ich dem Barkeeper und gab ihm meinen 20-pounds Schein. Kommentarlos begann er, Gläser vor uns aufzureihen und zu befüllen. Mir war jetzt schon schlecht. Auf positive Weise. Mir war vor Vorfreude schlecht. Dieser Abend konnte nur gut werden.

"You're paying for me?", fragte mein neuer Freund spöttisch. Ich lenkte meine Aufmerksamkeit zu dem Lächeln neben mir und mein Bauch machte einen kleinen Salto. Wirklich, wirklich hübsch. Und Franck hatte mich noch ausgelacht, als ich ihm gesagt hatte, es gäbe hundert Kerle wie ihn.
"I'm trying to make up for all the girls who profit from the guys by never paying a drink. It's my mission in life." Er runzelte die Stirn und schien sich zu fragen, ob ich lustig oder krass feministisch oder beides war.
"Maybe not my mission in life, but I enjoy, if someone's buying me a drink, so I guess guys would enjoy it as well", erläuterte ich mit meinem üblichen angenehm-angetrunkenen Wortschwall und bemerkte erleichtert, wie das Lächeln in sein Gesicht zurückkehrte. Obwohl das Stirnrunzeln ihn noch jünger hatte erscheinen lassen.

"That's actually quite cool", entschied er, "feels a bit weird though. I'll have to invite you for a few drinks afterwards, but I appreciate the gesture." Seine Stimme klang jung. Also nicht, dass er uralt war, aber vom Aussehen hatte ich ihn auf so 25 geschätzt, die Stimme machte ihn... 16?

Vielleicht ein bisschen mehr Infos zu ihm. Ich bin nicht gut im Menschen beschreiben - ob ich sie attraktiv oder nicht finde, liegt an Lächeln, Gesicht und Körperbau. In der Reihenfolge. Meistens realisiere ich das aber gar nicht, weil mein Gehirn sofort entscheidet, ob ich die Person attraktiv finde oder nicht. Ich habe es sehr selten, dass ich Menschen erst dann attraktiv finde, wenn ich sie besser kennenlerne. Ich kann sie trotzdem nett finden, aber die Attraktivitätsfrage entscheidet sich innerhalb von drei Sekunden. Ja, ich bin oberflächlich. Jedenfalls werte ich das Aussehen attraktiver Menschen selten aus. Wozu auch? Sie sind halt heiß.

Aber zurück zu meinem Shot-Bachelor-Kommilitonen. Er war ein Stück größer als ich, also irgendwas zwischen 1,70m und 1,80m. Er hatte einen Hut mit breiter Krempe auf, aber seine Haare schienen hellbraun zu sein (siehe Dreitagebart). Braune Augen. Kantiges, strenges Gesicht (mit toll definierten Wangenknochen), das unglaublich freundlich und herzerwärmend wurde, wenn das breite, ehrliche Lächeln erschien (Lachfalten!), und unglaublich jung, wenn er die Stirn runzelte. Eher stämmig als dünn und laut den Armen recht durchtrainiert. Auf den zweiten und genaueren Blick war er also fast noch attraktiver.

"There you go, guys." Der Barkeeper stand mit verschränkten Armen und einem Hauch von Spott im Gesicht vor uns. Das war die erste richtige Gefühlsregung von ihm. Ich zwinkerte meinem Trink-Buddy zu.
"Cheers", sagte ich und prostete ihm zu. Er hob ebenfalls den ersten Shot.
"Lechyd da!", sagte er und ich hörte einen seiner Freunde lachen.

Und dann kippten wir Shot um Shot wunderbar synchron und um ehrlich zu sein, fangen ab da meine Gedächtnislücken an. Rekapitulieren wir.

Ich erinnere mich, dass ich sagte: "Well, I don't feelthatdrunk" und er mich ausgelacht hat.
...
Ich bin fest davon überzeugt, dass ich kurz darauf wieder bei meinen echten Kommilitonen saßund Benny irgendwelche Witze gemacht hat. Ich bin mir generell ziemlich sicher, dass ich einen großen Teil des Abends von verschiedensten Menschen an- oder ausgelacht wurde.
...
Irgendwann bin ich dann draußen gewesen, um zu rauchen, weil ich immer rauche, wenn ich betrunken bin und dementsprechend seit meiner Ankunft in London sehr viel rauche.
...
Meine nächste Erinnerung ist das breite Grinsen, auf das ich mich nicht konzentrieren kann, weil sein Hut fehlt. Wir suchen seinen Hut, finden ihn auf meinem Kopf.
...
Dann ist da eine große Lücke, die sich durch eine schwammige Erinnerung an eine Masse von leeren Biergläsern erklären lässt. Und auf einmal kenne ich niemanden mehr und komme nur unter Einsatz der weniger betrunkenen Freunde meines neuen Freundes mit in die Karaoke Bar rein. Gleiches gilt für ihn. Wir sind also wohl doch beide betrunken (siehe 10 Shots, mindestens sechs Bier und meine Gedächtnislücken).
...
Wir singen "Don't go breaking my heart" von Elton und ich muss schockiert abbrechen, weil der Typ gut singt. Zumindest, wenn man die Umstände berücksichtigt. Stehen konnte er auch nicht viel besser als ich.
...
Wir stoßen an, er bezahlt unter großem Applaus für mich mit.
...
Wir scheitern an Eminem und er hält mich an der Schulter fest, weil er glaubt, ich würde sonst von der Bühne fallen.
...
Dann stehen wir auf der Straße und rauchen wieder. Ich versuche, ihn zu überreden, "Singing in the rain" für mich zu singen, falle aber hin. Beim Reden. Es ist nicht so, als hätte ich versucht zu laufen. Meine Beine sind einfach beim Stehen verschwunden.
...
Ich laufe neben ihm her und versuche, das Wort "Leberfleck" zu umschreiben, weil er einen Leberfleck in der Halsbeuge hat.Mole.
...
Ich bin bei irgendwem zu Hause und bilde die Spitze einer äußerst wackeligen Menschenpyramide. Ich falle nicht runter, aber die Pyramide bricht trotzdem zusammen.
...
Selbe Wohnung. Ich spiele zum ersten Mal Kings Cup mit Engländern und finde es sehr lustig. Ich führe die Regel ein, immer wenn man dran ist, den linken Nebenmann auf die Wange zu küssen. Ich habe eine Links-rechts-Schwäche (auch im nüchternen Zustand) und darf nicht dem Lächeln, sondern einen Kumpel von ihm Küsschen geben. Ich bin panisch, weil ich nicht weiß, was er darüber denkt.
...
Nach wie vor die Wohnung. Ein Typ, der zum ersten Mal in den Erinnerungen auftaucht, steht vor mir und sagt: "Most certainly, my fair lady."

Und das war's mit meinen Erinnerungen an diesen Abend. Was ein bisschen schade ist, schließlich sind alle sehr positiv und deuten auf eine abenteuerliche Nacht hin. Und das ist meine Lieblingsart von Nächten.

Als ich aufwachte, lag ich mit Schuhen und dem ganzen Drum und Dran auf meinem Bett. Mit krassem Kater und keiner Ahnung, wie und wann ich nach Hause gekommen bin, meine letzte Vorlesung für heute war allerdings schon fast vorbei (heute wäre der erste Tag gewesen und ich war noch nie so froh, bei der Einführungswoche gewesen zu sein und mich mit vorbildlicheren Studenten angefreundet zu haben) und dementsprechend würde auch meine Lieblingsmitbewohnerin demnächst wieder da sein, um mir meine Verfehlungen aufzuzählen. Sie ist sehr spießig, aber ich arbeitete schon daran, sie zu verderben und langsam schien sie ein Interesse an meinem Lebensstil zu entwickeln.

Sehr langsam (ich habe großen Respekt vor Katerkopfschmerzen) stand ich auf, taumelte in die Küche und exte zwei Gläser Wasser. Dann nahm ichÄpfel, Toastbrot und Nutella und ging zurück in mein Zimmer. Sollte die strebsame Alexa nach Hause kommen, musste sie ja nicht direkt meine ganze Schande sehen.

Im Zimmer lag der Hut von meinem offiziellen Lieblingslächeln und ein Zertifikat mit der Aufschrift "Congratulations on passing your Shot Bachelor, Elliott!"und einer Auflistung der zehn Shots. Ich grinste.Elliott also. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich dem heimlichen Leser meines Tagebuchs einiges an Umschreibungen ersparen können.

Ich setze Elliotts Hut auf und drehte mich zum Spiegel. Ich sah grauenvoll aus. Also nicht wegen des Huts. Auch nicht unbedingt wegen der Augenringe, die sind momentan Alltag. Meine Haare waren pures Chaos, ich hatte einen sehr auffälligen blauen Fleck auf der Stirn, Mascara überall außer auf den Wimpern und einen der Pickel, die ich hegte und pflegte, aufgekratzt, damit er sich in einen roten Schorfkrater verwandeln konnte.

Ich seufzte und zwang mir ein Toastbrot herunter. Zehn Minuten später kotzte ich es wieder aus. Dann zog ich mich aus und legte ich mich wieder ins Bett.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast