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Blutschuld

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P16 / Gen
Amon / Noatak OC (Own Character) Tarrlok
19.02.2019
20.12.2021
13
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13.03.2019 5.312
 
Ruhelos zupften Noataks Finger an seinen Verbänden, verdrehten und verschoben und richteten sie immer wieder. Schicht für Schicht, Zentimeter für Zentimeter bearbeitete er sie, unaufhörlich. Die Pflegerinnen hatten ihn bereits getadelt, er ruiniere ihre aufwendige Arbeit durch seine Nervosität. Aber Noatak konnte nicht anders. Am liebsten hätte er sich sowieso die Verbände heruntergerissen, schon allein, weil es ihn ungemein störte, sich in seinem eigenen Körper dermaßen eingeengt zu fühlen.
Weit schlimmer als das war allerdings das Kribbeln und Jucken seiner verbrannten Haut. Selbst die kühlenden Salben, die ihm mehrmals am Tag beim Verbandswechsel aufgebracht worden, lindernden kaum den Juckreiz. Wenn es dich in den Wahnsinn treibt, ist das ein gutes Zeichen, war ihm gesagt worden.
Es bedeutet, dass du heilst.

Noatak konnte sich nur mäßig darüber freuen. Die Schmerzen seiner verbrannten Haut waren anstrengend, aber auszuhalten. Auch, dass er durch die großflächigen Wunden am Rücken und den Armen kaum richtig sitzen, nur noch auf dem Bauch schlafen konnte, belastete ihn nicht weiter. Was Noatak allerdings am allermeisten störte, war das Warten. Warten darauf, dass etwas geschehe, er sich mit jemanden unterhalten konnte, und sei es über die trivialsten Dinge.
Warten darauf, endlich zu Tarrlok zu dürfen.

Seit er vor drei Tagen erwacht war, hatte er das Zimmer kaum verlassen. Die Krankenschwestern, die sich um ihn kümmerten, bestanden vehement darauf, dass er sich schone. Lachhaft. Selbst wenn er seinem Körper die Ruhe gönnte, die er wohl brauchte, Noataks Nerven hingegen waren zum Zerreißen gespannt. Eingesperrt in dieses leere Zimmer, mit viel zu viel Zeit, die es totzuschlagen galt, zogen seine Gedanken Kreise. Und das war nicht gut.

Noatak war ein Mensch, der Beschäftigung brauchte. Noch nicht einmal eine Woche war es her, da hatte sein Tag nicht lang genug seien können, um all das zu vollbringen, was es nun einmal zu tun galt. Er war gebraucht worden, hatte Befehle erteilt und hautnah miterlebt, wie seine Vision einer gerechteren Welt endlich Gestalt annahm.

Nun war es bereits ein Erlebnis, wenn ihm etwas zu Essen gebracht wurde.

Mit finsterer Miene blickte Noatak aus dem Fenster, in dessen Rahmen er es sich gemütlich gemacht hatte. Das Krankenhaus, in das er gebracht worden war, befand sich in einem kleinen Dorf namens Ganluo nahe einem Ausläufer der Yue-Bucht, hatte ihm eine der Schwestern erzählt. Nicht weit entfernt vom Strand war das Gebäude errichtet worden, doch trotzdem konnte Noatak keinen Blick auf das Meer erhaschen. Sein Zimmer lag zur Landseite hin und ließ ihn nichts anderes sehen als einen angrenzenden Palmenwald.

Noatak hatte genug von dem langweiligem Grünzeug. Er hätte zu gerne das Meer gesehen, sich die kalte Brise um die Nase wehen lassen. Das Wasser, gleich welcher Form, war schlicht und ergreifend Teil seiner selbst, auch wenn er es in den letzten Jahren ohne zu zögern verleugnet hatte. Trotzdem, nur in der Nähe des Meeres fühlte er sich wirklich lebendig, als wäre sein Herz eins mit dem Auf und Ab der Gezeiten.

Welch Ironie, dass er ausgerechnet im Meer sein Grab hatte finden sollen.

Noataks Züge verhärteten, und seine Hände ballten sich zu Fäusten, bebend vor Wut. Kaum hatte sein Verstand wieder halbwegs einen klaren Gedanken fassen können, hatte er sich erinnert. Daran, wie er nach seiner schmachvollen Niederlage, der Zerstörung des Mythos Amon durch den Avatar hatte fliehen müssen. Wie er alle Zelte hinter sich hatte abbrechen wollen, aber nicht ohne Tarrlok. Nicht ohne seinen Bruder, dem er die Hand zur Versöhnung, zu einem Neuanfang gereicht hatte.

Und wie Tarrlok sie kaltblütig beide hatte töten wollen.

Die Wut, die ihn bis eben hatte erschauern lassen, wich einem bleiernem Gefühl der Ratlosigkeit. Noatak verstand es nicht, vielleicht wollte er es auch nicht verstehen. Wie bloß hatte Tarrlok das fertigbringen können? Nicht nur ihn, sondern auch sich selbst das Leben zu nehmen… was war nur in seinem Bruder vorgegangen? Hing er tatsächlich so wenig an seinem Leben? Und wenn ja, weshalb nur? Etwa allein aus dem Grund, weil Noatak ihm die Fähigkeit zum Bändigen genommen hatte? Nein, das konnte doch unmöglich ausreichen, solch eine Entscheidung zu treffen…

Es waren schlicht zu viele offene Fragen, als dass er auf alle eine Antwort gewusst hätte. In einer Art und Weise, die er selbst nicht von sich kannte, zog Noatak seine Beine an, umschlang sie mit beiden Armen und und stützte den Kopf auf jene. Sein versehrter Körper schrie auf, als er sich regelrecht zusammenrollte, aber es war ihm egal. Der Schmerz, er ließ Noatak noch daran glauben, am Leben zu sein.

Auch, wenn er es nicht seien sollte.

In die Dunkelheit seiner geschlossenen Augenlider drangen die Erinnerungen jenes Momentes. Er selbst am Steuer des Bootes, das sie in Sicherheit hatte bringen sollen. Tarrlok, an seiner Seite, ruhig und ausdruckslos, wie schon seit dem Moment ihres Zusammenfindens, nach all den vielen Jahren. Noatak wusste noch, er hatte gute Miene zum bösen Spiel gemacht, sich hoffnungsvoll im Angesicht ihrer gemeinsamen Zukunft gegeben. Etwas anderes war ihm auch gar nicht übrig geblieben, trotz der Tatsache, dass es erst Augenblicke gewesen waren, seit sein Herzenswunsch böswillig zerstört worden war.
Ja, Hoffnung hatte er versucht zu verkörpern, wie bereits all die Zeit zuvor, Hoffnung auf einen Neuanfang. Und darauf, dass alles wieder so werden würde, wie es früher einmal war. Wie in der guten, alten Zeit.

Etwas in Noataks Worten an seinen Bruder mussten erweckt haben, das sie zu verschlingen versucht hatte. Es war leichtsinnig von ihm gewesen, Waffen der Equalisten an Bord des Bootes liegen zu lassen, aber es war ihnen nicht viel Zeit geblieben, aus Republica zu verschwinden. Wer hätte denn damit rechnen können, dass sie noch einmal Verwendung finden würden? Tarrlok hatte sich einen der übriggebliebenen Elektrohandschuhe genommen, einen der Benzintanks geöffnet – und ihm geantwortet. Geantwortet, dass es wieder so werden würde wie in der guten, alten Zeit…

Das nächste, woran Noatak sich erinnern konnte, war die tiefe, dunkle Kälte des Meeres. Sein Körper, der hatte sterben sollen und sich mit allem, was er noch aufzubringen vermochte, dagegenstemmte. Himmel und Wasser und Trümmer und Blut… überall nur Blut…

Noatak seufzte leise auf. Er hätte das alles verhindern können, das wusste er. Gespürt hatte er, was Tarrlok hinter seinem Rücken vorhatte, geahnt, worauf es hinauslaufen würde, hingenommen, dass die Worte seines Bruders ein Abschiedsgruß gewesen waren. All das hatte er akzeptiert, und nicht einmal den Versuch unternommen, Tarrlok aufzuhalten. Er hätte es gekonnt, gewiss. Doch vielleicht hatte Noatak gehofft, sein Bruder würde eine andere Entscheidung treffen; ihm und sich selbst zugestehen, ihr Leben von Grund auf noch einmal neu zu beginnen.

Und vielleicht, im tiefsten Winkel seines Herzens, hatte Noatak gedacht, dass er nichts anderes verdienen würde als den Tod.

Nun, wenn dem so war, hatte es keine Sekunde gedauert, bis er sich wieder umentschieden hatte. Bloß war es da bereits zu spät gewesen. Und jetzt saß er hier fest, verwundet und dazu gezwungen auszuharren, darauf hoffend, dass er nicht zu lange gezögert hatte.
Noatak kannte das Gefühl, vor dem Nichts zu stehen und ganz von vorne beginnen zu müssen. Nur dieses Mal würde er es nicht ertragen, es ohne Tarrlok tun zu müssen.

Ein Pochen an der Zimmertür riss Noatak aus seinen Grübeleien, einen Moment später betrat eine der Krankenschwestern freundlich grüßend den Raum. Es war die gleiche, die ihn am Tag seines Erwachens über alles aufgeklärt hatte und scheinbar für ihn zuständig war, denn sie kam häufiger zu ihm als ihre Kolleginnen. Wie sie hieß wusste Noatak allerdings nicht zu sagen; hatte sie ihren Namen bereits genannt, so hatte er diesen bereits wieder verdrängt. Es gab schließlich genug anderes, das ihm Kopfzerbrechen bereitete.

Noatak hatte bislang nicht den Versuch unternommen, aus dem Fensterrahmen zu steigen und ihr zu antworten. Als die Pflegerin jedoch ein Tablett mit Essen, das sie auf einer Hand hereinbalanciert hatte, auf dem Tisch abstellte und sich daran machte, seine Kissen aufzuschütteln, stand er unter dem Protest seiner schmerzenden Glieder auf. Ohne ein Geräusch zu hinterlassen ging er zum Tisch, sein Herz schneller schlagend als zuvor. Nicht die Schüssel Reis und die dampfende Tasse Tee hatten sein Interesse erweckt, sondern das, was unter dem Tablett lag. Mit angehaltenem Atem zog Noatak eine Zeitung hervor, datiert auf den gestrigen Tag. Stirnrunzelnd überflog er die Schlagzeilen auf der Titelseite, bevor seine Augen an zwei Bildern hängen blieben. Eines zeigte Tarrlok, eines die Zeichnung eines Gesichtes.

Seines Gesichtes.

Noatak klappte die Zeitung wieder zu, diesmal aber so, dass die Titelseite nach innen gekehrt war. Nach ihnen beiden wurde gesucht, in seinem Falle sogar höchst dringlich gefahndet. Nun, er hatte nichts anderes erwartet. Seine Equalisten und er hatten die Ordnung in Republica gehörig in ihren Grundfesten erschüttert, die Regierung gestürzt und sogar die Vereinten Streitkräfte auf den Plan gerufen. So leicht würde es wohl nicht werden, Amons Vermächtnis von aller Welt vergessen zu machen.

Wäre seine Lage eine andere, Noatak hätte sich sehr darüber gefreut.

Stattdessen hielt er weiterhin die Zeitung in der Hand und tat so, als würde er das Gedruckte der letzten Seiten intensiv studieren. Es war alles andere als gut, dass so vehement nach Tarrlok und ihm gesucht zu werden schien. Wie lange würde es wohl dauern, bis neugierige Blicke Ganluo erreichten? Und sie einmal mehr in den Fokus gerieten, nur diesmal verletzt und geschwächt und wohl kaum dazu bereit, zurückzuschlagen…
Das Interesse um seine Person konnte Noatak nachvollziehen, und er selbst war es auch nicht, um den er sich die größten Sorgen machte. Aber weshalb stand Tarrlok mit ihm auf einer Stufe? Einerseits waren da zwar die Anschuldigen, Avatar Korra entführt zu haben, ganz zu schweigen von dem kompromittierenden Fakt, dass er ein Blutbändiger gewesen war. Doch auch nur wegen ihm hatte die Antibändigerrevolution solch eine grandiose Niederlage erleiden können, denn von alleine hätte dieses vorwitzige Mädchen wohl kaum erschließen können, wer und vor allem was Amon in Wirklichkeit war. Sein Bruder hatte ihn an den Avatar verraten, hatte gehandelt, wie es nur ein Gegner der Equalisten hätte tun können. Weshalb also suchte Republica nach Tarrlok? Um ihn zu ehren – oder ihn zu bestrafen?

Noatak biss die Zähne zusammen, ein metallischer Geschmack breitete sich in seinem Mund aus. Wahrscheinlich Letzteres. Nun, was das anging, waren sie zu spät. Tarrlok hatte sich bereits bestraft, mehr als es sich je einer der ach so Rechtschaffenden vorzustellen vermocht hätte. Aber eventuell war gerade das ihr Glück. Noatak hatte seinen Bruder nicht wieder zu Gesicht bekommen, seit er erwacht war, doch seiner Befürchtung nach war dieser wohl wesentlich schwerer verwundet als er selbst. Und wenn die Krankenschwestern bereits ihn in lauter Verbände gepackt hatten, wäre Tarrlok unter Umständen kaum zu erkennen. Zumindest vorerst nicht.
Was ihn anging, machte Noatak sich über seinen Fandungsaufruf keine Sorgen. Offizielle Photos gab es von ihm nicht, und die Zeichnung war zwar passabel, aber eine allzu große Ähnlichkeit bestand dennoch nicht. Solange er nicht den Mund aufmachte, würde wohl niemand in ihm Amon wiedererkennen, den skrupellosen Anführer der Equalistenrevolution und gemeingefährlichen Blutbändiger.

Oh, er liebte diese Medienplattitüden jetzt schon.

„Du hast ja schon wieder an deinen Verbänden herumgefummelt!“ Die helle Stimme der Pflegerin holte Noatak zurück in das Hier und Jetzt; verwundert stellte er fest, dass sie direkt neben ihm stand und seine Arme inspizierte. Zwar hatte er ihre Anwesenheit beiläufig mitbekommen, so hartnäckig, wie ihr Herz nun einmal schlug, aber genauso gut hätte sie eine gedankenlose Stubenfliege seien können, die um ihn herumschwirrte.
„So was aber auch, du weißt ganz genau, dass du das nicht machen sollst“, schollt sie ihn, ergriff seinen Arm und rückte die Binden fachmännisch zurecht. „Und wer hat dir eigentlich erlaubt, aufzustehen und dich so ins Fenster zu hocken? Erstens solltest du im Bett bleiben und dich ausruhen und zweitens strahlt das Glas zu viel Kälte ab. Eine Erkältung ist das Letzte, was du jetzt gebrauchen kannst.“

Noatak war leidlich beeindruckend von ihrer Fähigkeit, scheinbar ohne Punkt und Komma reden zu können, während sie ihn zurück ins Bett schob, die Decke über ihm ausbreitete und dann das Tablett mit Essen vor ihn stellte.

„Da, guten Appetit. Wenn du noch etwas haben möchtest, sag einfach Bescheid.“ Ihr Mund schloss sich und wohltuende Stille erfolgte, doch ihr eindringlicher Blick, nun endlich das Besteck zu nehmen und zu essen, war Noatak sogar noch unangenehmer als ihre viel zu hohe Stimme.
Einen Bissen des mit Pilzen und Sprossen angerichteten Reis hatte er gerade so herunterbekommen, als sie auch schon wieder fragte: „Wie heißt du eigentlich?“
Noatak hatte in ebendiesem Moment den Mund voll, doch ehe er auch nur die Möglichkeit hatte, eine Antwort zu geben, plapperte sie bereits weiter: „Wir brauchen deinen Namen, weißt du, denn wir müssen ja auch Berichte über dich schreiben und Akten ausfüllen. Das Gleiche gilt ebenfalls für die Arzneimittel und Medikamente, die dürfen wir auf keinen Fall mit anderen Patienten verwechseln. Das gäbe Ärger, das kannst du mir glauben. Das eine Mal, da-“

„Lai.“

Die Schwester, die bei ihren Monolog im Zimmer auf- und abspaziert war, blieb stehen und guckte Noatak mit großen Auen an. „Lai? Ist das dein Name?“, erfasste sie mehr oder weniger schnell.

Noatak nickte und wendete sich abermals seiner Mahlzeit zu, obwohl sein Magen sich wie ein Stein anfühlte. Er hatte bereits damit gerechnet, dass diese Frage früher oder später kommen würde. Seinen Geburtsnamen konnte er schlecht nennen, nachdem Avatar Korra ihn lauthals herauskrahkehlt hatte. Und Amon war verschwunden, zumindest vorerst.

„Ein schöner Name“, sagte die Pflegerin lächelnd. „Da kann ich nachher gleich meine Unterlagen aktualisieren. Was das betrifft, hätte ich noch ein paar weitere Fragen an dich.“

Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete Noatak, wie die junge Frau sich einen der Stühle, die um den kleinen Tisch herum platziert waren, nahm und diesen nahe an seine Bettseite stellte. Eilig strich sie sich eine verirrte Haarsträhne aus der Stirn, bevor ihre dunkelbraunen Augen ihn abermals erfassten.

„Wenn wir einmal bei Namen sind“, begann sie, „würde ich zunächst gerne wissen, wie der deines… Begleiters lautet.“

Ihre Frage, wenngleich unverfänglich gemeint, ließ Noatak erschauern, zumindest innerlich. Anmerken konnte sie ihm nichts, wie er den Blick gesenkt hielt und sich eine weitere Portion Reis in den Mund schob, um ihr nicht antworten zu müssen. Denn es war eine Sache, die eigene Identität zu verleugnen, vorzugeben, jemand anderes zu sein. Er hatte Übung darin, und gewissermaßen wünschte er bereits seit langer Zeit, Noatak endlich hinter sich gelassen zu haben. Aber Tarrlok verleugnen? Seinem Bruder eine neue Identität andichten, um ihrer beider Leben zu schützen?

So absurd es auch erschien, doch Noatak konnte es einfach nicht über sich bringen.

Geduldig war sie, die Pflegerin, das musste er zugeben. Auch als er zu ende gegessen hatte, nur noch einige Reiskörner von der einen Seite auf die andere schob und weiterhin nicht gedachte zu antworten, bedrängte sie ihn nicht. Sie strahlte eine stoische Ruhe aus, die Noatak von sich selbst her nur allzu gut kannte – und die er sich sehnlichst zurückwünschte.

Mit ausdruckslosem Gesicht wandte er sich an sie, beide Hände fest um die Schüssel gelegt. „Darf ich dir im Gegenzug ebenfalls eine Frage stellen?“, sagte er, und als die Frau etwas verblüfft dreinschauend nickte, fuhr er fort: „Wie lautet denn dein Name?“

Das Lächeln von zuvor kehrte zurück und schlich sich auch in ihre Stimme: „Du hast meinen Namen wohl bereits wieder vergessen? Nicht schlimm, wenn man berücksichtigt, in welchem Zustand du hierhergekommen bist, hattest du wahrlich an wichtigeres zu denken.“ Kurz räusperte sie sich, ehe sie erklärte: „Jedenfalls, ich heiße Kiri.“

Noatak gab keine Reaktion von sich, die erkennen ließ, was er von dieser Information hielt. Gewissermaßen interessierte es ihn auch kein bisschen, wie seine Pflegerin nun hieß, aber er wusste, das Wissen um eine Namen verlieh Macht. Und schließlich hatte sie sich auch nach seinem erkundigt, da war es nur gerecht, ihren ebenfalls zu kennen.

„Gut, Kiri also“, sagte er beiläufig, ehe er die leere Schüssel neben sich stellte und ihr wieder seine volle Aufmerksamkeit widmete. „Ich habe noch eine Frage: Wie geht es dem Mann, der bei mir war?“

Seine Frage schien Kiri nicht zu überraschen, doch sogleich veränderte sich ihr Gesichtsausdruck, wurde härter, undurchdringlicher.

„Lai, ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll… es wäre besser, wenn du dich bereits mehr erholt hättest, und-“

„Bitte.“ Noatak hockte sich auf die Bettkante, ihr direkt gegenüber. Er hasste es, die Frau anzubetteln, einzugestehen, dass er auf sie angewiesen war, aber er musste wissen, wie es um Tarrlok stand. Unbedingt.

„Kiri, bitte sag es mir. Auch wenn du nichts gutes zu berichten hast, will ich es trotzdem erfahren. Die Ungewissheit macht mich noch verrückt.“ Kurz zögerte er, ehe er alle Verzweiflung, allen Schmerz in seine Stimme legte: „Er ist mir unglaublich wichtig.“

Resigniert seufzte Kiri auf, murmelte etwas, das er nicht verstand, und verschränkte die Finger ineinander. „Na schön. Zunächst kann ich dir mitteilen, dass es ihm langsam besser zu gehen scheint. Noch ist er nicht wieder erwacht, aber er ist einigermaßen stabil, und das Fieber geht auch zurück.“ Trotz dass sie kein bisschen begeistert über ihre Worte klang, konnte Noatak nicht anders, als Erleichterung zu verspüren. Tarrlok lebte noch, es würde ihm besser gehen, irgendwann.
Wenigstens konnte er weiter hoffen.

„Dennoch, ich fürchte, der Heilungsprozess wird viel Zeit in Anspruch nehmen“, erläuterte Kiri weiter. „Und er wird Narben zurückbehalten, weit mehr als du. Außerdem...“

Noatak horchte auf. Mit Narben hatte er gerechnet, doch momentan war ihm das egal. Sein Bruder hatte sich das selber angetan, und wenn er mit den Konsequenzen seines Handelns würde leben müssen, wäre das zwar hart, aber nur gerecht.
Er selbst würde es schließlich auch tun müssen.

Allerdings war es nicht das, was Kiri sagte, das Noatak beunruhigte, sondern vielmehr das, was sie ihm eben nicht sagte. Ihren letzten Satz hatte sie unbeendet gelassen, wich nun seinem Blick aus. Ihr Herz schlug fühlbar schneller, nicht wie bei jemanden, der log, doch sehr nah dran.
Wie jemand, der etwas verschwieg.

„Und weiter?“ Noatak lehnte sich leicht nach vorne, seine Hände auf die Knie gelegt. „Kiri, was ist denn noch?“

Sie sah zu ihm auf, schien etwas sagen zu wollen – und schüttelte ratlos den Kopf. „Lai, es wäre zu viel...“

„Ich will wissen, was du mir verschweigst!“

„… na gut.“ Die dunklen Augen Kiris richteten sich auf ihn, und nur langsam, behutsam, wichen die Worte aus ihrem Mund: „Es geht um den rechten Arm deines Freundes, Lai. Du musst mir glauben, wir haben alles getan, was in unserer Macht stand, aber… wir mussten ihn operieren.“

Noatak schwieg, versuchte das Gehörte zu verarbeiten. Sein rechter Arm… operieren…
Ein Bild flackerte vor seinem inneren Auge wieder, ein Gewirr aus Farben, zusammenhanglose Eindrücke… Rot, so viel Rot, und dazwischen etwas, das wohl einmal Haut und Fleisch und Knochen gewesen seien mochte…

„Wie viel?“, flüsterte er.

„Wie bitte?“

„Wie viel musstet ihr… operieren?“, wiederholte er, diesmal lauter, schärfer. Seine Hände krallten sich wie von selbst in den Stoff seiner Hose, weiß traten die Knöchel hervor. Ein zuvor unterdrücktes Zittern durchfuhr Noataks Körper, und schon bereute er es, soeben etwas gegessen zu haben.

Kiri neigte leicht den Kopf, sodass nicht länger zu sehen war, was in ihr vorging. Dann erhob sie sich aus dem Stuhl und setzte sich neben ihren Patienten auf das Bett und ergriff dessen rechten Arm. Noatak lockerte seinen Griff und sah, wie sich Kiris lange, schmale Finger in seiner unteren Armbeuge platzierten.

„Bis hierhin haben wir den Arm amputiert. Als wir euch fanden, war schon kaum noch etwas von er Hand zu sehen und die Finger bereits nicht mehr vorhanden. Mein Team und ich versuchten zwar, mehr vom Unterarm zu erhalten, doch der Knochen war bis zu dieser Stelle vollkommen zersplittert. Zudem hatte das Gewebe bereits begonnen zu eitern, eine übergreifende Nekrose wollten wir vorsorglich verhindern… also dass auch noch der verbliebene Rest des Armes beginnt abzusterben.“
Kiri atmete schwer aus, sanft strich sie über Noataks Verbände. „Was habt ihr nur angestellt, ihr zwei?“

Noatak schluckte. Was sollte er dazu schon sagen? Dass sie auf dem offenen Meer gewesen waren, als Tarrlok nichts Besseres in den Sinn gekommen war, als sie beide umbringen zu wollen? Wohl kaum. Dieser Erklärung würden Fragen folgen, unangenehme Fragen, die er noch nicht bereit war zu beantworten. Vorher wollte er sich und vor allem Tarrlok in Sicherheit vor ihren Verfolgern wissen.

Zumindest das, was von ihnen noch übrig war.

„Nun?“ Kiri ließ ihn los und legte die Hände in den Schoß. „Was ist passiert, Lai? Woher stammen diese Verletzungen? Woher stammt ihr? Und wie heißt denn nun dein armer Freund?“

Es hätte schwierig für Noatak werden können, sich all diesen Fragen zu stellen, wenn sie nicht in ebendiesem Augenblick in den Hintergrund gerückt wären. Er selbst spürte es sogar, bevor die Ablenkung ihren Weg überhaupt zu ihnen fand, denn das aufgeregte Herumlaufen mehrerer Personen auf dem Gang vor seinem Zimmer konnte er gar nicht ignorieren. Reflexartig wandte er den Kopf Richtung Zimmertür, als er einen herannahenden Herzschlag spürte, und nur Sekunden später wurde sie von einer weiteren Krankenschwester aufgerissen.

„Kiri! Hier steckst du! Komm schnell, der Patient aus Zimmer Vier ist aufgewacht!“

Die Angesprochene sprang geradezu aus dem Bett auf und eilte zu ihrer Kollegin. Während diese bereits weitergegangen war, blickte Kiri nochmals zu Noatak zurück – und da verstand er.

Erneut ignorierte er den schmerzhaften Protest seiner geschundenen Glieder, als er es der jungen Frau gleichtat, aus dem Bett flüchtete und sogleich ihren Arm umklammerte.
„Es geht um ihn, oder?“, fragte Noatak, die Antwort bereits ahnend.

Kiri nickte. „Lass mich los, Lai, ich muss mich doch um ihn kümmern.“

„Ich komme mit!“

„Vergiss es!“ Energisch schob sie ihn von sich und tippte mit dem Zeigefinger an seine Brust. „Ich muss mir erst einen Überblick verschaffen. Wenn ich es für richtig halte, kannst du vielleicht zu ihm, aber erst einmal-“

„Kiri, bitte.“ Sich selbst dafür verachtend, dermaßen verzweifelt zu klingen, packte Noatak sie an den Schultern und versuchte, nicht die Beherrschung zu verlieren. „Lass mich zu ihm. Ich will doch nur wissen, dass es ihm gut geht.“ Er verstummte, und ihm war, als spräche ein anderer als er selbst die nächsten Worte: „Er ist mein kleiner Bruder… er ist alles, was ich noch habe...“

Kiri blinzelte, einmal, zweimal. Dann seufzte sie auf. „Vor mir aus. Warte vor dem Zimmer. Ich lasse dich holen, sobald es geht.“

Sie ging und Noatak folgte ihr wie ein Schatten, ohne ein weiteres Wort des Protestes verlauten zu lassen. Es hätte sowieso nichts gebracht. Kiri eilte den Flur entlang, bevor sie bei einer weiteren Krankenschwester stehenblieb, die ihr die Tür zu einem Raum öffnete. Gerade als Noatak mit hineinschlüpfen hätte können, stellte die Pflegerin sich vor ihn und versperrte ihm den Zugang.

„Du musst draußen bleiben“, sagte sie mit näselnder Stimme, derweil sie ihn von oben bis unten in Augenschein nahm. „Geh auf dein Zimmer zurück. Du hast hier nichts zu suchen.“

„Kiri sagte, ich dürfe mit hinein“, stellte Noatak klar und spürte eine kalte Wut in sich aufsteigen, als die Frau ungläubig die Brauen hob.

„So, sagte Kiri das? Dann hätte sie dich doch gleich mitgenommen, statt dich hier draußen stehen zu lassen.“

Noatak nahm einen tiefen Atemzug, um nicht die Beherrschung zu verlieren. Das selbstgefällige Grinsen der Krankenschwester, das sie ihm schenkte, reizte ihn ungemein ihr zu zeigen, dass er nicht so mit sich reden ließ. Aber er musste sich zurückhalten. Kiri würde ihn wohl ihn wohl kaum zu Tarrlok lassen, wenn er ihrer Kollegin einmal deutlich machte, mit wem sie sich gerade anlegte. Und ganz abgesehen davon, dass er keinesfalls Aufmerksamkeit auf sich ziehen durfte, war diese Frau es wohl kaum wert, sich in Schwierigkeiten zu bringen. Ganz egal, wie demütigend das alles auch war.

Kein weiteres Wort erwidernd drehte Noatak sich auf der Stelle um; anstatt aber wie befohlen in sein Zimmer zurückzukehren, lehnte er sich mit verschränkten Armen an die der Tür gegenüberliegende Wandseite. Die Pflegerin ließ ihn nicht aus den Augen, ein Fakt, der ihm sehr wohl bewusst war, obwohl er seinen Blick den Gang entlang gerichtet hatte. Nur scheinbar betrachtete er sich den schlichten, mit dunklem Holz und Strohmatten ausgekleideten Flur, in dem vereinzelt kleine Kommoden mit Blumengedecken platziert waren. In Wahrheit jedoch versuchte Noatak sich auf die Herzschläge der Anwesenden zu konzentrieren. Klar und deutlich nahm er den der unfreundlichen Schwester war, und im Zimmer erspürte er weitere, etwas undeutlicher. Wie viele es waren vermochte er nicht sicher einzuschätzen, vielleicht vier oder fünf, mehr nicht. Einer jedoch, das blieb ihm nicht verborgen, pulsierte schwächer, dumpfer.
Noatak machte sich keine Illusionen darüber, von wem er wohl stammen könnte.

Minuten verstrichen, die sich wie Stunden anfühlten, als plötzlich Bewegung in die Sache kam. Bereits bevor die Tür zu Tarrloks Zimmer geöffnet wurde und Kiri heraustrat straffte Noatak die Schultern. Sie hatte ihn noch kaum zu sich gewunken, da hatte er sich bereits an den beiden Frauen vorbeigedrängt und stand mit einem Mal im Raum. Dieser war, bis auf unbedeutende Details wie eine weitere Kommode oder eine andere Platzierung der Möbelstücke absolut identisch mit seinem eigenen eingerichtet worden. Doch Noatak, der sonst immer seine unmittelbare Umgebung aus Gewohnheit und Vorsicht in Augenschein nahm, bemerkte dies nicht einmal. Sein Blick hatte sich wie von selbst zum Bett gerichtet, an dessen Seiten je eine Pflegerin stand. Selbst diese blendete er vollständig aus, sah nur denjenigen, der, von einer Krankenschwester gestützt, halbwegs aufrecht dasaß.
Hätte Noatak es nicht besser gewusst, hätte er nicht diesen schwachen, fernen Herzschlag wiedererkannt – er hätte es nie für möglich gehalten, dass das sein Bruder seien sollte. Verbände waren ihm angebracht worden, jedoch reichten sie nicht wie bei Noatak nur zum Halse. Auch das Gesicht hatten sie ihm verbunden, bis auf die Mundpartie und das linke Auge war nicht zu erkennen, wer sich darunter verbarg. Das wenige an Haut, das unbedeckt geblieben war, wirkte blass, geradezu gräulich, eingefallen und krank. Seine linke Hand, sie lag auf der hellen Bettdecke, und das, was seinem rechten Arm noch geblieben war, darunter.
Die Krankenschwester zu seiner Linken beugte sich nahe zu ihm, flüsterte etwas, und langsam, benommen hob ihr Patient den Kopf. Und zum ersten Mal trafen sich ihre Blicke, Noataks voll stummen Entsetzens, Tarrloks absolut leer.

Ein stechender Schmerz fuhr durch seine Brust, als Noatak realisierte, dass er den Atem angehalten hatte. So lange hatte er gefordert, endlich zu Tarrlok zu dürfen, ihn zu sehen, sich zu vergewissern, dass er nicht zu spät gewesen war. Nicht eine Sekunde lang hatte er dabei überlegt, was er tun würde, stände er seinem Bruder tatsächlich gegenüber.
Als Noatak nun einen Schritt nach vorne trat, dann noch einen und noch einen, fühlte er alles auf einmal. Erleichterung, Freude, Bedauern, Verwirrung, Furcht. Schließlich blieb er vor Tarrlok stehen, der ihn noch immer anschaute, als wäre er gar nicht da. Die Pflegerin neben ihm, sie zog sich zurück, und plötzlich wusste Noatak ganz genau, was er zu tun hatte.

Klatsch!

Kaum war der Hall von Noataks schallender Ohrfeige verklungen, breitete sich eine geradezu gespenstische Stille im Zimmer aus. Aber nicht für lange.

„Das war es also, was du vorhattest?!“ Noataks Hand, bis eben erhoben, ballte sich zu einer Faust, die er vor Wut bebend nach unten stemmte. „Das war dein Plan?! Uns beide genüsslich im Meer zu ertränken wie zwei Straßenratten?!“

Jemand berührte ihn, zog ihn an den Schultern zurück, redete auf ihn ein. Noatak war es egal, er bemerkte es nicht einmal. Nichts als seinen brodelnden, geradezu explodierenden Zorn nahm er noch war, der sich seinen Weg bahnte, unaufhaltsam, unauslöschlich. Und Tarrlok, der bei seinem Schlag nach vorne gesackt war, wie das schwache, zerfetzte Häuflein Mensch, zu dem er verkommen war.

Noatak brüllte weiter, tobte und schrie seinen Bruder an, wie er es noch nie zuvor in seinem Leben getan hatte. Seine unbändige Rage, sie fühlte sich heiß und kalt zugleich an, und was er da überhaupt von sich gab, wusste er später nicht mehr zu sagen.
Irgendwie gelang es den Krankenschwestern ihn aus dem Zimmer zu bringen; kaum hatte sich die Zimmertür vor ihm geschlossen wurde er erneut hinfortgerissen. Wie sein Zorn langsam verrauchte bemerkte er, dass Kiri ihn fest am Handgelenk gepackt hielt und ihn mit sich zu seinem eigenen Zimmer zerrte. Sie stieß ihn geradezu hinein und knallte die Tür hinter sich zu. Ein Blick von ihr genügte, um Noatak wissen zu lassen, dass es nun Kiri war, die vor lauter Wut geradezu kochte.

„Was ist denn nur los mit dir?!“, polterte sie los, und ihre hohe Stimme schmerzte ihn in den Ohren. „Bist du jetzt völlig übergeschnappt oder was?! Wir schaffen es gerade so, deinen Bruder aufzuwecken, und du schlägst ihn gleich wieder bewusstlos? Was bist du nur für ein Idiot!“

Noatak, der sich bei ihrer Tirade die Haare gerauft und im Zimmer auf- und abgelaufen war, drehte sich zu ihr um. Kiri, die wohl hatte weitermachen wollen, klappte den Mund zu und erwiderte seinen Blick, wütend und fassungslos zugleich.

„Und? Nun sag schon! Was sollte das gerade eben?“

„Ich...“ Noatak verstummte, wandte sich von der Pflegerin ab und stellte sich ans Fenster. Eine trügerische Ruhe sprach aus seiner Haltung, wie er die Arme hinter dem Rücken verschränkte, eine Hand in die andere gelegt. Nur er selbst bemerkte, dass eine von ihnen zitterte.

„Es geht dich nichts an“, sagte er schließlich mit leiser, aber mehr als deutlicher Stimme.

„W-was? Es geht mich nichts an? Es geht mich nichts an?!“ Kiri lief ihm hinterher, stellte sich viel zu nah neben ihn, noch gereizter als zuvor. „Was glaubst du eigentlich, wer du bist?! Denkst du, ich schlage mir aus Jux und Tollerei seit Tagen die Nächte um die Ohren, um euch zwei am Leben zu erhalten? Denkst du, es ist mir egal, dass wir deinem Bruder nicht mehr helfen konnten? Denkst du-“

Sie verstummte und stolperte einen Schritt zurück. Jegliche Farbe wich aus ihrem Gesicht, das zugleich einen erkennenden, verstehenden Ausdruck annahm. Noatak musterte sie skeptisch. Was war ihr gerade bewusst geworden? Ob sie eins und eins zusammengezählt hatte? Ob sie erkannt hatte, wem sie da das Leben gerettet hatte? Wenn dem so war, blieb ihm nichts anderes übrig…

„Sag es noch einmal“, forderte Kiri flüsternd, eine Hand an ihr Kinn gelegt.

„Wie bitte?“

„Du sollst wiederholen, was du zu deinem Bruder gesagt hast!“, wiederholte sie nun lauter und warf ihre Arme in einer hilflosen Geste in die Luft. „Das, was gleich nach der Ohrfeige kam! Das mit dem… Ertränken.“

Noataks Lippen verzogen sich zu einer schmalen Linie, und abermals wandte er sein Gesicht ab.

„Ich sagte doch, es geht dich nichts an.“

„Lai, verflucht nochmal, sag mir die Wahrheit! Ist das-“, sie zeigte auf seine bandagierten Arme, „ist das alles die Folge eines Unfalls? Oder steckt doch mehr dahinter?“

Er konnte einfach nicht anders als leise aufzuseufzen, eine Hand gegen die kalte Glasscheibe lehnend, denn es drehte sich vor seinen Augen. „Und wenn es so wäre?“, entgegnete Noatak hohl. „Wenn mein Bruder uns beide hat umbringen wollen?“

Ausgehend davon, dass Kiri eine Krankenschwester war, hätte er damit gerechnet, dass sie ihm ihr Mitleid ausspräche, bestürzt über diese Aussage wäre, ja sich für ihr vorheriges Gemecker entschuldigen würde. Falsch gedacht. Stattdessen boxte sie geradezu gegen Noataks Arm, sodass er erschrocken aufschrie und von ihr zurückwich.

„Was soll denn das?!“, fragte er reichlich empört und rieb sich die schmerzende Stelle. „Ich dachte, meine Haut solle heilen und nicht noch weiter lädiert werden?!“

„Du bist wirklich ein Idiot“, bekam er von Kiri zur Antwort, als sie zurück zur Tür stampfte. Dort verharrte sie, einen seltsamen Ausdruck im Gesicht tragend. „Du bist wirklich ein Idiot, Lai. Du hättest uns das mit dem Suizidversuch gleich sagen müssen! Im Zimmer deines Bruders standen jederzeit Instrumente und Medizin. Was, wenn er bereits vorher erwacht wäre, allein? Wir konnten doch nicht ahnen, dass wir uns um seinen psychischen Zustand viel mehr Sorgen machen sollten als um seine Wunden! Eines will ich dir sagen, Lai: Wer so etwas fertigbringt, wie es dein Bruder getan hat, wird wohl nicht sonderlich an seinem Leben hängen. Vielleicht hast du eben mit deinem netten, kleinem Ausbruch keinen weiteren Schaden angerichtet. Vielleicht hast du aber auch alles noch viel, viel schlimmer gemacht.“
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