Löwenmädchen

von Lilli
KurzgeschichteAllgemein / P12
13.02.2019
22.05.2020
6
11.335
1
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
13.02.2019 1.737
 
-Anmerkung der Autorin-

Ich möchte vorab klar machen, dass es hier nicht um Kevin Richardson von den Backstreet boys, sondern um Kevin Richardson aus Südafrika geht. Auch bekannt als "Lion Whisperer", setzt er sich seit fast 20 Jahren für bedrohte Löwen und andere Tierarten in Südafrika ein und kämpft für den Erhalt ihrer Art.  Als einer der wenigen Menschen besitzt er die Gabe, mit Raubkatzen zu interagieren, ohne dass ihm die Tiere gefährlich werden.

Ich verlinke euch bei der Gelegenheit direkt seinen Kanal:

https://www.youtube.com/user/LionWhispererTV

Kevin kümmert sich im dortigen Park, um über 27 Löwen, 28 Tüpfelhyänen und mehrere Giraffen.
Der Charakter der Tamika ist fiktiv und entspringt meiner Fantasie.

Ich wünsche euch viel Spaß!

__________________________



-Tamika-

„Hey, mein Mädchen. Was machst du? Wie geht’s dir?“, hörte ich eine vertraute Stimme sagen, die mich von meinem Buch nach oben blicken ließ. Als ich realisierte, wie Meg und Amy meinem Vater entgegen liefen, konnte ich mir ein trauriges Lächeln nicht verkneifen.

Freudig stürzten die zwei Löwinnen auf Dad zu, sprangen in seine Richtung und schmiegten sich an ihn. Meg platzierte die großen Tatzen auf seiner Schulter und sah ihm dabei tief in die Augen. Sein Kopf streifte ihr Fell. Für einen kurzen Moment schien es fast, als ob sie ihn zur Begrüßung umarmen wollte. Genau wie den Rest der Tiere, verband uns eine innige Freundschaft.  Dad hatte Meg und Amy mit der Flasche aufgezogen, nachdem sie von ihrer Mutter verstoßen waren. Auch ich kannte die Tiere von klein auf. Bereits  als kleines Mädchen hatte mich mein Vater mit den Löwenbabys vertraut gemacht und vor der Scheidung meiner Eltern sehr oft zu ihnen mitgenommen. Bis zu meinem siebten Lebensjahr war der Wildpark mein zweites zu Hause gewesen. Als meine Welt noch in Ordnung war. Als Mom noch lebte und nicht mit ihrem späteren Freund und Mörder zusammen gezogen war.

Seufzend glitten meine Finger durch Napoleons dichte Mähne. Der alte Löwe schnaubte, während ich mich mit dem Rücken an ihn lehnte. Ganz entspannt kraulte ich seinen Nacken, während sein Schweif hin  und her wedelte, weil er einige Moskitos verjagte.
Als Napoleon meinen Vater kommen sah, hob er kurz den Kopf und senkte ihn anschließend wieder nach unten. Genau wie ich, war Dad Teil des Rudels.
Langsam ging mein Vater  in die Knie und wurde ganz selbstverständlich akzeptiert. Er streckte seine Hand aus, berührte Sekunden später die Tatze des Raubtiers. Napoleon blickte ihm treu entgegen und gähnte.

Natürlich wussten wir, dass die Situation keineswegs  selbstverständlich war und  wir gewisse Vorzüge genossen, die es uns ermöglichten  den gefährlichsten Tieren Afrikas so nahe kommen zu können. Durch seinen Instinkt und das Feingespür für Wildtiere, schaffte es mein Vater seit Jahren die Herzen sämtlicher Wildtiere zu erobern. Eine Gabe, die ich mit ihm teilte, auch wenn meine frühe Bekanntschaft mit den Raubtieren dafür nicht unerheblich schien.

„Na, Napoleon? Lässt du dich von Tamis Streicheleinheiten verwöhnen?“, sprach er mit dem gigantischen Tier, ehe er sich wieder an mich wandte. Nachdenklich sah ich dabei zu wie Meg und Amy einander jagten, ehe mein trauriger Blick zu Dad glitt.

„Ich hab dir Pommes und Hamburger aus der Stadt mitgebracht? Die magst du doch sonst immer so gerne“, sprach er besorgt, weshalb ich seinen Blicken auswich und mit dem Kopf schüttelte.

„Das ist echt lieb von dir, aber ich hab keinen Hunger.“
Er stöhnte, sah kurz auf die Löwinnen und blickte anschließend wieder zu mir.

„Du musst aber was essen. Du hast schon wieder abgenommen“, sprach er fürsorglich und ließ mich dabei nicht aus den Augen.

„Ich weiß, es ist schwer zu begreifen, was da passiert ist, aber wir zwei müssen irgendwie weiter machen. Mom hätte das auch gewollt.“
Hätte sie das? Widerwillig schüttelte ich mit dem Kopf, sah eindringlich auf Dad. Seine Augen lagen in tiefen Höhlen. Auf seiner Haut hatten sich erste Falten gebildet. Obwohl er ein sehr junger Vater war, schien er  aufgrund der Ereignisse in den letzten Wochen um Jahre gealtert zu sein.

Meine Augen füllten sich mit Tränen.  Allein der Gedanke an meine Mutter rührte mich. Ich vermisste sie schrecklich und die Art und Weise, auf der sie gestorben war, machte den Schmerz nicht kleiner.

„Nicht so. Nicht auf diese Weise“, schoss es mir zum gefühlt tausendsten Mal durch den Kopf und für einen Moment fühlte es sich fast so an, als ob ihre Schreie in meinem Kopf widerhallten. Das Blut auf dem Boden. Der Anblick, wie sie in der Küche lag und mit immer schwächer werdender Stimme um Hilfe schrie, nachdem ihr Freund Luke in Panik nach der Tat aus dem Haus geflohen war.
Ich hatte sie gefunden. Schwer verletzt und übersät von Stichwunden. Ich hatte sie in den letzten Minuten ihres Lebens begleitet, bevor nach unendlich erscheinender Zeit der Notarzt eintraf, der  viel  zu spät kam. Ich hatte ihre Hand gehalten und panisch auf sie eingeredet, während ihre Finger immer kälter wurden und ihr schließlich der Atem versagte. All die Bilder dieses Moments liefen mir wie ein schlechter Film unaufhörlich durchs Hirn.

„Tami“, holte mich Dads Stimme schließlich aus den Rückhallerinnerungen. Ich ließ meinen Kopf erschrocken nach oben fahren. Mit einem Mal war ich zurück in der Realität.

„Komm her, komm“, machte mein Vater eine vielsagende Geste.

Unter Tränen sah ich auf Napoleon, der  den Kopf anhob und die Szene beobachtete. Dad zog mich tröstend in seine Arme, strich mir gleichbleibend über den Rücken. Ich vergrub mein Gesicht an seiner Schulter, während er auf das Löwenrudel sah. Trotz allem Vertrauen war es wichtig dauerhaft wachsam zu bleiben. Fehlende Kontrolle war gefährlich.
Letztendlich wurde die Situation von Meg unterbrochen, die sich auf unmissverständliche Weise bemerkbar machte und seinen Schweif gegen meine Hose schlug.

Wie ein braver Hund verharrte er vor mir, als ob er uns zeigen wollte, dass er sich von der Situation ausgeschlossen fühlte.
Ich wischte mir mit dem T Shirtärmel über die Wange, ging dann auf Augenhöhe und fuhr ihm durch die braune Mähne. Zu meiner Überraschung schmiegte er sich an mich und leckte mir die Tränen vom Gesicht. Dad lächelte mir zaghaft entgegen. Es war das erste Mal seit zwei Monaten, dass ich ihn wieder lachen sah…

____________________


Als ich Malorie und Keno mit der Nuckelflasche fütterte, ging am Horizont bereits die Sonne unter.  Dankbar nahmen die Hyänen Babys die Ersatznahrung an. Nachdem sie ihre Mutter in der freien Wildnis zurück gelassen hatte, sah mein Vater keinen anderen Ausweg, als sie im Park unterzubringen. Wohl wissend, dass sie in der Wildnis Freiwild gewesen wären und kaum die nächsten Tage überlebt hätten, zog Dad sie mit Hilfe der vielen freiwilligen Helfer seit einigen Tagen mit der Flasche groß. Zwar waren Hyänen nicht vom Aussterben bedroht, aber wie immer hatte er es   bei einem  Ausflug in der nahen Umgebung nicht  fertig gebracht, die zwei Kleinen zurück zu  lassen. Eine Gegebenheit, die sich als eine Herzensangelegenheit erwies, die aber gleichzeitig wenig Schlaf und viel persönliche Aufgabe forderte,  da die Babys  ähnlich wie Menschenkinder rund um die Uhr versorgt werden mussten.

Ein Unterfangen, das ohne die vielen Freiwilligen und Tierpfleger gar nicht möglich gewesen wäre.  Ich verdankte es den Sommerferien, durch die ich mich rund um die Uhr im Reservat aufhalten konnte, auch wenn ich insgeheim froh war, dass wir in der kommenden Woche zusätzliche Unterstützung bekamen. Durch den anstehenden Sommer hatten sich etliche Helfer Urlaub genommen, was sich auch bei der Pflege der Tiere bemerkbar machte.

„Ich bin heilfroh, wenn die neuen Volunteers kommen“, murmelte ich  erschöpft an meinen Vater gewandt, der das Aufzuchtgehege betrat, weil er mich abholen wollte. Es war kurz vor 10. Mittlerweile wurde es Zeit, um nach Hause zu fahren. Er nickte bestätigend, ehe er mir den kleinen Malorie aus dem  Arm nahm und ihn am Bauch in die Luft hielt. Die Baby Hyäne quiekte, bevor Dad ihn wie einen Säugling  in seine Armbeuge legte und ihm vorsichtig über den Kopf fuhr.

„Hallo, mein Großer. Hallo, mein Junge, na?“, wiederholte mein Vater liebevoll an das Tierbaby gewandt.
Malories Fell war sehr dunkel und noch nicht sehr stark ausgeprägt.  Der Kleine genoss die Streicheinheiten, während Dad wie ein Baby auf ihn einsprach. Ich mochte seine weiche Seite. Die Art und Weise, wie er mit den Tieren umging, hatte mich seit Kindertagen fasziniert.
Außerdem war es eine willkommene Ablenkung von all der Trauer.

„Ich hole die Jungs und Mädels morgen vom Flughafen ab. Du kannst gerne mitkommen“, fragte mich Dad. Zu einer Antwort kam es vorerst  aber nicht. Gerade als ich erste Einwände anmelden wollte, schnaubte es hinter uns. Erschrocken drehten wir uns nach hinten um und brachen kurz darauf in schallendes Gelächter aus.

„Gembit“, riefen wir zeitgleich in die Richtung der unschuldig aussehenden Giraffe, die uns ahnungslos aus ihren braunen  Kulleraugen anblickte, den Kopf in den Raum steckte und gar nicht begriff, was sie falsch gemacht hatte. Der mehr als zwei Meter große Giraffenmann war das Harmonie bedürfigste Tier des gesamten Reservats. Er wollte mit allen befreundet sein, war stets neugierig und übersteig damit häufig Grenzen, die schnell in Gefahren mündeten. Dad hatte ihn mehr als einmal vor den Hyänen oder Löwen gerettet, weil er ständig Kontakt suchte und der Annahme ging, dass ihn die Raubkatzen und Aasfresser mögen würden.

„Du verrückter Hund. Was machst du hier? Wo hast du deine Tochter deine Frau gelassen? Na, klasse. Du bist ja ein tolles Elternteil“, witzelte Dad ironisch aus Spaß und trieb mir durch seine Aussage ein Schmunzeln ins Gesicht.

„Du bist jetzt Vater. Da muss man Verantwortung übernehmen.“
Wie immer nahm es Gembit mit Humor und leckte Dad mit seiner Zunge durchs Gesicht, was bei einer Giraffe ungefähr so schlimm war, als ob ein Truck durch eine Pfütze fuhr, deren kompletten Inhalt man mit voller Wucht abbekam.

„Danke, Gembi. Das erspart mir heute Abend das Duschen“, brummte Dad etwas genervt und entfernte sich den Giraffenspeichel vom Gesicht, weshalb ich vor Gelächter fast Tränen in den Augen hatte. Als Dad meine Stimmung bemerkte, grinste er verlegen.

„Schön, dich mal wieder lachen zu sehen“, sagte er leise, ehe er Malorie auf dem Boden absetzte. Das tapsige Hyänenjunge machte einige Schritte, ehe es in die hinterste Ecke des Geheges torkelte und uns etwas überfordert mit den neuen Dingen der Welt in die Augen blickte.

Die Kleinen mussten noch einiges lernen, aber sie schienen auf einem guten Weg zu sein…
Review schreiben