No Witch's Land

von Regulus
GeschichteAbenteuer, Drama / P12
12.02.2019
21.02.2019
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[CW: Krieg, Medizin]




Magic might has fallen silent,

but it never left.

(Seán Darling)




Ein feiner Schleier aus Schneeflocken empfing Leta, als sie die Station verließ. Längst war die Nacht hereingebrochen. Abgesehen von dem elektrischen Licht, das durch die Vorhänge einiger Hütten flackerte, war es stockfinster. Bedächtig streckte sie die Hände aus. Einen Moment lang sah sie den kleinen, weißen Punkten dabei zu, wie sie auf den Ärmeln ihres dunklen Wollmantels landeten und unter ihrem Wärmezauber langsam schmolzen.

Wenn sie die Artillerie ausblendete, die in der Ferne dröhnte, war es beinahe still.

Es war ein guter Abend.

Kein beißender Frost. Kein Schlamm, in dem man bis zu den Knöcheln versank. Keine Evakuationen. Niemand, der brüllte - nicht nach ihr, nicht nach einem der Ärzte, nicht nach irgendwem sonst. Keine Toten.

Es war der erste Tag seit Wochen ohne Toten.

Bevor sie den Gedanken weiterverfolgen konnte, ließ Leta die Arme sinken.

Sie hatte die Nachtschicht an Schwester Stella übergeben, die Lichter gelöscht und die Tür hinter sich geschlossen. Damit war ihr Dienst für den Tag beendet. Das Einzige, was jetzt noch auf sie wartete, war das gemeinsame Essen mit den anderen Schwestern. Allein beim Gedanken an den Eintopf, von dem ihre Kollegin ihr vorgeschwärmt hatte, zog sich Letas Magen knurrend zusammen.

Mit einem letzten Blick über die Schulter setzte sie sich in Bewegung.

Den Weg, der sich durchs Lager schlängelte, kannte Leta mittlerweile blind. Tagsüber bestand er aus einigen Metern festgefahrenen Drecks und viel zu vielen Aufgaben. In dieser Nacht war er kaum mehr als ein Trampelpfad, bestehend aus Schwester Stellas Fußspuren, überfrorenen Pfützen und Dunkelheit. Außerdem Schnee. Leta spürte bei jedem Schritt, wie mehr davon in ihre Schuhe kroch.

Die meisten Hütten, die sie passierte, waren stockfinster. Hinter der letzten von ihnen gabelte sich der Weg. Zu ihrer linken knickte er um die Hütte herum und führte, am Empfang vorbei, aus dem Lager hinaus. Der Weg zu den Unterkünften und zur Messe, Letas Weg, verschwand in der entgegengesetzten Richtung im Schnee.

Auf der Kreuzung stand sie plötzlich im Licht.

Hastig kniff sie die Augen zusammen und hielt sich den Arm vors Gesicht. Sterne tanzten vor ihren geschlossenen Lidern.

Scheinwerfer, schlug der Teil ihres Gehirns vor, der mittlerweile mit Muggelterminologie vertraut war, während sie noch blinzelte. Und Motorengeräusche.

Tatsächlich erkannte Leta einen Augenblick später einen Wagen hinter dem Licht, die Fahrertüren aufgerissen.

Leta stöhnte leise.

Sicher eine Ambulanz. Um diese Uhrzeit konnte es nur eine Ambulanz sein.

Sie blinzelte nochmal.

Dunkle Schemen formten sich im Lichtkreis zu Gestalten, die hastig zwischen dem Fahrzeug und dem Empfangszelt hin und her eilten. Gerade wuchteten zwei Männer eine Trage aus dem Inneren des Fahrzeugs. Im Scheinwerferlicht leuchteten ihre Rot-Kreuz-Armbinden einen Moment später in hellem Weiß. Der diensthabende Unteroffizier war bereits bei ihnen und zwei Pfleger stolperten gerade aus dem Aufnahmezelt. Einen weiteren Mann konnte sie nicht zuordnen. Er schwankte zwischen ihnen, als sei auch er einer der Gründe für den späten Besuch.

Leta wusste, es war Aufgabe der Nachtschicht, sich darum zu kümmern. Sie überlegte nicht, in welcher Hütte Stella auf ihrem Rundgang mittlerweile angelangt sein mochte. Als der Unteroffizier ihr »Schwester! Notfall!« zubrüllte, rannte und rutschte sie längst über Schnee und Eis.

Ein paar Meter bevor sie die Gruppe erreichte, formte sich der Schemen des Offiziers zu der schlaksigen Gestalt von Sergeant Billy Dunn. Über seine Schulter hinweg schenkte er ihr ein entschuldigendes Lächeln.

»Schwester Leta! Ich möchte Ihren Feierabend wirklich nicht unterbrechen, aber...« Er deutete zu der Trage, die seine Pfleger an ihnen vorbei hievten. »Mehrere Schussverletzungen, eine Granate, ein Bruch. Alles, was ich mir zum Schichtbeginn wünsche.«

Gedanklich verabschiedete Leta sich von einem Abendbrot, das aus mehr bestand als aus harten Keksen und dünnem Tee.

»Schwester Stella macht gerade ihren Rundgang.«

In ihrem Augenwinkel warf Leta den Pflegern einen knappen Blick zu, um ihnen Namen - Tom und Rick - zuordnen zu können. Zusammen mit Sergeant Dunn sah sie ihnen hinterher, wie sie den Patienten ins Aufnahmezelt schleppten. Sie konnte dunkle Flecken auf der Decke sehen, die man über ihn ausgebreitet hatte. Und nur ein Bein.

Dunn schnalzte mit der Zunge.

»Ich habe es befürchtet.«

Während er sprach, fuhr er sich mit der Hand durch sein helles Haar und ruinierte damit jede Ordnung, die er sich vor Dienstbeginn mühsam angekämmt hatte. Einen Moment noch sah er seinen Männern nach, dann drehte er sich ruckartig um.

»Na fein. Leta, können Sie sich bitte um ihn kümmern?«, er nickte zu dem Verletzten, der noch immer zwischen ihnen stand. »Ich trenne derweil Captain Lynch von seinem Abendessen.«

»Billy?«

Leta warf ihm einen langen Ich-habe-Feierabend-Blick zu. Natürlich - er kannte diesen Blick. Seitdem man sie im Oktober beinahe zeitgleich hierher versetzt hatte, hatte er ihn oft genug gesehen. Und wie jedes Mal knickte er unter ihm ein wie ein Lämmchen. Sie schnaubte.

»Bring mir seinen Eintopf mit.«

Dunn antwortete nicht, doch in seinen Augen funkelte etwas, das sicher nicht nur das flackernde Scheinwerferlicht war.

Die beiden Fahrer, die gerade zu ihnen traten, bemerkten das Funkeln entweder nicht oder ignorierten es zumindest geflissentlich. Der Ältere von beiden, ein Mann Mitte Vierzig mit einem schlimmeren Schnurrbart als Amando Dippet, überreichte Dunn die letzten Unterlagen, dann war für sie alles gesagt. Mit der Routine von Männern, die in den nächsten Stunden noch diverse weitere Fahrten dieser Art unternehmen würden, schritten sie zurück zu ihrem Fahrzeug.

Dunn klatschte in die Hände, ein entschlossenes Lächeln auf den Lippen. »Wunderbar! Tom, Rick, ihr bringt die Amputation ins Pre-Op. Und gebt den andern Beiden mehr Decken! Ich will keine Eiszapfen in meinem Aufnahmezelt. Schwester Leta, Sie nehmen ihn mit in Verbandsraum I. Meine Herren? Ich wünsche Ihnen eine angenehme Nacht. Hoffen wir, dass wir uns erst wieder zum Frühstückstee sehen.«

Sie salutierten, dann stoben sie in gewohnter Routine auseinander.

Leta war die Letzte von ihnen, die sich in Bewegung setzte. Sie wartete, bis die Türen der Ambulanz mit lautem Scheppern zufielen und der Wagen an ihr vorbeirollte. Das Scheinwerferlicht, das dabei auf sie fiel, nutzte sie dazu, ihren Patienten eingehend zu mustern. Jemand hatte ihm eine dicke Wolldecke über die Schultern geworfen, deren Enden er nun nachlässig vor der Brust zusammenhielt. Der Hemdkragen und die Krawatte seiner Uniform, die sie darunter sehen konnte, wiesen ihn als Offizier aus und waren voller dunkler Flecken. Bei den aktuellen Lichtverhältnissen war es unmöglich zu sagen, ob es sich dabei um Schlamm oder Blut handelte. Verbände sah sie keine, aber das musste nichts heißen.

Ihr Interesse erwiderte er nicht. Reglos starrte er an ihr vorbei zum Empfangszelt.

Sie unterdrückte ein Seufzen.

So ein Fall.

Behutsam legte Leta ihm eine Hand auf die Schulter.

»Hören Sie mich?«

Ruckartig drehte er ihr den Kopf zu. Mit aufgerissenen Augen musterte er sie, so als bemerke er sie erst jetzt. Sie erwiderte die Geste, ließ ihren Blick über sein Gesicht schweifen, über die dunklen Spritzer auf seinen Wangen, seine Lippen und den Anflug von Sommersprossen, den sie nur sehen konnte, weil die Haut darunter kalkweiß war.

Sie stockte.

Konnte es sein?

»Newt?« Ihre Stimme klang selbst in ihren Ohren viel zu hoch. Viel zu alarmiert. Einen Augenblick lang hörte sie nicht einmal mehr das ferne Dröhnen der Artillerie, nur ihren eigenen Herzschlag. »Oh mein- Newt? Verdammter Mist - Newt!«

»Ich-«

Zögerlich streckte sie die Hände aus, fasste nach seinen Wangen. Leta konnte nicht einmal sagen, wonach genau sie suchte. Newt hatte keine Narben, die sie hätte erkennen können, zumindest nicht im Gesicht. Trotzdem strich sie mit ihren Fingern sachte über seine eisige Haut. Spürte. Suchte.

Sachte lehnte er sich in die Berührung.

»Was machst du hier? Du solltest nicht-«

Ihre Blicke trafen sich.

Da war nichts in seinen Augen. Kein Erkennen. Kein Oh-du-liebe-Güte!-Leta-was-machst-du-hier?! Nicht einmal Zurückhaltung.

Er öffnete den Mund, doch es kam kein Ton über seine Lippen. Erneut musterte er sie, so als sähe er sie das erste Mal. Die Finger immer noch auf seinen Wangen, tat sie es ihm gleich. Ihr Blick blieb an seinen Haaren hängen, die ihm nicht in die Augen fielen. Nicht in die Augen fallen konnten, weil sie zu kurz waren. An ihnen und an seinem Blick, der plötzlich viel zu interessiert war, und an seiner ordentlich gebundenen Krawatte. Vor allem an seiner Krawatte.

Sie biss sich auf die Zunge, um nicht laut zu fluchen.

»Sie sind nicht Newt.«

Er leckte sich über die Lippen, musterte sie dabei noch einen Augenblick länger. Schließlich schüttelte er den Kopf. In seinem Mundwinkel zuckte etwas, das ein Lächeln sein mochte.

»Theseus«, antwortete er. »Newts ... Bruder.«

Bruder.

Leta nickte langsam, während ihr Gehirn noch nach Informationen suchte. Bruder, bestätigte es ihr, Hufflepuff. Vertrauensschüler. Eine ganze Sammlung voller alberner Vornamen. In ihrem zweiten Schuljahr hatte er sie bei Professor Merrythought angeschwärzt und sie hatte sich mit ihrem besten Aknefluch revanchiert. Sie unterstand dem Drang, nach etwaigen Pickelnarben zu suchen. Sie glaubte ihm auch so.

»Ja«, sagte sie schließlich. Sie schlug die Augen nieder. Ihr Blick glitt über seine Nase und sein Kinn, bis hinab zu den Schultern. Dort blieb er an den Schneeflocken hängen, die sich wie feine Spitze über die grobe Wolle zogen. Behutsam wischte sie die Flocken fort. »Es tut mir leid. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist.« Leta öffnete den Mund, schloss ihn dann doch wieder. Sie schüttelte den Kopf. »Newt würde sich niemals in den Offiziersstand berufen lassen.«

Theseus lachte leise.

»Nein, würde er nicht.«

Einen Augenblick lang schwiegen sie beide.

Schließlich war er es, der das Wort ergriff.

»Und Sie sind Leta. Leta Lestrange.«

Es war keine Frage.

»Leta Woodward«, korrigierte sie ihn automatisch, fast so, wie sie sich in den letzten fünf Monaten jeden Morgen an diesen Namen erinnerte. Sie warf einen gewichtigen Blick auf die Fingernägel ihrer Zauberstabhand. »Aber ja. Ja, die bin ich. Kommen Sie, hier lang. Ich schaue mir diese Schusswunde an.«

Theseus Scamander rührte sich keinen Millimeter.

»Du - Sie wollen sich das wirklich anschauen?«

»Was soll ich sonst tun?«, fragte Leta, während sie ihm eine Hand auf die Schulter legte. »Sie mit einem Pickelzauber in die nächste Besenkammer sperren?«

Statt dem Druck auf seiner Schulter folgezuleisten, starrte er sie an, als habe sie sich vor seinen Augen in einen Hippogreif verwandelt. Vielleicht hatte sie sich das irgendwie sogar - dabei sollte er ihren Ruf eigentlich kennen.

»Bitte was? Warum sollten Sie das...«

Mit jedem Wort wurde er leiser und verstummte schließlich ganz. Er schluckte.

»Das warst du?!«

Sie zuckte mit den Achseln.

»Ich ... ähm ... vielleicht?«

»Vielleicht?« Theseus seufzte schwer und klang damit wie ein Vertrauensschüler. »Wirklich? Vielleicht? Du könntest wenigstens sagen, dass es dir leidtun.«

»Tut es aber nicht«, erwiderte sie und erntete dafür einen Blick, der dem eines Hufflepuff würdig war. Früher hätte das den Fluchtinstinkt in ihr geweckt. Heute verstärkte es nur ihren Druck auf seine Schulter. »Komm jetzt. Wenn die Oberschwester uns beim Tratschen erwischt, schrubbe ich hier demnächst nur noch Bettpfannen.«

Er zog die Augenbrauen hoch.

»Ich weiß nicht, ob du das nicht vielleicht verdient hättest.«

Die Antwort kannten sie vermutlich beide. Doch Theseus erwartete keine Antwort. Folgsam  gab er seinen Widerstand auf und ließ sich protestlos von ihr abführen.
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