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Heiße Schokolade

von yuuyuna
OneshotSchmerz/Trost / P16
Jessica Davis Tony Padilla
25.02.2019
25.02.2019
1
2.023
 
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25.02.2019 2.023
 
Herzlich Willkommen bei meinem Beitrag zu dem Wettbewerb Was wäre gewesen? von Ribelle!

Worum geht es?
Oft müssen Charaktere in Büchern, Filmen oder Serien eine Entscheidung treffen die vielleicht später die ganze Geschichte verändern wird. Ob sich die Charaktere ab und zu vorstellen wie es gewesen wäre wenn sie eine andere Entscheidung getroffen hätten?

Wortanzahl: 1796 Wörter (Word)

Disclaimer & Trigger-Warning:
Die Charaktere, Schauplätze sowie die ursprüngliche Handlung gehören Jay Asher; ich verdiene mit dieser Geschichte kein Geld, sie dient nur der Unterhaltung.
Desweiteren bezieht sich diese Geschichte nur auf das Buch - die TV-Serie habe ich selbst nicht mal gesehen :) Es ist natürlich am besten, wenn ihr das Buch kennt, ansonsten sollten die Kapitel 2,3 und 10 als Vorwissen reichen.
Bei dieser Geschichte wird das Thema Selbstmord behandelt, wenn auch nur indirekt. You have been warned.

Und jetzt wünsche ich viel Spaß :)
_____________________________

Geschichte:

"Hey Jessica!"
Ich fahre herum und blinzele einen Moment lang in das Sonnenlicht, das von den vielen Autos, die auf dem Parkplatz auf den Schulschluss und die damit verbundene Rückkehr ihrer Besitzer warten, reflektiert wird. Es dauert einige Sekunden bis ich erkenne, wer meinen Namen gerufen hat.
"Tony." Ich schirme das Licht mit der Hand, um ihm in die Augen blicken zu können. "Was willst du von mir?" Eigentlich hatten wir nie miteinander zu tun gehabt. "Ich habe echt keine Zeit."
"Dauert nicht lange, ich versprech's dir."
Ich mache mir gar nicht erst die Mühe zu verbergen, wie ich die Augen verdrehe. Ich will wirklich nicht mehr Zeit als nötig an diesem Ort verbringen. Erst vorgestern Nachmittag habe ich Hannahs Paket weitergeschickt; erst vorgestern Nachmittag sind all die alten Gefühle, all die Scham, der Schmerz, das Gefühl des Verrats wieder hochgekommen - und jede Minute, die ich durch die kalten Schulflure laufe, kommen mehr und mehr und mehr Erinnerungen hoch und schwirren mir durch den Kopf wie sirrende Fliegen, die man einfach nicht abschütteln kann.
"Ich muss dir nur unbedingt diesen einen Song vorspielen!"
Ich stöhne entnervt auf und will ihn gerade abwimmeln, als ich erkenne, was er dort hochhält.
Es ist wie ein Schlag ins Gesicht.
Wie der Schlag, den ich Hannah Baker damals im Monet's verpasst habe ...
"Ich muss los!"

Ich schaffe es gerade noch bis in mein Auto, bevor ich die Hände vor dem Mund zusammenschlage, um den Schrei zu dämpfen, der in meiner Kehle aufsteigt. Ich schreie und schreie und hoffe, dass der Laut in dem Motorenlärm um mich herum untergeht. Hinter mir hupt jemand.
Woher hat Tony die Kassetten? Er kam doch auf keiner einzigen vor! Hat er sie etwa gehört? Weiß er jetzt, was passiert ist?
Es dauert eine halbe Ewigkeit, bis mein Herzschlag sich wieder einigermaßen beruhigt, bis meine Gedanken sich wieder beruhigt haben. Ich nehme einen tiefen Atemzug und lehne die Stirn gegen das Lenkrad.
Dumm. Dumm, dumm, dumm. Wer sagt denn, dass das tatsächlich eine von den Kassetten, von Hannahs Kassetten war? Vielleicht wollte Tony mir ja wirklich nur einen Song zeigen - ich habe da schon die seltsamsten Sachen gehört. Und ich bin einfach weggerannt und stehe nun da wie eine Idiotin.
Dumm.
Aber andererseits ... welcher Mensch hört heutzutage noch Kassetten?
Irgendwie kann ich noch nicht nach Hause, kann noch nicht vor meine Familie treten, den Ort aufsuchen, an dem ich das erste Mal seit ihrem Tod Hannahs Stimme gehört habe. Ich muss irgendetwas tun, irgendwo anders hin, muss alleine sein.
Also werfe ich den Motor an und verlasse den Parkplatz, biege auf die Straße nach links ab und nicht wie sonst nach rechts. Die Häuserfronten an den Seiten verschwimmen leicht, als ich beschleunige. Ich versuche, mich allein auf die Straße zu konzentrieren, die Gedanken zu ignorieren, die versuchen, sich in meinen Kopf zu schleichen, aber es hilft nichts - sie sind längst in mein Gedächtnis eingedrungen.
Hannah hat die Mauern, die ich mir in den letzten Wochen aufgebaut habe, untergraben, ohne dass ich das überhaupt mitbekommen habe. In den drei Nächten, die ich wachgeblieben war, um dem zu lauschen, was sie zu sagen hatte, hatte ich gar nichts gedacht, gar nichts gefühlt. Manchmal ist der Schock so groß, dass man nichts tun kann als zuzuhören.
Aber als ich heute vor den Spinden Tyler begegnet bin und er mich angestarrt hat, als stünde Hannahs Geist persönlich neben mir, hat sich etwas verändert. Als sogar Justin den Blick abgewendet hat, als er mich erkannte. Und als Tony nun die Kassette hochhielt ...
Plötzlich tut alles einfach nur weh. Mein gesamter Körper, mein gesamter Geist. Jeder Gedanke scheint in mir zu brennen.
Wie von allein führt mich das Auto durch das gerade Netz aus Straßen, immer weiter zum Stadtkern. Ich erkenne erst, wo ich bin, als ich bereits an dem Parkplatz vor Monet's Garden Café & Coffeehouse angekommen bin. Seltsam, wie das Herz einen manchmal genau an die Orte führt, an die man eigentlich niemals zurückkehren wollte. Seit jenem Nachmittag bin ich nicht mehr hier gewesen.
Wie immer ist unsere Ecke unbesetzt. Es fühlt sich irgendwie falsch an, ohne Alex und Hannah hier zu sein, in genau dem Café an genau dem Tisch, aber dennoch schiebe ich mich auf die schmale Bank, direkt neben den Pfeiler, der noch immer vollkommen von irgendeiner Pflanze überwuchert ist.
Genau hier ist es damals passiert. Hannahs und mein Gespräch, ihre bescheuerten Entschuldigungen, der Schlag. Oh, ich war so wütend gewesen, so enttäuscht, so verunsichert. Von Alex auf die andere Seite der Liste geschrieben zu werden, während Hannah wieder alle Aufmerksamkeit bekam ...
Es hatte so wehgetan. Und ja, es hatte es etwas einfacher zu akzeptieren gemacht, ein wenig von dem Schmerz, dem Gefühl des Verrats genommen, dass Hannah ... oh, Hannah ...
Ich hatte die Gerüchte nur allzu gern geglaubt, obwohl ich irgendwo, tief in mir, gewusst hatte, dass sie nur eine Seite der Wahrheit erzählten.
Ich lasse den Blick über den Pfeiler schweifen, der den Blick ins Innere des Lokals verdeckt. Die grünen Ranken haben den Pfosten fest im Griff, sind eng um ihn geschlungen. Erst jetzt fällt mir wieder ein, was das für eine Pflanze ist. Efeu. Gift.
Was wäre wohl gewesen, wenn ich damals anders gehandelt hätte? Hannah und ich hatten schon damals nicht mehr besonders viel miteinander zu tun gehabt, vielleicht hätte es gar keinen Unterschied gemacht ...
Nein. Ich bin einer ihrer Gründe. Ich hätte etwas verändern können.
Ich bin einer ihrer Gründe. Erst jetzt begreife ich, was das eigentlich bedeutet. Ich bin einer der Gründe, warum Hannah Baker sich letzte Woche das Leben genommen hat. Ich bin schuldig.
Schuldig.
Schuldig.
Mir wird übel. Ich möchte mich in den Efeu neben mir übergeben. Ich will die Zeit zurückdrehen. Ich will wieder hier sitzen, Monate früher, mit Hannah neben mir. Und ich möchte einfach nur die drei Worte sagen, die ich ihr viel früher hätte sagen sollen. "Ich vergebe dir."
Oder: "Alles ist gut."
Oder: "Vergiss die Liste."
Oder: "Vergiss die Gerüchte."
Oder: "Ich glaube dir."
Oder: "Wir sind Freunde." Denn das waren wir. Egal, was wir damals gedacht haben.
Wenn ich mich damals zurückgehalten hätte, auf meinen Kopf und nicht auf meine Wut gehört hätte, dann wäre Hannah vielleicht noch am Leben. Dann wäre vielleicht alles anders gekommen.
"Miss?"
Ich blicke auf und in das schmale Gesicht einer Kellnerin. Sie lächelt. "Möchten Sie etwas bestellen?"
"Eine heiße Schokolade bitte." Die Worte kommen mir wie automatisch über die Lippen. Nie habe ich hier etwas anderes als eine heiße Schokolade bestellt.
Die junge Frau nickt, notiert sich etwas und lässt mich in meiner Ecke wieder alleine zurück.
Wenn ich Hannah nicht alleine gelassen hätte, wenn wir Freunde gewesen wären, hätte ich ihr helfen können. Sie hätte mir erzählen können, dass sie von Tyler gestalkt wurde, und hätte sich dazu nicht Courtney anvertrauen müssen.
Die Kellnerin kommt mit einem dampfenden Becher voll Kakao wieder.
Sie hätte mich anrufen können, als ihr Valentins-Date mit Marcus so entsetzlich schiefgelaufen war. Sie hätte die Komplimente aus den Tüten, die Zach ihr gestohlen hatte, gar nicht gebraucht - sie hätte mich gehabt. Freunde gehabt.
Und selbst auf der Party, auf dieser einen Party ... Vielleicht ... vielleicht hätte sie sogar ... diese eine Sache ... verhindern können ... Vielleicht wäre es gar nicht erst so weit gekommen, wenn wir Freundinnen gewesen wären ... für einander dagewesen wären ...
Erst als ich nach meiner heißen Schokolade greife bemerke ich, wie sehr meine Finger zittern. Ich verbrenne mir die Lippen an dem Getränk, der Geschmack nach Vergangenheit erfüllt meinen Mund.
Ich werde wütend. Sehr wütend. Warum hat Hannah damals nichts getan? Sie war schließlich auch dabei gewesen, auf dieser Party, in dem Schlafzimmer. Sie war da gewesen. Sie hätte etwas tun können! Warum? Warum nicht? Weil du so betrunken warst, Hannah? Das ist keine Ausrede. Das ist keine Ausrede für irgendetwas! Du hättest etwas tun können!
Ich vergrabe das Gesicht in den Händen, plötzlich kann ich es nicht mehr ertragen, das Licht, diesen Ort, diese ganze gottverlassene Stadt zu sehen. Ich hätte nie hierherziehen sollen. Hannah hätte nie hierherziehen sollen.
Aber das ist nicht alles. Da ist noch etwas.
Einfach alles beenden ... das ist doch keine Lösung! Ich hätte Hannah nicht verlassen müssen. Ich hätte ihr zuhören sollen. Ihr glauben sollen. Aber alles, was Hannah gebraucht hätte, war Hilfe. Ob professionelle Hilfe oder nur ein Freund - jemand, der sie versteht, hätte alles verändern können!
Stattdessen ist Hannah erst zu Mr. Porter gegangen, als es schon fast zu spät gewesen war. Als sie die Hoffnung bereits aufgegeben hatte. Stattdessen hat sie erst nach ihrem Tod diese Kassetten verschickt, um das Leben aller Beteiligten noch weiter zu zerstören, als ohnehin schon.
Wir hätte ihr helfen können!
Eine Träne landet in meiner heißen Schokolade. Ich weiche zurück. Das letzte Mal, das ich geweint habe, war noch vor jener Party gewesen.
Unwillkürlich ballt sich meine Hand zur Faust. Ich lehne den Kopf zurück, um die Tränen zurückzuhalten, die sich dennoch beinahe unaufhaltsam ihren Weg meine Wangen hinab bahnen.
Ich habe meine Lektion gelernt. Das haben wir alle, jeder Einzelne, allen voran die, die wie ich auf Hannahs Kassetten angesprochen werden. Aber es ist zu spät! Es ist zu spät für dich, Hannah!
Wenn sie nur etwas gesagt hätte ... nein, wenn wir alle nur früher den Ernst der Lage verstanden hätten ...
Ich zittere immer noch, als ich die Bedienung an meinen Tisch winke, so stark, dass es mir schwerfällt, mein Geld aus der Tasche zu ziehen.
Jeder von uns hat sein Päckchen mit sich herumzutragen, manche leichter, manche schwerer - mindestens das hat Hannah mich nun gelehrt. Aber da ist noch etwas mehr: Niemals, unter welchen Umständen auch immer, möchte ich das tun, was sie getan hat. Niemals möchte ich das hier, dieses Leben, alles, was ich habe, einfach aufgeben und beenden. Niemals möchte ich all jene, die mich lieben, denen ich etwas bedeute, die mich auch nur kannten so verletzen, wie Hannah es getan hat.
Denn auch das ist es, was die Kassetten mir gezeigt haben: Jeder trägt seinen Beitrag dazu bei, dass es so weit kommt, und jeder bekommt seinen Beitrag auch wieder zurück. Jeder erhält seinen Teil der Auswirkungen, seinen Teil des Schocks, des Schmerzes, des Verlusts.
Die Kellnerin - es ist dieselbe wie vorhin; irgendwie kommt sie mir bekannt vor, ich weiß nur nicht, woher - wirkt geschockt, als sie mein tränennasses Gesicht bemerkt. Ich zwinge mich zu einem Lächeln und drücke ihr das Geld für den Kakao in die Hand.
Sie mustert mein fast noch volles Glas. "Hat es Ihnen nicht geschmeckt?"
"Doch, doch." Meine Stimme klingt plötzlich so anders. So wie die Stimme eben klingt, wenn man nicht weiß, ob die Tränen aus Wut oder Trauer über die eigenen Wangen tropfen. "Ich habe hier nur schon zu oft heiße Schokolade getrunken."
_________________________

Lasst mir gerne ein Review da, wenn ihr wollt, würde mich sehr über Kritik oder Gedanken dazu freuen.
Btw, habt ihr eigentlich Entscheidungen getroffen und habt einfach nur Momente, an die ihr oft zurückdenkt und euch fragt, ob alles anders hätte verlaufen können?

Einen schönen Tag noch! Eure Cupcake
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