[Leseprobe] Den Schattenmann belügst du nicht

LeseprobeHumor, Krimi / P12
18.02.2019
18.02.2019
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Hallo und herzlich willkommen! Netterweise darf ich hier eine Leseprobe zu meinem allerersten Roman hochladen: „Den Schattenmann belügst du nicht“ – eine Fantasykrimikomödie.
Inhalt: Der Polizeicaptain wurde erschossen! Die Detectives Gregori Shade und Jane Merkury sehen sich plötzlich einem ehrgeizigen, adipösen Meermenschen als neuem Vorgesetzten gegenüber. Der will doch allen Ernstes, dass sie statt Aktenverschieben einer mysteriösen Diebstahlserie auf den Grund gehen. Der Schattenmann und seine Partnerin machen sich notgedrungen an etwas, das sie schon verlernt und verloren geglaubt haben: echte Polizeiarbeit! Dabei verfügt die Polizei von Crossbrick weder über eine adäquate Ausrüstung noch über ausreichend Personal. So müssen sie sich mit dem begnügen, was sie haben – eine kleptomanische Karva, eine schreiende Alraune als Sirenenersatz und einen Dämon als Informationsbeschaffer. Sie können ja auch nicht ahnen, in welches Wespennest sie mit ihren Ermittlungen stochern …

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Das Taschenbuch ist bei Book on Demand erschienen und kann in jedem größeren Buchhandel bestellt werden: „Den Schattenmann belügst du nicht“, Autor: Marvin Grauwolf, ISBN: 9783748175100, 9,99 €


Dieses Buch ist dem echten Lebow Ground gewidmet, als Dank für deine Ermutigung, deinen Beistand und deine Hilfe.



Crossbrick
Im Staat Dermaleinst liegt die Stadt Crossbrick in einem äußerst unerfreulichen Landstrich zwischen den Nimmerschwarzbergen und der Plichtamündung.
Zu ihrer Grundsteinlegung vor einer Zeitspanne, die sich selbst die Unsterblichen kaum noch vorstellen können, war Crossbrick als Ort der Einheit gedacht. Eine Stadt, in der alle Wesen Seite an Seite leben können: Elfe und Ork, Drache und Zwerg, Nymphe und Vampir. Der übliche Traum.
Wie in tausend anderen Städten scheiterte der Traum auch hier. Was Crossbrick so besonders macht, ist der große Stil, in dem die Stadt vor die Hunde ging. Überall sonst vertrieb ein Volk alle anderen aus der Stadt, doch in Crossbrick gab es keine überwältigende Macht, auch keine Bündnisse mehrerer Familien. Jeder stand mit jedem auf Kriegsfuß, sodass ironischerweise tatsächlich alle gleich waren – und es bis heute sind.
Jetzt ist die Stadt ein Flickwerk aus abgeschotteten, heruntergekommenen Vierteln. Die Reichen wohnen westlich der Plichta, die Nachtwesen in den Bergen, die Hexen im Sumpfland, Zwerge unter der Qualmwolke aus dem Metallgürtel, die Elben und Feen im nördlichen Goldmeadow. Zusammengehalten werden die Scherben von viel Schmiergeld, der schwerfälligen Bürokratie, den Verträgen der Werwolfmafia und einem komplizierten, sich selbst regulierenden Verbrechens-Ökosystem, in dem keine Gang dauerhaft die Oberhand gewinnen kann.
Crossbrick ist eine Stadt der Mörder und Betrüger, eine Mahnung für alle Rekruten der dermaleinstigen Polizei, ihre Arbeit gut zu machen, oder falls nicht, richtige Scheiße zu bauen. Denn wer zwar für den Dienst ungeeignet ist, aber auch nicht gefeuert werden kann, der wird kurzerhand nach Crossbrick versetzt.



Akte 1: Ein geistreicher Dieb



Wache Crossbrick-Central, 10:32 Uhr
„Ich dachte, du trinkst deinen Kaffee nicht mehr schwarz? Weil dich das doch depressiv macht.“
„Als ich mir Milch nehmen wollte, ist sie aus dem Kühlschrank gekrabbelt, und Matilda kann erst in ihrer Mittagspause einkaufen.“ Gregori Shade hebt den Blick von der seelenlosen Flüssigkeit in seiner Kaffeetasse.
Die Tür zum Büro fällt hinter Merkury wieder ins Schloss und sie lässt einen Stapel Papiere auf seinen Schreibtisch fallen. Eine Staubwolke wallt auf und Greg hustet.
„Der Chef will das bis morgen durchgesehen haben. Wir sollen alles aussortieren, was verjährt ist.“
Greg hustet immer noch. Seine Partnerin betrachtet ihn besorgt, obwohl ihre ungewöhnliche Fürsorge wohl zu einem großen Teil der Furcht entspringt, allein auf der Arbeit sitzen zu bleiben. „Soll ich dir was zu trinken holen, Shade?“
„Geht schon!“, keucht Greg schließlich. „Sind das nicht die Akten aus dem Dringend-Ordner?“
„Nee, die sind aus dem Wirklich dringend!-Ordner.“[1]
Greg wischt den Staub zur Seite und beugt sich über die Akten. Er überfliegt ein paar der Delikte und schiebt die älteren Fälle zur Seite.
Merkury lässt sich in ihren quietschenden Drehstuhl auf der anderen Seite des Doppelschreibtisches fallen und nimmt die aussortierten Anzeigen entgegen.
„Hast du die Morgennachrichten gehört?“, fragt sie, während sie das erste Blatt der Länge nach faltet.
„Nee“, meint Greg. „Hatte keine Zeit.“ Er ist damit beschäftigt gewesen, seine Karva unter der Spüle hervorzulocken.
„Dieser Dieb, der ‚Geist‘, war hier. In Crossbrick.“
Greg sieht von den Unterlagen auf. „Echt?“
„Na, sie wissen natürlich nicht, ob es wirklich derselbe war – immerhin hat ihn niemand gesehen. Aber in Foxtown wurde die Statue von irgendeinem Schauspieler gestohlen. Es war genau wie bei den anderen Diebstählen – alle Wachen ausgeschaltet, alle Kameras zerstört, keine Spuren.“
„Was will er denn mit einer Statue?“, fragt Greg.
„Und was, glaubst du, macht er mit dem Gründerstein aus Teakhood?“, fragt Merkury zurück und wirft den Papierflieger, den sie aus der aussortierten Akte gefaltet hat, mit einer eleganten Bewegung und ohne auch nur hinzusehen in den Mülleimer. „Vielleicht geht es ihm auch weniger um die Beute als darum, sich zu beweisen.“
„Oder ihnen“, wirft Greg ein, der die verbreitete Theorie vertritt, dass es sich um eine gut organisierte Gruppe statt um einen Einzeltäter handelt. „Aber dann ist Crossbrick der letzte Ort, den sie aufsuchen würden. Hier wäre es etwas Besonderes, wenn mal nichts gestohlen wird.“
Merkury zuckt mit den Schultern und macht sich daran, den nächsten Flieger zu falten. „Da hast du auch wieder recht. Sag mal, guckst du dir heute Abend das Spiel an? Auf wen setzt du?“
„Auf die Crossbrick Tumblers!“, antwortet Greg, ohne zu überlegen.
„Schon wieder? Die stehen auf Abstiegskurs.“
„Kein Grund, die Mannschaft zu wechseln.“
„Sentimentaler Idiot“, diagnostiziert Merkury. „Da fühlt man sich fast schlecht, mit dir zu wetten.“
„Das würde voraussetzen, dass du ein Gewissen hast“, kontert Greg mit einem schmallippigen Lächeln. „Außerdem, wenn man am wenigsten damit rechnet, drehen die Tumblers plötzlich richtig auf! Wir stehen schon auf Platz 7.“
Merkury rollt die Augen. „Dass es denen so weit oben auf der Liste nicht schwindelig wird! Man könnte meinen …“
Ein Revolverschuss unterbricht ihre Diskussion jäh.
In Crossbrick sind Schüsse nichts Ungewöhnliches, doch dieser Schuss kommt von innerhalb der Polizeiwache. Die beiden Polizisten hören ein dumpfes Geräusch, als ein schwerer Gegenstand – vielleicht ein Sack mit Schrumpfköpfen oder Kartoffeln? – auf dem Flur umfällt. Dann erklingt der schrille Schrei einer Frau.
„Matilda!“, ruft Merkury und springt auf.
„Warte!“, ruft Greg. „Da draußen könnte jemand mit einer Waffe sein!“
„Was du nicht sagst!“, schnaubt Merkury und stürmt auf den Flur.
Greg hebt hilflos die Arme. „Ich meinte … wollen wir nicht eine Minute abwarten?“ Dann folgt er Merkury.
Auf dem Flur bietet sich ihnen ein schrecklicher Anblick: Gaiman Schlabbernack, Captain der Wache Crossbrick-Central, liegt in einer Blutlache auf dem gefliesten Boden, die sich in alle Richtungen kriechend ausbreitet und kleine Stückchen Gehirn im Flur verteilt. Ein faustgroßer Krater klafft dort, wo sich üblicherweise die Stirn des Insektoiden befindet. Schlabbernacks Facettenaugen starren leer zur Decke, der Smoking ist über dem rundlichen Leib aufgeplatzt, da sich die roten Deckflügel, vielleicht in einer Reaktion auf den Sturz, entfaltet haben.
Neben ihm liegt das Handtuch mit dem Logo seiner Lieblingssauna, das er immer bei sich getragen hat, um sich an heißen Tagen oder nach einem Sprint den Schweiß vom Gesicht zu wischen.
Die Tür der Wache schlägt zu. Greg hebt den Blick und sieht noch den Rücken eines großen, behaarten Individuums, das über die Straße läuft und in einer dunklen Seitengasse verschwindet.
Im Empfangsbereich hat Matilda mit dem Kreischen aufgehört und steht zitternd neben Merkury, beide Frauen sehen dem flüchtenden Schützen bestürzt nach.
„Werwolfmafia“, murmelt Merkury, als Greg zu ihnen tritt.
„Das hat ja früher oder später passieren müssen! Ach, der arme Chef!“ Matilda ringt mit den dürren Armen, und die vielen Ringe um ihre Handgelenke klappern. „Wie schrecklich das doch ist!“ Sie eilt zu dem gefallenen Insektoiden und streicht ihm mit ihren grünen Pflanzenfingern über die Stirn. Greg und Merkury sehen ihr schweigend dabei zu.
„Was sollen wir tun?“, fragt Greg in die Stille hinein.
„Jedenfalls werden wir heute keine Akten mehr sortieren!“, brummt Merkury achselzuckend.
Greg wirft ihr einen strengen Blick zu.
„Zu früh?“, fragt seine Partnerin.
„Zu früh!“, bestätigt der Schattenmann.
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[1] Polizeiarbeit in Crossbrick funktioniert nach dem guten, alten Beamtenprinzip, nach dem alles geschafft ist, wenn es sich nur im richtigen Ordner befindet: Neue Anzeigen kommen in den Zu Erledigen-Ordner. Wenn sich hier ein Haufen von einer gewissen Größe angesammelt hat, kommt ein Polizist und sortiert die ältesten Akten in den Dringend-Ordner. Haben die Papiere dort ihre Zeit abgesessen, leveln sie zu Sehr dringend auf, dann zu Wirklich dringend! und von da aus wandern sie in den Mülleimer, auf dem Verjährt steht. Die Ablage Abgeschlossen wird ungefähr so oft benutzt, wie ein Ork seine Nasennebenhöhlen rasiert.



Drei Tage später
Schnaufend und ächzend quält Rick Everglade sich die drei Stufen zur Wache hinauf und zwängt sich dann durch die Glastür. Mit pfeifendem Atem und nah dem Ende seiner Kräfte stellt er seinen großen, abgenutzten Lederkoffer ab und ringt nach Luft. Für einen Moment schließt er die Augen und atmet tief durch. Er keucht durch den offenen Mund, schnaubt durch die Nüstern, dann bläht er die Hautsäcke an seinem Hals auf und mit einem lauten G'ULP presst er mindestens zehn Liter Luft durch den Hals und in die Kiemen.
Als er seine Augen blinzelnd auf das Innere der Wache richtet, stellt er fest, dass seine neuen Untergebenen bereits in einer Reihe angetreten sind und ihn befremdet mustern.
„Nun … äh … Hallo, zusammen“, stammelt Everglade, doch er fängt sich schnell wieder. Drei Jahre Praktikum als Rettungsschwimmer für präpubertierende Kobolde zahlen sich eben aus. „Ich bin Rick Everglade, für euch: Captain Everglade. Ich werde den verstorbenen Gaiman Schwabbelnack vertreten, bis Polizeimeister Feelut einen dauerhaften Ersatz gefunden hat.“
Das zierliche, grün-braune Wesen neben dem Empfang hebt eine schmale Hand. „Äh, für wie lange genau, Sir?“
„Das … werden wir sehen“, schnauft Everglade. Erstens, weil er immer noch außer Atem ist, und zweitens, weil er zu seinem großen Ärger nicht weiß, ab wann er diese Höllenstadt wieder verlassen darf. „Für den Anfang … sollten wir uns einander vorstellen!“
Die Dryade am Empfang lächelt und deutet eine Verbeugung an. „Matilda, Sir. Ich bin die Sekretärin.“ Sie sieht auch wie eine Sekretärin aus: Schlank, in einem pinken Kostüm und mit unzähligen Armreifen und Ketten behängt, deren Bronzeton mit ihrer Rindenhaut harmonisiert, während das Pink gut zu ihren hellgrünen, lianenförmigen Haaren passt. Sie ist die einzige hier, die offenbar Wert auf ihr Aussehen legt.
„Ich bin Merkury. Jane Merkury“, sagt die nächste in der Reihe. Sie scheint ein Mensch zu sein, eine kräftige, nicht besonders große Frau mit strengen Augenbrauen und entschlossenem Kinn, die dicken, schwarzen Haare zu einem Zopf geflochten. Uniformen scheinen hier unbekannt zu sein, denn sie trägt ein schwarzes Tanktop, eine militärische Camouflagehose mit breitem Gürtel und schwarze Stahlkappenstiefel. Sie lächelt Everglade an, oder jedenfalls zeigt sie die Zähne. Ricks Rückenschuppen stellen sich unwillkürlich auf.
„Detective Gregori Shade“, stellt sich die letzte traurige Gestalt in der Reihe der traurigen Gestalten vor. Es handelt sich um einen kreideweißen Mann, dürr und hochgewachsen, ohne Augenbrauen oder Wimpern, sodass die Augen nur zwei dunkle Punkte in seinem glatten Gesicht sind. Über seinen schmalen Schultern sind zwei Vektakel zu erkennen, halbmaterielle Greifarme, die widerstandslos durch den schwarzen Anzug von Shade gleiten. Er ist ein Schattenmann, wie er im Buche steht - bis auf seine langen, schwarzen Haare, die um seine dünne Gestalt flattern wie ein Vorhang.
Noch während Everglade die Haare anstarrt, bauschen sie sich plötzlich wie in einem Windzug auf – obwohl die Tür längst hinter Rick ins Schloss gefallen und auch sonst kein Lufthauch zu spüren ist – und bilden für einen Moment einen Kreis hinter dem Schattenmann, der quallenartig in sich zusammenfällt. Rick vermeint sogar, ein leises „G'ulp“ zu hören, ehe die Haare wieder glatt nach unten hängen.
Shade hat Everglades Blick bemerkt. „Oh, und das ist meine Karva. Sie ist harmlos, nur manchmal etwas sarkastisch.“
„Äh, aha, also … nettes … Haustier“, stammelt Everglade. „Sie bekommt aber keinen Lohn ausgezahlt, oder?“
„Oh, nein. Sie ist keine Polizistin.“ Shade lächelt. Es könnte sogar ein warmes Lächeln sein, wenn er kein Schattenmann wäre. „Manchmal fängt sie allerdings die Spinnen, die sich im Büro breitmachen.“
„Keine Polizistin?“ Everglade runzelt die Stirn. „Also eine Zivilistin in der Wache? Hat sie denn die Schweigepflichtserklärung unterzeichnet?“
Shades ratloser Blick huscht zu Merkury. „Äh …“
„Laut §37-j, Absatz 9 ff der Allgemeinen Arbeitsverordnung sind in Betrieben, die der Schweigepflicht unterstehen, Haustiere, Blindenhunde, rachsüchtige Geister, Aufhocker etcetera dazu verpflichtet, sich ebenfalls der Schweigepflicht zu verschreiben.“[2]
„Ich glaube nicht, dass die Karva unter das Gesetz fällt“, grübelt Greg. „Sie kann nicht sprechen und auch nicht schreiben … glaube ich.“
„Ah so“, murmelt Everglade, im Moment nicht gewillt, das Thema weiter zu vertiefen. „Wo ist mein Büro?“
Jane Merkury zeigt auf die Tür am Ende des schmalen Ganges und Everglade drängt sich an den drei neuen Untergebenen vorbei.
Greg sieht der fülligen Gestalt nach, die den Gang hinunter schwabbelte und dann die Tür hinter sich ins Schloss fallen lässt.
„Sonderlich glücklich sah der nicht aus“, brummt Merkury.
„Jetzt lasst den Armen doch erst einmal ankommen!“, schnappt Matilda und tänzelt hinter den Empfangstresen. Schon ist sie nur noch eine Stimme zwischen den zahlreichen Topfpflanzen, die sich auf der Tischplatte verteilen. „Er hat eine lange Anfahrt hinter sich!“
Greg und Merkury tauschen einen Blick, zucken mit den Achseln und schlendern in ihr Büro, der erste Raum im Gang und der einzige Raum außer dem Büro des Captains und der Kaffeeküche, der noch regelmäßig benutzt wird.
„Was hältst du davon?“, fragt Merkury, kaum, dass sie die Tür geschlossen hat.
„Was soll ich wovon halten?“, fragt Greg.
„Von ihm.“ Merkury deutet mit dem Daumen über den Rücken in Richtung Tür. „Von dem fetten Meermenschen.“
Greg zuckt mit den knochigen Schultern. „Er ist gerade erst angekommen!“
„Doch nicht von ihm persönlich.“ Merkury rollt die Augen. „Aber warum schickt uns der Polizeimeister einen revierfremden Captain, statt einen von uns zu befördern? Wir kennen die Stadt besser als der Schwabbel!“
„Sch!“, macht Greg, besorgt, dass Everglade ihre Unterhaltung hören könnte. Die Wände im Revier können in den ungünstigsten Moment sehr dünn werden, eine Nebenwirkung davon, wenn man ein Gebäude von betrunkenen Dschinnen errichten lässt, um Geld zu sparen. „Willst du etwa Captain sein, Merkury?“
„Ich? Natürlich nicht. Ich dachte an dich!“
„Ich. Klar. Ich bin ja auch das Paradebeispiel an Vertrauenswürdigkeit“, schnaubt Greg mit einem bitteren Lächeln.
„Du bist ein guter Polizist.“
„Ich bin ein Schattenmann, Merkury. Niemand vertraut einem Schattenmann. Ich werde wohl kaum Captain von irgendeiner Wache, deswegen hat Polizeimeister Feelut uns einen neuen Captain geschickt.“
Merkury seufzt. „Vermutlich hast du recht, Shade. Obwohl ich es wirklich nicht gutheißen kann, wie du über dich selbst redest. Tja, dann bleibt uns nur, abzuwarten und zu sehen, wie der neue Captain so drauf ist.“
Just, als Merkury das sagt, erklingt Everglades Stimme: „Jupiter! Shadow! Tretet mal kurz an!“
„Vergesslich“, konstatiert Greg. „Eindeutig vergesslich.“
„Was ist das hier?“, fragt Everglade und wedelt den beiden Polizisten mit dem Corpus Delicti unter den Nasen herum, sobald sie sich vor seinem Schreibtisch eingefunden haben.
„Eine Zeitung“, erkennt Greg professionell.
Everglade stöhnt frustriert. „Ich meine die dreimal vermaledeite Schlagzeile!“
Es handelt sich um einen Artikel über den eindrucksvollen Raub der Statue des Lukas Porridge, dem einzigen berühmten Schauspieler, der aus Crossbrick stammt, da seine Mutter zum Zeitpunkt seiner Geburt in der Stadt Urlaub gemacht hat. Sie hat den späteren Frauenschwarm ganz allein in einer rostigen Tonne auf einem Hinterhof zur Welt gebracht. Diese wilde Geschichte ist das Hauptfundament von Porridges Karriere, denn mit Talent kann er nicht aufwarten.
„Und?“, fragt Merkury.
„Und was?!“, fährt Everglade sie an. Mehrere seiner Kinne wackeln aufgebracht. „Warum unternehmt ihr beide nichts dagegen? Habt ihr eine Spur, Verdächtige, habt ihr Zeugen befragt?“
Merkury und Greg tauschen einen ratlosen Blick.
„Ich weiß, dass euer Captain grausam ermordet wurde, aber ist das ein Grund, die Arbeit liegen zu lassen?“, zetert Everglade weiter. „Erzählt mir nicht, dass ihr den Fall ignoriert habt!“
„Nun ja“, sagt Greg vorsichtig. „Wir befinden uns hier in Crossbrick, Sir.“
„Hab ich gefragt, wie die verdammte Stadt heißt?“, braust der Meermensch auf. Seine blaugrüne Haut hat am breiten Hals inzwischen eine beeindruckende Purpurfärbung angenommen. „Ihr seid doch Polizisten, oder nicht? Geht der Sache nach! Fangt diesen Dieb!“
Schwer atmend lässt sich Everglade in den schwarzen Schreibtischstuhl fallen, der mit einem traurigen Quietschen in den Fettrollen vergraben wird. Everglade lockert seinen Kragen mit einer Flossenhand und wedelt Greg und Merkury mit der anderen Hand hinaus.
„Wir machen Polizeiarbeit?“, wispert Merkury, als sie Seite an Seite auf den Gang schleichen.
„Sieht so aus“, entgegnet Greg fröhlich. „Fangen wir den Dieb!“
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[2] Als der Papagei einer korrupten Schwimmbadbesitzerin belastende Ausschnitte von ihren Telefonaten mit einer radikalen Bewegung von Meerjungfrauen wiedergab und sie dadurch überführt wurde, setzten sich plötzlich verschiedene Politiker dafür ein, ein entsprechendes Gesetz zu formulieren, das es illegal macht, zukünftige Aussagen von Papageien (und Ähnlichem) vor Gericht zu verwenden.



Am Ort des Verbrechens
Merkurys Wagen ist ein Monster von einem Jeep. Der Wagen ist pechschwarz, doch Merkury hat ihn liebevoll mit einem Feuermuster, lachenden Totenköpfen und springenden Tigern bemalt.
In Bewegung sieht das Gefährt aus, als würde es lichterloh in Flammen stehen, nicht nur, weil es sich häufig weit über der Geschwindigkeitsbegrenzung bewegt und das Muster lebendig zu werden scheint, sondern auch, weil aus gleich vier dicken Schloten, die hinter der Fahrerkabine aufragen und an Teufelshörner erinnern, dichter, schwarzer Qualm austritt.
Vorne besitzt der Wagen einen Schienenräumer aus Stahl, der einen Elefanten zerfetzen könnte, jedoch nur unzählige Straßenlaternen auf dem Gewissen hat. An den Seiten der offenen Ladefläche befinden sich vorspringende Metalldornen wie die Flügel eines sehr klobigen Papierfliegers.
Da Merkury sich weigert, irgendwelche Zugeständnisse an eingeschüchterte Verkehrsteilnehmer zu machen, sind die Dornen eingefärbt vom Lack der Fahrzeuge, die zu spät ausweichen konnten. Es grenzt an ein Wunder, dass das Monster nur vier Reifen braucht, um sich fortzubewegen.
Im Inneren gibt es Sitze aus rotem Leder. In der zweiten Reihe eine geräumige Sitzbank für bis zu vier Personen, vorne ist nur Platz für den Beifahrersitz und den luxuriösen Fahrersessel, der von unzähligen Schaltern, Hebeln und Knöpfen umringt ist. Es ist, als würde man im Cockpit eines Flugzeugs sitzen, zu Gregs Leidwesen fehlt allerdings eine Steuerung für den Copiloten. Er kann lediglich die siebzehn verschiedenen Hebel für die Musikanlage erreichen.
Der Wagen ist illegal getunt. Allerdings konnte dem bisher noch niemand Einhalt gebieten. Einerseits ist das Nummernschild – Cro:BLIS 713 – mittig zwischen den vier Turbodrüsen am Heck angebracht und damit vor Ruß nicht mehr lesbar, andererseits verfügt die Besitzerin über erstklassige Kontakte zur lokalen Polizei.[3]
Mit diesem Wagen sind viele Straßen Crossbricks unbefahrbar, denn mit den Dornen nimmt das Gefährt gut und gerne zwei Fahrbahnen ein. Straßen in Wohnvierteln werden oftmals zu temporären Einbahnstraßen, die unzähligen schmalen Gassen der chaotisch gewachsenen Viertel sind unpassierbar. Merkury gleicht diesen Nachteil aus, indem sie kurzerhand die Umwege über Bordsteine, Treppen, Parkplätze und Stadtgärten wählt.
Die Fahrt ist nichts für Beifahrer mit schwachem Magen, Herzproblemen oder bestehender Schwangerschaft.
Die Polizisten brauchen eine Viertelstunde, um Foxtown und den Lukas-Porridge-Platz zu erreichen, der sich inzwischen durch das Fehlen einer großen, klobigen Statue aus billigem Midasgold auszeichnet.
„Sieht besser aus als vorher“, meint Merkury und würgt den Motor ab.
Greg steigt mit weichen Knien aus dem Wagen. Sein Herz klopft noch von der Fahrt.
„Ich weiß nur nicht, was der Captain von uns will“, fährt Merkury im Freien fort und sieht sich um. „Die Statue ist weg. Everglade wird doch wohl kaum erwarten, dass Mr. Ghost uns seine Visitenkarte hinterlassen hat.“
„In gewisser Weise hat er das“, entgegnet Greg nachdenklich und tritt an den zerstörten Sockel der Statue heran. „Sein Vorgehen ist seine Visitenkarte. Der Dieb, oder die Gruppe von Dieben haben eine einzigartige Waffe oder Fähigkeit, mit der sie sämtliche Zeugen und Überwachungssysteme schlagartig ausschalten können.“
Er sieht sich auf dem großen Platz um, der wie leergefegt wirkt. Ein paar Blätter trudeln durch die Luft und der Wind heult zwischen den hohen, schmalen Gebäuden hindurch.
Der quadratische Platz ist in einem geschmacklosen Schachbrettmuster aus dunkelgrauen und schmutzig-purpurnen Steinplatten ausgelegt, am Rand stehen trostlose Parkbänke, deren Kupferfarbe unter Unmengen von Tauben- und Gargoylekot verschwunden ist.
Ein paar verkümmerte Bäumchen und vorspringende Dachrinnen engen den Platz zusätzlich ein, sodass man sich fast wie in einem muffigen Zimmer mit einem großen Loch in der Decke fühlt. Sämtliche den Platz umgebende Straßenlaternen sind erloschen, bei vielen das Glas zersprungen.
Merkury entfaltet die Zeitung. „Gut, hier steht, dass es sowieso nur drei Zeugen gegeben hätte. Wir sollten vielleicht mal nachfragen, wer das war.“
Greg beugt sich über den Statuensockel. Etwas hat seine Aufmerksamkeit erregt – und zwar einige deutliche Kratzspuren auf dem Steinsockel.
„Die Statue wurde mit schwerem Gerät beseitigt, vielleicht ein Baustellenfahrzeug“, vermutet er. Die Spuren erinnern an die Zacken einer Baggerschaufel. „Das muss jemandem aufgefallen sein!“
Dann untersucht er den Sockel und den Boden des Platzes, während Merkury ihn nur abwartend mustert, die Zeitung noch in den Händen.
„Der Platz ist sehr offen“, erklärt Greg schließlich. „Jedenfalls für Foxtown-Verhältnisse. Aber die Straßen sind schmal und kurvig, bis auf die Hauptstraße. Ich denke, unsere Diebesbande muss von dort gekommen sein.“ Er zeigt auf die Straße, über die sie gekommen sind, denn auch Merkurys Wagen ist zu breit für die meisten Straßen in Foxtown.
„Alle Achtung. Wir haben ja tatsächlich eine Spur!“, spottet sie. „Du hast wohl dein ganzes Leben lang auf diese Chance gewartet, wie, Shade?“
„Ich hatte die Chance bereits und hab's vergeigt“, entgegnet Greg mit kühler Stimme, und Merkury verstummt.
Zwischen den beiden einzigen Detectives von Crossbrick herrscht das stillschweigende Einverständnis, dass man nicht nachfragt, wieso jemand hierher versetzt wurde. Keiner von beiden weiß, was den anderen in dieses Loch verschlagen hat, obwohl beide einen gewissen Verdacht über die Gründe des jeweils anderen hegen.
„Ich glaube, die Redaktion der Crossbrick Times ist nicht allzu weit“, bricht Greg das unbehagliche Schweigen. „Wenn ich mich recht entsinne, hast du fast eine Gruppe Reporter überfahren, die draußen ihre Raucherpause eingelegt haben. Lassen wir das Auto hier stehen und gehen vorbei, da können wir fragen, wer die Zeugen sind. Und dann müssen wir herausfinden, ob in letzter Zeit irgendwelche großen Baustellenfahrzeuge gestohlen wurden und welche Straßen breit genug für einen Bagger wären.“
Merkury nickt und faltet die Zeitung zusammen. Dann schlendern sie los.
„Ich habe niemanden überfahren!“, sagt sie.
„Aber fast“, beharrt Greg.
„Auch nicht! Ich fahre sehr gut, seit Jahren unfallfrei.“
„Das liegt daran, dass dieses Ungetüm auch noch fährt, nachdem es von einem Berg gestürzt ist!“, gibt Greg zurück, dem bei der Erinnerung immer noch manchmal die Finger zittern. „Wenn da mal ein Radfahrer zwischen die Räder kommt, kriegst du das überhaupt nicht mit.“
„Die Reporter jedenfalls hatten genug Zeit, um uns aus dem Weg zu gehen!“
„Ich hoffe trotzdem, dass keiner auf unsere Gesichter geachtet hat“, seufzt Greg.
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[3] Einige unverbesserliche Spießer haben dennoch versucht, der stadtbekannten „Straßenfurie“ das Handwerk zu legen. Für gewöhnlich ziehen diese Personen die Anzeige schon am nächsten Tag zurück, meistens aus persönlichen Gründen, da die Familienkutsche im Vorgarten spontan in Brand geraten ist.



Crossbrick Times
Die Zentrale der Crossbrick Times liegt an der Grenze zwischen Crossbrick-Foxtown und Crossbrick-Central, zwischen zwei hohen, schmalen Wohngebäuden mit abblätternder, orangeroter Farbe. Das Büro selbst ist ein modernes Stahlbauwerk mit großen Fensterfronten, einem businessmäßigen Schild über der Tür und einem Ständer auf dem Gehweg, aus dem man für zwei Zentis eine Zeitung erwerben kann.
Besagter Ständer befindet sich allerdings in einem etwas platteren Zustand als vorgesehen. Zeitungen haben sich aus dem Kasten befreit und flattern auf die Straße, vermutlich ihr neues Leben in Freiheit genießend.
Mehrere Reporter in grauen Anzügen stehen ratlos um den Stand herum, und mehrere abgerissene Individuen sind aus verschiedenen Seitengassen aufgetaucht - immerhin gibt es hier etwas umsonst. Viele Zeitungen sind bereits in ausgebeulten Jacken verschwunden.
„Was ist denn hier passiert?“, erkundigt sich Merkury unschuldig, als die Polizisten bei den Reportern ankommen.
„Was geht euch das an? Verschwindet!“, faucht eine junge Frau mit rötlichbraunen Fuchskopf und sechs Fuchsschwänzen, die unter dem grauen Jackett hervorschauen.
Merkury zückt ihren Ausweis und hält ihn der Kitsune unter die schwarze Schnauze: „Polizei Crossbrick. Wie ich schon fragte: Was ist hier passiert?“
„Unfall mit Fahrerflucht“, teilt die Kitsune mit plötzlicher Gesprächigkeit mit. „Es ging so schnell, dass ich kaum etwas gesehen habe. Es war ein roter Panzer oder etwas Ähnliches! Sie haben den armen Harribert überfahren!“
„Es ist tatsächlich jemand zu Schaden gekommen?“, fragt Merkury verdutzt.
„Es gab einen Toten?!“, entfährt es Greg entsetzt.
„Oh, nein.“ Die Kitsune wirkt überrascht. „Wir nennen den Zeitungsständer Harribert.“
Mit prüfenden Blicken beugen sich die beiden Polizisten über den zerstörten Verkaufsstand. Jemand hat dem Kasten zwei Wackelaugen aufgeklebt, die nun auf dem verbeulten Metall verstörend nach Innen schielen.
„Hmm, hm“, macht Merkury, dann wendet sie sich der Kitsune zu. „Wir müssen mit dem Reporter sprechen, der für die Titelseite der gestrigen Ausgabe zuständig ist.“
Verblüfft von der plötzlichen Wendung legt die Fuchsfrau die Ohren an, dann nickt sie. „Folgt mir.“
Auch im Inneren der Büros herrscht Chaos. An einer Ecke sammeln sich die Raucher, die den bei dem Beinahe-Unfall erlittenen Schock mit einer Zigarette bekämpfen. Ein junger Riese hat sich bei der Flucht den Kopf gestoßen und wird im allgemeinen Tabaknebel gerade behandelt.
Die Kitsune führt Greg und Merkury zwischen den tuschelnden Reportern hindurch, einige Treppen hinauf und dann einen langen Gang entlang, an dessen Wänden Zeitungsausschnitte hängen.
Greg wirft einen Blick auf einen dieser gerahmten Ausschnitte und stellt fest, dass jemand mit rotem Stift über den Artikel gekritzelt und einen Rechtschreibfehler verbessert hat.
Neugierig geworden, sieht er sich auch die anderen Bilder an. Es handelt sich offenbar um Zuschriften von Lesern, die einen Fehler in der Zeitung entdeckt, diesen hervorgehoben und an die Redaktion geschickt haben.
Es ist eine Wall of Shame.
Die junge Kitsune hält an und Greg wäre beinahe in sie hineingelaufen. Er bremst gerade noch rechtzeitig, während die Fuchsfrau an die unscheinbare Tür eines Büros klopft.
„Ja, kann man hier nicht mal eine halbe Stunde in Ruhe arbeiten?“, schnauzt eine hohe, piepsige Stimme. „Herein, verschwefelt noch mal!“
„Er ist ein wenig eigensinnig“, sagt die Kitsune. Sie stößt die Tür auf und springt dann zur Seite, als würde sie mit einer Explosion rechnen. Schneller als ein panisches Wiesel ist sie um die Ecke und die Treppe hinuntergesprungen.
Merkury tritt ein, Greg hält sich hinter ihr. Da er zweieinhalb Köpfe größer ist als seine Partnerin, ist er hinter ihrem Rücken keineswegs verborgen, so viel Mühe er sich auch gibt.
Auf den ersten Blick wirkt das Büro verlassen, obwohl der Computer auf dem plastikweißen Schreibtisch brummt wie ein alter Flugzeugmotor und sie ganz deutlich eine Stimme gehört haben.
Merkury stolpert über einen Stapel Akten auf dem Boden, weitere Stapel sind überall im Raum verteilt. Dazwischen flattern Bilder und einzelne Blätter herum, die Regale und Schränke an den Wänden dagegen sind größtenteils leer, nur an der Wand hinter dem Schreibtisch gibt es eine große Pinnwand mit Fotos, über Stecknadeln gezogenen Gummibändern, die Linien bilden, und mit winziger Handschrift verfassten Notizen.
„Tür zu, es zieht!“, piepst dieselbe Stimme und der augenscheinlich leere Drehstuhl vor dem Schreibtisch dreht sich wie von Geisterhand um. Auf der Sitzfläche steht ein kleines, grünes Wesen in einem winzigen, grauen Anzug und mit verschränkten Armen. „Wird's bald?“
Perplex stößt Greg die Tür zu. „Polizei Crossbrick, Detectives Merkury und Shade“, stellt er sie mechanisch vor. „Wir haben einige Fragen.“
„Du bist ein Kobold!“, entfährt es Merkury.
„Nein, ein verdammter Hotzenplotz!“, erwidert der Kobold. „Aki der Name. Was wollt ihr?“
Da Merkury den Kobold noch immer entgeistert anstarrt, denn sie trifft nur selten jemanden, der es in Sachen Sarkasmus mit ihr aufnehmen kann, übernimmt Greg das Reden. „Wir wollen wissen, wer die Zeugen im Statuenraub waren.“
„So, so!“ Der Kobold setzt sich, lacht, dann springt er wieder auf und hüpft auf den Schreibtisch. „Euch gibt’s auch noch, wie? Wusste nicht, dass die Polizei noch im Geschäft ist.“
Die Tastatur hat Normgröße 10 und ist für Hände gemacht, die so groß sind wie der komplette Kobold. Der kleine Reporter legt jedoch eine kurze Ballettnummer auf den Tasten hin und auf dem PC öffnet sich eine Datei, in der Greg den Zeitungsartikel über den ‚Diebischen Geist‘ erkennt. Dann öffnen sich weitere Dateien mit viel Text und einigen Fotos. Eine Fotografie zeigt die dicke und ausnehmend hässliche Statue von Lukas Porridge.
„Kommt, kommt näher!“ Aki winkt sie begeistert heran. Sein plötzlich verändertes Verhalten lässt nur einen Schluss zu: Er hat lange auf eine Gelegenheit wie diese gewartet. Stolz präsentiert er die Dateien. „Hier habt ihr sämtliche Informationen zu dem Diebstahl, möglicherweise verwandten Diebstählen in anderen Städten, Zeugenaussagen und Theorien dazu, wie die Diebe vorgehen.“
„Oder der Dieb“, murmelt Merkury, als sie sich vorbeugt. Sie zückt einen Stick. „Wir müssen die Daten leider beschlagnahmen.“
„Was?!“, entfährt es dem Kobold.
Mit einem leisen Knall geht der Rechner aus, ebenso alle anderen elektronischen Geräte im Raum. Sogar das Licht flackert, und grüne Wolken bilden sich um den PC. Merkury fährt würgend zurück und wenig später kitzelt der Geruch nach faulen Eiern auch Gregoris Nase.
„Das könnt ihr nicht machen!“, jammert der Kobold, ehe sich sein Gesicht verfinstert. „Ich habe das alles doch nicht umsonst gesammelt! Oh, nein, umsonst kriegt ihr die Infos nicht!“
„Ist das jetzt ein Kobold oder ein Dämon?“, flüstert Merkury aus dem Mundwinkel.
„Ein Dämon“, antwortet Greg angespannt. „Aber er hat es gut verborgen.“
„Bis gerade“, sagt der vermeintliche Kobold, dem ihre Unterhaltung nicht entgangen ist. Er schnieft trotzig. „Außerhalb dieses Raumes wissen nur meine Eltern, was ich wirklich bin. Sie haben mein Geburtszertifikat fälschen lassen, damit ich eine Chance in dieser verpesteten Stadt kriege, und die werde ich nutzen!“
„Wir könnten dich auffliegen lassen!“, knurrt Merkury und tastet nach ihrer Waffe. „Ich kenne sieben Exorzismen!“
„Aber das werdet ihr nicht tun, richtig?“, fragt Aki und sieht mit großen Augen zu ihnen auf. Er guckt Greg an. „Du verstehst mich doch, Schattenmann, oder?“
„Was willst du von uns?“, fragt Greg.
„Fällst du ehrlich auf den Dackelblick rein?“, fragt Merkury entgeistert.
„Ich will eine Chance“, sagt Aki. „Hier bin ich ein Freak, der sich zu viel mit Serienmördern und Kriminellen befasst und in seiner Freizeit komische PC-Programme schreibt. Ich bin der Sonderling, der nur ab und zu mal einen größeren Artikel schreiben darf – logischerweise die blutigen Artikel, denn das ist mein Metier. Ich bin nicht ganz zufällig euer Ansprechpartner, denn ich bin der einzige Reporter in dieser Stadt, der sich noch die Mühe macht, Kriminalfälle zu dokumentieren. In Crossbrick, wohlgemerkt!“
Merkury seufzt. „Komm zum Punkt.“
Aki schleudert ihr einen giftigen Blick zu. „Das ist nicht so einfach, Frau Freundlich! Immerhin schütte ich hier gerade mir zwei völlig Fremden mein Herz aus!“
Greg fasst Merkury am Arm und zieht ihre Hand von der Waffe weg. Merkury schüttelt ihn brüsk ab und verschränkt die Arme vor der Brust.
„Erzähl uns deine Geschichte“, sagt Greg zu Aki. „Wir hören zu.“
„Aber nicht sehr lange“, zischt Merkury, „Ich habe wenig Geduld!“
Aki wirft die Arme hoch und platzt heraus: „Ich wäre gerne Polizist geworden! Das war schon immer mein Traum. Aber es geht nicht, weil sie ja meinen Hintergrund nachprüfen würden, und dann würde der ganze Schwindel auffliegen! Ironisch, nicht wahr? Meine Eltern haben es ja nur gemacht, damit ich bessere Startbedingungen habe, aber jetzt steht mir genau diese Lüge im Weg.“
„Das heißt nicht ironisch, sondern undankbar“, flüstert Merkury halblaut.
„Ich denke“, sagt Greg schnell, „ich verstehe, was du von uns willst. Aber wir haben keinen Zugriff auf solche Dokumente. Außerdem würden daraus Pro-bleme erwachsen, die wir normalen Nichtbürokraten uns nicht einmal vorstellen können.“
„Lasst mich euch wenigsten helfen!“, drängt Aki flehentlich. „Ich habe die Informationen über euren Dieb. Lasst mich mit euch ermitteln. Oder der PC bleibt aus!“
Merkury hebt eine Augenbraue. „Erpresst der uns gerade wirklich, damit wir ihn Polizist spielen lassen?“
„Es kann nicht schaden, oder?“, fragt Greg zurück.
Merkury löst die Arme vor lauter Entgeisterung. „Ist das dein Ernst, Shade? Du willst darauf eingehen?“
„Ich sag doch, der Schattenmann versteht mich!“ Aki grinst breit und siegessicher. Flackernd leuchtet der Bildschirm des Rechners wieder auf.
„Und sie versteht dich auch, sie will es nur nicht zugeben“, sagt Greg und hebt dann einen langen Zeigefinger. „Aber weder werden unsere Ermittlungsergebnisse am nächsten Tag in der Zeitung stehen, noch wirst du unsere Anweisungen missachten. Du darfst mit uns ermitteln, aber die Ergebnisse bleiben geheim, bis wir sie offiziell rausgeben.“
Aki seufzt. „Besser werden die Bedingungen wohl nicht. Deal.“
Merkury rollt die Augen.
„Also“, beginnt Aki und klettert geschickt über einige Aktenordner hinauf zur Korkwand. „Hier seht ihr sämtliche Tatorte. Zuerst: Ein Juwelier im Brimstonetal. Sämtliche Scheiben des Geschäftes waren zersplittert, die Alarmanlagen wurden zerstört, bevor sie auslösen konnten. Der Dieb entwendete allerdings nur Fälschungen im Wert von einigen wenigen Zentis, wie sich im Zuge der Ermittlungen herausstellte, und ließ den echten Schmuck zurück. Der Besitzer musste ein Bußgeld bezahlen. Als Nächstes wurde eine Schule in Newforthsshire zum Ziel. Es sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen, alle Bücher über Kunstgeschichte waren gestohlen worden. Dann natürlich der prominenteste Einbruch, der Diebstahl der Irre grinsenden Kuh Lisa aus dem Nationalmuseum von Furtherway. Wenig später gab es dann auch Diebstähle außerhalb von Altvorderen. Die Spur zieht sich durch das ganze Land und endet schließlich hier, Crossbrick in Dermaleinst. Wobei, wenn ihr mir diese Einschätzung erlaubt … es sieht so aus, als hätte Crossbrick schon lange im Zentrum der Ereignisse gelegen. Sämtliche Vorfälle scheinen sich wie eine Spirale um die Stadt zu ziehen.“
Der kleine Kobold dreht sich um und sieht zu Greg und Merkury auf. Während Greg konzentriert lauscht, hat Merkury die Arme wieder vor der Brust verschränkt und trägt einen finsteren Ausdruck zur Schau. Es läuft Aki eiskalt den Rücken herunter, als sie ihn ansieht.
„Der Ablauf ist immer gleich, deswegen kann man von einem oder mehreren Serientätern ausgehen“, fährt er eilig fort. „Es wirkt, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Glas ist zerbrochen, Stein geborsten, alle Alarmsysteme lahmgelegt. Es gab insgesamt drei Tote, jedes Mal Sicherheitsmänner, die sich im Gebäude aufhielten. Zwei wurden von dem Glas zersplitternder Scheiben getötet, einer ist mit inneren Blutungen zusammengebrochen, als seine künstliche Lunge zersplittert ist. Wenn ihr mich fragt, waren es aber lediglich Kollateralschäden dieser Macht, die angewendet wurde.“
„Niemand fragt dich“, knurrt Merkury leise.
Aki zwingt seine Konzentration auf den schlanken Schattenmann, dessen Vektakel fast die Decke berühren. Doch auch Shade ist nicht viel besser dazu angetan, Akis angespannte Nerven zu beruhigen. Die langen Haare des Schattenmanns bewegen sich, als wären sie unter Wasser, obwohl in dem Büro überhaupt kein Wind weht. Und hält eine der Strähnen ein Ahornblatt fest und wedelt damit wie mit einem Fähnchen? Nein, er muss sich täuschen.
Aki schluckt. „Niemand hat den Einbrecher oder die Einbrecher jemals gesehen und niemand weiß, welche Macht sie einsetzen. Ich habe Zugriff auf eine Akte der Polizei von Furtherway, die besagt, dass alle Tests auf herkömmliche Magie negativ ausfielen. Falls sie Technik benutzen, so ist sie selbst dem Militär nicht bekannt. Es gibt keine Fingerabdrücke, oder wenn doch, sind sie in dem Chaos unkenntlich geworden. Andere Wachen haben DNA-Tests versucht. Sie haben eine Spur gefunden, jedoch keine Übereinstimmung mit irgendeiner Datei. Es scheint sich um einen Einzeltäter zu handeln. Um jemanden, der nirgendwo verzeichnet ist – oder dessen Angaben gelöscht wurden.“
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