Sammler und Sammler

von Ririchiyo
KurzgeschichteFamilie, Freundschaft / P6
12.02.2019
12.02.2019
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AN: Es handelt sich hierbei um einen Beitrag zu der Challenge: „1 Beginn, 1 Ende, 1 Wort“ bei der ein vorgegebenes Wort im ersten und letzten Satz eines mindestens 200 Worte langen Textes vorkommen muss, ohne dass die Sätze identisch sind. Diesmal ist das Wort die Nummer 130 „sammeln“ gewesen.
Viel Spaß! :)



Sammler und Sammler


„Was genau sammeln wir hier überhaupt?“, möchte Sylvan wissen, während er weiterhin seinen Blick über den Boden schweifen lässt. Zwischen den saftig grünen Gräsern an den Wurzeln der Bäume wachsen zahlreiche kleine Pflanzen in allen sich nur vorstellbaren Farben. Ohne groß darüber nachzudenken, bückt er sich und nimmt eine der roten Blüten, um sie zu dem kleinen Strauß hinzuzufügen, den er bereits in seiner einen Hand hält.
„Keine Ahnung, was du sammelst-“ Ihre Stimme ist zwar nicht sehr viel lauter, als seine eigene, aber durch den zischenden Unterton hat er beinahe das Gefühl, als habe sie ihn so laut angefahren, wie sie es normalerweise mit ihren ganzen Soldaten tut. Nur, dass er keiner davon ist. „-aber ich sammle Informationen.“
Er wendet den Blick kurzzeitig vom Boden ab, und sieht zu ihr hinüber. Sie steht etwas zwei Meter von ihm entfernt neben dem Stamm von einem der größeren Bäume, die Arme vor der Brust verschränkt, und sieht ihn mindestens so durchdringen an, wie sie es mit ihren Leuten tut, wenn sie all deren Fehler zu finden versucht, um sie zurechtweisen zu können.
Sie schnaubt. „Und du sammelst offenbar Blumen, wenn ich das richtig sehe.“
Einen Moment lang starrt er sie schweigend an, dann ignoriert er es, und wendet den Blick wieder den Pflanzen auf dem Boden zu.
Aus ihrer Richtung kommt ein Geräusch, dass verblüffende Ähnlichkeit mit einem Knurren hat, aber er hat es schon so oft von ihr gehört, dass es bereits jegliche Wirkung auf ihn hat einbüßen müssen. Stattdessen konzentriert er sich lieber darauf, ein weiteres von den roten Pflänzchen zu finden, damit er es zu seiner kleinen Sammlung hinzufügen kann.
„Und was genau willst du mit den Infos?“, fragt er, während er das Bündel in seiner Hand um drei weitere Blumen ergänzt.
Er hört sie stöhnen. Diesmal nicht mehr zurückhaltend, sondern so laut, dass er beinahe das Gefühl hat, man könne sie sogar in dem Lager hören, von welchem er eigentlich weiß, dass es noch ein ganzes Stück von hier entfernt ist. „Hast du überhaupt bei irgendetwas zugehört?!“, verlangt sie zu erfahren, ihre Worte wieder leiser, als alles, was sie sonst von sich gibt. „Weißt du auch nur ansatzweise, was gerade los ist?“
Beinahe lacht er. Natürlich weiß er, was hier los ist. Irgendwie. Sie will ein Lager auskundschaften – oder eher dessen Begebenheiten –, welches einer ihrer Später kürzlich entdeckt hat, um einschätzen zu können, was sie von den Leuten zu erwarten hat, die sich dort kürzlich versammelt haben. Und um möglichst niemanden in Gefahr zu bringen, macht sie es selbst. Er hat keine Ahnung, was genau er hier macht. Vermutlich wieder irgendeine Art Versuch seines Vaters, ihn zu disziplinieren. Und wie immer darf sie jetzt darunter leiden, weil sein Vater offensichtlich niemand anderen kennt, dem er solche Aufgaben zuteilen kann … aber irgendwie hat sie es auch verdient, wenn sie seinem Vater nicht bei solchen Dingen widerspricht. Er schüttelt leicht den Kopf, und wendet sich von den Blumen ab, um wieder zu ihr zu sehen. Sie sieht ihn auffordernd an, und wartet offensichtlich noch immer auf eine Antwort. Er zieht die Schultern hoch. „Nicht wirklich, warum?“
Er kann förmlich sehen, wie sie mit dem Gedanken ringt, ihm einfach zu sagen, dass er umdrehen soll. Beinahe hofft er darauf, dass sie es wirklich tut. Aber dann atmet sie tief durch, und schüttelt den Kopf.
Dann dreht sie sich um, und setzt sich wieder in Bewegung. Nach kurzem Zögern nimmt er den kleinen Blumenstrauß und packt ihn in die Tasche, die er über seiner einen Schulter hängen hat, bevor er ihr eilig folgt. Er hat vielleicht nicht wirklich zugehört und ist auch nicht sehr interessiert daran, hier zu sein, aber er wird ganz sicher nicht alleine hier bleiben, oder sie alleine gehen lassen. Dafür sind die Wälder hier viel zu gefährlich.
Eine Weile laufen sie schweigend nebeneinander her.
Als sie stehenbleibt, packt sie ihn am Arm, damit er nicht an ihr vorbei geht. Bevor er dazu ansetzen kann, etwas zu sagen, schüttelt sie den Kopf, und zeigt sich erst an ihr Ohr und dann in die Richtung, in die sie gerade unterwegs sind. Erst versteht er nicht, was sie meint, dann hört er das Knacken ebenfalls. Und danach ein Fluchen und leise Schritte, die sich allerdings von ihnen entfernen. Vermutlich sind sie nicht entdeckt worden. Zum Glück. Vielleicht ist es doch nicht so dämlich von ihr gewesen, dass sie auf ihre helle Rüstung verzichtet, und ihm das gleiche mit seinem Umhang und dem Stab aufgetragen hat. Das hätte sie jetzt nur behindert. Oder wegen den grellen Farmen auffliegen lassen.
Als wirklich gar nichts mehr zu hören ist, löst sie langsam die Finger wieder, die sie zuvor in seinen Arm gekrallt hat. „Okay“, flüstert sie und nickt ihm zu. „Ich kümmere mich darum.“ Er hebt eine Augenbraue, was sie dazu bringt, den Kopf zu schütteln und die Augen zu verdrehen. „Wenn ich deine Hilfe brauche, dann rufe ich“, sagt sie, und sieht ihn dabei so durchdringend an, als könne sie geradewegs durch ihn hindurch blicken. „Und bis dahin wartest du und-“ Sie sieht sich kurz um, und macht dann eine vage Handbewegung in Richtung Wald. Entgegengesetzt der Richtung in der gerade die Schritte verstummt sind. „Ich kümmere mich hierum“, bestimmt sie erneut. „Und du kannst ja solange noch ein paar Blumen sammeln, ja?“
Für einen Moment denkt er darüber nach ihr zu widersprechen. Aber eigentlich möchte er mit jeglichen Kämpfen gar nichts zu tun haben. Nicht heute. Heute möchte er am liebsten so wenig damit zu tun haben, dass er ihr nicht einmal erklärt, dass es sich bei den Blumen eigentlich um sehr wirksame Kräuter für verschiedenste Mixturen handelt, die er immer gut gebrauchen kann. Diese Diskussion braucht er jetzt nicht. Das kann er ihr auch später noch unter die Nase reiben, wenn er genug davon zusammen hat, um ihr oder ihren Leuten vermutlich irgendwann mal das Leben zu retten.
Aber bis dahin darf sie sich gerne um die Probleme kümmern. Und denken, dass er dabei ist, sonst was zu sammeln, wenn es sie glücklich macht.
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