Der Tod und schneeweißes Haar

von Ammy
OneshotMystery, Übernatürlich / P16
25.02.2019
25.02.2019
1
1388
1
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
„Ich brauche euch nicht!“

„Dann geh doch!“

Ich stand vom Stuhl auf und warf mir meinen blauen Umhang um, bevor ich durch die Eingangstür nach draußen verschwand. Ich rannte durch die dunklen Straßen hinaus aus der Stadt in einen nahegelegenen Wald. Meine Füße trugen mich bis an eine alte Ruine. Ich verlangsamte meine Schritte und betrat das verfallene Gebäude. Der Wind pfiff durch meine langen, blonden Haare und ließ mich frösteln. Ich setzte mich auf ein kleines, verrottetes Mauerstück und hing meinen Gedanken nach. Streit im Hause, bei mir schon zur Gewohnheit geworden. Mein Leben hatte einen anderen Weg eingeschlagen, seitdem mein Vater diese alte Schnepfe geheiratet hatte. Ich kam immer ungerner und später nach Hause, was gewaltig Krach gab. Der Haussegen im Hause hing schier auf halb acht. Schlimmer hätte es kaum kommen können. Ich zählte die Tage inzwischen, als säße ich im Gefängnis. Ich hob meinen Kopf und betrachtete den wunderschönen Sternenhimmel. Es war Vollmond, einfachwundervoll. Die Nacht war schon seit längerem einer meiner besten Freunde. Ich liebte die kühle Nachtluft und schätzte es unerkannt durch die Gassen zu schlendern. Allein… wie immer.
Plötzlich hörte ich Schritte und ein lautes Keuchen. Die beiden Geräusche drangen mehr als deutlich an meine Ohren und als ich geradeaus blickte, sah ich einen kleinen Jungen auf mich zu rennen. Er hatte struppige, braune Haare, welche ihm nur allzu deutlich ins Gesicht hingen. Er stolperte und fiel vor mir auf die Knie.

„Hilf mir!“, schrie er und senkte seinen Kopf.

Ich schaute ihn erstaunt an. Wie sollte ich ihm helfen? Ich wusste es nicht einmal eine Wunde zu versorgen. Ich war grenzenlos überfordert.

„Hilf mir!“, bettelte er ein weiteres Mal und dieses Mal blieb ich nicht still.

„Wie?“

„Hilf mir!“, wiederholte er.

Plötzlich veränderten sich seine braunen Haare, sie verloren ihre Farbe und wurden schneeweiß. Sie wuchsen und wurden mehr als schulterlang. Ich starrte ihn nur wie gelähmt an. Er hob seinen Kopf und blickte mir entgegen. Seine ehemals blauen Augen wurden orange und sein trauriger Blick wurde wütend. Er glich immer mehr einem lebenden Toten, denn seine Haut wurde immer blasser und blasser, desto mehr Zeit verging. Und das Letzte, was mir endgültig die Hoffnung auf eine halbwegs realistische Situation nahm war, dass aus seinem Rücken blasse fast weiße, knochige Flügel emporstiegen. Dünne Häute spannten sich von einem Knochen zum anderen, so wie bei einer Art Fledermaus. Er krallte seine Hände in sein Shirt und riss es sich vom Leib, als hätte es keine Bedeutung. Sein Körperbau war so dünn, dass man den Brustkorb eindeutig unter der Haut ausmachen konnte. Und Oh Gott seine Hände, sie hatten lange, gekrümmte Krallen, mit welchen er langsam, aber bestimmt in meine Richtung wanderte.

„Weißt du, Hilfe ist eben nicht von jedem Menschen zu erwarten. Manche müssen einfach lernen, was für Konsequenzen ihr Handeln hat!“

Er kam mir noch näher. Ich wich zurück und fiel von der niedrigen Mauer ins Gras. Ich krabbelte so schnell es mir möglich war rückwärts, ohne dieses Ding auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen. Doch ich war nicht schnell genug, denn dieses Ding machte einen Sprung auf mich zu. Ich schloss die Augen und hielt meinen Arm schützend vor mein Gesicht. Ich spürte wie ein stechender Schmerz meinen rechten Arm durchzog. Etwas packte mich an meinem linken Handgelenk und zog mich fort… weit fort…

Ich schlug die Augen auf und fühlte ein weiches Bett, oder so etwas unter meinem Rücken. Zwei grüne Augen starrten mich an.

„Ah… gut du bist wach“

Ich wollte aufstehen, doch der stechende Schmerz durchzog abermals meinen rechten Arm und ließ mich zusammenfahren.

„Schon gut, das wird wieder.“

Ich nickte. Sie richtete sich auf und setzte zum Gehen an, doch ich sprang schlagartig auf und packte sie am Handgelenk. Sie drehte sich zu mir um und schaute mich verwundert an. Sie blickte auf meinen Arm und ich erkannte, dass ich sie mit meinem verbundenen Arm gepackt hatte, was ich sogleich bereute. Ich zog meinen Arm zurück und stieß einen stummen Schmerzensschrei aus.

„Erstaunlich!“

Endlich wagte auch ich es den Mund aufzumachen:

„Was?“

„Du hast eine schwerwiegende Verletzung erlitten, normalerweise hättest du den Arm erst nach ein paar Wochen bewegen können.“

„Wieso, also wodurch eigentlich?“

Meine Neugier war entfacht.

„Erinnerst du dich nicht mehr?“

„Doch, aber dieser Junge…“

„… er hat sich verwandelt“

„Genau!“

„in einen Nex“

„Was sind diese, also wieso?“

„Nex sind eigentlich so etwas wie Geister. Menschen, welche unbedingt weiterleben wollten. Sie sind hauptsächlich bei Vollmond präsent, weil dann ist es ihnen am einfachsten die Grenze zu unserer Welt zu überschreiten. Sie können auch sonst nachts vorkommen, aber niemals tagsüber.“

„Gut und weshalb habe ich diese Dinger noch nie früher bemerkt?“

„Sie sehen aus wie Menschen, wenn sie sich unter diesen bewegen, nur für sogenannte Sehende sind sie identifizierbar.“

„Bin ich auch so ein Sehender?“

„Jetzt schon. Man kann auf verschiedenste Art und Weise zum Sehenden werden: Du bist Sehender, da du eine Verwandlung beobachtet hast, es kann aber auch angeboren sein oder… egal. Zuletzt ist es auch möglich durch bestimmte Augentropfen für kurze Zeit die Nex erkennen zu können.
Ich werde dich nun wieder allein lassen. Schlafe ein wenig.“

Sie drehte sich mit dem Rücken zu mir und ihre schwarze Kapuze rutschte von ihrem Kopf. Nun sah ich das Übel: sie hatte schneeweiße Haare genau solche, wie die Nex. Ich wich erschrocken an die andere Seite des Bettes zurück.

„Was ist?“, fragte sie mich.

„n…nichts“, log ich mit zittriger Stimme.

Sie schenkte mir keine weitere Beachtung, sondern verließ das kleine Häuschen durch die Tür.
Ich atmete aus.Es war wohl besser, wenn ich meine Erkenntnis erst einmal für mich behielt. Sie war also ein Nex, aber sie war doch so… so menschlich. Vielleicht war dies ihre Tarnung, wer konnte das schon sagen…
Meine Gedanken drehten sich noch eine ganze Weile im Kreis, doch es fiel mir mit der Zeit immer schwerer einen klaren Gedanken zu fassen. Mein Kopf dröhnte. Ich schloss die Augen. Der heutige Tag war wohl doch ein wenig viel für mich gewesen.


Ich erwachte in meinem Bett. Alles schien normal zu sein. War das alles wirklich nur ein Traum gewesen? Ich richtete mich auf und ließ meinen Blick zu meinem Arm schweifen. Kein Verband, kein Schmerz, alles in Ordnung. Doch das Gefühl, dass hier irgendetwas nicht stimmte, ließ mich nicht los. Etwas an dieser Geschichte war faul.
Ich stand aus meinem Bett auf und ging in die Küche, wo meine Stiefmutter schon am Herd stand und Frühstück zubereitete. Ich setzte mich auf jenen Stuhl, von welchem ich erst gestern Abend abgehauen war und starrte auf das Nutella Brot auf meinem Teller. Ich nahm dieses Brot in die Hand und aß ein paar Bissen, bevor ich ins Badezimmer verschwand, um mich auf den kommenden Schultag vorzubereiten. Ich wusch meine Haare und mein Gesicht, dann zog ich mir ein frisches Shirt und Hose an. Ich verließ die Wohnung wie gewohnt gegen sieben und rannte Mal wieder in aller Hektik zum Schulbus, welcher mich in das nahegelegene Gymnasium fuhr. Ich rannte die drei Stockwerke bis zu meinem Klassenraum hinauf und setzte mich mit dem Rücken an einen Schließfächerschrank. Ich wartete geduldig bis unsere Klassenlehrerin die Tür aufschloss und uns in den Raum ließ. Ich setzte mich in die letzte Reihe und starrte zur Tafel, wo jene stand…
Ich traute meinen Augen nicht und doch lauschte ich der Klassenlehrerin:

„Ihr habt ab heute eine neue Mitschülerin in der Klasse. Ihr Name ist Isabella. Bitte gebt gut auf sie acht und zeigt ihr unsere Schule.“

Dieses Mädchen, es hatte lange, schneeweiße Haare und grüne Augen, welche ich ganz genau kannte.
Sie lief auf mich zu und setzte sich neben mich.

„Hallo, wer bist du?“

„Ich…Ich bin Nicklas.“

„Schön dich kennenzulernen Nicklas, ich bin Isabella.“

Ich starrte sie immer noch unbeholfen an und fragte mich ein weiteres Mal:
War das alles wirklich nur ein Traum gewesen?


Wenn ihr die Idee gut findet und eine ganze Geschichte darüber wollt, wird es auch gerne so eine geben. Schreibt mir gerne eine Review und zeigt mir, dass es euch interessiert. Ich lese alles, versprochen.
Ammy
Review schreiben