Mutter Theresa

GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
26.02.2019
25.04.2019
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Guten Abend, ich möchte Euch nicht lange warten lassen. Daher bekommt Ihr hier das nächste Kapitel, mit einem etwas anderen Ausgang, als ihr vielleicht erwartet. Wie werden die beiden Männer reagieren? Liebe Grüße

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Dämonen

Erwähnte ich schon, dass ich so meine Probleme mit fremden Psychologen oder Therapeuten habe? Bisher dachte ich immer, am schlimmsten sind für mich die Analytiker. Aber Pustekuchen! Am schlimmsten sind für mich die Psychologen, die ich während des Konzertes einer meiner Lieblingsbands auf der Bühne sehe! Ich erinnere mich genau an mein erstes Treffen mit eben diesem. Ich war mit meinen Zwillingen zum MPS im Norden, die 'Fette Heide'. Nach dem Konzert von Saltatio Mortis wollten meine Zwillinge natürlich Autogramme und Fotos. Vor allem vom Sänger. Aus Trotz sagte ich, dass erst ich ein Foto möchte. „Ach, mit wem denn, Mama?“ fragte mich damals Hannah. Die Auswahl war ja groß, acht Spielmänner. Kurzentschlossen und weil ich es kann, habe ich auf den Davulspieler gezeigt. Brav gingen meine Kinder mit mir zu Lasterbalk, dem Lästerlichen. Artig nahm er mich in den Arm und lies sich fotografieren. Später, auf dem Heimweg, erzählten mir meine Kinder, was wer noch so alles beruflich macht. Natürlich hatte ich mir den einzigen Psychologen weit und breit ausgesucht, war ja klar!

Genau dieses Erlebnis geht mir durch den Kopf, als ich Timo gegenüber sitze, neben mir meine – seit kurzem – große Liebe. „Sieh mich an, Helena!“ fordert Timo soeben, mit fester Stimme. Ein Grinsen in meinem Gesicht kann ich mir nicht verkneifen, als ich meinen Blick von Chris abwende und zu den sitzenden zwei Metern schaue. Seine braunen Augen blicken mich leicht irritiert an. „An was denkst Du denn jetzt?“ möchte er wissen, nachdem er meinen Blick eingefangen hat und festhält. Warum nicht, er fragt ja. Also antworte ich schmunzelnd: „Ich habe mich eben an unsere erste Begegnung erinnert.“ Daran wird er sich sicher nicht erinnern, so viele Fans, wie ihn immer wieder ansprechen. Außerdem trug ich damals mein Mittelalterkleid, oder besser meine Interpretation davon. „Es war auf einem MPS.“ meint er. Ha, gut geraten. Ich nicke nur. Ärgere mich ein wenig, ich möchte lieber andere braune Augen sehen. „Nach dem Konzert. Irgendwo im Norden? Du hast ein blau-weißes Kleid getragen.“ Scheiße! Er erinnert sich tatsächlich an mich. „Wie kommt es, dass Du Dich an mich erinnerst?“ möchte ich wissen. „Du warst mit deinen erwachsenen oder fast erwachsenen Kindern dort. Durch Eure Interaktion seid Ihr mir aufgefallen.“ erklärt er ruhig. Gut, 1 : 0 für ihn, aber das sage ich ihm nicht. Ich neige meinen Kopf ein wenig seitlich, lehne mich an Chris an. Warte. „Erzähle mir von dem Überfall.“ verlangt der Davulspieler. Lautlos seufze ich. Dann berichte ich, kurz und knapp. „Ich bin nach meiner Arbeit auf dem Heimweg auf einen Rastplatz gefahren, weil mein Bulli Öl wollte. Dort sah ich eine Auseinandersetzung. Da bin ich dazwischen gefahren, habe die Unterlegenen eingesammelt und zum Krankenhaus gebracht.“ In meiner Wahrnehmung ist es das Wesentlichste. Er scheint nicht zufrieden damit. „Du bist dann gleich nach Hause gefahren?“ „Nein. Ich habe im Krankenhaus noch gewartet.“ „Chris, schilderst Du mir bitte den Hergang?“ Sein Blick bleibt jedoch auf mich gerichtet. Kurz frage ich mich, was sie über eine Stunde hier gemacht haben. Chris kommt seiner Bitte nach und ich vernehme seine angenehme, tiefe Stimme, die das Ganze wesentlich umfangreicher schildert. Auch von Fred erzählt er und dass ich auf sein Bitten die Nacht blieb. Sagte ich schon, dass ich meine Arbeit liebe? Dank des jahrelangen Trainings bleibt meine Mimik völlig ruhig und gelassen.

„Helena?“ spricht Timo mich erneut an. „Ja?“ „War es so?“ Was für eine Frage.... „Ja.“ „Wie hast Du Dich in der Situation gefühlt?“ Innerlich fluche und wettere ich. Äußerlich bleibe ich ruhig. „Der Adrenalinschub hat verhindert, dass ich groß Gefühle bemerkt habe. Es waren Menschen in Not, ich habe geholfen. Nicht mehr und nicht weniger.“ Mache ich schließlich beruflich jeden Arbeitstag. „Chris hat erzählt, dass viele Menschen weggesehen haben. Du nicht. Warum?“ Jetzt nervt er mich. Aber das möchte ich ihn nicht spüren lassen. Wie soll ich bitte jemals diese Band wieder unbeschwert genießen können? „Ich sehe nie weg.“ ist meine knappe Antwort. Chris schmiegt seine Wange an mein Gesicht, spüre ich. Diese Geste tut mir gut und beruhigt mich innerlich. „Du hast keine große Lust auf das Gespräch mit mir.“ stellt er fest. Blitzmerker! Aber er meint es ja nur gut. „Vielleicht stecken wir erst einmal ab, was das hier wird?“ biete ich als Kompromiss an. „Wir unterhalten uns ein wenig.“ weicht er mir aus. „Nein. Du musst mich nicht mit Halbwahrheiten abspeisen. Ich bin erfahren im Umgang mit Psychologen. Also: Was genau bezweckst Du mit diesem Gespräch?“ Neben mir zuckt Chris zusammen, das spüre ich. Timo zeigt das erste Mal einen überraschten Gesichtsausdruck. „Ich möchte wissen, ob es Euch nach diesem traumatischen Erlebnis gut geht.“ Formuliert er vorsichtig. „Du befürchtest, wir sind traumatisiert?“ hinterfrage ich. „Zumindest ich habe meine Möglichkeiten, über solche Erlebnisse zu reden und weiß, wie ich an professionelle Hilfe komme. In meinem Team arbeiten vier Therapeuten.“ erkläre ich ihm freundlich. „Das ist gut.“ nickt er. Wir schweigen. Mir fällt auf, dass Chris doch reichlich neben sich ist.

Timo hinterfragt jetzt, wie es Chris mit dem Überfall geht. Zögerlich erzählt er von seiner  Angst, was Krankenhäuser betrifft. „Als Helena ging, war es für mich nur erträglich, weil meine Freunde im gleichen Zimmer waren. Trotzdem haben wir schnell für unseren Rausschmiss gesorgt.“ Jetzt bin ich es, die seine Hand drückt. Erstaunt blickt er mich an, sein so wundervolles schiefes Lächeln ist mein Lohn. Und dieser Lohn bringt mein Herz zum schmelzen. Er berichtet weiter davon, dass er ab und an von dem Überfall träumt, es ihm aber soweit gut gehe. Ich folge dem Gespräch erst einmal nicht weiter, sondern betrachte das Gesicht von Chris. Die feinen Gesichtszüge, seine fast kantig wirkenden Wangen. Seine zurück gebundenen Haare, aus denen sich eine Strähne gelöst hat. Ein Schatten liegt auf seinem Gesicht. Ich vermute, es hat mit dem vorigen Gespräch zu tun.

Auf dem kleinen Tisch vor uns stehen Gläser und Wasserflasche. Kurz überlege ich, ob ich mir etwas zu Trinken nehme, verzichte dann aber doch. Das Fenster ist von einer bunten Gardine verhangen. „... ich wollte sie unbedingt wiedersehen.“ vollendet Chris soeben einen Satz. Offenbar redet er über mich. „Aber nun habe ich Angst, Dich zu verlieren.“ fügt er sehr leise hinzu. Jetzt bin ich wieder aufmerksam, was das Gespräch betrifft. „Warum?“ möchte ich wissen. Er schüttelt leicht seinen Kopf, eine verneinende Geste. Meine zweite Hand lege ich auf seine, die schon in meiner rechten Hand liegt. Sanft streiche ich über seinen Handrücken, fahre die Buchstaben auf den Fingern nach. „Weißt Du, so leicht lasse ich mich nicht verschrecken. Wir stehen ja noch ganz am Anfang unserer Beziehung. Vielleicht schaffen wir es ja irgendwann, miteinander zu reden, uns von der Vergangenheit zu erzählen?“ „Möchtest... interessiert Dich meine Vergangenheit?“ fragt er, sehr leise. „Natürlich! Sie hat Dich zu dem gemacht, der Du heute bist. Den ich liebe.“ sage ich spontan. Er dreht sich jetzt mir zu, sieht mir direkt in die Augen. Sofort bin ich geneigt, mich in seinen zu verlieren. „Ich... ich bin ein 'gebranntmarktes Kind'. Es fällt mir schwer, darüber zu reden.“ seine Stimme ist leise. Aufmerksam höre ich ihm zu. „Ja, das ist vollkommen ok. Wir stehen am Anfang unserer Beziehung. Und ich bin niemand, der beim kleinsten Anzeichen von Schwierigkeit flieht. Das kann ich Dir versprechen.“ Mit seiner freien Hand fährt er sich über das Gesicht.  Mit meiner zweiten Hand greife ich seine freie Hand, drücke beide Hände. „Hör zu.... ich ahne, dass Dir etwas sehr schlimmes widerfahren ist. Natürlich möchte ich gerne wissen, was Dir so zu schaffen macht. Aber Du alleine entscheidest, wann Du mir davon erzählst. Wichtig ist nur, dass Du das nicht alleine mit dir ausmachst. Dass Du jemanden hast, mit dem Du über das Erlebnis reden kannst. Damit es kein Trauma wird.“ Wobei ich mir fast sicher bin, dass er bereits traumatisiert ist. Aber das sage ich so nicht. „Naja... ich habe heute das erste Mal darüber erzählt...“ kommt es kaum hörbar von ihm. Er holt tief Luft. Mir ist jetzt durchaus klar, dass  ich das Thema der ersten eineinhalb Stunden entdeckt habe. „Und, geht es Dir damit besser?“ frage ich ihn leise. Sein Nicken ist mir Antwort genug und sein schiefes Lächeln verzaubert mich einmal mehr. „Du, das freut mich ehrlich.“ Es ist ein Anfang.

Während ich noch in den Augen meines neuen Lieblingsmenschen versinke, ertönt die Stimme des Lästerlichen. „Du scheinst ihn wirklich zu lieben.“ bemerkt er. Erst jetzt wird mir wieder bewusst, dass wir nicht alleine hier sind. Schulterzuckend sehe ich den schlanken, hochgewachsenen Mann mit den langen graumelierten Haaren an. So übel ist er ja nun doch nicht, stelle ich fest. „Ja.“ ich lächel bei diesem Wort. Was soll ich ihm groß dazu sagen? „Er hat mein Herz erobert.“ Dass dies seit über 19 Jahren niemanden geglückt ist, verschweige ich. Das ist mein Dämon der Vergangenheit. Wenn überhaupt, wird Chris ihn irgendwann zu Gesicht bekommen, so wie ich hoffentlich auch seinen Dämonen der Vergangenheit. „Das sind wahre und gute Worte.“ bemerkt Timo. „Habe ich das eben laut gesagt?“ möchte ich wissen. „Verfluchte verbale Inkontinenz! Ich lerne das wohl nie!“ murre ich vor mich hin. Gelächter von zwei Seiten ertönt, während ich mich kopfschüttelnd nahezu schäme. Und Chris macht es nicht besser mit seinen Worten „Das passiert ihr öfter!“ „Ja, danke auch, Herr Harms!“ meckere ich. Er legt mir seine Hand in meinen Nacken und zieht mich an sich, bis wir uns berühren, Stirn an Stirn. „Wir sind schon sehr lange mit den Jungs von SaMo befreundet. Doch erst heute, dank Claas, habe ich mich auf ein Gespräch mit Timo darüber eingelassen. Ich weiß gar nicht, warum...“ seufzt er. „Es hat Dir doch gut getan?“ Er nickt erneut. „Dann ist das doch egal.“ Lieber spät als nie... Wobei mich nun langsam wirklich interessiert, was da gewesen ist.

Timo und Chris reden noch eine weile über den Überfall, während ich eher meinen Gedanken nach hänge. Mich an den Terror erinnere, den ich damals hatte. Wie ich mich wieder aufgerappelt habe, weiß ich bis heute nicht, aber ich vermute, die Zwillinge in meinem Bauch haben meine Instinkte geweckt zum Leben und mir geholfen. Gedankenverloren greife ich an mein Handgelenk, das von einer breiten Ledermanschette verziert wird. Nur zum Waschen nehme ich sie ab. Meine Kinder wissen genau, was damals war. Als sie alt genug waren, habe ich ihnen alles erzählt, die Urteile gezeigt und die Arztberichte. Sie waren geschockt, aber es hat uns noch mehr zusammen geschweißt. Damals waren sie 16 Jahre alt. Ich fand das ja zu früh, aber mir wurde geraten, zu diesem Zeitpunkt offen zu ihnen zu sein. Bereut habe ich es bis heute nicht. Erschrocken zucke ich zusammen, als Chris meine beiden Hände festhält und neben mir Timo steht. Offenbar haben sie mich mehrmals angesprochen, ich aber nicht reagiert. Am liebsten würde ich mich jetzt dafür Ohrfeigen. Während Chris mich fest in seine Arme zieht, fast schon umklammert, greift Timo nach meiner Ledermanschette. „NEIN!“ ertönt es von mir, etwas zu laut. Kraftvoll versuche ich mich dem Griff zu entwinden. Einen Moment rangeln wir, Chris und ich. Es artet in einen kleinen Kampf aus. „Lass mich los! Bitte!“ Verdammt! Wo nimmt er diese Kraft nur her? „Höre auf Dich zu wehren!“ raunt er, direkt in mein Ohr. Wären wir zu Zweit gewesen, hätte ich ihm nachgegeben. So aber... nein. „Bitte...“ flüstere ich, sehe ihn flehend an. Was habe ich nur verpasst, worüber haben sie geredet? Gnadenlos unterliege ich, werde von Chris auf der Couch fest gepinnt mit seinem eigenen Körper, der inzwischen fast auf mir liegt. In mein Gesichtsfeld rückt jetzt Timo. Zwei Paar braune Augen beobachten mich. Noch immer winde ich mich unter Chris, er hat Mühe, mich zu halten. Timo streckt seine Hände erneut nach meinem Handgelenk aus. „Lass es!“ fordere ich, meine Stimme klingt nicht mehr ruhig. Ich weiß, wie es aussehen wird, wenn er die Manschette abnimmt. Und ich weiß, dass damals nicht ich das war. Aber das wird er nicht sehen, das wird Chris nicht sehen. Panik steigt in mir auf, als Timo erwidert: „Jeder hat seine Dämonen. Zeige mir Deine.“ „Die gehen Dich verdammt noch mal gar nichts an!“ keife ich. Die Nornen meinen es heute nicht gut mit mir, denke ich noch, als Timo mit geschickten Fingern den festen Knoten im Lederband löst, die Verschnürung – ähnlich wie eine Corsage ist das breite Band geschnürt – löst. Und schließlich, Chris greift oberhalb des Leders nach meinem Arm und drückt ihn erneut fest auf die Couch, streift Timo mir das Leder vom Handgelenk. Als die kühlen Finger des Psychologen dann meine Hand umdrehen und damit die Innenseite meines Handgelenkes bloß legen, gebe ich jeglichen Widerstand auf. Meine Augen wenden sich ab, ich verfalle in regelrechte Lethargie. Alles ist jetzt egal. In Gedanken bin ich in der Vergangenheit und erlebe das Geschehen noch einmal. Die Blicke der beiden Männer fallen auf mein Handgelenk...
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