Valentinstag ist auch nur ein Tag

von Caligula
OneshotAllgemein / P12
13.02.2019
13.02.2019
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:: Valentinstag ist auch nur ein Tag ::


Genervt und ohne rechten Appetit schaufelte Crackle sein Mittagessen in sich hinein; Rinderrouladen mit Klößen und Rotkohl und das gar nicht mal so schlecht, wie man es von Kantinenfraß erwarten durfte. Dabei zwang ihn längst niemand mehr auf diese vorgefertigte, beschränkte Mahlzeit zurückzugreifen. Als von V.I.L.E. ausgebildeter Meisterdieb stand ihm die ganze Welt offen und trotzdem blieb er meistens doch auf der Insel. Und meist war das vollkommen in Ordnung für ihn. Dann wiederum gab es diese Tage, an denen er sich und seine Entscheidungen verfluchte. Es war einer dieser Tage, an denen es besonders anstrengend war, das fröhliche und unbeschwerte Miteinander von Chèvre und El Topo mit anzusehen. Vom ersten Tag an waren diese beiden unzertrennlich gewesen und hätte Crackle es nicht besser gewusst, hätte er sie für Brüder gehalten, so vertraut wie sie miteinander umgingen. Seit Jahren stand nichts und niemand zwischen dieser ach so wundervollen Freundschaft. Manchmal war das einfach zum Kotzen.

„Was ziehst du für ein Gesicht, mon ami?“, fiel Chèvre seine schlechte Stimmung irgendwann auf. Eigentlich hatte Crackle auf eine Unterhaltung verzichten wollen, doch war er sich des Unvermeidlichen bewusst gewesen, als sich die beiden Kollegen einfach ungefragt an seinen Tisch gesetzt hatten. „Immerhin ist bald Valentinstag. Ein Grund zu lächeln.“

Missmutig spießte Crackle die Gabel in einen Knödel und ließ demonstrativ die Mundwinkel hängen. „Ich weiß ja nicht was bei euch beiden geht...“, und er war sich selbst nicht ganz sicher wie genau er die Frage nun meinte, „...aber ich habe keinen Grund den Valentinstag zu feiern.“

Seine Kollegen lächelten unbeirrt. „Amigo, Valentinstag ist der Tag der Liebe“, übernahm El Topo. „Es muss nicht die Liebe des Lebens sein, vielmehr geht es darum einfach etwas Liebe zu verschenken. Und zu erhalten“, fügte er zwinkernd hinzu.

Seine Worte ließen Crackle fragend zurück. War das nun eine Einladung zu einem Dreier gewesen oder sollte er einfach wahllos irgendwem auf dieser gottlosen Insel etwas Liebe schenken? Beide Möglichkeiten schienen nicht besonders attraktiv zumal ihm niemand eingefallen wäre, mit dem er diesen Tag wirklich gerne verbringen würde. Noch weniger, musste er sich allerdings eingestehen, wollte er den Tag alleine verbringen.

. . . .


Als Tigress an diesem Tag von einem Einsatz in Lissabon zurückkehrte, hatte Crackle schon ein dutzendmal hin und her überlegt, ob er sie fragen sollte. Immerhin waren sie so etwas wie Freunde und er kannte sie gut genug um zu wissen, dass sie bestimmt keine andere Verabredung hatte. Aber ob sie überhaupt eine wollte?
Zufrieden – offenbar war ihr Einsatz ein voller Erfolg gewesen – stolzierte sie durch die Gänge der Akademie, nachdem sie den Professoren Bericht erstattet hatte, auf dem Weg zu ihrem Zimmer. Crackle nutzte die Gelegenheit und schloss sich ihr unauffällig an.

„Scheinst ja erfolgreich gewesen zu sein“, begann er eine scheinbar vollkommen belanglose Konversation.

Die Nase hoch erhoben schielte sie zu ihm rüber. „Hast du etwas anderes erwartet?“ Sie war gut drauf, also war es die perfekte Gelegenheit zu fragen.

„Hast du nächste Woche Donnerstag schon was vor?“

Nun runzelte sie die Stirn. „Wieso?“

„Na, wieso wohl?“, gab er genervt zurück. „Ich will wissen, ob du Zeit hast.“

„Für dich?“ Sie schmunzelte, blieb stehen und stemmte eine Hand in die Hüfte. „Am Valentinstag?“ Ein bisschen hatte er gehofft, dass sie das Datum nicht sofort als solches erkennen würde und er bereute schon das Thema aufgegriffen zu haben. Ihre Augen funkelten spöttisch und er wusste, er war im Begriff eine erniedrigende Abfuhr zu kassieren. „Fragst du mich gerade nach einem Date?“

„Kannst du einfach mit Ja oder Nein antworten?“, bat er zähneknirschend.

Tigress verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete ihn eingehend, prüfend und Crackle schöpfte doch noch Hoffnung, dass das Gespräch kein vollkommenes Desaster werden würde. „Und angenommen ich würde Ja sagen – was würdest du dann vorschlagen?“

„Ich könnte dir Sydney zeigen“, schlug er vor; fand zu seinem alten Selbstbewusstsein zurück.

Tigress verzog das Gesicht. „Ich hasse Australien. Aber Lissabon war wirklich schön. Wenn du willst, geh ich mit dir dorthin.“

Zu überrumpelt von dem unwahrscheinlichen Erfolg um beleidigt über ihre Aussage zu sein, zuckte er bloß die Achseln und gab sein Einverständnis. „Okay, dann Lissabon.“

. . . .


Er war noch nie in Lissabon gewesen, wenngleich ihn als Kind der europäische Kontinent immer fasziniert hatte. Mit einem Hauch Wehmut dachte er, dass diese kindlichen Fantasien und Schwärmereien so lange her waren, dass sie aus einem ganz anderen Leben zu stammen schienen. Irgendwie war es ja auch so.
Zielsicher führte Tigress ihn durch die Straßen der Altstadt und in ein Restaurant mit Blick über die Dächer Lissabons und den Tajo dahinter. Am Horizont leuchteten bereits die hunderten Lichter des gegenüberliegenden Ufers auf, hinter dem die Sonne ganz langsam und allmählich unterging. Es kostete Crackle Überwindung sich einzugestehen, dass das Panorama nicht der einzige schöne Ausblick war; Tigress hatte sich zurechtgemacht und sah in einem eleganten grünen Abendkleid verstörend hübsch aus. Es reichte nicht, um sie mit anderen Augen zu sehen, vor allem wenn sein Blick über ihren gewohnt arrogant verzogenen Mund glitt, doch es war genug um seine Entscheidung nicht weiter infrage zu stellen.

„Mediterrane Küche, ich hoffe doch, das ist kein Problem?“, fragte sie, als sie nach der Karte griff.

„Ich bin nicht wählerisch.“

„Verstehe.“ Verstimmt rümpfte sie die Nase. „Deswegen hast du mich also eingeladen?“

„So hab ich das nicht gemeint“, wehrte Crackle schwitzend ab.

„Bleib locker, Crackle, ich zieh dich doch nur auf“, erklärte sie mit einem schiefen Grinsen.

Sie stießen an, als die Getränke serviert wurden und nahmen ihre Mahlzeit weitgehend schweigend ein. Zwei Verbrecher auf der Suche nach einem Hauch Normalität.

„Okay, Hand aufs Herz“, durchbrach Tigress das bedrückende Schweigen, sobald sie sich den Mund mit der Serviette abgetupft hatte, an der ein wenig Lippenstift kleben blieb. Unwillkürlich fragte er sich, ob sie auch auf ihm noch welchen hinterlassen würde. Und ob er das überhaupt wollte. „Warum hast du mich eingeladen? Wenn du mir jetzt deine unsterbliche Liebe gestehst, jag' ich dich mitsamt diesem Laden in die Luft“, drohte sie scherzhaft.

„Ich schätze, ich wollte am Valentinstag einfach nicht alleine sein“, gab er schulterzuckend zurück.

„Ich verstehe...“, spöttelte sie, das Kinn auf eine Hand gestützt und ihr Weinglas sachte hin und her schwenkend. „Und da aus dir und deiner Blacky nichts geworden ist, suchst du dir eben die nächstbeste Alternative.“ Er erwiderte ihren Blick grimmig; fassungslos, dass sie ihn immer noch mit Black Sheep – jetzt Carmen Sandiego, wie er gehört hatte – aufzog. Seine Miene brachte sie zum Kichern und sie genehmigte sich noch einen großzügigen Schluck, mit dem sie ihr Glas leerte, ehe sie fortfuhr: „Du liebst mich nicht. Und ich liebe dich nicht. Und wir müssen auch nicht so tun als ob es so wäre, weil Valentinstag ist.“ Crackle öffnete schon den Mund, doch sie ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen. „Niemand liebt uns. Das ist der Weg, für den wir uns entschieden haben. Für Menschen wie uns ist Valentinstag nur ein ganz normaler Tag und so wird es von nun an immer sein. Werd endlich erwachsen, Crackle.“

Fast schon mit einem liebevollen Unterton gab sie ihm ihre verflucht klugen Ratschläge mit auf den Weg. Plötzlich ertrug er ihre Nähe nicht mehr und bohrte mit Blicken stattdessen Löcher in die Tischdecke, bis der Kellner, den Tigress heran gewunken hatte, schließlich die Rechnung brachte. Dieser deutete seine missmutig zusammengepressten Lippen falsch und erkundigte sich besorgt, ob das Essen zu ihrer Zufriedenheit gewesen war und Crackle zwang sich zu einem Lächeln. Das Essen, ja, aber die Wahrheit schmeckte bitter.

. . . .


Die Sonne war mittlerweile längst untergegangen, als die beiden V.I.L.E.-Agenten durch die Gassen der Altstadt schritten, auf dem Weg zu ihrem Hotel. Tigress ging voran und ließ sich wieder Zeit, ehe sie das Wort ergriff. „Du hast doch gewusst, worauf du dich einlässt, oder?“ Leiser Vorwurf klang aus ihrer Stimme. Crackle nickte brummend. „Dann sei nicht beleidigt.“

„Ich bin nicht beleidigt“, blaffte er patzig. „Und ich bin nicht auf der Suche nach Liebe“, fügte er noch ätzend hinzu.

„Ich hoffe sehr, dass du diesen naiven Gedanken aufgibst“, meinte sie und am liebsten wäre er ihr an die Kehle gesprungen. Zum Glück erreichten sie auch schon das Hotel, in dem sie sich einquartiert hatten. Bevor sie eintrat, drehte Tigress sich noch einmal zu ihm um. „Wenn du gleich noch an meiner Tür klopfen solltest, werde ich dich reinlassen. Aber du solltest dir im Klaren darüber sein, was du willst – und was du bekommen wirst. Deine Entscheidung.“ Damit drehte sie sich schwungvoll um und verschwand mit klackenden Schritten in der Lobby.

Crackle zögerte, ihr zu folgen. Denn so ganz sicher war er sich vielleicht nicht, was er wollte.
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