Zeit zum Abschalten

von Ray Chal
GeschichteHumor, Übernatürlich / P16
20.02.2019
13.10.2019
5
16495
3
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Dieses Kapitel
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Herzlich Willkommen zu dieser neuen Geschichte, die euch in das Japan unserer Zeit entführt, in den Alltag einer 18-jährigen, deren Probleme wahrscheinlich viele von euch ebenfalls hinter sich bringen mussten, womöglich liegen sie auch noch vor euch? Diese Geschichte soll vor allem auf eine humoristische Art und Weise unterhalten, aber euch gleichzeitig auch in eine andere Kultur eintauchen lassen. Übernatürliches verbirgt sich vor allem im Hauptmotiv, doch im Gegensatz zu gewöhnlichen Geschichten plane ich nach dem etwas längeren ersten Hauptkapitel (das ich mit dem Prolog verschmelzen lasse) eher ein episodenähnliches Vorgehen wie bei Sitcoms, wo immer wieder neue unterschiedliche Konflikte im Rahmen von Chiakis schon gleich nicht mehr ganz so bescheidenen Möglichkeiten gelöst werden wollen. Ich wünsche euch viel Spaß während eurer Reise in das funkelnde Osaka!


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Mit einem zufriedenen Lächeln betrachtete die 18-jährige Oberschülerin, in nachtblauem Jäckchen und dem blauschwarz karierten Röckchen ihrer Schuluniform, der Seifuku - letzteres der Mode entsprechend ein bisschen provokant höher gezogen - die verschiedenen Relikte US-Amerikanischer Spielzeugkultur, die das Nostalgia Museum zum Verkauf anbot. Hier vor den Toren der geschäftigen und belebten Universal Studios Japan verspürte Chiaki Kondo etwas abseits der Touristenmasse eine einzigartige Ruhe und Freiheit, die eine japanische Metropole wie Osaka nur an wenigen Plätzen bieten konnte.
“2.700 Yen für eine eiserne Vintage-Werbetafel ... sei vernünftig, Chiaki, sei vernünftig, die bekommst du in Amerikamura für 2.000”, hauchte sie ganz leise in ihre beiden vor das Gesicht gepressten Fäuste, die zwar ihre Lippen, aber nicht ihre neugierig geweiteten, dunkelbraunen Mandelaugen verdeckten. Bei ihren meisten Besuchen achtete sie darauf, ihre Ausgaben auf das Nötigste zu beschränken, denn am Erwerb der T-Shirts, Bettwäsche, Sammelfiguren oder Nippes mit Sammlerwert war sie nur selten interessiert. Es war viel mehr die einmalige Atmosphäre in einem kleinen Laden, die sie immer wieder zum neuen Besuch verlockte. Auch der starre Blick der lebensgroßen Star Wars-Sammlung mit unter anderem den Droiden C3PO und R2D2, die für Laien an einen großen Oscar und eine fahrende Mülltonne erinnerten, verstärkten den Eindruck einer anderen Welt. Wie gerne hätte sie mit ihrer Fingerspitze die golden glänzende Oberfläche der Roboterfigur berührt, hatte den Arm bereits ausgestreckt, bis sie unter einem eindrücklich eingebildeten und in dieser Einbildung zumindest sehr eindrücklichen “SAWARU NA!” erstarrte und den Arm wieder langsam zurückzog. Die Kassenwärtin, nicht viel älter als die Schülerin, hatte nicht den blassesten Schimmer, was diese im Schilde geführt hatte. Innerlich wieder in sich selbst ruhend, verließ Chiaki das Geschäft und spürte schon bald den noch frischen Wind der Außenwelt, der ihre schulterlangen, dunkelbraunen Haare gehörig durcheinander wirbelte. Ein langer, gerade Pony wie bei der Himecut-Frisur wollte gekonnt gelegt werden und erweckte in diesem Zustand ein kleines bisschen den Unmut der jungen Japanerin. Es war bereits spät abends und so erleuchteten die zahlreichen Neonschilder der amerikanisch geprägten Einkaufsmeile den schwarzen Nachthimmel über Osaka, der auch im Sommer nicht viel länger auf sich warten lassen würde. Direkt nach Schulschluss hatte Chiaki über die Osaka Loop Line und die Yumezaki Line noch in ihrer obligatorischen Schulkleidung den Weg in Richtung des gigantischen, aber sündhaft teuren Freizeitsparks angetreten. Mit den Händen in den Jackentaschen vergraben, ließ sie auf der Rolltreppe den Blick auf die breite Verbindungsstraße zwischen Park und Bahnhof gleiten, wo unter anderem eine Hulahoop-Artistin namens Kana ihre Künste unter motivierendem Applaus zum Besten gab. Für viele Japaner und Touristen aus dem asiatischen Festland stellte dieser Besuch ein einmaliges Jahreshighlight dar, für eine verwestlichte, amerikanophile junge Frau für sie gehörte er  jedoch fast schon zum Alltag, vom Eintritt in den Park selbst abgesehen.

Auch gastronomisch hatte der schillernde Ort mit dem Flair eines fremden, exotischen Kontinentes viel zu bieten, egal ob klassisch Japanisch, herzhaft Amerikanisch oder kunstvoll Hawaiianisch. Allzu sehr plante Chiaki ihren Magen jedoch nicht zu füllen, denn schließlich wartete auch noch zuhause ein Abendessen auf sie. Wer nicht auf sie warten konnte, war ihr Freundeskreis aus der Schule, der wie die Mehrzahl der japanischen Schüler nach dem Unterricht seine Freizeit zugunsten zusätzlicher Bildung in den Juku genannten Nachhilfeschulen aufgab. Die entspannt durch das locker-kalifornische Kleidungsgeschäft schlendernde Brünette war selbst froh, dass sie ihre Eltern nicht zu dieser intellektuellen Investition zwangen, doch tief in ihrem Inneren bereitete die anrückende Zeit der großen Entscheidungen ihr großes Unbehagen. Drei aufblinkende Mailboxnachrichten quittierte sie mit einem genervten Schnauben, doch nun war es definitiv an der Zeit, über Nishikujo und Tsuruhashi den Weg ins Elternhaus und raus aus dieser so völlig anderen Welt des unbegrenzten Spaßes anzutreten, bevor die Scharen an mit Sesamstraßenmotiven bunt bemützten Freizeitpaarbesuchern in den Bahnhof Universal City strömten. War es denn wirklich schon so spät? Ihre letzten beiden verbliebenen 100 Yen-Münzen gedachte Chiaki in einen Kapselautomaten für die Figur einer Sailor Kriegerin zu investieren, doch aus unerklärlichem Grund spuckte der Automat die zweite, eigentlich so schön und perfekt glänzende Münze immer wieder aus, bis sie mit einem Blick auf die Uhr frustriert klein bei gab.

“Bitte verzichten Sie auf Telefongespräche während der Fahrt und nehmen Sie Rücksicht auf die anderen Fahrgäste ... Das ist Morinomiya. Der nächste Stop ist Tamatsukuri. Der Ausstieg ist auf der linken Fahrseite”, ertönte in ruhigem Tonfall die ewig gleiche mechanische Ansage auf Japanisch und anschließend Englisch, während Chiaki beherzt zu ihrem Smartphone griff, um vorsorglich ungeachtet der Durchsage ein Thema ohne Augenkontakt bereits abhaken zu können. Denn mit Sicherheit würde sie wieder mit den Augen rollen, was bei ihren Eltern nicht unbedingt für Freudenstimmung sorgte.
“Moshi moshi? Hallo? Okaasan? Ja, Mama, was ist los?”
Die naturgemäß besorgte Mutter der jungen Frau hatte oftmals den Hang, lieber ein paar Mal zu oft die Handynummer ihrer Tochter zu wählen als zu wenig: “Wo steckst du denn schon wieder? Das Abendessen steht schon kalt auf dem Tisch und es ist schlimm genug, dass Papa kalt essen muss – deswegen der Anruf.”
“Ja .... umm, keine Ahnung Tamadings kommt gleich und dann nur noch umsteigen in Tsuru. Ich war nur auf dem City Walk, Kana war sogar wieder da, aber die Kunststücke kannte ich schon, jedenfa-”
“TAMATSUKURIIII – TAMATSUKURI DESU! TOBIRA GA HIRAKIMASU! GO CHUUI KUDASAAAAI!”, unterbrach sie eine relativ hohe, eindringliche und genäselte Stimme, mit der der Lokführer die Fahrgäste auf den nächsten Halt und das Öffnen der Türe aufmerksam machte: “Tsugi wa Tsuruhashi ni tomarimasu!”
Dieser nächste Stopp erforderte oftmals einen clever getimten Umstieg, um statt einem Bummelzug rechtzeitig einen Express zu erwischen, doch Chiaki hatte es ohnehin nicht mehr weit, wie sie erneut anmerkte: “Bin ja so gut wie zuhause. Chill.”
“Chill? Das Einzige, was hier chillt, ist dein Essen, junge Dame! Und du, was deine Vorbereitungen auf die Abschlussexamen und die Uniaufnahmeprüfung angeht! Bis gleich!”
“Honamata ...”, hauchte die junge Asiatin zum Abschied und bereitete sich darauf vor, sich irgendwie durch den randvoll gefüllten Waggon zu wuseln – vorbei an ganz in ihre Smartphones vertiefte andere Schulmädchen in ähnlichen Uniformen, ein paar Musik hörende Jungs nach dem Fußballtraining, dösenden Rentern mit Gehstock, sichtlich ermüdeten Businessleuten beider Geschlechter, deren Augenringe sich in der Reflexion ihrer liebsten elektronischen Screens spiegelten. Den ein oder anderen Koffer eines Touristenpärchen – dem schwer zu entziffernden Dialekt nach zufolge aus der nordöstlichen Tohoku-Region, Land der Bier- und Sakeliebhaber stammend – musste die Oberschülerin noch vor dem Umstieg und dem Wechsel der Linien überwinden. Chiaki atmete durch. Gut, dass sie wie die meisten Menschen eine gewisse Routine für das Bahnfahren im japanischen Großstadtdschungel entwickelt hatte.

Chiaki hatte noch nicht mal ihre Schuhe fein säuberlich im Genkan genannten Flur einsortiert, da wurde sie bereits mit einem ganzen Fragenkatalog durchlöchert: “Chiaki-chan, schön, dass du wieder sicher zuhause bist! So, also morgen hast du Hula-Unterricht, nicht wahr? Übermorgen hattest du dich zum Baseballmatch in Koshien mit Nao verabredet, richtig? So, und wann willst du jetzt lernen? Hast du nicht bald diesen Englischtest?”
Sie musste selbst für einen kurzen Augenblick überlegen und stellte so erschrocken fest, dass ihre Mutter den Terminplan ihrer Tochter beinahe besser kannte als die 18-jährige selbst: “Ummm ... hoya, hoya! Richtig. Lernen, umm, naja, hab' ja noch Zeit.” Hitomi Kondo, eine hübsche Dame Mitte vierzig mit einer ihrem Gesicht schmeichelnden Brille, fuhr sich entnervt durch ihr schulterlanges, schwarzes Haar und schob sich ihren Seitenscheitel so fast komplett aus der Stirn. Als Mutter war sie bereit, viele Gefälligkeiten zu geben, doch das Hoya-Spielchen würde sie nun mitspielen. Der in der Region Kansai um Osaka, Kobe, Himeji, Kyoto, Nara und Wakayama beheimatete Dialekt namens Kansai-ben gab nicht nur der Comedyszene Japans, sondern auch den hiesigen Einwohnern die Chance, alltäglich eigene gemeinsame Identität auszuleben, doch ein “Wir-Gefühl” hatte Frau Kondo in dieser Situation nicht im Sinn.
Mit der professionellen Distanz einer staatlichen Japanischlehrerin vermittelte die Bibliotheksangestellte  ihrem nicht ganz pflegeleichten Töchterchen auf Tokioter Hochjapanisch, welche Vorstellungen sie an Chiaki richtete: “Chiaki, es handelt sich um ein paar Monate. Wenn du die Aufnahmeprüfung – für die viele Leute in deinem Alter Nachhilfeschulen aufsuchen – in den Sand setzt, kannst du für immer im Kombini auf 800 Yen-Basis arbeiten!” Fast schon überflüssig zu erwähnen, doch die Schülerin sah ihre Zukunft an einer Universität statt in einem der durchgängig das ganze Jahr und Rund um die Uhr geöffneten Minimärkte, von denen über 50.000 mittlerweile das Land bevölkerten und händeringend nach Personal für den Mindestlohn von Pi mal Daumen 800 Yen, also in etwa einem Teller Ramen-Nudelsuppe, suchten. Unbeeindruckt schlurfte die nach ihrer eigenen Ansicht selbstverständlich angehende Studentin in flauschigen schwarzen Pantöffelchen vor das Bad, wechselte die Pantoffeln, wusch sich schnell die Finger und kehrte dann in den normalen Pantoffeln in ihr Zimmer ein. Dort wartete bereits ihr Haustier, das aufgrund der Tierhaarallergie ihres Vaters ohne ein Fellkleid auskommen musste. Regungslos verschanzte sich eine lange, grüne Gottesanbeterin hinter einem Blatt. Kein von einem Schnurren begleiteten Umstreicheln des menschlichen Beines, kein wildes Schwanzwedeln  konnte Chiaki von ihrer Gaia erwarten, lediglich eine stille Begrüßung in Gedanken. Zumindest stellte sie sich vor, dass ihr Insekt irgendeine Notiz von ihrer Ankunft nehmen würde. Auch wenn die Grundausstattung des Zimmers immer wieder um verschiedene japanische und internationale Dekorationsartikel, Animefigürchen, flauschig-süße Plüschtierchen und ansehnliche Bilder ergänzt wurde, musste ein Leben im Terrarium doch wirklich langweilig sein, dachte sich die Oberschülerin immer wieder.

Noch in ein Handtuch von der erfrischenden Abenddusche gehüllt, tippte die junge Japanerin sofort wild auf ihrer Laptoptastatur herum und ließ so die hellen, spritzigen und dynamischen Klänge der Musik von Kyary Pamyu Pamyu bis in die hintersten Winkel ihres Apartments ertönen. Ein Blick auf die so schrill flamboyant gekleidete Sängerin mit ähnlicher Vorliebe für amerikanische Kultur ließ bereits erahnen, dass sich Chiaki bei ihrer Frisur zweifelsfrei von ihr inspirieren gelassen hatte. Bei so einer energischen musikalischen Untermalung und unter dem Licht ihres großen Leuchtbildes von der Golden Gate Bridge fiel es doch so viel leichter, sich einen Pyjama überzustreifen und dann vergnügt mit schwingenden Armen und einem Lächeln auf den Lippen ins Esszimmer zu tänzeln. Ein nicht zu überhörendes “Musik leise! Es ist spät und wir wohnen nicht alleine hier!” hallte aus der Küche und veranlasste sie, mit einem missmutigen Raunen den gleichen Weg zurückzugehen und die Beschallung etwas - oder eher viel - dezenter zu gestalten. Nachdem das einzige Kind der Familie Kondo endlich Platz genommen hatte, wurde ihr eine ausgewogene Mahlzeit serviert: eine Reisschale garniert mit Rindfleischstreifen namens Gyudon sowie ein gesunder Salat aus schwarzem Seetang, Bambussprossen, Karotten und samtig-knackiger Lotuswurzeln, die als große und wie Emmentaler durchlöcherte beige Scheiben einen außergewöhnlichen Eindruck erweckten. Chiaki hatte mit ihren Stäbchen noch nicht einmal zugreifen können, als ihr Vater das Haus nach einem langen Arbeitstag als Architekt betrat. Die kreisenden Kopf- und Schulterbewegungen seiner Tochter zur Lockerung der Muskulatur war für Hiroyasu Kondo kein ungewöhnlicher Anblick, doch dass ihr Schultag stressiger als seine bis in den späten Abend andauernden Planungssitzungen sei, wagte er zu bezweifeln.
Offen stellte er dies aber nie in Frage: “Tadaimaaaa! Ich bin zurück, meine beiden Engel!”
“O-kaeriiii! Willkommen zuhause!”, lautete die im allgemeinen Sprachgebrauch mehr oder weniger in Stein gemeißelte Antwort.
“Gyudon, das sieht ja lecker aus ... mein Lieblingsgericht, danke, Schatz”, freute sich der erschöpfte Vater, der Krawatte und Anzugsjacke schon längst über den heimischen Bürostuhl geworfen hatte, um Platz zu nehmen und seinen Magen mit mehr als dem Reisbällchen von einem der zahlreichen Bahnhofskiosks an der JR Osaka-Station zu füllen: “Chiaki-chan, wie war die Schule? Hast du gut für Englisch gelernt?”
“Eh?”, entgegnete Chiaki verwundert mit geweiteten Augen und einer Scheibe Lotus zwischen ihren Lippen, die sie geschwind einschlürfte und gierig herunterschluckte: “Ich war vor den USJ und hab' mir da wieder ein paar Schilder und Spielzeuge und so angeguckt. E-re-bee-taa!”
“Aber wir benutzen in Japan doch auch das Wort Elevator”, runzelte Herr Kondo etwas konfus die Stirn.
Was seine Tochter nun aufzählte, erinnerte fast schon an die repetitiven Aneinanderreihungen von hippen englischen Wörtern, wie sie den Lyrics von Kyarys Songs hätten entnommen sein können  “Ja, das mag ja sein, aber man benötigt es überall! Coin Locker, Ticket Counter, Fare Adjustment, Lavatory ... umm Big Mac ... und außerdem ist der Test erst nächste Woche Mittwoch oder so.”
“Na dann bin ich beruhigt, wenn du das sagst, Chiaki-chan ...” Hiroyasu war in Wirklichkeit alles andere als beruhigt, doch zum einen wollte er nun sein Essen ohne intellektuell anfordernde Aufgaben genießen und zum anderen konnte man die englische Sprache wirklich nicht als sein Steckenpferd zählen.

“Was ist das denn für ein Kacksatz?!”, raunte Chiaki ungehalten, ihre Hände zu Fäusten geballt, während sie das rot befleckte Blatt Papier auf ihrem Schreibtisch mit Todesverachtung anfunkelte: “Niemand würde im echten Leben so einen dummen Kacksatz sagen! Nenn mir einen Ami, einen einzigen, der sowas sagt. Hör zu: 'Stuart, call me on 2 am please!'"
"Ganz einfach, weil es wohl call ...", entgegnete Nao, ihre Klassenkameradin und frisch gekürte "BFF No. 1 BAE 4EVER" zögerlich, während sie hastig in den ausgeteilten Lösungsblättern blätterte: "... 'call at' oder 'call by' heißt es. Ersteres meint die genaue Uhrzeit und letzteres ein Limit."
"Ja aber nee, ganz ehrlich, das meine ich nicht. Wenn du mich um zwei Uhr nachts anrufen würdest, würde ich fragen, ob du noch alle Zacken in der Krone hast! Da fährt doch kein Zug mehr, was will man da machen? Okay, Leute im Kombini ärgern, aber sonst?"
Nachdenklich wickelte Nao mit ihrem Finger ihren blonden Pferdeschwanz auf und blickte verträumt in den sonnenklaren Himmel: "Najaaaa ... geh erstmal nicht davon aus, dass alle in Hanazono wohnen, sondern vielleicht in Roppongi oder Los Angeles oder so. Außerdem fahren die vielleicht mit dem Fahrrad und sind nicht so superfaul wie du."
"Lass mich, ich bin zugsüchtig! Nao-chan, du weißt doch, ich kriege immer gute Vibes an Bahnhöfen und so."
"Und welche Vibes bekommst du, wenn du deinen Eltern beichtest, dass der Test doch schon heute war?"
"Zur Not sage ich, dass meine beste Freundin, die in der Juku gepaukt hat, genauso schlimm verkackt hat, ganz einfach!"
"Chiiii-taaan! Akan, unmöglich bist du!", schmollte die Blondine und verschränkte verspielt die Arme, konnte diese eine ernsthafte Kränkung imitierende Pose allerdings nicht besonders lange halten und brach schon bald in ein Kichern aus: "Die halten mich schon für doof genug, weil ich mir meine Haare blond gefärbt habe, so wie meine ..."
"Nein, die halten dich für doof, weil du dumme Sachen machst, das ist etwas völlig Anderes", stellte die Brünette richtig und gönnte sich einen erfrischenden Schluck Matcha aus der Mehrwegflasche, als sei es das Normalste der Welt.
"Nani ..., was, Chi-tan?!"
"Nao-chan, weißt du noch, als du monatelang nicht wusstest, wie man von der Mikrowellenfunktion in die Ofenfunktion umstellt und du über eine Stunde auf die Pizza gewartet hast?"
"Eh? Das warst doch du!"
"Na immerhin hast du einen Test heute gut bestanden, Nao-chan!"
"Aho! Trottel! Morgen schreiben wir übrigens in japanischer Geschichte."
Chiaki erstarrte, als wäre sie in der Zeit eingefroren, selbst der Schluck Tee verharrte für eine Weile in ihrem Mund - tief in ihr dämmerte irgendetwas, doch diese Geschichtsprüfung schien ihr noch Ewigkeiten entfernt gewesen zu sein.
Ihre blonde Freundin rieb sich angesichts der gelungenen Revanche mit diebischer Freunde die Hände und sinnierte mit funkelnden Augen bereits über ihre weitere Lebensplanung: "Just kidding, in anderthalb Wochen ist die, wir werden in der Zeit so viel Spaß haben und auf die Kacke hauen und dann ..."
"Und dann färbe ich meine Haare blond, genau wie Kyary-chan damals! Dann werden meine Eltern staunen!"
"Halten die dich nicht schon für schrullig genug? Ich meine, wer sucht sich denn eine Mantis als Haustier aus?"
"Na ich natürlich! Und nein, meine Eltern lieben mich, egal was ich mache und sie werden super gelassen reagieren, weil sie es sich nicht mit ihrem einzigen Kind verscherzen dürfen!"
Nao biss sich auf ihre Lippe, blinzelte ungläubig und straffte den Saum ihres ebenso kurz getragenen Seifukuröckchens, als sie sich an die Reaktion ihrer Eltern erinnerte. Allein der Gedanke daran ließ sie erschaudern, doch sie hatte dies stets als wichtigen Schritt zu ihrer eigenen Unabhängigkeit verstanden. Wenn Chiaki einen Fauxpas begehen sollte, würde sie dies schon rechtzeitig mitbekommen, spätestens während des Baseballspiels am folgenden Tag.
Chiaki hingegen studierte intensiv ihre beste Freundin und legte demonstrativ die von der Kapselmaschine verweigerte Münze für eine neue Flasche Tee aus dem Getränkeautomaten auf mit der Zahlseite nach oben auf den Tisch – doch dann war es Nao, die wie in der Zeit gefror! Ihre großen, braunen Augen hatten das Blinzeln komplett aufgegeben und ruhten auf der Brünetten, die mit dem Zeigefinger die Schulter der Blondine anstupste: "Nao-chan! Heee, Nao-chan? Bist du mit offenen Augen eingeschlafen? Sugooooi, du hast deinen Körper echt gut unter Kontrolle! O-oder? Nao-chan?!" Ganz steif und starr fühlte sie sich an. Nun überwog dann aber doch das Verlangen nach einer kühlen Erfrischung, sodass sie sich demonstrativ umdrehte, ihre Münze mit einer Klappbewegung zurück in die Hand beförderte und diese im Schacht versinken ließ.
"Wie gerne wäre ich da dabei! Umm, übrigens, Chi-tan, bring mir auch eine Flasche mit!"
Nun war es nicht das erneute Klimpern der unbeugsamen, herauspurzelnden Münze, die sich gegen ihr Schicksal des eweigen Gefängnisses in einem Automaten stellte, sondern der Ruf ihrer Freundin, die sie zu tiefst irritierte. Erneut rammte die Mantisbesitzerin die runde Kupfernickelscheibe energisch auf den Tisch, diesmal mit der Kirschblütenseite nach oben.
"Wo wärst du gerne dabei? Nao-chan, dieses Mistvieh nimmt der Automat nicht an. Schätze, wir müssen verdursten."
Wieder ruhte Naos Blick auf ihre Freundin, den Kopf vergnügt lächelnd zur Seite geneigt, ohne sich zu bewegen.
"Na bei deinen Eltern, wenn dir wirklich die Haare färben solltest. Und was die Münze da angeht ... behalte sie doch, Chi-tan. Münzen, die so schön glänzen, findest du echt selten."
"Wow, späte Antwort, aber okay. Klingt nach einer Idee ... sou shiyo na!"
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