Mutter Theresa

GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
Chris "The Lord" Harms Class Grenayde Gared Dirge OC (Own Character)
26.02.2019
25.04.2019
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Guten  Abend. An diesem Kapitel habe ich etwas länger gesessen. Der rote Faden war zwar da, aber ich habe immer wieder umformuliert. Ich hoffe, die Fassung gefällt Euch. Habt Ihr eine Idee, wie das Gespräch, dass am Ende beginnt, weiter gehen wird? Schreibt mir gerne wieder, ich freue mich immer. Liebe Grüße

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Dreizehn

Eben noch werfen die Fünf sich gegenseitig ab, necken und ärgern sich. Dann fällt ihnen ein, dass ich noch da bin. Immer näher kommen sie, immer weiter ziehe ich mich zurück. Der Weg zur Tür ist mir versperrt. Also kann ich nur herauszögern. Und dann stehe ich mit dem Rücken zur Wand. Alleine. „Chris...?“ kommt es fast flüsternd aus meinem Mund. Der schaut zu seinen vier Freunden, dann zu mir. Immer noch hat er nur das Badetuch um seine Hüften geschlungen. Schon der Anblick seines Körpers versetzt mich in Flammen. Ahhh, nein, weg mit Dir, Gedanke! Offenbar wägt Chris ab: hilft er nun seinen vier langjährigen Freunden, mit denen er regelmäßig auf der Bühne rockt oder seiner neuen, festen Freundin? Ich bin mir nicht sicher, wie er entscheiden wird. Doch dann geht alles sehr schnell.

Starke Hände ziehen mich an eine nackte Brust, legen sich schützend um mich. In meine Nase dringt der für mich so berauschende Geruch von Chris. Leise seufze ich, seine Wärme genießend. Hinter mir ist die Wand, Chris schützt mich mit seinem Körper. „Wir gehen gemeinsam unter!“ raunt seine tiefe Stimme in mein linkes Ohr. „Na ganz toll! Chanthal-Faktor, was?“ murre ich. Fest umschlinge ich seinen Körper, halte mich fest, als die vier Verrückten anfangen, Chris zu kitzeln und zu knuffen. „Lass uns zu ihr, jetzt!“ fordert Garred lauthals, von Nic unterstützt. Claas kitzelt bereits fleißig und versucht, mich zu erreichen. Teilweise gelingt ihm das, ich spüre seine Hände an meinen Seiten. Mein Beschützer krümmt sich bereits vor Lachen, mir geht es nicht anders. Offenbar hat Chris einen neuen Plan, denn er bringt mich zu Fall, so dass ich unter ihm liege. Ob die Idee besser ist, weiß ich nicht, denn meine Füße werden attackiert. „Aufhören, bitte!“ jammere ich bereits. Außerdem macht diese noch präsentere Nähe von Chris es mir nicht einfacher. Ich spüre ihn so deutlich auf mir, dass andere Gefühle sich mit dem Gefühl des Gekitzelt werden mischen. Eine grausame Kombination. „Interessant!“ murmelt Chris zwischen zwei Lachanfällen. Oh nein! Ich kann seine Gedanken förmlich hören! Wehe! Sie legen sich noch einmal richtig ins Zeug, bevor sie von uns ablassen. Über mein Gesicht laufen Lachtränen. Meinem Freund – das fühlt sich so gut an: MEIN FREUND – geht es nicht besser. Immerhin sind es dieses Mal Lachtränen, denke ich, als wir uns endlich aufraffen und aufstehen. Claas reicht mir seine Hand als Hilfe. Ich greife beherzt zu und werde von einem kräftigen Arm auf die Beine gezogen. Kurz dreht sich mir alles, kein Wunder nach dieser Tobeaktion. Claas bemerkt das wohl, denn er hält mich einen Moment fest. Fragt dann leise „Geht es wieder?“ Erst als ich nicke, lässt er mich breit grinsend los. „Ihr seid so gemein!“ motze ich. „Weil wir Euch gekitzelt haben?“ fragt Garred erstaunt. „Neeee! Weil Ihr uns gestört habt!“ maule ich eindeutig zweideutig. Ist ja auch kein Wunder, der Sex mit ihm ist einfach... bombastisch. Gelächter erfolgt, zum Glück habe ich Letzteres nur gedacht, nicht ausgesprochen.

Es ist einmal mehr Claas, der sich zu Wort meldet. „Wir haben eine Einladung. Wollten Euch abholen.“ Fragend schaut Chris seinen guten Freund und Bandkollegen an. Der grinst nur. „Mehr input?“ verlangt Chris, während er in seiner Tasche nach Kleidung kramt. Frische Boxershorts, Socken, Jeans und ein Shirt landen auf dem Bett. Während er anfängt, sich anzuziehen, erklärt Claas geduldig: „Unsere Freunde von SaMo sind in Berlin im Studio und haben uns eingeladen.“ „Schön. Und warum muss ich da mit?“ Chris deutet auf mich. „Weil Du Chris bist? Und das Mädchen nehmen wir mit. Die Jungs sind schon neugierig, von ihr die Geschichte unseres Überfalls zu hören.“ Was? Deren Ernst? „Hallo? Werde ich auch noch gefragt?“ Fünf Stimmen antworten im Chor: „Nein!“ Ja, klasse. Ich bin hier im Hotel gestrandet, ohne Kleidung, zwischen fünf Irren und die wollen mich zu acht weiteren Irren entführen?! Ich stemme meine Hände in die Hüfte und erwidere dieses mal laut, etwas zu laut. „Da bin ich hier im Hotel, ohne Klamotten und Kosmetika mit Euch fünf Verrückten gestrandet und Ihr wagt es, mich zu den acht Irren mit nehmen zu wollen?“ Grinsend hält Garred mir eine kleine Reisetasche hin. Ich kenne sie. Es ist meine. Zögerlich öffne ich sie. Als erstes springt mir ein Zettel ins Auge. „Liebe Mama, viel Spaß, wir sehen uns in ein paar Tagen! Deine Zwilli's!“ „Himmel, Arsch und Zwirn!“ entweicht mir ein ganz unfraulicher Schrei. Gelächter ist die Antwort. „In 10 Minuten im Foyer des Hotels.“ meint Claas noch, bevor er Nic, Tobias und Garred mit nimmt und uns alleine lässt. Längst wühle ich in meiner Tasche und bin mega genervt. Da ist nichts alltagstaugliches drin. Rock, Kleid, Corsage, Blusen. Hahaha, sehr witzig, meine Kinder. Inzwischen habe ich alles auf dem Bett ausgebreitet und stehe hilflos davor. Interessiert betrachtet der Sänger die Auswahl. „Wau!“ meint er und greift eine Bluse und einen schwarzen Rock, vorne kürzer, hinten bis zur Erde gehend. Dazu einen breiten Miedergürtel, der hinten gebunden wird. Auch die Schuhauswahl begutachtet er und wählt die schwarzen Springerstiefel dazu. „Dein Ernst?“ murre ich. Er nickt nur und packt die restliche Kleidung wieder ein. „Die können was erleben! Missratene Gören!“ zetere ich weiter. Lachend nimmt Chris mich in den Arm, drückt mich kräftig an sich. Gibt mir einen langen Kuss, dann beginnt er, mich auszuziehen. Seufzend lasse ich ihn.

Fertig angekleidet greife ich die Kosmetiktasche und hoffe, dass dort etwas für die Haare drin ist. Erneut fluche ich. Den Gürtel habe ich ignoriert. Schminke? Mein teures Parfum? Spinnen meine Kinder jetzt total? Genervt verschwinde ich im Bad, kämme meine Haare und befestige eine Seite mit der schwarzen Rosenspange. Etwas Wimperntusche und Kajal sind ja ok, befinde ich. Aber Lippenstift...? Nein! Etwas vom Parfum und dann trete ich aus dem Bad, zu Chris. Der hält den breiten Gürtel in der Hand: vorne nach unten geschwungen, hinten zum Binden. Er hat ihn soweit es geht geöffnet und verlangt nun „Arme hoch!“ Tatsächlich schafft er es, ihn mir über zu ziehen. Geschickt schnürt er ihn im Rücken zu. „Wau, Du darfst mir in Zukunft immer meine Corsage schnüren!“ urteile ich grinsend. Langsam schlüpfe ich in die Stiefel und schnüre sie zu. Chris legt mir seine Hände auf die Schultern, hält mich auf Armlänge von sich entfernt und dreht mich langsam um mich selber. „Ich muss mich umziehen!“ befindet er und kramt im nächsten Augenblick in seiner Tasche. Die 10 Minuten sind bereits seit 5 Minuten vorbei, als er ein bordeuxfarbenes Hemd in den Händen hält, eine schwarze Jeans und eine schwarze Weste. Eilig zieht er sich um und setzt sich noch einen schwarzen Hut auf. „Ja! Besser.“ nickt er zufrieden. Greift meine Hand, den Schlüssel und zieht mich mit sich. Ich kann eben noch mein Handy in die Blusentasche stecken und meine Lederjacke greifen, die netter Weise auch in der Tasche lag. Chris greift sich ein passendes Jackett. „Können wir nun?“ meint er. Lachend nicke ich. „Wenn Du Dich gleich zweimal frisch anziehen musst.... Wobei...“ ich deute auf seine Schuhe. Einfache Nikeschuhe. „Stimmt. Passt nicht.“ Schwupp, schon kickt er sie in die nächste Ecke. Erneut kramt er, bis er passende Schuhe zum Anzug hervor zieht, hineinschlüpft. Brieftasche in die Innentasche, Schlüssel erneut gegriffen.

Natürlich sind wir die Letzten, die in die Halle des Hotels treten. Grinsend ruft der Drummer zu mir: „Hat sich aber gelohnt, das Warten!“ während Garred anerkennend pfeift. „Hey, der da hat sich zweimal umgezogen!“ protestiere ich. Gelächter und.... „Er ist ja auch eine Prinzessin!“ meint Claas grinsend. „Sogar die Haare hat er fein zum Zopf gebunden. Stellt Euch mal zusammen hin, das muss ich für die Nachwelt festhalten!“ Schon spüre ich den Arm des Sängers fest um meine Schulter gelegt und Claas fotografiert. „Ja, das war schon gut, aber haltet doch mal bitte Händchen!“ „Noch mehr Wünsche, Claas?“ knurrt Chris, greift jedoch nach meiner Hand und verschränkt seine Finger mit meinen. Ich drehe meinen Kopf zu ihm, blicke leicht hoch, während er ebenfalls den Kopf zu mir wendet und leicht nach unten sieht. „Das ist es!“ schwärmt Claas und zeigt uns das Foto. Ich muss zugeben, es ist gelungen. Sage ich ihm aber nicht, nur ein „Schickst Du mir bitte die Fotos?“ „Schon erledigt!“ Das Vibrieren meines Handys bestätigt das. „Können wir endlich?“ nervt Garred. Und so machen wir uns auf den Weg zu einem Studio, in dem acht Irre auf uns warten. Meine Meinung. „Irre? Du nennst die Irre?“ will Chris wissen. „Habe ich schon wieder...?“ „Ja, Du hast laut gedacht.“ lacht er. „Ok, daran muss ich dringend arbeiten!“ „Wie lange hast Du eigentlich noch frei?“ „Heute und zwei weitere Tage.“ „Das passt!“ befindet er und Hand in Hand verlassen wir das Hotel.

Wir fahren mit den Öffentlichen. Auch die anderen vier Jungs haben sich 'In Schale geschmissen', das sorgt für so manche Blicke. Die Jungs übersehen das mit Bravour. Auch das Geraune und Getuschel übergehen sie geschickt. In der Bahn wird es etwas ungemütlicher, als eine Truppe Jugendlicher rumpöbelt und uns Sprüche wie „Ey Ihr alten Säcke, was wollt Ihr mit der Tussy?“ an den Kopf wirft. Innerhalb kürzester Zeit gibt es eine verbale Schlacht, wobei die Jugendlichen anfangen, uns per Rapp zu beleidigen. Offenbar sind die fünf Freunde multitaskingfähig, denn im Nu wechseln sie sich ebenfalls ab, ihre Erwiderungen per Rapp  zu präsentieren. Die Herausforderer unterbrechen nach kurzer Zeit mit den Worten „Ihr seid alte Säcke, aber crass! Cooler Schlagabtausch!“ und halten uns tatsächlich die Fäuste hin. Grinsend werden die Fäuste aneinander gestoßen, bevor die Jugendbande aussteigt. Eine Station später steigen wir ebenfalls aus. Das Studio ist fast direkt am Bahnhof. Mir wird etwas mulmig, schließlich werde ich mich gleich nicht mehr zwischen fünf bekannten Musikern befinden, sondern zwischen dreizehn. Super, wirklich. Leise seufze ich, was mir sofort einen besorgten Blick von Chris einbringt – und von Claas. Und von Gared. Und von... hey, beobachten die Fünf mich? „Was denn?“ knurre ich. „Geht es Dir gut?“ möchte Garred wissen. „Ehrlich gesagt – nein!“ fauche ich die Antwort. Sie bleiben stehen. Mitten in der Tür des Studios, das sie inzwischen geöffnet haben. Erneut seufze ich. „Was beschäftigt Dich?“ Ja wunderbar, Helena, gut gemacht, Du kannst denen doch nicht verklickern, dass Dir das zu viele Promis sind?! „Mir ist das grad zu viel.“ weiche ich geschickt aus. „Was ist Dir zu viel?“ hinterfragt der Bassist. „Schon gut. Lasst uns ...“ „Nein, nicht gut!“ widerspricht Chris und legt seine Hand an meine Wange. Sanft streicht sein Daumen über meinen Wangenknochen.  Als ob meine momentane Problematik nicht ausreicht, fühle ich mich nun extrem zu Chris hingezogen. Mein Herz schlägt schneller, lauter, der Puls steigt... „Wovor hast Du Angst?“ fragt nun auch Claas. Habe ich Angst? Ist es nicht eher Respekt und – das sind Künstler, verdammt, die will ich auf der Bühne sehen! Ich gerate hier in Kreise hinein, die ich sicher immer mal kennen lernen wollte, aber nun gehöre ich durch meine Beziehung zu Chris dazu? Ich winke ab. Eine Antwort werde ich nicht geben. Chris umfasst jetzt mit Daumen und Zeigefinger mein Kinn, drückt meinen Kopf so in die Höhe, damit ich ihm in die Augen sehe. Intensiv schaut er mir in die Augen. Erwähnte ich schon, dass er wundervolle, glänzende, warme braune Augen hat? „Darüber reden wir noch!“ haucht er mir zu, dann nickt er seinen Freunden zu. So betreten wir das Studio.

Lärm dringt uns entgegen. Der Lärm von vielen Stimmen, die sich unterhalten und lachen. Unwillkürlich festige ich den Griff meiner Hand, die in der Hand meines Liebsten liegt. Er bemerkt es sofort. Wendet sich zu mir und beugt sich soweit herunter, bis seine Lippen mein Ohr berühren. „Wir können auch gehen, mein Augenstern! Ich merke, dass Du Dich nicht wohl fühlst.“ „Nein, schon gut.“ flüstere ich. „Bleib nur bei mir, ja?“ „Versprochen!“ In dem Moment wissen wir beide nicht, was uns erwartet. Was Claas eingerührt hat, im Einverständnis der anderen drei Bandmitglieder.

In dem geräumigen Studioraum, den wir nun betreten, steht eine gemütliche Sitzecke: vier dunkel gehaltene Sofas stehen um einen recht großen, flachen Tisch herum, auf dem Getränke und Gläser stehen, Papiere liegen und einige Instrumente der kleineren Kategorie – verschiedene Blasinstrumente. Als wir den Raum betreten, springen die dort Sitzenden auf. Lautes Gejubel erklingt, ich trete unbewusst einen Schritt zurück. Sofort legt Chris mir seinen Arm um die Schulter, während die Musiker sich gegenseitig umarmen, begrüßen. Und schließlich auch Chris und mich. „Meine Freundin.“ stellt er mich vor. Hannah wäre begeistert – sie findet vor allem den Alea 'einfach nur heiß'. Die meisten Worte gehen an mir vorbei, in meinen Ohren rauscht mein Blut vor Aufregung. Irgendwann sitze ich auf einer Couch, zwischen Chris, der immer noch seinen Arm um mich gelegt hat, und Garred. Der hat inzwischen meine Hand genommen und hält sie fest. Sieht man mir meine Verunsicherung so an? Den Gesprächen folge ich nicht, bis auf einmal alle still sind.  Alle mich ansehen. „Was habe ich verpasst?“ frage ich. Lachen. Super, ich mal wieder. Ich grinse und warte, bis Timo der Lästerliche – ja gut, Lasterbalk der Lästerliche – wiederholt: „Wir wollten wissen, wer Du bist.“ „Ähm... Helena?“ beantworte ich fragend. Lachen. „Ja, den Namen kennen wir schon. Erzähle uns über Dich. Was machst Du beruflich? Was interessiert Dich?“ Geht die gar nichts an, denke ich. „Ich bin Sozialpädagogin und arbeite mit psychisch und suchtkranken Jugendlichen.“ „Chris hat erzählt, Du fährst Motorrad?“ Ja, ich merke, dass Timo es gewohnt ist, Gespräche zu führen. Ich hoffe nur, er analysiert mich nicht, denn soviel ich weiß, hat er Psychologie erfolgreich studiert. „Jawoll.“ Kurz und knapp. Erneut Gelächter. „Was denn? Ich rede nicht gerne über mich! Aber gut... Ich fahre einen Bulli, dem die Heckscheibe fehlt, liebe meine Kawasaki und fahre unter einer Flagge.“ „Interessant. Was für ein Club ist es?“ „MC FH.“ „Und das heißt ausgeschrieben...?“ Mittlerweile grinst der Herr Timo. „Motorradclub der Freien Heiden. Ein überregionaler Motorradclub.“ füge ich hinzu. „Ich würde gerne mit Dir mal alleine reden, Chris. Und später mit Euch Beiden. Ist das ok?“ Verblüfft starre ich den Lästerlichen an. Chris scheint auch überrascht zu sein. Seine vier Freunde jedoch nicht.

Schon lange Zeit arbeite ich eng mit Psychologen und Therapeuten zusammen, das bringt die Arbeit in der Einrichtung mit sich. Und da wir ein familiäres Team sind, habe ich oft mit den Psychologen und Therapeuten geredet, auch über persönliche Belange. Ich erkenne, wenn ein psychisch Geschulter ein solches Gespräch beginnt. Und genau das ist hier der Fall. Der Typ wurde entweder selber auf etwas aufmerksam, was Chris betrifft oder Chris und mich, oder die Vier haben ihn darauf angesetzt. Ich tippe auf Letzteres. Kurz drehe ich meinen Kopf zu Chris, sehe, dass er verunsichert ist und ebenfalls etwas ahnt. Ich erkenne Widerstand in seinem Blick, doch schließlich nickt er. „Herzchen? Ist das für Dich in Ordnung, wenn ich Dich kurz alleine lasse?“ Garred drückt mir meine Hand fester. „Ja, geh nur.“ stimme ich mit erstaunlich fester Stimme zu. Wenn ich wieder auf Arbeit bin, werde ich meinen Psychokollegen, wie ich die Psychologen und Therapeuten gerne nenne, danken! Durch sie habe ich gelernt, eine neutrale Miene zu ziehen, der man nicht ansieht, was ich denke oder fühle. In meinem Beruf praktisch. Hier nun auch. Lippen nähern sich mir, ich nehme den Geruch von Chris intensiver wahr, als er mir einen Kuss gibt. Zärtlich, sanft. Mit einem schiefen Lächeln, dem ich jedoch auch Unsicherheit ansehe, steht er auf und lässt mich los. Instinktiv kralle ich mich an Garreds Hand fest. Der wechselt jetzt die Hand, greift mit seiner Linken nach meiner und legt seine Rechte um meine Schulter. Behutsam zieht er mich an sich. Erleichtert nehme ich sein Angebot an und lehne mich an seinen schlanken, zart wirkenden Körper an. Die Gespräche blende ich aus.

Es ist bestimmt mehr als eine Stunde vergangen, da tritt Timo erneut zu uns. Stellt sich vor mich. „Kommst Du?“ fragt er kurz und knapp. Bei seinen Worten versteife ich mich. Klar, ich bin den Umgang mit Psychologen gewöhnt. Aber diese kenne ich, weiß ich einzuschätzen! Den hier nicht. Garred scheint sehr einfühlsam zu sein. Er steht auf, zieht mich dabei hoch. „Komm, ich begleite Dich noch.“ flüstert er mir zu. Ich ertappe mich selber dabei, wie ich zustimmend nicke. Und mich an Garred festkralle. Wir verlassen den großen Studioraum und betreten den Flur. Timo führt uns zu einem kleineren Zimmer und öffnet die Tür. „Ich möchte noch kurz mit Garred reden.“ weiche ich dem hochgewachsenen Mann aus. „Ich komme gleich nach, ja?“ Er mustert mich eingehend und nickt dann, bevor er den Raum betritt und die Tür hinter sich schließt. Freundliche Augen blicken mich an. „Ehrlich jetzt bitte! Was genau soll das?“ „Ich weiß nicht, was...“ beginnt er. Sofort unterbreche ich ihn. „Ich bin nur Pädagogin. Aber ich arbeite seit mehr als fünf Jahren eng mit Therapeuten und Psychologen zusammen! Und Timo ist zur Zeit voll in seiner Rolle aus Psychologe! Warum?“ Seufzend blickt mich der Allrounder der Band an. „Du hast Recht! Wir halten das für eine gute Idee und haben das Treffen arrangiert. Hauptsächlich, weil Chris noch immer an dieser schmutzigen Beziehungskiste arbeitet und sein Ausbruch am Frühstückstisch und zeigte, dass er da Hilfe braucht. Zum anderen möchte Timo wissen, was genau beim Überfall geschah.“ Klar und gleich mal analysieren, wie es mir damit geht. Ich bin ja nicht doof. Seufzend schaue ich den zierlichen, fast feminin wirkenden Mann an. Dann ziehe ich ihn in eine versöhnliche Umarmung. „Danke für Deine Aufrichtigkeit.“ murmle ich. Lasse ihn los, nachdem er die Umarmung erwidert und trete ohne anzuklopfen in das Zimmer.

Chris sitzt auf einem Sofa und hat sein Gesicht in den Händen verborgen. Timo sitzt ihm gegenüber. Langsam trete ich näher, setze mich neben Chris. Der schreckt hoch, blickt mich verwirrt an, dann schenkt er mir sein schiefes Lächeln. Warm, herzlich, aber auch ein wenig traurig. Seine Augen sind gerötet. Behutsam und langsam hebe ich meine Hand und lege sie an seine Wange. Sofort schmiegt er sein Gesicht in meine Handfläche. Timos Blick ist deutlich spürbar. Und dann spricht der Drummer, der gleichzeitig Mastermind einer Band ist, Songwriter und BWLer, aber auch Psychologe, mich an. Ich mag solche Gespräche nicht, meine Kollegen haben lange gebraucht, bis ich mich ihnen öffnen konnte. Meine Gesichtszüge verschließen sich, meine Hand sinkt hinab und sucht die Hand von Chris. Er spürt die Kälte meiner Hand. Tastet nach meiner zweiten Hand, die ebenso kalt ist. Besorgt legt er seinen Arm um mich, zieht mich näher an seine Seite. Noch bevor Timo viel sagen kann – ich habe seine Worte gehört, aber nicht verstanden -, spreche ich. „Was auch immer Du vorhast, ich kann das nicht. Tut mir leid!“ Meinen Versuch aufzustehen, vereitelt Chris. Er hält mich mit festem Griff.

Leise räuspert sich Timo, dann beugt er sich etwas vor. „Sieh mich an, Helena!“ fordert er mit fester Stimme.
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