Eleganz

GeschichteAbenteuer, Romanze / P16
Hisagi Shuuhei Matsumoto Rangiku Urahara Kisuke
25.02.2019
10.12.2019
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„Chiyo-San? Chiyo-San!“
Der nächste Morgen kam schnell und Nana hatte ausgesprochen wenig geschlafen. Sie und Shouta hatten noch eine ganze Weile zusammen dagesessen, Sake getrunken, ins Gewissen geredet und vor allem viel gemeinsam gelacht. Eigentlich genau das, was sie immer vermisst hatte, hatte sie gestern ausgerechnet mit dem erlebt, den sie bisher immer zum Teufel gewünscht hatte. Nana rannte durch die Gänge des Badehauses und wäre beinahe mit Mana-San kollidiert. Die alte Dame lachte herzlich auf, als Nana schlitternd gerade noch so zum Stehen kam und strich ihr liebevoll über das Haar.
„Nicht so stürmisch Liebes. Was hat dich denn gebissen?“
„Guten Morgen Mana-San!“
„Du strahlst ja bis über beide Ohren“, stellte die ältliche Dame verwundert fest. „Ist denn was Schönes passiert?“
„Ja schon. Irgendwie? Ich weiß es selber noch nicht so richtig. Aber ich muss dringend mit Chiyo-San reden! Ist sie da?“
„Du bist ja heute noch aufgekratzter als sonst. Ist was passiert?“ Nanas Chefin stieß zu ihnen und sah sie fragend an.
„Ich weiß schon. Unsere Nana hat sich bestimmt Hals über Kopf verliebt.“

Hinter Chiyo tauchte Kaya auf und grinste spitzbübisch. „Oh das ist ja wundervoll! Nana! Ich freue mich für dich! Wer ist es denn?“ Chiyo klatschte hocherfreut in die Hände. Plötzlich sah Nana sich umringt von klatschdürstenden Tratsch-Tanten, auf der Suche nach spannenden Neuigkeiten. Kaya nahm ihr jegliche Möglichkeit, die Sache klarzustellen, einfach ab.
„Ich habe sie gestern gesehen, wie sie noch spätabends mit einem jungen Burschen in der Taverne saß und sehr viel mit ihm gelacht hat. Aber ich muss sagen, du hast einen guten Geschmack. Der Bursche sieht wirklich gut aus. “
Sprachlos starrte Nana Kaya an. Die alte elegante Dame lächelte vielsagend und die anderen beiden brachen regelrecht in Jubel aus.
„Das ist ein Missverständnis!“, versuchte sich Nana, puterrot im Gesicht, zu rechtfertigen.
„Ach Nana Liebes! Das muss dir nicht peinlich sein!“, kicherte Mana. „Als ich so jung war wie du, lagen mir die Männer zu Füßen! Und so niedlich wie du bist, ist es eh ein Wunder, dass du noch keinen Mann hast!“
„Mana-San!“, heulte Nana, peinlich berührt. „Shouta ist nicht mein Freund! Wir sind nur so Freunde!“ Nana stockte. Shouta war ein Freund? Unwillkürlich musste sie lächeln.
„Erwischt!“, freute sich Chiyo, die ihr Lächeln prompt falsch deutete.
„Stopp! Nein! Jetzt ist gut!“, rief Nana. „Wir haben uns gestern nur angefreundet und ausgemacht, dass wir zukünftig mehr zusammen trainieren müssen.“
„Ohoooo!“, machten die drei unisono und Nana schlug sich die Hände vors Gesicht. Was sollten sie auch anderes denken, wenn sie ihnen solche Steilvorlagen gab. „Deswegen wollte ich mit dir reden“, erklärte Nana Chiyo mit hängenden Schultern.
„Du möchtest tagsüber wieder mehr in der Kompanie sein um mit Shouta“, sie betonte seinen Namen extra, „mehr trainieren zu können.“
„Ja. So sieht´s aus. Ich habe in den letzten zwei Wochen meine Aufgaben dort etwas zu sehr vernachlässigt.“
„Und da haben wir natürlich vollstes Verständnis, wenn du mit deinem Shouta mehr Zeit verbringen…entschuldige…mehr trainieren möchtest“, grinste Kaya breit.
„Ich würde nachmittags wieder zu euch kommen und hier mit anpacken.“
Chiyo lächelte versöhnlich und legte ihr freundlich die Hand auf ihre Schulter.
„Aber natürlich Nana. Wir schaffen das hier und wenn du später noch ein wenig mit hilfst, ist das gar kein Problem.“
Nana lächelte geschlagen und meinte: „Egal was ich sage. Ihr glaubt wirklich, ich bin mit Shouta…?“
„Schnapp ihn dir Mädchen!“, feuerte Mana sie an. Kaya nickte bekräftigend.
„Ich kann ihr nur Recht geben. Dieser Shouta sah aus wie ein ganzer Kerl. Auffallend gutaussehend, durchtrainiert. Sehr hoch gewachsen und dieses kernige Gesicht mit den langen schwarzen Haar. Sicher ist er ein ausdauernder und aufmerksamer Lieb…“
„Schluss jetzt!“, rief Nana energisch. So wollte sie sicher nicht von ihm denken! Dafür war ihre Bekanntschaft eindeutig nicht weit genug gereift. Irgendwie schaffte Nana es, die drei Klatschbasen abzulenken und ging an die Arbeit.

Die Arbeiten auf der Baustelle gingen sehr gut voran und gegen Feierabend machten sie sich bereits daran, ein paar bereits bestellte Liegestühle unter die neu gebauten Pavillons zu stellen. Nach einem kurzen zufriedenen Umtrunk mit ihren Kolleginnen und ein paar fröhlichen Handwerkern, wollte Nana nur noch eins. Nach Hause. Es war spät geworden und die Müdigkeit kroch in ihr hoch. Außerdem wollte sie für morgen fit sein, damit sie sich nicht wegen mangelnder Konzentration beim anstehenden Training blamierte. Sie verabschiedete sich von den drei Damen und lief geschwind und mit einem fröhlichen Liedchen auf den Lippen nach Hause.  Unterwegs kam sie bei dem Bürogebäude ihrer Kompanie vorbei. Eher zufällig blickte sie nach oben und sah, dass noch Licht in einem der Büros brannte. Sie glaubte zu wissen, dass es das Büro des Vizekommandanten war.
Just in dem Moment als sie nach oben sah, schritt ein Schatten ans Fenster und riss es auf. Nana zuckte zusammen, als niemand geringeres als Hisagi in Erscheinung trat. Selbst von hier unten sah er abgekämpft auf. Noch immer starrte sie nach oben und als er seinen Blick senkte und sie entdeckte, schrak sie zusammen. Eigentlich wollte sie verschwinden und ihn ignorieren, doch da kamen Shoutas Worte ihr wieder in den Sinn.
„Gib ihm ne Chance“, ermahnte sie sich selbst und gab sich einen Ruck. Gerade so, dass es noch als höflich zu bezeichnen war, verneigte sie sich kurz. Und wartete auf seine Reaktion. Und tatsächlich nickte Hisagi ihr zu und grüßte zurück. Spielten ihr die Müdigkeit und das schummrige Licht einen Streich? Oder umspielte wirklich ein winziges Lächeln seine Lippen? Nana verwendete keinen weiteren Gedanken mehr an ihren Vorgesetzten und huschte auf dem schnellsten Weg nach Hause, um sogleich todmüde in ihr Bett zu fallen.  

Der nächste Tag kam für Nanas Geschmack viel zu schnell. Und trotz aller Bedenken und Zweifel, wie sie mit Shoutas Clique klarkommen sollte, stand sie überpünktlich am vereinbarten Treffpunkt. Sie hatte ihr Zanpakuto vorsorglich mitgebracht und ihre Hand ruhte auf dem Griff. Sie hatte noch ein paar Minuten Zeit und ihre Gedanken schweiften ab. Die letzten Tage hatte sie nicht nur das Training vernachlässigt sondern auch ihr Schwert. Auch wenn sie noch nicht so richtig mit ihrem Schwertgeist warm wurde, wusste sie doch um die ureigene Verbindung zwischen Shinigami und seinem Schwertgeist.
Noch in Zeiten der Akademie hatte sie gelernt, wie sie mit ihrem Zanpakuto in Verbindung treten konnte, abgeschieden von allen in ihrer eigenen Welt. Nur einmal hatte sie das geschafft, als sie den Namen ihres Schwertgeistes erworben hatte. Doch irgendwie hatten sie und Maitsuchi sich beinahe sofort in die Haare gekriegt.
Nana seufzte leise. Nachdenklich zog sie ihr Schwert aus der Scheide. Blanker Stahl blitzte in der Morgensonne. Es war ein hübsches Kurzschwert und lag in seiner versiegelten Form sehr gut in der Hand. Von anderen Shinigamis hatte sie erfahren, dass sie des Öfteren mit ihren Schwertgeistern in Kontakt traten, doch ihre Versuche ihn zu rufen, waren bisher vergebens.
„Oh, das ist also dein Zanpakuto.“ Nana wirbelte herum und sah Shouta hinter sich stehen. Er hatte sie Arme vor der Brust verschränkt und sah sie neugierig an.
„Gu…Guten Morgen“, grüßte sie ihn. „Du hast mich ganz schön erschreckt.“
„Tut mir Leid. Ich dachte du hättest mich gehört. Ich hab dich schon ein paar Mal gerufen.“ Er deutete mit einem Nicken auf ihr Schwert, das sie immer noch in der Hand hielt. „Wie ist der Name deines Zanpakuto?“ Nana fuhr sacht mit der flachen Hand über die Schneide.
„Sie heißt Maitsuchi. Aber vielmehr weiß ich noch nicht. Wir tun uns ein wenig schwer miteinander.“
„Soso“, machte Shouta nachdenklich.

„Shouta! Was macht denn der Giftzwerg hier?“ Shouta drehte sich mit erhobenen Brauen um und Nana trat unbewusst einen Schritt an Shouta heran, um sich hinter ihm verstecken zu können.
„Alles cool. Sie trainiert heute mit uns“, erklärte Shouta ruhig, ignorierte das Gemotze und wartete, bis sich alle seine Freunde versammelt hatten. „Jetzt hört mal her. Wir trainieren heute mit ihr hier. Und ehe sich nicht jeder ordnungsgemäß vorgestellt hat, will ich keine Beschwerden hören!“, wies er mit genug Autorität in der Stimme an, dass die drei jungen Männer kurz angebunden nickten. Trotzdem wurde Nana geringschätzig beäugt.
„Nana, du machst den Anfang!“, befahl Shouta und schob sie unbarmherzig vor sich. Nana seufzte innerlich und verfluchte Shouta lautlos.
„Ich bin Watanabe Nana. Bisher hatten wir zwar unsere Startschwierigkeiten aber ich freue mich, dass wir einen zweiten Anlauf wagen.“ Sie verneigte sich, soweit es der Höflichkeit gebührte, dann richtete sie sich wieder auf.

Betretene Stille schien sich auszubreiten, doch bevor die Situation gänzlich unangenehm wurde, trat einer der drei ein Schritt vor.
„Saito. Masahiro Saito“, war die kurze aber nicht unfreundlich klingende Vorstellung eines sehr großen, sehr fülligen jungen Mannes mit einem sympathisch wirkenden Gesicht. Von Shoutas Schlägertruppe war er immer der Einzige gewesen, der Nana nie schikaniert hatte. Nana betrachtete ihn aufmerksam. Er war noch ein Stück größer als Shouta selbst und glich in seiner Statur eher einer Tonne, statt einem Menschen. Sein schwarzes Haar hatte er sich bis auf einen Puschel rasiert und diese zu einem halblangen Pferdeschwanz zusammengebunden.
Masahiro Saito sah im Grunde harmlos, wenn nicht sogar freundlich aus. Dagegen erdolchte der nächste von Shoutas Freunden sie beinahe mit seinen Blicken. Er war nur wenig größer als sie selbst aber dafür unglaublich muskulös. Seine strohblondes, kurzes Haar und die stechenden blassblauen Augen verliehen seinem markanten Gesicht einen kalten und harten Ausdruck.
„Toshio Kamijo“, bellte er kurz und knapp.
„Kyo Morishige“, schloss sich der Dritte an. Nana musterte ihn neugierig. Er sah ähnlich gut aus wie Shouta, nur etwas weniger muskulös. Seine nachtschwarzen Augen ruhten auf Nana und taxierten sie ebenso genau. Nana konnte keinerlei Emotionen in ihnen ausmachen. Sie wand sich unwohl und schaute verlegen auf ihre Schuhspitzen.
„Das üben wir nochmal“, knurrte Shouta und schlug Nana auf die Schulter.
„Die Kleine hier wird heute unser Training mit begleiten. Sie sieht zwar nicht so aus aber hinter dieser großen Klappe steht eine recht talentierte Kido-Anwenderin.“

„Wieso dieser plötzliche Sinneswandel?“, wollte Kyo von Shouta wissen. Seine Stimme war tief und angenehm. Er musterte Nana nach wie vor unverhohlen. Als ob er auf etwas lauerte. Nanas Abneigung gegen ihn wuchs. Da war ihr dieser Toshio mit seiner offenen Ablehnung schon sympathischer. Bei ihm wusste sie zumindest, woran sie war. Und dass sie keine Gnade zu erwarten hatte.
„Wir sind uns zufällig begegnet und irgendwie ins Reden gekommen. Da hat sich ziemlich schnell rausgestellt, dass wir uns wohl gegenseitig das Leben unnötig schwer gemacht haben“, fasste Shouta das Wesentliche zusammen. Nana war ihm sehr dankbar, dass er nicht noch erwähnte, dass sie sich im Badehaus getroffen hatten.
„Und wir haben beschlossen, dass wir uns einfach nochmal eine zweite Chance geben. Das schließt euch natürlich mit ein.“ Shouta grinste seine Freunde breit an und ließ ihnen keine Gelegenheit, sich in Ausflüchte oder Bedenken zu stürzen.

Er bugsierte die ganze Truppe auf einen der Übungsplätze und sah dann Nana aufmunternd an.
„Du bist an der Reihe. Zeig uns ein paar deiner Tricks.“ Vor wenigen Tagen hätte Nana noch angenommen, dass Shouta sie mit dieser Aufforderung nur ins Bockshorn jagen wollte und darauf wartete eine Gelegenheit abzupassen, in der sie sich bis auf die Knochen blamierte. Doch nun war sie eher der Meinung, dass er ihr hier die Möglichkeit gab, sich hier wirklich beweisen zu können. Und wie sehr wünschte sie sich insgeheim doch ein wenig Anerkennung!
„Gut!“ Entschlossen ballte sie die Hände zu Fäusten und stellte sich in einigen Metern Entfernung einer Übungspuppe gegenüber. In der Akademie lernte man außer den einfachen Beschwörungen im Hado- und Bakudobereich noch ein paar schwierige. Nana ging davon aus, dass die Vier diese draufhatten. Also versuchte sie sich an einer höherrangigen Beschwörung.
Sie schloss die Augen, konzentrierte sich und flüsterte: „Speer des Hirten, versammle deine Tiere. Hundert Mal soll ihr Blut vergossen werden, hundert Mal sollen sie hundert Tode sterben. Lasse sie in deinem Namen zur Pforte schreiten!“ An ihrer ausgestreckten Handfläche materialisierte sich eine leuchtend gelbe Energiekugel.
Nana richtete sich auf und rief: „62. Pfad der Fesseln! Hundert-Schritte-Geländer!“ Gelbe Lichtstrahlen schossen blitzschnell aus der Kugel empor und durchbohrten mit einem heißen Zischen die Übungspuppe.
„Gut. Das hat schon Mal funktioniert“, murmelte sie unhörbar zu sich selbst.
Sie richtete sofort erneut ihre Hand auf die Puppe und rief: „Verschwenderische Flamme!“

Eine purpurne Feuerkugel brach aus ihrer Hand hervor und ließ die durchlöcherte Puppe mit einer beeindruckenden Explosion sich in ihre Einzelbestandteile auflösen. Nana, zufrieden mit sich, drehte sich um und sah in die beeindruckten Gesichter der Shinigamis. Selbst Toshio, der wohl geringschätzig schauen wollte, konnte seine Überraschung nicht verbergen.
„Das war…beeindruckend“, stellte Kyo fest.
„Wie hast du die 54. Beschwörung ohne das Rezitieren hinbekommen?“, fragte Masahiro erstaunt.
„Übung. Es ist ein sehr effektiver Angriff. Zusammen mit dem 62. Pfad der Fesseln kann man in kurzer Zeit die Gegner wirkungsvoll ausschalten.“ Nana verschränkte die Arme hinter dem Rücken. "Es hat mich viel Arbeit gekostet, dieses Kombi-Angriff so aufeinander abzustimmen und das Bakudo auch als Angriff zu nutzen.“
Ihre Augen suchten Shouta und als er sie aufmunternd anlächelte, fiel ihr auf, wie sehr sie sich schon auf diesen Kerl eingelassen hatte. Sollte es wirklich so einfach sein, Freunde zu finden? Beschwingt von ihrem kleinen Erfolg begannen sie, sich tatsächlich in einer Reihe aufzustellen und auf Nanas Anweisungen zu hören. Mit einigen energischen Anweisungen von Shouta, hörten seine Freunde auch tatsächlich auf ihre Worte.
„Wir üben zuerst einmal das Shakkaho.“
„Das ist langweilig!“, protestierte Toshio und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust.  „Das haben wir in der Akademie bis zum Erbrechen geübt.“
„Gut. Dann zeig mir bitte dein Shakkaho.“ Bemüht darum ruhig zu bleiben, blieb Nana vor dem blonden Burschen stehen. Toshio fühlte sich herausgefordert und schnaubte nur. Er rief „Shakkaho!“ und  schoss einen roten Feuerball ab. Nana nickte anerkennend.
„Die Technik ist gut. Aber du verbrauchst dabei zu viel Reiatsu.“
„Tse! Mach es doch besser!“

Nana grinste und schoss ihrerseits ohne ein Wort und ohne auf das Ziel zu schauen, dieselbe Attacke ab. Nur dass ihr Feuerball größer und die Explosion wesentlich effektiver war und die Puppe in ihre Einzelteile zerfetzte. Toshio blieb der Mund offen stehen und Shouta und Masahiro lachten auf.
„Mit dieser Beschwörung bringt man vielleicht keinen stärkeren Gegner zu Fall. Aber man kann richtig und schnell eingesetzt, zumindest einen ordentlichen Schaden fabrizieren.“
„Erklär es uns bitte.“ Kyo hatte sich neben Nana gestellt und sah sie abwartend an. Sie fühlte sich nach wie vor unbehaglich in seiner Gegenwart, weil sie ihn einfach nicht einschätzen konnte. Konzentrier dich auf das Wesentliche! schalt sie sich.
„Gut. Also in der Akademie wird uns beigebracht, dass wir uns auf das Ziel konzentrieren sollen, das es anzugreifen gilt. Für den Anfang ist das auch richtig, zumindest wenn man die Technik gerade erst lernt. Aber beherrscht man sie, ist es durchaus von Nutzen, sich mehr auf die eigene Kraft zu konzentrieren. Seht hier.“ Sie streckte die Handfläche aus und ein Purpurner Feuerball entstand dort.
„Wenn man schon soweit ist, die Attacke ohne das Rezitieren der Beschwörung zu starten, ist es nicht schlimm, sich auf den eigenen Körper zu konzentrieren. Statt sich mit dem Gegner zu befassen, sammelt man gleichmäßig das Reiatsu aus dem eigenen Körper.“
„Hä?“ Toshio starrte sie an, als ob sie den Verstand verloren hätte.

„Lass es mich anders erklären. Im Kampf behältst du deinen Gegner die ganze Zeit im Auge. Wenn man eine Gelegenheit findet anzugreifen, verstreicht diese meist sehr schnell. Wenn man in diesem Moment keine effektive Attacke startet, kostet das wertvolles Reiatsu. Je schneller und heftiger du einen Angriff gestalten kannst, desto eher liegt die Chance auf einen Sieg auf deiner Seite.“
„Ist logisch“, nickte Kyo.
„Genau. Man hat den Gegner eh im Visier. Eine Kido Attacke, nur gegen einen Gegner, kann also gar nicht daneben gehen. Deswegen….“
„Wart mal kurz“, unterbrach Shouta Nana kurzerhand.
„Ich kann mit Erklärungen nicht viel anfangen. Wir machen das jetzt einfach am lebenden Beispiel.“
„Hä?“ Jetzt verstand Nana rein gar nichts.
„Ganz einfach. Ich greif dich an und du attackierst mich wie du es für richtig erachtest.“
„Was?“, fragte Nana verwirrt, doch kam zu keiner Gelegenheit mehr zu protestieren, denn Shouta hatte bereits sein Schwert gezogen und ging in Angriffsstellung.

Völlig überrumpelt wich sie mehr schlecht als recht seinem Angriff aus.
„Nun komm schon. In einem echten Kampf gibt es auch kein Startsignal!“, rief Shouta ihr zu und rannte erneut auf sie zu. Nana war überrascht, wie flink er war. Sie hatte ihm nichts entgegenzusetzen und brachte sich zunächst mit einem Sprung nach hinten in Sicherheit.
„Ach, das wird doch nichts. Lass gut sein Shouta.“ Diese abfällige Bemerkung Toshios, machte Nana rasend.
„Dann pass mal auf du blöde Flachzange!“, schleuderte sie ihm wütend entgegen und zog kurzerhand ihr Schwert. Klirrend prallten die Klingen aufeinander und mit einer flinken Drehung stand Nana hinter Shouta. Rein kräftemäßig war sie ihm haushoch unterlegen. Aber sie war schnell. Und so klein wie sie war, huschte sie an ihm vorbei, ehe er überhaupt wusste, was sie vorhatte.

„Sai!“, rief sie laut und ein schlankes Seil fesselte Shoutas Arme hinter seinem Rücken. „Dreifacher Schnabelstoß-Strahl!“ Mit einer weiteren Beschwörung schoss sie drei Lichtpfeile auf Shouta, die ihn an den Boden hefteten und mit einem Satz stand Nana über Shouta und hielt ihm ihre Klinge an den Hals.
„Wow“, machte der am Boden Liegende nur und grinste. „Darf ich jetzt?“
„Was?“ Aus dem Konzept gebracht trat Nana einen Schritt zurück, da riss sich Shouta scheinbar mühelos von ihrer Fesselung los und schwang sein Schwert erneut. Nana konnte nicht schnell genug ausweichen und parierte den Schlag mit Müh und Not in letzter Sekunde. Das Schwert in ihrer Hand vibrierte unter der Wucht des Angriffs. Shouta schenkte ihr absolut nichts. Wieder und wieder ließ er Attacken auf sie einprasseln und Nana fand gar nicht die Zeit, anzugreifen.
Genau das will er doch! schoss es ihr durch den Kopf. Er will mich auf die Probe stellen und sehen, ob ich mit meiner Erklärung nicht übertrieben habe! Nanas Eifer flammte auf und sie fasste einen kühnen Plan. Als Shouta erneut zu einem Angriff ausholte, presste Nana ihre Hand direkt auf den Boden und ließ eine rote Feuerkugel direkt zu ihren Füßen explodieren.

Durch die Wucht der Explosion in die Luft geschleudert, hatte Nana genug Abstand zu Shouta geschaffen, den es völlig aus dem Gleichgewicht gebracht hatte.
„Verschwenderische Flamme!“, rief Nana als Shouta sein Schwert entsiegelte und rief: „Donnere!“ Die Klinge wuchs und glich einem zu Metall gewordenen Blitz.
„Donnerhall!“, befahl Shouta zeitgleich und ein enormer Energiestrahl schoss aus seinem entsiegelten Zanpakuto. Beide Attacken trafen aufeinander und hoben sich in einer gewaltigen Explosion gegenseitig auf. Nana wurde durch die Luft geschleudert und kam hart auf dem Boden auf. Staub und Qualm nahmen ihnen die Sicht und hustend wedelte Nana vor ihrem Gesicht herum. Sie rappelte sich mühsam auf und klopfte sich den Dreck von ihren Klamotten.
„Nana? Bist du okay?“, hörte sie Shoutas Stimme.
„Ja, alles klar. Bei dir?“ Sie tappte beinahe blind in die Richtung, aus der sie ihn gehört hatte. Sie fand ihn, indem sie quer über ihn stolperte und quer auf ihm landete.
„Was sitzt du hier so auf dem Boden herum?“, schimpfte sie, als sie sich wieder aufgerappelt hatte.
„Sorry“, grinste er sie an, „ich war nur grad baff, was du so alles auf dem Kasten hast.“
“Ich glaub das sind wir alle.“ Der Rauch zog ab und gab die Sicht auf die Umgebung wieder frei. Kyo zog Shouta wieder auf die Füße und blickte mit einem Funken Anerkennung in den Augen auf Nana.
„Anscheinend verbirgt sich hinter der großen Klappe doch ein Kämpfertalent.“

„Ihr wisst schon, dass es verboten ist, ohne Ausnahmegenehmigung des Vizekommandanten mit seinen Zanpakutos einen Kampf zu bestreiten?“ Schuldbewusste Mienen drehten sich zu dem sechsten Offizier um, der sie ernst anstarrte und anscheinend wie aus dem Nichts vor ihnen aufgetaucht war.
„Ja. Verzeihung Masahime-Sama. Es kommt nicht wieder vor.“ Shouta war aufgesprungen und hatte sich vor dem Vorgesetzen tief verneigt. Nana stand etwas verloren neben ihm und quietschte erschrocken auf, als Shouta sie im Nacken packte und ebenfalls in einer Verbeugung drückte.
„Ich werde das melden müssen. Ihr müsst mit den Konsequenzen eures Handels rechnen. Und nun räumt das Trümmerfeld hier auf.“ Mit diesen Worten ging der Offizier ab und Nana und Shouta stöhnten genervt auf.
„Warum trifft es immer uns? Das ist doch unfair!“, maulte Nana und sah sich entmutigt um. Sie und Shouta hatten ganze Arbeit geleistet. Sie hatten einige Löcher in den Boden des Trainingsplatzes gesprengt und überall lag der Dreck herum.
„Immerhin hat es sich gelohnt“, grinste Shouta. „Das nächste Mal trainieren wir halt einfach etwas außerhalb. Da störts keinen.“
„Und bis dahin machen wir brav das, was Nana uns versucht hatte zu erklären“, mischte sich Masahiro ein. Fragend sah Nana den sanften Riesen an und freute sich, dass sie es geschafft hatte, einen von Shoutas Freunden wohl ehrlich zu beeindrucken. Wobei, selbst der gruselige Kyo sah sie etwas weniger streng an und auch Toshio machte weniger bissige Bemerkungen als vorher.
„Na dann, mal ran an den Speck“, seufzte Kyo und half ohne weiteres Murren, den Platz wieder herzustellen.

Sie waren noch nicht lange dabei, erneut Kido zu üben, da schritt ein weiteres Mal der sechste Offizier zu ihnen. „Koshi! Watanabe! Ihr sollt zum Vizekommandanten Hisagi kommen. Umgehend.“ Nana sah Shouta an und verdrehte genervt die Augen.
„Benimm dich!“, zischte dieser ihr zu. „Wir haben Mist gebaut und müssen dazu stehen.“
„Du bist ganz schön regelversessen, oder?“, fragte Nana erstaunt, eigenartig beeindruckt von seiner Courage. Shouta nickte ernst.
„Natürlich. Wenn man bewusst die Regeln bricht, muss man für sein Handeln auch die Konsequenzen ertragen.“ Nanas Augen wurden nur noch ein Stück größer, während sie gemeinsam zum Büro ihres Vizekommandanten schritten.
„Die Einhaltung der Regeln sind essentiell dafür dass die Ordnung gewahrt wird. Hisagi-Dono ist da sehr streng. Aber er ist auch gerecht.“
„Ich mag keine Vorgesetzten, die den Regelmacher nur so heraushängen lassen“, gab Nana leise zu.
„Ich habe noch nie erlebt, dass er so etwas gemacht hätte. Wie gesagt, er ist sehr fair seinen Untergebenen gegenüber.“
„Hm“, brummte Nana, die schon wieder die altbekannte Panik in sich aufsteigen fühlte. Shouta lachte leise.
„Es ist nicht falsch, vor seinen Vorgesetzten zu kuschen. Aber wenn man eine Meinung hat, finden es die meisten Ranghöheren auch nicht schlimm, wenn man diese ordentlich vertreten kann. Hisagi gehört definitiv dazu.“
„Hattest du schon viel mit ihm zu tun, weil du ihn so gut zu kennen scheinst?“, fragte Nana neugierig.
„Ein paar Einsätze im Rukongai. Ein paar Trainingsstunden und sowas. Man kommt immer mal kurz ins Gespräch oder beobachtet seinen Vorgesetzten. Da bekommt man mit der Zeit eben mit, wie jemand tickt.“ Gänzlich überzeugt war Nana nicht aber allein Shoutas Anwesenheit beruhigte sie ein wenig.

„Nach Ihnen, werte Dame“, grinste Shouta sie kess zwinkernd an und öffnete die Tür zum Bürotrakt. Nana grummelte unwirsch, trat aber ein und ging halbwegs entschlossen auf das Büro Hisagis zu.
„Vizekommandant Hisagi? Dürfen wir eintreten?“, quiekte sie mit erstickter Stimme und als ein „Herein“ von drinnen ertönte, verließ sie der Mut fast vollständig. Shouta bemerkte dies und legte ihr unauffällig die Hand auf ihren Rücken. Mit sanfter Gewalt drängte er sie dazu, einzutreten. Hisagi saß hinter riesigen Bergen von Formularen und Zeitungsentwürfen an seinem Schreibtisch und winkte die beiden näher zu sich.
„Nur einen kurzen Moment noch“, murmelte er und unterschrieb ein paar Dokumente, die er dann mit einem tiefen Seufzen auf einen deutlich kleineren Stapel legte. Er ließ sich in seinem Stuhl zurückfallen und starrte die beiden Regelbrecher stumm an.
„Nun“, begann er schließlich. „Anscheinend gefällt euch beiden, Strafabreiten aufgebrummt zu bekommen.“ Es lag kein Vorwurf oder Spott in seiner Stimme und Nana, die sich deswegen traute aufzublicken sah, wie müde Hisagi ausschaute. Wie zur Bestätigung rieb er sich mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel und stützte sein Kinn auf seine Handrücken.
„Ihr habt ohne Genehmigung mit euren Zanpakutos gekämpft.“ Es war eine Feststellung, keine Frage.
„Ja, haben wir Vizekommandant. Es war unüberlegt und wir entschuldigen uns dafür“, sagte Shouta aufrichtig.
Ein kurzer Stoß in ihren Rücken und Nana stammelte: „Ja…Verzeihung! Äh….Vizekommandant Hisagi.“

Hisagis graue Augen ruhten interessiert auf Nana, der prompt die Hitze in die Wangen schoss. Ein winziges Lächeln umspielte seine Mundwinkel.
„Watanabe Nana, richtig?“ Sie nickte stumm und starrte auf ihre Fußspitzen. „Eigentlich sollte es mich freuen, dass du dich endlich in die Kompanie einfügst.“ Lag da eine winzige Rüge mit in dieser Bemerkung? Sie lunzte ein Stück nach oben und begegnete wieder Hisagis Blick. Sofort senkte sie den Kopf. „Ich muss zugeben, es überrascht mich, dass ausgerechnet ihr beide euch zusammen getan habt, euren Schabernack zu treiben und ständig gegen die Regeln zu verstoßen.“ Da Shouta nichts dazu sagte, sondern nur grinsen musste und Hisagi nach wie vor Nana musterte, musste sie sich wohl zwangsläufig dazu äußern.
„Also…es hat sich erst so ergeben, dass Shouta und ich…also dass wir…uns zusammen gerauft haben. Aber es lag nie in unserem Sinn….Schabernack zu treiben“, fiepte sie und war gleichzeitig enorm stolz auf sich, zusammenhängende Sätze herausgebracht zu haben.
„Nun gut. Es ist niemand zu Schaden gekommen und wenn euch das Training was gebracht hat, hat das Ganze wenigstens auch eine gute Seite. Trotzdem.“ Hisagi lehnte sich zurück und überlegte kurz. „Euren Regelbruch muss ich bestrafen. Ich habe gehört, dass ihr eure zuvor zugewiesenen Arbeiten mit Bravur ausgeführt habt. Dafür habt ihr meinen Dank.“

Er schwieg wieder und dachte nach. „Koshi, du wirst als Strafe die Baracken der Offiziere in Stand setzen. Das Dach ist undicht, die Öfen feuern nicht mehr richtig und einige Zwischenwände müssen erneuert werden. Da du dich als handwerklich geschickt erwiesen hast, wird das deine Aufgabe sein. Natürlich nach deinem Dienst in der Kompanie.“
„Jawohl! Ich werde mein Bestes geben!“, rief Shouta und drückte den Rücken durch.
„Nun zu dir.“ Hisagi wandte sich an Nana, die unter seinem Blick etwas zusammenschrumpfte. „Watanabe, du wirst mir ab sofort bei diesen ganzen Anträgen und Formularen helfen.“ Nana blinzelte zweimal und blinzelte ein weiteres Mal.
Dann: „Bitte?“ und schlug sich die Hand vor den Mund. „J..ja! Natürlich! Meinte ich…“ Verzweifelt suchte sie das Loch im Boden, in dem sie verschwinden konnte. Und ein Stein begann sich in ihrem Magen zu bilden. Wenn sie zu Büroarbeiten verdonnert wurde, wer half dann…?
„Darf ich eine Frage stellen, Vizekommandant Hisagi?“, wisperte sie und sah scheu und knallrot im Gesicht auf.
„Nur zu“, meinte Hisagi und hatte bereits die Finger nach weiteren Dokumenten ausgestreckt.
„Wenn ich Ihnen zur Hand gehen soll…wer hilft dann Chiyo-San im Badehaus?“

Hisagi musste beinahe lächeln. Diese junge Shinigami war die ganze Zeit eines seiner größeren Sorgenkinder gewesen und hatte ihrer Kompanie all die Zeit ständig den Rücken gekehrt. Und nun sah sie ihn treuherzig und bittend aus riesigen braunen Rehaugen an und fragte nach ihrer Strafarbeit? Was zum Geier hatte dieser Koshi mit seiner Kameradin angestellt? Hisagi kratzte sich nachdenklich am Kinn.
„Nun ja, das ist durchaus ein Problem. Chiyo-Sama ist äußerst zufrieden mit dir und da sie nach wie vor mit zu wenig Personal zurechtkommen muss…“

Nana knetete nervös ihre Finger und hatte große Mühe, nicht unruhig auf der Stelle zu treten.
„Was hältst du davon, wenn du abwechselnd deine Arbeit verrichtest? Einen Tag bist du bei Chiyo-Sama und den anderen Tag arbeitest du hier. Selbstverständlich ebenso wie Koshi, nach deinem Dienst in der Einheit.“ Das strahlende Lächeln, das sie ihm aufgrund seiner Worte schenkte, berührten Hisagi und ließen ihn ein erstauntes Gesicht machen. Doch Nana hatte sich schnell wieder gefangen und blickte, hochrot im Gesicht, ein weiteres Mal auf ihre Schuhspitzen. Hisagi fand es rührend, dass sich sein Sorgenkind für etwas begeistern konnte, dass er eigentlich als Strafmaßnahme gedacht hatte.
„Heute wirst du Chiyo-Sama noch zur Hand gehen, morgen weise ich dich in diese Arbeit ein.“
Mit einem Wink entließ er die beiden wieder und nachdem sich Nana und Shouta tief verbeugt und bedankt hatten, liefen sie schnellstens wieder zu dem wiederhergestellten Übungsplatz zurück.
„Na das lief doch besser als erwartet“, grinste Shouta hoch erfreut.
„Hm. Vielleicht ist er doch nicht so übel“, gab Nana zögernd zu.
„Warte nur ab. Du wirst ihn auch irgendwann mögen und schätzen lernen. Jetzt wo du viel Zeit mit ihm verbringen kannst“, lachte Shouta und rief „Au!“, als Nana ihm derb in die Seite knuffte.
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