Zwiespalt

von Poseiidon
OneshotRomanze, Schmerz/Trost / P12 Slash
G-Dragon Seungri
17.02.2019
17.02.2019
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Hallöchen allerseits!
Da ich selbst in letzter Zeit auf zu viele Fanfics zu diesem Ship gestoßen bin (natürlich total unabsichtlich, was denkt ihr denn), konnte ich nicht anders, als ebenfalls einen kleinen Beitrag zu leisten. In dem Fandom bin ich nun wirklich noch nicht lange und ich habe noch immer einen Haufen nachzuholen, also habe ich mich auch ziemlich stark von genaueren Zeitangaben ferngehalten. Grob hatte ich so 2013/2014 im Kopf aber das wars dann auch eigentlich.
An sich ist der ganze Text auch ein wenig ungeordnet und auch, wenn es mich stört, weiß ich nicht ganz, wie ich das noch weiter ändern soll, ohne die Hälfte wieder neu zu schreiben und selbst dann würde es wahrscheinlich so ähnlich bleiben. Ich hatte einfach zu viele Dinge, die ich hier noch mit einbauen wollte und ich hoffe, man merkt es nicht zu stark ^^" Aber ich schreibe es trotzdem schon einmal, denn eine kleine Vorwarnung muss sein :D
Das war's auch erst einmal mit meinem Gerede hier, also viel Spaß und lG
Poseiidon :)

Edit: Ja, ich weiß, was passiert ist und ich bin gleichzeitig enttäuscht und zutiefst angeekelt von der ganzen Sache, aber ich bin noch nicht ganz bereit, diese Story herunterzunehmen, also seht das hier einfach an als ein "Was wäre, wenn Seungri ein verantwortlicher Mensch wäre, der niemals Kontakt zu all diesen ebenfalls ekeleregenden Menschen hergestellt hätte" AU.

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Wenn Seungri ehrlich war, und zwar ganz ehrlich, auch zu sich selbst, musste er feststellen, dass es ihm einfach nur beschissen ging. Eigentlich war es ihm schon die komplette letzte Woche so ergangen und wenn er genauer darüber nachdachte, sogar den ganzen letzten Monat, aber er hatte es stets verdrängen können. Bis zu diesem einen Morgen. Bis zu genau diesem Morgen, an dem er aufgewacht war und die komplette Fassade, die er stets um sich herum errichtet und die er mit größter Mühe gepflegt hatte, zu einem einzigen, elendigen Häufchen Staub verfiel. Und genau so fühlte er sich im Moment auch. Elendig.
Im Zimmer neben ihm schien etwas zu zerbrechen, ein Glas oder ähnliches, vielleicht war es auch Porzellan. Lautes Fluchen folgte, das Schreien eines Kindes kam dazu. Oder war das sogar im Zimmer über ihm? Seungri wusste es nicht, ihm war es aber auch egal, ihn störte nur der Lärm. Ihn störte auch die Stille aber im Moment wusste er sowieso nicht so ganz, was er haben wollte. Murrend rollte er sich auf die Seite und von der Wand weg. Vielleicht half ihm das wenigstens, den Lärm ein wenig auszublenden.
Er wusste nicht, was er wollte. Das traf die Situation, in die er sich gebracht hatte, wohl im Moment am besten. Er konnte nicht verleugnen, dass das nie der Fall war, aber an sich war er stets ein entscheidungsfreudiger Mensch und zielgerichtet noch dazu, doch es gab diese eine Sache, die sein Leben stets aufwühlte wie keine andere und diese eine Sache war Jiyong. Selbst, wenn Seungri genau darüber nachdachte, fiel ihm keine Zeit an, in dem Jiyong sein Leben nicht durcheinander gebracht hatte, nicht  in ihm Gefühle ausgelöst hatte, die er zuvor noch nicht gekannt hatte und die ihn an manchen Tagen komplett zu erfüllen schienen, ihn an anderen aber der Verzweiflung nah brachten. Und angefangen hatte das Ganze auch schon gleich am ersten Tag.

„Wie lautet dein Name? Oder willst du den auch auf der Bühne benutzen?“
Kein Willkommen, kein Name, nichts. Die erste Worte, die Seungri damals von YGs Golden Child gehört hatte, waren gleich diese Fragen gewesen und sie waren in alles anderem als einem freundlichen Ton formuliert gewesen.
„S-Seungri“, hatte er darauf nur gestammelt und sich für seine plötzliche Unsicherheit gehasst. Sein Ziel war es gewesen, selbstbewusst aufzutreten, seine neuen Member dazu zu bringen, ihn von Anfang an als ebenbürtiges Mitglied anzusehen und nicht als das kleine Kind, dass in letzter Sekunde noch dazu gekommen war. Doch die Reaktion seines Gesprächspartners zeigte ihm, dass das schwerer war, als er erwartet hatte. Ein Schnauben, ein Kopfschütteln.
„Seungri“, murmelte er, als würde er nicht ganz glauben können, dass jemand gerade ihm so einen Namen geben würde. Doch was auch immer er sich genau gedacht hatte, hatte er für sich behalten. Etwas, für das Seungri durchaus dankbar gewesen wäre, wäre da stattdessen nicht dieser abschätzige Blick in Jiyongs Augen gewesen. Und abschätzig traf es noch nicht einmal gut genug. Genau dieser Blick schaffte es, den Jüngeren sich so fühlen zu lassen, als wäre er gerade um zehn Jahre im Alter zurückgegangen. Er fühlte sich wie ein Kind. Ein Kind, das zu nichts wert war und das niemand haben wollte. Und sie hatten gerade einmal ein paar Worte gewechselt.
Heutzutage wusste er, dass auch, wenn Jiyong am Anfang durchaus Schwierigkeiten gehabt hatte, ihn zu akzeptieren, Seungris Wahrnehmung ein wenig durch den Fakt getrübt war, dass es gerade Jiyong war, der ihm diesen Blick zugeworfen hatte. Zwar hatte er ihn bis dahin noch nicht persönlich kennengelernt, aber es war kein Geheimnis, dass selbst zu der Zeit schon halb YG sich über ihn fleißig unterhalten hatte. An jeder Ecke wurde er gelobt und überall wurde viel erwartet und Seungri hatte früh angefangen, zu ihm ein wenig aufzublicken. Und schon wurde er zertrümmert. Innerhalb von vielleicht einer halben Minute.
Dass all das sich hier und da noch wiederholen würde, hatte er zu dem Zeitpunkt noch nicht gewusst. Es hatte einfach zu lange gedauert, bis er aufgehört hatte, zu Jiyong hinaufzuschauen und wenn er ehrlich war, hatte er noch immer nicht ganz damit aufgehört.

Doch Seungri hatte durchgehalten. Er hatte weitergemacht, sich stets wieder aufgerappelt, sich so wenig wie möglich unterkriegen lassen. Immerhin war er der Maknae, damit musste er leben. Das gehörte nun zu seiner Rolle, seiner Position in der Gruppe. Zu seiner Identität. Und er lernte erst damit klarzukommen, dann sogar daran seinen Spaß zu finden und die Nächte, in denen er sich still in den Schlaf weinte, weil dies nun einmal die einzige Zeit war, in der er sich selbst erlaubt hatte, schwach zu sein, wurden immer weniger. Aber nicht schnell genug, dass niemand es bemerkte. Vielleicht war es auch anfangs schon aufgefallen und es hatte stets niemand gewusst, wie sie mit ihm umgehen sollten, doch auch, wenn Seungri dieser Verdacht für eine längere Zeit verfolgt hatte, war er sich da nun nicht mehr allzu sicher. Denn es hatte nie einer den wirklichen Grund gekannt, warum Jiyong an diesem einen Morgen bei ihm mit im Bett aufgewacht war. Niemand wusste, dass Seungri in der Nacht zuvor ein plötzliches Tief hatte. Er konnte heute noch nicht einmal mehr sagen, warum genau und woran es gelegen hatte, aber es hatte ihn schon den ganzen Abend gequält und er hatte in Jiyongs Augen sehen können, dass er genau wusste, was los war. Er hatte nachdenklich gewirkt, schien aber noch nicht ganz zu wissen, wie er am besten vorgehen sollte. Seungri wusste ebenfalls nicht, ob ihr Leader überhaupt noch etwas unternommen hätte, wäre Seungri nicht in der Nacht plötzlich angefangen, zu heulen. Und es war wirklich ein hässliches Heulen gewesen, jeden Schluchzer hatte er versucht im Kissen zu ersticken, so wenig Laute wie möglich wollte er nach draußen gelangen lassen. Jiyong hätte an dem Abend so tun können, als hätte er ihn nicht gehört, es wäre niemandem aufgefallen. Und doch hatte er stattdessen beschlossen, die Tür zu öffnen. Ein stilles „Maknae?“ hatte er in den Raum geworfen, doch alles, was Seungri darauf hatte antworten können, war ein weiterer erstickter Schluchzer. In dem Moment hatte er schon nicht ganz gewusst, was er wollte. Eine Seite von ihm wollte um jeden Preis alleine gelassen werden. Er würde mit dem Problem klar kommen, auch ohne die Hilfe der anderen. Er brauchte nur ein wenig Zeit für sich.
Die andere Seite jedoch war erwacht, sobald er den besorgten Ton in der Stimme seines Leaders gehört hatte. Es war eine Seite, die er lange nicht mehr gesehen hatte. Auch, wenn er nicht ganz zugeben wollte, wie sehr ihn schon der simple Gedanke zu beruhigen schien, dass sich wer um ihn kümmerte, dass sich wer um sein Wohlergehen sorgte, wehrte er sich nicht im Geringsten, als er merkte, wie die Decke neben ihm sich langsam anhob und sich direkt danach ein warmer Körper an seinen Rücken schmiegte. Sofort spürte Seungri die Hand des anderen sanft auf seiner Schulter ruhen, hörte dessen ruhigen Atem leise direkt hinter ihm.
„Willst du darüber reden?“ Jiyongs Stimme war leise, sanft, fast schon zart und kaum mehr als ein Windhauch. Doch es war leise im Raum, Seungri verstand ihn ganz genau. Er antwortete bloß nicht. Stattdessen drehte er sich um, Gesicht in Richtung Jiyong. Er schaute ihn nicht an, behielt seine Augen geschlossen, aber er brauchte ihn auch nicht zu sehen. Jiyongs Geruch umspielte seine Nase, sein Atem war noch immer zu hören und er lag nah genug, dass Seungri noch nicht einmal die Arme auch nur ein kleines bisschen weiter ausstrecken musste, um seinen Händen Halt in dessen Shirt zu geben. Kaum, dass er sich festgekrallt hatte, merkte er, dass er sanft ein wenig näher an den Älteren herangezogen wurde und so blieben sie dann auch liegen bis zum nächsten Morgen. Eng aneinander gedrängt, Seungri in Jiyongs Armen.
Das war eine Angewohnheit, die sie erstaunlich lange beibehalten hatten oder zumindest deutlich länger, als Seungri erwartet hatte. Anfangs hatte Jiyong sich nur Nacht für Nacht vergewissern wollen, dass es ihm wirklich gut ging, doch auch, wenn sowas später nie wieder vorfiel, kam immer wieder, bis sie beide anfingen, den anderen zu vermissen, wenn dies einmal nicht der Fall war. Bis das Bett plötzlich viel zu leer und viel zu groß wirkte, wenn der andere einmal fehlte.

Bei den Erinnerungen daran, wanderte Seungris Blick zu dem leeren Kopfkissen vor ihm. Er hatte die komplette linke Hälfte seines Bettes nicht in Anspruch genommen und daher lag auch das Kissen noch immer ordentlich aufgeschüttelt und wie er es vorgefunden hatte, als er am Vortag hier eingecheckt war, unbenutzt da. Niemand hatte es benötigt, niemand hatte hier geschlafen. Nur er. Nur er alleine. Seungri merkte, wie diese Erkenntnis sein Herz nur noch schwerer werden ließ und es war ein Gefühl, das er am liebsten wieder verdrängen würde. Und zwar in die hinterste Ecke seines Herzens, überlagert von all dem glücklichen Getue, mit denen er stets seine Probleme zu überspielen versuchte. Mach einen auf glücklich, dann bist du auch glücklich.
Als ob das so einfach wäre.
Aber wenigstens ließ es die anderen nicht neugierig werden, das war auch erstaunlich viel wert, denn dafür stand er zu oft zu sehr im Fokus der Kameras. Immer war er nur der verspielte Maknae, das größte Kind der Gruppe. Das Plappermaul. Wenn er wollte sogar der Playboy. Aber war er wer, der oft wirklich ernst genommen wurde? Nein, oft genug nicht. Doch das hatte er sich selbst zu verschulden und streng genommen war er wirklich froh darüber. Er war nicht jemand, der seine Gefühle wirklich nach außen tragen konnte, er war nicht wie Jiyong. Wenn er über Songs nachdachte hatte er meistens etwas Fröhliches im Sinn, er dachte an den Club, an lachende Menschen, tanzende Menschen. Nur selten dachte er an die Gefühle, die in seinem Inneren schlummerten, das war einfach nicht so sein Bereich. Wenn er erst einmal auf diese Gefühle hörte, wenn er sich einmal mit ihnen konfrontierte, endete das viel zu oft im Chaos. Es sorgte oft nur für Verwirrung, hier und da für Verzweiflung. Ein leises Schnauben entfuhr ihm. Irgendwie war es ja schon ironisch, dass Jiyong für ihn das große Beispiel war, wie man mit starken Emotionen gut zurechtkommen kann, wenn gerade er für so unglaublich viele dieser Gefühle verantwortlich war, die Seungri viel zu regelmäßig um den Verstand zu bringen drohten.

Seungri konnte nicht ganz sagen, wann er tatsächlich angefangen hatte, für Jiyong tiefere Gefühle zu entwickeln als die simple Bewunderung, die er ihm gegenüber am Anfang entgegengebracht hatte. Es hatte sich nach und nach entwickelt, umso mehr Zeit sie miteinander verbracht hatten, umso mehr Seungri sich ihm anvertraut hatte, umso öfter er morgens in den Armen des Älteren aufgewacht war, desto tiefer sank er. Vielleicht hatte all das gestartet, als Jiyong sich Seungri im Gegenzug einmal anvertraut hatte, als er ihm gegenüber einmal Schwäche gezeigt hatte, und Seungri tief in seinem Inneren realisiert hatte, dass auch Jiyong, YGs Golden Child, eigentlich nur ein ganz normaler Mensch war. Wenn nicht sogar noch ein Junge. Er hatte so verzweifelt ausgesehen zu dem Zeitpunkt, seine Augen hatten nach Verständnis suchend Seungris Gesicht abgesucht, jeden Zentimeter, Millimeter. Fast schon hilflos. Seungri hatte ihn nur zufällig so aufgefunden an dem Tag, sonst wäre er wahrscheinlich erst zu Youngbae gegangen, aber es hatte ihn trotzdem nicht gescheut, sich dem Jüngeren anzuvertrauen.
Vielleich hatte es aber auch wann anders gestartet. Vielleicht hatte es bei einem der Male gestartet, an denen Seungri plötzlich das Gefühl bekommen hatte, Jiyong wichtiger zu sein, als er dachte. Bei einem dieser Male, an denen er dies stets mit nur ein paar Worten ausgedrückt hatte. Ob Jiyong nun sagte, Seungri gehöre ihm, ob er ihn vor den anderen verteidigte, ihn in aller Öffentlichkeit einmal lobte oder ihn sogar als Inspirationsquelle für seine Songs betitelte, jedes dieser Male prägte sich unweigerlich in Seungris Herzen ein und jedes dieser Male ließ ihn sich für den Rest des Tages warm und geborgen fühlen. Und es gab in den letzten Jahren sehr, sehr viele Vorkommnisse wie diese, weshalb es auch ein wenig ironisch war, dass gerade eins dieser Male, an denen Jiyong etwas tat oder etwas sagte, das genau das Gegenteil bei Seungri bewirkte, dafür sorgte, dass er überhaupt erst einmal merkte, was er wirklich für seinen Leader, und bis dahin in seinen Vorstellungen nichts als guten Freund, empfand.
An sich war es noch nicht einmal etwas durchaus neues, was Jiyong zu dem Zeitpunkt getan hatte. Er hatte Seungri nur einmal wieder von sich weggestoßen, das tat er regelmäßig. Doch jedes Mal, wenn er es tat, versetzte es dem Jüngeren erneut einen Stich und das, obwohl die Wunden von dem Mal davor teilweise noch nicht einmal wirklich verheilt gewesen waren. Das war dann auch der Grund, weshalb Seungri dieses eine Mal durchgedreht war, warum ihn dieses eine Mal über die Kante gestoßen hatte. Es war nur ein weiteres Mal und doch genau damit ein Mal zu viel. Er war ausgerastet, genau da vor Ort, genau da, wo Jiyong ihn hatte stehen lassen und das auch noch mit der schlechtesten Ausrede, die Jiyong einfallen konnte.
„Sag mir doch gleich, dass du mich einfach nicht um dich herum haben willst!“, hatte er ihm später am Abend vor lauter Wut auf den Anrufbeantworter geschrien. Wie viel man wirklich davon hatte verstehen können, wusste er nicht, immerhin war er zu dem Zeitpunkt nicht mehr ganz nüchtern gewesen. Wenigstens diese eine Flasche Wein, die sie noch in ihrer gemeinsamen Unterkunft gehabt hatten, hatte ihm Gesellschaft leisten können. „Sei einfach ehrlich! Viel mehr erwarte ich doch nicht von dir. Hör einfach auf mit… Ah fuck, scheiß Tischkante-„ Vor lauter Wut hatte er die leere Flasche an genau der Ecke zerschlagen, an der er sich mit voller Wucht gestoßen hatte. Es hatte am nächsten Tag ewig gedauert, all die Scherben wieder einzusammeln und die Schlitze an seinem rechten Bein, die durch die umherfliegenden Scherben entstanden waren, waren noch etwas länger sichtbar geblieben. „Hör einfach auf, so zu tun, als würde ich dir wirklich was bedeuten, ok? Ich kann auch ohne leben, so ist es nicht. Ich brauche das nicht, ich brauche dich nicht. Nicht, wenn du mich eh nur wieder fallen lässt, sobald wir uns wieder ein klein bisschen näher gekommen sind, verstehst du? Das kann ich nicht, das brauche ich nicht! Ich muss dir nicht so hinterher kriechen wie ein… wie ein dahergelaufener Hund. Ich bin kein verdammtes Haustier, das am Anfang noch spannend und neu und interessant ist und an dem man nach und nach Interesse verliert, einfach weil es da ist. Ich habe auch Gefühle, Hyung, ob du es glaubst oder nicht, und ich laufe dir nur hinterher, weil ich es will. Ich muss es nicht, verstehst du? Ich fühle mich nicht gezwungen, dir hinterherzurennen, ich tue es nur, weil du mir…“
Da hatte er aufgehört zu reden. Zuvor war er noch total im Fluss gewesen, hatte die Sätze und Wörter herausgebrüllt, die ihm in den Sinn gekommen waren und das alles nur, weil er nicht darüber nachgedacht hatte, was er da gerade tat. Es hatte sich erstaunlich gut angefühlt, all diese aufgestauten Emotionen, all diese Gefühle, mit denen er sich einfach nie auseinander gesetzt hatte, obwohl sie schon so lange in ihm geschlummert hatten, endlich einmal aus sich hinaus zu bringen. Und unter dem Haufen dieser Gefühle hatte er nun auch ein ganz bestimmtes gefunden, das all die Zeit total präsent gewesen war, aber vor dem er doch stets Angst gehabt hatte, es auch nur ein wenig genauer zu begutachten.
„Weil…“, stammelte er weiter, dann legte er auf. Sein Handy landete auf dem Boden. In seinem Kopf schwirrten in dem Moment zu viele Gedanken und noch viel mehr grobe Fetzen, die alle nur Teile größerer Gedankengänge waren. Aber die würde er erst am nächsten Morgen zusammensetzen. An dem Morgen, an dem er sich irgendeine Lüge ausdenken musste, um Seunghyun zu erklären, warum das Wohnzimmer so aussah, wie es aussah und an dem er hoffte, Jiyong nicht zu begegnen. Und das tat er vorerst auch nicht. Das tat er so lange nicht, bis er dachte, dass es ihn nicht wieder so weit herunterreißen würde, ihn zu sehen und als er sich dann doch sofort wieder in dessen Bann gezogen fühlte und alles in ihm danach rief, Jiyongs Stimme zu hören, seine Haut zu spüren und sein Lachen zu sehen, wusste er endgültig, dass er verloren war. Und es gab kein Entkommen mehr, es war hoffnungslos.

Dass die anderen wussten, was er empfand, wusste er ab dem Zeitpunkt, an dem Daesung sein Zimmer betreten hatte mit der simplen Frage, ob sie einmal reden konnten. Es war bereits dunkel gewesen, doch Seungris Nachttischlampe hatte dessen Gesicht genug beschienen, dass er sowohl Sorge als auch ein gewisses Wissen in dessen Augen ablesen konnte, das zuvor noch nicht dagewesen war. Irgendwie hatten sie von dem Vorfall erfahren haben und die Fäden einfach ein bisschen weiter gespannt haben müssen.
„Was gibt’s?“, hatte Seungri trotzdem nachgefragt, in der stillen Hoffnung, es wäre doch was anderes. Aber nein, er wurde enttäuscht.
„Du weißt, worum es geht“, hatte Daesung geantwortet, als er sich leise seufzend auf Seungris Bett niedergelassen hatte. Korrigierte sich dann aber noch einmal. „Um wen.“
Einen Moment lang hatte der Jüngere ihn nur stumm angesehen, dann genickt.
„Ich weiß nicht ganz, worüber du da reden willst, es ist schließlich nicht so, als könnte man da so viel dran ändern.“ Seungri setzte ein Lächeln auf, doch seine Stimme klang längst nicht mehr so fest wie sie sollte und sein Bandkollege kannte ihn eh zu gut dafür. Daher setzte Seungri sich einfach nur neben ihn und vergrub sein Gesicht in seinen Händen, während eine Hand ihm sanft über den Rücken strich.
„Ich wünschte einfach nur, du hättest uns das irgendwann mal gesagt“, murmelte Daesung. Er klang noch ein wenig überfordert mit der Situation, als würde er die Information noch immer verarbeiten müssen. Aber wer konnte es ihm vorwerfen, Seungri konnte es ja selbst noch nicht einmal ganz verstehen.  „Du musst das nicht alles für dich behalten.“
Alles, was Seungri erwidern konnte, war ein tiefes Ein- und ein schon zittriges Ausatmen. Er begann langsam erneut die Kontrolle über sich zu verlieren und er hasste es, wie oft dies in letzter Zeit zu geschehen schien. Er ballte die Hände zu Fäusten. Auch, wenn er Daesung nicht sehen konnte, spürte er dessen Blick in seinem Nacken brennen. Er hetzte ihn nicht aber Seungri merkte, dass er auf eine Reaktion wartete. Wahrscheinlich hatte er sogar auf eine Antwort gehofft, aber die war Seungri noch nicht bereit gewesen, ihm zu geben. Was hätte er denn auch sagen sollen? Dass er einfach nur blind gewesen war? Total dämlich? Nicht erwachsen genug, um seinen eigenen Gefühlen auch nur einmal auf den Grund zu gehen? Um ehrlich mit sich selbst zu sein? Es gab Punkte in seinem Leben, an denen er zu erkennen glaubte, dass er nie wirklich erwachsen werden würde. Dass er für immer das Kind bleiben würde, das vor all den Jahren Big Bang beigetreten war. Vielleicht musste er sich einfach damit abfinden. Vielleicht musste er sich einfach mit diesem Gedanken anfreunden und nicht immer so tun, als wäre er unantastbar. In der Öffentlichkeit vielleicht schon, aber nicht unter seinen Membern. Seine Member kannten ihn. Und das war auch der Gedankengang, der ihn letztlich dazu brachte, sein Gesicht in Daesungs Schulter zu vergraben und sich das erste Mal seit längerem wirklich auszuheulen.
Er konnte sich noch immer an diese zögerliche Reaktion des anderen erinnern, wahrscheinlich hatte dieser nicht im Geringsten damit gerechnet, doch nach kurzer Zeit hatte Daesung seine Arme um ihn geschlungen und ihn an sich herangezogen.
Dass sich dieser ganze Vorfall schnell innerhalb ihrer kleinen Gruppe herumgesprochen hatte, sah Seungri bereits am nächsten Tag in Youngbaes und Seunghyuns Gesichtern, nur Jiyong schien sich nicht ganz sicher zu sein, was genau los war. Seungri wusste, dass er sich die Nachricht, die er auf dessen Anrufbeantworter geschrien hatte, bereits abgehört haben musste, Jiyong versäumte so etwas eigentlich nie, und eigentlich war er sich sogar langsam sicher, dass er auch den Gedankengang zu Ende gedacht haben musste, den Seungri so wundervoll schon hinausposaunt hatte. Zumindest würde das dessen stets nachdenklichen Blicke erklären, die er dem Jüngsten stets zu warf. Seungri wollte nicht, dass er es wusste. Er konnte wohl auch nicht so ganz sagen, was genau zwischen ihnen im Moment los war, aber konnte mit Sicherheit sagen, dass er Jiyong nicht verlieren wollte. Er wollte nicht, dass er ihn verlässt aber er wollte auch nicht der sein, der Jiyong verließ. So wütend er auch manchmal auf ihn war und so gerne er auch seinem ganzen Gefühlschaos aus dem Weg gehen würde. Aber er konnte sich nicht losreißen, dafür war er zu schwach. Er hatte Jiyong die letzten Tage und Wochen nicht sehen können und es hatte ihn innerlich zerrissen, selbst, als er noch überzeugt davon gewesen war, dass dies nur besser für alle Beteiligten sei. Wie sollte er ihn da ganz loslassen?

Doch auch, wenn Seungri da noch der festen Überzeugung gewesen war, dass diese Möglichkeit noch nicht einmal in Betracht gezogen werden konnte, sah die ganze Situation ein paar Wochen später wieder ganz anders aus. Er wusste ehrlich gesagt selbst nicht genau, wie sich alles in der kurzen Zeit so plötzlich entwickeln konnte, doch ehe er sich versah, waren Jiyong und er wieder unzertrennlich. Jiyong ließ ihn wieder an sich heran und dieses eine Mal hatte Seungri tatsächlich die Hoffnung, dass es dabei bleiben würde. Er wollte ja nicht mehr, als Jiyong ihm geben konnte und wollte und auch, wenn es hier und da doch ein wenig weh tat, konnte er doch ganz gut damit leben. Vielleicht konnte er Jiyongs Lächeln nicht fotografieren und als Hintergrundbild einstellen wo er es mehrfach täglich sehen konnte, vielleicht konnte er Jiyong nicht so berühren, wie sein Innerstes es manchmal von ihm zu verlangen schien, und er wusste, er würde nicht für immer in seinen Umarmungen, umringt von seinen Armen und seinem Duft, versinken können, aber Jiyongs Lächeln war noch immer da und die kleinen Berührungen, die kurzen Umarmungen. Jiyong war noch immer da und das war eigentlich das, was zählen sollte. Doch erneut war es eine zu hohe Menge an Alkohol, die Seungris Trugbild am Ende zerstören sollte. Er wusste im Nachhinein auch nicht mehr ganz, was alles genau geschehen war, aber zuerst war da der Alkohol. Der Alkohol und ihre Zweisamkeit, denn die anderen drei waren an dem Abend auf eine Party eingeladen, auf die weder Jiyong noch Seungri wirklich Lust gehabt hatten. Stattdessen hatten sie sich einen gemütlichen Abend Zuhause machen wollen. Seungris nächste Erinnerung waren dann allerdings schon wieder Jiyongs Lippen auf seinen und eine Hand an seiner Hüfte. Danach war er plötzlich an die Wand gepresst, ihre Oberteile lagen bereits irgendwo auf dem Boden verteilt, Jiyongs Küsse wanderten quer über seinen Körper, hinterließen ihre Spuren, ließen Seungris Herz so schnell schlagen, wie es lange nicht mehr geschlagen hatte. Er wusste nicht, wer den ersten Schritt gegangen war, er wunderte sich auch nicht weiter über das, was in dem Moment geschah. Er genoss einfach nur den Moment und wie er ihn genoss. Die Luft war stickig, im Raum war es viel zu heiß, doch das störte ihn nicht im Geringsten. Erst wieder, als er am nächsten Morgen aufwachte, noch immer dicht an die Brust des anderen gezwängt. Er hatte er nicht ganz gewusst, was los gewesen war, sein Kopf war noch zu benebelt gewesen. Doch dann hatte er es langsam realisiert. Sein Blick war zu Jiyong gewandert, der in dem Moment ebenfalls die Augen öffnete, erst nur ein wenig, dann vor Schreck ganz weit.
An dem Morgen hatten sie nicht mehr viele Worte gewechselt. Jiyong hatte nur noch seine Sachen genommen und ihn mit dem Versprechen verlassen, dass sie da später noch einmal drüber reden sollten. Dann war er weg und das Bett wieder leer. Seungri allerdings hatte noch eine Weile dort gesessen, bis er sich irgendwann hatte aufrappeln können, um sich wenigstens zur Dusche zu bewegen. Sein Kopf brummte von dem ganzen Alkohol am Abend zuvor und sein Magen fühlte sich auch nicht mehr im Geringsten stabil an, doch das hätte ihm in dem Moment nicht egaler sein können. Er fühlte sich aus anderen Gründen miserabel und dieses Gefühl wurde auch nicht besser, als er auf seinem Weg ins Bad sowohl Jiyong als auch Youngbae in Jiyongs Zimmer laut diskutieren hörte. Er fragte sich noch, wann diese Diskussion auch zu ihm herüber kommen würde, doch er hatte sich da eigentlich schon fast denken können, dass dies niemals geschehen würde und die ganze Sache nur eine weitere Sache war, die so gut wie möglich beiseite geschoben wurde. Als wäre sie niemals geschehen und das alles wäre nur ein harmloser, unwichtiger Traum.

Dass all das aber tatsächlich geschehen war, zeigte sich Seungri nicht nur durch die noch etwas länger zu sehenden Markierungen auf seinem Körper und die ganzen verschwommenen Bilder, die weder tagsüber noch in der Nacht aufhören wollten, vor seinem inneren Auge herum zu spuken, es zeigte sich auch erneut durch eine weitere Phase, in der Jiyong ihm nur die kalte Schulter zeigte. Und diese Phase schien noch länger zu sein als all die Phasen zuvor. Aber vielleicht war das auch besser, dachte Seungri sich, vielleicht brauchten sie den Abstand. Er konnte sich ja anscheinend überhaupt nicht kontrollieren. Ein kleiner Part von ihm schien ihm auch Einreden zu wollen, dass er den Fakt nicht vergessen sollte, dass Jiyong selbst voll und ganz dabei gewesen war, dass das vielleicht mehr hinter steckte, als Seungri glaubte, aber er wusste besser, als dass er zuließ, dass dieser kleine Funke der Hoffnung die Kontrolle über ihn gewann. Denn warum, und diese Frage stellte er sich immer wieder und wieder, warum sollte Jiyong dann den Abstand aufbauen, den er stets zwischen ihnen so verzweifelt aufrecht zu erhalten versuchte?

Seungri vergrub sein Kopf in seinem Kissen. Man hätte denken sollen, er hätte daraus gelernt. Man hätte denken sollen, er hätte sich an seinen Vorsatz gehalten. Doch kaum war Jiyong wieder näher gerückt, hatte Seungri ihn ohne große Gegenwehr wieder an sich herangelassen. Zuvor war er noch der felsenfesten Überzeugung gewesen, dass er dies niemals zulassen durfte, doch sein Widerstand hatte alles andere als lange gehalten. Und schon war er wieder in demselben Loch gefangen, wie zuvor auch schon. Zu Anfang hatte er noch versucht sich einzureden, dass das nur daran lag, dass es ihn generell überrascht hatte, dass Jiyong überhaupt wieder seine Nähe suchte, aber er wusste, dass er einfach nur zu schwach war. Und zwar so schwach, dass genau das, was er so lange bereut hatte, noch einmal passiert war, nur, dass es dieses Mal auf einer Party angefangen hatte. Beide hatten zu viel getrunken, vor allem Seungri, Jiyong brachte ihn nach Hause und am nächsten morgen wachte Seungri nur wieder erneut an die nackte Brust des anderen gekuschelt auf. Nur dieses Mal war Jiyong erst verschwunden, als der Jüngere unter der Dusche stand.
Eigentlich hätte Seungri erleichtert sein müssen, dass Jiyong so schnell geflüchtet war, das ersparte ihm wenigstens ein unangenehmes Gespräch, aber ein Gedanken, den er sich nicht ganz verkneifen konnte war, dass zweimal deutlich weniger auf einen Unfall hinweist als einmal und das war sogar das zweite Mal in der Spanne von gerade einmal einem halben Jahr. Er wusste, dass es von ihm aus auf jeden Fall mehr war, er wusste, er konnte Jiyong nicht widerstehen, doch wie konnte es sein, dass dieser nun erneut in dieser Situation gelandet war?
Das war das nächste Mal gewesen, dass Seungri nur nach Heulen zumute gewesen war und das hatte er dann auch gemacht. Komplett alleine und nur in die schützende Wärme seines Bettes gewickelt. Sein Gesicht in sein Kissen gepresst, damit draußen möglichst niemand sein Schluchzen hören konnte. Wie in alten Zeiten. Wie damals, als er Jiyong noch nicht hatte. Und er fühlte sich auch kein bisschen anders. Er fühlte sich nutzlos, schutzlos, unpassend. Wie jemand, der nicht ganz dazu gehören konnte, alles nur durcheinander brachte, nichts als Chaos brachte. Und es erst viel zu spät merkte, denn was sowas anging, war er nur ein dämliches Kind. Ob er nun Fünfzehn war oder Anfang Zwanzig…
Dieses Mal war auch tatsächlich Youngbae gekommen, um mit ihm zu reden, doch Seungri wollte nicht reden. Dass sein Hyung Jiyong besser kannte, als jeder andere es wahrscheinlich jemals tun würde, war ihm bewusst, aber er war an einem Punkt angekommen, an dem es ihm ziemlich egal war, was Jiyong von ihm dachte, schließlich musste er nun volkommen be ihm unten durch sein. Daher hatte er Youngbae auch nur aus seinem Zimmer hinausgejagt mit der Aufforderung, er solle ihn doch einfach in Ruhe lassen. Und das war das letzte Mal gewesen, dass er überhaupt mit einem ihrer Gruppe geredet hatte, soweit man sein kindisches Geschreie überhaupt als Reden bezeichnen konnte. Dann hatte Seungri losfliegen müssen nach Japan für ein paar einzelne Termine und daher lag er auch nun alleine in einem viel zu großen Bett alleine in einem viel zu lauten und gleichzeitig viel zu leisen Hotelzimmer. Alleine. Nur in Gesellschaft seiner Gedanken und Erinnerungen. Die letzten paar Tage hatte er sich unmotiviert durch ein paar TV- und Radio Shows durchgequält, stets mit einem unechten Lächeln auf den Lippen, denn wenn er etwas konnte, dann eine Fassade errichten und seine Gefühle davor schützen, gesehen zu werden. Das einzige Problem war nur, dass er sich nicht mehr vor sich selbst schützen konnte. Er hatte seine Gefühle gesehen und das machte es nun einmal unmöglich für ihn, sie wieder nicht sehen zu können. Damit war es jetzt vorbei, das war Vergangenheit.
Sein Handy vibrierte, doch er schaute nicht drauf, er wusste eh, was es war. Er trennte sein Handy in letzter Zeit nur noch selten vom Flugzeugmodus, so konnte er sich wenigstens vor möglichen Nachrichten schützen, mit denen manche Member ihn möglicherweise zu hagelten. Es konnte also nur sein Wecker sein, der ihm Bescheid gab, dass er gleich losmüsse. Immerhin sollte er in ein paar Stunden wieder zurück in Seoul sein. Zurück in derselben Stadt wie Jiyong. Ein Gedanke, der ihn ebenfalls nicht ganz losließ. Dass sie seit dem einen Vorfall kein Wort mehr mit einander gewechselt hatten, störte ihn von Tag zu Tag mehr und ein Teil von ihm wollte nichts lieber, als zu ihm zurückzulaufen aber etwas hinderte ihn daran. Was hinderte Jiyong daran, ihn nicht noch einmal zu enttäuschen?  Er würde eh wieder verschwinden, ihn ignorieren. Und Seungri war sich langsam sicher, dass er das nicht noch einmal aushalten konnte, das hatte er nun schon viel zu häufig mitgemacht und es hatte viel zu oft in totalem Chaos geendet. Er konnte das nicht mehr, er war am Ende.  Vielleicht war nun wirklich die Zeit gekommen, in der er loslassen musste, wenn das auch eigentlich das letzte war, was er wollte. Aber manchmal hatte man einfach keine andere Wahl.

Noch immer geplagt von dieser Entscheidung, betrat er den Flieger und verließ ihn nur ein wenig später in Korea auch schon wieder. Seinen Termin zog er durch wie immer, wenn er auch dieses Mal ein wenig zu sehr versuchte, das Ganze hinter sich zu bringen. Dass das auch seinem Manager nicht ganz entging merkte er, als dieser ihn am Ende darauf ansprach. So gut es ging versuchte er, die ganze Sache abzuspielen, aber diese ganze Situation setze dem Ganzen nur noch das Sahnehäubchen auf. Selbst für Außenstehende schien seine Fassade bereits zu bröckeln. Das einzige, worauf er eigentlich immer vertraut hatte, dass dies gerade nicht geschehen würde.
Dass all dies seine Laune nicht heben konnte, war klar, doch auf dem Rückweg war er so schlecht gelaunt, dass er es sogar kaum bemerkte, als sie bei ihm Zuhause angekommen waren. Von seinem Fahrer verabschiedete er sich kurz und knapp, dann stieg er aus.
Wenn er an sich nicht so schlecht gelaunt gewesen wäre, hätte er vielleicht auch das Licht wahrgenommen, dass durch sein Küchenfenster nach draußen schien und die Tür, die längst nicht so fest verschlossen war, wie sonst. Doch dass etwas anders war als sonst, merkte er erst, als er seine Küche betrat und er in dessen Mitte plötzlich jemanden stehen sah. Er traute seinen Augen nicht ganz.
Es war Jiyong.
„Ji-„ Ihm fehlten die Worte. Er hatte noch nicht einmal seinen Mantel ausgezogen, seine Schlüssel hatte er noch immer in der Hand, doch er war in dem Moment zu überrascht, um auch nur einen Muskel zu bewegen. War er froh ihn zu sehen oder war er wütend, dass er einfach so ohne jegliche Vorwarnung auftauchte? Und das nachdem er an dem einen Morgen einfach so abgehauen war? Seungri wusste es nicht. Und da war es erneut: Diese verdammte Unsicherheit, die ihn schon all die Jahre hier und da begleitete und ihn stets zur Verzweiflung brachte. Er hasste es.
Einen Moment lang standen sie noch da. Komplett stumm und regungslos, keine weitere Reaktion von auch nur einem von beiden. Bis Jiyong einen Schritt nach vorne machte.
Was genau er geplant hatte, konnte Seungri nicht sagen, weil er ihn darin sofort unterbrach, indem er selbst einen Schritt nach hinten machte, Hände eine wenig erhoben, fast schon defensiv. Eine Bewegung, die nicht ganz unbemerkt blieb, denn Jiyong blieb stehen. Er musterte Seungri von unten nach oben, blieb dann wieder an dessen Gesicht hängen und plötzlich schien er etwas zu erkennen, was er vorher noch nicht erkannt hatte. Seine Gesichtszüge änderten sich und zwar zu etwas, was Seungri nicht ganz deuten konnte.
„Etwas hat sich verändert“, stellte Jiyong fest und für einen kurzen Moment wusste Seungri nicht ganz, ob er richtig gehört hatte.
„Ach, denkst du?“ Seine Stimme triefte vor Sarkasmus, eine weitere Sache, mit der der andere nicht ganze gerechnet hatte. Seungri sah, wie er ein wenig zusammenzuckte und eigentlich hätte ihm das leidgetan, doch nicht jetzt. Jetzt animierte es ihn nur dazu, weiterzumachen. Wenigstens dieses eine Mal Jiyong zu sagen, was er wirklich dachte, was er wirklich fühlte. „Du kommst hier an, mitten in der Nacht, wartest in meinem Haus, ohne mein Wissen auf mich, dass ich zurückkomme von einem mehrtägigen Businesstrip, um mir das zu sagen? Tut mir leid, Hyung, aber ich befürchte dir sagen zu müssen, dass ich genau das auch schon festgestellt habe. Also danke für gar nichts.“ Und damit drehte er sich wieder um und verließ die Küche, um seinen Mantel aufzuhängen und gleichzeitig um von Jiyong weg zu kommen, der ihm allerdings folgte.
„Ich bin hier, um mich zu entschuldigen.“
„Und dafür konntest du dir keinen andern Zeitpunkt aussuchen?“ Seungri schmiss seine Schlüssel wütend ungefähr in die Richtung, in die sie gehörten und hängte seinen Mantel auf, bevor er sich Richtung Treppe wendete. Er wollte nur noch schlafen. Doch Jiyong ließ nicht locker.
„Ich war ein Arschloch.“
Das brachte Seungri tatsächlich noch einmal dazu, sich zu ihm umzudrehen und er konnte nun auch wirklich die Verzweiflung in dessen Augen erkennen. Eine Erkenntnis, bei der Seungri sich bemühen musste, dass sie ihn nicht weich werden ließ. Nicht jetzt. Das musste vorbei sein.
„Das warst du“, hielt er also weiterhin als Antwort dagegen. „Und das bist du jetzt auch weiterhin, wenn du mich nicht verdammt noch einmal schlafen lässt.“ Er drehte sich wieder um, wollte gerade einen weiteren Schritt in Richtung Treppe setzen. Doch so sauer er auch war und vor allem so wütend wie er sogar noch zusätzlich versuchte zu sein, der nächste Satz ließ ihn doch noch einmal mitten im Schritt anhalten und sich umdrehen.
„Ich liebe dich.“
Er sah Jiyong an. Es war nicht unbedingt etwas, was sie noch nie der jeweils anderen Person gesagt hatten, aber es hatte noch nie so eine tiefe Bedeutung gehabt, wie dieses Mal. Und noch nie hatte Seungri gesehen, wie Jiyong diesen einen kurzen, eigentlich simplen Satz so ernst gemeint hatte. Und doch schüttelte er nur den Kopf, bevor er seinem Gegenüber ein trauriges Lächeln zuwarf.
„Du hattest deine Chance, Jiyong, ich kann nicht mehr. Ich gebe auf.“
Das brachte diesen ebenfalls dazu, den Kopf zu schütteln und ein wenig näher zu treten. „Wie gesagt, ich war ein Arschloch und… und ich habe Fehler gemacht aber-„
„Woher soll ich wissen, dass du nicht genau diese Fehler wiederholst? Wie jedes andere Mal, nachdem ich dir gerade wieder einmal ein wenig Vertrauen geschenkt hatte?“
Dass dieser Satz den Leader traf, war unverkennbar. Er zuckte kurz noch einmal zusammen und sein Gesicht nahm einen etwas schmerzhafteren Ausdruck an.
„Ich… Ich bin ein komplizierter Mensch, Seungriyah, manchmal vielleicht noch komplizierter als du erkennen willst“, begann er dann allerdings zu erklären. „Und.. und manchmal denke ich, dass ich denen, die mir nahstehen nicht bringe als Probleme. Dass niemand in meiner Gegenwart wirklich sicher ist.“
Der schmerzhafte Ausdruck auf seinem Gesicht hatte nur noch weiter zugenommen und auch, wenn er nun deutlich leiser sprach, konnte Seungri ohne Probleme die Unsicherheit in seiner Stimme heraushören. Wenn er lauter werden würde, würde sie wahrscheinlich brechen.
„Du hast mir tatsächlich einiges an Problemen gebracht“, erwiderte der Jüngere aber nicht so kühl wie eigentlich geplant. Etwas in ihm regte sich. Etwas in ihm wollte ihm unbedingt verzeihen. Aber konnte er das? Jetzt gerade so kurz nachdem er beschlossen hatte, loszulassen? „Ich kann nicht mehr zurückgelaufen kommen, wenn du mich nur –„
„Behandelst wie ein dahergelaufenes Tier?“ Ein schmales und trauriges Lächeln bildete sich auf Jiyongs Gesicht. „Ich erinnere mich an deinen Anruf damals, du hast mir genau das gesagt. Du klangst so verzweifelt damals, es fiel mir schwer, den kompletten Anruf abzuhören und nicht einfach mittendrin abzubrechen.“
„Und warum hast du dann weitergemacht?“ Eine simple Frage, kurz und einfach. Und doch genau die, die Seungri nun schon so lange auf den Lippen brannte, die ihn nie verließ, die er schon so oft hatte stellen wollen. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen.
„Weil ich mir selbst dann noch eingeredet hatte, dass ich dir so weniger Schaden bereite, als wenn ich bei dir bleibe.“
Einen Moment lang wusste Seungri nicht ganz, was er antworten sollte. Er wusste noch nicht einmal ganz, was er daraufhin empfinden sollte. Einerseits fühlte er sich, als würde sein Herz von einem Eiszapfen durchbohrt werden aber auf der anderen Seite hatte er sich lange nicht mehr so warm gefühlt. Es war ein Widerspruch in sich.
Ob er wollte oder nicht, die Tränen traten ihm erneut in die Augen und er ballte die Hände zu Fäusten, in der Hoffnung, wenigstens ein bisschen Kontrolle zu behalten. Jiyong betrachtete ihn einen Moment lang, dann trat er vorsichtig ein wenig näher, bis Seungri schon beinahe wieder seinen Atem in seinem Gesicht spüren konnte.
„Ich kann es verstehen, wenn du Abstand haben willst, wirklich“, Jiyongs Stimme war sanft und kaum mehr als ein Windhauch, aber gerade laut genug, dass Seungri ihn ohne weitere Probleme verstehen konnte. „Ich wollte nur sicherstellen, dass du weißt, dass mir das alles einfach nur verdammt leid tut. Wenn ich die Zeit zurückspulen könnte, würde ich das sofort machen aber so bleibt mir einfach nur das Bild deines am Boden zerstörten Gesichtes und wenn es eine Person gibt, der ich um keinen Preis schaden will, dann bist du das.“ Ein trockenes Lachen entfloh seiner Kehle. „Ich war nur ein sehr dämlicher Idiot. Du kennst mich schon länger, du kennst meine dunkelsten Seiten. Könntest du sie nicht akzeptieren, wärst du schon vor längerem gerannt. Aber du wolltest bleiben. Es tut mir leid. Es war ein Fehler, jedes einzelne Mal, aber ich brauchte zu lange, um es einzusehen.“
Seungri versuchte es gar nicht erst, ihm in die Augen zu sehen, er behielt seinen Kopf einfach nur weiter gesenkt. Doch auch, wenn er nicht viel sehen konnte, fanden seine Hände doch Jiyongs Rücken und sein Gesicht dessen Schulter und dessen Nacken. Und ohne, dass er groß drauf warten musste, fühlte er zwei Arme seinen eigenen Körper umschlingen und ihn noch dichter ziehen, als er eh schon war. Ein Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus, als die Wärme seinen Körper durchflutete und Jiyongs ihm viel zu bekannter Geruch ihn zu umgeben begann. Seine Hände vergruben sich in Jiyongs Shirt. Vielleicht wusste er ja doch, was er wollte und es fühlte sich verdammt richtig an.
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