Uns Gehört Die Nacht

von Stormlamp
GeschichteDrama, Familie / P16
Christoph Saalfeld Eva Saalfeld Robert Saalfeld
20.02.2019
16.10.2019
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Eva schafft es tatsächlich, Christoph so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen. Mittlerweile hat er aufgehört zu zählen, wie oft sie sich schon abrupt herumgedreht hat und in die andere Richtung gelaufen ist, wenn sie ihn gesehen hat. Sie sieht ihm auch nicht mehr in die Augen. Wenn er ins Restaurant kommt und sie unwillkürlich aufsieht, schaut sie sofort zu Boden. Dann schickt sie irgendeine Kellnerin und reagiert auch nicht darauf, wenn er ausdrücklich nach ihr verlangt.
„Du hast dich wirklich in sie verliebt, oder?“, fragt Annabelle, als sie zusammen zu Abend essen und sie bemerkt, wie der Blick ihres Vaters immer wieder zur Restaurantleiterin schweift. Sie ist eine der wenigen, die weiß, was zwischen Christoph und Eva passiert ist. Robert Saalfeld hat sich sehr darum bemüht, die Sache so diskret wie möglich zu erledigen, und Christoph hätte nicht erwartet, dass sie es wirklich so geheim halten können.
„Ist das so offensichtlich?“
Sie nickt mit einem mitleidigen Lächeln. „Wenn du nicht aufpasst, weiß es bald jeder.“
Er dreht seinen Stuhl ein wenig, sodass er nicht mehr zu Eva herüberschauen kann, ohne sich den Nacken zu verrenken. Wie gut, dass er sich an die Seite gesetzt hat und nicht mit dem Gesicht frontal zu ihr.
Robert betritt den Raum. Er wirft Christoph einen prüfenden Blick zu, als er an seinem Tisch vorbeiläuft und zu Eva geht. Christoph kann sie leise reden hören, und dann lacht Eva. Wie schön das klingt… Er würde sie gerne viel öfter lachen hören. Bloß wäre er auch gerne der Grund dafür.
Annabelle räuspert sich, um seine Aufmerksamkeit von der Unterhaltung hinter ihnen wieder auf sie zu lenken. Ihr Augenverdrehen verrät ihm, was sie denkt. Er zuckt bloß hilflos die Schultern und bemüht sich, das Lächeln von seinen Lippen zu zwingen. Seine Tochter liegt richtig: Wenn er sich nicht zusammenreißt, weiß bald ganz Bichelheim, was Sache ist.
Robert verlässt das Restaurant wieder, und es dauert nicht lange, bis Eva ihm folgt. Nun kann er sie sehen, ohne sich herumdrehen zu müssen, also verfolgt er mit den Augen, wie sie schnellen Schrittes zur Tür geht. Sie strahlt über das ganze Gesicht; das kann er sehen, auch wenn sie offenbar versucht, ein breites Lächeln zu unterdrücken. Also läuft es wieder bilderbuchhaft zwischen ihrem Mann und ihr. Na wunderbar.
Schweigend beenden Vater und Tochter ihr Essen. Christoph sieht kaum auf, als Annabelle ihn auf die Wange küsst und ihm eine gute Nacht wünscht. So bekommt er auch das Grinsen auf ihrem Gesicht nicht mit, das verrät, dass sie etwas im Schilde führt.


Sie kann sich nicht daran erinnern, wann Robert das letzte Mal mit ihr getanzt hat. Auch dieses Mal hat er das eigentlich nicht geplant, aber irgendwie hat es sich so ergeben, dass sie nach seinem kleinen Überraschungsabendessen in Socken getanzt haben. Zu ihrem Lied, When You Say Nothing At All.
Jetzt liegen sie halb verknotet aber tiefenentspannt in ihrem Bett, und Robert betrachtet mit einem trägen Lächeln ihre verstreuten Kleider auf dem Boden. Im Moment läuft es erschreckend gut zwischen ihnen beiden, und Eva fragt sich, ob das nicht vielleicht nur die Ruhe vor dem Sturm ist. Die Ruhe vor welchem Sturm? Was soll noch groß passieren, jetzt, da alles geklärt ist?
Sie fädelt ihre Finger zwischen Roberts und zieht seine Hand an ihre Brust. Anscheinend hat er seinen Ehering polieren lassen, fällt ihr auf. Er setzt gerade dazu an, etwas zu sagen, als sein Handy auf dem Nachttisch einen Ton von sich gibt. Also lässt er ihre Hand los, brummt missmutig und greift nach dem Gerät.
„Nein“, sagt sie gedehnt. „Schau nicht nach.“
Zu spät. Robert hält schon das Handy in der Hand, tippt seinen Code ein und runzelt dann die Stirn, als er die Nachricht liest. „Von Gianni.“
Eva setzt sich auf und lehnt sich an ihn, um über seine Schulter zu schauen, aber er hat sich so gedreht, dass sie nichts sehen kann. „Was schreibt er?“
Zuerst antwortet er nicht. Sie streicht über seinen Arm, um ihn daran zu erinnern, dass sie noch da ist, und schließlich legt er sein Handy zur Seite. Langsam sinkt er zurück in die Kissen, sodass er wieder neben ihr liegt. „Er braucht meine Hilfe. Tiziana und er hatten einen Streit, also hat Tiziana den Kleinen eingepackt und ist mit ihm nach Griechenland abgehauen. Ich soll auf sein Restaurant aufpassen, während er sie zurückholt.“
Alarmiert sieht sie ihren Mann an. „Kann das nicht jemand anderes machen?“
„Das habe ich gerade eben gefragt“, erwidert er. „Aber ich fürchte, er wird sich nicht davon abbringen lassen. Aber sieh es positiv: Wir können für eine Weile nach Verona fahren.“
„Wir?“
„Valentina, du und ich, wer denn sonst?“
Sie lächelt. „Das ist eine schöne Idee, aber Valentina muss in die Schule. Und ich kann hier auch nicht weg.“
Er gibt ein enttäuschendes Brummen von sich, das er in ihrem Haar erstickt. „Daran habe ich gar nicht gedacht.“
Sein Handy gibt erneut den Ton von sich, der eine neue Nachricht ankündigt. Robert entsperrt das Telefon, seine Augen huschen über die Zeilen und er nickt, denn offensichtlich bestätigen Giannis Worte das, was er bereits gewusst hat. „Er will mich. Niemanden sonst.“
Schwer fällt sein Kopf in das weiche Kissen und er seufzt tief. Evas Hand wandert über seinen Bauch, bis seine Finger ihre geschickt einfangen.
„Dann bleibt dir wohl nichts anderes übrig, als nach Verona zu fahren.“
„Ich will aber nicht, nicht jetzt!“
Eva muss über seinen kindisch quengelnden Tonfall kichern, und auch er beginnt zu lachen.


„Wirklich?“ Christoph hat eigentlich gar nicht richtig zugehört, aber die letzten Worte von Annabelle lassen ihn aufhorchen.
„Ja, wirklich“, erwidert sie. „Robert Saalfeld fährt nach Verona, und zwar ohne seine Frau. Du hast also freie Bahn für eine Weile.“
„Ich weiß nicht...“ Er bricht ab und klingt unschlüssig. Ihm ist bewusst, dass das völlig untypisch für ihn ist, denn normalerweise weiß er immer, was er will. Nur diesmal ist er sich wirklich nicht sicher, was er tun soll. Einerseits würde er die Zeit von Roberts Abwesenheit am liebsten dazu nutzen, Eva näherzukommen, aber sicherlich wird sie sehr darauf achten, nicht in seiner Nähe zu sein, während ihr Mann nicht da ist. Andererseits hat sie ihm kurz nach ihrem gemeinsamen... Zwischenfall sehr deutlich gemacht, dass das eine einmalige Sache gewesen ist.
„Du weißt nicht?“ Auch Annabelle hat bemerkt, dass etwas nicht stimmt. „Eigentlich hätte ich erwartet, dass du dir nimmst, was du willst.“
Er nickt und trinkt seinen Kaffee aus. „Das tue ich auch normalerweise. Aber in diesem Fall gehören dazu immer noch zwei.“
Annabelle zieht ihre perfekt gezupften Augenbrauen hoch und lehnt sich mit verschränkten Armen auf dem Stuhl hinter dem Schreibtisch zurück. „Du nimmst Rücksicht auf die Frau, die du willst. Es geschehen noch Zeichen und Wunder.“
Christoph lacht. „Ich bin auch nur ein Mensch.“
„Das heißt, du wirst die Zeit nicht nutzen?“
„Nein, werde ich nicht“, erwidert er. „Zumindest nicht so, wie du erwartest.“
„Das werden wir ja sehen.“
„Wovon redest du?“
„Lass dich überraschen“, sagt sie und steht auf.
Bevor er die Gelegenheit hat, ihr auszureden, was auch immer sie geplant hat, verlässt sie das Büro. Möglicherweise sollte er einfach abwarten, was Annabelle vorhat.


Eva und Robert stehen vor dem Haupteingang des Hotels und halten sich an den Händen. Keiner der beiden will als erstes loslassen, und Valentina, die neben ihnen steht, verdreht die Augen.
„Ihr tut gerade so, als würdet ihr euch für Jahre nicht sehen“, bemerkt sie.
Robert dreht ihr den Kopf zu und lächelt. „So kommt es mir auch vor, Principessa.“
Eva lässt die Hände ihres Mannes los und umarmt ihre Tochter. „Er wird ja hoffentlich bald zurückkommen.“
„Dafür werde ich schon sorgen“, sagt Robert und legt die Arme um seine beiden Frauen. Zuerst küsst er Eva, dann Valentina auf die Wange. „Und jetzt muss ich los, sonst schaffe ich es nicht, bevor Gianni verschwindet.“
Eva fällt ihm noch einmal um den Hals. „Ich werde dich vermissen.“
„Ich dich auch“, flüstert er in ihr Ohr. „Und halt dich von Christoph fern.“
„Das werde ich.“
Er nimmt von dem Pagen seinen Autoschlüssel entgegen und steigt ein. Eva und Valentina stehen Seite an Seite dort und schauen dem Auto hinterher, bis es außer Sicht ist.
„Machen wir das Beste daraus“, schlägt Eva vor.
Valentina nickt wenig überzeugt. „Ich bin mit Fabien verabredet. Bis später, Mama.“
Und so lässt sie sie einfach stehen. Offenbar hat sie ihre eigenen Pläne, wie sie das Beste aus der Abwesenheit ihres Vaters machen kann.
Ich werde mich weiter von Christoph fernhalten, denkt sie und dreht sich herum, um ins Hotel zurückzukehren. Einer spontanen Idee folgend umrundet sie das Gebäude, obwohl sie heute nicht arbeiten muss. Trotzdem möchte sie nach dem Rechten sehen.
Während sie langsam vorbeigeht, lässt sie ihren Blick über die Tische mit den Gästen schweifen. Sie alle sehen aus, als wären sie vollkommen zufrieden. Ohne stehenzubleiben schlägt sie den Weg um die Hecke herum ein.
Und steht vor Christoph.
Beide bleiben gleichzeitig stehen, und keiner von ihnen sagt ein Wort. Eva kann in seinem Gesicht sehen, wie sich der typische Christoph-Ausdruck in einen viel sanfteren verwandelt – so sanft, wie er sie immer ansieht. Das hält sie kaum aus, aber sie kann ihren Blick auch nicht abwenden. Wie ihr eigenes Gesicht wohl aussieht? Sie kann den Ausdruck darauf selten kontrollieren, und jetzt ist keiner dieser Momente.
„Eva.“ Seine Stimme klingt rau und atemlos. („Du raubst mir den Atem“, hat er ihr ins Ohr geraunt, während sie ihre Fingernägel in seinen Rücken gegraben hat.)
„Herr Saalfeld.“ Beinahe hätte sie ihn beim Vornamen genannt, aber gerade rechtzeitig hat sie an ihre Entscheidung gedacht, wieder zum Sie überzugehen. Vielleicht kann das etwas mehr Distanz zwischen sie bringen.
„Du läufst nicht gleich weg.“ Er streckt eine Hand nach ihr aus, lässt sie aber fallen, bevor er sie berührt.
Unsicher schlingt sie ihre Arme um sich selbst. „Sie stehen mir im Weg.“
„Natürlich.“ Er tritt zur Seite, um ihr Platz zu machen.
Sie macht einen Schritt vorwärts, bleibt aber wieder stehen. Sie öffnet den Mund, schließt ihn aber wieder. Sie schaut ihm noch einen Moment in die Augen, dann geht sie.


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Da bin ich wieder mit einer neuen Geschichte! Dies hier wird um einiges länger als meine beiden bisherigen Geschichten, baut aber auf ihnen auf. Hierfür wäre es also sehr zu empfehlen, zumindest Schwarz und Weiß gelesen zu haben.
Ich plane wöchentliche Updates, also ab heute jeden Mittwoch.
Der Anfang ist noch recht ruhig und beschaulich, aber lasst euch davon keineswegs in die Irre führen. Da kommt noch was, versprochen. Das soll übrigens nicht wie eine Entschuldigung klingen, ich mag den Anfang ganz gerne. Auch wenn der erste Satz sofort der Kurzbeschreibung widerspricht.
Kommentare aller Art sind wie immer gerne gesehen :)
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