ASMANI Teil 1 Zwischen Mythos und Macht

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16
Drachen Ritter & Krieger Zauberer & Hexen
21.02.2019
21.07.2019
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33
"Lord Taban ist nun bereit Euch zu empfangen", hörte er die dunkle Stimme des Sekretärs und schluckte schwer.
Er atmete noch einmal tief durch, dann betrat er das Kontor Lord Tabans und verneigte sich.
"Ich habe Euch eine simple Aufgabe gegeben, Hauptmann Atasch. Doch Ihr kehrt mit nur einer Hand voll Männern zurück und dann auch noch ohne den König oder Nahar", begann er und Atasch schluckte.
Er wagte es sich nicht einmal aufzusehen, denn er wusste dass Lord Taban dies in diesem Moment nicht dulden würde.
"Ich überlege seid einigen Stunden schon, wie ich dieses Versagen Eurerseits zu ahnden habe, doch Ihr seid mein Gardeführer und mit Abstand der beste den ich bisher hatte. Dies rettet Euch erst einmal Euren Hals. Doch solltet Ihr Euch auch nur noch den geringsten Fehler erlauben, sei es ein nicht ausgeführter Auftrag oder habt auch nur eine meiner Anweisungen nicht befolgt, werdet Ihr dafür bezahlen", erklärte Taban und musterte ihn.
"Solltet Ihr mich noch einmal so sehr enttäuschen, dann werde ich Euch hinrichten lassen", fuhr er fort und Atasch schluckte.
"Doch ich werde die letzten Schindmähren dafür suchen die es in diesem Lande zu finden gibt", zischte er und Ataschs Kopf ruckte hoch und starrte Lord Taban aus entsetzten Augen an.
"Wie ich sehe habt Ihr mich verstanden", meinte er und Atasch nickte schweigend.
Und ob er verstanden hatte.
"Ja My Lord", flüsterte er mit zitternder Stimme und Lord Taban nickte zufrieden.
"Dann geht mir jetzt aus den Augen", befahl er und Atasch erhob sich, nickte ihm noch einmal zu und verließ fluchtartig das Kontor des ehemaligen Königs.
Kreidebleich kehrte er in seine Gemächer zurück, wo Adhara bereits alles für ihn vorbereitet hatte, doch er sah sofort dass etwas geschehen war.
"Ist mein Bad fertig?" fragte Atasch harsch und Adhara sah ihn überrascht an, nickte aber.
"Ja", erwiderte er vorsichtig.
"Gut. Dann zieh deine Stiefel aus", befahl Atasch knapp und Adhara warf ihn einen verstörten Blick zu.
"Warum? Hab ich irgendetwas getan?" fragte er und sah wie Atasch bereits die Kette in die Hand nahm.
"Das hat dich nicht zu interessieren", erwiderte Atasch grob. "Worauf wartest du?" fragte er dann und Adhara schluckte, doch er zog schweigend seine Stiefel aus und hielt ihm den linken Fuß hin.
Ohne ein Wort zu verlieren legte Atasch ihm die Kette um den Knöchel, dann stand er auf und betrat das Nebenzimmer, dort wo Adhara ihm ein Bad vorbereitet hatte.
"Das Wasser ist  fast kalt!" zischte Atasch und Adhara, der ihm gefolgt war sah ihn verwirrt an.
"Ihr wart länger weg als Ihr es vorausgeplant habt. Nehmt Eure Magie und wärmt das Wasser auf", antwortete Adhara und fing sich innerhalb einer Sekunde eine schallende Ohrfeige ein.
Adhara presste die Lippen zusammen und sah Atasch verdattert an. Doch er begriff dass sich etwas verändert hatte und er schluckte seinen Stolz hinunter und senkte den Blick.
"Verzeiht. Ich wärme Euch sofort noch einen Eimer Wasser auf", sagte er und wollte sich zurückziehen.
"Nicht nötig. Diesmal benutze ich Magie. Beim nächsten Mal achte darauf", befahl Atasch und Adhara senkte erneut den Blick.
"Ja, Sir", erwiderte er und Atasch atmete tief durch, doch er schwieg. Er mochte Adhara, doch das konnte er ihm jetzt nicht mehr zeigen.
"Hilf mir", befahl er dann und wartete bis Adhara hinter ihm stand und ihm aus seiner Kleidung heraus half.
Seine Schulter schmerzte noch immer, auch wenn die durch Ziasans Pfeil entstandene Wunde ansonsten sehr gut heilte.
"Bessere meine Uniform aus, während ich bade", forderte Atasch ihn auf und Adhara nickte.
"Wie Ihr wünscht", antwortete Adhara und Atasch wandte sich zu ihm um.
Er sah in den Augen des Feuertalkriegers, dass er nicht verstand was gerade vor sich ging, vor allem da er sich erst wenige Tage zuvor einen Pfeil eingefangen hatte, der eigentlich hätte Atasch treffen sollen, doch er war nicht in der Lage es ihm heute zu erklären und so ließ er ihn einfach ziehen, während er in die hölzerne Badewanne stieg.
Adhara zog sich auf seinen Platz zurück und begann damit die Uniformjacke an den zerrissenen Stellen zu flicken und er bedankte sich insgeheim bei seiner Mutter, dass sie damals darauf bestand, dass ihre Kinder dies lernten und nicht auf einen Diener angewiesen sein zu müssen. Immer wieder fuhr er sich an seine schmerzende Wange, auf denen man sicherlich alle fünf Finger Ataschs sehen konnte. Er fühlte auch wie seine Wange anschwoll, doch er würde sicherlich nicht noch einmal den gleichen Fehler begehen. Was auch immer zwischen ihm und Lord Taban geschehen war, es reichte aus um ihn völlig aus der Bahn zu werfen. Oder aber...
Er schüttelte den Kopf und verwarf diese Gedanken wieder.
Er hatte Atasch als einen ehrbaren jungen Mann kennen gelernt und er wollte das Bild das er von ihm hatte nicht mehr aufgeben. Denn das war alles was ihn selber noch aufrecht hielt.
Wortlos sah er zu wie Atasch in den Wohnraum zurückkehrte, sein Nachtgewand anlegte und sich ins Bett legte, während Adhara die Uniform ausbesserte und hinterher noch säuberte.
So bekam er in dieser Nacht kaum schlaf und als Max am nächsten Morgen in der Tür stand um ihn abzuholen zeigte er ihm nur die Kette. Der junge Diener sah ihn überrascht an, doch Adhara zuckte nur hilflos mit den Schultern.
"Ich bringe Euch alles", flüsterte er und Adhara senkte den Blick.
"Danke", murmelte er und zum ersten Mal sah er den Anflug eines Lächelns auf Max Gesicht und sah zu wie er verschwand. Ebenso lautlos wie er zuvor erschienen war.

Max hatte Wort gehalten und noch bevor Atasch erwachte hatte Adhara das Frühstück des jungen Gardeführers so vorbereitet wie er es immer getan hatte. Er rieb sich müde durch die Augen und stellte gerade eine neue Tasse neben den Teller als er fühlte wie jemand hinter ihm stand.
Er zuckte zusammen und wandte sich seitlich von Atasch ab um ihm so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten.
Atasch frühstückte zuerst, dann machte er sich fertig und trat zur Tür.
"Ich bin in einer Stunde zurück. Du weißt was du zu tun hast", sagte er und ging ohne ein weiteres Wort.
Adhara schluckte und sah sich um. Die Arbeit hier war mehr als die für eine Stunde und er fragte sich wie er das hinbekommen sollte.
Gerade hatte er das Geschirr zusammengeräumt, als Max wieder in der Tür stand.
"Kann Ich Euch behilflich sein?" fragte er und Adhara sah ihn überrascht an.
"Warum?" wollte er wissen und räumte das restliche Geschirr auf ein Tablett.
"So machen wir das untereinander", erwiderte Max. "Und der König braucht mich gerade nicht", fügte er hinzu.
"Ich hatte nicht den Eindruck dass es Euch interessiert", meinte Adhara und Max nickte.
"Hat es anfangs auch nicht. Um ehrlich zu sein bis heute Morgen noch war mir egal was mit Euch ist. Doch ich habe gesehen dass er Euch geschlagen hat. Ich kenne Hauptmann Atasch schon viele Jahre, denn ich bin hier schon geboren worden, und ich bin ihm heute Morgen ebenfalls schon begegnet. Er ist gerade nicht er selbst", versuchte er zu erklären und Adhara nickte.
"Er ist in einer Stunde zurück", antwortete er und Max nickte. Ohne weiter nachzufragen packte er mit an. Er brachte das Geschirr in die Küche zurück und half ihm dann die hölzerne Badewanne auf den dafür vorgesehenen Platz zurückzuschieben.
Adhara hatte noch während der Nacht das Wasser heraus gelassen und ein Teil davon aufgehoben um den Boden zu schrubben. Max beobachtete ihn eine Weile und stellte dann fest das er seine Arbeit ebenso sorgfältig machte wie er selber und er beschloss dem jungen Prinzen aus dem Feuertal eine Chance zu geben.
Nach einer Stunde kehrte Atasch wie versprochen zurück und sah gerade noch wie Max seine Gemächer verließ.
Er sah zu Adhara, der gerade den Eimer säuberte und auf seinen Platz zurückstellte.
"Was hatte er hier verloren?" fuhr er Adhara unfreundlich an.
"Er hat mir geholfen", antwortete der wahrheitsgemäß.
"Ich möchte ihn hier nicht haben", erwiderte Atasch grob.
Adhara wüsste gerne warum, doch er hatte heute kein Interesse an einer erneuten Bestrafung und nickte ihm zu zum Zeichen das er verstanden hatte.
"Die Köchin braucht zurzeit Hilfe in der Küche. Sie schafft die Arbeit nicht alleine. Die meisten freien Diener haben sich wohl aus dem Staub gemacht", erklärte Atasch.
"Wundert Euch das?" fragte er und hätte sich im gleichen Moment am liebsten auf die Zunge gebissen.
"Ich will heute keine Antworten von dir", gab Atasch zurück und löste die Kette von seinen Knöchel.
"Komm mit", befahl er und Adhara sah ihn einen kurzen Moment fragend an, dann folgte er ihm ohne Widerworte hinunter in die Küche.
Max half bereits seiner Mutter und er schien doch ziemlich überrascht als der Hauptmann mit Adhara in der offenen Tür stand.
Atasch sah sich einen kurzen Augenblick lang um, dann fand er die alte Kette, die früher, zu König Sidus Zeiten dazu diente gewisse Strafaktionen durchzuführen.
Seit vielen Jahren schon wurde sie nicht mehr benutzt und die Kannten der Fußfessel waren scharf und rostig.
Adhara presste die Lippen zusammen und schwieg während Atasch ihm die Kette um den Knöchel legte.
Die Strümpfe die er noch bis gestern Abend getragen hatte, waren so durchlöchert gewesen, dass er sie ausgezogen hatte. Jetzt bereute er diese Entscheidung, den der Küchenboden war noch rauer als der Boden in den Gemächern und Adhara würde sich in kürze die Fußsohlen wundlaufen, doch weder die Köchin noch ihr Sohn wagten sich in diesem Moment etwas einzuwenden.
"Ich werde auch ab sofort die Mahlzeiten mit Lord Taban einnehmen. Ihr braucht meine Gemächer also nicht mehr zu betreten, Max", wandte er sich an den jungen Diener des Königs.
"Verstanden?"
"Meine Befehle nehme ich nicht von Euch entgegen, Hauptmann. Ich trage weder ein Schandmal noch bin ich ein Sklave und noch ich stehe in den Diensten meines Königs, nicht in denen Lord Tabans", erwiderte Max und Adhara sah ihn ungläubig an.
"Max", rügte ihn seine Mutter, doch Max stand zu seinen Worten und trat Hauptmann Atasch gegenüber, dessen Fingerknöchel laut knackten.
"Wenn Ihr meint mich für meine Worte bestrafen zu müssen, bitte, tut Euch keinen Zwang an. Doch noch gelten die Gesetze des Königs", sagte er und Atasch nickte.
"Ja, das tun sie", antwortete er kühl und hob seine Hand, doch er richtete seine Magie nicht gegen Max, sondern gegen Adhara, der nicht wusste wie ihm geschah.
Plötzlich fand er sich zitternd auf den Knien wieder und sah Atasch mit entsetzten Augen an.
"Ich hole ihn heute Abend wieder ab", sagte er dann und verließ die Küche ohne mit der Wimper zu zucken.
Adhara stöhnte leise und rappelte sich vorsichtig wieder hoch. Sein Rücken brannte wie Feuer. Er hatte die gleichen Schmerzen wie bei seiner Auspeitschung, nur das man keine Wunden sehen konnte.
"Ich muss mich nun um die restlichen Gemächer kümmern, Max. Wir sind nur noch zu dritt. Ihr beiden müsst die Küche herrichten, damit ich das Mittagessen zubereiten kann", wandte sie sich an die beiden ungleichen Männer und sowohl Max als auch Adhara nickten sofort.
"Ja Ma'am", erwiderte Adhara und die Köchin lächelte.
"Nennt mich einfach Igraine", erwiderte sie.
"Das steht mir nicht zu", gab Adhara zurück, erwiderte jedoch ganz kurz ihr Lächeln.
Die Köchin nickte ihm zu, dann verließ auch sie die Küche und Adhara blieb mit Max zurück.
"Wo wollt Ihr mich haben?" fragte er dann und es viel ihm schwer sich vor dem sechzehnjährigen zu erniedrigen, doch er hatte nicht die Wahl.
"Wir machen es zusammen", entschied Max und sah zu dem Berg an Geschirr und rümpfte die Nase.
"Das hasse ich an meinem Job", murmelte er und reichte Adhara einen Eimer Wasser um ihn in dem Kessel über der Feuerstelle aufzuheizen.
"Kann ich nachvollziehen", erwiderte Adhara und auch er rümpfte die Nase, begann dann jedoch die Teller routiniert von den Resten zu säubern und aufzustapeln.
Max stöhnte und half ihm dann dabei.
"Tut mir leid wegen eben. Ich habe nicht damit gerechnet dass er Euch einen Folterfluch auf den Hals jagt", gestand Max und Adhara winkte ab.
"Vergesst es einfach. Es wird nicht das erste Mal sein und es wird nicht das letzte Mal bleiben, solange er sich nicht wieder fängt. Damit muss ich erst einmal zurecht kommen", meinte er.
"Kann ich Euch was fragen?" Max hielt inne und musterte Adhara ganz genau.
"Ihr wisst dass ihr mich nicht siezen braucht und wenn Ihr etwas wissen wollt muss ich Euch antworten"
"Ich möchte aber dass Ihr selber entscheidet ob Ihr mir antwortet oder nicht", meinte Max und Adhara nickte.
"Warum hat er Euch eure Stiefel weggenommen?" wollte er neugierig wissen.
"Ich weiß es nicht", gab Adhara zu und merkte bereits wie der raue Steinboden seine Spuren hinterließen.
Max sah ihm noch eine Weile zu, dann griff er mit an und sie arbeiteten den Rest des Vormittags schweigend, aber Hand in Hand und als die Köchin zurück kehrte schien sie wirklich erstaunt über den Erfolg der beiden Männer.
"Das war wohl nicht dein Verdienst, Max", wandte sie sich an ihren Sohn der ihr eine Grimasse schnitt.
"Dafür habt Ihr Euch ein anständiges Mittagessen verdient", sagte Igraine und Adhara lächelte kurz.
"Ein Frühstück würde mir genügen", meinte er und Max wirbelte herum.
"Warum habt Ihr nichts gesagt?" entfuhr es ihm.
"Ich bettele nur ungern um etwas zu essen", gab er zu und Max verdrehte die Augen.
"Setzt Euch. Ich hole Euch beiden etwas", seufzte die Köchin und schüttelte den Kopf.
"Danach bringst du dem König sein Essen", wandte sie sich an Max, der sofort nickte.
"Alles klar, Ma'am", sagte er und freute sich über das deftige Frühstück, dass seine Mutter ihnen brachte.
Gegen Abend dann fragte Max ob Adhara mal kurz alleine weiter machen könnte und verschwand für etwa eine halbe Stunde.
Als er zurückkehrte war Adhara fertig und saß in der offenen Küchentür und rauchte eine.
"So war das aber nicht gemeint", murrte Max, doch Adhara winkte ab.
"Halb so wild", murmelte er und genoss die Stille und die Ruhe.
"Hier. Ich hab zwar keine Strümpfe, doch ich hab noch ein paar Leinentücher gefunden. Sie sind sauber und Ihr könnt sie Euch um Eure Füße wickeln", meinte er und Adhara nickte dankend.
"Der Abend ist für Euch noch nicht vorbei, oder?", fragte er und Adhara schüttelte den Kopf.
"Was ist mit Euch?" wollte er wissen und Max grinste.
"Ich bin für heute fertig. Mein König braucht mich heute nicht mehr. Wann holt er Euch ab?"
Adhara zuckte mit den Schultern.
"Ich weiß es nicht", sagte er und genoss die untergehende Sonne. Es war ein warmer Tag gewesen, doch die Nächte selber wurden langsam schon wieder kälter.
Der Herbst schien sich langsam seinen Platz zurückerobern zu wollen.
"Soll ich noch warten?" erkundigte Max sich doch Adhara schüttelte den Kopf.
"Verschwindet und genießt Euren Feierabend", forderte er ihn auf und Max grinste.
"Dann bis morgen", meinte er und war verschwunden.
Adhara musste noch eine ganze Stunde warten, bis Atasch endlich erschien und ihn von der Kette befreite.
Die scharfen Kannten hatten ihre Spuren hinterlassen und sich teilweise tief in die Haut gebohrt. Und seine Fußsohlen waren an manchen Stellen bereits blutig.
Doch er schwieg und folgte Atasch ohne ein Wort zu verlieren.
Oben in seinen Gemächern legte er ihn erneut an die Kette.
"Was habe ich Euch eigentlich getan?" wollte er wissen, doch Atasch warf ihm nur einen warnenden Blick zu den Adhara mittlerweile zu deuten wusste.
Es war besser für ihn still zu sein.
"Räum den Rest noch auf, dann kannst du dich hinlegen", befahl Atasch ruhig, dann wandte er sich um und ließ ihn alleine zurück.
Adhara tat was Atasch von ihm verlangt hatte, danach wickelte er sich die dicken Leinentücher um die Füße und band sie mit einigen alten dünnen Lederriemen zusammen, so dass seine Füße geschützt waren. Danach legte er sich hin und kauerte sich unter seiner Decke zusammen.

                              ***

Max hatte Hauptmann Atasch eine Weile lang beobachtet, doch dann wandte er sich an seinen Herren und König.
Leise betrat er die königlichen Gemächer, denn er wollte Lázadó nicht stören. Dieser kämpfte seit gut zwei Wochen um das Leben des jungen Prinzen. Auf Befehl Lord Tabans hin hatte man ihn sogar mit einer Fußfessel versehen und angekettet, so wie auch Adhara in Iomans Räumen. Sogar seine Schuhe hatte er abgeben müssen, doch der König kümmerte sich um seinen Bruder. Nicht so wie Hauptmann Atasch.
Auch wenn er Adhara zu Anfang nicht mochte, so hatte er ihn in den letzten Tagen doch achten gelernt.
"Hallo Max", begrüßte Lázadó ihn freundlich und Max sah auf.
"Hauptmann", sagte er und neigte den Kopf. "Bitte entschuldigt, ich wollte nicht stören. Eigentlich suche ich den König", sprudelte es aus ihm heraus.
"Ihr stört nicht Max", erwiderte er müde.
"Mein Bruder ist nicht hier Max. Ich weiß auch nicht wann er zurückkehrt. Kann ich dir vielleicht helfen?" erkundigte Lázadó sich und nahm wieder in dem Stuhl neben Iomans Bett Platz.
Max war ihm gefolgt und erschrak zutiefst über den Anblick des jungen Prinzen.
Er war leichenblass und lag völlig leblos auf dem Bett des Königs.
Er schluckte schwer und schüttelte den Kopf.
"Ihr habt glaub ich genügend zu tun", flüsterte er und Lázadó musterte ihn kurz.
"Wartet kurz", entschied er dann und stand wieder auf. Er befeuchtete Iomans Lippen mit einem kalten Fieberkleeaufguss, dann kehrte er in den Wohnraum seines Bruders zurück und schloss leise die Tür. Die Kette war lang genug und im Wohnraum neben dem Kamin befestigt, nicht in den Schlafgemächern.
"Was habt Ihr, Max?" forderte er ihn mit sanfter Stimme auf. Doch Max war sich nicht sicher ob er gerade mit Lázadó darüber sprechen sollte.
"Geht es um Atasch?" hakte Lázadó nach und Max senkte den Blick. "Sadame hat mir bereits über seinen momentanen Wandel berichtet", fügte er hinzu um es dem jungen Mann leichter zu machen.
"Ja, Sir", murmelte er und Lázadó seufzte. "Möchtet Ihr etwas trinken?" wollte Lázadó wissen und jetzt sah Max entrüstet auf.
"Sir, bei allem Respekt, aber das ist meine Aufgabe, nicht die Eure!"
Lázadó schmunzelte und deutete auf die Kette.
"Ich schätze ich kann es mir zurzeit nicht aussuchen. Also los jetzt, erzähle", meinte er und reichte ihm einen Becher mit frischer Limonade.
"Danke!", beschämt sah er zu Boden, doch dann begann er zu erzählen was in den letzten Tagen geschehen war und wie Adhara von Atasch behandelt wurde und das Adhara trotz alledem hinter Atasch stand und ihm den Rücken stärkte.
"Ich würde dir gerne etwas raten, wenn ich es könnte. Atasch steht zurzeit unter einemenormen Druck. Doch ich weiß nicht ob er dem gewachsen ist", gestand der Krieger und Max begriff dass er sich nicht nur um den jungen Prinzen sorgte, sondern auch gleichermaßen um seinen Sohn.
„Bitte vergebt mir, Sir. Ich hatte nicht vor Euch damit auch noch zu belasten“, flüsterte er, doch Lázadó winkte ab.
„Schon gut, Max. Ich hoffe ebenso wie Ihr das er sich wieder fängt. Ansonsten…“ er sprach nicht weiter und Max senkte erneut den Blick.
„Schickt Ihn heute Abend zu mir, wenn Ihr ihn seht. Schwindelt ruhig ein wenig. Sadame wird es Euch nachsehen“, wandte er sich dann an den jungen Diener.
„Sicher, Sir?“, fragte er vorsichtig. „Der König geht nicht gerade freundlich mit jenen um die seinen Namen missbrauchen“, murmelte er.
„Vertraut mir. Ich werde es auf mich nehmen. Er wird Euch nicht dafür bestrafen“, erklärte Lázadó ihm und Max nickte.
„Also gut“, gab er nach und stand wieder auf.
„Sir?“, fragend sah er Lázadó an. „Darf ich Euch etwas fragen?“ Lázadó nickte.
„Geht es dem Prinzen noch immer nicht besser?“
„Schon. Doch nicht so wie ich es gerne hätte. Das Gift hat keine Wirkung mehr in seinem Körper, doch die Wunde hat sich infiziert“, erklärte er und Max atmete tief durch.
„Wird er es schaffen?“ wagte er sich nun leise zu fragen.
„Ich denke er schafft es, Max. Er ist jung, gesund und hat ein kräftiges Herz“, antwortete Lázadó zuversichtlich und sah wie der junge Diener des Königs erleichtert aufatmete.
„Danke, Sir“, sagte Max fest, dann wandte er sich um und rannte davon.

Max hatte Hauptmann Atasch noch am gleichen Abend zu Lázadó geschickt, der ein ernstes Gespräch mit ihm zu führen versuchte. Doch der junge Gardeführer schmetterte alles ab. Mehr noch, er machte Lázadó ziemlich deutlich klar das er sich herauszuhalten hatte.
Wütend wie er war kehrte er in seine Gemächer zurück, wo er einen heftigen Streit mit Adhara hatte, der von nichts wusste und ihm deshalb widersprach. Wofür Atasch ihn zur Rechenschaft zog.
Der Druck den er zurzeit durch Lord Taban erhielt war enorm und er musste nicht unbedingt noch Druck durch seinen Vater bekommen. Und genau dies ließ er Adhara an diesem Abend spüren. Auch wenn Adhara versucht hatte ihm zu sagen dass er kein Wort verloren hatte, so glaubte Atasch ihm nicht und gab den Druck den er bekam an Adhara weiter.
Zum zweiten Mal wandte er einen der Folterflüche an ohne das Lord Taban ihn dazu aufgefordert hatte und er gab erst auf, als Adhara leise wimmernd am Boden lag.
Der Feuerkrieger zitterte am ganzen Körper, und robbte auf seinen Platz, während Atasch wütend davon stürmte.
Am nächsten Morgen dann war er froh das Atasch schon früh die Gemächer verließ und noch nicht wieder zurück war als Liam ihn abholte und in die Stallungen brachte.
Natürlich war ihm aufgefallen wie blass Adhara am Morgen war und wie vorsichtig er sich bewegte.
„Ist alles in Ordnung mit Euch?“ fragte er also leise, doch Adhara schüttelte den Kopf.
„Nicht mehr als sonst auch“, antwortete er ebenso leise, schenkte Liam jedoch ein kurzes Lächeln bevor er sich daran machte die Stallungen zu misten und neu einzustreuen.
Allerdings war er heute wesentlich langsamer als sonst, denn jeder einzelne Muskel tat ihm noch immer weh.
So hatte er Atasch  noch nicht erlebt und er verzichtete darauf ihn nochmals so zu erleben. Er hoffte nur dass er am Abend nicht noch einmal ins Kreuzfeuer gelangte.
Gegen Mittag kehrte Liam zurück und war sichtlich erstaunt darüber dass er noch nicht fertig war.
„Noch nicht fertig?“ fragte er und Adhara schnitt ihm eine Grimasse und schüttelte den Kopf.
„Wie viele noch?“ wollte Liam wissen.
„Die hinteren zwei Boxen“, gab Adhara zu und war froh das Marcus nicht in der Nähe war.
„Ich bringe Euch in die Küche. Die letzten beiden Boxen übernehme ich“, entschied er dann und Adhara atmete tief durch. Er wollte ablehnen, doch Liam hob die Hand.
„Meine Entscheidung“, sagte er und Adhara schluckte. Er wusste, würde es jemand bemerken würde es auf ihn zurückfallen, nicht auf Liam. Doch er schwieg und bedankte sich mit einem unsicheren Blick.
Max freute sich als man Adhara brachte, doch auch nur im ersten Augenblick.
„Was ist mit Euch?“ erkundigte er sich mit leisem entsetzen.
„Wart Ihr bei Lázadó?“ wollte Adhara ebenso leise wissen und Max nickte.
„Lasst es bitte. Ich bin der auf den es zurückfällt“, bat Adhara ihn und Max verstand sofort.
„Das habe ich nicht gewollt“, flüsterte er betroffen und Adhara nickte.
„Fangen wir an“, murmelte er und Max senkte den Blick. Heute machte er zur Abwechslung mal mehr als Adhara. Die letzte Zeit hatte er sich auf seine Kosten ein wenig ausgeruht, heute jedoch machte er den gröbsten Teil und Adhara nahm es schweigend zur Kenntnis.
Sie verstanden sich beide immer besser und Adhara mochte ihn und arbeitete gerne mit ihm zusammen.
Gerade unterhielten sie sich über ihre Arbeit, als Hauptmann Marcus die Küche betrat.
Er musterte Adhara grinsend und packte ihn unsanft ihm Genick.
„Wer hat den Rest der Stallungen gesäubert?“ forderte er ihn zum sprechen auf. „Ihr seid es nicht gewesen, denn ich weiß dass ihr nicht fertig wart. Also wer unterstützt Euch?“ wollte er wissen, doch Adhara schwieg. Den Teufel würde er tun und ausgerechnet jene anschwärzen die ihm noch immer freundlich gesinnt waren.
Marcus lachte.
„Das ist die falsche Loyalität, kleiner Prinz“, meinte er und zerrte Adhara hinaus. Max wäre ihnen am liebsten gefolgt, doch er wusste dass er es für Adhara nur noch schlimmer machen würde.
Zum ersten Mal wünschte er sich den König zu sehen, ohne ihn aufsuchen zu müssen.
Doch das war ihm nicht vergönnt.
Eine knappe halbe Stunde später brachte Marcus Adhara zurück und gab ihm einen brutalen Schlag zwischen die Schulterblätter, so das er vor Max auf die Knie fiel.
„Ihr solltet wissen wem Eure Loyalität zu gehören hat. Und ich schätze ich habe Euch auf den richtigen Weg gebracht“, sagte er von sich überzeugt, schob die Hintertür ins Schloss und spazierte laut pfeifend davon.
Max war sofort an Adharas Seite und wollte ihm hoch helfen, doch Adhara schüttelte den Kopf.
„Nicht anfassen, bitte“, stieß er hervor und Max hielt wie versteinert inne.
„Hat er Euch verprügelt?“ flüsterte Max.
„Auch“, nuschelte Adhara und richtete sich langsam auf. Sein Gesicht war schmerzverzerrt und er zitterte am ganzen Körper.
„Bitte verzeiht mir. Das ist meine Schuld“, murmelte Max betroffen.
Bevor Adhara jedoch antworten konnte betrat Sadame die Küche. Er musterte Adhara mit gerunzelter Stirn, schwieg jedoch.
„Macht die Küche fertig, dann bringt Max Euch zu mir“, entschied er und Adhara atmete tief durch.
„Weiß Atasch…“
„Lasst das meine Sorge sein“, antwortete er hart und Adhara schluckte, während Max seinen König mit großen Augen anstarrte. Noch nie hatte er ihn so mit einem Diener reden hören und er fragte sich langsam was geschehen war.
Doch er tat was man ihm befohlen hatte und geleitete Adhara nur eine halbe Stunde später zu den Gemächern des Königs.
Ein einziges Mal hatte Adhara diese betreten, und zwar als Ioman angeschossen wurde.
Er atmete noch einmal tief durch während Max anklopfte.
Sadame öffnete die Tür und nickte den beiden zu.
„Max, lass uns alleine. Übernimm Adharas Pflichten solange er hier ist“, wandte er sich diesmal freundlich an den jungen Mann.
„Nein!“ entfuhr es Adhara entsetzt.
„Ich müsste Atasch dafür Rechenschaft ablegen und darauf bin ich nicht gerade erpicht“, fügte er erklärend hinzu.
Das Lázadó ebenfalls im Raum war hatte er nicht gesehen.
„Bitte“, wandte er sich nun an den König und Sadame nickte.
„Warte bitte in der Küche auf mich, Max“, entschied er dann und Max nickte vorsichtig.
„Ihr tut ihm aber nichts?“ hakte er nach und Sadame lächelte.
„Nein. Das habe ich nicht vor“, antwortete er und Max atmete auf. Dann nickte er sowohl Sadame als auch Adhara zu und zog sich wie gewünscht zurück.
„Was ist geschehen?“ wandte Sadame sich nun an Adhara, doch der schüttelte den Kopf.
„Nichts“, log er, doch er sah den König dabei nicht an.
„Ich mag es nicht wenn man mich anlügt“, erwiderte Sadame und wieder schluckte Adhara. Was sollte er ihm darauf antworten ohne selber wieder Prügel zu beziehen. Es reichte schon dass er hier war und das Atasch ihn nicht in der Küche vorfinden würde.
„Sadame“, ermahnte Lázadó ihn und erst jetzt sah Adhara auch ihn.
„Warum wolltet Ihr dass ich hergebracht werde?“ fragte Adhara vorsichtig und versuchte nicht auf die vorherige Frage einzugehen.
„Wer hat Euch verprügelt?“ erkundigte Sadame sich.
„Verprügelt oder Folterfluch?“ hakte nun auch Lázadó nach und Adhara stöhnte gequält.
„Beides“, antwortete er schließlich und ergab sich seinem Schicksal.
„Und warum?“ wollte Lázadó nun mit sanfter Stimme wissen.
„Zum einen wegen Eurem Gespräch gestern Abend mit Eurem Sohn, und zum andern wurde ich heute im Stall nicht ganz fertig. Doch es gibt da jemand der mir hie und da mal unter die Arme greift und Marcus wollte wissen wer es ist“, gestand Adhara und sah sowohl Sadame als auch Lázadó lächeln.
„Und hättet Ihr Liam verraten wüssten wir es bereits“, erwiderte Sadame schlicht und Adhara zuckte zusammen.
„Er wird daraus keine Scherereien haben“, fügte er sofort hinzu und Adhara entspannte sich etwas.
„Weshalb wollte Ihr mich denn dann sprechen?“ Adhara sah ihn neugierig an, jedoch mit einer gewissen Zurückhaltung, die beide Männer nachvollziehen konnten.
„Erkläre ich Euch während ihr Euch Euer Hemd auszieht. Hol deine Tasche, Lázadó“, befahl er und Lázadó stand sofort auf.
Adhara presste die Lippen aufeinander, tat jedoch was Sadame von ihm verlangte.
„Da hab ich ja einiges zu tun“, sagte Lázadó leise und schüttelte ungläubig den Kopf.
„Von dem was zu sehen ist, daran trifft Atasch keine Schuld“, versuchte Adhara ihn trotz allem noch in Schutz zu nehmen.
„Mag sein. Doch an dem was man nicht sieht“, knurrte Lázadó und Adhara wagte sich nicht ihm zu antworten.
„Atasch steht zurzeit unter einem enormen Druck, deshalb wende ich mich auch an Euch“, begann König Sadame und lief vor dem jungen Feuerkrieger auf und ab.
„Der Tag der Hinrichtung für meine Geschwister steht fest“, fuhr er fort und Adhara versteifte sich.
„Das werdet Ihr aber nicht zulassen, hoffe ich“, erwiderte er und Sadame atmete erleichtert auf.
„Nein. Doch ich benötige Hilfe. Die Krieger kann ich nicht involvieren und was Atasch betrifft…“ er schwieg und Adhara atmete tief durch.
„Wie Ihr bereits sagtet, er steht unter großem Druck. Doch das bedeutet nicht das er sich gegen Euch gewandt hat!“ zischte er und Sadame sah ihn überrascht an.
„Das sagt Ihr trotz allem was gestern Abend geschehen ist?“ erkundigte Sadame sich und Adhara sah ihn an.
„Jeder braucht mal ein Ventil um Dampf abzulassen. Ich bin nicht unbedingt erpicht darauf dies für Atasch zu sein, doch momentan ist es besser als wenn er sich in der Magie verliert“, antwortete Adhara ehrlich und hörte wie Lázadó hinter ihm tief einatmete.
„Er kämpft jeden einzelnen Tag mit sich und ich mache es ihm ebenfalls nicht leicht. Denn ich bin sicherlich kein Diener, auch wenn ich gerade in diese Rolle hineingezwungen werde“, fuhr er fort.
„Was also soll ich für Euch tun?“ wollte er wissen.
„Ich habe ein Tonikum und ich möchte dass Ihr Atasch dies heute Abend in sein Getränk mischt. Es ist Geruch und farblos und sorgt nur dafür das er einen tiefen und festen Schlaf hat, ohne etwas von dem mitzubekommen was um ihn herum vorgeht.
„Es geschieht ihm also nichts?“ hakte Adhara nochmal nach und Sadame bestätigte es, während Lázadó mit zitternden Händen die Hautwülste und die blauen Flecken versorgte, ebenso wie den Schnitt zwischen seinen Schulterblättern.
„In Ordnung. Und was soll ich noch tun?“
Sadame sah zu Lázadó, doch der schüttelte den Kopf.
„Das ist genug Sadame. Nicht mehr“, bat er ihn leise.
„Ich brauche seine Hilfe“, gab Sadame zu und Adhara nickte.
„Also, was soll ich noch für Euch tun?“ flüsterte er und verzog das Gesicht als Lázadó etwas zu viel des Mittels nahm um den Schnitt zu desinfizieren.
„Traut Ihr Euch zu in die Kerker zu gehen? Die Krieger dort unten werden schlafen“
„Zutrauen? Sicher, doch Atasch legt mich jeden Abend an die Kette. Ohne Schlüssel kann ich da nichts tun“, antwortete er ehrlich und Sadame nickte.
Er griff in seine Hosentasche und reichte ihm einen Schlüssel. Dieser wird auf Eure Ketten passen. Versteckt ihn gut“, ermahnte Sadame ihn und Adhara nickte.
„Was ist mit Eurem Sohn, My Lord?“ fragte er.
„Ioman geht es den Umständen entsprechend. Er ist noch sehr schwach, doch er hat vor einigen Stunden zum ersten Mal die Augen geöffnet. Ich würde gerne noch warten, doch die Hinrichtung meiner Schwester und die Lázadós soll in zwei Tagen stattfinden. Deshalb müssen wir umgehend agieren“, erklärte der König und Adhara nickte.
„In Ordnung. Um welche Uhrzeit soll ich in die Kerker?“ fragte er.
„Um Mitternacht“, erwiderte Sadame und Adhara nickte.
„In Ordnung“, gab er zurück, gerade als es an der Tür klopfte. Sadame hob die Hand und öffnete sie mittels seiner Magie und sah in Ataschs eisblaue Augen. Atasch musterte sowohl den König als auch seinen Vater und zum Schluss bedachte er Adhara mit einem zornigen Blick.
„Seine Wunden zu versorgen sollte wohl mir überlassen werden“, sagte er großspurig und Adhara wagte sich nicht ihn wirklich anzusehen.
„Max jedoch brachte ihn zu mir, da Ihr ja nicht auffindbar wart. Und er hat Max zu gehorchen, falls ich Euch daran erinnern muss“, erwiderte Sadame und Adhara schluckte.
„Nein, das müsst ihr nicht. Doch ich denke es ist jetzt genug“, forderte Atasch Adhara auf und der stand augenblicklich auf.
Er schenkte Lázadó ein dankbares Lächeln, dann folgte er Atasch ohne weitere Zeit zu verlieren aus dem Raum.
„Du weißt das Taban ihn dafür bluten lässt. Denkst du nicht er hat schon genug durchgestanden seit er gebrandmarkt wurde?“ wollte Lázadó mit leiser Stimme wissen.
„Doch, das hat er. Doch ohne ihn schaffe ich es nicht Euch alle ungesehen aus dem Schloss zu bringen. Ich benötige seine Hilfe dabei“, gab Sadame zu und Lázadó senkte den Blick.
„Wie weit ist es mit uns gekommen?“ fragte er leise.
„Es tut mir leid, Lázadó“, flüsterte Sadame und Lázadó nickte.
„Ich weiß, doch das ändert nichts“, antwortete dieser und kehrte zu Ioman zurück, während die Kette leise klirrte.

                              XXX

Adhara hatte gewartet bis Atasch tief und fest schlief und er vergewisserte sich noch einmal bevor er die Kette um sein Fußgelenk löste und vorsichtig zur Tür schlich.
Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals und seine Hände zitterten als er nach dem Türknauf griff. Vorsichtig drehte er ihn und zog die schwere Tür ein Stück auf.
Er wusste genau wo sie zu knarren begann und stoppte nur wenige Millimeter davor.
Durch die spartanischen Mahlzeiten die er bekam hatte er deutlich an Gewicht verloren und konnte problemlos durch den Spalt schlüpfen ohne ein Geräusch zu hinterlassen.
Er kannte den Weg mittlerweile schon im Schlaf und tastete sich im dunkeln an der Wand entlang bis er die innenliegende Treppe zu den Kerkern erreicht hatte.
Sie wurde nur sehr selten benutzt und Adhara hatte von Sadame den passenden Schlüssel dazu bekommen.
Er hoffte inständig das die Soldaten die in den Kerkern Wache schoben wirklich schliefen, denn ansonsten würde das kein gutes Ende für ihn nehmen.
Doch es war alles so wie der König vorausgesagt hatte.
Die Wachen waren nicht ansprechbar und Adhara huschte zur jener Zelle wo Chiara, Xandro und Amra festgehalten wurden.
Mit zittrigen Fingern steckte er den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn bis es aufsprang.
Er entfernte den Riegel und zog die Tür auf.
Rasch trat er ein und sah das Chiara, Xandro und Amra bereits aufgestanden waren.
"Adhara!" entfuhr es Amra leise und sie fiel ihm um den Hals.
"Scht, sei leise", seine Stimme zitterte und schnell begriff sie dass er Angst hatte.
"Kommt. Der König erwartet Euch", forderte er sie auf und sowohl Chiara als auch Xandro ließen sich kein zweites Mal auffordern. Rasch folgten sie ihm aus der Zelle und sahen zu wie Adhara versuchte die Zelle wieder zu schließen, doch er war so nervös das es ihm nicht gelang.
Xandro trat an seine Seite und übernahm das für ihn. Nie zuvor hatte er Adhara so gesehen.
Adhara nickte ihm zu und atmete tief durch, dann lief er rasch voran, die Treppen hoch und wieder in einen der Nebenflure des Schlosses.
Auch die Türe zu den Kerkern verschloss er wieder sorgsam und erst jetzt, im Schein einer kleinen Fackel sahen sie dass er nicht mal Schuhe trug.
"Kommt", sagte Adhara leise, nahm die Fackel und führte sie hinunter in die Küche zum hinteren Dienstbotenausgang.
Er bedeutete ihnen leise zu sein und kurz zu warten. Auch wenn Sadame für alles vorgesorgt hatte, so war es trotz allem möglich dass der eine oder andere Krieger draußen herumirrte und so sah er zuerst nach ob die Luft rein war. Dann winkte er ihnen zu und führte sie zu einem der westlichen alten Ausgänge, für die nur noch Sadame Schlüssel hatte.
Der König und sein Bruder erwarteten sie bereits ungeduldig.
"Wo wart Ihr so lange?" fuhr Lázadó ihn an und Adhara zuckte zusammen.
"Ich musste warten bis Atasch seinen Tee ausgetrunken hat. Alles andere wäre zu auffällig gewesen und geht mich nicht so an!" gab Adhara zornig zurück, während sein Blick auf Ioman fiel, der bleich und unruhig auf einer Trage lag, die von seinem eigenen Pferd gezogen wurde.
"Lázadó", ermahnte Sadame ihn und wandte sich dann an den jungen Mann.
"Ihr solltet uns begleiten Adhara. Das wäre jetzt Eure Chance. Wenn herauskommt das ihr uns geholfen habt dann ist der Pranger das letzte was Ihr zu befürchten habt", versuchte Sadame ihn davon zu überzeugen sie zu begleiten.
"Ich kann nicht. Wenn Ihr fort seit dann hat er niemanden mehr. Ich kann ihn jetzt nicht im Stich lassen", antwortete er und hörte wie seine Schwester erschrocken einatmete.
"Bist du sicher dass er deine Loyalität zurzeit verdient?" fragte Lázadó knapp.
"Mehr denn je. Und jetzt geht. Ich muss zurück bevor man mich vermisst. Denn das könnte mir auch als Fluchtversuch ausgelegt werden. Kümmert Euch um meine Schwester und sorgt dafür dass ihr nichts geschieht", antwortete er, nickte ihnen zu und zog sich zurück.

Nicht nur Adhara sondern auch Hauptmann Atasch wurden früh am nächsten Morgen unsanft aus dem Schlaf geholt, als Lord Taban in die Gemächer Ataschs trat und die Tür lautstark hinter sich zuschlug.
Atasch saß senkrecht im Bett und starrte Lord Taban aus unsicheren Augen an.
"Wo habt Ihr Euch diese Nacht aufgehalten", forderte Lord Taban ihn zum sprechen auf und Atasch wusste das er ihn nicht anlügen durfte.
"Er war hier, My Lord", sagte Adhara leise und senkte den Blick.
"Und woher wisst Ihr das? Ich fand Euch gerade schlafend. Beweist es mir", befahl Lord Taban und Adhara presste die Lippen aufeinander.
"Das kann ich nicht, My Lord. Ich kann euch nur sagen das Hauptmann Atasch hier gewesen ist, die ganze Nacht. Er hat ruhig geschlafen", erwiderte Adhara und wusste das er sich gerade selbst verraten hatte, denn Adhara selber hatte kaum geschlafen und er hatte gesehen wie der König die Inhaftierten aus dem Schloss gebracht hatte.
"Ihr könnt mir nur so schnell antworten, wenn Ihr wisst was vorgefallen ist, Adhara", Lord Tabans Stimme klang eiskalt und er jagte Adhara einen Schauer ein.
"Ihr solltet mich jetzt nicht anlügen", fügte Lord Taban mit kalter Gelassenheit hinzu. "Oder ihr werdet doppelt und dreifach dafür bezahlen!"
Adhara schluckte, nickte dann jedoch, während Atasch noch immer nicht verstand was gerade eigentlich geschah.
"Wovon redet Ihr, My Lord?" wollte er wissen und Lord Taban sah zu Adhara.
"Sagt es ihm ruhig, Ihr seid schließlich sein Diener", meinte er und Adhara atmete tief durch dann sah er zu Atasch, der anscheinend wirklich nichts wusste.
"König Sadame ist heute Nacht mit einigen der Gefangenen geflohen", murmelte er und stand vorsichtig auf. Er wusste dass er heute nicht einfach so davon kommen würde.
"Ihr habt es also beobachtet und Euren Herren nicht geweckt", stellte Lord Taban die alles entscheidende Frage und Adhara nickte.
"Ja, Sir", erwiderte er und sah zu wie Atasch aufstand und auf ihn zu trat.
"Ich erwarte seine Bestrafung und diesmal so das er es auch fühlt. Ihr werdet ihn mit der Peitsche bestrafen und danach kommt in mein Kontor. Meine Agitare konnten den König und Prinz Xandro aufstöbern und zurückbringen. Lázadó, Chiara, Ioman und die kleine rothaarige Göre sind nicht mehr aufzufinden", erklärte Lord Taban und beobachtete seine Reaktion, doch Atasch blieb gelassen.
"Er kann das nicht alleine durchgezogen haben", sagte Atasch knapp und sah wieder zu Adhara.
"Wer hat ihm geholfen?" wollte er wissen, doch Adhara schwieg.
"Dieser kleine Bengel arbeitet für Sadame. Der hat ihm sicherlich geholfen", knurrte Atasch wütend und Adhara schluckte.
"Nein, das hat er nicht", erwiderte er fest und Lord Taban musterte den ehemaligen Prinzen aus dem Feuertal.
"Leert Eure Taschen!" befahl er kalt und Adhara tat was man ihm sagte.
Er legte ein paar Kleinigkeiten, ein Taschentuch und ein paar Lederriemen auf den Tisch der neben ihm stand.
Und einen Schlüssel!
"Ich nehme an der passt auf Eure Ketten", mutmaßte Lord Taban hämisch lächelnd und Adhara nickte.
"Ihr werdet ihn umgehend bestrafen, Atasch. Fünf Hiebe pro Häftling. Das sind dreißig wenn ich mich nicht irre"
"Sagtet Ihr nicht dass Ihr den König und Prinz Xandro wiederhabt?" fragte Adhara leise und Lord Taban lachte.
"Das war jedoch nicht Euer verdienst. Führt die Bestrafung durch, hier und jetzt und dann wird er kniend, in Demutshaltung warten bis Ihr zurückkehrt. Danach kann er seine Arbeit verrichten und wenn Ihr ihm heute Abend gnädig gestimmt seid, dann könnt Ihr seine Wunden versorgen", entschied Lord Taban und Adhara presste die Lippen aufeinander während Atasch nickte.
"Ich erwarte Euch in zehn Minuten", fügte er hinzu und Atasch verneigte sich vor ihm und wartete bis er gegangen war, dann wandte er sich an Adhara und sah ihn mit zornigen Augen an.
"Was war in dem Tee den du mir gestern Abend noch gebracht hast?" wollte er wissen, doch Adhara schwieg beharrlich. Er würde den König jetzt nicht noch mehr belasten.
"Und woher verdammt hast du den Schlüssel?"
Adhara jedoch schüttelte den Kopf und zog bereits seine Oberbekleidung aus. Er wusste dass die nächsten Tage eine schwere Zeit für ihn werden würden, doch er hatte nicht mit der unbändigen Wut des jungen Mannes gerechnet, als er die Peitsche in die Hand nahm.
Adhara hatte frei gestanden und sich nur mit den Händen an der Wand abgestützt, doch es viel ihm immer schwerer die Kontenance zu behalten, da Atasch ihm nicht einmal ein Beißholz zugestanden hatte und als er fertig war, trat auch keine Entspannung für ihn ein.
"Knie nieder", befahl Atasch und Adhara nahm zitternd jene Position ein, die Atasch von ihm verlangt hatte.
"Das hättest du nicht tun dürfen", fuhr Atasch ihn aufgebracht an und Adhara hob den Kopf und sah ihn an, während sein Rücken wie Feuer brannte.
"Ich konnte Euch nicht ins offene Messer laufen lassen, also habe ich dafür gesorgt dass Ihr schlafen werdet", erwiderte Adhara mit zitternder Stimme und Atasch sah ihn mit wütender Miene an und ballte die Faust.
"Na los, schlagt zu", forderte Adhara ihn auf, doch Atasch wandte sich um und rauschte davon.
Er versuchte sich einigermaßen zu beruhigen, bevor er das Kontor des Lords betrat, doch er wusste dass er sich sputen musste. Lord Taban wartete nicht besonders gerne und Atasch hatte Probleme genug.
Er atmete noch einmal tief durch, zog seine Uniform glatt und klopfte an die Tür.
Die schwere Holztür sprang mit einem Ruck auf und Atasch trat hindurch.
Lord Taban saß hinter dem Schreibtisch aus altem Kirchholz angefertigt. Er stammte noch aus der Zeit König Elias und war reich verziert mit wunderschönen Schnitzereien. Doch all dies war für Atasch gerade nebensächlich, als er sich vor Lord Taban verneigte.
"Habt Ihr meinen Befehlen entsprochen?" erkundigte Lord Taban sich und Atasch nickte.
"Sicher, My Lord", erwiderte er und versuchte ein wenig seiner alten Selbstsicherheit in seine Stimme zu legen.
"Setzt Euch", forderte Lord Taban ihn auf.
Atasch erhob sich und musterte einen kurzen Moment, dann nahm er vor dem Schreibtisch Platz.
Lord Taban reichte ihm einen Kaffee.
"Ihr müsst mein Verhalten der letzten Tage entschuldigen Atasch. Ich stand etwas unter Druck und habe diesen an Euch weitergegeben. Doch Ihr habt Eure Arbeit bisher immer zu meiner vollsten Zufriedenheit ausgeführt. Das Ihr in eine Falle Nahars getappt seid, das ist nicht Eure Schuld. Ich hätte wissen müssen dass man ihn nicht unterschätzen sollte. Ihr seid noch sehr jung, doch Ihr gehört zu den besten. Nur habt Ihr den falschen Männern Euer Vertrauen geschenkt. Jenen die hinter dem Verräter standen", versuchte Lord Taban sich zu entschuldigen.
"Ich habe getan was in meiner Macht stand, doch auch Hauptmann Ziasan war mir keine große Hilfe, da er darauf bestand auf den Drachen die Gegend zu erkunden. Obwohl ich ihn gewarnt hatte das die Schlucht gefährlich ist. Ich schätze er wollte sehen wie weit ich gehen würde. Doch meine Magie anzuwenden hätte mir nichts gebracht, denn ich stand den besten Druiden gegenüber die ich kenne. Ich bin gut, doch sie waren mir sechs zu eins überlegen. Und zu sterben bin ich noch nicht bereit. Nicht für so einen dummen Übergriff des Königs", erwiderte Atasch und sah Taban lächeln.
"Ich bin froh dass Ihr Euch für den Rückzug entschieden habt", gab Lord Taban zurück.
"Doch jetzt müssen wir etwas anderes besprechen, Atasch. Den König kann ich nicht hinrichten lassen, noch nicht doch ich kann ihn des Schlosses verweisen nachdem er für seinen Verrat mir gegenüber bestraft wurde", begann er ein heikles Thema und Atasch atmete tief durch.
"Was genau habt Ihr Euch vorgestellt?", wollte er wissen.
"Ich weiß wie Ihr darüber denkt, doch ich hoffe das Ihr trotz allem hinter mir steht", fuhr Lord Taban fort.
"Das werde ich", antwortete Atasch mit brüchiger Stimme.
Lord Taban nickte ihm dankend zu.
"Ihr wisst das Sadame mein Sohn ist", sagte er und Atasch nickte. "Alleine aus diesem Grund schon  möchte ich nicht hinrichten, denn ich hoffe dass er eines Tages zu seiner Familie hält, so wie auch Ihr es tut. Um den Pranger jedoch wird er nicht herumkommen. Ich habe sechzig Hiebe beschlossen, denn ich denke er ist stark genug diese zu überleben. Danach wird er mit den restlichen Krieger Nahars das Schloss verlassen", erklärte er und Atasch sah ihn mit entsetzten Augen an.
"Das ist ziemlich hart, findet Ihr nicht? Immerhin ist er Euer Sohn", versuchte Atasch die Schläge zu minimieren.
"Ja, das ist es, doch es wird ausgeführt wie ich entschieden habe. Ihr müsst es nicht alleine ausführen. Ihr könnt Euch einen Krieger zur Unterstützung an Eure Seite holen", entschied er doch Atasch schüttelte den Kopf.
"Nein My Lord. Sadame war Ihr König und dies ist die Aufgabe des Gardeführers. Ich werde niemand damit beauftragen meine Arbeit zu erledigen", bekam er als Antwort.
"Das habe ich gehofft mein junger Freund"
"Was wird aus Prinz Xandro?" hakte Atasch nun nach. Denn er hatte kein gutes Gefühl was den jungen Prinzen aus dem Lichtertal betraf.
"Nun, sein Vater hat mir eine eindeutige Nachricht zukommen lassen. Er wird sich nicht ergeben und er wird seinen Sohn nicht auslösen. König Taberius hatte zwei Möglichkeiten seinen Sohn zu retten, zum einen sich zu ergeben und zum anderen sein Vermögen an mich zu übertragen. Er hat nichts dergleichen getan, also wird er damit leben müssen dass sein Sohn auf dem Galgen stirbt. Ich würde eine andere Todesart vorziehen, doch Xandro ist von königlichem Blut und da habe selbst ich keine Wahl. Sein Körper muss unversehrt bleiben. Also wird er in sieben Tagen auf dem Galgen hingerichtet. Ich hoffe Ihr steht mir zur Seite, da ich weiß wie Ihr darüber denkt", Lord Taban musterte Atasch der noch entsetzter wirkte als bei dem Urteil König Sadames.
"Prinz Xandro steht eine schnelle und akkurate Hinrichtung zu, ohne ihn mehr als nötig leiden zu lassen, und da ich das sonst niemand zutraue werde ich es wohl ausführen müssen", erwiderte Atasch.
Seine Stimme war mit jedem Wort leiser geworden und zitterte leicht, doch er sah Lord Taban selbstbewusst entgegen.
"Sadame wird bereits zum Pranger gebracht, Atasch. Seine Bestrafung wird umgehend durchgeführt und ob Ihr ihm ein Beißholz zugesteht oder nicht, das überlasse ich Euch", sagte er und stand auf.
Atasch erhob sich ebenfalls und folgte Lord Taban hinaus in den Innenhof.
Sadame stand bereits am Pranger, während nicht weit von ihm ein Galgen gezimmert wurde.
Nolen selber hatte seinen Bruder am Pranger festgebunden und stand nun neben ihm um zu warten wer die Bestrafung ausführen sollte.
Er hatte insgeheim gehofft das Atasch es ablehnen würde, doch er wusste auch, das er besser war als jeder andere hier und er würde es zügig tun und keine unnötigen Pausen einlegen, die die Qual Sadames noch steigerten.
Ataschs Hände zitterten als er zum Pranger trat und seine Peitsche von Nolen entgegennahm.
"Mach es schnell", murmelte er und Atasch nickte kaum merklich. Nichts anderes hatte er vorgehabt. Doch er wusste auch das es für Ihn anstrengend werden würde, denn er hatte vor kaum einer Stunde erst Adhara mit dreißig Hieben bestraft und es würde für ihn schwer werden sechzig Hiebe in der gleichen Stärke auszuführen ohne sich die Blöße geben zu müssen nicht weiter zu können.
Er warf Sadame noch einen letzten Blick zu, dann trat er vor ihn.
"Habt Ihr ein Beißholz?" flüsterte er kaum hörbar und Sadame schüttelte den Kopf.
Er war der König gewesen. Er hatte Bestrafungen angeordnet, doch er war nie das Ziel einer von ihnen gewesen.
"Möchtet Ihr eins?" erkundigte Atasch sich und wagte es sich kaum noch den König anzusehen.
"Ich kann Euch nur das meine anbieten, My Lord" murmelte er.
"Ich würde es gerne annehmen", entschied sich Sadame leise und Atasch atmete einen Moment erleichtert aus. Dann fischte er sein Beißholz aus seiner Hosentasche und schob es Sadame zwischen die Zähne.
Er wusste dass der König es brauchen würde, auch wenn es bei sechzig Hieben nur für die Anfangszeit etwas brachte.
Und er fragte sich wirklich ob der König dies überleben konnte.
Atasch warf ihm noch einen letzten Blick zu, dann trat er hinter Sadame und dieser umfasste die Ketten und spannte die Muskeln.
Atasch griff nach seiner Peitsche, als Taban ihn aufhielt.
"Die Peitsche benötigen wir nicht. Ich habe etwas besseres", meinte er lächelnd und öffnete eine mit schwarzem Samt bezogene Schatulle.
Atasch warf einen unsicheren Blick zu König Sadame und trat dann näher zu Lord Taban und warf einen kurzen Blick in die Schatulle.
Er wurde kreidebleich und starrte Lord Taban betroffen an.
"Das kann nicht Euer ernst sein, My Lord", sagte er nervös während sein Blick weiterhin auf das Flagrum gerichtet war.
Der Griff war aus Drachenleder geflochten, das sah Atasch sofort, und war etwa vierzig Zentimeter lang. Am vorderen Ende waren drei etwa sechzig Zentimeter lange ebenfalls aus Drachenleder geflochtene dünne Lederbänder befestigt in die jeweils drei dünne Bleikugeln eingearbeitet waren.
Atasch fasste sie an und fühlte sofort die dünnen Widerhaken.
"My Lord, das wird er nicht überleben. Bedenkt Eure Anzahl der Schläge", flüsterte Atasch. Trotz allem hallte seine Stimme in seinen Ohren wieder.
"Mein Sohn ist stark, er wird es überleben", erwiderte er gnadenlos und wandte sich dann noch einmal an Sadame.
"Wenn Atasch mit dir fertig ist, dann wirst du das Schloss verlassen und ich erwarte dass du dich mir niemals wieder in den Weg stellst." Er nickte ihm zu, dann trat er zurück und reichte Atasch das Flagrum.
„My Lord, das überlebt er nicht! Das kann er gar nicht, egal wie stark er ist“, flüsterte er so leise das nur Lord Taban ihn verstehen konnte.
„Also gut, ich vertraue Eurem Urteil Atasch. Minimieren wir die sechzig Schläge auf vierzig, doch keinen weniger“, antwortete Lord Taban schließlich und als Atasch erneut widersrechen wollte hob er die Hand.
"Ihr könnt beginnen", forderte er ihn verärgert auf.
Atasch tauschte einen Blick mit Sadame. Wenn er jetzt seine Magie anwenden würde, Lord Taban hätte ihm nichts entgegenzusetzen und Hauptmann Ziasan und die restlichen Agitare waren vor einem Tag ins Tal der Tränen aufgebrochen.
Sadame verstand weshalb der junge Mann noch zögerte, und forderte ihn dann stillschweigend auf zu beginnen.
Die Hände des jungen Mannes zitterten heftig, als er das Flagrum zum ersten Mal hob. Vor allem wusste Atasch nicht wie groß der Abstand sein musste, den er einhalten sollte um nicht seinen Hinterkopf zu treffen.
Die Bleikugeln waren nicht sehr schwer, doch sie konnten große Schäden hinterlassen und Ioman würde ihm niemals verzeihen, wenn er, als sein bester Freund, seinen Vater umbrachte.
Nach dem ersten Schlag, der über die Schulter nach vorne zum Brustkorb ging, trat Atasch zwei Schritte zurück und schlug ein weiteres Mal zu. Diesmal hatte er anscheinend den richtigen Abstand, doch bereits nach den ersten zehn Schlägen war er sich sicher, dass der König vierzig Schläge nicht überleben konnte.
Die Wiederhaken hefteten sich in der Haut fest und bei jedem einzelnen Schlag wurde sie aufgerissen.
Nach den ersten fünfzehn Schlägen schrie Sadame zum ersten Mal und Atasch war sich sicher, dass ihn das in seinen Träumen noch lange verfolgen würde.
Bei zwanzig Schlägen hing bereits ein Teil der Haut in dünnen Fetzen herunter und Atasch gab sich die größte Mühe nicht immer dieselbe Stelle zu treffen. Er wusste dass er dem König sonst das Fleisch von den Knochen reißen würde und das konnte er keinesfalls überleben.
Bei dreißig verlor Sadame zum ersten Mal das Bewusstsein und Atasch atmete tief durch. Seine Hände zitterten und er hatte Angst die Kraft nicht aufzubringen es zu Ende zu führen.
"Bringt einen Eimer mit Wasser", hörte er Lord Taban befehlen und Atasch erstarrte. Er betete zu den Druiden, dass Lord Taban ein einsehen hatte, doch seine Gebete wurden nicht erhört.
Lord Taban selber schüttete seinem Sohn das Wasser ins Gesicht.
Sadame verkrampfte sich und machte sich durch einen gewaltigen Schrei Luft, als die kalte Flüssigkeit in seine Wunden lief.
Und er schrie weiter, bei jedem Schlag den Atasch ausführte, und bei fünfzig Schlägen verlor er erneut das Bewusstsein.
Sein Rücken bestand nur noch aus einer breiigen, blutigen Masse und Atasch wandte sich erneut an Lord Taban.
"My Lord", bat er ihn. "Es ist genug", fügte er flüsternd hinzu.
"Die letzten zehn Schläge führt ihr von vorne aus", befahl Lord Taban gnadenlos und Atasch sah zum König, der bereits halbtot in den Ketten hing.
"My Lord", versuchte er es ein weiteres Mal, doch Lord Taban hob die Hand und Atasch verstummte.
"Entweder Ihr beginnt endlich, Atasch, oder ich führe es selber zu Ende", antwortete er und Atasch sah erneut zu Sadame und er konnte in den Augen des Königs trotz der Schmerzen auch die Angst davor sehen, Taban ausgeliefert zu sein.
Atasch wusste das Taban keine Rücksicht auf Gesicht und Kopf nehmen würde und nickte.
Wie mechanisch trat er vor den König und hob erneut das Flagrum.
Sadame drehte mit letzter, eiserner Willenskraft seinen Kopf auf die Seite und ließ zu das Atasch die letzten zehn Schläge auf seinem Brustkorb ausführte.
Jedoch minimierte er die Kraft seiner Schläge und hoffte dass Lord Taban es auf die Erschöpfung nach so einer Bestrafung schob und ihn nicht weiter daran hindern würde.
Doch die Schreie Sadames würde Atasch niemals wieder vergessen können.
Solch ein Urteil wünschte er seinem ärgsten Feind nicht.

Kreidebleich und noch immer den Geschmack von Galle auf der Zunge kehrte Atasch in seine Gemächer zurück.
Sein Blick viel sofort auf Adhara, der noch immer am Boden kniete.
"Steht auf", forderte er ihn leise auf und Adhara sah zu ihm hin, dann erhob er sich mit zitternden Knien, doch ganz aufrichten konnte er sich nicht.
"Setzt Euch da hin", fuhr Atasch fort und deutete auf einen der Stühle.
Adhara war schon im ersten Satz aufgefallen dass er ihn wieder höflich ansprach, doch er war sich nicht sicher ob es nur ein versehen war und er folgte lieber bevor es ihn heute noch mal traf.
Er beobachtete Atasch genau wie er seine Kräuter aus dem Regal holte und damit begann einen Kräuterbrei an zumischen. Danach schnitt er einige Stücke eines sauberen Leinentuches ab und holte einen frischen Eimer Wasser.
Dann begann er schweigend Adharas Wunden auszuwaschen und der junge Prinz spannte seine Muskeln an.
"Versucht Euch etwas zu entspannen", riet Atasch ihm leise.
"Ich denke Ihr wisst selbst dass dies nicht so leicht ist", antwortete Adhara noch immer vorsichtig. Er hatte die Stimmungsschwankungen des jungen Mannes mittlerweile gut kennen gelernt.
"Ja", antwortete Atasch einsilbig und versuchte das mittlerweile angetrocknete Blut und die Krusten zu entfernen.
Er sah wie Adhara immer wieder zusammenzuckte, doch er konnte es ihm nicht ersparen.
Und besonders vorsichtig war er heute auch nicht, denn seine Hände zitterten noch immer als er nach dem Kräuterbrei griff und ihn auf die Wunden auftrug.
Adhara würde gerne fragen was geschehen war, doch er wagte es nicht.
Die Schreie aus dem Innenhof jedoch, waren auch bis zu ihm vorgedrungen.
"Ruht Euch heute aus, Adhara. Die nächsten Tage werden anstrengend genug für Euch", schlug Atasch vor, doch Adhara schüttelte den Kopf.
"Nein. Ich mache weiter, doch heute vielleicht nicht ganz so schnell", erwiderte er und zeigte ihm ein vorsichtiges Lächeln.
"Einverstanden", seufzte Atasch, der seine Vorsicht durchaus verstehen konnte und begann diverse der verschiedensten Kräuter in eine Tasche zu packen.
Adhara hingegen begann die Gemächer aufzuräumen, als Max plötzlich in der Tür stand.
"Wir brauchen Euch, Hauptmann. Keiner von uns weiß die Wunden des Königs zu versorgen", sagte er und funkelte Atasch herausfordernd an.
Atasch nickte und reichte Max seine Tasche.
Dann wandte er sich noch einmal Adhara zu.
"Lasst Euch Zeit", flüsterte er entschuldigend, dann folgte er Max hinaus.
Er wusste nicht in welche Hütte man Sadame gebracht hatte und er fragte sich, ob er überhaupt noch am Leben war.
Atasch folgte dem jungen Mann bis zu einem der Mannschaftsquartiere, dass Elijah, Jaro und Nolen sich teilten.
Der König lag auf dem mittleren Bett und schien nicht wirklich ansprechbar zu sein.
Atasch wünschte sich seinen Vater an seiner Seite zu haben, der ihm sagen konnte was genau er nun zu tun hatte. Er wusste nur dass er alles Feucht halten musste, dass er die Wunden desinfizieren und reinigen musste. Doch wie genau sollte er das anstellen? Er hatte keinen Schmerztrank vorrätig der den König soweit ruhigstellen konnte so das es einigermaßen erträglich für ihn war.
"Ich brauche sauberes Wasser und saubere Leinentücher", wandte Atasch sich leise an Max.
"Ich besorge Euch alles was Ihr benötigt, doch lasst ihn bitte nicht sterben", flüsterte der junge Mann, dann rannte er davon.
Atasch sah ihm nach und wandte sich dann wieder dem König zu, während Nolen an der Seite seines Halbbruders saß und Atasch mit finsteren Blicken musterte.
"Ist es nicht genau das was du eigentlich verhindern wolltest, Atasch?" zischte er voller aufgestauter Wut.
"Du redest gerade so als ob ich meinen Spaß daran gehabt hätte", erwiderte Atasch knapp. Doch er klang nicht anklagend, sondern resigniert.
"Du..."
"Was, Nolen. Nur weil du meine kleine Schwester geheiratet hast, heißt das nicht dass du mich wirklich kennst", entfuhr es Atasch wütend, obwohl er wusste das es nicht so war. Nolen kannte ihn sehr gut.
"Ach ja, Atasch? Meinst du wirklich ich hätte dich in den letzten Jahren nicht kennen gelernt? Wie oft haben wir zusammen im Hof gesessen und uns über dieses System unterhalten und was wir gerne ändern möchten. Und hättest du meinem Bruder ebenso schnell vertraut, wenn du meine Geschichte nicht gekannt hättest?" forderte Nolen ihn heraus und verriet sich damit nun selbst. Denn bisher wusste niemand das er und Sadame ebenfalls Geschwister waren. Das hatten sie beide verheimlicht umeinander auch schützen zu können.
"Nein, das hätte ich nicht und das weißt du auch. Doch du klagst mich an für etwas gegen das ich nichts tun kann. Nicht solange ich weiter in dieser Rolle schwebe", antwortete Atasch angeschlagen.
"Bei allem Respekt, Hauptmann, doch dies ist nicht der richtige Ort um sich über Eure Rolle unter Lord Taban zu unterhalten", fuhr Hauptmann Jaro nun dazwischen und wandte sich dann an Nolen.
"Geh und hilf Max mit dem Wasser", befahl er dann und Nolen ballte die Fäuste, doch er folgte dem Wunsch seines Hauptmanns und verließ die Hütte.
Sadame stöhnte leise und Atasch zuckte zusammen.
"Er hat ihm die Schmerzen genommen", sagte Atasch leise zu Jaro gewandt.
"Ich weiß. Es ist nicht das erste Mal das ich das sehe. Doch wenn Ihr nicht ebenso enden wollt, dann haltet Euch zurück mit dem was Ihr sagt, Hauptmann", belehrte er ihn, doch Atasch lachte hol.
"Für mich ist ein anderes Ende vorgesehen", sagte er nur und Jaro musterte ihn.
"Ich weiß was mit mir geschieht, sollte Ich Taban verraten und noch hier sein", erwiderte er nur, als Max und Nolen bereits zurückkehrten.
Max trug einen großen Stapel schwere Leinentücher, während Nolen zwei Eimer Wasser neben Atasch stellte.
"Hilf ihm", wandte Atasch sich an Nolen, der schweigend nickte und sich wieder neben seinem Bruder niederließ.
Atasch breitete eines der Tücher auf dem Bett daneben aus und begann es in kleinere Stücke zuschneiden, dann nahm er eines der Tücher und tunkte es in den Eimer mit Wasser.
"Du kannst ihm nicht bei vollem Bewusstsein..." entfuhr es Elijah und Atasch wandte den Kopf.
"Ich habe aber keinen so starken Schmerztrank vorrätig", antwortete er und Elijah starrte ihn entsetzt an, während der König ein heißeres Stöhnen von sich gab.
"Ihr seid doch ein Druide, da gibt es doch auch noch einen anderen Weg", forderte Max ihn heraus und Atasch nickte.
"Den gibt es. Den Isolationsfluch, doch den werde ich nicht ohne die Zustimmung des Königs anwenden. Er raubt dir sämtliche Sinne. Zwar bist du schmerzfrei, doch du fühlst auch nichts anderes und im ersten Moment hast du den Eindruck zu ersticken.
"Tu es", kam die keuchende Stimme des Königs und Atasch schluckte.
"Seid Ihr sicher?" vergewisserte er sich noch einmal.
"Tu es", flüsterte Sadame. "Bitte", flehte er ihn an und Atasch nickte.
"Ich mache es", murmelte er und atmete tief durch.
Dann folgte er dem Wunsch des Königs und raubte ihm für die kommende Stunde sämtliche Sinne.
Atasch war sich darüber bewusst das sein König im Wachzustand die Schmerzen nicht ertragen konnte, also musste er den Isolationsfluch jede Stunde widerholen. Dafür jedoch müsste er hier bleiben.
"Ich versorge hier seine Wunden, dann werden wir ihn in meine Gemächer bringen. Ich muss den Fluch jede Stunde erneuern, ansonsten wird er es nicht überleben", wandte er sich leise an Max und die Krieger die noch hier waren.
"Einverstanden. Aber ich komme mit", entschied der junge Diener und Atasch nickte.
"Ich habe nichts anderes erwartet, Max. Und ich brauche Euch bei der Versorgung", antwortete Atasch, während er souverän seine Wunden versorgte.
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