Mutter Theresa

GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
Chris "The Lord" Harms Class Grenayde Gared Dirge OC (Own Character)
26.02.2019
25.04.2019
41
100250
5
Alle Kapitel
88 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
Ohhh ein zweites Sternchen. Dafür danke ich ganz ganz doll, genauso für die immer wieder so lieben Reviews. Ihr seid echt klasse, da macht das Schreiben doppelt Spaß.

Gerne könnt Ihr mir auch unter diesem Kapitel wieder Eure Meinungen hinterlassen. Liebe Grüße und ein ruhiges Wochenende!

---------------------------

Tradition

Eben habe ich mich noch gewehrt,jetzt liege ich vollkommen ruhig da, teilnahmslos. Mir ist alles egal. Chris zieht scharf die Luft ein, als er das Handgelenk sieht. Timo hat sich besser unter Kontrolle. Aber das nehme ich alles nur am Rande wahr. Ich bin in diesem Moment wieder 16 Jahre jung.

Vorsichtig steigt Chris von mir herunter, hält nur noch meine andere Hand – die Linke – fest umschlossen. Kaum ist das Gewicht von mir verschwunden, krümme ich mich und ziehe die Knie an. Immer noch hält Timo mein rechtes Handgelenk fest, fährt mit seinen Fingern sanft über die alte, relativ dicke Narbe. Sie verläuft etwa 10 Zentimeter an der Ader entlang. „Sie... ist Rechtshänderin!“ stellt Chris fest. Das Nicken von Timo bemerke ich nicht. Ich wurde damals rechtzeitig gefunden, aber die Narbe verheilte schlecht. Endlich ist meine rechte Hand frei. Automatisch, instinktiv will ich sie unter meinem Körper verstecken. Chris zieht mich jedoch hoch, mit kräftigem Griff. Bis ich sitze, dann schließt er mich in seine Arme. Immer noch apathisch hänge ich in seinem Griff. Behutsam wiegt er mich und sich hin und her, langsam. Leise beginnt er dabei zu singen:

„Fragile hands laying in mine
hollow eyes too weak to shine
the color of love is red
what if you are colorblind?
Chorus:
What is heaven for?
What is life meant to be?
What is heaven for?
Is it a prison where you can't break free?
Dawn is opening my eyes
I'm still dreaming in disguise
All the stories have been told
There's nothing left to touch a heart...“  

Seine Bewegungen, sein Singen helfen mir. Ich spüre, wie ich aus meiner apathischen inneren Haltung gezogen werde, mich etwas berührt. Mein Inneres berührt. Unauffällig drehe ich meinen Kopf ein wenig, so dass mein Gesicht in seiner Halsbeuge liegt. Tief atme ich seinen Geruch ein. Erst, als ich mir sicher bin, dass ich wieder ganz im Hier bin und auch meine Gefühle unter Kontrolle habe, löse ich mich von ihm. Er gibt sofort nach, lässt mich los. Ruckartig stehe ich mich auf, reiße dem Möchte-gern-Psychologen die Ledermanschette aus der Hand. Fahrig streife ich sie über mein Handgelenk und verschnüre sie. So eng wie immer. Die nächste Bewegung meinerseits ist der Griff nach meinem Handy. Ein-zwei Klicks, dann habe ich die gesuchte Rufnummer, wähle sofort. Das Headset ist schnell wieder eingestöpselt, zum Glück begleitet es mich immer. „Rede mit mir!“ verlange ich, ohne Gruß, von meinem Gesprächspartner. Meine Stimme klingt gepresst, angespannt, aber auch verzweifelt. Fred kennt mich lange genug, er fragt nicht. Er beginnt zu reden. Voll auf die Stimme meines alten Freundes konzentriert, der mir soeben ausführlich erklärt, wie er das Ölproblem meines Autos beseitigen wird, gehe ich zur Tür. Die beiden Männer ignoriere ich, als ich den Raum verlasse.

An meinen Gefühlen zu Chris hat sich nichts geändert. Trotzdem muss ich aus der Situation heraus. Aus dem Studio. Draußen, an der frischen Luft, atme ich mehrmals tief durch. Mitten im Satz unterbreche ich Fred. „Danke, alter Freund!“ „Immer gerne. Und jetzt erzähle, was passiert ist.“ Ausführlich schildere ich die Vorkommnisse. Der LKW-Fahrer hört mir aufmerksam zu. Auch, als ich Schritte hinter mir höre, vertrauten Geruch wahrnehme, rede ich weiter. Zaghaft legt sich eine Hand auf meine Schulter. Instinktiv lehne ich mich an Chris an, während ich meine Schilderung beende. „Übel!“ meint Fred, „beim nächsten SaMo-Konzert bin ich bei! Der Typ kann was erleben! Nachdem ich mit Chris geredet habe! Geht's Dir besser, Mädel?“ „Erinnere mich daran, in Zukunft nur noch mit der Karre unterwegs zu sein!“ jammere ich. In dieser Situation hätte ich mich auf das Motorrad gesetzt und wäre über die Dörfer gefahren. „Hihi, oder eine Axt, was?“ „Aber Hallo!“ stimme ich ernsthaft zu. „Wo seid Ihr denn?“ „In einem Tonstudio in Berlin.“ „Oh.Welches denn?“ kurz nenne ich ihm den Namen des Studios. „Ah, das kenne ich!“ Er redet weiter, über seine Tour mit dem Schwertransporter, die er angetreten hat. Über unseren Verein. Weiter lausche ich einer Weile seiner Stimme. „Danke! Danke, Fred.“ kommt es aus vollstem Herzen von mir, während Chris behutsam mit meinem Haar spielt, dabei den anderen Arm fest um mich gelegt hat. „Mädel, dafür nicht! Finde ich ja gut, dass ich so auf Dich wirke. Wäre ich 20 Jahre jünger, hätte Dein Chris ein erst zunehmendes Problem!“ Leise lache ich, bevor ich die Verbindung trenne. Die Ohrstöpsel entferne, Handy und Headset in die Tasche meiner Bluse stecke. Es ist nicht das erste Mal, dass Fred mir mit seiner beruhigenden Stimme beisteht. Und sicher nicht das letzte Mal. „Rede mit mir!“ ist für ihn wie ein Code: er weiß dann, das ich in einer extremen Situation bin und innerlich ruhig werden muss. Es hat sich vor Jahren so eingeschlichen. Deutlich ist die damalige Szene vor meinen Augen. Tief atme ich noch einmal durch.

Eine ganze Weile stehen wir schweigend so da, ich lehne mit dem Rücken an seiner Brust, seinen Arm hat er um mich geschlungen. Sanft spüre ich seine Finger in meinem Haar. Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, löse ich mich von seinem warmen Körper. Er fehlt mir sofort, aber ich möchte mich umdrehen. In seine Augen sehen. Chris legt seine Hände an meine Wangen, blickt mich mit einem Blick voller Schuldgefühle an. „Es tut mir...“ will er beginnen, doch ich lege ihm einen Zeigefinger auf seine wundervollen Lippen. Er schweigt. „Du bist der Einzige, der ein Recht darauf hat, meine Dämonen kennen zu lernen! Deshalb hätte ich mich nicht gewehrt – wäre nicht ein anderer, ein für mich Fremder im Raum gewesen!“ meine Stimme klingt bitter, merke ich. Mit viel Willenskraft gelingt es mir, meiner Stimme einen weicheren Klang zu geben. „Deshalb bin ich Dir nicht böse. Nur etwas enttäuscht, dass Du mir nicht beigestanden bist.“ Ein Seufzen ist die erste Antwort, dann höre ich seine warme Stimme: „Ich habe Mist gebaut, ich weiß. Es tut mir so sehr leid... Ich wollte Dir nie weh tun!“ „Es war damals, vor über 19 Jahren.“ beginne ich, er hat den Dämonen gesehen, also soll er ruhig erfahren, was es damit auf sich hat. „16 Jahre war ich eben geworden. Mein Freund lud mich zu einer Party bei sich ein. Mit Übernachtung. Auf dem Wochenendgrundstück seiner Eltern. Natürlich freute ich mich. Es war eine tolle Party. Drei seiner Kumpels blieben noch, als alle anderen gingen. Schon damals war ich vorsichtig im Umgang mit Alkohol, so dass ich nicht einmal beschwipst war.“ Ich halte beim Erzählen Blickkontakt. „Die vier jungen Männer, sie waren damals zwischen 18 und 24 Jahre, fielen regelrecht über mich her. Ich kam nicht gegen sie an. Als sie ihr Verlangen gestillt hatten, zog einer ein Messer und schnitt mir die Ader auf. Das Messer legte er dann in meine linke Hand, damit jeder an Selbstmord glauben würde. Sie gingen und ließen mich zurück. Zum Glück hatte ein Mädchen ihre Schlüssel vergessen. Sie war schlagartig nüchtern und holte Hilfe, nachdem sie einen Druckverband angelegt hatte. Zwei Jahre war ich danach in Therapie, habe mein Abi gemacht und schließlich studiert. Trotz der Zwillinge, meine Eltern haben mich wahnsinnig unterstützt. Bis heute weiß ich nicht, wer der Erzeuger ist, will es auch nicht wissen. Ich liebe meine Beiden über alles. Sie hatten eine wundervolle Kindheit. Die Vier wurden verurteilt. Wegen versuchten Mordes, Freiheitsberaubung und Vergewaltigung.“ Kurz pausiere ich, sehe in seine geschockten Augen. „Nun kennst Du meinen Dämonen der Vergangenheit.“ schließe ich meine Erzählung und führe hinzu: „Ich bin genauso kaputt wie Du, oder genau sowenig kaputt wie Du!“

Einen Augenblick schauen wir uns nur in die Augen. „Danke. Für Dein Vertrauen.“ flüstert er, dann legen sich seine Lippen auf meine. Der Kuss ist völlig anders als alle, die ich bisher von ihm bekam. Wundervoll anders, viel vertrauter, es liegt noch mehr Gefühl darin als vorher. Wir werden von Schritten, die sich nähern, unterbrochen. Als wir unsere Lippen voneinander trennen und den Blick wenden, nähert sich Timo. Ganz toll, denke ich, mein Blick verfinstert sich. Bevor Timo jedoch auch nur ein Wort sagen kann, hält ein großer, noch leerer Schwertransporter. Genau vor dem Studio. Sofort erkenne ich die Fahrerkabine. Schwarz, mit Airbrush versehen. Die Kabine öffnet sich, ein älterer Mann springt leichtfüßig auf den Boden, greift sich eine kleine Reisetasche. Schnellen Schrittes, die Tür des Transporters fällt laut ins Schloss, nähert er sich uns. Als erstes landet die Reisetasche neben mir auf dem Boden, dann holt der Hühne von Mann einfach aus. Die erste Schelle trifft Timo, dann klatscht es erneut. Instinktiv habe ich mich geduckt, denn mir war klar, dass Chris gleich die Hand des kräftigen Mannes spüren wird. Der Mastermind von Saltatio Mortis hält sich verblüfft und entsetzt seine Wange, während er sich die Brille richtet. Chris hält einfach nur still, er hat seine Brille bereits beim ersten Schlag, der nicht ihm galt, abgenommen. Es klatscht erneut, dieses Geräusch, wenn Haut auf Haut trifft. Chris zuckt schmerzerfüllt zusammen, bleibt jedoch aufrecht stehen. „Das habe ich mehr als verdient.“ erklärt er mit ruhiger Stimme. „Nächste mal nehme ich die Faust!“ faucht Fred beide an, dann greift er die Reisetasche. Chris hält mich immer noch im Arm, sanft schmiege ich mich an seinen so warmen Körper. Kein Wort verliere ich über Freds Handlung. Schon gar nicht vor den Beiden hier.

„Herzlichen Glückwunsch, Liebes!“ sind die nächsten Worte, die ich höre. „Was...?“ Ich habe keine Ahnung was er meint. Erst, als er das alte Schwert hervorzieht, das immer unser Jarl verliehen bekommt, begreife ich. Sofort weiche ich einen Schritt zurück. „Oh nein! Nein, nein, nein!“ gerate ich in Panik. Jarl ist in unserem Motorradclub immer der gewählte Vorsitzende. Er leitet nicht nur den Verein, er schlichtet Streitereien, organisiert die Veranstaltungen, hält alte Traditionen und Bräuche aufrecht, lehrt, und und und. Ganz wie es unsere Vorfahren gemacht haben, die als Heiden zusammen lebten. Gewählt wird er aller fünf Jahre, es werden Vorschläge gesammelt und jedes Mitglied hat eine Stimme, die er bis zu einem festen Zeitpunkt abgeben muss. Es standen sechs oder sieben Namen zur Wahl, unter anderem mein Name. Und diese Aufgabe soll ich jetzt übernehmen? „Scheiße....“ jammere ich, völlig un-Jarl-haft. „Mit wieviel Stimmen?“ will ich wissen. Ich selber habe für Fred gestimmt, die Abstimmung danach aber erfolgreich verdrängt, denn damit habe ich nie gerechnet. „Eine Gegenstimme. Deine!“ Verzweifelt raufe ich mir nun tatsächlich die Haare. Ausschlagen darf ich nicht. Feierlich übergibt er mir das Schwert und das mit unserem Wappen verzierte Trinkhorn, die Insignien. Dann geht er vor mir auf das Knie. Tränen laufen mir über die Wangen, als ich ihm meine Hand reiche, die er sanft küsst. „Erhebe Dich, alter Freund und Bruder.“ bitte ich mit zitternder Stimme. „Ich werde mich um die Versammlung kümmern.“ erklärt er und umarmt mich grinsend, nachdem er mir den Schwertgurt umgelegt hat. Wunderbar! Auf offener Straße, mit einem Schwert in der Hand, stehe ich, von drei Männern umgeben. Zwei davon haben geschwollene Wangen, der Dritte kniete vor mir... Klasse, Kevin! „Ich muss leider weiter, Liebes.“ Ein letztes Küsschen auf meine Wange, eine letzte warme Umarmung des fast zwei Meter großen Bären. Dann steigt er wendig in seine Fahrerkabine und fährt, nachdem seine Hupe laut aufheult, weiter. Seiner Arbeit nach.

Nachdenklich streiche ich, immer noch weinend, über das kalte Metall des Schwertes. Mit einer fließenden Bewegung versenke ich es in der verzierten Scheide. Beinahe hilflos stehe ich auf der Straße, während ich das Trinkhorn in die dafür vorgesehene Schlaufe auf der anderen Seite des Gürtels stecke. Endlich drehe ich mich um zu den zwei geschlagenen Männern in meinem Rücken. Die Blicke der beiden lassen mich kurz kichern: Verwirrte, irritierte, fast schon ängstliche Blicke. Erste Passanten bleiben stehen und gaffen: Eine Frau, in elegantem schwarzen Seidenrock, (vorne kurz, hinten bodenlang), schwarzer Bluse, geschnürtem Corsagengürtel und darüber ein schwarzer schlichter Gürtel, an dem ein Schwert in verzierter Scheide steckt und ein überaus prächtiges Trinkhorn. Zugegeben, ich hätte genauso entsetzt geschaut.

Das Schwert ist tatsächlich mehrere Jahrhunderte alt und stammt aus einer alten, nordischen Familie. Sie sind Mitglied unseres Vereins und haben dieses Schwert dem Verein geschenkt. Es ist wundervolle Schmiedekunst. Und dieses Schwert ist nun für die nächsten fünf Jahre mein Begleiter, samt einer mühsam erworbenen Sondergenehmigung, die nun auf meinen Namen umgeschrieben werden muss. Papierkrieg. „Können wir vielleicht...?“ ich deute auf die Studiotür. Beide nicken zustimmend, der Saltate öffnet mir die Tür. Schnell schlüpfe ich in die schützenden Räume und gehe in den großen Hauptraum. Dort ersterben sämtliche Gespräche, als ich eintrete. „Na Bravo...“ murmel ich, während mein Handy mich lauthals mit „Credo“ anbrüllt. Ohne zu schauen, wer mich anruft nehme ich das Gespräch genervt entgegen. Die Tränen sind versiegt, haben aber ihre Spur hinterlassen. „WAS?“ will ich wissen. „Ich entbiete Dir meinen treuen Gruß, Jarl....“ beginnt der bisherige Jarl mit den traditionellen Worten. „Verzeih mir meine Gereiztheit!“ bitte ich ihn mit sanfter Stimme, als er die Worte beendet hat. „Ich bin nur so furchtbar überrumpelt... ich danke Dir von Herzen für die Sicherheit und Weisheit, mit der Du uns die letzten Jahre geführt hast und verspreche bei den Ahnen und alten Göttern, der Verantwortung gerecht zu werden!“ lautet meine Antwort, bevor ich ihm einen Augenblick noch zu höre, dann auflege und das Handy ausschalte. Das unschuldige Gerät fliegt unsanft durch den Raum. Da sind sie wieder, die Tränen. Und die dreizehn paar Augen, die mich anstarren, während ich völlig überrumpelt mich auf die Couch fallen lasse.
Review schreiben