Am Ende der Straße

von Idris1707
GeschichteAngst, Schmerz/Trost / P16
Draco Malfoy Hermine Granger
16.02.2019
16.02.2019
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5.451
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16.02.2019 5.451
 
Charaktere: Hermine Granger, Draco Malfoy
Timeline: Sie sind Mitte dreißig, das spielt also waaaay way nach der canon Storyline. Ich habe aber übernommen, dass Hermine Ron heiratet und sie zwei Kinder haben, Dracos Ehe (und der Fluch, der auf seiner Frau liegt) und irgendwie hatte ich mir gemerkt, dass Hermine später fürs Ministerium arbeitet. Falls das nicht stimmt - pfft, dann habe ich mir das hierfür ausgedacht. ;)

Warnungen: Angst, Blut, Sex (aber alles recht soft und impliziert - ehrlich, es ist viel harmloser als es hier klingt). Vor allem geht es um zwei sehr einsame, deprimierte Menschen deren Leben absolut nicht so gelaufen ist wie geplant.

Vorwort: Das war eine Wichtelgeschichte fürs Animexx-Winterwichteln 2018 und als ich die Wunschliste meines Wichtelkindes gelesen habe, dachte ich zuerst "Oh shit" weil das eigentlich so gar nicht mein Pairing ist. Und dann habe ich wochenlang gegrübelt und überlegt wie ich die beiden so schreiben kann, dass ich sie irgendwie plausibel zusammen finde. Na ja und dabei kam das heraus. ;)  


Sorry about the blood in your mouth. I wish it was mine
-Richard Saiken


Am Ende der Straße


Es ist ein Anruf, mit dem alles beginnt.  
Dinge, die längst vergessen und begraben waren, in eine Kiste gesperrt, auf einem See versenkt, tief in ihrem Inneren.

Ein Gefangener.
Er möchte nur mit Ihnen sprechen, Ministerin.


Es war nicht ungewöhnlich, dass Häftlinge versuchten sich an obere Instanzen zu wenden, um eine Begnadigung zu erwirken, aber dies geschah doch meistens erst nach einer Verhandlung, nach einer Verurteilung. Nicht unmittelbar nach einer Verhaftung.

Mit mir? Wieso?

Er sagt, er kennt sie. Er sagt, sie kennen ihn.

Wie ist sein Name?


     -

Eine halbe Stunde später steht sie vor einer verschlossenen Kerkertür und weiß nicht, wieso.
Oh, sie weiß wozu sie hier ist, aber immer noch nicht wieso.

„Unterzeichnen Sie hier und hier … und hier…“ Ein Stapel Papier wird in ihre Hände geschoben und sie unterzeichnet, ohne es zu lesen.

„Frohe Weihnachten, Ministerin.“

„Danke“, erwidert sie mechanisch. Es ist erst der 23. aber offenbar können einige Menschen es nicht früh genug sagen.

„Ich hätte nicht gedacht, dass um die Uhrzeit noch jemand im Ministerium ist.“

Sie zuckt ungeduldig mit den Schultern. Es gibt keinen Grund sich dafür zu rechtfertigen. Sie hat viel zu tun. Das ist alles.

„… wird in ihre Obhut übergeben.“

„… muss morgen früh vor dem Gericht erscheinen.“

„…Aussage verweigert… deswegen….“

Sie nickt, ohne wirklich zuzuhören. „Hat er einen Anwalt angefordert?“ fragt sie schließlich.

„Nein, Ma’am.“

„Warum nicht?“

„Das weiß ich nicht, Ma’am. Er hat nur Sie angefordert. Er sagt, er hätte wichtige Mitteilungen zu machen, die nur das Ministerium etwas angehen. Da das Ganze ohnehin nur auf ein minderschweres Vergehen hinauslaufen wird…“

Nur sie.
Warum zum Teufel ausgerechnet sie?

Sekundenlang überlegt Hermine, ob das alles eine Falle ist.
Ist es das, was er vorhat? Sie dazu zu bringen ihn in ihre Obhut zu nehmen, um sie dann wegen … Staatsgewalt oder Willkür oder Amtsmissbrauch anzuzeigen? Wieso hat er nicht seinen Daddy angerufen, so wie früher immer?

Was macht sie hier?
Sie sollte weggehen.
Sie schuldet ihm gar nichts.

Sie sollte sich umdrehen und gehen, so weit und so schnell wie möglich, und vergessen, dass sie jemals hier war.
Aber das tut sie nicht.

„Aufmachen“, sagt sie stattdessen.

Die Tür geht auf.
Es ist ein endloser Tunnel, es ist ein Abgrund, es ist eine Dunkelheit, es ist eine Tür in die Vergangenheit, alles auf einmal.

Er steht auf.
Es dauert einen Augenblick bis sich ihre Augen an die Dunkelheit in der Zelle gewöhnt haben.

„Malfoy“, sagt sie steif. Es ist das Höflichste, was sie über die Lippen bringt. Es ist auch das Einzige, was keine Beleidigung ist.

Er sieht aus wie früher.
Er sieht aus wie ein Fremder.
Diese widersprüchlichen Gedanken schießen ihr gleichzeitig durch den Kopf.
Er ist immer noch groß und schlaksig, beinah hager, mit einem bleichen, spitzen Gesicht. Die weißblonden Haare sind ein bisschen dunkler als sie sie in Erinnerung hat. Man sieht ihnen an, dass sie genauso streng zurückgekämmt waren wie damals, aber eine Nacht in Untersuchungshaft und möglicherweise alles was davor geschehen ist, um ihn dorthin zu bringen, haben sie zerzaust und sie stehen wirr in alle Richtungen ab.  
Auch nach all den Jahren reizt es sie noch in dieses bleiche, spitze, hochmütige Gesicht zu schlagen.

Aber da sind dunkle Ringe unter seinen Augen, an seiner Unterlippe klebt getrocknetes Blut und quer über seine linke Wange zieht sich ein blutiger Striemen. Und so wie er den Arm schützend über die Rippen hält, sind wenigstens ein paar davon angeknackst. Gebrochen oder verstaucht. Die Existenz dieser Verletzungen überrascht sie nicht, angesichts der Tatsache, dass er festgenommen wurde wegen Verschwörung, Unruhestiftung und tätlichem Angriff. Das, was sie überrascht ist die Tatsache, dass sie noch da sind. Das hätte man in zehn Minuten wegzaubern können.

„Hat keine Schwester nach dir gesehen?“ Sie deutet auf sein Gesicht.

Er zuckt zurück.
Es ist eine kaum wahrnehmbare Bewegung und er unterdrückt sie sofort, aber sie sieht sie dennoch. In ihrem Magen zieht es sich zusammen.

„Ich werde keinen Quacksalber an mich ranlassen“, erwidert er und verzieht das Gesicht zu einer angewiderten Grimasse. Es ist das Erste, was er sagt.
Seine Stimme ist rauer und tiefer, als sie sie in Erinnerung hat. Aber das höhnische, herausfordernde Funkeln in den Augen ist das gleiche, der spöttische Zug um seinen Mund, das bittere Halblächeln.

Sie fragt sich, was er sieht, wenn er sie ansieht.
Sie hat schon so lange nicht mehr in einen Spiegel gesehen.
Ihre Locken sind zu einem Knoten zurückgebunden, straff und viel zu streng. Es lässt sie aussehen wie eine Oberlehrerin, hat Ron immer gescherzt. Es gab mal eine Zeit, da fand er das sexy. Und irgendwann … nicht mehr.
Sie ist ungeschminkt und vermutlich sieht man ihr die Müdigkeit genauso an wie ihm.
Sieht sie aus wie eine überarbeitete Ministerin? Eine Ex-Frau, die man verlassen hat?
Sie weiß es nicht.

Sie zuckt mit den Schultern und blickt haarscharf an seinem Gesicht vorbei, um zu zeigen, dass ihr das herzlich egal ist. „Wieso ich?“ fragt sie.
Das ist die eine Frage, die ihr auf den Lippen brennt, die eine Frage, die eine Bedeutung hat, die eine Frage, die er beantworten muss, die eine Frage, ohne die alles andere keinen Sinn macht.

Dieses Mal ist er derjenige der den Blick abwendet. „So wie ich dich kenne, hattest du sowieso nichts Besseres zu tun.“

Das Schlimmste ist – er hat Recht.

Der Rest sind Formalitäten, die sie mit einer Hand erledigt.

„Er muss morgen früh wieder hier sein. Wegen der Anhörung.“

Hermine nickt.  

„Sollen wir ihm Handschellen anlegen, Ma’am?“

Sie wirft einen Blick auf Malfoy und schiebt die Hände in die Taschen ihres Mantels. „Nein.“

„Sind Sie sicher?“

„Ganz sicher.“

„Wenn du abhaust“, sagt sie auf dem Weg nach draußen, „mach ich dich kalt.“

„Ist mir klar.“

Sie treten raus ins Freie und er legt den Kopf in den Nacken und atmet tief durch. Hermine sieht ihm zu wie er ein und ausatmet und winzige, silbrige Schneeflocken sich auf seinen Wimpern und seinen hellen Haaren ansammeln. Sie hat den Zauberstab bereit, falls er abhaut.

„Das mit den wichtigen Informationen ist doch gelogen, oder?“ fragt sie.

Er zuckt mit den Schultern. „Wie weit ist es bis zu dir?“

Erneut denkt sie – das war ein Fehler.

Der Himmel ist schwarz und die Luft ist kalt.
Noch auf dem Weg nach Hause, ist sich Hermine klar, dass es keine gute Idee ist, Malfoy mitzunehmen. Wieso checkt sie nicht einfach im nächstbesten Hotel ein, fesselt ihn an einen Stuhl und zwingt ihn dazu mit der Sprache rauszurücken?

Aber das tut sie nicht.
Sie nimmt ihn mit zu sich.

Es fühlt sich ohnehin nicht an wie zuhause.

Falls er überrascht ist von der Adresse, dem Gebäude, dem Pförtner, dem gläsernen Aufzug, irgendetwas davon, lässt er es sich wenigstens nicht anmerken.
Nur einmal ganz oben, unmittelbar vor ihrer Tür, pfeift er anerkennend durch die Zähne, als er die Sicherheitsvorkehrungen an ihrer Tür sieht.

„Nicht schlecht.“

„Ministeriumsstandard.“

Man muss ein paar komplizierte Zauber lösen, um hineinzukommen, und dazu ein paar Mugglesicherheitsvorkehrungen (doppelt hält besser), und Hermine spürt wie sie es hinauszögert, wie sie den Augenblick aufschiebt, die Tür zu öffnen und ihr Leben zu offenbaren – vor Draco Malfoy.

Es ist kein Leben, auf das sie besonders stolz ist.

Es ist ein riesiges Apartment, nur drei Zimmer, Küche und Bad, aber allein das Wohnzimmer hat fast 80m². Panomarablick über London.
Es ist wunderschön und … leer.
Die sparsamen, eleganten Möbel, die Bücher, die Vasen, die ausgesuchten Bilder an der Wand - das alles kann nicht darüber hinwegtäuschen wie selten Hermine sich hier aufhält. Wie wenig persönlich es ist. Dass kein Kinderspielzeug hier liegt.

Malfoy, mit der ihm angeborenen Gabe zielsicher eine Wunde zu erkennen und auf sie einzustechen, erfasst es mit einem Blick. „Ich bin überrascht. Keine Familienidylle? Was ist mit Weasley? Und den kleinen Weasleys?“

„Geht dich nichts an.“

Er hebt Mundwinkel zu seinem widerlich zynischen Halblächeln. „Was denn? Doch nicht die große Liebe? Wurde die Glut zu Asche und die Romantik zu Staub in deinen Händen? Hat er einen bitteren Geschmack hinterlassen als er ging?“

Sie wirbelt herum und packt nach seinem Kragen. Erneut zuckt er zusammen, kaschierte es mit einem Blinzeln, aber dieses Mal ist es ihr gleich. Grob drückt sie ihn an die Wand. „Halt den Mund“, zischt sie. „Kein Wort über Ron. Kein Wort über Harry. Kein Wort über irgendeinen von ihnen, kapiert? Oder ich werfe dich so schnell in die Zelle zurück, dass du dir nicht mal deinen Scheitel zurechtrücken kannst. Verstanden?“

In Stöckelschuhen ist sie genauso groß wie er.  
Ihre Gesichter sind auf einer Höhe, so dicht voreinander, dass sie seinen Atem spürt und die einzelnen Grautöne in seinen Augen unterscheiden kann.

„Ob du verstanden hast?“ wiederholt sie mit zusammen gebissenen Zähnen.

Er nickt, erstaunlich gefügig. „Verstanden.“ Es klingt heiser.

Erst als sie loslässt, sieht sie, dass seine Hände zittern.

Sie wendet sich ab und tut so, als hätte sie es nicht bemerkt.

Sie verriegelt die Tür, mit Muggle und mit Magiermitteln, sicher, dass Draco nicht aus eigener Kraft entkommen kann, vor allem nicht ohne Zauberstab, aber sich auch genauso bewusst, dass sie sich selbst grade hier mit ihm einschließt.
Eingeschlossen mit Draco Malfoy.

Aber hat sie jemals Angst gehabt vor Draco Malfoy?
Nein, entscheidet sie.
Nein, hatte sie nie.

Er ist ein Weichei. Ein Versager. Ein Würstchen. Nichts anderes. Ein kleines, willensschwaches Frettchen.
Es gab nicht einen Tag in ihrem Leben, an dem er ihr das Wasser hätte reichen können. Weder als Zauberer, noch als Mensch.

Als sie sich umdreht, steht er immer noch genauso da, wie sie ihn hat stehen lassen. Dicht vor der Wand, die Hände hilflos an den Seiten, den Kopf erhoben und zur Seite gewendet, als versuche er ihr gleichzeitig die Kehle darzubieten und sich soweit wie möglich fern von ihr zu halten.

In dem hellen Licht ihrer Wohnung sind die Schatten unter seinen Augen schwarz. Sein Gesicht ist ausgehöhlt, die blutige Unterlippe ein fiebrig roter Fleck auf weißer Leinwand.  

„Sag es jetzt gleich“, fordert sie. „Du verschwendest meine Zeit. Du hast doch gar keine wichtigen Informationen für das Ministerium.“

Erneut zuckt er mit den Schultern.

Klar.
Was hat sie auch erwartet.
Sie möchte die Zähne fletschen und ihm eine runterhauen und nur die Tatsache, dass er jetzt ihr Gefangener ist hält sie davon.

„Da ist das Bad“, sagt sie und zeigt nach rechts. „Geh Duschen. Du riechst nicht besonders gut.“

Er hebt einen sardonischen Mundwinkel und macht eine Handbewegung an sich hinab. „Hast du was zum Anziehen? Einen seidenen Morgenmantel vielleicht?“

„Geh ins Bad.“

Sie weiß nicht wie er das anstellt.
Sie fühlt sich in seiner Gegenwart immer als sei sie erst vierzehn. Vierzehn und nicht vierunddreißig.
Jung und aufgebracht. Zerzaust.

Aber seine Frage ist nicht unberechtigt. Welche Kleidung kann sie ihm anbieten.
Harrys Sachen werden ihm alle zu kurz sein und Rons zu lang.

Sie seufzt und verdreht die Augen.
Na und? Denkt sie. Wen kümmert das.
Dann soll Malfoy eben aussehen wie ein Clown.
Das ist alles besser als die glatte, gelackte Oberfläche, die sie von ihm kennt.

Eine halbe Stunde später, steht sie vor der Badezimmertür.
Sie hat keine Ahnung, was er immer noch darin macht, aber seit einer halben Stunde läuft ununterbrochen das Wasser.
Sie hat einen Stapel Kleidung auf dem Arm.

Sie zögert. Dann klopft sie an die Tür. „Hier sind ein paar Sachen zum Anziehen.“

Das Wasser rauscht. Ansonsten ist es still.

Sie klopft erneut. „Malfoy.“ Als wieder keine Antwort kommt, verdreht sie die Augen. „Nun hab dich nicht so! Du hast nichts, was ich nicht schon gesehen hätte. Ich leg sie jetzt rein!“

Wasserrauschen. Es ist ohrenbetäubend. Ebenso wie die Stille außen herum.

„Malfoy.“ Sie lauscht. „Malfoy!

Panik überflutet sie, heftig und unerwartet, wie eine Flutwelle. Sie hämmert an die Tür. Die Klamotten gleiten ihr aus der Hand und rauschen auf den Boden. Das Wasserrauschen. Sie erinnert sich an seine blutige Lippe. Sein bleiches Gesicht. Die hohlen Augen. Sie zerrt ihren Zauberstab hervor. „Alohomora!

Die Tür fliegt auf, Holz zersplittert an den Fließen.  

Sie sieht Blut und erstarrt.

Es ist ein surreales Bild, was sie erwartet.

Malfoy kniet in der Dusche, nass und nackt, das Wasser strömt über ihn hinweg wie ein Wasserfall. In der rechten Hand hält er Hermines Rasierer, die linke hat er zur Faust geballt. Blut läuft über sein Handgelenk, läuft in das rauschende Wasser und über eine dunkle Tätowierung auf seinem Unterarm … nein, das ist keine Tätowierung …

Das dunkle Mal.

Er hebt den Kopf.
Sekundenlang vergisst sie, dass er nackt ist, weil er so bodenlos verzweifelt aussieht. Das sardonische Lächeln ist ganz und gar verschwunden.

Weißblonde Haare kleben nass in seinem Gesicht. Seine Augen sind schwarz und leer und sein Gesicht sieht ausgezehrt aus. Hoffnungslosigkeit umgibt ihn wie eine dunkle Wolke.

„Es geht nicht weg…“ flüstert er. „Es geht nicht weg.“

Vorsichtig tritt sie auf ihn zu.
Dieses Mal zuckt er nicht zusammen. Es ist als sei er zu Stein erstarrt.
Sie greift an ihm vorbei und stellt das Wasser ab.

Sehr langsam geht sie vor ihm in die Knie, direkt auf dem flauschigen Badevorleger. Sie streckt die Hand aus und er reicht ihr den Rasierer. Sie schweigen beide.  

Sie weiß nicht, was sie sagen soll, denn darauf gibt es nichts zu sagen.
Nein, es wird nicht weggehen.
Es wird nie wieder weggehen, Malfoy weiß das so gut wie sie. Kein Zauber auf der Welt kann dieses Mal entfernen.

Zum ersten Mal schweigt sie, um nicht grausam zu sein. Und die Wahrheit wäre nichts anderes als das. Grausam.

Sein Oberkörper ist übersäht mit blauen Flecken. Sie versucht nicht hinzusehen, und kann doch den Blick nicht abwenden davon.
Es ist lange her, dass sie eine andere Verletzung gesehen hat als ein aufgeschürftes Knie oder eine blutende Nase, und selbst die können innerhalb von Sekunden geheilt werden. Wieso hat Malfoy sich nicht heilen lassen?

„Soll ich?“ fragt sie leise und deutet auf seinen Oberkörper.

Er schüttelt den Kopf.

„Wieso nicht?“

Es fährt sich mit beiden Händen über das Gesicht und schiebt die nassen Haare zurück. „Bitte geh“, sagt er. Seine Stimme ist feucht. „Ich fühle mich auch so schon genug gedemütigt, ich habe keine Freude daran es länger auszudehnen als nötig.“

Es ist das erste Mal in ihrem ganzen Leben, dass Malfoy ‚bitte‘ sagt und das ist der einzige Grund wieso sie gehorcht. „Okay.“

Sie geht. Den Rasierer nimmt sie nimmt.  Und nach kurzer Überlegung auch ihre Nagelschere.
Sie ist ziemlich sicher, dass das kein Suizidversuch war. Aber „ziemlich sicher“ ist nicht „100% überzeugt“ und wenn Hermine irgendwas in ihrem Leben gelernt hat, dann ist es immer Vorkehrungen zu treffen. Für alle Fälle. Für jeden Fall.

Danach macht sie Tee, vor allem um ihre Hände mit irgendetwas zu beschäftigen.
Mit einem Ohr lauscht sie in Richtung Badezimmer, aber das Wasser bleibt abgedreht und es ist sehr still.
Als sie kurz davor ist nachzusehen, ob Malfoy immer noch in der Dusche sitzt – nackt und nass – öffnet sich endlich die Tür.

Er lebt noch.
Sie ist beinah überrascht über die Erleichterung, die sich in ihrem Magen entfaltet wie eine Decke.
Er lebt noch.  

Er hat sich umgezogen und Rons Sachen sehen genauso lächerlich an ihm aus, wie erwartet. Das karierte Hemd ist zu lang und zu weit und hängt ihm über eine Schulter wie ein Nachthemd. Die Hosen hat er unten hochgerollt.
Sein Gesicht ist finster und sagt ‚Lach ruhig!‘ als ob er genau weiß wie albern es aussieht.

Er sieht seltsam … verletzlich aus. Lächerlich. Dünn. Jung. Und menschlich.

Er blutet nicht mehr. Er hat etwas um sein Handgelenk gewickelt, was aussieht wie ein notdürftiger Verband. Sie bietet ihm nicht erneut an, es wegzuzaubern.

Stattdessen schiebt sie ihm wortlos eine Tasse entgegen.
Zögernd nimmt er sie entgegen.

„Hast du noch was Stärkeres da als Tee?“ fragt er.

„Ich werde mich sicher nicht mit dir betrinken.“

     -

Es ist der 23. Dezember und sie betrinkt sich mit Draco Malfoy.
Ist das ihr Leben?

Sie sitzen auf der Couch, zwei Meter Abstand zwischen sich, beide mit einem Glas Scotch in der Hand. Das war mal ein Geschenk von Mr. Weasley.
Hinter ihnen ist die riesige Glasfront, großartige Aussicht, endlose Tiefe.

„Was ist passiert?“ fragt sie.
Sie hat genug Alkohol im Blut, um sich vage entspannt zu fühlen, in einer Stimmung die absurde Situation einfach hinzunehmen, aber nicht so viel, dass ihre Gedanken jemals aufhören würden sich zu bewegen.

„In den letzten zwanzig Jahren?“ Seine Stimme klingt dumpf. „Alles.“

„Letzte Nacht, du Idiot.“

„Ach das.“ Sein Kopf sinkt auf die Couchlehne, den Blick an die Decke gerichtet und er reibt sich über die Augen. „Was ist bei dir passiert?“

„Alles“, sagte sie prompt. Und dann: „Wir reden nicht über mich, lass das.“

Er lacht, als habe sie einen Witz gemacht, und nimmt einen Schluck Scotch. Er schwenkt das Glas hin und her, und sie sieht dabei zu wie die honigfarbene Flüssigkeit auf und ab schwappt.
Sie fühlt sich seekrank.

„Das mit Ron und dir…“ sagt er.

Sie wirft ihm einen warnenden Blick zu.

Er hebt eine Hand in einer Geste, die beinah beschwichtigend ist. „Ich wollte nur sagen … es hat mich überrascht. Ich hab von eurer Scheidung gehört. Ich halte nicht viel von den Weasleys, aber sie wirken wie…“ Es ist offensichtlich, dass er nach einem Ausdruck sucht, der keine Beleidigung ist, und sich schwertut. „Familienmenschen“, sagt er schließlich.

„Deswegen sind die Kinder ja auch bei ihm“, hört Hermine sich selbst erwidern. Ihre Stimme klingt fremd und sie hasst sich selbst dafür, dass sie sie überhaupt erwähnt hat. Gleichzeitig ist sie stolz auf sich selbst, dass ihre Stimme festbleibt und nicht zittert.

Malfoy nickt. Er ist sehr lange still. Die künstliche Neonbeleuchtung von draußen malt tiefe Schatten auf sein Gesicht.

„Scorpius“, sagte er leise und Hermine hält unwillkürlich die Luft an, denn das ist das erste Mal, dass er seinen Sohn erwähnt. „Er ist auch bei Astoria.“

„Ich wusste nicht, dass ihr euch getrennt habt.“

„Nein. Nicht … getrennt.“ Er schüttelt den Kopf. „Und wie sind die Weihnachtsfeiern bei den ehemaligen Schwiegereltern so? Sicher herrlich angespannt. Reißen sich alle zusammen der Kinder wegen?“

„Es ist nicht angespannt.“

„Wie ist es passiert? War es ein langsamer Tod?“

Sie presst die Lippen aufeinander.

„Oh, ich weiß wie es ist. Liebe stirbt leise, nicht wahr?“ fährt er fort. Seine Stimme ist träumerisch und sanft. „Sie geht den Weg des Idealismus. Sie explodiert nicht in Flammen, sie stirbt tausend kleine Tode, bis nichts mehr von ihr übrig ist. Man denkt, man hat so viel davon übrig, aber sie wird aufgezehrt, aufgerieben, aufgebraucht, sie zerrinnt einem wie Sand durch die Finger. Man kann sie nicht festhalten. Hast du dich eines morgens umgedreht und dich gefragt, wer der Fremde in deinem Bett ist?“ Seine hungrigen Augen flackern über ihr Gesicht.

„Malfoy.“ Es ist eine Warnung.

„Ist er irgendwann in die Arme von jemand anderem geflohen? Weil er dich nicht mehr zu Gesicht bekommt? Weil du Tag und Nacht bei der Arbeit bist?“

„Ron ist ein guter Kerl und das wüsstest du, wenn du …“ Sie beißt sich auf die Unterlippe. „Ich liebe ihn und ich werde ihn immer lieben und jemand wie du wird das nie verstehen. Und wenn du seinen Namen noch einmal in den Mund nimmst, nagel ich dich an die Wand. Und das ist keine Metapher.“

Er nickt.

Danach sind sie wieder still.

Hermine sieht den Schneeflocken zu, die an ihrem Panoramafenster vorbeifallen, endlos tief, und sie stellt sich vor wie Ron mit den Kindern Schneemänner bauen wird. Schneefrauen. Schneehunde. Sie stellt sich vor wie er sie mit einem Zauber animieren wird, den sie ihm beigebracht hat, und wie begeistert Rose und Hugo sein werden.

Niemand wäre je auf den Gedanken gekommen, dass die Kinder bei ihr bleiben sollten. Nicht für eine Sekunde. Nicht einmal sie selbst. Nicht bei ihren Arbeitszeiten, die sechs Tage die Woche (manchmal sieben) und zwölf Stunden am Tag umfassen.
Natürlich sind die Kinder bei Ron.
Ron klebt ihnen Pflaster auf die blutigen Knie und macht mit ihnen Hausaufgaben und backt Bananenbrot zum Abendessen. Er ist ein guter Vater. Er war sogar ein guter Ehemann.

Sie presst eine Hand auf die Augen und schluckt bis sie sich nicht mehr so fühlt als würde sie gleich weinen.

„Erzähl mir von Astoria“, sagt sie.

„Wieso?“

„Weil du mir bei jedem anderen Thema auf die Nerven gehst und bewirkst, dass ich dich ohrfeigen möchte.“

Das ist nicht gelogen. Außerdem ist sie neugierig. Und vielleicht … nur vielleicht, hat es ein Gefühl von seltsamer, widerwilliger Zusammenhörigkeit, zu wissen, dass man nicht die Einzige ist, die mit Mitte dreißig auf ihr Leben zurückschaut und sich fragt … wie ist das alles passiert? Wo ist der Zug entgleist?
Die wenigen Male, wo sie Malfoy und seine Gattin zusammen erlebt hat, schien er ihr aufrichtig zugetan gewesen zu sein.  

„Es gibt nicht viel zu erzählen“, sagt er.  

„Okay. Cool. Wir können auch schweigend hier sitzen, bis morgen früh die Auroren kommen, um dich wieder einzusammeln.“

Er seufzt und drückt das Glas Scotch gegen seine Stirn. „Du bist genauso hartnäckig wie früher, Granger.“

„Du bist genauso unausstehlich wie früher, Malfoy.“

Das entlockt ihm ein Lächeln. Es ist halbgar und verschwommen und sieht mehr traurig aus als alles andere. „Sie wird sterben“, sagt er. Es klingt ruhig und gefasst, als sei das eine Tatsache, die er schon so oft ausgesprochen hätte, dass sie nicht mehr so schrecklich klingt. „Es ist ein Familienfluch. Erspar mir die Frage, ob man irgendwas machen kann. Wenn es etwas gäbe, wüsste ich das inzwischen.“

Sie erspart es ihm. Alles was sie fragt, ist: „Wann?“

„Wissen wir nicht. Vielleicht noch ein paar Jahre. Vielleicht weniger. Aber… bald.“

„Oh.“
Das ist nicht, was sie sagen möchte. Es liegt ihr auf der Zunge, dass es ihr leidtut. Aber diese Worte in Malfoys Gegenwart auszusprechen fühlt sich falsch an.  

Vielleicht ist es ihr Schweigen, was es ihm leichter macht, weiter zu sprechen, sie weiß es nicht. Vielleicht ist es auch nur der Scotch, der seine Zunge löst.

„Sie möchte, dass ich … rausgehe und neue Menschen kennen lerne“, sagt er und es klingt bitter und spöttisch und verzweifelt, alles zugleich. „Weil ich so ein Typ dafür bin rauszugehen und Leute kennen zu lernen. Sie will, dass ich ohne sie klarkomme. Damit… es nicht so wehtut, wenn es endlich soweit ist.“

„Und? Funktioniert das?“

Er gibt ein Geräusch von sich, dass halb Lachen und halb Schluchzen ist und verzieht gleich darauf das Gesicht, als könne er die Dummheit ihrer Frage nicht fassen. „Wie sieht es denn aus, Granger?“

Sie betrachtet seine magere Gestalt, die dunklen Höhlen unter den Augen, die blutige Lippe, das weiße, spitze Gesicht und denkt … nein. Nein, es funktioniert ganz und gar nicht.
Was immer Malfoy vorhat, was immer er auch versucht, um den Schmerz zu betäuben – alles was es bewirkt ist, dass er auseinanderfällt. Er sieht zerrieben aus, zerbröselt, zermalmt, aufgezehrt, müde. Wie ein unscharfer Schatten von Draco Malfoy, der Schulbully, den sie mal gekannt hat.

„Und dein Versuch neue Menschen kennen zu lernen, hat dich zu einem Todesser-Treffen geführt?“ fragt sie. „Ist das die Ausrede, die du vor Gericht präsentieren willst? Weil, wenn ja, muss ich dir sagen, dass du das lieber überdenken …“

„So war es nicht.“

„Wie war es dann?“

Er schweigt erneut, aber dieses Mal zerbricht etwas in seinem Gesicht und er sieht gedemütigt aus.
Sie hat nicht mit einer Antwort gerechnet.  

„Wenn ich nicht komme, finden sie mich trotzdem“, sagt er leise.

Mitgefangen, mitgehangen, denkt sie.
Einmal Todesser, immer Todesser.
Pech gehabt, Malfoy.
Jammer nicht.
Selber schuld.

Das sind alles Dinge, die sie denkt. Denken sollte. Denken müsste.

Aber Malfoy sieht so gequält aus, so gedemütigt. Und sie muss an das Blut denken, Wasser und Blut, das in ihren Abfluss kreiselt, gefangen in einem ewigen Strudel aus Selbsthass und Resignation, und an sein nasses, bleiches Gesicht, die hoffnungslosen Augen. An den Rasierer in seiner Hand. Blut auf seiner Haut.

Mitgefangen. Mitgehangen.
Auf alle Ewigkeit.

„Es tut…“

„Erspar mir dein Mitleid“, unterbricht er sie grob. „Deswegen bin ich nicht hier.“

Aber wieso bist du hier?
Und da ist sie wieder. Die einzig relevante Frage.
„Wieso ich?“ fragt sie erneut. „Wieso nicht deine Eltern? Wieso nicht Astoria? Wieso ich?

Auf die Antwort, die sie erhält, ist sie nicht gefasst.

„Weil du mich kanntest“, flüstert er.

„Ich kannte dich nicht.“

Er redet weiter, als habe sie nichts gesagt. „Weil ich mich selbst nicht mehr erkenne, wenn ich in den Spiegel sehe, schon lange nicht mehr. Weil ich mich auflöse. Ich weiß nicht wer ich bin. Aber wenn ich mit dir rede… wenn du mich anfauchst … dann weiß ich wenigstens, wer ich mal war.

So fühlt es sich an, wenn man am Ende der Straße steht, denkt sie, am Ende der Welt, und die Welt besteht aus Schnee und der Weg hinter einem ist unkenntlich geworden in den wirbelnden Flocken.
Wie ist sie hier gelandet? Das ist nicht das Leben, das sie führen wollte, das ist nicht der Mensch, der sie sein wollte.
Wie ist er hier gelandet? Im Gefängnis. In ihrer Wohnung.

Ihr Glas klirrt als sie es ruckartig auf dem Glastisch absetzt. Sie greift nach seinem Ärmel und in derselben Sekunde dreht er sich zu ihr um, packt nach ihrem Handgelenk und zieht sie in seine Arme. Sie küsst ihn und er küsst sie und es ist nichts Romantisches daran. Es ist eine Verzweiflungstat. Eine Affekthandlung, noch während sie ihn küsst, legt sie sich ihre eigene Verteidigung zu Recht. Euer Ehren, es war nur der Scotch. Euer Ehren, er hatte so traurige Augen. Euer Ehren, es war Heiligabend. Euer Ehren, ich bin so einsam. Euer Ehren…
Seine Unterlippe blutet.

Sie lässt ihn los und weicht abrupt zurück.

Schrecken und Ekel überkommen sie so abrupt, dass ihr übel wird. Sie presst eine Hand auf ihren Mund und schließt die Augen. „Entschuldige“, flüstert sie. „Entschuldige. Das hätte nicht … ich wollte nicht …“ Es rauscht in ihren Ohren. „Das hätte nicht passieren dürfen.“

Er ist ein Gefangener. In ihrer Obhut.
Das ist illegal, das ist nicht okay, das ist ganz und gar nicht …
Und es ist Draco Malfoy.

Nichts daran ist okay.

„Tu es noch einmal.“

„Nein!“

Er greift nach ihrer Hand. Seine langen weißen Finger sind eiskalt. Er hält sich an ihr fest, als sei sie ein Anker und vielleicht ist sie das.  
„Du bist geschieden, oder?“ fragt er. „Du betrügst niemanden.“

„Das ist es nicht.“

„Bitte“, sagt er.
Und das ist das zweite Mal an diesem Abend und in ihrem ganzen Leben, dass Draco Malfoy dieses Wort in den Mund nimmt.
„Morgen kannst du zu deinen Kindern gehen und eine gute Mutter sein. Morgen gehe ich zu Astoria und spiele ihr vor, dass es mir nichts ausmacht, dass wir jedes Weihnachten so feiern als sei es das letzte. Im neuen Jahr sehen wir uns vor Gericht. Aber heute… fuck.“ Er flucht und seine Stimme bricht. Seine Finger zittern.

Sie sind nicht ganz nüchtern und unter dem viel zu langen Ärmel von dem geborgten Hemd sieht ein Stück weißer Verband hervor.

Draußen schneit es und sie denkt an seinen Blick im Gefängnis, an das Blut im Wasser, gefangen in einem Abwärtsstrudel. Wieso hat sie ihn abgeholt? Wieso hat sie die Bitte nicht einfach ignoriert? Wieso ist sie nicht einfach nach Hause gegangen?

Weil er in einer Zelle saß.
Genauso wie sie.

Sie denkt an Draco Malfoy mit elf, zwölf, dreizehn, vierzehn und fünfzehn. Daran wie er zerbricht. Mit sechzehn und siebzehn.
Draco in Stücken.
Draco discerpebatur.

Und sie küsst ihn erneut.
Er schmeckt nach Blut und Schneeflocken und Einsamkeit.

Diesmal erwidert er. Eine Hand greift nach ihren Haaren und er zieht ihr das Haargummi heraus. Ihre Haare fallen offen über ihre Schulter. Er vergräbt seine Hand darin und zieht sie näher zu sich. Mit der anderen Hand nimmt er ihr die Brille ab.

„Du siehst genauso aus wie damals“, sagt er atemlos.

„Nein, tu ich nicht.“

„Du warst die Pest mit vierzehn.“

„Du auch.“

Zwanzig Jahre.
Was ist passiert? Wie sind sie hier gelandet? In ihrem Apartment aus Chrom und Glas und Stahl, ohne Bilder und ohne Wärme, ohne Leben. Es ist eine Zelle. Ohne Gitter, aber mit Fußbodenheizung.
Was ist passiert.
Sie weiß es nicht.

‚Weil du mich kanntest.‘

‚Weil ich mich auflöse.‘


Sie hält sich an ihm fest und er an ihr. Seine Lippe blutet, sie weint. Und sie kann doch nicht aufhören.

Er wischt mit dem Daumen die Tränen von ihrer Wange. „Soll ich…?“ fragt er.

„Mach weiter.“

„Ja, Ma’am.“

„Sag nicht Ma’am.“

Granger.

Die geliehenen Klamotten landen auf dem Boden. Er stöhnt, als sie an seine blauen Flecken kommt. Sie ist sanft, sanfter als beabsichtigt. Er ist dünn und kantig, aber seine langen, dünnen Spinnenhände sind weich und behutsam.
Es ist unbeholfen und falsch, Blut und Tränen kleben auf ihren Händen, aber es ist auch warm und echt und wirklich.

‚Weil du mich kanntest.‘

Sie haben sich nicht gemocht.
Noch nie.
Aber sie haben sich gekannt.
So wie sie damals waren.
Jung und ehrgeizig. Zornig und idealistisch. Feige. Wütend. Vorurteile. Ihre Faust in seinem Gesicht. Sein Blut auf ihren Fingern.

‚Sie geht den Weg des Idealismus. Sie explodiert nicht in Flammen, sie stirbt tausend kleine Tode, bis nichts mehr von ihr übrig ist…‘

Alles was von ihr übrig ist, von der Hermine, die sie einmal war, sind seine Finger auf ihrer Haut, seine Stimme in ihrem Ohr.
Hör nicht auf, denkt sie. Hör nicht auf.

‚Er sagt, er kennt sie. Er sagt, sie kennen ihn.‘

„Sag meinen Namen.“

Und sie sagt: „Malfoy. Malfoy.“ Es fühlt sich an wie ein Zauber, wie eine Beschwörung, als ob sie ihn von den Toten zurückruft. Er hält sich an ihr fest und gibt leise, schluchzende Geräusche von sich, und er flüstert: ‚hör nicht auf‘.
Sie denkt an das Wasser und das Blut, den Strudel, den Abgrund.

Malfoy.

Am Ende liegen sie nebeneinander auf der Couch und sehen den Schneeflocken beim Fallen zu. Es ist nicht Kuscheln, denn das ist wirklich das Letzte was sie mit Draco Malfoy tun möchte. Aber sie liegen gemeinsam unter einer Decke und wenn sie sich berühren … nun, dann ist das beinah ein Versehen.

Sie reichen ein Glas Scotch hin und her, seins oder ihres, sie weiß es nicht mehr.
Und sie warten gemeinsam auf den Sonnenaufgang.

„Wir sind ziemlich abgefuckt“, sagt er.

„Ja.“

„Es tut mir leid, dass deine Ehe vorbei ist.“

„Tut es nicht.“

„Nein, tut es nicht.“

Zum ersten Mal muss sie lächeln, angesichts seiner spitzen, brachialen Ehrlichkeit.
Liebe stirbt leise, denkt sie. Niemals wird sie ihm gegenüber zugeben, dass er recht hatte. Aber alles was er sagt, hat genau ins Schwarze getroffen.

„Werden sie mich verurteilen?“ fragt er leise.

„Das weiß ich nicht.“

Er seufzt und reibt sich mit einer Hand durch die Haare.

„Vermutlich kommst du mit einem Klaps auf die Finger davon“, fügt sie hinzu. „Vielleicht kannst du auf Nötigung plädieren. Es dürfte dir helfen, dass du so derangiert und verprügelt aussiehst.“

Er hebt einen arroganten Mundwinkel. „Ich weiß.“

Sie verdreht die Augen. Natürlich hat er sich deswegen nicht heilen lassen. Das hätte sie sich denken können. Malfoy hat schon als Teenager gewusst wie man sich um Bestrafungen herumdrückt.

„Das hier ist nie passiert“, sagt sie.

Er nickt.
Ein Teil von ihr wünscht sich, er würde widersprechen.
Aber das ist unmöglich. Gleich werden die Auroren hier sein, um ihn abzuholen.

Danach schweigen sie. Über ihnen wird der Himmel erst grau und dann gelb und rosa. Die Sonne geht auf.


Ende


Nachwort: Ich glaube ja tatsächlich, dass Ron und Hermine sehr glücklich zusammen sind. Aber sie heiraten halt doch extrem früh und sind einfach sehr verschieden - deswegen war es gar nicht soo schwer mir ein Universum vorzustellen, wo sie sich komplett auseinander leben und Hermine Karriere macht, aber dabei ihre Familie vernachlässigt.
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