Given and Denied

von AnjaAve
KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
Jimmy Patricia
21.02.2019
17.10.2020
19
29.797
3
Alle Kapitel
32 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
17.10.2020 1.866
 
Mit Kaffee, Schoko-Croissants und verschiedenem frischen Obst bewaffnet, kehre ich wie versprochen eine halbe Stunde später zurück. Da ich keine Hand zum Klopfen freihabe, öffne ich mit meinem Ellenbogen einfach direkt die Tür zu Patricias Krankenzimmer und stoße sie schwungvoll auf, um problemlos hindurchtreten zu können. Im nächsten Moment bleibe ich allerdings überrascht stehen und so knallt die relativ schwere Tür gegen mich, als sie wieder zufällt.
„Autsch!“, fluche ich und so drehen sich Patricia und ihre beiden Söhne, Iggy und Alex, zu mir um.
Ich reiße mich zusammen, schiebe die Tür mit dem Ellenbogen erneut von mir und gehe zum Nachtschrank von Tricia, um dort meine Errungenschaften abzulegen.
„Thanks, Jimmy. This coffee smells great“, bedankt sich Tricia direkt.
„I would’ve brought two more, but I didn’t know you were coming…“, wende ich mich an meine Neffen.
Es fühlt sich komisch an, sie hier wiederzusehen. Seitdem Tricia und ich gemeinsam in der kleinen Wohnung leben, habe ich beide nicht mehr gesehen. Davor haben wir doch relativ viel Zeit miteinander verbracht.
„Schon okay. Wir haben schon gefrühstückt. Wir haben uns Sorgen um Dad gemacht, weil er scheinbar gestern überhaupt nicht mehr nach Hause gekommen ist. Deshalb sind wir hergekommen…“, erklärt mir Alex und ich nicke einfach nur.
Ich schaue zu Patricia und sehe ihr an, wie sehr es sie schmerzt, wie ihr Sohn von seinem Zuhause redet, einem Ort, an dem sie schon seit Monaten nicht mehr willkommen ist. Ich stehe auf der entgegengesetzten Seite des Bettes. Alex und Iggy haben sich zwei Stühle an die andere Seite herangeholt und Patricia hat sich im Bett aufgesetzt, die Bettdecke noch immer bis zur Hüfte gezogen.
„Müsst ihr nicht zur Schule?“, rutscht es mir raus, ehe ich es verhindern kann.
„Dürfen wir unsere Mutter jetzt nicht mal mehr im Krankenhaus besuchen, oder was?“, kommt es von Iggy schnippisch zurück und sowohl Patricia als auch ich schauen ihn überrascht an.
Patricia will grade etwas sagen, als Alex als Erster das Wort ergreift.
„Schon gut. Dad hat gesagt, er schreibt uns eine Entschuldigung, wenn wir ein oder zwei Tage lieber bei Mom verbringen wollen. Wir haben beide heute allerdings eh die ersten beiden Blöcke frei… wir werden auch gleich wieder gehen, schauen dass Dad gut zuhause angekommen ist und dann zur Schule“, entschärft er die Situation.
„Es tut mir leid, Iggy. Ich wollte euch nicht angreifen oder so… Ich hab nur vorhin Máire und Aimée selbst zur Schule gebracht. Deshalb musste ich daran denken. Niemand will euch verbieten, eure Mutter zu besuchen! Ich am allerwenigsten! Ich spüre ja selbst, wie schwer diese Situation für meine Familie ist…“, erkläre ich meinem Neffen und kann nicht verhindern, dass meine Stimme zum Ende ziemlich belegt klingt.
Iggy ist noch immer sehr angespannt, doch als ich ihn nun anschaue, sehe ich, wie seine Gesichtszüge etwas weicher werden. Alex legt ihm eine Hand auf die Schulter und Patricia streckt eine Hand nach ihrem jüngeren Sohn aus. Er atmet einmal durch, ehe er sie ergreift und seine Mutter tapfer anlächelt.
„Ich weiß, dass das alles für euch sehr schwer ist! Glaubt mir, ich würde euch am liebsten immer um mich haben. Aber ich kann Denis verstehen und respektiere ihn und seine Entscheidung, mich nicht sehen zu wollen“, sagt sie mit weicher, aber auch sehr schwacher Stimme.
Ich denke zurück an vorhin, wie aufgelöst sie nach dem Wiedersehen mit Denis war und plötzlich überkommt mich eine Wut auf ihn! Was fällt ihm ein, Patricia so von sich zu stoßen! Ich atme tief durch, denn ich weiß ja, wie sehr er durch unser Handeln verletzt wurde. Aber trotzdem…
„Dich nicht sehen zu wollen? Das denkst du? Jeden Tag sehe ich, wie er alte Fotos von uns als Familie anschaut und nichts anderes um sich herum mitbekommt. Er vegetiert nur noch vor sich hin, schläft kaum und schleppt sich nur noch zur Arbeit. Würden Alex und ich nicht regelmäßig kochen, würde er wahrscheinlich noch nicht einmal mehr was essen!“, Iggy hört auf zu sprechen, als sein Bruder seine Schulter drückt.
„Fakt ist… Dad sehnt sich nach unserem alten Leben als Familie… genauso wie wir. Wir wissen, dass jetzt alles anders ist, aber wir sind noch immer eine Familie. Unser Haus fühlt sich nicht mehr wie ein Zuhause an, ohne dich. Ohne euch… Dad und dich… als Einheit!“, spricht nun Alex weiter und ich sehe, wie Patricia erneut die ersten Tränen über die Wangen laufen.
„Oh, ihr zwei…“, sagt sie und streckt ihre Arme nach beiden aus.
Sie stehen auf und umarmen ihre Mutter gemeinsam. Patricia drückt ihre Söhne fest an sich und küsst beide auf die Wange, ehe sie sich wieder von ihr lösen.
„I love you… so much! I really hope that we all can live together again! I really do… but right now there is another one who needs my care even more than you do… You are so strong! I am so proud of you! If your half sister is just half as strong as you are, she will be fine…“, spricht sie weiter, während ihr noch immer Tränen über die Wangen laufen.
Sie sucht blind nach meiner Hand, wendet ihren Blick nicht von ihren Söhnen ab. Ich ergreife sie und verschränke unsere Finger miteinander.
„We didn’t mean for all of this to happen. But the fact, that all of this did happen, doesn’t mean that I love you any less than before! Not you or your father… this feelings… Jimmy and I always had this special connection. Way before I ever met your father… I’d never decide against you, I hope you know that. I would never abandone my children… any of them. Do you understand me?“, sie spricht sehr eindringlich und ich spüre, wie sie immer stärker meine Hand drückt.
Gespannt beobachte ich meine Neffen. Man sieht ihnen an, dass sie an den Worten ihrer Mutter etwas zu knabbern haben, doch dann nicken beide schließlich und es folgt eine weitere Umarmung, für die Patricia meine Hand wieder loslässt. Lächelnd betrachte ich die Szene und bin erleichtert.
„Mögt ihr eure Schwester denn mal sehen?“, fragt Patricia schließlich lächelnd und wischt sich die Tränen aus den Augen, als sie auch diese Umarmung lösen.
„Aber klar doch. Zuerst trinkst du aber deinen Kaffee, nicht dass Onkel Jimmy den ganz umsonst aufgetrieben hat!“, antwortet Alex und als er mich anschließend breit angrinst, kann ich nicht anders, als erleichtert aufzulachen.
„Glaub mir, Junge, diese Aussprache ist es wert, dass der Kaffee kalt wird“, erwidere ich und das bringt nach einem kurzen Moment alle drei zum Lachen.

So machen wir uns zu viert auf den Weg zu Aislinn, nachdem Patricia ordentlich gefrühstückt hat. Sie macht einen viel besseren Eindruck als gestern. Vor allem aber tut es gut, sie so glücklich zu sehen. Auf der Neonatologie angekommen, werden wir zu unserer Tochter geführt und anschließend beobachten wir alle vier einige Minuten schweigend, wie sie schläft und dabei an all die lebensnotwenigen Geräte um sie herum angeschlossen ist.
„Wird sie es schaffen?“, bricht schließlich Iggy das Schweigen.
„Die Ärzte sind sehr zuversichtlich. Es ist hier nichts sonderlich besonderes, wenn ein Kind so früh auf die Welt kommt… Wir können nur hoffen, beten und den Ärzten vertrauen“, erklärt Patricia ihm und legt einen Arm um seine Schulter.
„Sie ist so unglaublich klein… und verletzlich“, flüstert Iggy und lehnt ihren Kopf an ihren.
„Habt ihr ihr denn schon einen Namen gegeben?“, fragt Alex, der mit einem warmen Lächeln auf seine Schwester schaut.
„Aislinn“, antworte ich ebenfalls lächelnd.
„Ist das Gälisch?“, fragt er.
„Ja. Es bedeutet Traum…“, erkläre ich ihm.
„Ich hoffe, sie träumt gerade etwas Schönes“, sagt Iggy leise und dem kann ich nur zustimmen.
„Entschuldigen Sie, Frau Kelly… Ihre Tochter ist soweit stabil. Wenn Sie möchten, können Sie gerne einen ersten Körperkontakt aufbauen… Sie natürlich auch, Herr Kelly“, spricht uns da eine Schwester an. Sofort sucht Patricia meinen Blick und ich nicke ihr aufmunternd zu.
„S-sehr gerne“, sagt sie leicht stockend und folgt anschließend der Schwester in den Raum mit dem Inkubator, in den wir bisher nur durch ein Fenstern hineingeschaut haben.
Ich bleibe mit den beiden Jungs draußen stehen. Selbst von hier aus kann ich sehen, wie sehr Patricias Hand zittert, als sie sie vorsichtig durch eine der Öffnungen im Inkubator schiebt. Erneut sucht sie meinen Blick und ich lächle sie beruhigend an. Dann spüre ich plötzlich eine Berührung an meinem Arm. Ich schaue zur Seite und sehe Iggy, der Halt sucht. Also lege ich meinen Arm um seine Schulter und gemeinsam beobachten wir, wie Patricia die Hand von Aislinn ergreift, ihre kleinen Finger sorgsam um ihren Zeigefinger legt und anschließend ihre zweite Hand auf den kleinen, kahlen Kopf legt. Mir wird ganz warm ums Herz und nun tritt Alex von der anderen Seite an mich heran und legt seinen Arm um mich. Patricia schaut zu uns und ich sehe das Glänzen in ihren Augen. Dann deutet sie mit dem Kopf auf den Inkubator. Ich räuspere mich und löse mich von meinen Neffen.
„Ich… ich werde auch mal reingehen“, sage ich zu ihnen.
„Ist okay. Wir warten hier und danach machen wir uns auf den Weg, okay?“, meint Alex und schaut beim letzten Wort zu seinem Bruder, welcher lächelnd nickt.
„Danke, Jungs… dass ihr hier wart… und dass ihr so viel Verständnis habt“, sage ich und lege jedem eine Hand auf die Schulter.
„Hey… letztendlich sind wir doch alle eine Familie… Und ich hab mir schon immer eine Schwester gewünscht. Nichts für Ungut, Brüderchen“, sagt Alex und grinst am Ende seinen Bruder an.
„Du wirst es nicht glauben, aber ich auch!“, entgegnet dieser einfach, statt zu protestieren.
„Aber jetzt ab, rein mit dir! Sonst denkt Aislinn noch, sie hat keinen Vater!“, sagt er anschließend und schiebt mich leicht zur Tür.
Ich lache leicht, doch innerlich trifft mich dieser Kommentar tief. Ich möchte für Aislinn da sein. Immer, jeden Tag. Ich will nicht, dass sie ohne mich als ihren Vater aufwächst! Aber ich weiß einfach nicht, wie das alles funktionieren soll… schließlich haben Patricia und ich jeder schon eine eigene Familie, die uns braucht! Ehe ich mal wieder zu sehr in diesen Gedanken versinken kann, reiße ich mich dieses Mal zusammen und betrete den Raum. Sofort vernehme ich ein monotones Brummen sowie ein regelmäßiges Piepen von den Maschinen im Raum. Ich trete an Patricia und den Inkubator heran.
„Go to the other side…“, meint sie und ich folge ihrer Anweisung.
Zögernd strecke ich meine Hände durch zwei weitere Öffnungen und halte anschließend inne, bis Patricia schließlich meine rechte Hand ergreift und an den Kopf unserer Tochter legt. Er ist ganz warm und die Haut fühlt sich extrem dünn an. Im Vergleich zu meiner Hand ist ihr Kopf winzig. Sanft streiche ich über die noch kahle Kopfhaut. Dann nimmt Patricia meine zweite Hand und legt sie ganz vorsichtig an eine freie Stelle auf dem Bauch unseres Babys.
„Can you feel it?“, fragt sie lächelnd und nach einem Moment, weiß ich, was sie meint.
Ich spüre ihren Herzschlag. Ganz ruhig und gleichmäßig. Ich hebe meinen Blick und halte den von Tricia gefangen. Wir lächeln einander stumm an und wissen beide, dass wir dieses kleine menschliche Wesen unter unseren Händen für immer und mit all unseren Herzen lieben werden!
Review schreiben