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Liebe SAD, SEI vernünftig!

OneshotAngst, Schmerz/Trost / P12 / Gen
12.02.2019
12.02.2019
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Liebe SAD,

da dies hier ein öffentlicher Brief ist, muss ich zunächst erklären, woraus sich dein Name ergibt: Es handelt sich dabei um eine Abkürzung des englischen Begriffs „Social Anxiety Disorder“. Übersetzt: Soziale Angststörung, oder, was geläufiger sein dürfte: Soziale Phobie. Eine von vielen Unterformen der Angst und gleichzeitig eine psychische Erkrankung. Das allein macht den Umgang damit so schwierig, sowohl für die/den Betroffene/n selbst, als auch für das „soziale“ Umfeld.

Selbstverständlich ist diese Abkürzung sehr naheliegend und deshalb, wie du, liebe SAD, bereits angemerkt hast, nicht von sonderlich hohem schöpferischen Wert. Ich kann es dir nicht verdenken: Mich zu bewerten und zu beurteilen, mich auf kleinste Fehler hinzuweisen und aus jeder Mücke einen Elefanten zu machen, das ist schließlich dein Spezialgebiet. Und auch, wenn es nicht an mir ist, mich zu rechtfertigen: Ich finde den Namen für dich sehr passend. Allem voran aus dem Grund, dass er als Akronym das Wort „sad“ ergibt, englisch für „traurig“.
Denn ja, soziale Angst zu haben macht traurig, da die Gefahr, zu vereinsamen, exorbitant hoch ist. Noch mehr, als in unserer von der Smartphone-Sucht beherrschten Gesellschaft ohnehin schon. Und, soziale Angst zu haben ist traurig, weil das bedeutet, dass einem eines der schönsten Dinge auf der Welt – das Zusammensein mit anderen Menschen, Austausch, Kontakt, Freundschaft, Liebe – erschwert, verleidet, im schlimmsten Fall sogar verwehrt werden.

Und deshalb, SAD, treffen wir uns heute zum Verhandlungsgespräch. In den letzten viereinhalb Monaten bin ich dich ziemlich hart angegangen und du hast einiges einstecken müssen. Aber ich habe auch nicht übersehen, dass man definitiv nicht den ganzen Anteil der Schuld dir zuschieben kann. Die Suche nach Ursachen ist immer komplex, ebenso wie die Suche nach einem Schuldigen. Und nicht selten stellt sich heraus, dass derjenige, der zunächst als alleiniger Verantwortlicher erschien, doch nur ein Glied in einer langen Kette von weiteren Verantwortlichen war – an deren Ende dann wiederum irgendein kleines, bemitleidenswertes Wesen steht, das alles nur gut gemeint hat.

Liebe SAD, wie lange wir uns jetzt schon kennen, das vermag ich beim besten Willen nicht zu sagen. Ich habe beim Erstgespräch angegeben, dich im Alter von 11 oder 12 Jahren zum ersten Mal richtig wahrgenommen zu haben. Dass du mir in dieser Zeit zum ersten Mal richtige Probleme bereitet hast. Inzwischen bin ich aber der Meinung, dass du mich schon viel länger begleitest.
Der Besuch meiner alten Schule letztes Wochenende hat diese Vermutung in mir ausgelöst. Die Erinnerung daran, dass ich fast gestorben wäre vor Angst, als ich für unsere Tagesstättengruppe Getränke holen sollte. Warum?
Schwer zu sagen, denn Erinnerungen sind anfällig und gerade Erinnerungen an so lang vergangene Zeit können falsche Erinnerungen sein, eingefärbt durch heutiges Wissen, gerade über Angststörungen. Jedenfalls glaube ich nicht, dass es daran gelegen hat, dass ich dachte, der junge Mann, der für das Getränkelager zuständig war und die Kasse dort verwaltet hat, werde mich auffressen. Es war eher die Angst, nicht zurückkommen zu können, mich zu verlaufen in diesem riesigen Gebäudewust und mich irgendwann darin zu verlieren. Einfach aufzuhören, zu existieren. Seltsam, ja. Vielleicht stimmt das auch gar nicht. Aber, dass ich Angst hatte, das stimmt, da bin ich mir sicher, trotz allen Wissens über falsche Erinnerungen.

Wie auch immer: Kann es sein, dass du damals schon da warst? Dass meine Zurückhaltung gegenüber anderen, mein Rückzug in meine eigene Welt und, dass ich mir scheinbar stets selbst genug war, in Wirklichkeit Sicherheitsverhalten war?
Denn, was ich ebenfalls noch ganz sicher weiß, ist, dass ich eine ganze Armee von imaginären Freunden hatte und das noch fast das gesamte Grundschulalter hindurch. Ich weiß nicht, bis zu welchem Alter das normal ist, vielleicht gibt es dazu Studien. Dass es normal ist, als Kind imaginäre Freunde zu haben, weiß ich, ich glaube auch, das ist allgemein bekannt. Aber ist das auch dann normal, wenn man sich in Wirklichkeit selbst genug ist?
Willkommen, Captain Obvious! Nein, es spricht wohl eher dafür, dass man sich in Wirklichkeit Freunde gewünscht hat, aber zu ängstlich war, um mit anderen Kindern in Kontakt zu treten.

Es wäre wirklich schön, wenn du das zugeben würdest, SAD.

Du argumentierst zurecht, dass mir das heute gegenüber meinen Mitmenschen – gerade gegenüber denen, die mich seit meiner Kindheit kennen – nichts mehr helfen wird. Wer glaubt einer Person, die damals 8 Jahre alt war und so in ihrer eigenen Welt gelebt hat, dass sie oft minutenlang nicht ansprechbar war? Sie werden weiterhin behaupten, dass alles, was ich aus dieser Zeit an negativen Gefühlen berichte, nachträglich modifizierte Erinnerungen sind, die so nicht zutreffen, weil man mir doch als Kind keinerlei derartige Gefühlsregungen angemerkt hat. Und Kinder, ja, da sind sie sich sicher, Kinder können ihre Gefühle nicht verbergen. Wenn Kinder traurig sind und ihnen etwas fehlt, dann merkt man das.
Ich kann argumentieren, dass aber auch Kinder unterschiedliche Arten des Gefühlsausdrucks haben, zudem kann ich argumentieren, dass, wenn sie davon ausgehen, dass ich früher nicht zu Gefühlsempfindungen dieser Art fähig war, es doch wohl sehr unwahrscheinlich ist, dass ich es heutzutage bin. Dabei kann ich sie darauf hinweisen, dass man Gefühlsempfindungen nicht erlernen kann, nur die Imitation selbiger, was übrigens erklärt, warum Psychopathen so erfolgreich in der Täuschung ihrer Mitmenschen sind (siehe dazu die Werke von Dr. Robert D. Hare). Ich kann mir den Mund fusselig reden – wer weiß, vielleicht haben sie es mittlerweile sogar verstanden.
Aber das ist egal. Denn es geht hier darum, was ich weiß und was mir vorgemacht wird. Ich will die Wahrheit, SAD. Und ich bin mir absolut sicher, die Wahrheit ist, dass der Grund für mein damaliges Verhalten in Wirklichkeit du warst.

Ich habe zahlreiche Bekundungen gehört, dass man stolz auf mich ist. Ich habe sogar eine Entschuldigung gehört. Die Sicht auf vieles in der Welt hat sich bei denjenigen, die mich schon früher kannten, stark verändert. Umso mehr aber noch meine Sicht auf sie: Sie alle haben ihre eigenen Sorgen, Meinungen und Wünsche und all das wandelt sich mit der Zeit und den sich immer wieder wandelnden Normen und Werten. Jede Sichtweise ist eingefärbt von der individuellen Erfahrung jedes einzelnen Menschen, sowie den Ansichten der jeweiligen sozialen Umgebung, in der er lebt.
Es geht nicht dauernd um mich. Es geht nicht dauernd darum, was die anderen über mich denken, wie die anderen über mich urteilen, was sie von mir halten und wie sie meinen, dass ich zu sein habe. Denn erstens denken diese Menschen nicht pausenlos, den ganzen lieben langen Tag darüber nach, was ich, ich persönlich, alles falsch mache und was man an mir verbessern könnte. Zweitens ist die Meinung jedes einzelnen, ja sogar der Gesamtdurchschnitt aller ihrer Meinungen so weit von einem universalgültigen Verhaltenskodex entfernt, wie nur irgend möglich.
Was sich aus dem bereits oben Erwähnten ergibt: Jede Meinung setzt sich zusammen aus den Erfahrungen der jeweiligen Person, die sie äußert. Es gibt kein Universalgesetz, nach dem man sich bezüglich seines Verhaltens, Denkens und Fühlens zu richten hat und nach dem jede Abweichung davon eine Verfehlung ist. Es gibt ein paar No Gos: Das sind strafrechtlich relevante Verhaltensweisen. Es gibt auch Verhaltensweisen, die allgemein als moralisch verwerflich und gesellschaftlich als Fehlverhalten anerkannt sind.
Aber, SAD, die kennen wir doch, oder? Und, inwiefern decken sie sich wirklich mit den Verhaltensweisen, vor denen du mich immer warnst, von denen du immer versuchst, mich abzuhalten?

In dieser Hinsicht habe ich sogar ein wenig Verständnis für dich. Weißt du, warum? Weil wir beide betrogen worden sind, SAD. Ich hab es ja gemerkt: Als ich mich dir genähert habe, erst da hast du dich gezeigt. Hast dich wirklich zu erkennen gegeben, während du ansonsten immer nur als leises Murmeln im Hintergrund warst, eine leise Andeutung von Gefühl, dass das jetzt aber doch gar nicht nötig ist, dieses Telefonat, dass man das doch auch anders regeln kann, mit einer E-Mail oder, vielleicht auch gar nicht, denn letztlich regeln sich solche Dinge doch immer von selbst. Erst, wenn ich mich diesem Gefühl widersetze, trotzdem zum Hörer greife, weil ich mir sage, dass ein Telefonat aber doch viel schneller geht und es doch außerdem sehr praktisch ist, das Gegenüber am Ohr zu haben, direkt Fragen stellen und Fragen beantworten zu können, dann plötzlich schwillt das Murmeln an zu einem Brüllen. Und da zeigst du dich, du feige Ratte!
Du hast genauso viel Angst, wie ich. Ist das nicht verrückt? Oder ist es nicht eigentlich vollkommen logisch, dass die Angst selbst Angst hat? Im Grunde tust du mir sogar ein bisschen leid. Aber nicht zu sehr, denn ich weiß, du bist hinterhältig. Sobald ich dir die Tür auch nur einen spaltbreit offenlasse, drängst du dich wieder hinein und beanspruchst sämtlichen Raum für dich. Meinst es ja schließlich nur gut. Wir wissen doch beide, nicht wahr, dass die normalen Verhaltensregeln, die, die für alle gelten, dass die für die anderen gelten. Für die anderen, aber nicht für uns, für uns gelten spezielle Regeln, Regeln, an die wir uns unbedingt zu halten haben, wenn wir nicht geächtet werden wollen.
Das hast du mir immer gesagt, SAD. Weil du fest daran geglaubt hast. Weil du mich schützen wolltest vor den Konsequenzen eines unbedachten Fehlverhaltens, das sich möglicherweise lebenslang auswirken könnte! Aber SAD, ich hab dich widerlegt. Ich habe all die Dinge ausprobiert, die wir eigentlich nicht tun dürfen, aber es ist nichts passiert! Wie kann das sein, wenn doch für uns spezielle Regeln gelten? Würdest du mir das bitte erklären?

Ja, das tust du. Denn du sagst, dass das ja alles grade noch mal gut gegangen ist. Weil ich ja, bei all den Regelbrüchen, die ich begangen habe, immer noch darauf geachtet habe, ein nettes Gesicht, eine freundliche Stimme zu bewahren, gute Resultate gebracht habe, es ist ja nichts passiert. Aber, was, wenn wirklich etwas passiert?

Ja, was, wenn wirklich etwas passiert. Das ist einerseits der klägliche Rest an Symptomatik, der noch da ist und andererseits die größte Hürde, die ich je nehmen musste. Was, wenn es wirklich schiefgeht.
Dann ist das nicht schön. Dann dürfen wir uns schämen, dann dürfen wir auch traurig sein, SAD. Verstehst du, das dürfen wir! Denn Traurigkeit ist dazu, dass man sich trösten lässt. Das ist keine Schwäche, sondern nur ein Zeichen dafür, dass die Notwendigkeit von Zuwendung besteht. Aber hier haben wir das nächste Problem: Wenn du uns ständig auf Distanz von anderen Menschen hältst und ständig auf Distanz von Gefahren und Enttäuschungen, wie sollen wir da jemals erfahren, wie schön es sein kann, von anderen Verständnis zu erfahren und aufgefangen zu werden, selbst, wenn man alles in den Sand gesetzt hat?

Das müssen wir lernen, SAD. Damit müssen wir uns auseinandersetzen. Und dazu gibt es jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder, ich bekämpfe dich weiter. Und du weißt, das wird übel für dich ausgehen. Du weißt, nach den letzten viereinhalb Monaten, dass du keine Chance gegen mich hast. Oder, du trittst aus dem Weg und nimmst deinen Platz an meiner Seite ein. Denn, SAD, du hast mir auch schon gute Dinge beschert. Schließlich habe ich durch das viele Nachprüfen meiner Verhaltensweisen und den Feinschliff meiner Außenwirkung ein gutes Gespür dafür, wie man Menschen offen und freundlich gegenübertritt, ohne, dass es gekünstelt wirkt, wie man Vorträge hält, Streitgespräche führt, ohne dabei beleidigend zu werden und zwischen Streitpartnern vermitteln kann, ohne die Allparteilichkeit zu verlieren. Aber letztlich nimmst du mir durch deine Sturheit die Gelegenheit, all diese Dinge praktisch anzuwenden und ich glaube nicht, dass das Sinn der Sache war.
Zudem hast du mir den Blick nach außen verstellt, durch den ich nun, da er sich endlich geklärt hat, feststellen kann, was um mich herum passiert. Umso besser, dass mich dann ab und zu jemand darauf hinweist, nicht über die Stränge zu schlagen, nun, wo ich mich endlich traue, all die Dinge zu äußern, die mir durch den Kopf gehen. Und die sind beileibe nicht immer freundlich.

Deshalb würde ich mich sehr freuen, wenn wir uns auf folgendes einigen könnten:
1)     Du gibst zu, dass du es warst, die mich schon während meiner Kindheit beherrscht hat und dass ich nicht deshalb plötzlich den Blick nach außen gerichtet habe, weil sich in meinem Gehirn mit 11 oder 12 Jahren irgendein neuronales Wunder vollzogen hat.
2)     Du trittst beiseite und lässt mich meinen Plan weiterverfolgen. Im Gegenzug werde ich dafür sorgen, dass wir getröstet und umsorgt werden, für den Fall, dass tatsächlich einmal etwas schiefgeht.
3)     Du hilfst mir, mein Verhalten zu prüfen, sodass mir weniger Fehler unterlaufen, lässt mich aber gleichzeitig auch Fehler begehen. Du stellst den Alarm aus. Du sprichst keine Warnungen mehr aus, sondern nur noch Empfehlungen. Für diesen Fall müssen wir dir einen neuen Namen geben, wie wäre es mit: S.oziale E.mpfehlungs-I.nstanz, abgekürzt SEI? SEI wie „sei, wie du bist“, „sei, was du schon immer sein wolltest“, „sei du selbst!“ Ja, ich finde, das wäre ein schöner Name für dich.

Also, vielleicht denkst du einmal darüber nach. Das heißt, natürlich denkst du darüber nach, denn du solltest längst verstanden haben, dass du keine andere Wahl hast. Ebenso, hoffe ich, hast du aber verstanden, dass dies ein einmaliges und einzigartiges Friedensangebot ist, das man nicht eben mal ausschlägt. Jedenfalls nicht, wenn man schlau ist.
Und, mal ganz unter uns: SEI würde dir als Name wirklich gut stehen. Findest du nicht auch?

Mit freundlichen Grüßen,

Die Vagabundin
 
 
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