Uns Gehört Die Nacht

von Stormlamp
GeschichteDrama, Familie / P12
Christoph Saalfeld Eva Saalfeld Robert Saalfeld
20.02.2019
12.06.2019
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Robert hat Eva immer noch nicht erreicht.
Sein Termin mit dem Scheich ist mittlerweile beendet, und immer wieder hat er versucht, sie anzurufen, aber er hat kein Glück gehabt. Je mehr Zeit vergeht, desto nervöser wird er. Alfons hat ihm versprochen, ihn sofort anzurufen, falls er etwas herausfinden sollte, aber der hat sich auch noch nicht gemeldet.
Als er bemerkt, dass er den wichtigsten Umschlag aus seiner Post doch unten liegen gelassen hat, macht er sich noch einmal auf den Weg zu Alfons. Dieser hält seinen Empfangstresen für gewöhnlich sehr ordentlich, aber Roberts Post findet er nicht sofort, also muss er warten.
Hinter ihm beginnt sich langsam sie große Eingangstür zu drehen und er schaut über seine Schulter nach hinten, um zu sehen, wer kommt. Er wirbelt herum, als er Christoph erblickt, der eine bewusstlose Eva in den Armen hält.
Die Post ist vergessen und schnell wie der Blitz ist Robert bei Eva. Ihr Gesicht wirkt entspannt, auch wenn die Schrammen darauf diesen Eindruck ziemlich dämpfen.
„Was ist passiert?“, wendet er sich an Christoph, dessen Gesichtsausdruck so offen ist, wie er ihn selten zuvor gesehen hat.
„Sie hatte einen Unfall in Bichlheim“, erklärt er. „Ein Mädchen ist vor ein Auto gerannt, und sie ist davor gesprungen. Ein paar Frauen aus dem Gefolge des Scheichs haben sie gefunden.“
„Warum hat mich niemand angerufen?“
Zwar stellt die Sorge um Eva gerade alles andere in den Schatten, aber Robert entgeht trotzdem nicht, wie still Christoph dort steht und wie mühelos er sie hält. Robert würde sie ihm zu gerne abnehmen, aber seine Arme zittern gerade, und er ist sich nicht sicher, ob er sie nicht vielleicht fallen lassen würde.
„Die Frau hat mich angerufen, da sie davon ausgegangen ist, dass Eva meine Frau ist“, sagt Christoph. „Ich bin sofort losgefahren und habe überhaupt nicht daran gedacht, Sie zu benachrichtigen. Und dann wurde mir das Auto gestohlen.“
Robert winkt ab. „Ist jetzt auch egal. Können Sie sie nach oben bringen?“
„Natürlich.“
Christoph trägt Eva an Alfons vorbei auf den Aufzug zu. Ihr Onkel schaut zwar, als würde er etwas fragen wollen, aber Robert ruft „Später!“ und eilt Christoph hinterher.
Im Aufzug wird Eva wach. Sie sieht sich um, entdeckt zuerst Christoph, bevor ihr Blick auf Robert fällt. Verwirrt zieht sie die Augenbrauen zusammen.
„Wo bin ich?“, fragt sie mit schwacher Stimme.
„Im Aufzug nach oben, Schatz“, erwidert Robert sanft und streicht ihr vorsichtig eine Haarsträhne aus dem Gesicht, ohne dabei eine ihrer Schrammen zu berühren.
Es kommt ihm falsch, so falsch vor, diesen Moment mit Christoph teilen zu müssen. Wäre er doch bloß weit weg! Gerade jetzt wäre er am liebsten mit Eva alleine, würde sichergehen, dass es seiner Frau gut geht und geduldig darauf warten, dass sie ihm erzählen kann, was genau eigentlich passiert ist. Aber nein, Christoph steht dort, hält sie sicher in seinen Armen und hört jedes Wort, dass Robert zu Eva sagt.
Sie kommen oben an, und Robert geht voraus, um die Wohnungstür zu öffnen. Joshua ist nicht mehr da, aber Valentina sitzt am Tisch und macht ihre Hausaufgaben. Mit großen Augen schaut sie nun zu, wie Christoph geschickt mit Eva durch die Tür schlüpft und sie dann sanft auf dem Sofa ablegt. Robert entgeht der sanfte Ausdruck auf dem Gesicht seines Nicht-Cousins nicht, aber wenigstens hat er den Anstand, zu verschwinden, und Eva mit ihrer Familie alleine zu lassen. Natürlich nicht, ohne ihr ein letztes Lächeln zuzuwerfen.
Valentina springt vom Tisch auf und kniet sich neben dem Sofa auf den Boden. „Mama, was ist passiert?“
Robert nimmt bei ihren Beinen Platz, und Eva erzählt langsam von Anfang an, was passiert ist. Als sie beschreibt, wie fürsorglich Christoph gewesen ist, verzieht Robert unwillkürlich das Gesicht, aber er unterbricht sie nicht.
„Das Schmerzmittel macht furchtbar müde, aber mir tut zumindest gerade nichts weh“, beendet sie ihren Bericht.
„Du solltest dich trotzdem ins Bett legen“, sagt Robert. „Und zwar in deins. Hier.“
Eva und Valentina sehen ihn beide mit einem ähnlich überraschten Ausdruck an.
„Wenn ich nicht langsam anfange, dir wieder zu vertrauen, wird das niemals etwas“, erklärt er. „Und ich vermisse dich.“
Das Gesicht seiner Frau leuchtet in einem Lächeln auf, und Valentina springt sofort auf.
„Ich gehe zu den Sonnbichlers und hole Mamas Sachen“, verkündet sie und ist auch schon weg, bevor noch irgendjemand etwas sagen kann.
Eva greift nach Roberts Hand und drückt sie. „Danke.“


„Der strahlende Ritter, hm?“ Annabelle betrachtet ihn mit einem spöttischen Lächeln.
„Ich glaube, Robert wird sich noch ewig ärgern, dass ich sofort bei ihr war, und nicht er“, sagt er.
„Und du hast ihm einfach das Feld überlassen?“
Christoph setzt sich auf die Ecke des Schreibtischs. „Was hätte ich denn tun sollen? Im Sessel sitzend dem Familienidyll zusehen?“
„Familienidyll?“, fragt Annabelle. „Das heißt, er holt sie zurück in die Wohnung?“
„Der Tasche nach zu urteilen, die Valentina eben durch die Lobby geschleppt hat, ja.“
Da ist wieder dieses Lächeln, das verrät, dass seiner Tochter wieder allerhand Ideen im Kopf herumgeistern. „Das heißt, mehr ‚zufällige‘ Begegnungen?“
„Das hoffe ich doch“, erwidert Christoph. „Aber abgesehen davon haben wir auch noch eine Weile, bis der Scheich wieder abreist.“
„Apropos Scheich“, greift Annabelle das Thema auf. „Ich könnte da vielleicht etwas arrangieren.“
„Was denn?“
„Ich habe am Rande mitbekommen, dass eine der Frauen aus dem Gefolge des Scheichs ein großer Fan von deutschem Kino ist“, erklärt sie. „Da habe ich gedacht, dass du und deine Frau mit ihr und allen, die mitgehen möchten, in eine Privatvorstellung gehen könnten. Natürlich mit Untertiteln für die anderen, die Frau kann aber Deutsch.“
Christoph runzelt die Stirn. „Wie viele der Frauen können Deutsch?“
„Nur eine, warum?“
„Weil genau diese Frau Eva gefunden und mich angerufen hat.“
Annabelle versteht sofort, worauf er hinaus will. „Perfekt! Dann wird die Kinoeinladung ein Dankeschön an sie. Das wirst du zwar aus eigener Tasche zahlen müssen, aber ich nehme an, das macht dir nichts aus, oder?“
„In diesem Fall natürlich nicht.“


Eva schläft so gut wie lange nicht mehr, sogar noch besser, als in der Nacht zuvor. Sie kann gar nicht mit Sicherheit sagen, woran das liegt: Vielleicht, weil sie furchtbar erschöpft von dem Unfall und dem Heimweg vom Krankenhaus ist. Vielleicht, weil Robert sie endlich wieder in seine Nähe lässt. Vielleicht, weil sie wieder zu Hause ist; da, wo sie hingehört. Vielleicht, weil Robert neben ihr liegt.
Als sie aufwacht, sitzt Robert vollständig angezogen am Fußende des Bettes.
„Guten Morgen, Amore“, sagt er.
„Morgen, Schatz“, erwidert sie.
Er steht auf und geht um das Bett herum, um sie sanft auf die Stirn zu küssen. „Du bist sicher krankgeschrieben, oder?“
Ist sie das? Sie braucht einen Moment, bis ihr wieder einfällt, dass sie dem Arzt, der sie sehr wohl krankschreiben wollte, heftig widersprochen hat, bis er es schließlich genervt aufgegeben hat.
„Nein, bin ich nicht“, gibt sie zu.
Robert wirkt überhaupt nicht erstaunt. „Wie gut, dass ich mitgedacht habe. Ich habe dir eine Vertretung fürs Restaurant organisiert und einen Termin für eine Massage gemacht. Okay, ich muss zugeben, eine Massage ist bei Prellungen vielleicht nicht die beste Idee, aber Herr Lindbergh wird schon vorsichtig sein.“
„Du bist süß“, sagt sie lächelnd. „Danke dir.“
Kurze Zeit später verlässt Robert die Wohnung, um in die Küche zu gehen. Zum ersten Mal seit einiger Zeit frühstückt Eva wieder mit Valentina zusammen. Dabei bringen sich die beiden auf den neuesten Stand, und Valentina vergisst ein wenig die Zeit, sodass sie sich beeilen muss, obwohl sie einmal pünktlich aufgestanden ist.
„Mach ja keinen Blödsinn!“, ruft sie, bevor sie geht.
„Ich hoffe, du wirst auf deine Tochter hören“, sagt Christoph und sie zuckt zusammen, da sie ihn gar nicht gehört hat.
„Ich werde es versuchen“, antwortet Eva.
Er umrundet den Tisch, bis er ihr gegenüber steht. „Wie geht es dir?“
„Gut, danke.“ Sie trinkt ihren Orangensaft aus und schenkt sich Wasser ein, um die Schmerztablette zu nehmen, die man ihr im Krankenhaus mitgegeben hat. „Die Prellungen werden noch für ein paar Tage schmerzen, aber damit muss ich leben.“
Er nickt und lächelt wieder einmal dieses für sie reservierte, sanfte Lächeln. „Du kannst gerne jederzeit zu mir kommen, wenn ich dir irgendwie helfen kann.“
„Danke.“
Sie kann sich noch vage daran erinnern, wie sie im Auto halbwegs an ihn geklammert geschlafen hat, und sie muss zugeben, dass nicht nur die Medikamente der Grund dafür gewesen sind, dass sie keine Hemmungen gehabt hat, ihn so zu berühren. Es hat sich einfach gut angefühlt. Und sie ist froh, dass sie diesen Teil in ihrem Bericht für Robert und Valentina ausgelassen hat.
Er wünscht ihr einen schönen Tag und geht. Da er nichts vom Scheich gesagt hat, geht Eva davon aus, dass sie heute mal nicht seine Frau spielen muss. Umso besser. Sie wird einfach die Massage genießen und sich nachher mit einem guten Buch aufs Sofa oder ins Bett legen.
Paul Lindbergh gibt sich große Mühe, keine ihrer Prellungen zu berühren. Sie hat ihm gezeigt, wo sie sind, und er hat sich jede einzelne gemerkt. Das Auto hat größtenteils ihre linke Seite erwischt, und davon haben Arm und Bein das meiste abbekommen.
Die Massage tut wirklich gut. Da hat Robert eine hervorragende Idee gehabt, auf die Eva wahrscheinlich gar nicht von selbst gekommen wäre. Sie nimmt sich vor, sich später noch einmal bei ihm zu bedanken.
„Frau Saalfeld!“, ruft jemand mit starkem Akzent, als sie sich auf den Weg zurück nach oben macht.
Sie dreht sich herum und entdeckt eine der Frauen, die sie ins Krankenhaus begleitet haben.
„Wie geht es Ihnen?“, fragt die Frau.
„Schon viel besser, dankeschön“, erwidert Eva.
Diese Frau ist die einzige im Gefolge des Scheichs, die kein Kopftuch trägt. Soweit Eva das mitbekommen hat, hat sie eine Weile in Deutschland gelebt und einen kleinen Teil der Kultur für sich übernommen.
„Verzeihen Sie mir, wenn das etwas plötzlich kommt“, sagt sie, „aber darf ich sie auf einen Kaffee einladen, Frau Saalfeld? Ich hatte bis jetzt noch nicht die Gelegenheit, mich mit Ihnen persönlich zu unterhalten.“




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Darf ich vorstellen? Das ist Shaahida, einer der wenigen Charaktere in dieser Geschichte, die tatsächlich meiner Fantasie entsprungen sind. Shaahida kann herrlich schamlos sein, also freut euch auf das nächste Kapitel... ;)
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