Ein (Alp)Traumhaus im Grünen

GeschichteSchmerz/Trost / P18
25.02.2019
21.05.2019
30
31776
3
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
Jemand hielt ihn am Arm fest, er wehrte sich, wollte sich dem Griff entziehen, doch der wurde dadurch nur noch fester. Er blickte direkt in Marks fies grinsendes Gesicht. “Du gehörst jetzt mir...und ich werde jede Sekunde genießen und ausnutzen. Ich werde Dinge mit dir anstellen...die dafür sorgen werden...dass du schreist.“ Ben kniff die Augen zusammen, zappelte, stöhnte gequält auf. Und dann hielt er es einfach nicht mehr aus und schrie laut auf, all seinen Schmerz und seine Angst heraus. Mark rüttelte an ihm, klatschte ihm ins Gesicht. Ben schlug die Augen auf und erblickte Semir. Dieser sah verzweifelt und mit Tränen in den Augen auf ihn nieder. Ben japste nach Luft, war schweißgebadet, einzelne Haarsträhnen klebten ihm im Gesicht. Semir redete beruhigend auf Ben ein: “Is gut Partner...alles ist gut. Hey...komm runter, es war ein Traum. Du bist in unserem Haus...bei mir und Andrea,okay?!“ Er setzte sich langsam auf, strich sich die Haare aus dem Gesicht und wischte sich die Tränen weg. Dann sah er an Semir vorbei zu Andrea, die voll verschlafen mit zersausten Haaren im Türrahmen stand. Sie sah ihn besorgt an, woraufhin er verlegen seinen Kopf senkte. Er war vor fünf Tagen entlassen worden und sofort bei den Gerkhans eingezogen. Sie hatten ihm überhaupt keine Wahl gelassen, Semir drohte sogar damit, ihm den Wohnungsschlüssel wegzunehmen. Jede Nacht plagten ihn diese Alpträume, die sich so lebhaft und real anfühlten. “Es tut mir echt leid...wirklich. Vielleicht sollte ich in meine Bude zurück.“ Semir stöhnte genervt auf: “Nix da...du bleibst hier! Wir sind Freunde und die passen aufeinander auf. Du hast Furchtbares durchmachen müssen, das steckt man nich mal eben so weg, das braucht Zeit. So...und jetzt leg dich wieder hin!“ Er legte sich wieder hin, und als er zu Tür sah, lächelten ihm Andrea und Semir aufmunternd zu. “Ach Ben? Denk an den Termin bei der Psychologin heute. Auch wenn du es nicht willst, du musst da hin. Ohne Therapie darfst du nicht zurück in den Dienst. Du wirst sehen, es wird dir helfen.“ Ben rollte theatralisch mit den Augen und Semir musste schmunzeln. Dann war Ben allein, an Schlaf war überhaupt nicht zu denken, der Wecker zeigte 3:57 Uhr. Sein Gedanken-Karussel begann sich wieder zu drehen. Von Marley hatte er nichts mehr gehört, er hatte keine Ahnung, wie es ihr geht. Blöde Frage, wie soll 's ihr schon gehen, nach all dem. Heute wurden ihre Aussagen aufgenommen. Eva saß in der Psychatrie, hatte wohl geredet wie ein Wasserfall. Trotzdem sollten er und Marley dazu befragt werden. Ihm wurde ganz flau im Magen, bei dem Gedanken daran, nochmal alles durchleben zu müssen. Er hatte Semir zwar schon einiges erzählt, aber diese Sache mit ihm und ihr hatte er ausgelassen. Zu groß war die Angst vor seiner Reaktion, seinem Blick. Eva hatte Recht, er litt Höllenqualen, fühlte sich schuldig und hilflos. Selbst jetzt hatte diese Schlampe noch Macht über ihn und damit ihr Ziel erreicht. Er versuchte sich zu beruhigen, indem er sich immer wieder sagte, dass er Marley doch nur beschützen wollte. Mark wäre sonst über sie hergefallen wie ein Tier. Doch das änderte rein gar nichts an dem, wie es in ihm drin aussah. Er musste mit ihr reden, musste wissen, warum sie einfach so aus dem Krankenhaus verschwand, so abweisend zu ihm war. Kurz nach ihrer Befreiung war doch alles okay. Selbst während dieser Horror-Tage hatte sie immer wieder betont, dass ihn
keine Schuld traf. Und plötzlich ging sie ihm aus dem Weg, mied ihn, ließ sich weder von ihm helfen noch berühren. Als wäre er ein Monster. War er das jetzt etwa in ihren Augen? Er musste das mit ihr klären, am besten nachdem er die Befragung und den Termin mit der Psychologin hinter sich gebracht hat.
Als er aufwachte, war es hell draussen. Dem Wecker nach zu urteilen, hatte er noch gut 4 Stunden geschlafen. Er quälte sich aus dem Bett und schlürfte ins Bad. Nachdem er geduscht und angezogen war, putzte er sich die Zähne. Aida hatte ihm doch wahrhaftig eine pinke Zahnbürste angedreht. Bei der Erinnerung an seine letzte Zahnbürsten-Diskussion musste er schmunzeln. Doch schnell wurde er eingeholt, vom Hier und Jetzt. Bevor er nach unten ging, warf er einen letzten Blick in den Spiegel. Er war blass und unter seinen Augen lagen tiefe Schatten. Als er in die Küche kam, saßen alle schon am gedeckten Tisch. Es roch nach Kaffee und frischen Brötchen. Mit einem knappen 'Guten Morgen' setzte er sich dazu. Eigentlich hatte er keinen Hunger, doch er würgte sich ein Brötchen und eine Tasse Kaffee runter. Er spürte Semirs Blick auf sich, doch er reagierte nicht, hatte keinen Bock auf Konversation. Dann stand Semir auf, schnappte sich Jacke und Autoschlüssel. In Ben machte sich schlagartig Panik breit, am liebsten hätte er sich in seinem Zimmer eingeschlossen. Er atmete tief durch, stand auf und zog sich seine Jacke an. Auf dem Weg zu Semir wurde er von Andrea aufgehalten. Sie lächelte ihn an, strich ihm durch's Gesicht: “Du schaffst das, du bist nicht allein.“ Er nickte und umarmte Andrea. Dann folgte er Semir zum Auto, der gerade am Telefonieren war. Als Ben einstieg beendete er das Telefonat abrupt, wirkte aufgebracht. Schweigend fuhren sie zur Past. Dort angekommen brach ihm der Schweiß aus, er wollte das nicht, doch es musste sein. Die einzige Sache, die ihn etwas beruhigte, war, dass nur Semir und Frau Krüger dabei waren. Im Büro setzten sie sich an ihre Schreibtische. Ben seiner sah noch genauso aus, wie er ihn an jenem Tag verlassen hatte. Wütend fegte er mit seinem Arm darüber, so dass die Hälfte zu Boden ging. Semir stand auf und begann Akten, leere Kaffeebecher und Schokoladenpapier aufzusammeln. Dann sah er zu seinem Partner auf. “Hey Ben...ich muss dich jetzt kurz allein lassen. Die Krüger hat schon mit der Befragung angefangen...Marley ist hier. Ich hab der Chefin vorhin gesagt, dass es 'ne scheiß Idee ist, wenn ihr beide gleichzeitig hier seid. Gerade nachdem du im Krankenhaus so...durchgedreht bist. Aber sie hat sich nicht davon abbringen lassen. Du wirst uns nicht dazwischen funken! Du bleibst hier! Hast du mich verstanden?!“ Ben sah ihn verzweifelt an, nickte aber. “Semir? Wir bleiben doch Freunde, oder? Egal was auch kommt?“ Semir sah seiner Partner fragend an, nickte und lächelte. Er wollte grad aus dem Büro marschieren, doch Ben hielt ihn nochmals auf: “Und kannst du Marley bitte sagen, dass sie bitte keinen Mist bauen soll?!“ Semir nickte nochmals und ließ ihn allein. Er schnappte sich seine Gitarre und strich gedankenverloren über die Saiten.
Als Semir in den Verhörraum kam, begrüßte er Frau Krüger und Marley, die wie Ben vollkommen fertig aussah, so blass und verletzlich. Er überflog das Protokoll und stellte fest, dass sie schon fertig waren. Ihm drehte sich der Magen um, bei dem, was er gelesen hatte. Ihre Aussage deckte sich mit der von Eva und dem, was Ben erzählt hat. Doch er wurde das Gefühl nicht los, dass das noch nicht alles war. Irgendwas verschwiegen sie. Er sah Marley eindringlich an, Tränen glitzerten in ihren Augen, sie spielte nervös an ihrer Kette. “Hey...Marley...du hast es fast geschafft, okay? Eine Frage nur noch...was meintest du mit dem Zettel? Ben war danach so aufgelöst, dass wir einen Arzt holen mussten.“ Sie zuckte bei seinem Namen zusammen, begann kaum hörbar und stockend zu erzählen. “ Mark und Eva haben ihn vor die Wahl gestellt. Entweder...er...schläft...mit mir...oder Mark würde es uns...“ Sie verzog angewidert ihr Gesicht, Tränen kullerten über ihre Wangen. Sie musste das tun, allen glaubhaft machen, dass Ben sie hat hängen lassen. “Ben hat versprochen...mich nicht anzufassen...mich zu beschützen. Aber er hat es nicht getan....nichts von beidem konnte er halten. Und jetzt möchte ich bitte gehen. Ich denke, wir sind hier fertig!“ Sie stand auf und wandt sich zum Gehen. Doch Semir hielt sie am Arm zurück. “Ich soll dir von Ben sagen, du sollst bitte kein' Mist bauen. Er macht sich große Sorgen um dich. Marley...ihm geht's echt beschissen. Er redet kaum, isst kaum etwas, hat Alpträume...ruft im Schlaf nach dir.“ Ohne ein weiteres Wort verließ sie den Raum. Als sie auf den Parkplatz kam, stand Ben plötzlich vor ihr. Sie wollte sich an ihm vorbei schlängeln, doch er hielt sie fest. Marley funkelte ihn böse an: “Lass mich los! Fass...mich...nie...wieder...an! Verschwinde einfach aus meinem Leben!“
Er zog seine Hand zurück, als hätte er sich verbrannt. Als sie seinen verletzten Gesichtsausdruck sah, zog sich ihr Herz schmerzhaft zusammen. Am liebsten wäre sie zurück gerudert, hätte ihm gesagt, warum sie so gemein zu ihm war und auch sein musste. Aber es war besser, so waren sie beide sicher, hoffte sie zumindest. Ben riss sie aus ihren Gedanken: “Es tut mir so unendlich leid, das musst du mir glauben. Aber was hätte ich denn tun sollen, hm? Bitte...Marley...“ Sie ignorierte seinen flehenden Blick, die Tränen in seinen Augen, die Verzweiflung in seiner Stimme und ließ ihn einfach stehen. Sie lief zu einem älteren Paar, wurde von ihnen umarmt. Vermutlich waren das ihre Eltern. Dann stiegen sie in einen schwarzen Kombi und fuhren vom Gelände.
Review schreiben