Hämorrhagie

OneshotDrama, Schmerz/Trost / P16
22.02.2019
22.02.2019
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Hämorrhagie


1

„Lass es gut sein, ehrlich“, schnauzte er und schüttelte die Nervensäge von sich ab. Chris rollte mit den Augen und brachte durch lange Schritte einen Abstand zwischen sich und den Türsteher, der die Tür des Nachtclubs im Blick behielt.
Der Alkohol ließ ihn schwanken und sein peripheres Sichtfeld war in den Augenwinkeln bereits trübe. Im Grunde war es, als würde er Scheuklappen tragen. Die berauschende Wirkung spürte er allerdings erst, seit er an die frische Luft gebracht worden war.
„Mach dich vom Acker“, rief der bullige Kerl, der ihn um mindestens einen halben Kopf überragte und seine fleischigen Oberarme anspannte. Darauf waren einige ziemlich hässliche Tattoos, die Chris in diesem Moment zum Lachen brachten.
„Na los, schieb ab, Arschloch“, blaffte derselbe Türsteher noch lauter und Chris hob den Kopf an, um seinem Widersacher ins Gesicht zu blicken. Hinter ihm rasten mehrere teure Limousinen über die vollgestopfte Straße und veranstalteten einen Heidenlärm.
„Red‘ ich Chinesisch, oder was? Verpiss dich endlich“, wiederholte der Türsteher und näherte sich ihm, um ihn ein Stück weiter zu schubsen, bis Chris beinahe über eine lockere Betonplatte im Trottoir stolperte.
Diese Unsicherheit nutzte der Sicherheitsmann natürlich direkt und stieß dem Störenfried seine Faust mit Nachdruck in die Magengegend. Chris wiederum weitete die Augen und spürte das, was man immer spürte, wenn einem die Galle die Speiseröhre aufstieg.
Der Mund füllte sich mit saurem Speichel und man bekam das Gefühl, dass sich die untere Kiefermuskulatur verkrampfte. Nur mit allergrößter Körperbeherrschung behielt er den unverdauten Alkohol in seinem Inneren.
Urplötzlich wurde Chris gepackt und im Schwitzkasten festgehalten. Mit seinen Händen krallte er sich an den Unterarmen des Türstehers fest und strampelte gegen den Griff an. Er schüttete Adrenalin in rauen Mengen aus und sein Herz raste.
„Also, du gehst jetzt nach Hause oder ich rufe dir ein Taxi. Im Zweifelsfall kannst du dich noch mit der Polizei unterhalten, hast du kapiert?“ zischte der Hüne und Chris versuchte in dessen gnadenlosen Griff zu nicken.
Nach weiteren Sekunden hielt ihn der Türsteher für ruhig genug, um ihn loszulassen, und Chris fiel auf die Knie, wobei eine seiner Hände an seinen malträtierten Hals wanderte. Er wurde erneut wütend und warf dem Sicherheitsmann einen hasserfüllten Blick zu.
Er rappelte sich auf und wollte sich umdrehen, dann drehte er sich ruckartig um und stürmte auf den Mann zu, um sich auf ihn zu stürzen. Schreiend schlug er auf das Gesicht des Überraschten ein und wurde nach kurzer Zeit von seinem Opfer heruntergezogen.
Drei Männer packten Chris von hinten und hielten seine Arme fest wie Schraubstöcke, dabei trat er immer noch um sich und blieb so wütend wie zuvor. Es dauerte in dieser Gegend nicht lange, bis die Polizei eintraf und ihn mit aufs Revier nahm.
Dort sperrten sie ihn in eine Ausnüchterungszelle und bis zum nächsten Morgen verrieten sie ihm nicht, was mit ihm geschehen würde. Am Nachmittag allerdings klärte ihn jemand darüber auf, dass ein Strafantrag gegen ihn gestellt worden sei.
Körperverletzung.
Die Schwere seines Vergehens allerdings musste noch geklärt werden, weil der Türsteher keine langfristigen Schäden davontragen würde, aber ein deutlicher Tatvorsatz während mehrerer Zeugenaussagen festgestellt werden konnte.
Chris kam es vor, als würde die Zeit vor und während der Antragstellung auf Strafbefehl sehr viel langsamer als gewöhnlich vergehen. Wie eine Marionette schoben sie ihn hin und her und schlussendlich bekam er eine Freiheitsstrafe mit Bewährung.
Sein Anwalt war stolz auf das Ergebnis, doch Chris konnte sich dafür nicht mehr als nötig begeistern. Es war ihm gelinde gesagt scheißegal, was mit ihm passierte, denn er fühlte sich leer und weggestoßen, geradezu weggeworfen.
Wie Müll.
Er bekam einen Bewährungshelfer und der sorgte dafür, dass Chris arbeiten ging und sich in die Gesellschaft eingliederte. So gut es eben ging. In den ersten Wochen arbeitete Chris bei verschiedenen Firmen als Packer oder Reinigungskraft.
Die meisten warfen ihn raus, wenn er nicht vorher sogar das Handtuch schmiss. Irgendwann sagte sogar sein Bewährungshelfer, er sei ein hoffnungsloser Fall.

2

Sie konnte ihn nicht leiden. Nein, das war gelogen. Wie sehr sie ihn doch hasste… Am liebsten würde sie ihm einmal zeigen, wo es langging. Deanna hatte nämlich keine Geduld für solche Mätzchen, aber sie hatte seinem Bewährungshelfer versprochen, ihn zu beschäftigen.
Zumindest die ganze Probezeit und die betraf in Chris‘ fall nur drei Wochen, eben wegen der ‚besonderen Umstände‘. Eigentlich war sie keine Weltverbesserin, aber in diesem Fall hatte sie auf ihre Mutter gehört und es probiert.
Schließlich sollte jeder die Welt ein kleines Stückchen besser machen. So oder so ähnlich hatte sie es am Telefon ausgedrückt, als sie ihr von dem Angebot der Stadt erzählt hatte. Deannas kleines Diner war nichts Außergewöhnliches und ihre Belegschaft sehr klein, aber jemanden zum Spülen konnte sie immer gebrauchen.
Außerdem gab es für dieses Arrangement eine kleine Zuwendung vom Staat, wenn man so wollte, und sie konnte die Finanzspritze ganz gut gebrauchen. Die bekam sie allerdings nur, wenn Chris die drei Wochen Probezeit durchhielt.
Bisher sah es eher bescheiden aus.
Er strengte sich aber auch nicht besonders an, um sie zu beeindrucken, fast schien es ihr, als wollte er rausgeworfen werden. Wenn sie seiner Akte glaubte, dann machte er das gerade zu einem Sport, der besonders seinem Bewährungshelfer auf die Nerven ging.
Deanna räumte bei einer vierköpfigen Familie die Teller selbst vom Tisch und brachte sie nach hinten in die Küche. Auf dem Edelstahltisch vor der Spülmaschine türmten sich die benutzten Teller und das Besteck, und Chris war verschwunden.
„Och, das darf doch nicht wahr sein…“, stöhnte sie erschöpft und stellte ihre Ladung unsanft auf den Tisch, dann drehte sie sich zu einer ihrer Aushilfen und winkte sie zu sich heran.
„Kannst du das mal kurz übernehmen? Ich muss ihm wohl mal den Kopf waschen“, schnauzte sie ungehalten und Becky, eine junge Studentin Anfang zwanzig, nickte verständnisvoll, doch sah sie auch ein wenig amüsiert aus.
„Reiß ihm nicht den Kopf ab“, sagte sie, während Deanna schon loszog, um nach Chris zu suchen. Sie durchforstete die kleine Küche, ging an ihrem Koch vorbei, der sich mit seiner Assistentin um eine kleinere Bestellung kümmerte, und steuerte schließlich die Hintertür an.
Chris stand mit dem Rücken zu ihr, sein graues T-Shirt hing viel zu groß an seinem Körper herab und sein schmutzig-blondes Haar stand wirr in alle Richtungen ab. Er schien mit irgendetwas beschäftigt zu sein, denn seine Arme bewegten sich und er hantierte mit etwas auf dem kleinen Tisch herum, an dem die Raucher ihres Betriebs eine kurze Pause machen konnten.
„Chris, da hinten sieht es aus wie ein Schweinestall. Du hast auch offenbar überhaupt keinen Bock zu arbeiten und ich bin es leid, dir ständig hinterher zu rennen! Entweder du kriegst das in den Griff, oder ich muss dich-“, schimpfte sie los und er warf ihr einen kurzen Blick über die Schulter zu, doch machte der sie stutzig.
Sein Gesicht war ziemlich fahl und er sah angestrengt aus, irgendwie gehetzt.
„Was machst du da?“ fragte Deanna misstrauisch und trat an ihn heran, packte ihn an der Schulter, um ihn zu sich zu drehen und blickte auf seine Finger, die blutbeschmiert waren. Erschrocken nahm sie ihm die Schere aus der Hand, mit der er ein Pflaster abzuschneiden versuchte.
„Stopp, du machst es nur noch schlimmer!“ rief sie und nahm ihm Schere und das lange Pflaster ab, das in einer großen Rolle in einem Karton aus dem Verbandskasten in der Mitarbeitertoilette stammen musste.
„Ich hab‘ in ein Messer in einem Korb gelangt und…“, setzte er an, doch schüttelte sie den Kopf und öffnete seine Handfläche. Es klaffte ein etwa zehn Zentimeter langer Schnitt in seiner etwas größeren Hand.
„Das muss genäht werden. Komm, mein Auto steht hier um die Ecke“, stellte sie fest und holte erst ihren Autoschlüssel aus ihrer Handtasche, sagte dann Bescheid, dass sie mit Chris ins Krankenhaus fahren würde.
Schon während der Fahrt sagte er kein einziges Wort, klammerte sich bloß an dem frischen Handtuch fest, das sie ihm auf dem Weg durch das Diner besorgt hatte, und welches das Blut am Austreten hindern sollte.
Deanna fand das Schweigen sehr bedrückend und schaltete das Radio ein, damit sie nicht ihre eigenen Gedanken hören musste. Chris wiederum sah aus dem Fenster der Beifahrertür und drehte ab und zu den Kopf betreten zu seinen Knien.
Er war nur zwei Jahre älter als sie selbst, wie sie bei einem Blick in seine Akte hatte feststellen können. Chris sah allerdings sehr viel müder aus als sie es war – und sie war selbständig. Unter seinen blauen Augen lagen tiefe dunkle Schatten.
Außerdem war er zwar groß, aber recht dünn, er sah insgesamt überhaupt nicht gesund aus, wie sie fand. Ein Mann Mitte dreißig sollte nicht so aussehen wie er.
Endlich auf dem Parkplatz der Notaufnahme angekommen, führte sie ihn zur Rezeption, wo sie den Grund für ihr Kommen nennen und ein Formular ausfüllen mussten. Sie würde es als Arbeitsunfall verbuchen, damit er keine komplizierteren Fragen beantworten musste.
Unglücklicherweise mussten sie über eine Stunde warten, bis jemand Zeit für seine Wunde hatte, und während dieser Zeit versuchte Deanna immer wieder, ein unverfängliches Gespräch mit ihm anzufangen, was er jedes Mal im Keim erstickte.
Er antwortete höchstens einsilbig und sah ihr nicht einmal in die Augen, was Deanna ein wenig aufregte, doch beruhigte sie sich immer, wenn ihre Gedanken mit ihr durchzugehen drohten, indem sie seine Körpersprache ansah.
Irgendetwas stimmte mit dem Typen doch nicht.
Die Behandlung ging relativ unkompliziert von statten, eine junge Ärztin desinfizierte den Schnitt und nähte ihn mit insgesamt acht Stichen, dann wurde er verbunden und gebeten, Ruhe zu halten, um die Wunde ordentlich heilen zu lassen.
Insgesamt hatte Chris aber Glück gehabt.
Immer noch wortlos gingen sie danach zu Deannas Auto und sie wartete, bis er sich angeschnallt hatte, dann drehte sie den Kopf zu ihm.
„Warum hast du nichts gesagt und dir helfen lassen?“ fragte sie und versuchte nicht allzu vorwurfsvoll zu klingen. „Das hätte sich übel entzünden können. Und es hätte ja sowieso jemand gesehen, früher oder später.“
„Ist doch egal“, war das einzige, womit er sie abzuspeisen versuchte, doch schüttelte Deanna ungläubig den Kopf und schnaufte, was ihn das Gesicht wütend verzerren ließ.
„Nein, das ist nicht egal, Chris. In meinem Laden dulde ich das nicht. Wenn es einem nicht gut geht oder er oder sie sich verletzt, dann geht er oder sie nach Hause. Du eingeschlossen, auch wenn du offensichtlich keine Lust hast bei mir zu arbeiten“, wetterte sie und er sah ihr das erste Mal wieder in die Augen.
Das Blau seiner Iriden wirkte in diesem Moment gebrochen. Beinahe wie ein eingeschlagener Spiegel, der das Gesicht verzerrte und unheimlich aussehen ließ.
„Ich fahre dich jetzt nach Hause. Wenn deine Krankschreibung ausgelaufen ist, erwarte ich, dass du pünktlich wieder da bist und deinen Job machst“, sagte sie und überraschte sich damit selbst. In der Notaufnahme hatte sie sich eigentlich überlegt, ihn rauszuwerfen.
„Ok“, raunte er und sie fuhr ihn zu seiner Adresse. Er bedankte sich kaum hörbar und warf die Beifahrertür laut ins Schloss, sodass Deanna zusammenzuckte. Wenn er wieder zurückkam, würde sie ihm den Arsch hochbinden.
Oder sie reagierte sich heute Abend einfach im Dojo ab, das wäre vielleicht sicherer.

3

Die Narbe in seiner Hand zwickte eigentlich kaum noch und er war tatsächlich nach seinem Ausfall pünktlich in Deannas Diner erschienen, um seinen beschissenen Job zu machen. Sie behandelte ihn zwar immer noch so feindselig, doch rollte sie nicht mehr mit den Augen.
Dennoch fühlte er sich jedes Mal von ihr in die Enge getrieben und das konnte er an ihr nicht leiden. Sie kam ihm irgendwie angriffslustig vor und das beunruhigte jede Faser seines Körpers. Chris ging ihr so gut es ging aus dem Weg.
Da er zeitig erschien und ein wenig schneller geworden war, beschwerte sie sich auch nicht. Heute war allerdings recht viel los und deshalb kam sie regelmäßig mit vollen Händen nach hinten, um schmutzige Teller abzustellen.
Zwischendurch hatte sie sogar verlangt, seine Wunde zu sehen, um sicherzustellen, dass er auch wirklich schon wieder arbeiten durfte. Das war die andere Seite an ihr, die ihn so unsäglich zornig machte – sie sorgte sich anscheinend um ihn.
Er brauchte ihr Mitleid nicht.
Chris atmete einmal tief ein, als er den nächsten Korb in die Spülmaschine schob, welche sofort ein lautes Rauschen ausstieß und den heißen Wasserfluss in ihrem Inneren hören ließ. Der Schalter wurde blau und zeigte an, dass das kurze Waschprogramm lief.
Mit beiden Handflächen stützte er sich an der Spüle ab, die ein wenig tiefer als eine normale Haushaltsspüle war, und schloss die Augen. In diesen wenigen Sekunden entstanden Bilder in seinem Inneren, die er direkt wieder verscheuchte.
Er schüttelte sich einmal, um sich wieder konzentrieren zu können, dann packte er den nächsten Korb mit Tellern voll und brauste diese mit dem langen Spülschlauch ab, aus dem ebenfalls heißes Wasser kam.
Auf seinen Fingerkuppen bildeten sich mittlerweile diese schwämmchenartigen Einbuchtungen, weil die Haut so gnadenlos aufgeweicht wurde. Wenn er etwas anfasste, fühlte es sich an, als hätte er Handschuhe an.
Die Türme auf seinem Edelstahltisch wurden mit der Zeit immer kleiner und irgendwann konnte er anfangen, seinen ganzen Arbeitsplatz zu säubern und war sogar noch vor der Küchenbesetzung fertig.
Chris half dem Koch und seiner Assistentin, Joe und Lina, noch zu kehren und wischte die Oberflächen ab. Das hatte er noch nie gemacht und die beiden behielten jeden Kommentar für sich, was er gehofft hatte.
Draußen war es mittlerweile dunkel geworden und er verabschiedete die beiden und auch die Kellnerinnen knapp, während er seine Sachen aus dem Umkleideraum holte und sich die Jacke und seine Tasche überwarf.
Mit dem dicken Reservierungsbuch auf dem Arm kam Deanna aus dem Gastraum nach vorne und blickte ihn überrascht an.
„Du bist noch hier?“
Er antwortete nicht und erwiderte auch nicht ihr zurückhaltendes Lächeln. Deannas Zopf löste sich schon ein wenig auf und sie hatte sich den Cardigan ausgezogen, den sie meistens beim Arbeiten trug, um ihre Arme zu bedecken.
Auch die anderen Kellnerinnen sollten wenigstens halblange Ärmel tragen und den Ausschnitt so gering wie möglich halten. Sie selbst hatte nach eigenen Angaben früher, vor der Eröffnung ihres eigenen Geschäfts, einige schlechte Erfahrungen gesammelt.
Ins Detail gegangen war sie nicht.
„Es ist übrigens sehr nett gewesen, dass du vorhin noch in der Küche geholfen hast. Joe sagte, du wärst sehr gewissenhaft gewesen“, sagte sie dann und legte das Buch auf einem Tisch ab, auf dem sie während des laufenden Geschäfts Beilagensalate zwischenstapelten, wenn der Service ihn nach vorne tragen sollte.
„Hm“, machte er.
„Komm schon, nimm das Lob ruhig mal an. Du schlägst dich wirklich gut“, redete sie ihm dann gut zu und Chris gestattete sich, einen genaueren Blick auf sie zu werfen, während sie ein paar Notizen im Buch machte.
Auf ihren Armen konnte er eine Menge blauer Flecken erkennen und die waren eindeutig nicht davon, dass sie sich gestoßen hatte. Das machte ihn erneut wütend. Wer machte so etwas und warum störte sie das nicht einmal?
Statt ihr zu sagen, dass ihm die Flecken aufgefallen waren und sie zu fragen, welcher Bastard die Dreistigkeit besaß, sie anzufassen, schnaufte er einen weiteren unqualifizierten Kommentar, der ihm gerade durch sein Hirn schoss: „Ich brauche deine Anerkennung nicht.“
Seine Wut galt eigentlich nicht ihr, sondern diesen Flecken, und doch konnte er es nicht sagen, sie nicht darauf ansprechen wie-
„Was soll das, Chris? Ich wollte dich nicht angreifen oder bloßstellen“, fragte sie ernster und stellte sich aufrecht hin, um ihn genau unter die Lupe zu nehmen. Da war wieder diese angriffslustige Art an ihr, die ihn wahnsinnig machte.
„Vergiss es“, schnauzte er und wollte an ihr vorbei, doch wurde Deanna das erste Mal richtig wütend. Wenn sie sich sonst über ihn aufgeregt hatte, war sie immer ein wenig genervt und vielleicht auch herablassend gewesen.
Jetzt sah er ehrliche Wut in ihrem Gesicht.
„Was ist dein scheiß Problem, Chris? Warum nur willst du, dass dich alle für ein Arschloch halten?“ schrie sie und verzog das Gesicht. Er fühlte sich vor den Kopf gestoßen und wich vor ihr zurück, doch hatte er keine Angst vor ihr.
Eher vor der Frage, die sie ihm gestellt hatte.
Dann ergriff er so schnell wie möglich die Flucht und lief den ganzen Weg zu sich nach Hause, statt auf einen Bus zu warten. Chris‘ Augen brannten und er musste sich zusammenreißen, um nicht zu hyperventilieren.
Er rannte sogar die Treppen in seinem Wohnhaus nach oben, weil er sich von ihr verfolgt fühlte und nicht von Deanna gefunden werden wollte. Jetzt hatte er es sicher zu weit getrieben und morgen käme der Anruf, dass es erneut nicht funktioniert hat.
Im zweiten Stockwerk wurde er von einem Bewohner des Hauses aufgehalten, der sich manchmal mit ihm zu unterhalten versuchte. Chris wohnte in keiner besonders guten Gegend, doch der Mann wirkte recht anständig im Vergleich zu Chris selbst.
Julio brachte gerade den Müll nach unten und rannte in Chris hinein.
„Woah, du hast es ganz schön eilig, Mann. Was ist los? Siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen“, begrüßte ihn Julio und blieb anscheinend absichtlich vor Chris stehen, um dessen Flucht zu unterbrechen.
„Geh mir aus dem Weg“, forderte Chris mit schwächerer Stimme als beabsichtigt und wollte sich in diesem Moment am liebsten selbst ohrfeigen. Er war ein Arschloch, damit hatte Deanna sicher Recht und er konnte es ihr nicht verübeln.
„Nein, nein, nein, amigo, du beruhigst dich jetzt mal. Was ist los?“ widersprach Julio gelassen und Chris fragte sich, woher er nur diesen Mut nahm. Chris war mindestens eineinhalb Köpfe größer als sein Nachbar und deutlich wütender.
„Ich bin nicht dein Freund“, hielt Chris unbeeindruckt dagegen und fühlte sich immer noch nicht überzeugend genug. Julio jedenfalls begann zu lachen und zog ihn hinter sich her in seine Wohnung, die Chris heute das erste Mal betrat.
„Also, was ist los? Hast dich wieder mal nicht im Griff gehabt, huh?“ wollte Julio süffisant wissen und stellte seinen vollen Müllbeutel auf dem Boden neben der Wohnungstür ab, die er schloss, um die Falle um Chris zuschnappen zu lassen.
Der fühlte sich mit einem Mal nicht mehr sicher und sah sich ständig in alle Richtungen um, ob sie auch wirklich allein wären. In jeder Sekunde konnte der Angriff aus dem Hinterhalt kommen und er wäre dieses Mal darauf vorbereitet.
„Was soll das heißen?“ stammelte Chris verlegen und konnte nicht aufhören, sich pausenlos umzusehen. Julio beobachtete sein Verhalten misstrauisch und verschränkte die Arme vor der trainierten Brust.
„Du bist auf Bewährung und wechselst die Jobs wie andere die Socken – die Leute in diesem Haus haben Augen und Ohren, amigo. Sprichst du jetzt mit mir, oder muss ich es aus dir herauskitzeln? Ex-Knackis sollten zusammenhalten“, bot Julio an.
Chris sah ihn nun doch direkt an und runzelte die Stirn.
„Du willst im Knast gewesen sein? Und ich dachte, du wärst der einzige anständige Mensch in diesem Haus“, spuckte Chris missbilligend aus und Julio schüttelte lächelnd, aber nicht minder stolz den Kopf.
„Zwei Jahre, weil ich ein verdammter Dieb war und eine Frau zu Schaden kam. Aber ich bin tatsächlich der einzige anständige Mann in diesem Haus, da hast du schon Recht. Ich bin kein Arschloch mehr, weil ich keins sein will“, erklärte Julio kryptisch.
„Ach ja?“
„Ja. Du musst auch kein Arschloch sein, Mann.“
„Es ist nicht so einfach, wenn man einmal drinsteckt“, hielt Chris leise dagegen und musste wieder an Deanna denken, die er einfach so hatte stehen lassen. Ja, morgen käme der Anruf und er war wieder arbeitslos, er wusste es mit Sicherheit.
„Nein, nein. Es fehlt dir nur jemand, der dir ordentlich in den Hintern tritt“, meinte Julio schlüssig zu beweisen und steckte die Hände in die Hosentaschen.
„Ja?“
„Oh ja.“
„Du hast so jemanden?“ wollte Chris belustigt und gleichzeitig ungläubig wissen, denn er wusste, dass Julio ihn auf den Arm nehmen wollte.
„Ja, das Biest tritt mir jede Woche gleich dreimal in den Arsch.“
„Deine Freundin?“
„Nein, mein Mentor. Ich gehe zum Sport und dort gilt nur Disziplin und nichts anderes. Es gibt keine Widerworte und wenn ich die Beherrschung verliere, habe ich sowieso keine Chance. Dir könnte das auch guttun“, sagte Julio.
„Das Biest?“ wiederholte Chris und fragte sich, ob das ein schlechter Scherz sein sollte.
„Wie es leibt und lebt. Komm morgen Abend vorbei, wir sind in einem Gym auf der 84ten Straße, ist im Innenhof ein wenig versteckt. Da kannst du mal reinschauen, ob das was für dich ist. Ich glaube aber, dass du ein wenig Dampf ablassen solltest. Das geschieht dort in einem geschützten Raum und wenn du aggro bist, kannst du dich austoben. Außerdem tut dir die Bewegung sicher auch mal gut“, erklärte Julio und hielt Chris eine Hand entgegen.
Er ergriff sie nicht, aber er rang sich wenigstens ein Nicken ab.
„Ok, dann hole ich dich morgen ab, ja? Ich sag Bescheid, dass ich dich mitbringe“, versprach Julio und lächelte Chris doch tatsächlich an. Dann brachte er ihn zur Tür und nahm den Müllbeutel ein zweites Mal mit.

4

Deanna zog ihren Zopf noch ein Stückchen fester und ihre Gesichtshaut spannte ein wenig, doch ignorierte sie es. Bei diesem Sport durften die Haare nicht zu einem Problem werden, nur weil sie einem das Blickfeld einschränkten.
Gewissenhaft wickelte sie sich die Bandagen um die Hände und ihre Handgelenke, um unvorhergesehenes Abknicken zu vermeiden. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie eigentlich viel zu früh fertig war.
Die anderen Jungs waren noch in der Umkleide und suchten ihre Handschuhe zusammen, Larry brachte in diesem Moment die Pratzen mit, für die Deanna endlich eine große Plastiktüte hatte mitbringen können.
Er kam lächelnd auf sie zu und begrüßte sie, indem er mit ihr abschlug und die Tüte vor ihr abstellte. Einige der Pratzen hatten wieder mit Tape repariert werden müssen, aber es war besser als nichts. Seufzend wühlte sie einmal in der Tüte.
„Wir müssten mal in die Vereinskasse schauen. Vielleicht wären ein paar neue nicht schlecht“, schlug Larry vor und sie drehte eine mehrfach geklebte Pratze in ihrer Hand, wobei sie die Augenbrauen anhob.
„Ach, meinst du wirklich?“ spuckte sie scherzhaft aus und warf den Polster zurück zu den anderen, um sich danach einmal kurz zu dehnen. Sie hatte sich heute im Diner ein wenig verspannt und das ließ ihre Laune noch weiter in den Keller sinken.
Chris war heute pünktlich gewesen, doch hatte er jeglichen Augenkontakt mit ihr gemieden und war so schnell aus dem Laden geflohen wie noch nie zuvor. Deanna war stinkwütend und das schien Larry in diesem Moment auch zu merken.
„Was ist los?“ fragte er aufmerksam und sie ließ die Zähne knirschen. Dann stemmte sie die Hände in die Hüften und schüttelte mit dem Kopf.
„Dieser Mistkerl bei mir auf der Arbeit. Er geht mir tierisch auf die Nerven und benimmt sich wie der letzte Idiot. Andererseits scheint mehr dahinterzustecken, nur kann ich es nicht benennen. Trotzdem – ich würde ihm gerne einmal Manieren beibringen, falls du verstehst, was ich meine“, sagte sie und versuchte ihre Stimme im Griff zu behalten.
„Der scheint dich einige Nerven zu kosten, huh?“ wollte Larry sogar irgendwie amüsiert wissen, doch als sie ihm einen finsteren Blick zuwarf, hob er die Hände defensiv vor sich und wickelte diese danach ebenfalls ein.
Theo trat in den Raum, heute sogar in traditionellem Judo-Gi, und Deanna fragte sich, ob es etwas zu feiern gab.
„Oho, gibt’s was zu feiern?“ lachte Larry und Theo schüttelte augenrollend den Kopf. Statt sich weiter lustig zu machen, verbeugte sich Larry kurz vor ihrem erfahrensten Kämpfer, ebenso Deanna, die sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren versuchte.
„Julio sagte, er bringt heute jemand Neues mit. Deanna, nimmst du dich seiner an, um eine kurze Einführung mit ihm zu machen?“ fragte Theo und Deanna nickte pflichtbewusst. Daraufhin legte sie ihre Grappling-Handschuhe wieder in ihre Tasche und sie warteten auf Julio.
Nur fünf Minuten später polterte dieser mit seiner Begleitung in die Umkleide, während Deanna vor dem alten Ghettoblaster hockte und auf ihrem iPod die Musik für die heute Trainingsrunde aussuchte.
Nach kurzer Überlegung entschied sie sich für den Star Wars-Soundtrack zur fünften Episode und erntete ein Schnaufen von Larry.
„Beschwer dich nicht, so episch hast du noch nie gekämpft“, hielt sie dagegen und drehte sich zur Mattenfläche, auf der Julio und der Neuling auftauchten – Deanna hatte das Gefühl, dass ihr Herz einmal stolperte.
Da stand Chris.
Als er sie entdeckte, versteifte sich seine Körperhaltung sichtbar und Deanna versuchte die Ruhe zu bewahren. Julio bemerkte den Blickaustausch nicht einmal, sondern stellte Chris in der heute sehr kleinen Runde vor.
Sie stellten sich in einen kleinen Kreis und Deanna focht mit sich selbst einen erbitterten Kampf aus, ob sie es vor oder nach der Aufwärmrunde sagen sollte. Sie hielt die Luft an, beobachtete Chris weiterhin, der sich sichtlich unwohl fühlte, und sah zu Theo.
„Theo, ich fürchte, ich kann Julios Begleitung heute nicht einführend begleiten.“
„Wieso nicht?“
„Ich weiß nicht, ob ich professionell bleiben kann. Gerade möchte ich ihm nämlich gerne den Kiefer ausrenken und das wäre nicht besonders fair, oder?“ zischte sie und ärgerte sich darüber, dass Theo sie dazu zwang, sich vor allen zu rechtfertigen.
„Na gut, dann mache ich das.“
„War das ne Drohung?“ spuckte Chris aus und wollte schon einen Schritt auf sie zu machen, doch wurde er von Julio zurückgehalten, der ihn ärgerlich von der Seite ansah.
„Zeig etwas Respekt, Mann. Sie ist ein Blackbelt und so benimmst du dich ihr gegenüber auch gefälligst, entiendes?“ hielt er Chris nun auch verbal zurück. Mit einer Mischung aus peinlichem Bewusstsein darüber, dass er einen Fehler gemacht hatte, und Ärger, sah Julio sie nun entschuldigend an, doch winkte sie unmerklich ab.
Die Aufwärmrunde verlief recht schweigsam, Theo forderte ihnen einiges ab, indem er BJJ-Rollen mit ihnen machte, und verlangte, dass Chris bei den schwierigeren Fallübungen mitmachte, bei einer bestimmten Rolle, die sie aus dem Stand machen sollten, kapitulierte er allerdings.
Während Theo mit Chris die Anfängerübungen des MMA durchging und Julio zu Chris‘ Partner ernannt worden war, begannen Deanna und Larry ein leichtes Sparring im Stand und sie beförderte ihn zuerst zum Boden, indem sie den Reißbeinwurf an ihm ausführte.
Larrys Körperspannung war schon deutlich besser geworden, und das Rollen mit ihm machte großen Spaß. Eineinhalb Stunden später war Deanna schweißgebadet, außerdem hatten sich neue blaue Flecken auf ihren Armen hinzugesellt.
„Zusammenkommen. Ihr könnt gerne noch ein Cooldown machen, ich möchte aber noch eine kleine Runde mit Deanna drehen“, sagte Theo und warf ihr ein gemeines Grinsen zu. Sie hob das Kinn provokant an und brachte ihn zum Lachen.
„Wenn du mit Schweiß klarkommst, alter Mann“, raunte sie mit einem halben Lächeln und hatte Chris schon wieder ganz vergessen. Sie war nur noch halb so wütend und konnte sich gut auf die anspruchsvolle Runde mit Theo konzentrieren.
Beide blieben sie im Stand und fokussierten sich auf das regelkonforme Thai-Boxen, wobei Deanna ihre Ausweichtechnik ausfeilen konnte.
Als sie abklatschten, war Chris schon verschwunden.

5

„Ich habe nicht gewusst, dass ausgerechnet er der Blödmann ist, der dir das Leben auf der Arbeit schwermacht. Tut mir leid“, entschuldigte sich Julio noch einmal und Deanna zuckte die Achseln, obwohl ihr Gesprächspartner am Telefon war.
Er hatte Chris auf der Straße eingesammelt und ihn nach Hause gebracht, weil sie sogar im selben Haus wohnten. Deanna war ebenfalls nach Hause gefahren, unter die Dusche gestiegen und dann hatte ihr Telefon geklingelt.
„Woher hättest du das auch wissen sollen? Es steht ihm ja nicht auf die Stirn geschrieben“, seufzte sie und kratzte sich am Kopf. Ihre Haare hingen feucht bis auf ihre Schultern und sie trug ihren liebsten Bademantel.
Die Verspannung war mittlerweile auch beinahe verschwunden.
„Tja, na ja… Ich dachte, ein wenig Disziplin würde ihm helfen, sich endlich in den Griff zu kriegen. War bei mir genau so“, rechtfertigte sich Julio ein bisschen geknickt und Deanna dachte darüber nach. Das könnte es tatsächlich, aber dafür musste Chris sich helfen lassen.
Aktuell redete sie allerdings gegen eine Wand.
„Gut, dass Theo ihn übernommen hat. Ich weiß nicht, ob ich nicht einfach auf ihn eingeschlagen hätte, nur weil ich wütend auf ihn bin. War das unprofessionell, Julio? Darüber denke ich die ganze Zeit nach“, sagte sie lahm und wackelte mit ihren nackten Zehen.
„Nein, das war vernünftig. Er ist jedenfalls in seiner Wohnung, hat aber kein Wort mehr über den Abend verloren. Keine Ahnung, was ich mit ihm machen soll, ich hab ihm häufiger angeboten, einfach mal mit rauszukommen“, erklärte Julio und wirkte ratlos.
„Lass es gut sein. Wenn er es nicht will, dann kannst du nichts für ihn tun, denke ich. Gute Nacht, Julio. Morgen ist mein freier Tag, ist das zu fassen? Und ich beginne diesen mit einer ausgiebigen Mütze Schlaf“, verkündete Deanna und danach legten sie auf.
Die ganze Nacht über wurde sie aber von seltsamen Träumen heimgesucht, in denen Chris vorkam und zerschlagen und blutend vor ihr stand. Einmal wurde sie sogar wach und dachte, sie hätte endlich verstanden, warum er sich so verhielt.
Der Gedanke rann allerdings wie loser Sand durch ihre Finger und verschwand in den Untiefen ihres Bewusstseins. Deanna wähnte sich an der Lösung des Rätsels, doch konnte sie es nicht in Worte fassen oder anders präzisieren.
Ihr freier Tag war geprägt von dieser Unwissenheit, die sich anfühlte wie ein Stein im Schuh.

6

Es war, als wäre ihm schlecht, doch wusste er, dass er sich einfach nur leer fühlte. Chris hatte sich zur Arbeit geschleppt und sogar vergessen, dass er Deanna aus dem Weg gehen wollte. Ihr gestriger freier Tag war auch nicht die erhoffte Wohltat geworden.
Wenigstens wusste er jetzt, dass sie sich die blauen Flecken freiwillig einhandelte – das ‚lockere Sparring‘ zwischen ihr und diesem Theo hatte einem Kampf auf Leben und Tod geglichen, doch konnte er angesichts seiner Unwissenheit über die Techniken auch übertreiben.
Der Ehrgeiz hatte ihn jedenfalls nicht gepackt und er war ein bisschen eher als Julio losgegangen, um ihm nicht erzählen zu müssen, wie er es gefunden hatte, doch hat der ihn mit dem Auto eingeholt und darauf bestanden, ihn nach Hause zu bringen.
Chris zog den nächsten Korb aus dem Geschirrspüler und ließ ihn ein wenig auskühlen, während er schon einen weiteren packte und abbrauste. Abgelenkt hing er seinen Gedanken nach und konzentrierte sich eigentlich kaum auf seine Tätigkeit.
Unglücklicherweise hatte er in den letzten Wochen ein wenig Routine entwickelt und konnte sich nicht mehr ununterbrochen auf seine Hände fokussieren, um nicht denken zu müssen. Weil er auf Bewährung war, durfte er nicht einmal nachts losziehen, um sich sinnlos volllaufen zu lassen, damit die Stimmen in seinem Kopf endlich still wurden.
Der Tag verflog wieder, ohne dass Chris es bemerkte, und er wischte erneut mit Joe und Lina die Küche, wie er es sich jetzt seit seinem zweifelhaften Auftritt vor wenigen Tagen angewöhnt hatte. Er wusste nicht einmal, warum er das tat.
Schweigend ging er als letztes in die Umkleide und sammelte seine Sachen zusammen, bis er die Anwesenheit einer Person in seinem Rücken spürte. Hektisch drehte er sich um, weil er sich bereits angegriffen wähnte, doch entdeckte er Deanna im Türrahmen.
Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah ihn aus einem versteinerten Gesicht an. Müde war sie offensichtlich auch, denn es lagen Schatten unter ihren Augen, die ihn gerade gnadenlos in die Enge trieben.
„Komm, ich will mit dir reden“, forderte sie und er lief ihr unsicher in den Gastraum nach, in dem bereits die Stühle hochgestellt und das große Deckenlicht abgestellt waren. Deanna deutete auf einen kleinen Tisch neben der Theke und nahm selbst als erste Platz.
Chris setzte sich erst, als sie ihn mit einer Geste vehementer dazu aufforderte. Eigentlich hatte er nicht vor, länger als nötig hier zu bleiben, doch könnte sie ihn jetzt genau so gut feuern und die Information musste er sich anhören.
Verzweifelt klammerte er sich am Riemen seines Rucksacks fest. Wenn er jetzt rausgeworfen wurde, bekäme er vermutlich nie wieder eine Chance. Warum nur machte ihn diese Aussicht so nervös? Bei den anderen Jobs war es ihm doch auch egal gewesen.
„Chris, du kannst die Tasche ruhig abstellen. Allerdings muss ich ankündigen, dass ich kein angenehmes Thema ansprechen werde“, sagte Deanna leise und bedächtig, so als wolle sie abklopfen, ob er überhaupt gewillt war, ihr zuzuhören.
Er kniff die Augen zusammen und stellte den Rucksack auf den Boden.
„Ich hatte dir bei unserem letzten Gespräch in Küche Zwei eine Frage gestellt, doch habe ich keine Antwort darauf erwartet. Sie war eher rhetorisch, verstehst du? Aber ich glaube, dass du tatsächlich ein Problem hast“, setzte sie an und er lehnte sich zurück.
Leider fühlte er sich dadurch nicht geschützter.
Chris sagte nichts.
„Gestern hatte ich viel Zeit zum Nachdenken und ich habe begonnen, die Anzeichen zu resümieren und dann Eins und Eins zusammengezählt. Chris… Du versuchst dir vielleicht etwas vorzumachen. Aber ein Trauma – welcher Natur auch immer – kann man in den seltensten Fällen allein bewältigen. Hast du jemanden, mit dem du reden kannst?“
Jetzt fühlte er sich tatsächlich angegriffen. Deanna hatte ihn dafür nicht physisch schlagen müssen, doch war es genau dasselbe Gefühl. Sein Hals schnürte sich zu und sein Körper verkrampfte sich, es war, als müsste er es noch einmal erleben.
Das, was er keinem einzigen Menschen erzählt hatte.
Er schüttelte den Kopf und das viel hektischer und verzweifelter als beabsichtigt. Chris war der festen Überzeugung gewesen, dass er mit niemandem darüber reden wollte.
„Hör zu, ich weiß nicht, was mit dir passiert ist, aber du musst das nicht allein durchstehen. Ich bin nicht deine Freundin und wir kennen uns kaum, doch ist mir aufgefallen, dass du mit etwas zu kämpfen hast. Weiß dein Bewährungshelfer davon?“ hakte sie nach.
Wieder konnte er nur den Kopf schütteln. Seine Schultern sackten zusammen und es war, als hätte jemand eine Last von seinen Schultern genommen. Deanna war die erste Person, die ihn ernsthaft fragte, was sein Problem war, seit es passierte.
Alle anderen hatten sich pausenlos über die Veränderung seines Charakters und generell seines ganzen Wesens geärgert – doch nie darauf bestanden, dass er antwortete. Dass er ihnen sagte, was eines Abends in einer Gasse mit ihm passiert war.
„Wenn du Hilfe brauchst, um dir einen Psychologen oder eine andere Vertrauensperson zu suchen, dann kannst du mich ansprechen. Julio würde dir sicher auch helfen, er machte sich Sorgen und rief mich vorgestern nach seiner Heimkehr an. Wenn du also lieber mit einem anderen Mann darüber reden willst, dann-“
Chris kämpfte mit dem Brennen in seinen Augen und fragte sich, warum er plötzlich das unbändige Verlangen hatte, Deanna alles zu erzählen. Sie konnte ihn nicht einmal leiden und hätte ihm offenbar gerne ins Gesicht geschlagen, doch saß sie hier und jetzt vor ihm.
Meinte es sogar ernst.
„Ich bin kein Schwächling“, hauchte er und sah ihr erstmals wieder in die Augen, was Deanna verstummen ließ. Sie schüttelte sanft den Kopf und wartete darauf, dass er weitersprach.
„Ich… Ich-, ähm, er ist einfach aufgetaucht und- Ich war chancenlos, er war bewaffnet“, stammelte er und hätte es am liebsten in Worte gefasst, aber er konnte den widerlichen Begriff dafür einfach nicht in den Mund nehmen.
Es war, als würde sein Schänder wiederauftauchen und ihn mit Schmerzen peinigen, nachdem er ihn mit einer Droge betäubt hatte. Leider war Chris nicht so stark betäubt gewesen, wie der Mann gedacht hatte, deshalb hatte er mehr mitbekommen als ihm lieb war.
Ständig träumte er davon, versuchte sich zu verstecken, sich klein zu machen, unsichtbar zu werden, doch fand ihn der Fremde in den hintersten Ecken, den abgelegensten Winkeln und den einsamsten Gassen.
Er fand ihn immer.
„Niemand wird denken, dass du schwach bist, Chris. So schrecklich es ist, aber es kann jedem passieren, wenn er eine Sekunde nicht aufpasst. Und es ist nicht weniger schlimm oder furchtbar, nur weil du ein Mann bist. Niemandem sollte etwas Derartiges passieren. Hast du Anzeige erstattet?“
„Nein…“
„Das solltest du aber tun. Denn Leute wie er werden nicht damit aufhören, bis sie geschnappt sind. Wenn ich dich dabei unterstützen kann, musst du mich nur fragen“, bot sie an und er sah, dass sie sich ein wenig damit schwertat.
Das war auch nicht einfach für sie.
„Warum tust du das?“ wollte er mit etwas festerer Stimme wissen und wischte sich mit der flachen Hand über das Gesicht, um zu verdecken, dass er Tränen in den Augen hatte. Mit aller Macht hielt er sie zurück.
„Chris, ich weiß es nicht. Einfach so. Weil du Hilfe brauchst“, erwiderte sie wirr gestikulierend und sah dabei im Laden hin und her. Dann ließ sie ihre Handfläche etwas lauter auf die Tischplatte knallen und er zuckte zusammen.
„Ich sage es dir jetzt einfach auf den Kopf zu – ein Mensch, ganz egal welches Gender, sollte nicht verschweigen müssen, dass ihm Gewalt zugefügt wurde, egal wie diese Gewalt aussah. Die Geschlechterrollen unserer offensichtlich im Mittelalter stehengebliebenen Gesellschaft sehen nicht nur vor, dass Frauen teilweise minderwertig behandelt werden dürfen, sondern auch, dass Männer ihre Gefühle unterdrücken müssen, egal wie traumatisiert oder verängstigt sie sind. Du kannst meinetwegen auch alles rauslassen, ich werde dich dafür ganz sicher nicht verurteilen, und wenn du deinen ganzen Körper leer weinst!“
Deanna wirkte ehrlich, als sie das sagte. Chris ließ die Hände sinken und legte sie auf dem Tisch ab, sah ihr ins aufgeregte Gesicht und blinzelte, sodass sich nun doch eine einzelne Träne löste und über seine Wange rollte.
Ohne ihn vorzuwarnen ergriff sie eine seiner Hände und drückte seine Finger kurz zusammen, dann lächelte sie ihn an. Er konnte keine Spur übertriebenes Mitleid sehen, sondern erneut Ehrlichkeit, warme, wohltuende Ehrlichkeit.
„Du solltest regelmäßig zu uns zum Sport kommen. Fähigkeiten wie diese können eine Situation wie deine vorbeugen. Mir selbst hat es einen Übergriff auch schon erspart – ich hab dem Mistkerl die Nase gebrochen und ihn danach einmal quer durch den Bahnhof getreten“, erzählte sie und Chris musste doch tatsächlich einmal kurz auflachen.
Die Vorstellung gefiel ihm.
Er hatte das erste Mal seit es passiert war das Gefühl, dass ihn sein Erlebnis nicht gnadenlos zu Boden drückte. Zwar lag er immer noch flach darauf, doch konnte er den Kopf anheben und nach vorne schauen.



Anmerkung: Wow, keine Ahnung, wo das herkam. Ich fuhr so mit dem Zug und hörte Calibans Ich blute für dich, und dann ist das hier passiert. Chris blutet in gewisser Weise auch, nur eben innerlich. Deshalb auch der Titel, es handelt sich um den medizinischen Fachbegriff für ‚Blutung‘.
Außerdem sind Vergewaltigungen und ebenso sexuelle Übergriffe anderer Art von/an Männern ein totgeschwiegenes Thema. Jede Vergewaltigung ist schlimm und unakzeptabel, damit muss sich unsere verkorkste Gesellschaft endlich mal abfinden. Niemand sollte gegen seinen Willen erniedrigt und misshandelt werden, ganz egal welches Geschlecht und welches Gender. Deal with it, for fuck’s sake.
Ich kann euch daher nur empfehlen, euch auch einen Sport mit Selbstverteidigungselementen auszusuchen und diesen zu praktizieren. Da ich lange Zeit regelmäßig durch den Kölner Hauptbahnhof gehen musste, weiß ich nun auch, wie es sich anfühlt, wenn man ausgecheckt wird, ob man sich als Opfer eignet. Die Kenntnis verschiedenster effektiver Würgegriffe hat mich allerdings selbstbewusst in die Gesichter dieser Kreaturen sehen lassen und dann war ich anscheinend aus der Auswahl ausgeschieden. Doch was ist mit denen, die nicht rausfallen? Schützt euch, dudes, dudines und dudelios, und achtet auch auf andere.
LG, Erzaehlerstimme




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