Death

von Jazzilein
GeschichteDrama, Angst / P18
12.02.2019
12.02.2019
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Death


Wenn man tot ist, wie fühlt sich das an? Wird man dann an einem Ort sein, an dem man alle wieder sieht, die man im Laufe seines Lebens verloren hatte. Und falls es solch einen Ort geben sollte…gab es dort auch Kummer und Sorgen wie auf der Erde? Wieso konnten wir trotz der Technologie, die wir zur Verfügung hatten, nicht herausfinden, was danach kam? Wenn einfach die Lichter ausgeschalten werden.
Wenn man ein kleines Kind ist, dann denkt man nicht an den Tod. Eher macht man sich Sorgen darüber, ob man sein Lieblinsspielzeug bekommt oder ob man in den kleinen Anton aus der Elisenstraße verknallt war. Man hat keine Sorgen und ist noch unschuldig wie ein Engel; obwohl sich darüber auch streiten lässt.
Und wenn man ein Teenager ist, dann hat man Sorgen, ob man schwanger ist, ob der Freund oder die Freundin einem fremd geht, oder wer jetzt wieder mit dieser Mistschlampe zusammen war. Natürlich durfte man auch nicht bei jeder Party fehlen; das war das A und O und ein muss für jeden.
Und wann denkt man dann über so etwas nach? Wenn man Mitte Vierzig ist, denke ich. Wenn man Haus, Familie und Hund besitz. Eben, wenn man sein Leben gelebt hatte, und endlich zur Ruhe kommt und die letzten Jahre zurückgezogen lebt.
Ich gehöre in die Kategorie Teenie. Jedes Wochenende auf Achse, Party hier, Party dort. Ich hatte Spaß und was sollte mir schon passieren? Meine Eltern verbaten mir nicht, dass ich mit einigen meiner Leuten feiern ging. Meine Noten stimmten und ich war immer wie versprochen am nächsten Morgen zu Hause. Man konnte sagen, mein Leben war perfekt.

Es war Samstag und daher war ich mit einigen Freunden unterwegs. Die Musik in der Halle dröhnte laut von den Wänden wieder und man musste brüllen um sein Gegenüber zu verstehen. Die Luft war so dick von all dem Zigarettenrauch, dass man sie beinahe durchscheiden konnte. Ich hatte einer Bierflasche in der Hand und den Finger schön oben in die Öffnung gesteckt; man konnte nie wissen, ob irgend so ein Kranker einem etwas in den Drink tat. Und ich war nicht besonders scharf darauf vergewaltigt zu werden oder im Krankenhaus auf zu wachen. Es war noch immer brechend voll, obwohl es schon nach Mitternacht war und die meisten Minderjährigen raus mussten. Jedoch schien das nicht wirklich jemanden zu interessieren. Munter wurde Alkohol an Mädchen verkauft, die nicht mal 16 waren und einige Jungs, ich schätze sie auf 17, tranken eine Wodkaflasche nach der anderen leer. Ich zog nur die Augenbrauen nach oben. Und so ging die Jugend immer weiter den Bach runter, dachte ich.
In der Menge hatte ich meine Begleitung verloren. Auf dem Weg auf die Toilette, auf der ich weiter suchen wollte, sah ich viele Pärchen miteinander rummachen. Ob sie nun zusammen waren oder nicht, es wurden sich gegenseitig heftig die Zunge in den Hals geschoben; bis zum Anschlag. Widerlich. Innerlich schüttelte ich den Kopf und ging in die Damentoilette. Man sagt ja, Männer sind Schweine, aber wenn man das sah, konnte man zu Recht sagen, dass das auch für Frauen galt. Benutze Frauensachen lagen unter dem Waschbecken, obwohl keine zwei Meter weiter ein Mülleimer stand. Zigarettenstummel lagen auf den Ablagen unter den Spiegeln; der Inhalt des hintersten Beckens sah verdächtig nach Erbrochenem aus. Lecker. Ich sah  mich überall um, aber meine Begleitung war nirgends zu sehen. Aber da ich schon mal da war, konnte ich ja gleich mal Wasser lassen. Nach 20 Minuten anstehen und einigen Ekelmomenten auf der Schüssel, stand ich wieder mitten im Getümmel.

Lachend trat ich gegen zwei Uhr in der Nacht raus an die frisch Luft und  atmete tief ein und aus. Nach der stickigen Luft in der Halle, war es richtig befreiend die kühle Abendluft in der Lunge zu spüren. Neben der Halle war ein Spielplatz im Rahmen einer Wohltätigkeitsaktion aufgebaut worden und der nun von einigen Jugendlichen als Sitzgelegenheit wahrgenommen. Einer hatte sich in die Rutsche gelegt und schien friedlich vor sich hin zu dösen, anderen buddelten wie die Weltmeister im Sandkasten herum. Ich ließ mich auf einen der vielen Steinen fallen und streckte den Kopf gen Himmel. Die Sterne funkelten hell und der Mond schien heller zu leuchten als sonst. Die Wolken, die um ihn herum schwebten, sahen geisterhaft aus in dem bläulichweißen Licht.
Eine perfekte Nacht.
„Mir ist schlecht. Können wir nicht nach Hause gehen?“
„Von mir aus.“
Neben mir war ein Mädchen aufgetaucht, mit blonder, wilder Lockenmähne und einem leicht fertigen Eindruck. Sie hatte wohl mehr als nur ein bisschen getrunken. Aber was tat man nicht alles für Freunde? Also nahm ich sie an der Hand und führte sie vom Spielplatz. Wie sie mich gefunden hatte wusste ich nicht. Es war auch egal, die Hauptsache war, dass sie nicht irgendwo lag, und sie die Seele aus dem Leib kotze. Auf dem Weg zu ihr nach Hause merkte ich, dass sie immer mehr schwankte und legte ihr meine Hand um die Hüfte um sie besser zu stützen.
Unser Weg führte uns durch ein kleines Waldstückchen, dass in diesem Licht gruselig wirkte. Das Licht des Mondes beschwor eine Atmosphäre auf, die man nur in Horrorfilmen kannte. So was wie Werwölfe, die hinter dem nächst besten Baum hervorsprangen um einen die Kehle aufzuschlitzen. Oder Vampire, die jeden Zentimeter deines Körpers aussaugten um dich dann in einen ihresgleichen zu verwandeln. Ja ich hatte doch schöne Fantasien, wenn ich durch einen gottverlassenen Wald ging, angetrunken und mit einer Schnapsleiche im Arm.
„Warte … ich glaub ich muss … .“
Weiter kam sie leider nicht, denn da hatte sie sich schon von mir losgerissen und war im dunklen Wald verschwunden. Was blieb mir denn anderes übrig, als ihr hinterher zu gehen und sie zu suchen? Vielleicht würde sie sich verirren und dann an Unterkühlung sterben. Also, hechtete ich ihr nach, durch das Dickicht der Bäume und kratze mir meine Arme und Beine auf. Irgendwann hörte ich nur noch das Würgen und folgte dem Geräusch. Doch auf dem Weg zu dem Geräusch, stieß ich gegen etwas Weiches. Verwirrt blickte ich erst einmal auf den schwarzen Boden. Mit der Fußspitze stupste ich noch einmal dagegen. Dann kramte ich aus meiner Hosentasche mein Smartphone heraus und stellte das Licht ein und bestrahlte den Boden vor mir.
Ich wünschte, ich hätte das nie getan.
Vor mir lag ein Mädchen das ich abgrundtief hasste. Mit jeder Zelle meines Körpers. Sie ging mit mir auf die gleiche Schule und wir kannten uns seit der Junior High und von Anfang an war klar: Sie würde die allseits beliebte Schlampe sein, die sich durch die gesamte Schule fickte und ich eben das normal Mädchen, dass das Mittelmaß war und um die sich niemand scherte. Mir was das nur Recht, aber ihr anscheinend nicht. Ihr schien es zu missfallen, dass ich mich nicht dafür interessierte, dass sie so beliebt war. Also triezte sie mich in jeder Art die ihr einfiel. Am Anfang ignorierte ich das so gut wie es ging, aber kein Mensch der Welt konnte mir erzählen, dass man das immer ignorieren konnte. Irgendwann Platz einem der Kragen, und man will nicht mehr. Ich fing an ihr auch die Hölle heiß zu machen und das steigerte sich die Jahre über immer weiter, bis sie sogar anfing meine Familie mit in den Streit zu ziehen. Über meine Familie musste man nicht viel wissen. Es gibt ein Wort das alles gut ausdrückt: kaputt.
Bis ins Innerste.
Mir ist all die Jahre nie eine Beschwerde über die Lippen gekommen. Es war meine Familie, meine Sache, also wieso sollte ich auch nur ein  Wort darüber verlieren, wie abgrundtief ich sie hasste? Oder wie weh mir alles tat?
Dennoch konnte ich es nicht ertragen wie diese Schlampe sich über meine Familie herzog, sie bloßstellte und mich damit zu Witzfigur der ganzen Schule machte. Durch diese Aktion verlor ich beinahe alle meine Freunde. Die einzig wahren waren geblieben. Es hatte mich geprägt. Es war, als wachte ich aus einem tiefen Traum auf, und nun konnte ich endlich klar sehen. Was war Recht und war was Unrecht.
Es tat weh.
Dennoch wünschte ich das, was ich da vor meinen Füßen sah, keinem Menschen der Welt. Nicht einmal meinem ärgsten Feind.
Wenn man das ganze Blut nicht gesehen hätte, wäre man auf die Idee gekommen, sie würde wie ein Engel schlafen und irgendetwas von einem berühmten Star träumen. Sie hatte nur wenig an; ein Top und einen kurzen Rock. An den Beinen und Armen war sie schon blau angelaufen vor Kälte. Mein Blick wanderte über ihre Arme zu ihren Händen. Aber da waren keine. Mich überfiel ein Schauer.
Da waren keine Hände mehr!
Aus den Handgelenken war soviel Blut ausgetreten, dass mir gar nicht bewusst geworden war, dass ihr Top und Rock normalerweise nicht rot waren, sondern weiß. Aus Reflex trat ich noch einen Schritt näher an sie heran und betrachtet ihren Hals. In dem großen Schlitz und ihrem Mund quoll etwas Braunes hervor. Mir stieg der Geruch von Fäkalien in die Nase. Wer auch immer sie umgebracht hatte, hatte ihr das hineingestopft! Was für ein krankes Schwein. Neben ihrem Kopf lagen jeweils links und rechts die Hände, mit den Handflächen nach oben und den Daumen in den Ohren steckend. Es erinnerte mich an eine Szene.

„Hey du Miststück!“
Ich drehte mich nicht um sondern lief weiter auf den Parkplatz zu.
„Ich hab gesagt hey du Miststück!“
Ein Tippen auf meiner Schulter. Zwangsweise drehte ich mich um und schaute in das Gesicht meiner Feindin. Hinter ihr war ihre gesamte Gefolgschaft versammelt und alle warteten darauf, dass sie anfing, mich fertig zu machen. Alles Mitglieder der Cheerleadermannschaft und des Footballteams und einige andere grinsten mich schon schadenfroh an.
„Was ist denn los?“, fragte ich gereizt. In meinem Kopf drehte sich alles vor Wut und ich wollte ihr am liebsten an die Gurgel springen, ihr das Gesicht verkratzen und das dümmliche Lächeln wegwischen, das sie machte.
„Ach, ich wollte nur wissen, ob die neuesten Gerüchte, auch wirklich wahr sind. Man hört so einiges“, sagte sie und lächelte höhnisch.
„Was ist es denn diesmal?“ Mein Ton war genervt und aggressiv. Immer wieder der gleiche Scheiß! Konnten sie denn nicht wen anderen fertig machen? Über mich irgendwelche Gerüchte in die Welt setzen, die eh nicht wahr sind und mich in Ruhe lassen?
„Stimmt es, dass deine Mutter sich so viel eingeschmissen hat, dass sie dich und deine Familie nicht mehr erkannt hat und dann die ganze Nacht eure Baracke voll gekotzt hat?“
Von einem auf den anderen Moment wurde ich aschfahl und meine Aggressivität war mit einem leisen ‚Puff’, wie weggeblasen. Wie zur Hölle hatte sie davon erfahren? Niemand wusste davon. Niemand. Außer meiner Familie. Und das konnte nicht sein, dass sie damit an die Öffentlichkeit gingen. Dafür schämten sich meine Geschwister viel zu und mein Vater … der konnte ja nicht mal einen Fuß vor den anderen setzen ohne fremde Hilfe.
Je länger ich nicht antwortete, desto breiter wurde das Grinsen auf ihren Gesichtern und desto mehr konnte man das schadenfrohe Lachen von ihr hören.
„Also stimmt es?“, lachte sie hysterisch. „Oh man, was hast du denn bitte für eine asoziale Familie? Läufst in letzten Lumpen rum, deine Mutter will sich selber umbringen … ganz zu schweigen von deinem Vater und deinen Geschwistern.“
Bei jedem Wort das sie aussprach wurde mir ein Hieb in die Seite versetzt und ich schüttelte jedes Mal den Kopf. Jedes Wort schien eine Waffe gegen mich zu sein, die immer wieder auf mich gerichtet und abgefeuert wurde. Aber da wo mein Schmerz war, da waren auch die Wut und der Drang ihr eine rein zu würgen. Sie brannte in meiner Kehle, und strömte durch meine Aden in den gesamten Körper. Mein Atem beschleunigte sich und ich hatte nur ein Ziel:
Ihr endlich das große Maul zu stopfen.
Ich ballte meine Hände zusammen und hob ruckartig den Kopf, denn ich gesenkt hatte.
„Das stimmt doch alles gar nicht!“, schrie ich auf. „Du laberst soviel Scheiße, dass es dir doch bald mal aus dem Mund rauskommen sollte, du dumme Hure!“
Mir war gar nicht bewusst, was ich da von mir gegeben hatte. Der Hass auf sie hatte mir einfach diese Worte in den Mund gelegt und ich hatte sie herausposaunt. Nach einigen Sekunden wurde das Gesicht von meiner Feindin hochrot und eine Ader schien an ihrer Schläfe zu pulsieren.
„Was bildest du dir ein, mich als Hure zu bezeichnen?“, flüsterte sie mir empört zu. Sie kam mir einen Schritt näher und hatte ihren Zeigefinger auf mich gerichtet. Obwohl sie so bedrohlich auf mich zugeschritten gekommen war, spürte ich keinerlei Angst in mir aufkeimen.
Meine Ohren fingen an zu rauschen.
„Das sieht dir ja mal wieder ähnlich Lynn“, lachte ich ihr sogar entgegen; ich wusste nicht wie ich in dieser Situation auf einmal so ruhig bleiben konnte. Ihr Gesicht wurde zu einer Fratze, dennoch bekam sie keinen Ton heraus. „Du kannst immer nur austeilen, aber nie nur ein Wort gegen dich hören, ohne gleich aus der Haut zu fahren und wie immer laberst du nur Scheiße. Du steckst dir doch lieber die Finger in die Ohren und machst wie ein kleines, bockiges Kind, dass nicht hören will, dass es keine Süßigkeiten bekommt. So was ist echt erbärmlich!“ Das Blatt hatte sich gewendet.
Plötzlich waren alle wie erstarrt und richteten ihren schockierten Blick auf ihre Anführerin, die selbst nicht wusste, was sie sagen oder tun sollte.
„Und weißt du, wenn man mit jedem Kerl schläft, der einem vor die gespreizten Beine gerät, dann hört das sich für mich wie eine Hure an. Oder denkst du nicht auch?“, lächelte ich sie zuckersüß an. Lynn starrte mich immer noch an, ihr Blick war wild und eigentlich hatte ich gedacht, dass sie im nächsten Moment mich töten will. Stattdessen wurde ihr Blick ganz anders. Als dachte sie angestrengt nach und dann wurde sie ganz entspannt und wieder hochnäsig wie zuvor. Auch wenn sie sich in diesem Moment zügelte, merkte man ihn an, dass sich stark am Riemen reißen musste, um die Worte nicht gleich in einen Schrei unter gehen zu lassen.
„Wir sind hier jetzt fertig!“, sagte sie bestimmt. „Das wirst du mir büßen!“
Ruckartig drehte sie sich um. Dann trottete sie mit ihrem Gefolge, die immer noch nicht wussten was sie von der Situation halten sollten, vom Parkplatz runter.


Ich ließ mich auf meinen Hintern fallen und rutschte automatisch ein wenig von Lynns Leiche weg. Innerhalb weniger Minuten war ich komplett durchgeschwitzt und stand immer noch unter Schock. In diesem Moment konnte ich keinen klaren Gedanken fassen. Was sollte ich denn jetzt tun? Sollte ich jetzt die Polizei rufen? Ich blickte verzweifelt umher, in meinem Kopf rauschte es und ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Mein Smartphone war mit mir auf den  Boden gefallen und leuchtete Lynns Leiche von der Seite an, was sie nur noch mehr furchteinflößender aussehen ließ. Dabei stach mir etwas ins Auge: Etwas Silbernes glitzerte neben ihrer Hüfte. Reflexartig kniete ich mich hin und tastete vorsichtig nach dem Gegenstand, der im Gras lag. Und keine Sekunde später hatte ich ein Messer in Hand. Es war 30 Zentimeter lang, hatte eine scharf geschliffene Klinge und einen Griff aus schwarzem, sehr hochwertigem Holz; und es war an allen Stellen blutverklebt. Mein Gehirn schien einige Augenblicke zu brauchen, bis es realisiert hatte, was es da genau in den Händen hielt.
Die Tatwaffe.
Mit dem Finger fuhr ich die Klinge nach und spürte, dass die Klinge mir in den Finger schnitt. Fluchend ließ ich es auf den Boden fallen und begutachtet mit dem Smartphone meinen Finger. Dann lutschte ich an dem Finger und ließ das Handy in meine Tasche gleiten, und nahm wieder das Messer in die Hand. Wieso wusste ich in diesem Moment nicht, aber ich fühlte mich in diesem Moment auf jeden Fall sicherer als ohne es.
Hinter mir ließ mich das Knacken von Zweigen aufschrecken und mit dem Messer in der Hand aufspringen. Das Messer  hielt ich mit ausgestreckten Armen von mir und bewegte mich kreisförmig um meine eigene Achse.
„W…w…wer ist da?“, stotterte ich in die Nacht hinein und hörte nur mein Echo. „I…ist da wer?“
Wieder ein Knacken, diesmal näher an mir. Automatisch drehte ich mich in diese Richtung. Meine Lunge atmete auf Hochtouren, als ob ich gerade einen Marathon gelaufen wäre.
„Bist du das Fiona?“
Meine Körper versteifte sich, als ich mich langsam herumdrehte und die Umrisse einer Person sah; die eines Mädchens.
„Wer bist du?“, fragte ich die Person.
„Na Hailey … was hast du da denn in der Hand?“ Obwohl es dunkel war, wusste ich, dass sie mich beobachtete.
„N…nichts …..“ Scheiße, dachte ich.
„Irgendwas ist auf dem Boden …“, hörte ich sie sagen. Dann kramte sie in ihrer Tasche, denn es raschelte und zwei Sekunden später war das Licht von Haileys Handy an. Sie bestrahlte direkt die Leiche von Lynn. Ein spitzer Schrei entfuhr ihr und dabei wackelte das Licht. Doch kaum hatte sie sich wieder gefangen, beleuchtete sie mich und sah auch das Messer in meiner Hand, an dem noch das Blut von Lynn und mir klebte. Man musste kein Genie sein, um zu wissen was in Haileys Kopf vor sich ging. Sie zählte eins und eins zusammen und als sich ihre Augen weiteten, ihr Mund sich zu seinem stummen Laut öffnete und sie mit ausgestrecktem Finger auf mich zeigte, wusste ich, dass ich verloren hatte. Welchen Zweck hatte es denn jetzt noch zu sagen, dass ich unschuldig war? Diese Situation war so was von eindeutig, da ließ sich nichts daran rütteln. Mir schoss das Adrenalin in die Blutbahn. Ich spannte meine Muskeln an und machte dann schnell auf der Stelle kehrt. Der dunkle Wald zog an mir schemenhaft vorbei. Immer wieder stolperte ich, denn in der Nacht sah ich nicht alle Wurzeln und losen Äste auf dem Boden. Hailey rannte nicht hinter mir her, aber ich wusste, dass sie jetzt die Polizei anrief.
Dieser Abend hätte ganz normal enden können. Ohne jegliche Zwischenfälle. Als ich mich für diesen Abend fertig gemacht hatte, wäre mir nie der Gedanken gekommen, dass ich in wenigen Stunden durch den Wald jagen würde, die Leiche meiner Feindin finden würde und mich dann jemand mit der Tatwaffe in den Händen finden würde. Aber seien wir mal ehrlich, würde überhaupt jemand daran denken?
In meinem Alter machte man sich um solche Sachen keine Gedanken. Solange man selbst nicht davon betroffen war, ging man blind durchs Leben, nichts ahnend was noch auf einen zu kommen könnte.
Während ich durch den Wald rannte und die Sirenen der Polizei weit entfernt aufheulen hörte, wurde mir immer klarer, was für ein Einschnitt dieser Abend für mein Leben war.
Nichts würde mehr so sein wie früher. Niemand würde mich wahrscheinlich je mit den gleichen Augen ansehen. Wenn ich früher in ruhiges, etwas komisches Mädchen war, war ich jetzt für die anderen eine durch geknallte Psychokillerin die vor lauter Eifersucht und Streit ihrer Widersacherin die Kehle durchgeschnitten hatte. Obwohl mein ganzer Körper danach flehte, endlich aufhören zu müssen zu rennen, konnte ich ihm diesen Wunsch nicht erfüllen.
Wenn ich jetzt stehen blieb würde mich das Leben schneller einholen wie mir lieb war. Niemand würde mir helfen wollen, der meine Geschichte kannte. Nun war ich völlig allein auf der Welt und versuchte meiner Vergangenheit zu entkommen.

Und nun saß ich in einer Scheune, nicht weit weg von meiner Heimat entfernt und stelle mir immer wieder die gleiche Frage: Wie ist das wenn man tot ist? Gibt es so etwas wie einen Himmel und eine Hölle? Gibt es das weiße Licht, von dem man so viel gehört hat? Läuft wirklich das gesamte Leben an einem vorbei wenn man in der Schwebe ist, zwischen Leben und Tod? Letzteres hoffte ich nicht. Nicht noch einmal wollte ich all den Mist sehen.
Mittlerweile wurde im ganzen Bundesstaat nach mir gesucht und die Meldung von Lynns Tod war wie ein Lauffeuer durch die Medien gegangen. Während der letzten Wochen wurde meine Situation immer auswegloser. Ich klaubte mir Essbares aus den alten Müllcontainern der Restaurants oder Haushalte. Und schlief nur dann wenn ich mich wirklich sicher fühlte; und das war so gut wie niemals der Fall.
Das war kein Leben mehr. Ich wollte nur noch den Tod.
Aber das war gelogen. Was brachte mir der Tod jetzt? Dass ich nicht mehr auf der Flucht war? Eigentlich wollte ich, dass ich nicht Lynns Leiche gefunden hätte. Nur durch ihren scheiß Tod war ich überhaupt in dieser Lage. Dieses dumme Miststück musste sogar noch nach ihre Tod mein Leben zu Hölle machen.
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