Im grünen Meer versunken, in der Dunkelheit verschmäht

von MRo
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18 Slash
20.02.2019
17.05.2019
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Verloren?


Langsam, beinahe mit den Füßen schleifend schritt Achill zurück, setzte sich, ohne zu antworten, ohne irgendwen anzuschauen, Blerim mit Mühe verdrängend. Vergebliche Mühe.
Denn auch wenn er den Jungen nicht sah, nicht hörte, spannte sich dennoch sein Körper an, spürte mit jeder einzelnen Zelle, wie die Blicke ihn zu durchbohren schienen, wie sie versuchten ihn zu verstehen, versuchten; und es gelang ihnen dennoch nicht.
Dunkel war Achills Blick, leer, verloren? War er es bereits? Fraglich. Denn es schien, als spüre er noch immer einen kleinen Hoffnungsschimmer, seitdem er die Blicke von Blerim spürte, als interessiere er sich für den stillen, verlorenen Jungen.
Lediglich schloss Achill seine Augen fest zu, wollte nicht länger hoffen, wollte vergessen, nicht mehr spüren müssen, nicht mehr diese lauten Schreie, die ihn immer weiter verschmähten, sobald er alleine war, sobald der Mond am höchsten Punkt schien, hören müssen.
Fest krallten sich Achills Hände in seine Haare, krallten sich in ihnen, zogen an ihnen, als könne er so die Schreie vertreiben.
Vergeblich.
Es schien, als würden sie so nur lauter werden, lauter, mächtiger, wissender, dass der schwarzhaarige Junge allmählich, Stück für Stück zerbrach. Zerbrach, wie eine Porzellanvase. Zerbrach, wie eine Fensterscheibe. Zerbrach sein Herz in tausend Stücke, unwiderruflich, nicht reparabel. Nimmer.
Eventuell – es ist sogar sehr wahrscheinlich – kann Achill einzelne Stücke wieder zusammenkleben, doch werden immer die Risse, die Narben erkennbar sein, Lücken, die nimmer gefüllt werden, abgedeckt werden können. Immer werden sie sichtbar bleiben.
Eines kann er versuchen. Dieses unwiderrufliche Zerstören seines Ichs, seines Herzens, seines Lebens verhindern, vermeiden, so gut wie es eben ging.
Und das bedeutete, dass er fort musste, nicht länger durfte er Blerims Nähe spüren, wissen.
Zerbrechen würde er gewiss daran. Das war ihm Bewusst.
Irgendwann war der Unterricht vergangen, bemerkte kaum, wie seine Mitschüler aufgestanden waren, bereits das Zimmer verließen.
Fort! Fort musste er nun. Unwiderruflich.
Egal wohin. Eines war wichtig: Fort! Fort musste er.
So ging er, ignorierte die Rufe seines besten Freundes, ignorierte, wie dieser ihm hinterherlief, ignorierte, wie er ihn noch zu fassen bekam, riss sich los, schritt stets weiter.
Nicht sprechen, nicht denken, nicht hören, nicht riechen, nicht schmecken, wie die Luft sich versüßte, als der leise Geruch in seine Nase stieß. Nicht fühlen, reagieren, als die sanfte Hand das letzte Mal seinen Hals entlang streifte, als Achill sich schweigend losgerissen hatte.
Doch er sprach, doch er dachte, doch er hörte, doch er roch, doch er schmeckte, doch er fühlte, reagierte.
Er sprach, wenn es auch eher leise war, kaum vernehmbar.
Entschuldigt hatte sich Achill! Entschuldigt, obwohl Blerim der Grund war, warum der Schwarzhaarige sich abwenden musste, warum er allmählich immer mehr zerbrach, immer mehr sich selbst verlor.
Verloren war er!
Verloren wegen der unerwiderten Liebe!

Vollkommen hatte er sich abgewandt, ließ niemanden mehr an sich heran, ignorierte, ignorierte, um nicht länger fühlen zu müssen. Dass er dennoch fühlte, dass er dennoch den Prozess des Zerbrechens nicht besiegt hatte, ignorierte Achill ebenfalls.
Eingeschlossen hatte er sich in sein Zimmer, schrie seine Mutter, seinen großen Bruder an, sobald sie ihn ansprachen, sobald sie ihn baten, hinauszugehen, mit ihnen zu sprechen, sobald sie ihn versuchten zu zwingen, zur Schule zu gehen.
Irgendwann schrien sie alle. Alle außer der große Bruder, der überlegte, der allmählich immer mehr verstand.

Es klopfte. Drei Mal. Zaghaft, beinahe bittend, beinahe verzweifelt.
Noch immer ignorierte Achill, noch immer sprach er nicht; zu groß war die Angst, wie sich seine Stimme anhören mochte. Rau. Dunkel. Verloren?
Wieder klopfte es. Wieder drei Mal. Bittend. Flehend.
»Achill, lass mich bitte hinein!«, so sehr sich das Klopfen des großen Bruders von Achill verzweifelt anhörte, umso mehr erklang die Stimme danach.
Achill seufzte liegend im Bett und drehte sich auf den Rücken, schloss die Augen und überlegte.
Könnte er mit ihm sprechen? Würde er ihm zuhören können und verstehen?
»Achill, bitte!«, so erneut der große Bruder.
Sanft schüttelte der Schwarzhaarige den Kopf, betete, sein Bruder würde schon bald gehen, aufgeben, wie sie es alle bereits getan haben.
Ein Monat war er nun bereits abgeschottet gewesen. Nicht einmal ein Monat hatte es gedauert und sie alle hatten ihn aufgegeben, gesagt, er würde nur die Zeit benötigen, er würde wieder von alleine hinauskommen.
Sie alle hatten aufgegeben, bis auf der große Bruder.
»Ich wollte das eigentlich mit dir persönlich besprechen, aber du möchtest es ja nicht anders!«, allmählich wurde Achills Bruder wütend, ungeduldig.
Leise seufzte Achill, drehte sich nun auf den Bauch, erstickte den leisen Schrei in sein Kissen.
Das ignorieren fiel ihm immer schwerer, so tat es ihm weh, seinen Bruder immer und immer wieder abwimmeln zu müssen, indem er schwieg, indem er still dalag, hoffend, dass auch er irgendwann aufgeben würde.
»Okay … Du liebst ihn! So! Ich weiß es, hörst du? Jetzt lass mich bitte hinein«, leise, sodass nur Achill die Worte durch die Tür hindurch vernehmen konnte, sprach Achills Bruder.
Augenblicklich hielt der Schwarzhaarige die Luft an, sein Herz schien unentwegt schnell, viel zu schnell, schlagen zu wollen, spürte beinahe, wie das Blut durch seine Adern gepumpt wurde, wie es floss, immer schneller floss, weil das Herz keinesfalls langsamer schlagen wollte, schlagen konnte.
Es war still. Viel zu still. Und doch war sich Achill gewiss, dass sein Bruder noch immer vor der Tür stand, wartete, wartete, weil er sich sicher war, dass sein kleiner Bruder nun bald die Tür öffnen würde, dass er reden müsste, nun reden wollte.
Schließlich stand Achill auf, langsam schritt er zur Tür, atmete ein Mal tief ein und aus, zwang sich zur Ruhe, öffnete die Tür und blickte in zwei verständnisvolle Augen.
Diese Augen waren es schließlich, die Achill halfen, die ihn unterstützten gegen den scheinbar unbesiegbaren Kampf, schien ihn zu retten vor dem tiefen Fall, dem er so nahe gewesen war, nahe gewesen war bis zu dem Augenblick, als ihre Blicke sich trafen.
Diese Augen hatten Achill davor gerettet, sich selbst auf ewig und unwiderruflich zu verlieren.
Er atmete ein und aus, schloss seine Augen und ein zaghaftes Lächeln wuchs in seinem Gesicht.
Als er seine Augen wieder öffnete, erkannte man die wiederbelebte Hoffnung, erkannte man, dass er nun gewiss nicht mehr verlieren konnte.
Er war nicht länger verloren!

~~


Wie gefällt euch bis jetzt meine Geschichte? Ist sie schlüssig? Könnt ihr euch in die Charaktere hineinversetzen?

Falls ihr Anmerkungen habt, schwerwiegende Fehler (Grammatik, Logikfehler) findet, könnt ihr mich ruhig darauf hinweisen.

Lob und Kritik höre ich gerne!
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