Eleganz

GeschichteAbenteuer, Romanze / P16
Hisagi Shuuhei Matsumoto Rangiku Urahara Kisuke
25.02.2019
10.12.2019
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Der nächste Morgen kam wieder einmal viel zu schnell. Nana murrte ihren Wecker an, der penetrant piepte. Sie blinzelte durch ein Auge aus dem Fenster ihrer kleinen gemütlichen Wohnung und seufzte. Draußen strahlte die Sonne auf einem azurblauen Himmel und durch das gekippte Fenster hörte sie munter die Vögel zwitschern.
„Macht nicht so einen Lärm“, knurrte sie verschlafen und zog sich die Decke über den Kopf. Als der Wecker ein weiteres Mal los piepte, stöhnte sie genervt und stand doch auf. Alles in ihr weigerte sich, in die zehnte Einheit zu gehen. Sie war überhaupt nicht scharf drauf, Teil des Trainings zu werden. Denn so wie Hisagi gestern Abend angedeutet hatte, drehte es sich hierbei um ein gesamtheitliches Training aller Mitglieder. Mit Shouta und den anderen wäre es nicht so schlimm gewesen. Aber womöglich die ganze Einheit als Zuschauer zu haben…?
Nein, darauf freute sie sich absolut nicht. Wenn sie ehrlich war, hatte sie sogar richtig Muffensausen. Doch es half alles nichts. Nach einem kargen Frühstück aus restlicher Miso-Suppe, die sie noch in der Küche fand und einem Kaffee, schlurfte sie los. Sie war trotz ihrer Morgenmuffeligkeit reichlich früh dran. Nana hatte nämlich keine Lust auf das Getümmel, das automatisch ausbrach, wenn alle Shinigami früh in ihre Einheiten hetzten.
Ihr Zanpakuto hatte sie ordentlich an ihrer Hüfte befestigt und hing ihren Gedanken nach, als eine Stimme sie aus ihren Gedanken riss.
„Guten Morgen Watanabe-San.“  Hinter ihr war Kyo, derjenige, der so aussah wie Shoutas Bruder.
„Guten Morgen Morishige-San“, grüßte sie ihn möglichst neutral zurück. Sie war verwundert, dass er sie ansprach.
„Ich wollte dir noch für die aufschlussreiche Demonstration gestern danken. Das hat mich sehr beeindruckt.“
Nana nickte nur stumm und verarbeitete gerade den Eindruck, den Kyo bei ihr hinterließ. Er sah Shouta nicht nur sehr ähnlich mit seinen langen schwarzen Haaren und dem kantigen, scharf geschnittenen Gesicht. Er hatte eine ähnlich angenehme Stimme. Nur die Augen, schoss es Nana durch den Kopf. Shoutas sind richtig schön blau, während Kyo ähnlich braune Augen wie sie selbst hatte.
„Es hat mich ebenfalls sehr gefreut, an eurem Training teilnehmen zu dürfen“, kramte sie ihre Manieren wieder hervor.
„Wie viel Erfahrung hast du denn im Kendo?“, wollte Kyo wissen und erinnerte sie damit an das unangenehme Thema Training.
„Nun ja, die Grundlagen aus der Akademie beherrsche ich schon. Aber ich hatte bisher keine wirklichen Einsätze, nur Übungskämpfe mit anderen Schülern.“
„Wie ich gehört habe, will der Vizekommandant Übungskämpfe anweisen, in denen es heißt, Jeder gegen jeden.“, merkte Kyo ruhig an. Nana sackten mutlos die Schultern herab.
„Ja, das habe ich auch gehört“, nuschelte sie. Kyo betrachtete sie mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Solche Bedenken?“ Nana lachte unglücklich.
„Ich bin Watanabe Nana, hinterletztes Schlusslicht in der Einheit. Schon vergessen? Ich bin ein leicht gefundenes Fressen für die Anderen. Zumal ich im Schwertkampf wirklich nicht gut bin.“
Kyo legte den Kopf schief.
„Ich denke nicht, dass du das hinterletzte Schlusslicht bist. Nicht nachdem, was ich gestern gesehen habe.“  
Nana blieb stehen und starrte Kyo misstrauisch an.
„Okay, raus mit der Sprache.“ Kyo blieb ebenfalls stehen und sah sie fragend an. „Bis gestern kanntest du kaum meinen Namen. Und nun geleitest du mich zur Einheit und…ja…und baust mich auf? Warum der Sinneswandel, Morishige-San?“
Kyo schnaubte amüsiert. „
Eigentlich aus dem gleichen Grund wie Shouta.“
„Seid ihr Geschwister?“, fragte Nana ungeschickt. Kyo schüttelte den Kopf.
„Nein, nur Freunde.“
„Ah…okay“, machte Nana unsicher.
„Um zu deiner Frage zurückzukommen“, Kyo setzte seinen Weg langsam fort und Nana folgte ihm, „Shouta hat beschlossen, dich zu prüfen und hat sich entschieden, dich als Freund zu akzeptieren. Da er mein Freund ist und ich ihm vertraue, sehe ich keinen Grund, dich anders als er zu behandeln.“
„Aha“, machte Nana etwas angesäuert. „Und wenn Shouta entschieden hätte, mich in einem Fluss zu ertränken, dann hättest du das auch akzeptiert weil er dein Freund ist und du ihm vertraust?“ Kyo seufzte tief.
„Du machst es einem wirklich schwer dich zu mögen, Watanabe-San.“
Er warf sich mit einer eleganten Kopfbewegung ein paar Strähnen hinter die Schultern und meinte: „Auch wenn Shouta mein vollstes Vertrauen genießt, habe ich selbst immer noch meine Ehre und meine Ansichten, die ich auch gegen Andere vertrete.“
„Ich wollte dich nicht beleidigen oder gar deine Ehre in Frage stellen“, entschuldigte Nana sich und warf ihm einen interessierten Seitenblick zu. Kyo Morishige war der Inbegriff eines stolzen Schwertkämpfers. Aufrecht, mit stoischer Miene und der Hand immer am blank polierten Schwert, schritt er neben ihr her und sah dabei so ehrfurchtsgebietend aus, wie man als Schwertkämpfer nur aussehen konnte. Kurz erinnerte er sie an den Kommandanten der sechsten Division Kuchiki Byakuya. Auch dieser mann war das, was man sich unter einem stolzen Shinigami vorstellte. Schnell verdrängte sie diese Gedanken wieder.
„Weißt du, es ist nur seltsam“, begann Nana zu erklären. „Bis vor ein zwei Wochen hat sich niemand aber auch gar niemand für mich interessiert. Und durch einen Zufall komme ich mit Shouta Koshi ins Gespräch, lerne ihn etwas besser kennen und werde kurzerhand seinen Freunden vorgestellt, die mich daraufhin plötzlich als Trainingspartner akzeptieren?“
„Ich gebe zu, dass klingt seltsam“, war alles was Kyo darauf erwiderte. Als Nana ihn stumm anstarrte, blickte er ebenfalls kurz in ihre Richtung. Er bemerkte, wie sie ihn ernst und fordernd ansah und auf eine weiterführende Erklärung wartete. Kyo blickte wieder nach vorn und sah schon das Eingangstor ihrer Einheit.
„Es gibt nichts weiter zu erklären“, sagte er schlicht. „Du hast festgestellt, dass es eine ungewöhnliche Situation ist und ich habe dir Recht gegeben. Was willst du weiter hören? Akzeptiere die neue Situation. Oder möchtest du das etwa nicht?“
„Was?“ Nana war etwas aus dem Konzept gebracht. „Doch! Natürlich möchte ich das! Aber es kommt alles so plötzlich! Grundlos!“
„Glaub mir Watanabe-San, nichts geschieht grundlos.“ Er hielt ihr Gentlemanlike das Tor auf und ließ sie zuerst passieren. Nana war überrascht, welch angenehme Manieren Kyo hatte und beschloss, sich einen Ruck zu geben. Vielleicht sollte sie die Dinge doch nicht bis ins Letzte hinterfragen. Zumal sie die Situation wirklich genoss, mit anderen aus ihrer Einheit ganz normal reden zu können. Etwas beruhigter folgte sie ihm in das Dojo. Außer ihnen war noch niemand da.

„Wir sind etwas früh dran. Wenn du möchtest, können wir die Zeit nutzen und beginnen mit ein paar Grundübungen“, bot Kyo ihr an. Nana schluckte schwer. Dieses ausgesprochen freundliche Angebot abzulehnen, käme einer Beleidigung gleich. Also nickte sie und lächelte gezwungen. Kyo reichte ihr eines der Bambusschwerter und stellte sich ihr gegenüber auf.
„Du bist verkrampft. So wird das nichts“, meinte er als er sah, dass Nanas Fingerknöcheln weiß hervortraten, so fest wie sie sich an das Schwert klammerte.
„Ich...also…“, stammelte sie und der kalte Schweiß brach ihr aus.  Kyo Morishige gegenüberzustehen war eine beklemmende Erfahrung, denn sie hatte von seinen Fähigkeiten gehört. Er galt als überragender Schwertmeister und führte seine Klinge wie kaum ein Zweiter. Mal abgesehen von den Hauptmännern. Und genau aus diesem Grund meldete sich ihr Komplex gegenüber Autoritäten mal wieder.
„Watanabe-San. Das hier ist nur eine Übung. Nichts wovor du Angst haben musst.“ Sein beruhigender Bariton schmeichelte ihren Ohren, konnte die nervöse Aufregung aber nicht dämpfen.
„Es…ich werde es versuchen….“, brachte sie hervor und ging bemüht aufrecht in Kampfhaltung. Kyo betrachtete sie einen Moment, dann legte er das Bambusschwert wieder weg.
„So wird das nichts“, sagte er und Nana dachte schon, sie hätte ihn zutiefst enttäuscht bevor sie überhaupt begonnen hatten, da trat er hinter sie. „Du machst jetzt das was ich sage, ja? Ich gebe dir ein paar kleine Anweisungen zur Haltung. Damit beginnen wir.“
„G…gut“, nickte sie. Seine Hand legte sich sacht auf ihren rechten Unterarm.
„Richte dich ein wenig weiter nach links aus. Du stehst genau mittig deinem Gegner gegenüber. Ich habe mir angewöhnt, die Klinge etwas nach links zu richten. Aus diesem kleinen veränderten Winkel heraus, kannst du Angriffe von oben leichter ableiten. Das demonstriere ich dir später genauer. Gut, genau so.“ Nana spürte, wie ihr Herzrasen ein wenig abklang und bemühte sich, seinen Anweisungen genau zu folgen. „Jetzt ziehe deinen linken Fuß ein Stück zurück. Der Abstand deiner Füße ist zu groß. Ja, genau. Und nun drücke deinen Rücken noch etwas mehr durch. Genau. Du machst das gut.“

Als eine gute halbe Stunde später Shouta in Begleitung von Toshio und Masahiro das Dojo betraten, waren Nana und Kyo in der Ausführung einfacher aber grundlegender Bewegungsabläufe vertieft. Nanas Mine war hochkonzentriert und ihre gesamte Körperhaltung angespannt aber nicht mehr verkrampft. Kyo sprach ruhig mit ihr und streute hier und da ein lobendes oder aufmunterndes Wort mit ein. Die drei Neuankömmlinge betrachteten neugierig Kyo und Nana und schwiegen, damit sie sich weiter konzentrieren konnten. Nana schlug sich wacker. Sie bemühte sich sämtliche Anweisungen Kyos bestmöglich umzusetzen und sich alles zu merken. Sie war so vertieft, dass sie die starrenden Blicke der anderen Drei gar nicht mitbekam. Erst als eine lautstark geäußerte, hämische Bemerkung zu ihr hallte, riss sie den Kopf hoch.
„Hey Watanabe! Übst du neue Techniken um den Besen besser schwingen zu können?“ Sofort wallte Zorn in ihr hoch und sie fletschte die Zähne, als sie versuchte herauszufinden, wer von den neu Angekommenen sie beleidigt hatte. Doch ehe sie ihre Wut auf einen minderbemittelt wirkenden Shinigami richten konnte, war Shouta schon zur Stelle. Ohne Vorwarnung schlug er dem feist grinsenden Shinigami seine Faust zwischen die Kiefer. Als er zu Boden ging, grinste er nicht mehr. Verdattert starrte Nana auf Shoutas noch erhobene Faust.
„Noch jemand eine dumme Bemerkung?“, fragte Shouta entspannt und sah mit erhobener Faust in die Runde.
„Das wars wohl fürs Erste“, sagte Kyo da und tätschelte Nana kur die Schulter. „Du hast Talent. Dir fehlt nur ein wenig Übung.“
Nana drehte sich zu Kyo um und versuchte dieselbe würdevolle Miene zu bewahren wie er. Sie verbeugte sich tief und hielt die Luft an, da sie vor Stolz und Freude zu platzen schien. Hitze schoss in ihr Gesicht und als sie sich wieder aufrichtete, verrutschten Kyo ein wenig die Mundwinkel ein wenig nach oben.
„Ich...“, setzte Nana an, da funkte Shouta dazwischen.
Er legte Nana einen Arm fest um die Schultern und grinste: „Nun freu dich doch. Dieses albern ernste Gehabe passt nicht zu dir. Du platzt sonst noch.“ Nana, mittlerweile hochrot im Gesicht, packte daraufhin Kyos Hand und schüttelte sie fest.
„Ich danke dir! Das war wohl die lehrreichste Stunde, die ich jemals hatte!“
Kyo, wenig verwirrt über ihren freudigen Ausbruch, drückte ihre Hand sanft.
„Gern geschehen. Du bist eine sehr gelehrige Schülerin. Wenn du möchtest, üben wir häufiger zusammen.“
„Sehr gern Morishige-San!“
„He! Kyo! Vergiss nicht, dass wir ebenfalls deine Trainingspartner sind!“ Toshio und Masahiro traten mit hinzu.
„Keine Sorge Toshio-San. Mit Nana in unserer Gruppe hast du einen Trainingspartner, der in etwa auf deinem Niveau ist. Das sollte es dir ein wenig leichter machen, einige Anweisungen umzusetzen“, meinte Kyo in einem freundlichen Ton, erreichte aber nur, dass Toshio die Hutschnur platzte!
„Ha! Von wegen gleiches Niveau!“, schnaubte Toshio und taxierte Nana mit seine stechend hellblauen Augen. „Du magst im Kido einiges auf dem Kasten haben aber im Zanjutsu zeig ich dir noch lange, wo der Hammer hängt!“
Nana, durch Kyos Lehrstunde hochmotiviert und durch Shoutas rigoroses Eingreifen, als sie eben beleidigt worden war zuversichtlich geworden, stellte sich Toshio gegenüber und baute sich zu voller Größe auf.
„Ich werde sehr gern gegen dich antreten Kamijo-San“, entgegnete sie entschlossen und mit einem schmalen Lächeln auf den Lippen.
Toshio starrte sie einen Moment lang verblüfft an, dann jedoch breitete sich ein siegessicheres Lächeln auf seinem Gesicht aus.
„Zumindest hast du Mumm Kleines“, ließ er schließlich die ersten lobenden Worte über sie verlauten.
„Kleines?“, wiederholte Nana und grinste. „Du bist nicht viel größer als ich.“
„Tse!“ Toshio verschränkte die Arme selbstsicher vor der Brust: „Als ob es nur auf körperliche Größe ankommen würde…“
„Was soll das hier werden? Zwergenaufstand?“
Shouta, Kyo, Toshio, Masahiro und Nana drehten wie auf Befehl die Köpfe um und sahen eine Gruppe älterer Shinigamis auf sich zukommen. Nana versteifte sich automatisch als sie sah, um wen es sich handelte. Takeo Hirasawa hielt direkt auf ihre Gruppe zu. Nana bemerkte, wie Shouta sich vor sie schob und sie von Hirasawas Blicken abschirmte. Dieser Typ war schon seit Ewigkeiten in der neunten Einheit und als rabiat und gnadenlos bekannt. Nana war bereits einmal mit ihm angerempelt und hatte diese Begegnung nur unbeschadet überstanden, weil sie die Beine in die Hand genommen und immer seine Gesellschaft gemieden hatte. Doch nun gab es keine Fluchtmöglichkeit, zumal der Eingang des Dojos von neugierigen Shinigamis versperrt wurde, die wohl scharf auf eine Prügelei waren. Denn im Moment schien es darauf hinauszulaufen. Wortlos verständigten sich die anderen ihrer kleinen Gruppe und stellten sich nebeneinander auf, die Hand locker auf ihren Schwertgriffen. Hirasawa kam nur wenige Meter mit seinen Kumpanen vor ihnen zum Stehen.
Nana lunzte hinter Shoutas breitem Rücken vorbei und erschauderte. Takeo Hirasawa war ein großer hünenhafter Mann, dem das Wort „Kämpfer“ breit über die Stirn geschrieben stand. Er hatte kurzes, ehemals schwarzes Haar, das nun von breiten grauen Strähnen durchzogen wurde und ihm einen kantigen Zug verlieh. Der breite Kiefer mahlte ununterbrochen und verzerrte eine breite Narbe, die einmal quer von der oberen linken Ecke der Stirn, quer über sein Gesicht lief und rechts am Kinn endete. Ungefragt war Hirasawa ein starker Kämpfer, aber seine gnadenlose Art hatte ihm bisher einen Offizierstitel verhindert.
Seit jeher war er in einer extra Gruppierung der neunten Einheit als Leiter eingesetzt. Nana wusste von dieser Untergruppe nur, dass sie beinahe ständig auf Außenmissionen waren. Ihre Aufgabe war es,  Informationen über drohende Gefahren durch Holows oder andere  potentielle Feinde zu sammeln und nach Seireitei zu bringen, damit man entsprechende Vorkehrungen ergreifen konnte. Eine genauso verantwortungsvolle wie gefährliche Aufgabe.
„Ist das jetzt euer beschissener Ernst?“, dröhnte seine Stimme durch das Dojo. „Diese kleine Made gehört also jetzt zu eurem Kindergartenverein?“
Seine nachtschwarzen Augen fixierten Nana, der es eiskalt den Rücken herunterlief.
„So siehts aus“, entgegnete Shouta ruhig. „Nana gehört zu uns und wer ein Problem damit hat, kann sich gerne zu Wort melden.“
Seine Hand zuckte nur einen winzigen Moment ein wenig fester um seinen Schwertgriff und sofort gingen die Kumpels von Hirasawa in Angriffsstellung. Nana nahm die kleinen Veränderungen sofort wahr. Toshio hatte seine Hände in der Position, das neu erlernte Shakaho abzufeuern, Masahiro hatte die Fäuste leicht erhoben und den Kopf angriffslustig gesenkt, Kyo hatte sein Zanpakuto wenige Millimeter aus der Schwertscheide gehoben. Nana spürte wie das Reiatsu im Raum anschwoll und überlegte fieberhaft, wie sie einer Schlägerei irgendwie noch Einhalt gebieten konnte. Da lachte Hirasawa. Es klang als würde man trockene Zweige zerbrechen und abermals rann ihr eine Gänsehaut über den Körper.
„Ich werde mich nicht wegen dieser kleinen Made mit dir streiten, Koshi. Aber ich gebe dir den Rat, ab jetzt gut auf dein kleines Spielzeug aufzupassen. Kann sein das ich sie mir bei Gelegenheit mal genauer anschauen werde.“
Sein eisiger Blick traf Nana direkt ins Mark und ihre Hand grub sich von ganz allein in den Stoff von Shoutas Uniform. Kalt kreiste das Blut in ihren Adern und sie spürte die nackte Angst ihren Rücken hinaufkriechen.
„An deiner Stelle würde ich mir deine Worte noch einmal genau überlegen“, knurrte da Shouta und seine Aura wurde nicht weniger bedrohlich als die Hirasawas. Langsam zog Shouta sein Schwert und sein Gegenüber tat es ihm gleich.
„Shouta, bitte…“, flehte Nana leise und wollte ihn zurückhalten eine große Dummheit zu begehen, da durchschnitt eine kalte Stimme die Anspannung der beiden Kontrahenten.
„Hirasawa! Koshi! Genug!“
Nana atmete erleichtert auf. Hisagi erschien in der Tür und all die neugierigen Shinigami stoben auseinander um ihren Vorgesetzten Platz zu machen. Mit gemessenen Schritten kam er auf sie zu und die blanke Wut stand ihm ins Gesicht geschrieben.
„Wir sind eine Einheit!“, herrschte er die beiden gegenüberstehenden Männer an. „Wir bekämpfen uns nicht! Wir trainieren zusammen und helfen uns gegenseitig im Notfall! Habt ihr das vergessen?!“
Nana konnte Hisagi nur anstarren. Die Wut die er gestern Abend bei ihrer Schnüffelei gezeigt hatte, war ein Witz gegen den blanken Zorn, den er jetzt an den Tag legte. Seine Augen waren zu schmalen Schlitzen verengt und seine ganze Körperhaltung aggressiv und ehrfurchtsgebietend. Nana erkannte ihren Vizekommandanten kaum wieder. Doch dieses Gebaren zeigte schnell Wirkung. Shouta ließ von seinem Zanpakuto ab und richtete sich auf. Nach kurzem Zögern tat es Hirasawa ihm gleich und das brodelnde Reiatsu wich allmählich.
Hirasawa blickte kurz zu Hisagi, verneigte sich spöttisch und sagte: „Vizekommandant Hisagi.“  
Damit drehte er sich herum und ging. Nana atmete hörbar aus.
„Immer wenn etwas passiert, bist du in irgendeiner Art und Weise mit involviert.“
„Tut mir leid, Vizekommandant Hisagi. Aber diesmal habe ich wirklich nicht angefangen“, entgegnete Shouta und sah sich nach Nana um.
„Alles klar bei dir?“ Nana nickte nur stumm und löste den Klammergriff, mit dem sie sich an Shouta gehangen hatte.
„Was ist passiert?“, wollte Hisagi wissen und als er Nanas nervös flackernden Blick sah, wurde seiner weicher.
„Nun…“, setzte Shouta an, doch Nana unterbrach ihn.
„Nein, lass mich erklären. Bitte.“ Sie sah Shouta stumm an und der nickte seufzend.
„Also eigentlich hatte ich gerade mit Morishige-San ein paar Grundübungen im Kendo, beziehungsweise Zanjutsu durchgeführt. Dann, kurz bevor das Training losgehen sollte, kam Hirasawa an und hat Shouta und die anderen herausgefordert. Ich bin ihm, Morishige-San, Kamijo-San und Saito-San sehr dankbar, dass sie sich vor mich gestellt haben und mich in Schutz genommen haben.“
Sie sah jeden Einzelnen dankbar lächelnd an und jeder nickte ihr aufmunternd zu. Selbst der zänkische Toshio grinste.
„Hat er ohne jeden Grund angefangen?“, fragte Hisagi nach.
„Hirasawa fängt jeden Streit grundlos an“, entgegnete Kyo ruhig.
„Er hat etwas gegen Schwächere“, fügte Masahiro hinzu und sah Nana an. „Du bist für ihn ein gefundenes Fressen, Watanabe-San.“
Nana senkte den Kopf und seufzte lautlos.
„Keine Sorge.“ Eine breite warme Hand fand ihre Schulter. Shouta zog sie etwas enger an sich heran. „Wir passen auf sie auf. Erstens, dass sie keine Dummheiten macht und zweitens, dass ihr nichts passiert.“
Nana stieg schon wieder das Blut in den Kopf.
„Danke. Ihr alle“, nuschelte sie ergriffen und knetete verlegen ihre Finger. Hisagi betrachtete die Situation vor sich eingehend. Schließlich ließ er die Anspannung von seinen Schultern fallen und fuhr sich mit den Fingern durch das strubbelige Haar.
„Na schön. Ich glaube euch. Und ich bin froh zu hören, dass wenigstens ihr aufeinander aufpasst.“ Tatsächlich fand er es sogar bemerkenswert, dass dieses kleine Grüppchen sich so vehement vor Nana gestellt hatte. Hisagi hatte sowieso schon länger befürchtet, dass es irgendwann mal größere Probleme mit Takeo Hirasawa geben würde. Aber damit würde er sich etwas später befassen müssen. Jetzt hieß es, seine Einheit zum Training zu verdonnern.
„Bildet Gruppen und stellt euch in Reihe auf. Jeder Übungskampf dauert fünf Minuten. Danach wird der Partner gewechselt! Jeder trainiert mit zwanzig Partnern, dann gibt es zehn Minuten Pause!“
Hisagi selbst reihte sich ebenfalls mit ein. Er nahm gern regelmäßig am Training teil. Nicht nur um mit seinen eigenen Leuten in Kontakt zu kommen, sondern auch um auf andere Gedanken zu kommen.
„Fangen wir an!“, wies er an und kurz darauf hörte man nur das Schlagen der Bambusschwerter und zunehmend keuchenden Atem. Automatisch suchte Hisagis Blick Nana. Sie stand Kyo Morishige gegenüber und sah konzentriert und entschlossen aus. Nana schlug sich wacker. Zwar war sie kein Gegner für Kyo Morishige, aber dieser gab den perfekten Trainingspartner. Er stellte sich auf Nana ein und trieb sie immer wieder an ihre Grenzen.
Seine kraftvollen Schläge ließen ihre Arme schnell müde werden. Doch verbissen parierte sie jeden gegnerischen Streich und suchte nach Lücken in der Deckung  Kyos. So hatte er ihr es beigebracht. Sie bezweifelte jedoch, dass ein hervorragender Kämpfer wie er, jemals eine Lücke in seiner Deckung zuließ. Doch gerade als sie einen von oben geführten Schlag abwies, trat Kyo einen Schritt zu weit nach links und eröffnete eine winzige Lücke. Nana reagierte sofort und stieß ihr Bambusschwert frontal nach vorn. Einen kurzen Moment glaubte sie, sie hätte Kyo erwischt! Was für ein Triumph! Kyo Morishige!
Doch ehe sie den Gedanken zu Ende gedacht hatte, wurde ihr Frontalangriff gestoppt. Nana begriff nicht schnell genug was passierte. Ein geschicktes Ausweichmanöver Kyos, eine Drehung seines Schwertes und Nana wurde ihres aus der Hand gerissen. In hohem Bogen flog es davon und Kyo hielt ihr die Spitze seines Bambusschwertes vor die Kehle.
„Sehr gut gemacht“, lobte er anerkennend. „Du hast die Lücke sofort erkannt.“
„Ich habe mein Schwert losgelassen“, entgegnete Nana zerknirscht.
„Nein. Du hast gut gekämpft. Wie gesagt, du brauchst nur ein wenig Übung.“ Kyo schenkte ihr ein winziges Lächeln. Aber das reichte, um sie fröhlicher zu stimmen. Der Nächste dem sie gegenüberstand, war Masahiro. Der riesige freundliche Shinigami verneigte sich vor ihr und hob sein Bambusschwert.
„Watanabe-San, es freut mich, gegen dich kämpfen zu können.“ Nana lächelte und freute sich ehrlich über seine höfliche und freundliche Art.
Sie verneigte sich ebenfalls und antwortete: „Es ist mir ebenfalls eine Freude, Saito-San.“ Nana merkte schnell, dass Masahiro Saito keinesfalls zu unterschätzen war. Trotz seiner massigen Erscheinung bewegte er sich flink und leichtfüßig. Sie hatte Mühe seinen Bewegungen mit den Augen zu folgen und wich eher aus, als das sie parieren und zurückschlagen konnte. Aber seine Technik war nicht so elegant und kraftvoll wie Kyo´s. Und so witterte sie noch eine winzige Chance.
Als Masahiro ein weiteres Mal seine Waffe von oben auf sie herabsausen ließ, riss sie in einer schnellen Bewegung ihr Schwert hoch, ließ die gegnerische Klinge seitlich abgleiten, vollführte eine zackige Drehung zur Seite und riss dabei in einer kreisförmigen Bewegung ihre Waffe herum. Masahiro reagierte schnell und als die beiden Bambusschwerter aufeinander krachten, zitterten sie heftig in den Händen.
„Wechsel!“, ertönte da Hisagis Stimme und Nana und Masahiro richteten sich auf.
„Vielen Dank Saito-San“, bedankte Nana sich und verneigte sich. Ihr Herz machte einen Hüpfer, als ihr Gegenüber ebenfalls dankte und sich tiefer als nötig verneigte. Euphorisch und energiegeladen ging sie zu Toshio, der sie schon frech angrinste.
„Da kommen wir ja doch noch zu unserem kleinen Kräftemessen“, flachste er und legte sich das Schwert lässig über die Schulter.
„Ich werde mein Bestes geben“, versprach Nana und ging in Position. Toshio zögerte nicht lange und griff an. Nana wich schnell aus und startete einen Konter. Mit einer beinahe tänzelnden Bewegung drehte sie sich weg und schwang kraftvoll ihr Schwert nach oben. Wer dann überraschter war, ließ sich ohne weiteres unmöglich feststellen. Tatsächlich flog Toshios Bambusschwert wirbelnd durch den Raum und kam scheppernd auf dem Boden zum Liegen. Toshio starrte Nana völlig verdattert an. Nana starrte ebenso verdattert zurück, dann fing sie sich und richtete die Spitze ihres Schwertes auf Toshio.
„Besiegt“, grinste sie und freute sich diebisch darüber, wie ihr Gegenüber aufbrauste und wetterte.
Viel Zeit, diesen Triumph auszukosten, blieb ihr nicht. Ihr nächster Gegner war Shouta. Zwar hatte Nana bereits einmal kurz gegen ihn gekämpft, aber das war nur ein Probekampf gewesen. Diese Situation hier sah Nana ernster an.  Immerhin beobachtete sie gut und gerne die halbe Einheit. Und Hisagi.
„Nana“, sagte Shouta und lächelte sie aufmunternd an.
Nana lächelte ebenfalls, blieb aber stumm. Sie richtete ihr Schwert auf und ging in die Position, die Kyo ihr gezeigt hatte. Hochkonzentriert nahm sie alle Bewegungen von Shouta wahr. Da griff er an. Seine Hiebe waren schnell und kraftvoll. Nana hatte keine Möglichkeit anzugreifen und konnte nur blocken und ausweichen. Sie merkte schnell, dass Shouta fast genauso gut wie Kyo und beinahe so schnell wie Masahiro war. Mit einer raschen Drehung brachte sich Nana ein Stück weit in Sicherheit, nur um feststellen zu müssen, dass Shouta ihr nachsetzte und ihr seitlich einen Hieb versetzte. In letzter Sekunde riss sie ihren Schwertarm hoch und blockte den Angriff.
Sie ächzte schmerzerfüllt aber jetzt ergriff sie die Entschlossenheit. Sie wollte nicht verlieren! Shouta gab sein Bestes und sie würde es ebenfalls tun! Mit ihrer ganzen Kraft die sie aufbringen konnte, drückte sie sein Schwert von sich und schleuderte ihre Klinge herum. Im gleichen Moment drehte sie sich wie mit einer Tanzbewegung herum, duckte sich dabei geschickt unter Shoutas nächsten Hieb hindurch und sprang hinter ihn. Ohne weiter hinzusehen, wirbelte sie wieder herum und schwang dabei ihr Schwert mit sich herum. Sie traf Shouta volle Breitseite an der Hüfte. Oder hätte ihn dort beinahe getroffen, wenn Shouta nicht so verdammt schnell gewesen wäre. So krachten ihre Schwerter aufeinander. Nana sah Shouta direkt in die Augen. Sein tiefes Blau funkelte voller Bewunderung und Entschlossenheit. Und auch Nana lächelte schmal.
Wider Erwarten schlug sie sich recht gut und hatte außerdem Spaß bei diesem Training. Ihre Blicke blieben auch noch dann aneinander haften, als sie beide je einen Satz zurücksprangen um sich Luft zu verschaffen. Nana schmerzte bereits jeder Knochen im Körper, doch sie sah überhaupt nicht ein jetzt das Handtuch zu werfen. Stattdessen ging sie erneut in Angriffsstellung und wartete nicht erst ab, ob Shouta bereit war. Sie sprang nach vorn und sah, wie er bereits zum Gegenschlag ausholte.
„Als ob ich ihn frontal angreifen würde“, schoss es Nana durch den Kopf und sie griente innerlich. Einen winzigen Moment bevor sie ihn mit ihrer Waffe erreichte, stoppte sie und brach nach links aus. Drehungen hatte sie drauf, dank ihrer jahrelangen Erfahrung beim Tanzen. Mit einem Sprung, den man nur als elegant bezeichnen konnte, brachte sie Shouta aus dem Konzept. Genau darauf hatte Nana gesetzt. Sie kämpfte außerhalb der gewohnten Bewegungsmuster und das war ihr Vorteil. Ohne die Gelegenheit verstreichen zu lassen, wirbelte sie ein weiteres Mal herum und zog das Bambusschwert quer über Shoutas Oberkörper. Doch ehe sie einen Treffer landen konnte, blockierte er ihren Schlag wieder. Nana fluchte innerlich und biss die Zähne zusammen. So langsam ging ihr die Puste aus. Aber so wie die Atemlosigkeit ihr die Chance auf einen Sieg nahm, brodelte Zorn in ihr hoch. Es war nicht aufzuhalten und sie konnte es auch nicht unterdrücken. Aber der Zorn verlieh ihr Kraft und sie schlug erneut zu, diesmal frontal. Für Shouta war es ein Leichtes, diesen Frontalangriff zu stoppen und gerade als Nana wieder nach vorn stürmen wollte, packte Shouta einfach ihre Schwerthand und hielt sie unbarmherzig fest.

„Die Zeit ist um Kleines“, sagte er und hielt sie noch ein Stück höher.
„Das ist unfair! Ich hätte fast gewonnen!“, zeterte Nana und strampelte mit den Füßen. Shouta lachte laut und ließ sie zurück auf die Füße. Hochrot und mit zerzausten Haar, funkelte sie ihren Gegner an, der ihr lobend den Kopf tätschelte.
„Lass das!“, beschwerte sich Nana.
„Du hast dich echt wacker geschlagen! Dein Überraschungsangriff hatte es in sich.“ Sie schnaubte nur und fuhr sich grob mit den Fingern über den Kopf, um ihre wilde Frisur etwas zu bändigen.
„Ich hab versagt“, entgegnete sie enttäuscht.
„Ganz im Gegenteil“, hielt Shouta dagegen und nickte bedeutungsvoll in die Runde. „Du hast allen eine schicke Show geliefert.“
„Was?“ Verwirrt sah Nana auf und blickte sich um. Tatsächlich, Shouta hatte Recht. Alle Anwesenden hatten sich aus der Gefahrenzone zurückgezogen und ihren Kampf beobachtet. In einigen Gesichtern entdeckte sie Missmut, in anderen Verblüffung und in einigen wenigen sogar Respekt. Ihre Augen streiften Hisagi, der ihr beinahe unmerklich zunickte. Da stieg der Stolz so schnell in ihr auf, dass ihr kurz schwindelig wurde. Sie musste lächeln und wand sich wieder Shouta zu.
„Du hast Recht.“
„Hab ich eigentlich immer“, raunte er zurück und deutete auf den nächsten Gegner.
„Viel Glück Nana.“ Sie zwinkerte ihm freudig zu und bezog Stellung. Ihr jetziger Gegner war irgendein Mitglied ihrer Einheit. Sie kannte sein Gesicht aber nicht seinen Namen. Es war ihr auch egal und ihrem Gegenüber schien es ebenso zu gehen. Auf Kommando begannen die Duelle erneut und Nana war wieder voll in ihrem Element.
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