Grown up - Roadtrip

von Tell
GeschichteAllgemein / P12
Lex Slade
21.02.2019
17.11.2019
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Das Meer. Es war so weit und endlos! Wie hatte er das nur vergessen können. Jahrelang hatte er es jeden Tag sehen können, wie es sich blau, grau, weiß von Gischt oder grün bis zum Horizont ausbreitete. Er hatte seine salzige Luft in die Lungen gesogen und sich über den Sand geärgert, den der Wind überall in seiner Kleidung und seinen Haaren hinterließ. Der Anblick hatte ihn immer getröstet, auf diese seltsame, unerklärliche Art. Er hatte versucht, denselben Trost im Anblick von staubigen Straßen, von grünen Hügeln und sprödem Buschland zu verspüren, aber es war einfach nicht dasselbe. Das einzige, was dem annähernd nahe kam, war der Blick in das Gesicht seiner schlafenden Kinder.

Er runzelte die Stirn. Irgendwo jenseits des Ozeans warteten sie, die Probleme und Sorgen, der Ärger und die Streitereien, kurz: die Mallrats. Eine Zeitlang hatte er versucht, vor ihnen davonzulaufen, aber trotzdem hatten sich ihre Wege immer irgendwie gekreuzt, selbst wenn sie es gar nicht mitbekommen hatten. Deshalb hatte er es aufgegeben: Wenn sie da waren, dann waren sie eben da. Aber dass er sich noch einmal auf den Weg zu ihnen machen würde, darauf hätte er nicht einen Pfifferling gewettet. Und jetzt würde er nicht nur zu den Mallrats fahren, sondern sogar noch ein Stück weiter: zurück in die Stadt, die sie vor sechzehn Jahren auf diesem lächerlichen kleinen Boot verlassen hatten, um ausgerechnet nach einem zu suchen, den er am liebsten aus seiner Erinnerung gestrichen hätte. Kein Typ hatte mehr Schaden in seinem Leben angerichtet, denn er hatte ihn sein Zuhause gekostet und ihm Jahre an der Seite jener Frau gestohlen, der von jeher sein Herz gehört hatte. An letzterem trug er vielleicht ein winzig kleines Stück Mitschuld, aber der andere, der war der Auslöser gewesen. Und ausgerechnet dem sollte er jetzt den Arsch retten. Ironie des Schicksals, ganz eindeutig.

Die Möwen kreisten über den Wellen und schrien, als bekämen sie es bezahlt. Es würde ihn nicht wundern, wenn sie sich im nächsten Moment darauf einigen würden, wie eine Wolke auf ihn zuzufliegen und ihn mit ihren harten Schnäbeln blutig zu hacken; immerhin stand er gerade am Ufer eines Meeres, und das hatte ihm eigentlich nie Glück gebracht. Er erinnerte sich an einen Haufen Schmerz, Demütigung und Niederlagen, die er an Stränden oder Ufern hatte hinnehmen müssen. Man hatte ihn geschlagen, gefangen genommen, verschleppt – und er hatte es überstanden. Er hatte einen Platz in der Welt gefunden, wo er hingehörte, einen Ort, an dem er ein gutes Leben führte, wo er geachtet und geschätzt und geliebt wurde. Wenn er sich jetzt umdrehte, konnte er in wenigen Wochen zurück sein; in Tagen, wenn er ein frisches Pferd fand, oder in Stunden, wenn es ihm gelang, eines dieser motorisierten Dinger in die Finger zu bekommen, und dann eine einigermaßen passierbare Route fand. Zeit. Er schnitt eine Grimasse. Zeit war ein ziemliches Miststück. Vor dem Virus hatte sie kaum gezählt, weil er jung gewesen war und weil Entfernungen kaum eine Rolle spielten. Alles war da – man musste keine Zeit verschwenden, um es zu suchen oder herzustellen, man kaufte oder klaute es einfach. Jetzt stand die Zeit da wie der mieseste Türsteher vor der geilsten Bar und sah auf ihn mit diesem besonderen Grinsen auf der Fresse herab. Das hier war doch nicht mehr sein Leben! Die Mall, die Stadt, die Technos, das lag doch alles hinter ihm! Bei genauerer Betrachtung lagen die Technos sogar gar nicht mal so weit hinter ihm; er musste ja nur ein paar Schritte rückwärts gehen, um auf ihren Kai zu klettern.

„Hey, Tagträumer!“ Die Stimme der Rothaarigen riss ihn aus seinen Gedanken, und verärgert verzog er das Gesicht. Er konnte sich nicht genau daran erinnern, aber bestimmt hatte er schon bei seiner ersten Begegnung mit ihr und ihren grässlichen Brüdern gewusst, dass die Kleine Ärger bedeutete. Die Zeit zwischen ihrer letzten Begegnung und dem heutigen Tag hatte nichts daran geändert. Konnte sie ihm nicht einfach ein paar Momente gönnen, um seine Gedanken zu ordnen?

„Was?“, brüllte er ungeduldig zurück. Natürlich wusste er, was sie wollte: Es war an der Zeit, an Bord des kleinen Schiffes zu gehen und auf eine Reise zu gehen, die er nie hatte machen wollen. Aber sie sollte sich bloß nicht einbilden, dass er wie ein treuer Hund bei jedem Pfiff kam, nur weil er sich auf diesen Blödsinn einließ. Er war sein eigener Herr, immer gewesen, und er würde jetzt sicher nicht damit anfangen, sich von irgendeinem Hühnchen herumkommandieren zu lassen.

„Der Käpt'n sagt, wenn du deinen Arsch nicht langsam an Bord schaffst, lichten wir ohne dich den Anker“, rief die Rothaarige.

Er schnaubte. Da. Es fing schon an. Kaum reichte man jemandem den kleinen Finger, zerrte er einem am Arm, bis der aus dem Schultergelenk sprang. „Waren das ihre genauen Worte?“, erkundigte er sich verstimmt.

„Nee.“ Sie schüttetelte den Kopf. „Aber wenn ich ihre genauen Worte nutze, glaubst du noch, ich wäre scharf auf dich, alter Mann.“

Er lachte humorlos auf. „Na, davon träumst du“, brummte er. „Ich bin ein glücklich verheirateter Mann.“ Zumindest, korrigierte er sich niedergeschlagen in Gedanken, war er das bisher gewesen.

„Hat dich das je gestört?“ Sie klatschte auffordernd in ihre Hände. „Und jetzt komm endlich in die Hufe. Im Gegensatz zu dir möchte ich dieses Schiff kriegen!“ Ohne auf seine Antwort zu warten, drehte sie sich um und ging.

Er rümpfte die Nase. Das Gör brachte es fertig und ließ ihn tatsächlich hier zurück! Er wandte den Kopf und warf einen letzten wehmütigen Blick hinaus aufs Meer. In den nächsten Tagen würde er davon vermutlich so viel zu sehen bekommen, dass es wieder für eine Weile reichen und er zuhause von der Erinnerung zehren konnte. Falls er überhaupt wieder nach Hause fand.

Verärgert ballte er die Fäuste. Sein Leben war wirklich in Ordnung gewesen, ehe Jay alles durcheinander gebracht hatte! Nach all den Jahren der Kompromisse und des Durchhaltens hatte er endlich seinen Platz gefunden, und nun stand er plötzlich hier, Meilen weit entfernt von allen, die er liebte, und bereitete sich darauf vor, Teil der dümmsten Mission seit ihrer Fahrt zum Eagle Mountain zu werden. Er war zu alt für diesen Scheiß!

Jemand rief seinen Namen, und er entschied, dass er seine Begleiter nun lange genug hatte warten lassen. „Abgang“, murmelte er zu sich selbst, riss sich vom Anblick des Meeres los und machte sich auf den Weg zum Anleger. Und bei jedem Schritt stellte er sich dieselbe Frage: Was war nur passiert, dass er jetzt hier war?
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