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Getting Out

von LonelyLeo
Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Castiel OC (Own Character)
19.02.2019
10.10.2021
24
53.385
3
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Dieses Kapitel
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01.04.2019 2.925
 
Am Wochenende genoss ich die Zeit, die ich allein verbrachte. Lysander lernte bereits für die ersten Klausuren, die für mich durch meine Kurswahl allerdings noch etwas weiter in der Zukunft lagen. Es meldete sich auch fast den ganzen Samstag und Sonntag über niemand, der irgendetwas von mir hätte wollen können. So hatte ich keine größeren Verpflichtungen, sah man davon ab, dass ich das Haus oberflächlich putzte, einkaufen ging, Wäsche wusch oder sonstige Kleinigkeiten erledigte, die alle zwei Wochen mal im Haushalt anfielen.
Besonders Demon freute sich über die Zusätzliche Aufmerksamkeit, die er bekam. Wir drehten gemeinsam große Runden durch den Park oder lagen reglos auf dem Sofa. Manchmal spürte man eben doch sehr deutlich, wer diesen Hund erzogen und geprägt hatte.
Erst spät am Sonntagabend ließ mein Handy etwas von sich hören. Neben der stummgeschalteten Stufengruppe blitzte oben der Chat mit Amber auf. Reflexartig verdrehte ich die Augen und wünschte mir fast, sie hätte diese Geste sehen können. Amber ging mir in regelmäßigen Abständen mindestens genauso penetrant auf den Geist wie ihr Zwilling, auch wenn die Intention vermutlich die Gegenteilige war. Vor einigen Monaten hatte ich die Blonde Zicke mal stumm geschaltet, zeitweise auch blockiert. Es hatte sich aber schnell herausgestellt, dass sie im persönlichen Kontakt dann nur noch anstrengender war. Also ärgerte ich mich damit rum, ihre Nachrichten zwar zu lesen, dann aber zu ignorieren oder in wenigen Worten zu beantworten, in der Hoffnung, mein Desinteresse sprang ihr durchs Display entgegen.

>> Naa~ Ich habe gehört, du gibst jetzt sogar Nachhilfe (; <<


Natürlich, Nathaniel musste es gegenüber ihr erwähnt haben.
Mir dämmerte direkt, was ihr auf der Zunge lag. Ich erklärte ihr sogleich präventiv, dass das eine absolute Ausnahme war und ich nicht daran interessiert war, überhaupt irgendwem anders Nachhilfe anzubieten. Schon nach wenigen Sekunden tippte sie wieder. Meine Aussage ignorierend fragte sie, ob ich ihr nicht doch in dem ein oder anderen Fach helfen könne.
Genervt von ihrer Unfähigkeit oder doch beeindruckt von ihrer Ignoranz — was auch immer. Ich legte das Handy aus der Hand, um nicht weiter darauf eingehen zu müssen. Wenn sie wirklich Hilfe bräuchte, dann könnte sie ja wohl Nathaniel fragen, das war viel naheliegender. Ich würde mich damit nicht auseinander setzen, schon gar nicht so spät am Sonntagabend.
Ein genervter Laut verließ meine Lippen. Dieser abendliche Tiefpunkt bot mir die passende Gelegenheit, einfach ins Bett zu gehen, auch wenn ich mein Wochenende ganz sicher nicht so hatte enden lassen wollen. Dann würde ich wenigstens nicht mehr mitbekommen, wenn Amber mir noch etwas schrieb. Sie würde mich spätestens am nächsten Tag ja sowieso noch einmal darauf ansprechen, da brauchte ich mir auch jetzt nicht den Mund fusselig zu reden.
Weil ich sie in meinen Gedanken schon vor Empörung schnattern hören konnte, ging ich Amber am Montag auch lieber bestmöglich aus dem Weg — nicht, dass ich das nicht sowieso immer tat, aber heute wollte ich mich erst recht nicht in ein gezwungenes Gespräch verwickeln lassen. Lysander und ich verkrochen uns dementsprechend an unüblichere Plätze, wozu auch die Raucherecke vor dem Schulgebäude gehörte. Darüber hinaus schonte das auch noch die Nerven des Schülersprechers, der mich dann in meiner Freistunde auch einfach in Ruhe lassen und nicht vom Schulgelände verjagen würde, wenn er mich überhaupt fand. Damit schlug ich zwei Fliegen mit einer Klappe: Ich wich beiden blonden Monstern aus.
Lysander ließ sich mittlerweile zum Glück recht leicht überzeugen, mir in der Raucherecke ein wenig Gesellschaft zu leisten. Zwar hustete er hier und da vom Rauch, dem er nie ganz ausweichen konnte, allerdings hatte sich seine Rauchtolleranz über das letzte Jahr deutlich erhöht. Er war nicht mehr ganz so empfindlich und wir konnten uns problemlos auch an diesem Ort unterhalten. Blieb also bloß noch zu hoffen, dass sich die rauchenden Lehrer heute nicht in Massen hier her zurückzogen.
Während ich meine Zigarette genoss, erzählte ich Lysander beiläufig von meinem ereignislosen Wochenende, was er wohl gern gegen das seine getauscht hätte, wenn ich mir so anhörte, welche Klausuren für ihn zeitnah wieder anfielen.
Unser entspanntes Gespräch hatte mich aber offensichtlich zu früh in Sicherheit gewogen. Gerade hatte ich mich noch über die Ruhe in der Raucherecke gefreut, als ich ein mir bekanntes schwarzhaariges Mädchen zielstrebig in unsere Richtung laufen sah. Fast reflexartig verdrehte ich meine Augen. Man ließ mir ja nicht einmal die Möglichkeit, ihr noch kurzfristig auszuweichen!
„Cas?“, begann sie direkt von weitem und ich dachte schon, ich hätte mich verhört. „Für dich ja wohl Castiel.“ Genervt pustete ich den Rauch aus. Konnten sämtliche Leute bitte allesamt aufhören, mir einfach Spitznamen zu geben, denen ich niemals zugestimmt hatte? Ariane fächerte bloß den Rauch kurz beiseite, lächelte aber weiter zu mir hoch, wobei sie mir ein paar Blätter hinhielt. Mir riss bald noch der Geduldsfaden! Kaum hatte Nathaniel aufgehört, mir mit irgendwelchen Dokumenten nachzurennen, löst ihn einer ab, oder was?
„Dann eben Castiel, ich dachte nur das andere ist einfach etwas kürzer.“ Ihr Ausdruck war nicht weniger freundlich als vorher.
„Was ist das?“
„Das sind Jamie‘s Aufgaben, er hat sie heute morgen liegen lassen. Wenn er heute Nachhilfe hat dachte ich, er braucht sie. Ich kann ihn aber nicht finden, da hab‘ ich gedacht, wenn ich dich gerade sehe...“
„... gibst du sie mir, weil du deinem Bruder seinen Mist hinterherträgst?“, vervollständigte ich den Satz harsch. Zu meiner Überraschung lachte sie leise. „So in etwa.“ Noch während ich mich zum wiederholten Male fragte, woher dieses Mädchen ihre Positivität nahm und wie um Himmels Willen jemand wie sie Jamie’s Schwester sein konnte, nahm ich die Blätter an mich.
„Er kann sich glücklich schätzen, jemand so aufmerksames um sich zu haben“, meinte Lysander, der das Gespräch bisher schweigend verfolgt hatte. „Sagst du nur, weil du alles überall vergisst und es dir keiner nachträgt“, brummelte ich und hatte mich eigentlich schon von der Schwarzhaarigen abgewandt, doch stand sie noch immer vor mir, als warte sie auf etwas.
„Sonst noch was?“
„Eigentlich nicht, nein...“
„Dann auf ins Gebäude. Die Raucherecke ist kein Kinderspielplatz.“
Pünktlich dazu hörte man das Klingeln über den Platz schallen, was sie hoffentlich zum Unterricht jagen würde. „Kinderspielplatz? Ich bin doch kein Kind!“, verteidigte sie sich jedoch erst grinsend, ehe sie letztendlich in Richtung Gebäude huschte. Vielleicht glaube sie ja, ich würde einen Moment Schritt halten, stattdessen blieb ich noch etwas stehen um fertig zu rauchen. Als sie das bemerkte, zuckte sie mit den Schultern und winkte, bevor sie sich endlich ganz verzog. Ich hatte am Montagmorgen schlichtweg noch nicht die Nerven, mich mit ihr auseinanderzusetzen.
„Manchmal bist du wirklich etwas zu hart, meinst du nicht?“, meinte Lysander beiläufig. Ich schnaubte leise. „Seit der Nachhilfe hab‘ ich mehr Leute um mich rum, als mir lieb ist und ständig will irgendwer irgendwas. Nach nicht einmal einer Woche! Ich finde, da braucht man sich nicht zu wundern.“ Ich würgte Lysander’s Antwort damit ab, dass wir uns heute Nachmittag sehen würden und ich mich nach den letzten beiden Stunden erst einmal zur Nachhilfe verdrücken würde, die heute lange nicht so viel Zeit beanspruchen würde wie die letzten Male.
Wie geplant verzog ich mich zur Mittagspause in den üblichen Raum, in dem Jamie bereits wartete. Wie auch schon die letzten Male rauchend und ich fragte mich, wann er das erste mal erwischt werden würde, oder ob das sogar schon einmal passiert war. Wenn ja, dann hätte ich nur zu gern gesehen, was dabei herumgekommen war.
Der Schwarzhaarige sah in meine Richtung, als ich mich mit dem Schließen der Tür bemerkbar machte. Er blies den Rauch eher halbherzig aus dem Fenster. „Hab‘ meine Aufgaben nicht dabei“, meinte er sofort. „Meinst du die hier?“, entgegnete ich, während ich die Aufgabenblätter aus meinem Block zusammenkramte. Ich hatte sie während einer langweiligen Englischstunde beiläufig korrigieren können und überrascht festgestellt, dass sich in fast 15 Nummern gerade einmal zwei Fehler eingeschlichen hatten.
Jamie’s verwirrter Blick sprach Bände, bevor er sich genervt die Schläfe rieb.
„Ariane?“
„Ariane.“
Er stieß ein Seufzen aus und drückte den Rest der Kippe aus, bevor er zu mir kam, um mir die Blätter aus der Hand zu nehmen. „Sie kann es einfach nicht lassen.“ Sicher fand er es nicht sonderlich toll, wenn man ihm seine Sachen hinterher trug — das ginge mir selbst wohl auch gegen den Strich — aber vielleicht war das für Jamie ja gar nicht mal so verkehrt. Zumindest irgendwer musste ja ein gewisses Maß an Organisation haben.
„Wenigstens hatte ich Zeit, die Aufgaben zu korrigieren. Es ist ja fast nichts falsch.“
„Du klingst, als würde dich das überraschen.“ Jamie überflog beiläufig was ich unter seine Aufgaben geschrieben hatte.
„Naja, bei allem was ich gehört habe...“, rechtfertigte ich meine Aussage.
Sowohl Nathaniel’s Erzählungen, als auch die Tatsache, wie wenig Jamie mir bisher während der Nachhilfe zugehört hatte, legten nahe, dass er nicht sonderlich gut Abschnitt.
„Nachdem du was gehört hast? Nathaniel’s Geschichten? Der behandelt mich, als wäre ich dumm. Kein Wunder, dass der dir so einen Mist erzählt“, zischte Jamie mich an und mir dämmerte vage, dass ich mich gerade unwissentlich wieder auf sehr dünnes Eis begeben hatte. Der Nachdruck in der Stimme meines Gegenübers hatte sich als sehr deutliches Indiz dafür bewiesen und ich wollte ihn etwas besänftigen. Immerhin hatte ich darauf überhaupt nicht abgezielt.
Leider war mit Jamie zu sprechen wie Topfschlagen im Mienenfeld und das ließ er mich auch zeitnah spüren.
„Du hast meine Erwartungen übertroffen, das ist doch nichts, worüber du dich aufregen musst. Ich weiß von Nathaniel nur, dass du die Nachhilfe wohl wirklich dringend brauchst, also—“
„Jetzt hör mir mal gut zu: Ich brauche das hier nicht! Ich brauche keinen Möchtegern-Klugscheißer, der mir diesen ganzen Stoff vorkaut! Was ich brauche oder nicht, weißt weder du, noch Nathaniel und ich bin es leid, dass darüber ständig Vermutungen angestellt werden! Das ‚Warum‘ geht euch einen feuchten Dreck an und wenn du nicht aufhörst, deinen geistigen Durchfall in idiotische Spekulationen zu stecken, werde ich ungemütlich. Ich kann und werde diese Nachhilfe nicht über den Haufen werfen, aber du kannst dir verdammt sicher sein, dass ich deinen Scheiß hier und ganz besonders dich nicht brauche und auch nicht länger anhöre, wenn du dich nicht darauf beschränkst, deinen Job zu machen und mich mit allem anderen in Ruhe zu lassen!“
Es war, als hätte er von der einen auf die andere Sekunde umgeschaltet. Seine Stimme hatte einen aggressiven Ton angenommen und er spuckte mir die Worte fats entgegen. Dabei wirkte er trotz seiner hageren Statur, als könnte er mich problemlos gegen die nächstbeste Wand drücken und vermutlich hielt ihn nicht mehr viel davon ab.
Der verarschte mich doch! Was auch immer ich gerade angerissen hatte, das gab ihm kein Recht, mich schon wieder derart anzugehen! Das war nicht mein Job, ich machte das so gesehen freiwillig, ganz abgesehen davon, dass er überall einen verdammten Angriff sah, wo doch nicht mal einer war!
Ich hatte meine Hände bereits zu Fäusten geballt und war kurz davor, ihn unsanft von mir weg zu schieben, doch übernahm im letzten Moment die Vernunft. Nathaniel wäre mal eben diagonal durch den Raum geflogen, aber das konnte ich mir mit Jamie einfach nicht erlauben, so gern ich ihm einfach einmal klar gemacht hätte, dass mit mir nicht so zu reden war und dass er sich wen anders suchen sollte, wenn er mich nicht brauchte. Ich hatte es so weit geschafft und hatte sicher keine Lust, dass das alles umsonst war und die Situation wegen so einer Kleinigkeit eskalierte.
Eilig hob ich meine Hände abwehrend, um ihm zu signalisieren, dass er sich beruhigen sollte. Ich zwang mich dazu, auch meinen Kiefer zu entspannen, damit er bloß nicht auf die Idee kam, ich war auf Stress aus. Vielleicht wäre ich das sogar gewesen, läge mir nicht Nathaniel mit dieser bescheuerten Wette im Rücken. Diese verdammte Nachhilfe verlangte mir eindeutig zu viel Selbstbeherrschung ab!
„Okay, verstanden. Du bist nicht auf mich angewiesen. Ich unterstelle dir nicht, dass du mich oder diese Nachhilfe brauchst und habe auch nicht vor, anderweitige Gründe tief gehend zu hinterfragen. Würdest du bitte einen Schritt zurück gehen und mir nicht gleich die Nase blutig schlagen? Das wäre äußerst freundlich.“ Der bissige Unterton ließ sich offensichtlich nicht ohne Weiteres identifizieren, oder wurde einfach gekonnt überhört, denn Jamie brachte tatsächlich wieder Abstand zwischen uns, wenngleich seine Haltung noch immer angespannt wirkte.
Ich sollte anfangen, mir Notizen zu schreiben. Nicht nur sein Alter war ein Tabu, nein, auch die Nachhilfe selbst? Ich beschloss, das Thema einfach an dieser Stelle direkt unter den Tisch fallen zu lassen. Es wäre das beste, einfach auf die tatsächlichen Aufgaben zurückzukommen und nicht weiter in potentiellen Wunden zu bohren. Immerhin hatte ich für heute ohnehin nur ein paar Minuten, maximal eine Viertelstunde eingeplant, sollte es Fragen zu den alten oder neuen Aufgaben geben, die ich ihm noch mitzuteilen hatte. Denn außer mit meinen anfänglichen ausführlichen Erklärungen konnte ich erst wieder ab dem Punkt helfen, ab dem Fragen im Raum standen oder überhaupt formuliert werden konnten. So musste Jamie eben erstmal Aufgaben lösen, bis etwas unklar wurde.
„Die Nummern, die falsch waren, kannst du dir noch mal ansehen, ich habe die Korrektur daneben geschrieben, war aber nicht viel. Und unten auf dem Blatt stehen neue Aufgaben. Hast du Fragen zu meinen Korrekturen?“ Jamie sah mittlerweile auf seine Unterlagen, doch blitzten die stechend grünen Augen noch immer gefährlich unter seinen Locken hervor. Auf meine Frage hin schüttelte er nur den Kopf, wobei er die Unterlagen abheftete. Damit waren das die ersten selbst geschriebenen Seiten in seinem Hefter.
„Das war‘s?“, wollte er wissen. Nebenbei packte er alles unsanft schon wieder in seine Tasche, die er direkt schulterte. Würde er überhaupt noch bleiben, wenn ich nein sagen würde? Vermutlich nicht. „Jo.“ Mir sollte das aber auch nur recht sein. Immerhin verringerte das mein Verletzungsrisiko deutlich und schonte meine Nerven.
Jamie schien das ganz ähnlich zu sehen. Ich hatte meinen Antwort kaum ausgesprochen, da verließ er wortlos den Raum. Durch die offene Tür sah ich Ariane, die gegenüber an der Wand saß und wohl auf ihren Bruder gewartet hatte. Er half ihr gerade auf, als ich meinen Block wieder einpackte und in meine Tasche schmiss. Schon kurz danach verließ ich selbst den Raum.
Ich überlegte noch, ob ich beiden vielleicht noch ein „Tschüss“ hinterherwerfen sollte, als man mir diese Entscheidung kurzfristig abnahm. „Hey, na?“, kam es mir entgegen, nur wenige Sekunden bevor sich blonde Locken in mein Sichtfeld schoben. Amber ließ mich schon fast zusammenzucken. Sie hatte mich wirklich noch abfangen können? So kurz — keine zwei Minuten — bevor ich das Gebäude verlassen würde nachdem ich ihr den ganzen Tag ausgewichen war? Das konnte doch nicht ihr Ernst sein!
Genervt rieb ich mir über die Schläfe. „Hast du gelauert, oder warum—“ „Dem Bruder von der dummen Pute gibst du Nachhilfe?“, schnatterte sie mir dazwischen, während sie Jamie und Ariane hinterher sah, die gerade die Hälfte des Flurs durchquert hatten. Natürlich war die wandelnde Pisa-Durchfallquote dabei laut genug gewesen, um den kompletten Gang zu beschallen.
Kaum, dass Amber Ihren Kommentar abgelassen hatte, richtete sich Jamie’s Blick schlagartig auf Amber und mich zurück. Er sah aus, als würde er gleich einen Hechtsprung starten, doch packte seine Schwester ihn am Arm, um ihn weiter zu ziehen.  Ernstlich rettete mich das vor einem weiteren Stimmungstief seitens Jamie, auch wenn ich im ersten Moment nicht verstand, warum seine vernichtenden Blicke auch mich trafen.
Erst, als die beiden im Flur Richtung Hauptausgang abgebogen waren, begriff ich so wirklich, was sich angespielt hatte.
Es reichte natürlich nicht, dass ich Jamie ohnehin schon immer versehentlich auf den Schlips trat — Amber hatte mir so selbstverständlich eine einseitige Unterhaltung aufgedrängt, dass ich keine wirkliche Chance hatte mich zu wehren. Ganz wundervoll, vermutlich ging der Schwarzhaarige davon aus, der Blonde Teufel und ich seien mal mindestens befreundet.
Ich hatte mich gerade gefangen, als Amber mich ein weiteres Mal von der Seite anquatschte. „Wie kommst du denn an so einen? Dem kannst du doch keine Nachhilfe geben!“, zeterte sie. Wieder einmal fragte ich mich, warum sie sich dieses unerträgliche Anspruchsdenken erlaubte. „Was hat denn Jamie’s Nachhilfe mit seiner Schwester zu tun und was geht dich das überhaupt an?“, gab ich genauso angepisst zurück. Woher auch immer jetzt schon wieder ihr Problem mit Ariane kam, ich wollte damit erst gar nichts zu tun haben und schon gar nicht wollte ich mich da irgendwo mit reinziehen lassen. Das war ja schon mal gehörig schief gelaufen, Amber’s lautes Organ war ja nicht zu überhören. Mir über Amber und Ariane noch mehr Stress mit Jamie einhandeln? Darauf konnte ich getrost verzichten, ebenso wie auf Amber’s bloße Präsenz.
Ich winkte einfach ab, um mich nicht länger mit ihr befassen zu müssen. Sie stehen zu lassen war meist doch die beste Möglichkeit, sie in die Schranken zu weisen. Das würde sie definitiv eher treffen, als wenn ich ihr irgendetwas an den Kopf warf. „Die kleine Schlange läuft dir doch bloß hinterher!“, hörte ich Amber noch nörgeln, als ich mich schon einige Schritte von ihr entfernt hatte. Davon wollte ich gar nichts wissen, sie sollte sich mal nicht zu viel einbilden. Hoffentlich musste ich diese Frau nach dem Abi nie mehr ertragen. Auf diesen Tag fieberte ich schon länger hin.
Vor dem Schulgebäude blieb ich wieder stehen, um festzustellen, dass mir Amber nicht gefolgt war. Allerdings waren auch Ariane und Jamie nicht mehr auffindbar. Insgeheim hatte ich wohl darauf gehofft, um das kleine Missverständnis schnell aufzuklären, aber vielleicht war es auch gar nicht verkehrt, Jamie bei seiner Laune heute nicht mehr abzufangen. Irgendwann würde sich schon die Gelegenheit bieten, wenn er gerade mal nicht sowieso schlecht auf mich zu sprechen war.
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