The Hunger Games

GeschichteDrama, Romanze / P18
Folken Stratego Hitomi Kanzaki Merle Van Fanel
23.02.2019
22.09.2019
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Hallo und willkommen zu Kapitel 14! Die Dinge in Fanelia spitzen sich so langsam zu, und ich hoffe, ihr seid noch alle motiviert, weiterzulesen ^^
Wie angekündigt, wird das Projekt sich vermutlich etwas nach hinten verschieben - das betrifft das nächste / übernächste Kapitel. Wie bereits beim letzten Mal angekündigt, kann ich aus Arbeitsgründen nicht garantieren, dass ich pünktlich uploaden werde. Sorry nochmal!
Außerdem, ein kleiner Disclaimer für heute: es wird etwas blutig!
Aber nun: viel Spaß mit dem Kapitel (in dem sich eine kleine Szene aus Game of Thrones eingeschlichen hat;))!





Van überblickte den überlaufenen Marktplatz vom Fenster aus. Er hatte eines der Zimmer im Gerichtsgebäude bezogen, in dem das Urteil über den Drachentöter und seine Frau eigentlich schon besiegelt worden war, seit man sie im Keller eingesperrt hatte. Weit abseits von der eigentlichen Menschenmasse hatte er längst Hitomi und ihren kleinen Bruder entdeckt, die sich hinter einer Häuserecke verbargen. Verbissen kaute er auf seiner Lippe herum, unfähig dazu, in das Geschehen einzugreifen. Er schämte sich sehr dafür, ihr solch ein schweres Verbrechen unterstellt zu haben, denn die beiden Geschwister sahen dreckig, hungrig, und überaus verzweifelt aus. Man würde ihnen heute ihre Eltern nehmen, und selbst wenn Hitomi etwas mit dem Mord zu tun gehabt hätte, würde Van ihr niemals dasselbe Schicksal wünschen. Niemand wollte die eigenen Eltern sterben sehen, das wusste er nun selbst. Hitomis Vater die Beine zu brechen, um ihn zum Geständnis zu bringen, hatte als Strafe schon längst ausgereicht. Er konnte seinen Bruder einfach nicht mehr ernst nehmen. Es war Zeit, um ihren Vater zu trauern und nach Hause zu reisen, bevor ein übereifriger Bote ihnen zuvorkam und ihrer Mutter weniger einfühlsam vom Tod ihres Gatten, dem König, berichtete. Van wollte es ihr lieber selbst sagen. Nur musste vorher noch Folkens Blutdurst gestillt werden. Er hatte am Morgen getobt, als man ihm mitteilte, dass man die Kinder der Verhafteten noch immer nicht auffinden konnte. Van schob es zum Teil auf die immer noch heilende Wunde an seiner Schulter und Folkens Fieber. Aber Hitomis Erzählung hatte ihn unsicher gemacht. War es möglich, dass sein Bruder wirklich in der Lage war, ihren Vater zu ermorden? Die Frage nach der Wahrheit ließ Van einfach nicht mehr los und er schwor sich, so früh es ging den Körper von Vargas auf Stichwunden zu überprüfen. Doch es musste ein ungesehener Moment sein, damit er nicht erwischt wurde. Van schimpfte sich selbst. Wie schlimm musste es denn sein, dass er schon Angst hatte, von seinem Bruder erwischt zu werden, wenn er seinen Mentor verabschiedete? Jetzt, wo er so darüber nachdachte, klang es auf einmal nicht mehr so abwegig, dass sein Bruder etwas im Schilde führte. Schließlich hätte es tatsächlich jeder sein können, der Goau das Gift untergemischt hatte. Sogar Van selbst hätte mehr als eine Gelegenheit dazu gehabt.

Van wurde immer wütender, je länger er über all diese Möglichkeiten nachdachte. Wütend auf sich, da er sich vorwarf, die Wahrheit nicht von selbst erkennen zu können. Wütend auf Folken, der offensichtlich etwas zu verbergen hatte. Und er war wütend auf Hitomi, wobei er sich selbst nicht ganz erklären konnte, weshalb. Es war nicht die Art von Hass, die er verspüren würde, wenn man sie als die Schuldige erklären würde. Wenn das der Fall wäre, hätte Van wohl schon selbst zur Waffe gegriffen und etwas getan, was er hinterher bereuen würde. Wenn er sich sicher gewesen wäre, hätte er Hitomi und ihrem Bruder schon im Wald das Schwert in die Brust gerammt. Aber er war es nicht. All diese leisen Zweifel in ihm hatten sich schon zu einem kleinen Monster zusammengefügt, bis dieses schließlich nicht mehr zu übersehen war und hinter jeder Ecke seines Gewissens lauerte. Es war so furchtbar, dass Van in dieser Nacht schon kaum ein Auge zugetan hatte. Er hatte am Morgen kaum die Zeit gehabt, frische Kleidung anzuziehen, da standen die Leute schon mit Fackeln und Mistgabeln vor dem Gerichtsgebäude. Die Nachricht über den Tod des Königs und dessen vermeintliche Mörder hatte sich über Nacht wie ein Lauffeuer durch die gesamte Region gezogen. So einen wütenden Mob hatte Van noch nie in seinem Leben zu Gesicht bekommen. Die einzigen, die aus dieser Menge herausstachen, waren die Geschwister Kanzaki. Hitomi hatte ihre Arme schützend um ihren Bruder gelegt. Es war schwer, sich von ihrem Gesicht abzuwenden, und Van war froh, dass man ihn auf dem Balkon hier oben nicht so leicht entdecken konnte. Ihr jetzt noch einmal in die Augen zu sehen, konnte er sich überhaupt nicht vorstellen. Van ließ den Blick über die zerstörte Stadt hinter der Menschenmasse schweifen. Es war unglaublich, dass diese Leute nach allem, was passiert war, genug Hass übrighatten, um ihn gegen zwei vielleicht sogar unschuldige Bürger, ihre Nachbarn, zu richten.

Es klopfte an der Tür, und ohne auf eine Antwort zu warten, trat Folken ein. Van zog sich von der Fensterfront zurück und lehnte sich gegen die Wand.
„Ich werde nun das Urteil verkünden und vollziehen. Danach brechen wir unverzüglich nach Fanelia auf. Kommst du mit nach unten?“
Van starrte kurz aus dem Fenster und schüttelte dann den Kopf.
„Na gut. Dann mach dich zumindest schon mal fertig.“
Folken machte kehrt, doch Van hielt ihn noch zurück.
„Wirst du Ruhe geben, wenn die beiden tot sind?“
„Wieso sollte ich? Die Kinder will ich trotzdem noch befragen.“
„Das darfst du nicht, und das weißt du genau. Wenn du die Eltern hinrichtest, ist der Fall abgeschlossen und es kann niemand mehr für dasselbe Verbrechen belangt werden.“
Folken verengte die Augen und trat näher an seinen Bruder.
„Was willst du damit sagen? Fällst du mir in den Rücken, kleiner Bruder?“
Van verdrehte die Augen.
„Natürlich nicht! Ich weiß doch, dass ich dir nicht reinreden kann. Mir geht es doch nur um die beiden Kinder. Ohne Anhaltspunkte oder Beweise ist dieser Fall, der Mord an unserem Vater, nach dieser Hinrichtung heute abgeschlossen und darf aus rechtlicher Sicht nicht mehr neu aufgerollt werden. Ziehst du das hier durch, verlange ich, dass du die Kinder nicht mehr verfolgen lässt.“
Folken lachte freudlos auf.
„Du verlangst es? Von mir?“
„Ja. Ja, das tu ich. Und bevor du nach dem Grund fragst… Vater hatte oft seine Berater im Nacken sitzen, die ihm Rechtsbeistand gegeben haben. Diese Leute da draußen, mit den Fackeln und den Mistgabeln, die könnten vor deinem Schlafzimmerfenster stehen oder im Thronsaal, wenn nach draußen dringt, dass du Kinder des Mordes bezichtigst, für den es keine Beweise gibt. Sieh es also als brüderlichen Rat, Folken.“
Schweigen kehrte zwischen den beiden ein. Ausdruckslos starrten die beiden Männer sich an, bevor Folken sich schließlich regte.
„Ich verspreche dir gar nichts. Aber im Moment habe ich in der Tat besseres zu tun. Wenn ich vorerst von den Kindern ablasse, habe ich dann dein Wort, mich bei meinen Regierungsgeschäften zu unterstützen?“
Van verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ja. Klar.“
„Gut“, meinte Folken nur nickend. Es wäre übertrieben, zu sagen, dass die beiden sich gut verstanden. Daher war es auch kein Wunder, dass Folken schließlich kehrt machte und Van wortlos zurückließ.

Als die Tür ins Schloss fiel, atmete Van sichtlich erleichtert aus. Folken hatte so seine einschüchternde Art, doch das war nicht der einzige Grund, weshalb er wie selbstverständlich zugesagt hatte, ihm zu helfen. Er hatte sich das schon in der Nacht überlegen müssen, denn die Alternative wäre, sich Folken zum Feind zu machen. Es war furchtbar, jetzt schon seinen Bruder als seinen Feind anzusehen, doch Van wusste sich nicht anders zu helfen. Er wollte sich kein Horrorszenario über Folken an der Spitze des Landes vorstellen, aber lieber stand er Folken nahe, falls es doch zu seltsamen Machenschaften in Fanelia kam, statt sich jetzt schon von ihm zu entfremden. Er verstand seine Beweggründe selbst noch kaum, doch er wollte irgendwie nach vorne sehen und sich selbst davon überzeugen, dass Hitomi unrecht hatte. Es konnte einfach nicht stimmen, was sie gesagt hatte. Es gab keine Verschwörung seines Bruders gegen den König und das Land. Zumindest redete Van sich das ständig ein.
Er hörte, wie die Tore des Gerichtsgebäudes geöffnet wurden, und sah aus dem Fenster. Die Menge tobte nun noch mehr, wie Vieh, kurz bevor es auf die Schlachtbank geführt wurde. Van seufzte auf, als er die beiden Eltern sah, die von Wachen durch die Menge gestoßen wurden. Die Frau hob man auf den Scheiterhaufen, wo man ihr die Arme hinter dem Balken festband, um den das Brennholz lag, während man ihren Mann auf das Podest schleifte. Seine gebrochenen Beine verhinderten das Aufstehen, und er wehrte sich kaum, als man seinen Kopf auf den Holzpflock neben dem Henker drückte. Die Frau weinte bitterlich, und von seiner Position aus konnte Van genau sehen, wem ihre Tränen galten. Sie hatte die Augen auf ihre Kinder gerichtet, die sie in der Menge entdeckt hatte. Hitomi war ihr Spiegel. Sie schluchzte beim Anblick ihrer Mutter, und klammerte sich an ihren Bruder, der vor Tränen wohl gar nichts mehr sehen konnte. Van beobachtete seinen Bruder dabei, wie er von seinem Pferd aus über die Menge blickte und von einer Schriftrolle das Urteil verlas. Auge um Auge, lautete das Urteil. Für den Mord an ihrem Vater würden beide die Todesstrafe erhalten. Ein paar der anwesenden Bewohner schienen doch erschüttert darüber zu sein, gerade weil die Mutter unter herzzerreißenden Tränen nun doch ihre Unschuld beteuerte. Folken aber blieb kalt, und befahl dem Henker, mit der Hinrichtung zu beginnen.

Van hatte seinen Vater sterben sehen, seinen Todeskampf mitbekommen. Enthauptungen waren aber selbst ihm neu und er musste dem Drang wiederstehen, einzuschreiten und laut „Nein!“ zu rufen. Das Metall durchtrennte den Hals des Mannes sauber mit einem Hieb, und die tosende Menge verstummte plötzlich. Sein Kopf fiel nicht in den vorgesehenen Bottich, sondern rollte daneben vom Podest, wo er auf den Füßen der Schaulustigen landete. Nun musste Van sich doch abwenden. Er hatte zwar nichts gegen Blut, aber den offenen Hals eines Menschen anstarren zu müssen, hatte etwas Unnatürliches, etwas Abartiges. Sofort musste er das Vorgehen seines Bruders erneut hinterfragen. Hätten die gebrochenen Beine nicht gereicht? Oder eine Gefängnisstrafe? Arbeitslager? Alles war besser, als die Kinder der Familie bei diesem Massaker zusehen zu lassen. Doch Folken reichte das wohl noch lange nicht. Er trieb sein Pferd vor den Scheiterhaufen, und verlangte dann nach einer Fackel.




Hitomis Schulter war nass. Es war nicht wichtig, und würde auch nichts ändern, aber in diesem Moment störte es sie, dass ihre Schulter nass war. Mamoru hatte sich daran ausgeweint, bis der Prinz das Urteil verlesen hatte. Dann waren beide plötzlich stumm geworden. Nur Hitomis Schulter war noch nass vor lauter Tränen. Und es störte sie. Sie konnte nicht mehr richtig denken. Sie schwankte zwischen den Optionen, wegzulaufen, zu schreien, oder auf der Stelle selbst tot umzufallen. Doch da ihre Kehle wie zugeschnürt und ihre Beine ihren Dienst versagten, tat sie überhaupt nichts. Alles, was sie tun konnte, war Mamoru die Hand vor die Augen zu halten, als der Kopf ihres Vaters dumpf auf dem Boden auftraf. Wenigstens das konnte sie tun, nicht mehr, und nicht weniger. Sie war froh, dass auch er nicht schrie, damit Folken sie nicht entdeckte. Der war ja auch zu sehr damit beschäftigt, sich das selbstgefällige Grinsen zu verbieten. Hitomi wusste genau, wie groß die Genugtuung sein musste. Noch größer wäre sie nur, wenn man sie schnappen würde. Das war von nun an das Ziel.
Mamoru zog sich selbst Hitomis Hand von den Augen, als Folken gerade nach einer Fackel griff und ihrer vor Angst schreienden Mutter entgegenhielt.
„Hiermit verurteile ich die Hexe und Giftmischerin zum Tode durch den Scheiterhaufen. Verschone uns mit deinen Flüchen, Weib.“
Kraftlos ließ er die Fackel in den Reisig fallen, der sofort Feuer fing. Hohe Flammen leckten am Kleid ihrer Mutter, die panisch den Kopf herumwarf, während das Feuer immer höher stieg. Sie zog ruckartig an den Fesseln, doch sie gaben nicht nach. Sie spürte, wie Mamoru nach ihrer Hand griff. Sie drückte ihn fest. Dann holte ihre Mutter tief Luft, nur um sich dann die Seele aus dem Leib zu schreien, weil die Flammen ihr Kleid erfasst hatten und ihre Beine verbrannten. Ein unangenehmer Geruch erfüllte den Platz, und die ersten Schaulustigen verdrückten sich. Der Gestank verbrannter Haut war kaum auszuhalten. Nur Folken blieb ausdrucklos auf seinem bockigen Pferd vor ihrer Mutter stehen, um sie aus nächster Nähe zu Rauch werden zu sehen. Dann, noch bevor die Flammen ihr Haar erreichten, flog ein Pfeil an Folkens Kopf vorbei. Das Schreien ihrer Mutter verstummte, genau wie die eifernden Rufe der Schaulustigen. Hastig blickte Folken sich um.
„Wer ist das gewesen? Wer hat diesen Pfeil geschossen?!“
Murmelnd ging die Menge auseinander. Man sah sich fragend um, plappernd, kopfschüttelnd.
Hitomi blickte zum Scheiterhaufen, wo der Pfeil die Stirn ihrer Mutter durchbohrt hatte und fest im Holz dahinter feststeckte. Sie wusste nicht, was schlimmer war. Doch wer auch immer das gewesen war, hatte ihr ein langes Leid mit Todesqualen erspart. Kurz sah sie Mamoru an, dem sie so einen präzisen Distanzschuss durchaus zugetraut hätte, doch der hatte sich kein Stück bewegt und blickte genauso verwirrt drein.

Hitomi hörte nur noch das Knistern des Feuers und Folkens wütendes Gezeter. Er stieg von seinem Pferd ab und durchdrang mit seinen Wachmännern das Gedränge um den Scheiterhaufen. Diese Hinrichtung war selbst für diese erbärmlichen Verhältnisse weit weg von der Hauptstadt ein absolutes Chaos und bedeutete eine Blamage für Folken. Unter anderen Umständen hätte Hitomi sich darüber hämisch gefreut. Aber nun suchte sie nur stirnrunzelnd nach dem Schützen, der Folkens perfekte Rache an ihrer Familie vereitelt hatte. Wie alle anderen sah sie sich auf dem Festplatz um, doch keiner hier hatte einen Bogen in der Hand oder sah nur ansatzweise so aus, als könnte er mit einem umgehen. Aus unerfindlichen Gründen lenkte sie ihren Blick zu den oberen Stockwerken des Gerichtsgebäudes. Dort stand jemand, von dem sie nicht gedacht hätte, ihn jemals wiederzusehen. Und niemals hätte sie gedacht, dass Van so etwas tun würde. Seine Augen trafen auf ihre, und sie sog scharf die Luft ein. Er hob seinen Bogen hinter seinen Rücken, um ihn zu verbergen. Tiefe Dankbarkeit kam in Hitomi auf, doch Vans Augen blieben starr. Er sah sie einfach nur an, als würde er überlegen, ihr den nächsten Pfeil zu verpassen. Gerade, als Hitomi wieder die Tränen in die Augen treten wollten, wurde Vans Blick weicher. Er nickte ihr zu. Ganz kurz und nur sehr unauffällig, und dann wandte er sich ab. Er verschwand vom Balkon des Hauses, und tauchte dort auch nicht wieder auf. Hitomi sah noch einmal über den Platz. Dann zog sie an Mamorus Mantel.
„Hör mal, wir müssen weg von hier. Folken wird nach dem Täter suchen und könnte uns dabei entdecken. Wir sollten verschwinden, ja?“
Nach ihrem Geschmack dauerte es viel zu lange, bis ihr Bruder endlich reagierte. Sie hielt es für das Beste, ihm noch nichts von Van und seiner Gnadentat zu erzählen, sondern sich erstmal zu verdrücken.

Schließlich nickte Mamoru. Sie sprangen von den Trümmerteilen und verzogen sich vom Marktplatz. Immer wieder warf Hitomi einen verängstigten Blick nach hinten, doch Folkens wutverzerrtes Gesicht tauchte nicht wie erwartet hinter jeder Ecke auf. Hastig verließen die beiden Geschwister die Stadt und steuerten ihr Heimatdorf an.
„Und was machen wir jetzt?“, quengelte Mamoru nach einer Weile.
„Das weiß ich auch nicht. Vielleicht haben wir wirklich Glück, und daheim verrät uns keiner. Wir sollten es zumindest versuchen. Wir haben Hunger und sind müde, also lass uns nach Hause gehen.“
„Ist gut.“
Hitomi war froh, bei ihrem Bruder nicht schon wieder auf Einwände zu treffen. Jetzt war sie die älteste in der Familie. Sie hatte nun all die Aufgaben, die ihre Eltern gehabt hatten. Je weiter sie sich von den toten Körpern ihrer Eltern entfernten, desto schwerer lag die unerträgliche Last dieser Verantwortung auf ihren Schultern. Sie würden nicht einmal dazu kommen, ihre Eltern richtig zu bestatten. Aber trotzdem musste es irgendwie weitergehen. Also suchte sie nach anderen Themen, über die sie nachdenken konnten, ohne dabei auf ihre Eltern zu sprechen zu kommen.
„Sag mal, wie kommt es überhaupt, dass du so viel über diese Drachen im Wald weißt? Die hätten auch gut und gerne nach uns schnappen können. Woher wusstest du, dass sie uns nichts tun würden?“
Mamoru verdrehte die Augen und schnalzte bockig mit der Zunge.
„Du bist doch nicht die einzige, die sich selbst was beibringt. Glaubst du, ich hocke nur faul rum, wenn Papa und du trainiert habt? Ich hab die Drachen letztes Jahr gefunden, als sie noch gebrütet haben. Da sind sie immer aggressiv. Aber wie gesagt, wenn man keine Waffe bei sich hat, sind Erddrachen nicht gefährlich. Sie sind keine Schoßhunde oder Kuscheltiere, aber auch keine mörderischen Monster.“

Hitomi sah ihren Bruder stirnrunzelnd an.
„Dafür hattest du so viel Zeit? Dich mit Drachen anzufreunden ist jetzt nicht unbedingt das, was ich von dir erwartet hätte.“     
„Wie gesagt, du bist nicht die einzige, die was draufhat.“
Hitomi musste lächeln.
„Und du bist ganz schön von dir selbst eingenommen.“
„Ach, sei leise. Ein Schwert kann ich zum Beispiel immer noch nicht richtig heben, ohne mir die Schulter dabei auszurenken.“
„Du sollst dich auch nicht immer heimlich in die Waffenkammer schleichen. Und das mit dem Schwert, das kann ich dir ja beibringen.“
Mamoru starrte eine Zeit lang nur noch auf ihre Füße, während sie liefen, bis er dann antwortete.
„Wir zwei müssen das irgendwie zusammen schaffen, oder?“
„So siehts wohl aus, ja.“
„Also, du bist zwar meine große Schwester, aber deshalb kann ich dich noch lange nicht so gut leiden wie Mama.“
Hitomi lachte.
„Ich weiß schon. Mama hätte einen Plan. Wir beide stolpern erst mal ein bisschen durch die Welt, ohne ein festes Ziel zu haben. Außer zu überleben.“
„Und wann gehen wir in die Hauptstadt? Mama hat etwas über unser Grundstück gesagt.“
„Das hast du gehört? Wir haben dich doch weggeschickt!“
Mamoru ignorierte ihre Vorwürfe. Es hatte keinen Sinn mehr, sich über längst vergangene Tage und Dinge zu streiten.
„Wie auch immer. Wir werden es versuchen, bevor der erste Schnee fällt und es zu kalt zum Reisen wird. Und wir müssen versuchen, dass uns nicht Folken persönlich empfängt, das wird das schwerste werden.“
„Aber wir schaffen das, oder?“
Hitomi schluckte schwer. Sie hatte keine Ahnung, wie sie das hinbekommen sollte, ohne einen Nervenzusammenbruch zu erleiden. Es gab so einiges, was ab nun an Aufgaben auf sie zukommen würde, zusammen mit einem viel zu großen Hof und einem launischen Jugendlichen, dem Prinzen mit seiner persönlichen Fehde gegen ihre Familie im Nacken. Aber ihr Vater hatte ihr so einiges beigebracht, und dazu gehörte auch, dass Aufgeben nun einmal nicht drin war.
„Ja… Ja, wir schaffen das.“




Ein eisiger Wind fegte über den Hof vor dem Palast. Auf ihrer dreitägigen Reise waren die Temperaturen stark gefallen. Der Herbst hatte nun jeden Teil des Landes erreicht, und machte sich auf seine ganz persönliche, ungemütliche Art bemerkbar. Und nicht nur der Wind war kalt, Folken war es ebenso. Die beiden Brüder hatten auf der Reise zurück in die Hauptstadt kein Wort miteinander gesprochen. Van war sich nicht sicher, ob Folken eine Vermutung hatte, dass Van derjenige war, der die Mutter vor ihrem Tod durch das Feuer bewahrt hatte, indem er mit Pfeil und Bogen auf sie geschossen hatte. Wenn er sich sicher gewesen wäre, hätte Folken wohl schon längst dafür gesorgt, dass Van morgens nicht mehr aufgewacht wäre. Aber er fühlte sich nicht schlecht für das, was er getan hatte. Die Erleichterung in Hitomis Gesicht war es mehr als wert gewesen, ihr diesen Gefallen zu tun. Ihre Mutter wäre so oder so gestorben. Doch so waren es wenigstens keine endlosen Qualen, die ihn verfolgen würden, wenn Van doch herausfinden sollte, dass die Familie unschuldig war. Man würde Vargas und seinen Vater gleich zur Bestattungsvorbereitung in die Krypta bringen. Und dann war kaum noch jemand übrig im Gefolge, dem Van voll und ganz vertrauen konnte. Ab heute war er so gut wie allein. Da gab es nur Merle und seine Mutter, denen er eventuell genug anvertrauen konnte, um nicht völlig allein gegen Folken zu stehen. Er erinnerte sich daran, Prinzessin Millerna zu benachrichtigen und über seine Vermutungen in Kenntnis zu setzen, aber als sie in den Hof ritten, zählte nur noch seine Mutter. Sie hatte sich auf Merle aufgestützt, die mit hängenden Ohren auf den Wagen sah, auf dem der König unter einem Leichentuch lag. Von der Schönheit seiner Mutter war kaum noch etwas übrig. Die Nachricht seines Todes hatte die Hauptstadt wohl sehr viel schneller erreicht, als er gedacht hatte. Wenn sie sich nicht mit der Hinrichtung aufgehalten hätten, wäre das vielleicht nicht passiert.

Van stieg von seinem Reittier ab und übergab es an einen Knappen, der es in den Stall bringen und versorgen würde. Mit schnellen Schritten kam er auf seine Mutter zu, die am Absatz der Treppe stand, und nahm sie in den Arm. Sie schluchzte laut in sein Ohr. Worte waren nicht nötig, um auszudrücken, wie sie sich beide fühlten. Auch Merle kam hinzu, und klammerte sich an Van und Varie.
„Wir konnten nichts mehr tun. Wir sind so schnell nach Hause gekommen, wie wir konnten.“
Er wusste, dass seine Worte auf taube Ohren stießen und nichts mehr bedeuteten. Seine Mutter war am Boden zerstört, und nichts würde daran etwas ändern.
„Lasst uns drinnen darüber reden. Hier draußen ist es viel zu kalt.“
Seine Worte richteten sich mehr an Merle, die verständnisvoll nickte und Varie sanft, aber bestimmt mit sich nach drinnen zog.
„Ich lasse die Toten in die Krypta bringen“, hörte Folken hinter sich sagen. Van nickte ihm zu. Dann fiel ihm etwas ein.
„Folken, warte kurz.“

Sein Bruder drehte sich um.
„Was ist?“
„Ich kenne Mutter. Sie wird sich bestimmt allein von ihm verabschieden wollen, und ich ebenso. Meinst du, wir können mit dem Begräbnis der Toten bis morgen warten? Ich will Vargas allein die letzte Ehre erweisen.“
Folken sah ihn an und zog die Augenbrauen zusammen.
„Morgen also? Warum nicht. Ich habe sowieso besseres zu tun. Mutter und du könnt die Feierlichkeiten organisieren, ich habe meinen eigenen Tag vor mir.“
„Deinen Tag? Was meinst du?“
Folken lief die Treppe zu ihrem Palast hinauf und wurde dort von seinen eigenen seltsamen Gefolgsleuten in Empfang genommen.
„Meine Krönung natürlich. Meine Krönung zum König von Fanelia. Die wird dann also am Tag nach der Bestattung stattfinden. Sag Vater Auf Wiedersehen von mir. Komm dann zu mir. Ich muss dir ein paar meiner Regierungsaufgaben abtreten, ich werde viel zu tun haben.“
Völlig sprachlos ließ Folken seinen Bruder draußen stehen, während die Toten an ihm vorbei nach drinnen gebracht wurden. Van kannte seinen Bruder gut. Trauer war sowieso nicht sein Ding, aber so gefühllos war er selten gewesen. Trotzdem war es definitiv nicht seine Art, dass ihn der Tod ihres Vaters so völlig kalt ließ. Und schon wieder befeuerte es das Misstrauen in Vans Innerem, diese leisen Zweifel an Folken nagten immer stärker an ihm. Seines Erachtens nach kehrte Folken viel zu schnell in seinen alten Trott zurück. Der Machtwechsel ging ihm viel zu schnell. Gestern noch wurde auf König Goau getrunken, in drei Tagen würde man Folken die Krone seines Vaters aufsetzen. Er redete sich ein, dass Folkens Regentschaft doch nicht so schlimm werden würde, und Folkens Verhalten seine Art war, zu trauern. Aber vorher musste er noch nach Vargas sehen, um wenigsten einen kleinen Teil seiner Zweifel aus dem Weg zu schaffen.

Durch das Gedränge auf dem Hof lief Van nach drinnen und steuerte den Gang zur Krypta an. Er hatte immer Angst vor diesen kalten Kellerräumlichkeiten gehabt, als er noch klein war. Nur, wenn sein Vater ihn an der Hand gehalten hatte, konnte er die steilen Stufen nach unten überwinden. Die Schädel in den Wänden hatten ihm immer die größte Furcht eingejagt. Aber mit seinem Vater in der Hand war das alles kein Problem gewesen. Heute musste er diese Schritte allein tun, und es fiel ihm schwer, zu wissen, dass diese Zeiten von früher, in denen Goau ihn in die Krypta geführt hatte, von nun an endgültig vorüber waren. Van atmete tief durch und setzte dann einen Schritt nach dem anderen nach vorn. Einige Männer kamen ihm entgegen, sprachen ihr Beileid aus oder nickten ihm einfach bloß zu. Goau lag ihnen wohl auch als Mensch am Herzen, neben ihrer Pflicht, dem König zu dienen. In einem der größeren Räume fand Van ihn schließlich aufgebahrt vor. Man hatte seine Kleidung nicht verändert, oder ihn sauber gemacht, denn dafür war bisher keine Zeit. Van war nur froh, dass sein Gesichtsausdruck weder schmerzverzerrt noch verschreckt war. So wollte er seinen Vater auf keinen Fall in Erinnerung behalten. Van strich ihm das schwarze Haar aus dem Gesicht und richtete seine Kleidung.
„Ich werde auf Mutter aufpassen, versprochen. Und… auf Folken auch. Du wirst mir fehlen, Vater. Nichts ist mehr so, wie es war. Und das alles nur, weil ich dir von den Drachen an der Landesgrenze erzählt habe, und du es dir unbedingt selbst ansehen wolltest. Das hat dich das Leben gekostet, und ich durfte unterdessen jemanden kennenlernen, die… ach, egal. Du hast mir nicht viel über Regierungsgeschäfte beigebracht, aber dafür umso mehr über Menschlichkeit. Danke für alles.“
Van hob die Hand und schloss seinem Vater die Augen.
„Ich hätte gern noch etwas länger von dir gelernt. Wie man richtig mit Frauen spricht, zum Beispiel. Oder wie man sich um die Wünsche der Bürger kümmert. Du hast mir nie erzählt, wie du deine Berater von der Hochzeit mit Mutter überzeugen konntest, obwohl sie keine Adlige war. Du hast erzählt, wie ihr euch kennen gelernt habt, aber nie das Drama danach. Ich hätte gern mehr Zeit mit dir verbracht. Nur hatte ich viel zu viel damit zu tun, mich gegen jede Lehrstunde von dir zu wehren und meinen Pflichten auszuweichen. Und das tut mir leid. Ich will nur, dass du weißt, dass es nicht deine Schuld ist, dass ich zu wenig gelernt habe. Das lag an mir. Nicht an dir. Hoffentlich habe ich genug mitnehmen können, um die nächste Zeit zu überstehen. Auf Wiedersehen, Vater. Ich hab dich lieb.“

Van zog das Tuch über den Kopf seines Vaters, als ihm die Tränen die Luft abdrückten. Er musste sich abwenden, als er das Gefühl bekam, gerade zu ersticken. Er wandte sich wiederwillig ab und trat an die nächste Bahre, wo Vargas unter seinem Leichentuch verborgen lag. Es war noch schwerer, seinem Mentor ins Gesicht zu sehen, denn kaum ein Teil seiner Haut war nicht vom Feuer des Drachen verkohlt worden. Van sah sich in der Krypta um. Es war niemand zu sehen oder zu hören. Trotzdem wollte er nicht gleich mit seiner Untersuchung beginnen, sondern sich erst von ihm verabschieden. Van bedankte sich bei Vargas. Für all die Übungsstunden, sein Training, die guten Ratschläge. Dann, nachdem er sich erneut versichert hatte, dass außer ihm niemand in der Krypta war, hob er das Tuch weiter an und führte seine Hand über die verbrannte Brust seines Mentors. Seine Rüstung hatte man ihm zwar schon abgenommen, doch der Harnisch darunter war noch da. Van tastete vorsichtig auf dem Stoff herum, bis er tatsächlich einen Riss darin fand, unter der er den kalten Körper fühlen konnte. Er musste schlucken. Denn tatsächlich war da eine Lücke in der Haut, die von den Flammen weitestgehend unbeschadet geblieben war. Van hielt den Atem an, als er seine Finger in den Spalt im Torso seines Mentors einführte. Die Wunde ging immer tiefer und war nicht nur ein leichter Kratzer, wie er gehofft hatte. Seine Finger berührten etwas Weiches, und Van verzog angewidert das Gesicht, doch er schob seine Hand noch ein wenig tiefer. Es handelte sich ohne Frage um einen Schwerthieb, der direkt durch die Brust führte. Van zog seine von dunklem Blut benetzten, klebrigen Finger wieder aus seinem Körper und wischte sie an einem seiner Taschentücher ab. Er wollte gar nicht wissen, welche seiner Organe er da gerade berührt hatte. Schnell hob er das Tuch wieder über Vargas und steckte sein blutiges Taschentuch weg. Nichts von all dem hier beruhigte ihn. Hitomi hatte Recht behalten. Vargas war nicht durch einen Drachen umgekommen, sondern vielleicht wirklich durch ein Schwert – das seines Bruders. Es gab nur wenige Möglichkeiten, sich darüber sicher zu sein. Aber für heute hatte er genug. Van drehte sich um, um zu gehen, als er die Gestalt unter dem Türbogen entdeckte, und er vor Schreck zusammenfuhr.

„Was tust du da, Van?“
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